#72, Juni/Juli 2007
€4,50
65DAYSOFSTATIC, BALZAC, BILLY TALENT, COMEBACK klD,
EARTH CRISIS, EDITORS, FEHLFARBEN, GANG GREEN, SPARTA,
JAI-ALÄISÄVÄNT, KIM SALMON, MUFF POTTER, TURBONEGRO
PUNKROCK HÄRDCORE ROCK’N’ROLL
Auf der CD:
MUNICIPAL WASTE, ADJUDGEMENT,
RENTOKILL, FRONTKICK, STATUES,
CHIP HANNA, DISTEMPER, DALLAX,
BAD NENNDORF BOYS, MAMBO KURT,
BAGIO, ABWÄRTS, MATULA, MUFF,
JUPITER JONES, Hl TERESKA, GUFF,
THE STYRENES, ZOMBIE GHOST TRAIN,
HELL CRAB CITY, NO SHAME, CURLEE
WURLEE!, THE CRETINS, SMALL TOWN
RIOT, M.A.M.A., THE SEWER RATS,
FUNNYLOVEPAINFUL, DEMOLITION IN
PROGRESS
www.ox-fanzine.de
Steve von Till erklärt das Universum
NEURO SIS
the tw mm out juty oth
PURK ROCK HEROES BRD RELlRIOn RRE BACK UHTH ft OEHOEftnCE
unmftTCHED sincE their eierh
mm BRftftD REU) TRACKS, mCiUDlft THE HIT SmOLE HOHES
TIRCD ADKIV
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TIGER £RM¥ The new album on CD
: & Limited Colored Vinyl
IN STORES NOW
Produced by Jerry finn
tigerarmy.com
myspace.com/tigerarmy
hell-cat.com
First ever career spanning
collection from Punk Legends
GREATEST HITS
Features MOMMY'S LITTLE MOHSTEB and the
Johnny Cash cover Riff Gr OF FIRE.
Includes the Brand new single FAB BEHIffD.
socialdistortioB.com • timebombrecordiBgs.com • epitapb.com
p “The Unseen
p rock it like the Clash on
y crack, with AFI style
pirate rock gang
vocals a plenty!
M (...) Proper punktastic”
m - METAL HAMMER
A . WMLdWr .. wsmm
The new album INTERNAL SALVATION
out July 6th on Hellcat Records
myspace.com/theunseen • hell-cat.com
Tlie new album out now
Includes the single
“Insurance?”
THE HIGHER
Epitaph mysp.icexoin/thehigher^enitaph.com
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VOR-WORTE
WIR HABEN UNS GELIFTET. MIT 72 WAR ES MAL WIE¬
DER ZEIT, DAS ALTER FORDERT SEINEN TRIBUT.
UND WIR MACHEN DA KEIN GEHEIMNIS DARAUS,
JEDER SOLL ESSEHEN.
Was hat sich also geändert am Ox? Nun, die Aufgaben¬
stellung an unsere Layoutentwicklerin Sabine Ahrens
war denkbar schwierig: „Du kannst alles machen, was
du willst, nur muss es uns gefallen, es soll aufgeräum¬
ter aussehen und wir müssen die gleiche Menge Text un¬
terbringen können wie bisher.“ Wir rechnen es Sabine
hoch an, dass sie an dieser Stelle nicht die Flucht ergriffen
hat und weiterhin unsere eMails und Telefonanrufe be¬
antwortete, denn unsere Forderungen bedeuteten einmal
mehr die Quadratur eines Kreises vorzunehmen. Doch
weiß der Teufel, wie sie es geschafft hat, sie hat es hin¬
bekommen und wir sind glücklich: Das neue Layout ist
schmuck, das Titelbild wirkt schön aufgeräumt, das Logo
wurde überarbeitet - und wir haben immer noch massig
Lesestoff zu bieten, haben die Heftinhalte nicht dem Style
geopfert. Wir hoffen, es gefällt euch. Feedback dazu und
überhaupt gerne an mail@ox-fanzine.de
VORNE
005 NEWS
007 COMMON ENEMY
008 OX PRÄSENTIERT
010 THE GRIZZLY ADAMS BAND
VS. THE MISSING SHADOWS
010 DIES ODER DAS?: O’DEATH
010 BLIND DATE MIT... MIT
011 WAS MACHT EIGENLICH ...
KIRA ROESSLER?
011 PHASED
011 JUGENDSÜNDEN
011 PUNKROCK IN ... MAINZ
011 MIXTAPE
INTERVIEWS
024 NEUROSIS
026 MUFF POTTER
027 BAD ASTRONAUT
029 SPARTA
030 EDITORS
031 MONTREAL
033 KIM SALMON & THE SCIENTISTS
034 65DAYSOFSTATIC
035 LAST DAYS OF APRIL
037 I WALK THE LINE
038 THE JAI-ALAI SAVANT
039 THE CREEPSHOW
041 COMEBACK KID
042 AARON HORKEY
043 DR. NORTON
EDITORIAL
Drei neue Rubriken gibt es auch im Heft: Die erste lest ihr
gerade, die zweite heißt „Various Artists“ und meint die
Doppelseite vorne im Heft, auf der wir euch eher „klein-
teilige“ Texte von und über Bands servieren wollen, und
dann ist da noch „Labelx3“, eine Danksagung an all die
Leute da draußen, die ihre Freizeit dem Plattenrausbrin-
gen opfern, ihr Geld in ein kleines Label stecken und die
wir ab jetzt im Dreierpack portraitieren werden - was
aber sicher nicht unsere ausführlichen Labelinterviews
ersetzen wird.
Apropos ausführlich: Mit einem umfangreichen Special
widmen wir uns diesmal dem Punkrock in der DDR. Uns
ist klar, dass all unsere Leser/innen unter 25 kaum eine
persönliche Erinnerung daran haben dürften, was es mit
diesem sozialistischen Staat auf deutschem Boden auf
sich hatte, und schon gar nicht, dass allgemein bekannt
ist, wie das Verhältnis zwischen Staatsmacht und Punks
in der „Ostzone“ aüssah. Das wollen wir mit diesem Spe¬
cial ändern, haben dazu (per eMail) eine Reihe von Inter¬
views geführt und, wie ich denke, sehr interessante Ant¬
worten bekommen.
Meine eigene Erinnerung ist, dass seinerzeit die in mei¬
ner süddeutschen Heimatstadt recht starke DKP einmal
im Jahr (ich glaube zu Pfingsten) einen Teil der örtlichen
Punkszene mit einem Wochenende Freisaufen köderte,
und das bestand auf einem Zeltlager in der DDR, wohl
organisiert zusammen mit der FDJ. Eine paradoxe Situ¬
ation also: Einerseits verfolgte die SED (aus der die PDS
und jüngst „Die Linke“ hervorging) auf ihrem Territori¬
um die Punks, stufte sie als Staatsfeinde ein, zum anderen
lud man die aus dem Westen zum Saufen ein - und die
ließen es in ihrer Naivität mit sich machen. Für mich per¬
sönlich übrigens ein Grund, die PDS/Die Linke mit Miss¬
trauen zu betrachten.
Für die nächste Ausgabe, die Anfang August erscheint,
haben wir natürlich auch schon wieder reichlich Texte in
Arbeit: die englischen SUBHUMANS wurden interviewt,
mit Julien Temple sprachen wir über Joe Strummer, Kal¬
le Stille hat ein Interview mit Mike Just geführt, der einst
mit seinem Label Starving Missile New York Hardcore
nach Deutschland brachte, AGAINST ME! und BAD RELI¬
GION dürfen nicht fehlen, ebenso Jay Reatard und Alic-
ja Trout, und Jacho von den BOTTROPS hat sich erschöp¬
fend über seine Lieblingsband MC5 ausgelassen.
Jetzt aber erstmal viel Spaß mit dieser Ausgabe des Ox.
Joachim Hiller
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INHALT
045 FUNERAL FOR A FRIEND
046 TURBONEGRO
047 BALZAC
048 FEHLFARBEN
050 BUBONIX
051 RADIO DEADONES
052 SISTER VANILLA
053 YOU AM I
055 LOGH
056 DOM MARIANI
057 TIM PITTMAN
098 AUDIOLITH RECORDS
099 MURDER BY DEATH
101 BILLY TALENT
102 GANG GREEN
102 JERRY’S KIDS
103 DEAD FISH
105 THE BOONARAAASÜ!
106 FUCKHEAD
107 EARTH CRISIS
108 THEOTHER
110 M.O.T.O.
110 K-KLANGSTUDIO
111 CHAOSTAGE - DER FILM
113 THE SETUP
114 PUNK IN DER DDR
REVIEWS
058 GESCHMACKSCONTROL
060 ALBEN
061 PLAYLISTS
061 LESER- & VERKAUFSCHARTS
063 TOP OF THE OX
064 SINGLES
069 DIE BANDS DER OX-CD
070 RERELEASES
078 SAMPLER & COMPILATIONS
082 DVDS
084 DEMOS
089 FANZINES
090 COMICS
093 MOVIES
096 LITERATUR
DER REST
006 IMPRESSUM
012 DEROX-SHOP
013 DASOX-ABO
014 KOLUMNEN
018 RAKETEN IN ROCK
019 LABEL X3
021 BIGBEATLAND
022 PETER PUCKS RUDI
023 REZEPTE
125 LAST NIGHT THEY HAD ...
126 PETER PANK
128 SPONGE-PIX
129 LIFE ON STAGE
135 LIFESTYLE
136 TERMINE
138 VORSCHAU
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OX-FANZINE 3 i:
ANONYMOUS
ALL TONES ARE ORIGINAL ARRANGEMENTS
INSPIRED BY NATIVE AMERICAN MATERIAL
FROM THE LATE 19 TH CENTURY
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P.O. BOX 1778 • ORINDA • CA 94563 • WWW.1PECACCOM
GOON
MOON
LICKER'S LAST LEG
(Masters Of Reality)
inson,
JOSH FREESE OheVondals, A Fterfecl Orde NN)
DAVE CATCHING (Eagles Of Death Metal)
’WHITEY KIRST (Iq qy Pop Band)
PETER PERDlCRZf (The Flysj .
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distribtifed in Europe by SOUTHERN RECORDS
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©BOgfcoIcm 7
DIREKTANGEBOTE
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ABWÄRTS - „Rom“ LP/CD -12,90/15,50
ARCTIC MONKEYS - „Favourite worst nightmare“ LP/CD -15,90/14,50
* THE AUDIENCE - „Celluloid“ LP/CD -13,90/16,90
AUSTIN LUCAS / CHUCK RAGAN - split 7“ - 6,-
BAD BRAINS - „Omega sessions“ 10“ - 9,50
BATTLES - „Mirrored“ 2LP/CD -18,50/14,90
BILL CALLAHAN - „Woke on a wakeheart“ LP/CD -12,50/15,50
BILLY CHILDISH - „Punk rock at the British..“ LP/CD -11,90/14,90
* BITUME - „Gut im Trend“ LP/CD -10,-/12,50
BLONDE REDHEAD - „23“ LP/CD - je 16,50
THE BOMB - „Indecision“ LP/CD -11,-/13,-
BOOZED - „Acid blues“ LP/CD -12,50/13,50
BORN TO LOSE - „Old scars“ LP/CD - 11,50/13,50
BOTTROPS - s/t LP/CD - 1J ,-/7,90
BRANT BJORK - „Somera sol“ LP/CD -12,50/15,-
BRIGHT EYES - „Cassadaga“ 2LP/CD -19,90/14,90
* BUBONIX - „please devil send me golden hair“ LP/CD 12,-/12,50
BURIAL - „s/t“ 2LP/CD 18,90/15,50
CEPHALIC CARNAGE - „Xenosapien“ LP/CD -14,90/13,90
CHIP HANNA & THE BERLIN 3 - s/t LP/CD -12,-/13,50
CHRIST ON PARADE - „Sounds of nature“ LP/CD - je 11,-
CHUCK RAGAN - „Los feliz (live)“ LP/CD -12,-/14,90
* CLOROX GIRLS - „Jaime les filles“ LP/CD -10,-/13,-
COCO ROSIE - „Adventures of ghosthorse“ LP/CD - je 14,-
CRIPPLED BLACK PHOENIX - „A love of shared ..." 2LP/CD -17,90/15,50
DANCE INC. - „legs & arms“ LP/CD 14,50/15,90
DEEP EYNDE - „Bad blood“ LP/CD -10.-/12,-
DINOSAUR JR - „Beyond“ LP+77CD -15,90/14,90
DISRUPT - „unrest“ CD -13, 50 | - „rest“ 2CD -14,90
EARTH - „Hibernaculum“ LP/CD+DVD -15,90/16,90
EARTHLESS - „Rhythms from a cosmic sky“ LP/CD - je 15,50
ELECTRELANE - „No shouts no calls“ LP/CD -16,50/16,90
* ELLIOTT SMITH - „New moon“ 2LP/2CD -17,90/16,90
ERGS - „Upstairs/downstairs“ LP/CD - 12,50/14,-
FAKE PROBLEMS - „How far our bodies go“ LP/CD -10,50/11,50
THE FLESH - „Firetower“ LP/CD -12,90/13,50
* FRONTKICK - „Cause of the rebel“ LP/CD -11,50/13,50
FUCKING CHAMPS - „VI“ LP/CD - 12,50/15,50
GLÖS (Ex-Engine Down) - „Harmonium“ CD -12,50
GRAILS - „Burning off impurities“ 2LP/CD -17,90/15,50
HALLO KWITTEN - „Gurus of peace“ LP/CD - je 9,-
* Hl TERESKA - „winter im herzen“ CD 10,-
HOLLY GOLIGHTLY - „You can't buy a gun“ LP/CD -12,50/14,90
ISIS - „Celestial“ 2LP Reissue -19,90
ISOLATION YEARS - „Sign sign“ LP/CD -12,90/16,50
JAIALAI SAVANT - „Flight of the bass delegate“ LP/CD -13,-/16,50
* KING KHAN & THE SHRINES - „What is?“ LP/CD -13,-/14,90
KING LOUISE & HIS LOOSE DIAMONDS - „Memphis treat“ LP/CD - je 12,50
KNUGEN FALLER - „Lugna favoriter“ LP/CD -11 ,-/12,-
LATTERMAN - „We are still alive“ LP/CD -10,50/14,-
THE LOCUST - „New erections“ LP/CD -13.-/14,-
LOADED - hold fast LP/CD je 12,90
LOGH - „North“ LP/CD -15,90/15,50
LOW - „Drums and guns“ LP/CD -13,50/15,-
MALAJUBE - „trompe l‘oeil“ 2LP/CD 18,90/14,90
MALKOVICH - „Kings and bosses“ LP/CD - je 12,-
MANIC STREET PREACHERS - „Send away the tigers“ LP/CD -16,90/16,50
MARK SULTAN (=BBQ) - „Sultanic verses“ LP/CD -11,50/14,-
MELT BANANA- „Bambi's dilemma“ LP/CD -11,50/14,-
METEORS - „Hymns for the hellbound“ LP/CD -12,-/13,50
MONKS - „Demo tapes“ LP/CD - je 15,-
* MUFF POTTER - „Steady fremdkörper“ LP/CD -12,-/13,50
NEKROMANTIX - „Life is a grave and i dig it“ PicLP/CD - je 14,90
* NEUROSIS - „Given to the rising“ 2LP/CD -16,90/14,90
NINA NASTASIA & JIM WHITE - „You follow me“ LP/CD -14,90/16,50
* NINE - „It's your funeral“ LP/CD -11,50/15,-
OMAR RODRIGUEZ-LOPEZ - „Se dice bisonte“ LP/CD -12,90/15,50
PARTS AND LABOR - „Mapmaker“ LP/CD -14,-/15,-
PISSED JEANS - „Hope for men“ LP/CD -13,50/15,-
RINGERS - „Detention halls“ LP/CD - 9,50/11,-
SEA AND CAKE - „Everybody“ LP/CD - 14,90/13,90 *
SEVERED HEAD OF STATE - „Power hazard“ LP/CD -11,50/12,-
SHADOW REICHENSTEIN - „It's monster rock“ LP/CD -12,-/15,-
SHELLAC - „Excellent italian greyhound“ LP/CD - je 14,-
SONICS - „Busy body live“ LP/CD -12,50/14,-
SOUTHERN CULTURE ON T. SKIDS - „Countrypolitan“ LP/CD -12,50/15,50
TALK IS POISON - „Condensed humanity“ LP -11,-
TAXI - „Yu talk tu mach“ LP/CD -12,-/15,-
TIED & TICKLED TRIO - „Aelita“ LP/CD -11,90/15,90
TIGERARMY - „Music from regions beyond“ LP/CD -12,50/14,90
TIM ARMSTRONG - „a poet's life“
* VOLT (F) - “s/t“ LP/CD 11,50/14,-
* WHITE STRIPES - „Icky thump“ LP/CD -17,90/16,90
XBXRX - „Wars“ LP/CD - je 12,50
XIU XIU - „Remixed and recovered“ 2CD -15,50
V/A - „30 seconds over de“ CD 10,50
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NEWS
IN EIGENER SACHE
Das 1. Ox-Schreiber-Festival: Lang hat es gedauert, doch
jetzt ist es vollbracht: Wer schon immer mal wissen möchte, ob
die Ox-Schreiber mit ihren eigenen Bands das halten, was sie in
ihren Rezensionen an anderen Bands kritisieren, kann sich davon
am 24. und 25. August im AK in Düsseldorf beim 1. Ox-Schrei-
ber-Festival ein Bild machen. Da stellen sich am Freitag DROW-
NING ROSES, BUD WHITE, KARATE DISCO und PORNBEAT dem
selbstverständlich kritischen Publikum. Samstag eifern ihnen
THE SPOOK, BORN AS A JOKE, NIMRODS, LEFT THE CROWD
und PROJEKT KOTELETT nach. Da bleibt garantiert kein Auge,
keine Kehle und kein T-Shirt trocken!
Sport im Ox: Ox-Schreiber Christoph Lampert hat ein Anlie¬
gen, das wir gerne weitergeben: „Gibt es Punks, die Sport be¬
treiben? Immer nur Fußball oder Skateboarden kann doch nicht
alles sein. Motiviert Punk zum Sporttreiben und gibt es Zusam¬
menhänge zwischen Hardcore und Sport? Persönlich habe ich vor
fünfzehn bis zwanzig Jahren MINOR THREAT, YOUTH OF TO¬
DAY und CRO-MAGS gehört, um mich vor Wettkämpfen heiß zu
machen. Ich würde also gern alle Leser aufrufen, sich für Inter¬
views zu ihrem sportiven Hobby zu melden. Vielleicht gibt es so¬
gar Profis unter den Lesern, ist aber nicht wichtig. Bestimmt gibt
es außer Fat Mike noch andere Golfer, Bowler, Wasserskifahrer,
Basketballspieler oder halt Läufer unter der Leserschaft, die über
Punk-Sein im Sport berichten könnten.“ Meldet euch bei chris-
toph_lampert@yahoo.de, dann kann da ein interessanter Arti¬
kel draus werden. Sport und Punk darf nicht beim Iro von Da¬
vid Beckham enden!
Praktikum: Du suchst einen Praktikumsplatz? Egal ob für Schu¬
le, Studium oder Umschulung, wir können fast immer den rich¬
tigen Platz anbieten. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem redak¬
tionellen Bereich. Idealerweise solltet ihr zwei bis drei Monate
Zeit mitbringen, bereits Erfahrung im Umgang mit dem Compu¬
ter haben und auch fit in Sachen Grammatik und Rechtschreibung
sein. Interesse? Schickt eine eMail, gebt an, wann ihr Zeit habt,
wie lange das Praktikum dauern soll/muss, wofür ihr es braucht
und was ihr derzeit so macht: redaktion@ox-fanzine.de. Aktuell
sind ab Dezember 2007 wieder Plätze zu vergeben, und wir pla¬
nen weit im voraus.
PLÄTTEN
GOGOL BORDELLO: Via Sideonedummy kommt am 13. Juli
„Super Taranta!“, das neue Album der New Yorker Gypsypunks
GOGOL BORDELLO. „Everything on the album is taken to the
next level. It’s more direct, more abstract, more focused, with
more dark humor. The dub parts are deeper; the fast parts are
faster, its pure orgasmo hysteria“, wirbt Frontmann Eugene Hütz
für das Produkt.
Dischord: Die dreißig Folgen der FUGAZI-Live-Series, bis¬
her nur von Bassist Joe Lally direkt verkauft, gibt es ab sofort im
Dischord-Webshop zu erwerben. Außerdem wurde FUGAZIs
„Red Medicine“ remastered, und die „4 Old Seven Inches“-Com-
pilation-LP sowie die RITES OF SPRING-7“ „All Through A Life“
werden in Kürze neu aufgelegt.
RISE AGAINST: Bis zum Sommer 2008 ist es zwar noch etwas
hin, RISE AGAINST kündigen dennoch schon einmal ein neues
Album für diesen vagen Zeitraum an.
THE HIVES: THE HIVES nehmen momentan in Mississippi eine
neue Platte auf. Erscheinen soll sie im September.
TERROR: Die Band aus Los Angeles wird im Sommer eine neue
EP via Reflections Records veröffentlichen.
YEAH YEAH YEAHS: Auch von den YEAH YEAH YEAHS er¬
scheint eine neue EP. Und zwar am 22. Juli.
SOCIAL DISTORTION: Statt eines Nachfolgers zum 2004er
Album „Sex, Love and Rock’n’Roll“ veröffentlicht Mike Ness am
26. Juni lieber ein Greatest-Hits-Album. Damit das Ding auch je¬
mand kauft, gibt es aber einen neuen Song namens „Far behind“.
KOMMANDO SONNE-NMILCH: Die Veröffentlichung der
neuen KOMMANDO SONNE-NMILCH-Platte „Jamaica“ ver¬
schiebt sich auf den 1. Juli.
AGAINST ME!: Das Major-Debüt von AGAINST ME! wird „New
Wave“ heißen und am 17. Juli erscheinen.
BEASTS OF BOURBON: Zehn Jahre hat es gedauert: Am 20.
Juli kommt mit „Little Animais“ ein neues Album der Australier
BEASTS OF BOURBON.
TOCOTRONIC: TOCOTRONIC haben ein neues Album fertig,
„Kapitulation“ heißt es und erscheinen wird es am 6. Juli via Uni¬
versal. Schon am 22. Juni kommt die gleichnamige Single.
MADBALL: MADBALL haben bei I Scream Records unterschrie¬
ben und werden dort im September ein neues Album veröffent¬
lichen.
Jonah Matranga: Der Mann hinter Bands wie FAR, NEW END
ORIGINAL oder ONELINEDRAWING wird sein neues Album
„And“ am 10. August bei Arctic Rodeo veröffentlichen. Mitge¬
wirkt haben Ian Love (unter anderem RIVAL SCHOOLS) und Sam-
my Siegler (unter anderem YOUTH OF TODAY).
QUI: Der ehemalige JESUS LIZARD-Sänger und Ex-SCRATCH
ACID-Bassist David Yow ist bei QUI eingestiegen, deren zweites
Album „Love’s Miracle“ am 11. September bei Touch And Go er¬
scheinen wird. Im November ist die Band dann in Europa auf
Tour.
ENDSTAND: ENDSTAND sind wieder zu Combat Rock gewech¬
selt und werden neben einem neuen Album im September schon
im Juni eine Compilation alter und rarer Songs veröffentlichen.
MINUS THE BEAR: Das neue MINUS THE BEAR-Album „Pla¬
net Of Ice“ erscheint am 21. August bei Suicide Squeeze Records.
BOY OMEGA: BOY OMEGA sind von Riptide zu Glitterhouse
übergelaufen, wo im Laufe des Jahres auch ihr neues Album er¬
scheinen wird. t
HIMSA: HIMSA haben mit den Aufnahmen zu ihrem Century-
Media-Debüt begonnen, die Platte soll im August kommen.
MONEYBROTHER: Anders Wendin, den man eher unter sei¬
nem Künstlernamen MONEYBROTHER kennt, hat beim Major
Sony BMG unterschrieben und wird dort im August sein neues
Album veröffentlichen.
WHITE STRIPES: Am 15. Juni erscheint das sechste WHITE
STRIPES-Album „Icky Thump“.
WEAKERTHANS: Die vielleicht beste Band der Welt befin¬
det sich momentan im Studio, um ihr neues, viertes Album ein¬
zuspielen, das dann im Herbst erscheinen soll. „This record is
looking a little less conceptual and more like a collection of songs
and stories“ lässt Gitarrist Stephen Carroll schon einmal wissen.
NIMRODS: Neues von den NIMRODS aus dem Ruhrgebiet: Die
LoFi-Pop-Punk-Truppe mit RAMONES-Einschlag (Nachfolger der
legendären STEVE MCQUEENS) schickt sich an, am 16. August
endlich ihr zweites Album zu veröffentlichen.
DEAN DIRG: Anfang Juni nehmen DEAN DIRG ihre neue Plat¬
te in Berlin auf. Erscheinen soll sie Mitte August. Bei welchem La¬
bel das sein wird, möchten sie uns allerdings noch genauso we¬
nig verraten wie den Titel der Platte.
ZU: ZU haben zusammen mit King Buzzo und Dale Crover von
den MELVINS ein paar Songs für das nächste Album aufgenom-
ROM CD/LP (Cargo Records)
»Der deutliche musikalische
Aufwärtstrend der legendären
Punkband setzt sich mit dem von
Rodrigo Gonzales (DIE ÄRZTE)
produzierten neuen Album fort.«
- iVlusikexpress
www.abwaerts.com
Im Vertrieb von
c#m
ABWÄRTS „Rom“-Tour 2007
22.08. Braunschweig, Rolling Stone
23.08. Köln, Prime Club
24.08. Haltern, Old Daddy
25.08. Stuttgart, Landespavillon
26.08. Fulda, Kreuz
28.08. Frankfurt, Nachtleben
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HÖRT „LUCKY FUCKY“ VON ABWÄRTS AUF DER 0X-CD IN DIESER AUSGABE
OX-FANZINE 5
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Abo: abo@ox-fanzine.de
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Verlag & Herausgeber, V.i.S.d.P.:
Joachim Hiller, Bahnstr. 40, 42781 Haan
(Für den Inhalt von namentlich gekennzeichneten Artikeln ist
der/die Verfasserin verantwortlich. Sie geben nicht unbedingt
die Meinung der Redaktion wieder.)
Redaktion:
Joachim Hiller, Thomas Kerpen,
Andre Bohnensack, Thomas Renz
Mitarbeiterinnen dieser Ausgabe:
Arndt Aldenhoven, Martha Biadun, Simon. Brüggemann, Simon
Brunner, Dennis Bruns, Frank Buchholz, Robert Buchmann,
Annika Büsing, Fabian Dünkelmann, Jan Eckhoff, Thomas Eber¬
hardt, Renke Ehmcke, Tobias Ernst, Ross Feratu, Bernd Fischer,
Klaus N. Frick, Ollie Fröhlich, Abel Gebhardt, Jerk Götterwind,
Kevin Goonewardena, Matilda Gould, Alex Gräbeldinger, Sven
Grumbach, Julia Gudzent, Katrin Hacheney, Thomas Hähnel,
Carsten Hanke, Konstantin Hanke, Matt Henrichmann, Gereon
Helmer, Uschi Herzer, Andreas Hiither, Lindsay Hutton, Tim
Kegler, Michael Klarmann, Arne Koepke, Jens Kofoed-Pihl, Mar¬
kus Kolodziej, Jenny Kracht, Daniel Kroneberg, Uwe Kubassa,
Lars Koch, Tom Küppers, Tom van Laak, Christoph Lampert, Si¬
mon Loidl, Claudia Luck, Nadine Maas, Nina Maenz, Christian
Maiwald, Jörg Mechenbier, Christian Meiners, Andreas Michal-
ke, Stephan „Zahni“ Müller, Jonas Mueller-Töwe,Thomas Neu¬
mann, Robert Noy, Christoph Parkinson, Erna Pfleiderer, Zoli
Pinter, Guntram Pintgen, Ferdinand Praxi, Peter Puck, Wolfram
Rölirig, H.C. Roth, Ingo Rothkehl, Jürgen Schattner, Katrin
Schneider, Frank „Nice“ Schöne, Christoph Schulz, Michael
Schuster, Sarah Shokouhbeen, Sponge, Kalle Stille, Alex von
Streit, Alex Strücken, Christopher Tauber, Tim „Timbo Jones“
Tilgner, Tom Tonk, Myron Tsakas, Mario Turiaux, Bodo Unbro¬
ken, Carsten Vollmer, Sebastian Wahle, Walmaul, Tobias Weber,
Kay Wedel, Lars Weigelt, Lauri Wessel, Olli Willms, Thorsten
Wilms, Chris Wilpert, Claus Wittwer
Praktikanten: Christin Pausch, Finn Quedens
Layout: Andre Bohnensack, Thomas Kerpen
Layoutentwicklung: Sabine Ahrens (sabineahrens.de)
Lektorat: Ute Borchardt
Coverfoto: Jerry Nelson
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Eigenvertrieb, Cargo (Plattenläden)
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ISSN 1618-2103
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genannahmeschluss #72: 14.5.2007, Redaktionsschluss #73:
2.8.2007, Ox #72 erscheint am 2.8.2007 ( #74: 4.10.2007,
#75: 6.12.2007, #76: 7.2.2008)
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chen dann per Lastschrift von eurem Konto ab.
men, das 2008 veröffentlicht werden soll. Bei einigen Tracks hat
übrigens Rob Wright von NOMEANSNO am Bass ausgeholfen.
COSMIC PSYCHOS: Das „neue“ Album der australischen
COSMIC PSYCHOS erscheint jetzt endlich auch in Europa. „Off Ya
Cruet“ kommt über pitshark.com
NONSTOP STEREO: Frank Ludeath, der Kopf der aufgelösten
BASH!, hat eine neue Band und die gibt nach nur wenigen Monate
schon richtig Gas. NONSTOP STEREO schimpft sich die Kombo,
die im Gegensatz zu ihrem Vorgänger ausschließlich mit deutsch¬
sprachigen Texten aufwartet. Ende Mai geht die Band ins Studio,
um im Sommer ihr erstes Album auf RilRec zu präsentieren.
TftE KLEINS: Die Rock’n’Roll-Punks THE KLEINS aus Duisburg
und Mönchengladbach feiern in diesem Jahr ihr zehnjähriges Be¬
stehen. Das ist doch Grund genug, um im Juli oder August ein
Jubiläumsalbum zu veröffentlichen, für das offenbar zahlreiche
Gastmusiker verpflichtet werden konnten.
JIMMY EAT WORLD: Einen genauen Veröffentlichungstermin
gibt es zwar noch nicht, allerdings sollte das neue Album von JIM¬
MY EAT WORLD im Moment abgemischt werden, was die Band
in helle Aufregung versetzt: „Yes, there is light at the end of the
proverbial tunnel. We just spent a week in Los Angeles tweaking
out a few songs (...) We will be working on art and getting all
our new stage costumes together soon. How does human-size ba-
nana suits sound? People would definitely ask us less questions
about emo then.“
NERF HERDER: Parry, Steve und Charlie vermelden, dass sie
ein neues NERF HERDER-Album aufgenommen haben und kön¬
nen es selbst gar nicht glauben. Es soll auch erscheinen, nur wann,
ist noch unklar.
ANTI-FLAG: Auch Justin Sane, Chris #2, Chris Head und Pat
Thetic arbeiten an einem neuen Album: „We’ve begun work on
the songs that will become our next album. The mantra is to chal-
lenge ourselves, challenge anyone who has ever heard ANTI¬
FLAG. Challenge the idea of defining punk rock and political acti-
vism, while documenting our belief of what it and this Communi¬
ty really are. On ,For Blood and Empire* we planned every detail.
This process will be about the moment. NO schedules, NO dead-
lines, just write every song we can and stir up as much shit inside
and outside of us that we possibly can.“
OFFSPRING: Die Band, die schon aufgrund ihres Namens dazu
gezwungen wird, ständig „Nachwuchs“ in Form von Platten in
die Welt zu setzen, macht genau das, wie Sänger Dexter Holland
zu berichten weiß: „Most of the music is recorded and we’re wor¬
king on vocals now. We counted up the other day, we actual-
ly demo'd 23 songs for this CD. Wow! That's a new record for
us. Of those we've recorded 13. Will they all be on the album? I
don't know! We‘11 see how they turn out. Maybe we‘11 cut one, or
maybe we‘11 write a couple more. Because we‘re artists we‘re fla-
ky like that.“
Außerdem angekündigt: Neue Alben von DOWN TO
NOTHING und CAPITAL (beide auf Revelation), A WILHELM
SCREAM (Nitro), COHEED AND CAMBRIA (Sony BMG), ein Spli¬
talbum von DISTEMPER und TARAKANY, PURGEN (beide ANR),
ARCANA CAIN (My Favourite Toy), YOU SAY PARTY! WE SAY
DIE! (PIAS) und natürlich „The New Maps Of Hell“, das neue Al¬
bum von BAD RELIGION, das am 10 Juli erscheinen soll.
LABELS
Monumentum Records: Reflections Records haben ein Sub¬
label gegründet, auf dem sie die Sachen veröffentlichen, die sti¬
listisch nicht so ganz zum Haupt-Label passen. Die ersten Releases
kommen von der Doom-Band BURNING SAVIOURS, der Black-
Metal-Band BLACK ANVIL und den experimentellen, irgendwo
im Drone anzusiedelnden NIHILL.
Fat Wreck Chords: Die neuen Platten von MAD CADDIES,
STRUNG OUT und NO USE FOR A NAME werden nicht auf Vi¬
nyl veröffentlicht, was das Label wie folgt begründet: „The reason
we aren’t putting out these records on vinyl is because they are
too LONG. The more music you stuff onto a single LP, the wor-
se it sounds, so we decided we didn’t want to compromise the re-
cording quality. Fear not because we actually have a couple of re¬
ally cool secret vinyl projects coming up. We apologize if you are
bummed and as a peace offering we give to you the first Strung
Out mp3 for the song .Calling*. I again apologize but this mp3
will not be on vinyl.“
Newest Industry Records: Es hat sich ausveröffentlicht bei
Newest Industry. „I’s like when a band breaks up but lies about it,
they say they re on .indefinite hiatus* - that’s kinda what is hap-
pening with Newest Industry Records. After almost 5 years, 20
releases and a ridiculous amount of debt (20.000 pounds - that’s
40,000 dollars) we have finally given in ... Money is the main pro-
blem (obviously), no one buys our records even though they’re
awesome, but there’s also the stress of dealing with complete and
utter wankers (some band members, tour bookers, other labels
who actively bootleg your releases then LIE about it, you name
it ...), distributors that don’t seil any records, pressing plants that
fuck the art up, and boxes upon boxes of CDs sat in the kitchen.
It’s like, do we just bail now or go down with it? Downloading
is definitely an issue as well, but I can’t even be fucked to go into
that right now ... Basically we’re in a total mess and we’re not put¬
ting out anymore records (...) Umm, so yeah... that’s it. Thanks to
the excessively tiny amount of people that gave a fuck about the
label, unfortunately you’ve all but run out!“
Dead Serious Records: Die CDU ist bekanntlich eine hono¬
rige Partei, und seit „Conservative Punk“ wundert uns fast nichts
mehr. Von daher goutieren wir es auch nur noch mit einem
Stirnrunzeln, dass Ben Gottschalk, Gründer des saarländischen
Labels Dead Serious, auch stellvertretender CDU-Stadtverbands-
vorsitzender von 66299 Friedrichsthal ist bzw. es bis Mitte Mai
laut der CDU-Saarland-Website noch war. Jetzt steht da nämlich
was anderes. Späte Einsicht?
VERANSTALTUNGEN
Teenage Riot: Der Teenage Riot-Mailorder feiert sein zehnjäh¬
riges Bestehen am 16. Juni in der Arena in Wien. Glückwünsche
kommen auch von der Bühne in Form von SKARFACE, HOLY RA¬
CKET, DETERMINATION, DENNYS DRIVE IN, STYRIAN BOOT¬
BOYS und THE CRETINS. Der Eintritt kostet 15 Euro.
Tom Tonk: Am 16.06. um 20:30 Uhr stellt Tom Tonk im Djäzz
in Duisburg den Nachfolger seines Buches „Raketen in Rock“ vor,
der „Raketen in Dosen“ heißt.
Joe Coleman: Der sich selbst als „Apocalyptic Visionary Pain-
ter“ bezeichnende Joe Coleman stellt noch bis zum 19. August
im KW Institute for Contemporary Art in Berlin aus. Mehr In¬
fos bei kw-berlin.de.
Marquis de Sade: Noch bis Ende Juli wird im Kraftwerk Vo¬
ckerode das Cross-Genre-Aktionstheater „Marquis de Sade“ auf¬
geführt: Fragiler Tanz trifft auf martialischen Aktionismus, Mu¬
sik des 18. Jahrhunderts verschmilzt mit Punkrock und Industri¬
al Music. Mehr Infos zu dem Spektakel gibt’s bei de-sade-spek-
takel.de.
TOUREN
ALEXISONFIRE: Die im Mai aufgrund eines „familiären Un¬
glücks“ abgebrochene Tour von ALEXISONFIRE soll im Septem¬
ber nachgeholt werden.
DEMONICS: Die grandiosen DEMONICS haben mit ihrem
Newsletter unseren Schreiber Bernd Fischer „in absolute Verzü¬
ckung versetzt“: „We’re officially announcing ,Hot Rod Pussy -
The Best of The Demonics 1993-2003*. It’s got 21 tracks, with a
few hard to find tracks off of singles that you may not have heard
like ,Hot rod*, ,Drag race in the cemetery* and .Dunebuggy gang*!
Yeah, we’re still recording some new tracks for a new record, and
yeah, it’s taking a long ass time!! P.S. Attention people in Germa¬
ny: We’re still coming over there to rock!!! We just don’t know
when. See yaü!“
FESTIVALS
Ruhrpott Rodeo-Festival: Auf dem grandiosen Amphithea¬
ter-Gelände in Gelsenkirchen findet am 22. und 23.6. das „Ruhr¬
pott Rodeo“-Festival statt. Am Freitag darf man THE RUTS, DI¬
SCHARGE, CONFLICT, SPERMBIRDS, DEAN DIRG und BOX¬
HAMSTERS nicht vergessen, am Samstag FUZZTONES, MAD SIN,
SMOKE BLOW, BAMBIX und BOTTROPS - und jeweils noch zig
andere. Das ganze Programm gibt’s auf ruhrpott-rodeo.de, das
Kombiticket kostet schlappe 29 Euro, Camping nur 12,50 extra.
Force Attack-Festival: Genauso gut ist das Programm auf
dem Force Attack bei Rostock, das vom 27.-29.07. stattfindet. Es
spielen unter anderem BOXHAMSTERS, CHEFDENKER, MAD
SIN, CASUALTIES, VAGEENAS, OHL, SPERMBIRDS, MIMMIS,
THE OTHER, PÖBEL & GESOCKS, SKEPTIKER, PASCOW, LUR-
KERS und 999. Alles weitere unter forceattack.de
Summer Blast Festival: Am 15. und 16. Juni findet auf dem
Ex-Haus-Gelände in Trier wieder das Summer Blast Festival statt,
erstmalig an zwei Tagen. Am Freitag geht es um 16.00 Uhr los, der
Eintritt kostet 19,80 Euro im Vorverkauf und am Samstag startet
man bereits um 14.00 Uhr, der Eintritt kostet dann 33,00 Euro im
Vorverkauf. Am Freitag spielen HATESPHERE, ABORTED, SWORN
ENEMY, LENG TCHE, DEADLOCK, ZERO MENTALITY, DOWN
TO NOTHING, INTERNAL AFFAIRS, RITUAL und CALLEJON und
am Samstag SHADOWS FALL, CONVERGE, WALLS OF JERICHO,
LEGION OF THE DAMNED, PARKWAY DRIVE, NEAERA, ILL DIS-
POSED, JOB FOR A COWBOY, FEAR MY THOUGHTS, MISERY IN¬
DEX, NINE, CATARACT, DEW SCENTED, AS WE FIGHT, COLD-
WORKER, AMINOSITY, NO TURNING BACK, BRING ME THE
HORIZON und RISE AND FALL.
Vainstream Rockfest: Am 30. Juni findet am Haverkamp
in Münster das Vainstream Rockfest statt. Und zwar an der fri¬
schen Luft. Los geht es bereits um 10.00 Uhr morgens und der
Eintritt kostet im Vorverkauf 29,50 Euro plus der üblichen Ge¬
bühren. Das Line-Up DROPKICK MURPHYS, HATEBREED, AS I
LAY DYING, HEAVEN SHALL BURN, AGAINST ME!, LESS THAN
JAKE, UNEARTH, THE BONES, CONVERGE, CHIMAIRA, BORN
FROM PAIN, PARKWAY DRIVE, SMOKE BLOW, BROILERS und
MISERY SPEAKS.
Phono Pop Festival: Am 20. und 21. Juli findet in Rüsselsheim
das Phono Pop Festival statt. Mit dabei sind neben BISHOPS, THE
J’AI ALAI SAVANT, MIT, SUPERPUNK und ROBOCOP KRAUS auch
die THERMALS, die bei dieser Gelegenheit einen von nur zwei
Auftritten in Deutschland in diesem Jahr absolvieren werden.
Pressure Fest: Seit 2003 findet jeden Sommer das Pressure
Fest in der Gysenberg-Halle in Herne statt. So auch dieses Jahr
vom 22. bis zum 24. Juni. Zum sechsten Mal (im November 2003
fand das Pressure einmalig auch in einer „Winter Edition“ statt)
wird es ein Wochenende lang Stage Dives, High Fives, Pile-Ons,
Finger Pointing, Circle Pits und Walls Of Death am laufenden
Band geben. Das diesjährige Line-Up, das einige exklusive Namen
beinhaltet, lässt schon erahnen, was sich dieses Jahr wieder in
der Gysenberg Halle abspielen wird: Am Freitag wüten CONVER¬
GE, AS I LAY DYING, KNUCKLEDUST, LENGTH OF TIME, JOB
FOR A COWBOY, RISE AND FALL, ANIMOSITY, BUN DEM OUT,
am Samstag SICK OF IT ALL, UNEARTH, ALL OUT WAR, HAVE
HEART, PARKWAY DRIVE, THE WARRIORS, SETTLE THE SCORE,
CASEY JONES, SIX FT DITCH, BRING ME THE HORIZON, BLACK
FRIDAY 29 und am Sonntag EARTH CRISIS, WALLS OF JERICHO,
EVERGREEN TERRACE, SHATTERED REALM, DO OR DIE, MISE-
OX-FANZINE 6
NEWS
RY SPEAKS, SWORN ENEMY, BURY YOUR DEAD, INTERNAL AF-
FAIRS, DOWN TO NOTHING, IN BLOOD WE TRUST, und RESIS¬
TANCE. Das Drei-Tage-Ticket kostet 45 Euro und kann bei allen
CTS-Vorverkaufsstellen, im Alveran-Shop in Bochum sowie über
den Alveran-Mailorder alveranshop.de bestellt werden.
TRENNUNGEN
BURY YOUR DEAD: Das ging schnell: Michael Crafter, neu¬
er Sänger bei BURY YOUR DEAD hat die Band nach zwei Mona¬
ten schon wieder verlassen. Der Grund: Heimweh. „Since I got to
the USA I knew I had a lot of weight on my shoulders. I wanted to
prove myself so much and be a good frontman for BYD. It’s been
two months since I got to the USA and all I have wanted is to be
home with my friends and this stops me from giving my all. (...)
This tour has opened my eyes up to a lot of things and being in a
band in another country isn’t what I want to do. (...) My home is
Australia and home is where the heart is.“ Auf der Europatour im
Sommer wird CASSIUS-Sänger Myke Terry aushelfen.
LESS THAN JAKE: Die Band aus Gainesville, Florida hat sich
in einem offizielles Statement zum Weggang von Sire beziehungs¬
weise Warner geäußert. „A few months back we talked as a band
and decided to ask Warner to release us from our contract and the
one last record we owed them. It became obvious to me and ever-
yone eise that its time to move on and in a new direction as band.“
Sehr aufschlussreich.
U NE ARTH: Die Metalcore-Bande hat sich von Schlagzeuger
Mike Justian getrennt: „There are many reasons why we decided
it was time to move on without him, but we are not in the busi-
ness of airing dirty laundry. We will say that we grew apart as in-
dividuals and as musicians and the split will be best for both the
band and Mike.“
AUFLÖSUNGEN
GROOVIE GHOULIES: Die umtriebigen und nahezu konstant
tourenden GROOVIE GHOULIES aus der kalifornischen Haupt¬
stadt Sacramento gaben am 9. Mai ihre Auflösung aus persönli¬
chen Gründen bekannt. Die Band um Obersympath Kepi, bekannt
für Pop-Punk mit Rock’n’Roll- und Bubblegum-Einflüssen, kulti¬
vierte auf ihren neun Alben und ungezählten Singles von Beginn
an ein cartoonhaftes Science Fiction-, Horror- und Trivial-Uni-
versum. Die GROOVIE GHOULIES hatten sich Ende der 80er Jah-
re gegründet und existierten in der finalen Besetzung seit Febru¬
ar 2002. Ihr Auftritt beim Insubordination Fest in Baltimore und
ihre Konzertreise durch Europa im August wurde durch Solo-Auf¬
tritte von Kepi ersetzt.
4 PROMILLE: Die haben sich nach 10 Jahren und drei Alben
aufgelöst. Die Gründe sind wie immer bandintern - aber sind sie
ja eigentlich immer. Zwei der Mitglieder haben wohl die Band
verlassen und der Rest will verständlicherweise nicht unter dem
alten Namen weiter machen. Streit gab es zwar keinen, aber wie
das so ist, manchmal trennen sich lange gemeinsam bestritte¬
ne Wege. Man will wohl allerdings noch zwei Abschiedskonzer¬
te geben, vermutlich im Oktober. Wo und wann genau ist aller¬
dings bisher noch unklar. Sollte aber zeitnah nachzulesen sein auf
www.4promille.de und www.knock-out.de
COOPER TEMPLE CLAUSE: Nachdem Sänger und Gitar¬
rist Dan Fisher die Band verlassen hat, haben sich THE COOPER
TEMPLE CLAUSE gleich ganz aufgelöst..
GOOD RIDDANCE: Die Band aus Santa Cruz, California ist
nicht mehr. Die sehr ehrliche Begründung auf der Band-Websi¬
te liest sich so: „After over ten years, eight albums and countless
tours, (we) have decided to call it a career. (...) All of the members
of GOOD RIDDANCE have become increasingly busy with other
life interests (work, family, etc.) which has made it difficult for us
to tour with the same frequency we (and our fans) have grown
accustomed to. It has also become evident that the musical land-
scape has continued to change and the material we play has been,
to some degree, left behind.“
SATANIC SURFERS: Nach 17 Jahren sind die Skatepunks SA-
TANIC SURFERS auf ihren Rollbrettern direkt zur Hölle gefahren.
Ein cooler Trick zum Abschied quasi. Ein Teil der Band ist aller¬
dings als ENEMY ALLIANCE auferstanden.
AEREOGRAMME: Die Schotten haben ihre Band am 11. Mai
offiziell aufgelöst: „It is with heavy hearts that we teil you all that
AEREOGRAMME have decided to split up. Reasons are multiple
and complex. It is however fair to say that the never ending finan¬
cial struggle coupled with an almost superhuman ability to dodge
the Zeitgeist have taken their toll, ensuring that we just don’t have
any fight left in us. We are immensely proud of the four albums
that we made over the past seven years. We hope that they con-
tinue to grow in your hearts.“ Die Festivals Hurricane, Southside
und Omas Teich im Juli und Juni sind damit die letzten Möglich¬
keit, die Band in Deutschland live zu sehen, denn diese Auftritte
wollen AEREOGRAMME noch wahrnehmen.
FILME
The Passenger: Von „Herr der Ringe“ zu „Skull Ring“ ist es
offenbar nur ein kleiner Schritt. Elijah Wood soll im Biopic „The
Passenger“ die Rolle von Iggy Pop spielen. Der Film will sich vor
allem den frühen Jahren des knochigen Urgesteins widmen.
SONSTIGES
THE BRIEFS: DVD kommt bald! Man vermeldet: „A very spe¬
cial sneak preview for fans in their hometown Seattle on May 28 at
the Rendevous Jewel Box Theatre is set for the long awaited Briefs
movie. Directed by Lewis Ingham, the film chronicles The Briefs’
humble beginnings playing local Seattle parties to becoming one
of the most well respected and beloved punk bands today. Line up
changes, major label disasters, broken down vans, and everything
you can imagine in what it takes to become a working punk band
in today’s music world ... BYO Records will be releasing the DVD
in late summer/early fall of this year.“ Ja, und was ist mit einer
neuen Platte und einer Tour?
SAM I AM/SOLE A: Gitarrist Sergie Loobkoff ist nicht nur Musi¬
ker, sondern auch Webdesigner. Ganz neu überarbeitet hat er die
Homepage seiner anderen Band SOLEA (solea.org) sowie seine ei¬
gene Seite slappedtogether.com. Das neue SOLEA-Album wird üb¬
rigens in Bälde auf Hamburg Records erscheinen.
AKERCOCKE: Das neue Album der Londoner Black-Metal-
Band AKERCOCKE wirbelt einigen Staub auf, und das nur, weil
es den eigentlich doch ganz schönen Titel „Antichrist“ trägt. Im
Vorfeld eines Konzertes in Belfast nahm die Band an einer Dis¬
kussionsrunde im nordirischen Fernsehen teil, trank dabei Rot¬
wein und lachte sich über die lustigen Vorwürfe einiger Christen
kaputt, die den Auftritt am liebsten verbieten wollten. Dass sich
auch das Publikum mittels Anrufen und E-Mails an dem Schau¬
spiel beteiligen durfte, steigerte den Unterhaltungswert der Ver¬
anstaltung nur noch und es fielen großartige Sätze wie „How do
they know the Antichrist likes that kind of music? They dont look
evil. Just stupid. Get Uri to bend their drum sticks, For gods sake
let them sing. At the end of the day people don’t need music to
turn away from god. COME ON NORTHERN IRELAND STAND
UP AGAINST THIS EVIL INVASION. PROTECT OUR LAND.“ Dazu
passt die Nachricht, dass sich das amerikanische Presswerk auf¬
grund des „antichristlichen Blickwinkels“ der Platte weigerte,
auch nur einen Finger zu rühren. Frontmann Jason Mendonca
hierzu: „I rather perturbed that in this day and age, the 2Ist Cen¬
tury, people are so uptight. Whatever happened to freedom of
speech and freedom of expression in the alleged democracy of
the USA? Censorship is always ugly no matter how you view it. It
smacks of fascism to me. What other works of art are barred to
the good people of America? The attitude of the printers is typi-
cal of the brainwashed. Judging something (literally) by its cover.
Anyone who took the time to look into our history would recog-
nise that we have always stated we are anything but anti-christian.
It’s divisive attitudes such as this that bring about conflict. Con-
flict through ignorance.“
THE HEARTBREAK MOTEL vs. The Polizei: „Wir möch
ten uns an dieser Stelle für das große Interesse der bayerischen
Polizei an THE HEARTBREAK MOTEL bedanken. Gleich zweimal
wurden die Recklinghausener Deathrocker auf ihrer grade absol¬
vierten Tour von Ordnungshütern angehalten und um Autogram¬
me gebeten. Beim nächsten Mal bitten wir die Ordnungshüter,
aber wie alle Anderen auch Autogrammkarten anzufordern. Auch
ist es nicht notwendig jedesmal den Hund mitzubringen oder im
Kofferraum nach Fandevotionalien zu suchen. Ist nett gemeint
und tierlieb ist die Band auch, aber da gibt es doch andere Wege.
Kommt doch lieber direkt zu einem Konzert.“
Underground-Poetry-Almanach: Volly Tanner und der
Verlag Edition PaperONE planen, einen jährlichen deutschen Un¬
derground-Poetry-Almanach auf die Beine zu stellen. Wer mit
seinen Texten vertreten sein will, meldet sich bei am besten di¬
rekt bei Volly: volly@volly-tanner.de.
VELOUR: Bei einem Konzert in Hamburg wurde der Bus von
VELOUR von der Polizei beschlagnahmt. Noisedeluxe Records er¬
zählt diese Geschichte wie folgt: „Als die Band in Hamburg am
Sonntagabend im ,Haus 73' spielte, parkte sie ihr Auto auf dem
Vorplatz der daneben befindlichen Roten Flora. (...) Am nächsten
Morgen stand der Bus leider nicht mehr da. Man eilte zum nächs¬
ten Polizeirevier und erkundigte sich über den Verbleib eines
weißen Busses mit dänischem Kennzeichen. Der Beamte teilte der
Band mit, der Bus sei wegen eines Drogenverdachtes beschlag¬
nahmt worden. Dieser Verdacht hätte sich aber nicht bewiesen
und man könne den Bus nun abholen. (...) Ein netter Mensch des
,Haus 73’ fuhr dann den Tourbegleiter und ein Bandmitglied zum
zwanzig Kilometer entfernten Hof des Abschleppdienstes. Beide
Fenster des Busses standen halb offen, (...) (dabei) konnten sich
alle erinnern, dass in der Nacht mehrmals gecheckt wurde, dass
der Bus gut verschlossen war. Der Mitarbeiter der Abschlepp-Fir-
ma teilte mit, der Bus wäre gestohlen gemeldet gewesen und so¬
mit hierher verbracht worden. Nach einer zweistündigen Proze¬
dur der Identitätsfeststellung, mehreren Telefonaten mit der Poli¬
zei in Hamburg war dann geklärt, dass der Bus an die Band ausge¬
händigt werden kann. Allerdings mit dem Hinweis, dass die Ab¬
schleppkosten nun doch übernommen werden müssten, ansons¬
ten werde der Bus weiterhin einbehalten. (...) Völlig in die Enge
getrieben, rief der Tourmanager eine Polizeistreife, in der Hoff¬
nung, diese Ungerechtigkeit könne mit Hilfe der Beamten geklärt
werden. Man bekam aber nur mitgeteilt, man habe den Betrag zu
zahlen, sonst verbleibe der Bus in der so genannten .Eigentumssi-
cherung’. Auch ein Aktenzeichen bekam man nun mitgeteilt, die
offizielle Version der Akte ist nun .Eigentumssicherung’ des Bus¬
ses wegen geöffneten Fenstern. (...) Unter den Augen der Polizei
blätterte man nun die 465 Euro aus der Tourkasse auf den Tisch,
um den eigenen Bus wieder frei zu kaufen. (...) VELOUR woll¬
ten zunächst die Tour abbrechen, entschlossen sich aber dann mit
dem Riesenloch in der Tourkasse weiter zu spielen.“
COMMON ENEMY
Es ist schon wieder ein gutes Stück her, als mir
die erste COMMON ENEMY-Platte mit der Emp¬
fehlung „Das ist so Skate-Thrash aus den USA und
der Gesang wie bei FAST TIMES, das gefällt dir“
in die Hand gedrückt wurde. Und ja, das gefiel mir
tatsächlich. Kurz drauf kamen die Jungs auf Eu¬
ropatour. Mittlerweile halte ich schon ihre zweite
Platte in der Hand und die kommende Tour ist ge¬
bucht, also die Gelegenheit, den Skatern, beste¬
hend aus Sonic (Gesang), Justin Enemy (Gitarre),
Greg (Bass) und Tank (Drums), auf den Zahn zu
fühlen.
Eure Platten würde ich im Skate-Thrash-Punk-Regal
einordnen. Wo seht ihr eure persönlichen Einflüsse,
was läuft beim Skaten?
Sonic: Puh, schwer, ich würde sagen, ich bin ein Stück
weit von allem um mich herum beeinflusst. Beim Ska¬
ten nehme ich dann alles getreu dem Motto „Anything
fast is good!“.
Ich habe euch auf der letzen Europatour einige Male
live gesehen. Wie ist die Tour gelaufen und was erwar¬
tet ihr für Mai 2007?
Greg: Es war einfach nur großartig und ich kann es kaum
erwarten, wieder rüberzukommen.
Sonic: Mir geht es genauso. Ich freue mich auf das Rum¬
hängen und darauf, ein paar ordentliche Spots zu skaten.
Gibt es aus eurer Sicht nennenswerte Unterscheide
zwischen den Shows in den USA und Europa?
Greg: Die Shows bei euch in Europa sind einfach geil! Es
scheint mir, dass viel mehr Leute kommen, um die Bands
zu Supporten.
Sonic: Ja und nein. In Europa scheinen die Kids viel offe¬
ner für viele Dinge zu sein, die Shows sind wirklich un¬
terschiedlich. In den USA ist das in der Regel nicht so.
Ihr habt euer zweites Album „Thrashing Under The
Influence“ genau wie den Vorgänger „Late Night Ska¬
te“ bei Horror Business Records aus Lünen veröffent¬
licht. Wie seid ihr mit Dave in Kontakt gekommen?
Sonic: Ich habe Dave schon vorher auf einer Tour in Eur¬
opa getroffen, noch bevor wir unsere erste „Build Ramps,
Not Bombs“-Eurotour gefahren sind. Als ich bei COM¬
MON ENEMY einstieg, schickte ich ihm gleich ein paar
Aufnahmen und er mochte es sofort. Dave hat unglaub¬
lich viel für diese Band getan und darüber sind wir wirk¬
lich sehr froh.
Eure Texte handeln hauptsächlich von Skateboarding,
Circle Pits, Saufen und Videospielen. Würdet ihr COM¬
MON ENEMY als eine Spaßband bezeichnen? Es gibt ja
ziemlich viele HC- und Punkbands, die sich mehr den
negativen Aspekten des Lebens widmen, und die Kids
scheinen das auch zu mögen. Was denkt ihr über die¬
sen „Negativ-Einfluss“?
Sonic: Ja, ich würde uns schon eher als Spaßband be¬
zeichnen. Wenn mir nicht nach Spaß zu Mute w'äre, hät¬
te ich wohl auch keinen. Klar, manchmal singe ich auch
über negative Dinge. Das ist dann definitiv eine Art der
Aggressionsbewältigung.
Euer alter Sänger hat die Band ja verlassen, nun singt
ein neuer, Mikey. Warum hat X die Band verlassen?
Justin: Sonic/X hat uns nach einem bizarren Zwischen¬
fall bei der Gartenarbeit verlassen. Er war danach ein¬
fach nicht mehr der Alte. Aus diesem Grund ist Mikey
für eine kurze Zeit eingesprungen, um uns dann vor kur¬
zem leider aus persönlichen Gründen wieder zu verlas¬
sen. So fragten wir halt Sonic, ob er wieder bei uns ein¬
steigen würde, um mit uns zu touren und den Van ein¬
zustänkern.
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HORSEMEN, SPERRZONE, GUTS‘N‘GLORY,
THE SHOEMAKERS, THE EGYPTIAN GAY
LOVERS, STRONGBOW, DIE HABERZETTLS
20.07. - 21.07. Leipzig, Halbinsel Pouch
backtofuture.com
BANDGEEK MAFIA
30.06. Heidenburg, Rack am Rong Open Air |
14.07. Marbach, X-Treme Open-Air Festival j
15.07. Trier, Ex-Haus rat- trap.de
BORN TO LOSE
08.06. Bamberg, Leinbachtalhalle | 09.06.
Moormerland, JUZ | 11.06. Hamburg, Kaiser¬
keller | 12.06. Bückeburg, Kronenwerk | 13.06.
Koblenz, Spökes | 14.06. Köln, Sonic Ballroom |
15.06. Neuenkirchen, Juz cityrat.de
BEN DAVIS AND THE JETTS
& FIN FANG FOOM
20.06. Frankfurt / Main, Clubkeller | 21.06.
Halle / Saale, Hühnermanhattan | 22.06. Rem¬
seck, Cafe Impuls selmatravels.de
BONES
20.06. Dresden, Campusparty | 30.06. Müns¬
ter, Vainstream | 01.07. Roitzschjora, With
Full Force Festival | 02.07. Frankfurt / Main,
Nachtleben | 21.07. Wolfurt, Burn Out Festi¬
val | 31.08. Lichtenfels, Rock my ass | 01.09.
Hameln, Joch n'Roll Fest | 12.10. Osnabrück,
Rock'n'Roll Hellfest
mad-tourbooking.de
BOTTROPS
09.06. Annaberg-Buchholz, Alte Brauerei An-
naberg e.V. | 22.06. Köln, Sonic Ballroom |
23.06. Gelsenkirchen, Amphitheater Gelsenkir¬
chen | 29.06. Bremen, Römer | 30.06. Rostock,
Mau Club | 03.08. Peine, UjZ | 04.08. Oberhau¬
sen, Openairea | 05.08. Hamburg, Hafenklang
(exil) | 25.10. Aachen, Parkside
destiny-tourbooking.com
BROILERS
09.06. Königseggwald, Rock das Schaf | 30.06.
Münster, Vainstream | 04.08. Oberhausen, Pogo
United Festival | 18.08. Torgau, Endless Sum¬
mer Festival greenhell-booking.de
BROKEN BEATS
09.06. Leipzig, Ilses Erika | 10.06. Offen¬
bach, Hafen 2 | 11.06. Köln, Blue Shell |
12.06. Berlin, Cafe Zapata | 14.06. Hamburg,
Uebel&Gefährlich dude-entertainment.de
BUBONIX
08.06. Köln, Sonic Ballroom | 06.07. Geislin¬
gen, Helfenstein-Festival | 21.07. Eis, RAG vs.
NEM Festival | 07.08. Koblenz, Circus Maximus
| 11.08. Göttingen, JuzI | 24.08. Schwerin, Dr.
K | 25.08. Darmstadt, Open Air am Steinbrücker
Teich | 01.09. Höhr-Grenzhausen, Spack Festi¬
val amadis.net
BUILT 4 SPEED
19.06. Köln, Underground | 28.07. Wettenberg,
17th Wettenberg Rock'n'Roll Festival | 25.08.
Weinheim, Cafe Central | 31.08. Lichtenfels,
Stadthalle | 01.09. Hamburg, Knust | 02.09. Ber¬
lin, Pirate Cove | 07.09. Bad Oeynhausen, Alte
Druckerei myspace.com/built4speedl
CHEFDENKER
23.06. Gelsenkirchen, Amphitheater Gelsenkir¬
chen | 07.07. Leverkusen, Kulturausbesserungs¬
werk | 14.07. Horb-Mühringen, Cafe AmEri-
ka | 27.07. Behnkenhagen, Force Attack Festi¬
val | 01.09. Hameln, Joch n'Roll Fest | 08.09.
Warburg-Welda, Kuba | 15.09. Wiesbaden, Kul¬
turpalast Wiesbaden | 29.09. Ulm, Beteigeuze |
06.10. Essen, JUZ Papestrasse | 20.10. Stuttgart,
Exil trash2001.de
CHIP HANNA & THE BERLIN THREE
21.06. Berlin, Wild At Heart | 22.06. Gelsen¬
kirchen, Amphitheater Gelsenkirchen | 23.06.
Nürnberg, Loop / Golden Nugget | 24.06. Frei¬
burg, El.Pi Freiburg | 25.06. Backnang, Stras-
senfest | 28.06. Töging, Silo 1 | 29.06. Aachen,
AZ | 01.07. Köln, Sonic Ballroom | 02.07. Os¬
nabrück, Bastard Club | 04.07. Dresden, Groo¬
ve Station | 05.07. Hamburg, Hafenklang (exil)
| 06.07. Rostock, Mau Club | 07.07. Finowfurt,
Roadrunners's Paradise muttis-booking.de
CHUCK NORRIS EXPERIMENT
28.09. Berlin, White Trash | 29.09. Altenburg,
Kanonenhaus | 02.10. Amberg, Rockdomizil |
13.10. Osnabrück, WestWerk
rockthistown.de
CREETINS
22.06. Mönchengladbach, STEP | 30.06. Roitz¬
schjora, With Full Force Festival | 20.07. Ha-
demarschen, RRock Festival | 21.07. Norden¬
ham, Fonsstock-Festival | 16.08. Torgau, End¬
less Summer Festival | 17.08. Villmar, Sportge¬
lände Villmar destiny-tourbooking.com
DEAD NOTES
09.06. Regensburg, Alte Mälzerei | 30.06. Mün¬
chen, Cafe Marat | 07.07. Amsham, Open-
Air Amsham | 20.07. Weigendorf, Open-Air |
06.10. Nürnberg, K4 bigbeat-booking.com
DEADLINE
04.08. Großröhrsdorf, Bike'n'Roll - Festival |
17.08. Weinheim, Cafe Central | 18.08. Tor¬
gau, Endless Summer Festival | 07.09. Gräfen-
hainichen, Ferropolis | 08.09. Saarstedt, Saar- »
stedt Open Air | 20.10. Zwickau, Alter Gasome¬
ter e.V. mad-tourbooking.de
DISTEMPER
20.07. Kassel, K19 | 22.07. Schöpfheim, Holz¬
rock Open Air | 24.07. Darmstadt, Oetinger Vil¬
la | 25.07. Bamberg, Morph Club | 26.07. Cott¬
bus, Muggefug e.V. | 27.07. Behnkenhagen,
Force Attack Festival | 28.07. Braunschweig, B58
| 29.07. Hamburg, Hafenklang (exil) | 30.07.
Köln, Sonic Ballroom | 31.07. München, Feier¬
werk e.V. | 01.08. A-Innsbruck, PMK Bogen 19
| 02.08. A-Wien, TÜWI | 03.08. Nitzing, Hei-
denspass Festival | 04.08. A-Millstatt, Bergwerk
| 06.08. Gelnhausen, Lorbass | 10.08. Eberswal¬
de, Exil anr-music.org
FEHLFARBEN
08.06. Berlin, Admiralspalast | 09.06. Magde¬
burg, Sackfabrik | 10.06. Dresden, Scheune |
11.06. Stuttgart, Club Zentral | 12.06. Düssel¬
dorf, ZAKK | 14.06. Hannover, MusikZentrum
| 15.06. Soest, Sonic Club admiralspalast.de
FONSSTOCK-FESTIVAL 2007 .
mit: NORMAHL, FRAU DOKTOR, BITUME,
ZATOPEKS, MAD MONKS, THE APERS, RAM-
PIRES, VERSAGER, COOLIDGE, STU1SHIT,
INCOMPLETE, WORST CASE SCENARIO,
EVIL CLOWN, DIG B.KWARTERS, SHANTY¬
CHOR NORDENHAM
20.07. - 21.07. Nordenham, Fonsstock-Festival
fonsstock.de
GRIT
21.09. Bochum, Zwischenfall | 05.10. Berlin, Pi-^
rate Cove | 06.10. Hamburg, Knust
dieinstyle.de
HELL NIGHTS FEST
mit: THE DAMNED, REZUREX, THE OTHER,
HEARTBREAK ENGINGES, ZOMBIE GHOST
TRAIN
21.07. Essen, Funbox Amalie fiendforce.de
HEARTBREAK ENGINES
21.07. Essen, Funbox Amalie | 25.08. Wein-
OX-FANZINE 8
OX PRÄSENTIERT
heim, Cafe Central | 21.09. Bochum, Zwischen¬
fall | 05.10. Berlin, Pirate Cove | 06.10. Ham¬
burg, Knust dieinstyle.de
HEARTBREAK MOTEL
03.08. Anröchte, Big Day Out 3 | 22.12. Wup¬
pertal, Die Börse uptodate-altmark.de
JOCH‘N‘ROLL OPEN AIR 2007
mit: A TRAITOR LIRE JUDAS, A.M.E.S., AB-
GEFUCKT, ANALOHG, ANTIDOTE, BAD
NENNDORF BOYS, THE BONES, BÜR¬
DEN OF GRIEF, CATARACT, CHEFDENKER,
CHOKE ISP, DEADSOIL, DEW SCENTED, DIE
SCHRÖDERS, DÖDELHAIE, DR. FRANKEN¬
STEIN, DRONE, EXCREMENTORY GRIND-
FUCKERS, FADING STARLIGHT, FINAL CRY,
FOREVER IT SHALL BE, GIRLSCHOOL, GO
FASTER NUNS, HATE SQUAD, HATESPHE-
RE, HAUSVABOT, IN CASE OF FYR, LEGI¬
ON OF THE DAMNED, MERCENARY, MYSE-
RY SPEAKS, NARZISS, NIKKI PUPPET, PEST¬
POCKEN, RAID 4, RASTAKNAST, RAUNCHY,
RAWSIDE, RECKLESS TIDE, SICK OF IT ALL,
ROUGH SILK, SILBER, SSKALIERT, TRIPSCO-
PE, V8WANKERS, VOLBEAT, WIEDERKAMPF¬
STÄNDER, ZAUNPFAHL
31.08. - 02.09. Hameln, Joch’n’Roll Fest
jochnrollfest.de
JUPITER JONES
16.06. Oberhausen, Rock Airea | 14.07. Oberer¬
bach, Pell Mell Festival | 28.07. Bad Karlshafen,
Sonic Bang Festival sparta-entertainment.com
KING KHAN & THE SHRINES
21.06. Oberhausen, Druckluft | 22.06. Köln,
Gebäude 9 | 23.06. Laupheim, Summernight
Festival solarpenguin.de
LE MAXIMUM KOUETTE
12.06. Münster, Sputnikhalle | 13.06. Hamburg,
Hafenklang (exil) | 14.06. Flensburg, Volxbad |
15.06. Lübeck, Treibsand | 16.06. Leipzig, Mo¬
ritzbastei | 17.06. Chemnitz, Subway to Peter |
16.10. Marburg, Cafe Trauma | 18.10. Halle, Ob¬
jekt 5 | 19.10. Jena, Kassabianca | 22.10. Reut¬
lingen, Cafe Nepomuk | 23.10. Kassel, Schlacht¬
hof | 24.10. Bielefeld, Forum | 25.10. Berlin,
Dunkerclub patchanka.de
LOWER CLASS BRATS
07.06. Köln, Sonic Bällroom | 08.06. Torgau,
Brückenkopf | 09.06. Potsdam, Archiv | 12.06.
A-Wien, Movimento | 15.06. CH-Zürich, Dyna¬
mo | 18.06. Köln, Sonic Bällroom | 20.06. Dres¬
den, Bärenzwinger | 21.06. Jena, Rosenkeller |
22.06. Stuttgart, UNIversum | 23.06. München,
Feierwerk e.V. rabazco.de
MADSIN
23.06. Gelsenkirchen, Amphitheater Gelsenkir¬
chen | 28.07. Backnang, Open Air Festival
destiny-tourbooking.com
MANNHAI
20.07. Wohratal-Langendorf, Ragnarock Open
Air | 21.07. Gießen, Jokus rockthistown.de
MAROON
09.06. Röblingen am See, Salt Lake Rocks Fes¬
tival | 23.06. Freiburg, Crash Musikkeller |
26.06. München, Backstage | 01.07. Roitzsch¬
jora, With Full Force Festival | 16.08. Dinkels¬
bühl, Summerbrezze centurymedia.com
MATULA
15.06. Neuruppin, MittenDrin | 16.06. Göttin¬
gen, Antifee Festival | 22.06. Wuppertal, Stati¬
on 77 | 23.06. Trier, Ex-Haus | 07.07. Itzehoe,
Haus der Jugend | 27.07. Bad Dürrenberg, Open
Air | 20.10. Husum, 25 Jahre Speicher
zeitstrafe.de
MITOTE
08.06. Bamberg, SubOptimal | 22.06. Aulen¬
dorf, irReal | 23.06. Trier, Exhaus | 27.07. Fürs¬
tenfeldbruck, Subkultur | 10.08. München,
Theatron mondobizarro.de
MOVEMENTS
04.08. Vlotho, U&D | 18.08. Stemwede, 31.
umsonst&draußen Festival rockthistown.de
NAPALM DEATH
09.06. Hünxe, Death Fest O.A | 13.07. A-Spital
am Semmering, Kaltenbach Open Air | 02.08.
Wacken Open Air mad-tourbooking.de
NOMEANS NO
08.06. CH-Düdingen, Bad Bonn | 19.06. Frank¬
furt / Main, Cafe ExZess | 20.06. Esslingen,
Komma | 26.06. Dresden, Starclub | 29.06.
Rechlin, Fusion Festival | 30.06. A-Ottensheim,
Festival nomeanswhatever.com
PLENTY ENUFF
08.06. CH-Herisau, Open Air Herisau | 09.06.
CH-Steckborn, Open Air | 29.09. Wiesbaden,
Schlachthof leechredda.com
POGO UNITED FESTIVAL 2007
mit: BROILERS, SONDASCHULE, MASSENDE¬
FEKT, THE BOTTROPS, LOS PLACEBOS, SFH,
THE BREWERS, NOSEDIVE
04.08. Oberhausen, Open Airea
kingsofbooze.de
PRESSURE FEST 2007
mit: ALL OUT WAR, ANIMOSITY, AS I LAY
DYING, BLACK FRIDAY ,29, BRING ME THE
HORIZON, BUN DEM OUT, BURY YOUR
DEAD, CASEY JONES, CDC, CONVERGE, DO
OR DIE, DOWN TO NOTHING , EARTH CRI-
SIS, EEVERGREEN TERRACE, HAVE HEART, IN
BLOOD WE TRUST, INTERNAL AFFAIRS, JOB
FOR A COWBOY, KNUCKELDUST, LENGTH
OF TIME, MISERY SPEAKS, PARKWAY DRI¬
VE, RESISTANCE, RISE & FALL, SETTLE THE
SCORE, SHATTERED REALM, SICK OF IT ALL,
SIX FT. DITCH, SWORN ENEMY, UNEARTH,
WALLS OF JERICHO, THE WARRIORS
22.06. - 24.06. Herne, Gysenberghalle
alveranrecords.com
ROCK FOR PEOPLE FESTIVAL 2007
mit: BEATSTEAKS, DESORDEN PUBLICO, DIE
HAPPY, DISCO ENSEMBLE, ENTER SHIKARI,
FRONT LINE ASSEMBLY, GOGOL BORDELLO,
GREEN FROG FEET, KARAMELO SANTO, LE¬
VELLERS, NAVEL, NO MEANS NO, SICK OF IT
ALL, THE BONES, THE HIVES, THE KILLERS,
TOY DOLLS, WALLS OF JERICHO
04.07. - 06.07 CZ-Hradec Kralove, Airport
rockforpeople.de
RUHRPOTT
RODEO OPEN AIR
mit: THE RUTS, THE METE¬
ORS, SPERMBIRDS, BOX¬
HAMSTERS, DISCHAR¬
GE, CONFLICT, NORMAHL,
ROCK N ROLL STORMTRO-
OPERS, BETONTOD, DEAN
DIRG, FAHNENFLUCHT, BI-
TUME, CHIP HANNA & THE
BERLIN 3, SUICIDE HOLI-
DAY, FUZZTONES, MAD SIN,
LOKALMATADORE, SMO-
KE BLOW, STRASSENJUNGS,
RUBBERSLIME, CASANOVAS
SCHWULE SEITE, CHEFDEN¬
KER, MONTREAL, BAMBIX,
THE BOTTROPS, TV SMITH,
COR, COLUMBIAN NECK-
TIES, V8 WANKERS, PAS-
COW, EMSCHERKURVE 77,
2nd DISTRICT
22.06. - 23.06. Gelsenkirchen,
Amphitheater Gelsenkirchen
ruhrpott-rodeo.de
SACRED SAILORS &
SWEET ADDICTION
13.06. Rostock, MS Stübnitz
| 14.06. Berlin, Pirate Cove |
15.06. Schönebeck, Barfly |
16.06. Mittelsinn, Halle
rockthistown.de
SPAZIALE
FESTIVAL 2007
16.06.1-Turin, Spazio 211 (SO¬
NIC YOUTH) | 05.07. I-Tu-
rin, Spazio 211 (MUDHO¬
NEY) | 15.07. I-Turin, Spazio
211 (BRIGHTEYES) | 17.07.1-
Turin, Spazio 211 (WILCO)
spazio211.com
STOMPING SOULS
08.06. Dortmund, Bakuda Club
| 09.06. München, Babalu |
10.06. Freiburg, El.Pi Freiburg
| 12.06. Chemnitz, Subway
to Peter | 13.06. Nürnberg,
Muz Club | 14.06. Heidelberg,
Karlstorbahnhof | 15.06. Düs¬
seldorf, Pretty Vacant Club |
16.06. Berlin, Magnet Club
fdi-music.de
TED LEO AND THE
PHARMACISTS
12.06. München, Feierwerk
e.V. | 13.06. Stuttgart, Scho¬
cken | 14.06. Nürnberg, K4
| 15.06. Köln, Gebäude 9 |
16.06. Ludwigshafen, Das Haus
| 17.06. Wiesbaden, Schlacht¬
hof | 18.06. Berlin, Magnet
Club | 19.06. Hamburg, Molo-
tow | 20.06. Münster, Gleis 22
dial-booking.de
22./23JUNI 2007 AMPHITHEMER GELSENKIRCHEN
VVK und Infos nur bei WWW.RUHRPOTT-RODEO.DE
Dypr tüSJLJiflJZ** 'ÜPJ n« aum/% ot o«n«of <miuno«
CONFLICT
■SfQyfeüits smckeblöw K
CASANOVAS SCHWULE SEITE • RUBBERSLIME • NORMAHL
BOXHAMSTERS • STRASSENJUNGS • CHEFDENKER ,
t THE BOTTROPS • BETONTOD • FAHNENFLUCHT • DEAN DIRG
-•* ROCK N ROLL ST0RMTR00PERS • BITUME • TV SMITH \
PASCOW • COLUMBIAN NECKTIES • EMSCHERKURVE 77 ^ /
DISTRICT • COR • V8 WANKERS • MONTREAL • BAMBIX (
CHIP HANNA&the Berlin Three • SUICIDE HOLIDAY
Camping erwünscht!!!
w
... more bands to follow!!!!!
\
\
I Camping erwünscht!!!
tasch-dcsi fjn . cl<;
CLOTHING..
HORSING AROUND WITH
HISTORY
T-SHIRTS SWEAT-SHIRTS GIRLIE-SHIRTS
JACKETS SHORTS TUBE SOCKS BEAIMIES
TRUCKER CAPS ACCESSOIRES
WEBSTORE:
WWW.RK8.NET
Arcade ClofcNng e.K., Osttendstn 40, D-TSöSS Alfdorf
Photos: Marie Cevey, Max Merz - Cantact:: mariecevey@yahoo.com
OX-FANZINE 9
VÄRIOUS ARTISTS
THE GRIZZLY ADAMS BAND VS. THE MISSING SHADOWS
Es ist kein Geheimnis, dass ich großer Fan der Münsteraner GRIZZLY ADAMS BAND bin, und momentan ist mit „Discoscheiße, Mon Amour“ endlich wieder eine neue LP am Start,
auf der ein grandioses Riff-Punkrock-Feuerwerk erster Kajüte abgebrannt wird. Dass Grizzlys-Gitarrist Jan Frohne auch bei DUESENJAEGER aktiv ist, dürfte allgemein bekannt sein.
Aber dass sein großen Bruder Ansgar bei den Osnabrücker MISSING SHADOWS singt, wissen nur die wenigsten. Nachdem ebenjene MISSING SHADOWS - alles alte Hasen, unter
anderem ehemalige COLT SEAVERS-Mitglieder - schon auf ihrem 2006er Demotape hitverdächtig aus allen 77er-Midtempo-Punkrock-Rohren schossen, legt das Quintett jetzt mit
seiner Debüt-LP nach. Da ich beide Bands in letzter Zeit auch bei tollen Live-Shows erleben durfte, lag es nahe, beide Combos zum gegenseitigen Fragenduell in den Ring zu schi¬
cken. Den ersten Fragenteil stellten dabei die Grizzlys, danach waren die Shadows an der Reihe.
Liebe MISSING SHADOWS, wieso seht ihr so gut aus?
Wir tragen Masken.
Seid ihr nicht viel zu alt, um noch mal was Neues anzufangen?
Da stellt sich uns natürlich die Frage, ob ihr nicht viel zu alt seid,
um weiterzumachen.
Wo und wann wurde der Grundstein für eure unglaubliche
Karriere gelegt?
Wir wurden von Thomas Anders — ex-MODERN TALKING - Ende
2004 in Köln gecastet und er schreibt auch die meisten unserer
Lieder. Sein erster Vorschlag für einen Bandnamen lautete übri¬
gens „Missing Nora“. Wir haben damals auch unsere erste Pro¬
be live aufgenommen und spielen das Tape bei unseren Auftritten
jetzt immer Playback ab.
Wie lange müssen wir noch auf die erste Scheibe der MISSING
SHADOWS warten?
Die Scheibe heißt „Western Waste“ und wird zu haben sein, wenn
dieses Interview hier zu lesen ist. Es ist ein Co-Release von P.Trash
Records, Matula Records und Drugcontrol.
Wird der Superhit „Burn-out at a holiday“ auf der Platte sein?
Der war zum Zeitpunkt der Aufnahmen noch nicht fertig, aber
vielleicht wird er ja auf einer Splitsingle mit der GRIZZLY ADAMS
BAND zu finden sein. Bei uns steht jedenfalls bald wieder ein Stu¬
dioaufenthalt an.
Was für ein Merchandise-Großkonzern seid ihr eigentlich,
DIES ODER DAS?
O’DEATH
Wer sagt denn, dass urbane Musik aus einem Gro߬
stadtmoloch und folky Tunes aus einer staubigen
Scheune am Arsch der Welt kommen muss? Im Fal¬
le von O’DEATH ist es genau so: Aus der Nachbar¬
schaft von THE WORLD/INFERNO FRIENDSHIP SO¬
CIETY und GOGOL BORDELLO kommt ein Fünfer, der
auf „Head Home“ (City Slang) auf sehr angenehme
Weise ein großstädtisches Country-Folk-Album ein¬
gespielt hat, das Nick Cave mit den VIOLENT FEM-
MES, Shane MacGowan mit Neil Young, Punkrock mit
Polka verbindet. Sänger und Gitarrist Gregory Jamie
entschied sich für uns ...
Brooklyn or Nashville?
Brooklyn is our musical home. Weve played maybe hund-
reds of shows, fm not sure. Obviouly this place makes sen-
se to us. Ive only beeil to Nashville a couple times and it’s ok
but 1 know nothing about it.
Polka or Punk Rock?
These two together would be perfect. „It’s kinda likc ’polka
punk“‘, they’d say.
Hillbilly or Redneck?
Hillbilly.
Bob Dylan or Shane MacGowan?
Dylan kissing Shane listening to a Neil Young record.
Whiskey or Whisky?
I’ve been informed that one is the Irish and one is the Ameri¬
can Southern when I inquired to Gabe of O’DEATH. He has a
wealth of knowledge.
Life or Death?
I know you want me to say death, but only it envigorates
life.
Intelligentsia or Proletariat?
Stop it.
Bluegrass or Supergrass?
Bluegrass
Ukulele or Stratocaster?
Ukeleie is my honey. I like it's sound very much when strut-
ted hard, when attacked. What a sound.
Right or wrong?
Wrong, cause it's cool to be bad, and rock and roll and etc ...
Joachim Hiller
dass ihr jetzt schon mehr heißen Scheiß im Programm habt,
als wir in knapp zehn Jahren zustande gebracht haben?
Außer sommerlicher Bekleidung bieten wir auch immer viel
Obst an. Die Gesundheit des/der Punkrockers/in liegt uns also
am Herzen und das motiviert natürlich zu einem umfassenden
Merch-Angebot.
Diesen Links-Rechts-Effekt der beiden Gitarren, die immer so
hin- und herspielen, habt ihr diese Supertechnik erfunden?
Redet ihr nach all den Jahren vielleicht schon manchmal so ...
immer abwechselnd jeder ein Wort?
Die Technik stammt von den Cowboy-Zwillingen aus der Se¬
samstraße, die immer Musik hören wollten. Die Quietsch-Boys
sind daran gescheitert. Spaß beiseite. Nur aufgrund mangelhaf¬
ten Equipments ist es uns gelungen, diese Technik zu perfekti¬
onieren. Und ob wir uns so unterhalten? Wir reden eigentlich
nicht miteinander.
Was war bei den Frohnes früher im Essen, dass heute gleich
zwei Familienmitglieder als Punkrocker aktiv sind?
Wir haben immer zu hören gekriegt: „Werdet was Anständiges!
Werdet Punkrocker!“ Und wer tut nicht das, was die Eltern ihm
sagen, gell?!
Liebe GRIZZLY ADAMS BAND, was macht Grizzly Adams, der
Typ aus der TV-Serie, eigentlich heute?
Lange ausschlafen und ausgiebig frühstücken mit O-Saft und
Rührei. Dann mixt er sich einen Drink, legt sich auf das Bärenfell
vor dem Kamin und lässt sich von seiner Oma verwöhnen.
Wie bringt ihr eure Proben zustande, wo ihr doch mittlerwei¬
le über ganz Norddeutschland verteilt seid?
Unsere Proben unterliegen einem strengen Terminplan. Wir
treffen uns alle drei Monate in einer norddeutschen Stadt unse¬
re Wahl.
Seid ihr - außer Jan, der oft mit DUESENJAEGER unterwegs ist
- alle stark heimwehanfällig oder warum habt ihr in fast neun
Jahren Bühnenpräsenz noch keine Tour zustande gebracht?
Wir sind nicht so belastbar! Und natürlich ist es eine Frage des
Geldes. Wenn der feine Herr Frohne per DUESENJAEGER reist,
BLIND DATE MIT... MIT
Heute ist mein letzter Tag, um das Blind Date mit MIT ab¬
zutippen, einem lustigen Krawalltrio aus Köln, das DAF
und HANS-A-PLAST kennt und auf ihrer EP „Deine El¬
tern“ und der Single „Goodbook“ (beide auf hauteareal.
de erschienen) mit Moog und diverser anderer Elektronik
hübsch hysterischen wie seltsamen Elektrotanzpunk pro¬
duzierten. Diktiergerät an und schon stehe ich mit Kube
wieder in Köln und warte auf Edi und Tamer von MIT.
„Leben heißt sterben lernen“, Rocko Schamoni
Edi (nach ca. einem Takt): Rocko Schamoni? Erkenne ich sofort.
Das habe ich früher immer im Jugendzentrum mit meinen Chefs
gehört. Die waren alle Rocko Schamoni-Fans. Ich hab das auch
gerne gehört. Das war so die „Fast Forward“-Zeit mit „Geld ist
eine Droge“ und so. Find ich gut.
Tamer: Finde ich auch gut, kenne aber noch nicht so viel davon.
Edi: Finde ich witzig. Hat der was Neues draußen? Der spielt doch
auch bald im Stadtgarten in Köln, oder war das schon? Wir haben
das früher immer gespielt, um die Kinder zu beruhigen. Ich hab
an der Theke gearbeitet. Da habe ich Zivildienst in Holweide, ei¬
nem Brennpunkt, gemacht und dort liefen sonst immer nur Eins
Li-ve oder Aggro Berlin auf den Handys.
„Disco-Stress“, Udo Jürgens
Edi: Das ist aber schon was älter, oder? Hahaha „Disco-Stress“?
Das könnte von uns sein.
Tamer: Ist das Udo Jürgens? Den kann man immer mal hören
Edi: Das kann ich sofort mitsingen. Ich dachte erst, das wäre An¬
dreas Dorau. Wer hat denn die Musik gemacht? Doch bestimmt
nicht der Udo. Frank Farian bestimmt, haha.
Tamer: Das muss ich sofort haben.
Edi: Ja, auf Vinyl. Muss ich sofort kaufen.
„Lifechange“, WHIRLPOOL PRODUCTIONS
Edi: WHIRLPOOL PRODUCTIONS. Die haben’s voll drauf. Nies¬
wandt und Köhncke ... da sind wir up to. Leider gab es noch kei¬
nen Remix für uns ... den können wir uns nicht leisten.
Tamer: Die sind teuer.
Edi: Super Lied.
Tamer: Mag ich auch. Wir brauchen auch mal so einen Vocoder.
Kennt ihr noch das Lied von Cher, wo sie so einen schreckli¬
chen Vocoder benutzt hat?
Edi: Ja, au weia. Wie hieß das noch? „Believe"? Ich fand das gut
gemacht, aber ich konnte das nicht lange hören. Danach kam
dann ja auch erstmal lange nichts mehr, haha.
Tamer: Madonna hat ja auch einen benutzt.
Habt ihr viel Bezug zu Pop, also auch was die Charts angeht?
Tamer: Klar, total. Ich höre eigentlich nur Pop.
„Les Cactus“, LOLITAS
Edi: NIRVANA?
Tamer: Oooh, französisch!
Edi: STEREO TOTAL! Fran^oise Cactus.
Tamer: Das hört man sofort raus.
Du bist auf dem richtigen Weg, aber die sind es nicht,
Tamer: Ist das ein Nebenprojekt?
Edi: Ist sie das solo?
kann er auch mal zum Abendessen nach Hause fliegen. Aber wir
dürfen ja nie mitfliegen und außerdem hat von uns auch keiner
einen Lappen für die Kiste.
Macht ihr mit uns eine Tour?
Mit euch doch immer!
Warum sind es immer die Bassisten, für die Aushilfe gesucht
werden muss?
Unser Bassist Alex hatte die Angewohnheit immer mal an länge¬
ren Kaffeefahrten teilzunehmen. Da war zu unserem Glück im¬
mer Herr Neumann [ebenfalls DUESENJAEGER - Anm. des Ring¬
richters] zur Stelle und vertrat Alex wie eine Eins.
Warum tragen bei euch nur Lui und Christian Sonnenbrillen?
Weil die anderen auch ohne Brille verdammt gut aussehen.
Wo bleibt der Major-Vertrag?
Bisher haben wir alle Angebote abgelehnt! Wir legen mehr
Wert auf das Zwischenmenschliche und sind mehr so die Do-It-
Yourself-Typen.
Wann kommt die Splitsingle mit den MISSING SHADOWS
raus?
Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 2007.
Was habt ihr eigentlich gegen Disco?
Gar nichts, wieso?
Ringrichter: Bernd Fischer grizzlyadamsband.de
themissingshadows.de
Die Band ist Prä-STEREO TOTAL
Tamer: Da waren die noch cool, weil die noch keiner kannte.
Edi: Find ich cool. Die habe ich auch immer mit meinen Chefs ge¬
hört. Ich hätte da auch gerne weiter gemacht, aber irgendwann ist
Schluss. Das war aber echt ’ne gute Zeit.
Tamer: Ja, bei mir nicht. Ich habe morgen meinen letzten Tag
und ich werde mit einem Paukenschlag gehen.
Du kannst doch morgen total besoffen und fertig auftauchen.
Tamer: Das habe ich so oft gemacht, das schockt die nicht mehr.
Edi: Meine Chefs finden das bestimmt witzig, wenn die lesen, wie
oft sie erwähnt werden. Der eine hat nämlich ein Ox-Abo.
Das waren die LOLITAS. Fran^oise hat da Schlagzeug gespielt
und gesungen.
Edi: Super. Singende Schlagzeugerinnen finde ich gut.
Das Lied ist eine Coverversion und DIE GOLDENEN ZITRONEN
haben mal eine deutsche Version davon gemacht.
„Berlin“, IDEAL
Edi: IDEAL. Ich habe mir mal die Platte für zwei Euro gekauft, sie
dann gehört und konnte die Parallelen zwischen unseren Bands
sehen und verstehen, warum wir in vielen Reviews mit ihnen
verglichen werden. Ein Einfluss waren sie aber nicht. Das denken
viele, bei mir ist das aber nicht so.
Was sind denn eure Einflüsse?
Tamer: Deutsche Sachen, so Düsseldorf-Musik. D.A.F. und FEHL¬
FARBEN.
Edi: Bei mir sind das eher aktuellere Sachen wie VON SPAR, LI-
ARS, HOT HOT HEAT und so was. Gutes Lied. Schade, dass die
Humpe jetzt nur noch Scheiße macht. Beide Humpen, haha.
„Arbeit macht frei“, LIBERTINES
Edi: Aha, LIBERTINES. Haben wir lange Zeit viel gehört.
Tamer: Ich war sogar noch auf deren letzten Konzert, als sie hier
waren ... allerdings ohne Pete Doherty.
Edi: Super Lied und eine sehr gute Platte.
Tamer: Das erste Album fand ich aber noch besser.
„Never let me down again“ (DIGITALISM Remix),
DEPECHE MODE
Edi: Fängt auf jeden Fall gut an. Klingt sehr französisch, muss ich
sagen ... Ah, das sind DEPECHE MODE mit „Never let me down
again“. Hab ich auf jeden Fall schon mal gehört. Das ist ein deut¬
scher Remix, oder? DIGITALISM ... super. Mag ich auch sehr ger¬
ne. DAFT PUNK sind da sicher ein großer Einfluss und ich bin
ganz gespannt auf die Platte.
Timbo Jones mitmitmit.net
OX-FÄNZINE 10
VÄRIOUS ARTISTS
WAS MACHT EIGENTLICH ...
KIRA ROESSLER?
Zuletzt konnte man die ehe¬
malige BLACK FLAG-Bas-
sistin (und beinahe MARS
VOLTA-Tour-Bassistin) mit
UCLA-Abschluss in höhe¬
rer Mathematik und einem
Hang zur Firma Rickenba-
cker in „American Hard-
core“ über die guten alten
Zeiten plaudern sehen -
oder auch in „We Jam Eco¬
no: The Story of the MINU¬
TEMEN“ aber ansonsten
scheint sich die Frau, die
manche Leute für eine der
besten Bassistinnen hal¬
ten, in der Musikszene rar
gemacht zu haben.
Bei BLACK FLAG wirkte die 1961 geborene Schwester von Paul
Roessler (ein Veteran der L.A.-Punkszene, der u.a. bei den SCRE-
AMERS und DC3 gespielt hat) auf fünf Platten als direkte Nachfol¬
gerin von Chuck Dukowski mit und war danach hauptsächlich als
eine Hälfte der Band DOS aktiv, zusammen mit ihrem ex-Mann
Mike Watt, deren künstlerische Zusammenarbeit sich auch nach
deren Scheidung 1994 fortsetzte und 1996 dann zum bisher letz¬
ten DOS-Album „Justamente Tres“ (Kill Rock Stars) führte. Doch
seit 2003 bastelt man wohl an einem neuen DOS-Album, das tat¬
sächlich dieses Jahr mal erscheinen soll - 2004 bestritt man auch
schon mal eine Mini-Tour in den Staaten und spielt jeden Dezem¬
ber in San Pedro eine Benefizshow für die gemeinnützige Wohl-
fahrtseinrichtung Toberman Settlement House.
Dass Kira ansonsten kaum noch musikalisch in Erscheinung tritt,
hat hauptsächlich mit ihrem zeitraubenden regulären Job zu tun,
denn nachdem sie Datenbanken programmiert hatte, konnte sie
im Filmgeschäft Fuß fassen und arbeitet seit Mitte/Ende der 90er
als Sound- bzw. Dialog-Editor für größere und kleinere Filmpro¬
duktionen, darunter etwa „Blade: Trinity“, „Sbooter", „Confessi-
ons Of A Dangerous Mind“ oder „Insomnia“. Das bedeutet, dass
sie Reparaturarbeiten an den Tonspuren von Filmen durchführt
und zura Beispiel bei unverständlichen Worten bestimmte Sil¬
ben durch andere „saubere“ Dialogstellen austauscht, denn in
den Staaten wird in der Regel mit Originalton gedreht und nichts
nachsynchronisiert, denn der Amerikaner reagiert sehr ungehal¬
ten, wemi etwas nicht wirklich lippensynchron ist.
Ein Shakira-Fan der ersten Stunde, bevor Shakira überhaupt je¬
mand kannte, ist Frau Roessler übrigens auch noch, was aus ih¬
rem Interesse für die spanische Sprache und dem fleißigen Hören
spanischer Radiosender resultierte, und ich kann mich da ihrer
fundierten Meinung nur anschließen, dass die Kolumbianerin das
mit der englischen Sprache besser lassen sollte ... Ansonsten freu¬
en wir uns auf ein vielleicht doch noch mal dieses Jahr erschei¬
nendes neues Album von DOS, der Band mit den zwei Bässen.
Thomas Kerpen
CHRIS S. VON PHASED
ÜBER NOISE - LÄRM - INDUSTRIAL - DRONES
Was hat es auf sich, dass einige unter uns den Lärm, Geräusche als musikalisch, andere ihn als unerträglich empfinden?
Ich lebe mit meiner Freundin zusammen, und diese findet es befremdend, dass sie Baustellengeräusche von Tönen aus
unseren Lautsprechern nicht unterscheiden kann. Zeit, dem Phänomen Noise nachzugehen ...
Als die Punks dachten, sie würden neue Musik machen, da haben andere viel radikaleren Krach ge¬
macht, ohne Akkorde und ohne musikalische Grundkenntnisse überhaupt - THROBBING GRISTLE,
die Erfinder des Industrial. Doch waren sie nicht die Ersten, welche bei Geräuschen an Musik dach¬
ten. Vor ihnen die Herren Stockhausen, Henry, und andere — Musique Concrete, Dada. Doch erst mit
dem Industrial wurde der Noise ein akzeptables Element der Populärmusik. Und heute gelten Ma¬
rilyn Manson und NINE INCH NAILS als Industrial und verkaufen Millionen. Die Krachmacher von
heute machen dagegen Harsh Noise, experimentelle Elektronik, Drones.
Drone, eintöniges Summen, Dröhnen und Brummen, ist mittlerweile durch Bands wie SUNN0))),
EARTH und SLEEP auch im Metal ein Begriff. Waren die Lärmkünstler früher eher eine in sich ver¬
schworene kleine Gemeinschaft, ist es heute dank Laptop zu einem Massenphänomen geworden.
Täglich neue MySpace Friend Requests von Gleichgesinnten; überall wo man auftritt Kollegen, die
Tonträger mit dir tauschen wollen; junge und alte Künstler arbeiten mit Geräuschen und erstellen
Klanginstallationen in Galerien und Museen. Noise overload!
Doch wie entsteht die Liebe zum Geräusch? Als Kind, als ich bei meinen Großeltern zu Besuch war,
da kamen wir bei sonntäglichen Spaziergängen immer an diesen Fabriken vorbei - Rohre, dampfen¬
de Leitungen, seltsame, sich bewegende Hebel. Das hat mich fasziniert. Ich denke, dass in der Welt
der Geräusche auch etwas Ursprüngliches widerhallt, und dass es auch so etwas wie natürliche Musik gibt, man denke nur an das Ge¬
räusch einer Brandung. In seiner Monotonie wiederholt es sich nie, und es nervt auch nach etlichen Stunden nicht!
Früher dachten die Astronomen, dass die Planeten in mechanischen Bahnen um die Erde kreisten und dabei eine so genannte Sphären¬
musik erklang. Gar nicht so unrecht: ich besaß einmal eine CD mit Geräuschen, welche die Voyager-Sonden aufgenommen haben - di¬
rekt im Weltall! Natürlich sind das elektrische Frequenzen und so Zeug, nicht wirkliche Musik oder Geräusche, welche tatsächlich im
All klingen. Aber immerhin, sie sind da, irgendwo, irgendwie, und sie klingen schön, in meinen Ohren.
Nun ist ja unsere Industriegesellschaft auch eine Lärmgesellschaft. Ständig Geräusche, überall. Dauerberieselung durch Musik in der
Disco, der Bar, dem Kaufhaus. Kein Entrinnen. Tinnitus für alle! Liegt es da nicht nahe, mit diesen Geräuschen zu arbeiten, sie in Mu¬
sik umzusetzen? Oder sind wir verhaltensgestört? Gesellschaftsgeschädigt? Ich hab keine Ahnung. Für mich ist Britney Spears unerträg¬
licher Krach; BAD RELIGION lahmer Muzak; D.S.D.S. Müll in den Ohren. Dafür dreh ich bei ELECTRIC WIZARD voll ab, schiebe John
Duncan in den CD-Player, um zu Entspannen, oder mache es mir mit meiner Freundin bei SPECTRUM gemütlich im Bett. Es lebe der
Noise! Chris S. phased.ch
(Chris S. macht als b°tong düstere ambiente Klangflächen, hebt mit PHASED ab in spacige Stoner Doom-Welten.)
DAS OX VOR 10 JAHREN: #27
JUGENDSÜNDEN
Das Cover: Illustriert von
Tomi Riionheimo, Inhaber
von „Indie Films“ und viel¬
leicht dem ein oder anderen
ein Begriff durch seine Zeich¬
nungen für ELÄKELÄISET.
Facing the technical
facts: 24 Mitarbeiter füllen
124 Seiten, die 6.000 Mal für
je 6,90 DM veröffentlicht wer¬
den. Der Vergleich zu #26: -1,
+8, +0, +0,00.
Schlagzeilen:
- Die großherzigen Neffen
von GG Allin, SICK, SUCK
AND FUCK, schlagen der
jüngst dramatisch aufgelösten
Schlampen-Band TIC TAC TOE den überaus solidarischen Deal
vor, ihren Namen zu übernehmen: „Der passt sowieso besser zu
ihnen, und wir wollen dafür einfach nur viel Geld und natürlich
Vorverhandlungen mit Sekt und Kaviar auf Muttis Couch.“
- TEXAS IS THE REASON haben sich aufgelöst. JAWBREAKER
auch.
- SAMIAMs Major-Debüt „Clumsy“ floppt total! Also zurück zu
Burning Heart.
- Helge Schreiber läuft zum Plastic Bomb über, Tom Van Laak von
Radio Blast Recordings wechselt vom Plastic Bomb zum Ox.
- Gegendarstellung: Die in der Bravo 3/97 abgedruckten Altersan¬
gaben der vier sympathischen Kreuzberger der TERRORGRUPPE
entsprechen absolut der Wahrheit.
Interview-Zitate:
Jello Biafra: „Daß die anderen drei die DEAD KENNEDYS refor¬
mieren wollen, ist ziemlich unwahrscheinlich. Wir haben uns
nach acht Jahren aufgelöst, bevor wir anfingen Scheiße zu sein,
also warum eine Reunion? Nein, das wäre so schmerzvoll für
mich. Es wäre lächerlich, die alten Zeiten wiederzubeleben, in
denen wir darüber sangen, wie beschissen die alten Zeiten doch
waren.“
DAYGLO ABORTIONS: „Jimbo kotzt gelegentlich in einen Eimer
und kippt den Inhalt dann ins Publikum. Anschließend wird mit
dem Feuerlöscher hinterher gespritzt, hehe.“ Auf die Frage, wie
sie mit Verfechtern des Political Correctness-Gedankens klarkom¬
men: „Hahahahuhu, bruharharharhihihi, hohohohoooo ...“
Andreas Michalke: „Wenn man in einen Comicladen geht, fühlt
man sich ja fast wie in einem Pornoladen. Nur Typen, die in ir¬
gendwelche Heftchen reinglotzen, wie ,Druuna‘ und so ’n Kack.“
Und: FIXTURES, LOS ASS-DRAGGERS, ALTERNATIVE TENTAC-
LES, BLOW HARD, NEW RED ARCHIVES & UK SUBS, MILITANT,
TRANS AM, X-ACTO, Vegane Offensive Ruhrgebiet, SPIDER BA-
BIES und Mike Kuchar
Im Soundcheck (Die Ox-Geschmax-Control): 1. MAI 87
- Fohlenwurst | ATARI TEENAGE RIOT - The Future Of War |
BEATSTEAKS - Berlin Made 48/49 | THE BUSINESS - The Truth
| CAPTAIN NOT RESPONSIBLE - Ship Of Fools | CHOREBOY
- Good Clean Fun | DEVIL IN MISS JONES - Riverside | GORE
SLUT - Heaven Hotel Presents | HANKSHAW - Nothing Personal
| MUSTARD PLUG - Evildoers Beware | NO REDEEMING SOCIAL
VALUE - Hardcore You Lousy Ass Off | OBLIVIONS - Play Nine
Songs With Mr. Quintron | ONE HIT WONDER - Outfall | OXY¬
MORON - The Pack Is Back | PRIDEBOWL - Where You Put Your
Trust | RADIO BAGHDAD - Hooked On Ebonics | SCATTERGUN
- Bombshell | SCREW 32 - Under The Influence Of Bad People j
SLICK - Electric Babyland | VICE BARONS - Steel Blue Moods
Weltreisen: California Dreaming - Ox goes America | Esto es
esplendido! - Punkrock in Mexiko | Auf in die Berge — Snow-
boarding is not a crime! | Carhalo! - Internetsurfen nach Bra¬
silien
Neue Rubrik: Das große Gigium mit Tom van Blast!
Blind Date: Die CHEEKS erkennen 10 von 10 Songs! Oder sa¬
gen wir 9 1/2 von 10.
Ausgabe immer noch erhältlich? ja.
Mario Turiaux
PUNKROCK IN ... MAINZ ..
MARTIN BUSSER
Seit über einem Jahr woh¬
ne ich nun in Mainz. Mei¬
ne ersten Eindrücke: FSV
Mainz 05, ein einzigartiger
Dom, eine fahrradfreundli¬
che Stadt, der Rhein, der
als geografische und kul¬
turelle Grenze betrach¬
tet werden kann, die Re¬
duit als traditionelle Ska-
Metropole und das Haus
Mainusch als alternati¬
ve, nichtkommerzielle Punk-Subkultur, nebst einer heimi¬
schen Musikszene, mit der ich einfach nicht warm werde,
wie auch mit der Mentalität der Rheinländer und der hes¬
sischen Nachbarschaft. Als ignoranter Oberpfälzer stol¬
perte ich über den Mainzer Ventil Verlag, der unter ande¬
rem auch die Ox-Kochbücher herausgebracht hat. Martin
Büsser, Verleger und Autor beim Ventil Verlag und Musiker
bei FAMILIE PECHSAFTHA, stand mir in Sachen Punk¬
rock und Mainz, Rede und Antwort.
Was gefällt dir an deiner Stadt - und was überhaupt nicht?
Mainz ist zu provinziell und zu frohsinnig mit seinen Tausen¬
den von Weinstuben und dieser typisch rheinischen Gemütlich¬
keit. Vor allem die Fastnachtswoche ist die Hölle. Dummerweise
haben die Mainzer die Angewohnheit, in der warmen Jahreszeit
jede Woche ein Fest oder einen Jahrmarkt im Fastnachtsstil zu fei¬
ern. Positiv am Provinziellen ist, dass alles dicht beieinander liegt.
Freunde verlieren sich so schnell nicht aus den Augen.
Seit wann wohnst du hier? Warum?
Seit zehn Jahren. Weil hier die Büroräume vom Ventil Verlag sind,
wir uns da also vorerst niedergelassen haben.
Welches Stadtviertel ist das Beste?
Von den Kneipen her die Neustadt, von den Geschäften her, Kla¬
motten, Platten und so weiter, die Altstadt.
Was ist der beste Konzertort in deiner Stadt?
Das variiert. Bis vor einem Jahr war das definitiv das „Schick und
Schön“ im Südbahnhof. Die mussten zumachen und haben nun
einen neuen Ort, wo sie keine lauten Konzerte mehr veranstalten
können. Inzwischen muss man für gute Konzerte nach Wiesbaden
in den Schlachthof oder nach Darmstadt in die Oetinger Villa.
Was ist die beste Kneipe?
Es gibt ein paar kultige Weinstuben. Im Weinhaus Blum hat sich
seit den wilden 1968er-Zeiten nichts verändert. Die Punkrocker
zieht es ins Hafeneck in der Neustadt, das vom ehemaligen FROH-
LlX-Sänger betrieben wird. Wer auf eine zu volle Kneipe mit zu
lauter Musik steht, ist da bestens aufgehoben.
Und der beste Plattenladen?
Teenage Wasteland in der Kapuzinerstraße ist absolut unterstüt-
zenswert. Ein Mix aus Platten- und Secondhandladen für Möbel.
Wo würdest du gerne wohnen?
In einer Stadt, die eine bessere Konzertkultur hat und mehr Kinos
als Mainz. Wenn ich jetzt aber Berlin schreibe, wäre das ziemlich
abgeschmackt, oder?
Simon Brunner pechsaftha.de
ventil-verlag.de
MIXTAPE
... von Jochen Böllath, 35
Jahre, kommt aus Wei¬
den, Bayern. Er spielt Gi¬
tarre bei DUSTER 69 und
ist Labelboss von Dare-
devil Records und hat
ein Mixtape zusammen¬
gestellt. Das heißt: Ei¬
gentlich hat er uns sei¬
ne zehn Liebiingsaiben
komplett überspielt: „Ich
nehme zehn Alben, da
für mich immer der Ge¬
samteindruck eines Al¬
bums wichtig ist, nicht
der einzelne Song. Dar¬
um zehn Tapes..."
1. DANZIG „III How The
Gods Kill": Eine der dreckigsten und ehrlichsten Rockplat¬
ten überhaupt.
2. ONLY LIVING WITNESS „Innocents“: Selten hat eine
Band so viel Groove und Intensität auf einem Album vereint,
leider vollkommen unterschätzt und nie gewürdigt!
3. WHITE STRIPES „Get Behind Me Satan": Trotz viel Spie¬
lereien und neuer Einflüsse ein Meisterwerk mit überragen¬
den Songs
4. PORTISHEAD „Dummy“: Das ist auch nach all den Jah¬
ren eine der intensivsten Platten aller Zeiten. Absoluter Klas¬
siker!
5. LIFE OF AGONY „Ugly“: Lebt durch die großartigen Melo¬
dien von Keith Caputo. Jahrhundertwerk!
6. MORBID ANGEL „Domination“: Death Metal in Perfek¬
tion!
7. UNIDA „El Coyote": Ein Hit-Feuerwerk um den Ex-KY-
USS-Sänger John Garcia. Produziert von Rick Rubin, leider
nie erschienen. Die mit Abstand beste Stoner-Rock-Band
8. Johnny Cash „IV The Man Comes Around“: Dazu muss
man wohl nicht viel sagen. Sagenhafte Stimmung.
9. MISFITS „Earth A.D.“: Immer noch die Punkplatte über¬
haupt. Immer noch unerreicht.
10. DEFTONES „White Pony": Hier vermischt die Band Me¬
lodie und Härte in einer nie zuvor gehörten Art und Weise.
Beeindruckt immer noch! duster69.com
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„Klassikbuden“-Kolumne im Ox-Fanzine sowie bei JIMMY KEITH & HIS SHOCKY HORRORS selbst
als Musiker aktiv, hat seine Ox-Kolumnen unter dem Titel Raketen in Rock - 33 1/3 Platten für die
Ewigkeit zusammengefasst.
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gänzt. Wert gelegt wird auf
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Größen) geht alles.
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Wenn du die in einer Größe größer nimmst als deine normalen Chucks, fährst du sicher am besten:
36=3 I 37=4 I 38=5 I 39=6 I 40=7 I 41=8 I 42=8,5 I 43=9 I 44=10 I 45=11,5 I 46=12 I 47= 13
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□ ... der Ox-Schuh zu 30 Eurot in Größe_mit schwarzer/weißer Kappe
□ ... folgende Ox-Einzelhefte ZU je 5 Euro: _ (In-und Auslandsporto inklusive!)
Und so bezahle ich:
□ Ich erteile für den Betrag von_Euro eine Einzugsermächtigung (nur für
Konten bei einer Bank in Deutschland!), die ich jederzeit widerrufen kann.
Wenn mein Konto nicht ausreichend gedeckt ist, ist meine Bank nicht ver¬
pflichtet, den Betrag einzulösen. Für die Gebühr von bis zu 10 Euro bei
Nichtbezahlung komme ich auf.
Konto-Nr.:_ BLZ_
□ ... das Ox-Startpaket für 7 Euro (In-und Auslandsporto inklusive!)
□ ... das Ox-Spezialpaket für 10t Euro mit Nr._ _ (Ersatz angeben)
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Name der Bank:_
Datum:_ Unterschrift:_
(Bei nicht Volljährigen die des Erziehungsberechtigten)
□ Ich habe den Betrag von _ Euro auf Konto Nr. 451410-437,
Postbank Essen, BLZ 36010043 (Inh. Joachim Hiller) überwiesen.
Bestellbedingungen:
•Aus dem Ausland nur Bezahlung per Vorabüberweisung (IBAN: DE03 3601 0043 0451 104 37, BIC: PBNKDEFF),
Kreditkarte (Bitte Name, Nummer, gültig bis sowie Sicherheitscode -3 Ziffern auf der Rückseite im Unterschriftsfeld-
per Brief oder Fax an +492104.810830) sowie per paypal an redaktion@ox-fanzine.de.
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OX-FANZINE 13
KOLUMNEN
ALT BIN ICH, WENN ICH MICH
NICHT MEHR AUFREGE.
Opferverhöhnung ist das Schlimms¬
te, was es gibt „Herr Polizist, er
wollte dass ich ihn totschlage, ehr¬
lich! Er hat mich gebeten, ihn aus¬
zurauben, er wollte es!“ Es gibt Ver¬
brecher, die mit so was durchkom¬
men, und der AHerschlimmste sitzt
im Vatikan.
Anlässlich seines Besuchs in Brasiliens hat es der Herr Ratzinger
doch tatsächlich fertig gebracht, den Ureinwohnern Südamerikas
zu unterstellen, sie hätten es ja eigentlich gut gefunden, von den
Spaniern und Portugiesen mal so richtig schön durchmissioniert zu
werden. Klar, dabei sind ein paar Millionen Menschen krepiert - tot¬
geschlagen, verhungert, an eingeschleppten Krankheiten zu Grun¬
de gegangen, aber die kamen doch in den Himmel. Und was woll¬
ten die auch alle mit dem blöden Gold, die konnten damit doch eh
nichts anfangen, während es Europa in Kirchen und Palästen we¬
nigstens gute Verwendung fand?
Papst Benedikt XVI., ein großer Denker vor dem Herrn, hat jeden¬
falls bei der Eröffnung der lateinamerikanischen Bischofskonferenz
erklärt, den Ureinwohnern sei durch die Verkündigung des Evan¬
geliums keine fremde Kultur aufgezwungen worden. Die Indige-
nas hätten die Christianisierung vielmehr „still herbeigesehnt“. Eine
komplett absurde Theorie, die wohl nur von einem Kerl kommen
kann, der sich sein Hirn schon in jungen Jahren durch intensives
Weihrauchsniffen zu Grütze gemacht hat. Und jetzt warten wir dar¬
auf, bis der Papst den Juden mal den Holocaust erklärt. Am Ende hat
er dafür ja auch noch eine innovative, kuriose Erklärung.
Der Aufschrei in den europäischen Medien bÜeb übrigens aus, al¬
lein Venezuelas Präsident Chavez (selbst allerdings auch kein Hei¬
liger) sprach aus, was der Papst da versucht hatte zu relativieren:
„Hier hat ein Völkermord stattgefunden.“ Wer bislang immer noch
nach einem Grund sucht, endlich seine Zwangsmitgliedschaft in ei¬
ner christlichen Kirche zu beenden, muss seinen Verbleib in diesem
Verein jetzt jedenfalls noch besser begründen.
Wenn ihr dieses Heft in den Händen haltet, dürfte die G8-Lach¬
nummer gerade beendet sein, wird der monströse Zaun wieder ab¬
gebaut, hinter dem sich die Herrscher der Welt vor ihren Unterta¬
nen versteck(t)en. Was für eine Symbolik! Meine Vision: Heiligen¬
damm zum Volksgefangnis machen! Ein Zaun, der Leute draußen
halten soll, funktioniert auch von der anderen Seite: Strom anlegen,
Selbstschussanlage, ein Wassergraben, passt. Kundiges Wachpersonal
sollte sich auch finden lassen, die Arbeitslosenquote da an der Ost¬
seeküste soll ja recht hoch sein, und ein paar Ex-DDR-Grenzer sit¬
zen sicher bis heute in ihrer Datsche und grämen sich ob der Verlus¬
tes ihres schönen Jobs, Dann noch die Besucher des Davoser „World
Economic Forum“ noch mit dazusteckt und den Internationalen Ge¬
richtshof ebenfalls in Heiligendamm ansiedeln. Dann hat man die
Leute griffbereit, die außerhalb demokratisch legitimierter Organi¬
sationen den Reichtum der Welt verteilen.
Bleibt die Frage, ob die Welt dadurch besser, gerechter und fried¬
licher würde. Ich fürchte nicht. Billige Rachephantasien wie oben
nützen letztlich gar nichts, Veränderung fängt zuhause an. Und wer
den Glauben daran, dass Wahlen etwas verändern, nie hatte oder
längst verloren hat, sollte sich auf das besinnen, was der Kapitalis¬
mus seinen Jüngern niemals nehmen wird: Die Möglichkeit, das
Geld in einen Kanal seiner Wahl zu lenken. Also kauft Bio-Lebens¬
mittel, verbraucht Ökostrom, schraubt Energiesparlampen in die
Fassungen, boykottiert Payback-Karten und seid wachsam.
Gute Nacht. Joachim Hiller
WESEL AM NIEDERRHEIN
... im Krieg ziemlich kaputt gegan¬
gen, danach recht lieblos wieder
aufgebaut, ist noch für ein paar Mo¬
nate meine Heimstätte. Diese nun
scheint von Ignoranten und Angst¬
beißern regiert zu werden. Von
Punkrock-Hassern allemal.
Dass man unliebsame Subkulturen nicht loswird, indem man ihre
Treffpunkte verbietet und sie verjagt, scheint bis zum Weseler Ord¬
nungsamt noch nicht vorgedrungen zu sein. Schon zum wiederhol¬
ten Male wurde jetzt ein Konzert im Weseler Barfly, einer kleinen
Kneipe mit Asi-Charme und super DJs, verboten, mit äußerst dürf¬
tiger Begründung. Meist aus Furcht vor Banlieue-artigen Krawallen,
die bis zum heutigen Tage allerdings ausblieben. Wahrscheinlich
aufgrund der außerordentlichen Präventionsarbeit der Stadt und des
Ordnungsamtes.
Naja, nicht ganz unschuldig war ein Konzert, das als Faux-pas des
Besitzers anzusehen ist, ein drittklassiger Oi!-Kracher irgendeiner C-
Prominenz-Band, die nicht im Vergleich zu dem steht, was sonst an
Veranstaltungen läuft. Nein, ich spreche nicht von dem COTZRAIZ -
Konzert. Nun, nichtsdestotrotz wurde an besagtem Abend das zele¬
briert, was man allgemein hin als „Stumpf ist Trumpf bezeichnet:
Taumelnde Azubi-Punker und Suff-demente Fleischmützen, Schlä¬
gereien mit dem anliegenden Amusementviertel und Scherben und
Scherben ... Dass die sonstigen Konzerte ein Hort des Friedens und
der Glückseligkeit waren, tut da nichts mehr zur Sache.
Daraufhin hat sich die Stadt Wesel zur Aufgabe gemacht, in blin¬
den Aktionismus zu verfallen und zu verbieten, was da so kommen
möge. MILLIONS OF DEAD COPS kamen da sehr gelegen, diese hielt
man für eine dem Ku-Klux-Klan nahe stehende Band, die John Way-
ne abfeiern als einen der ihren, als Nazi. Was man auch als sehr
konsequenten Antifaschismus betrachten könnte, ist in diesem Falle
aber totaler Schwachsinn.
Nun blickt der Niederrheiner nicht gerade auf ein Konzertmekka,
wenn er auf seinen Heimatlandstrich schaut. Die letzten zehn Jahre
waren da doch sehr dünn. Bis auf die ihr 25-jähriges Jubiläum fei¬
ernde Stockumer Schule, die doch gerade in letzter Zeit wieder Top-
Konzerte veranstaltet, ging eigentlich recht wenig zwischen Kleve
und Duisburg, wenn man das Haldern Pop-Festival mal außen vor
lässt. Aber vielleicht sollte ich es sportlich sehen und den Reiz des
Wettkampfes in den Vordergrund stellen.
Wie auch immer, falls sich jemand genötigt fühlt, dem Weseler Ord¬
nungsamt mal vor die Tür zu scheißen, ich habe nichts gesehen.
Dennis Bruns
DONNERWETTER!
Mir will partout nichts einfallen, wo¬
mit sich diese leere, mich um Wör¬
ter und Wortwitz anbettelnde Ko¬
lumnenspalte ausfüllen lässt. Mei¬
ne Egozentrik verbietet es mir aber
nichts abzuliefern. Was mache ich
nun?
Ich werde mit euch einfach übers Wetter reden. Richtig, übers Wet¬
ter! Das Stimmungsbarometer Deutschlands. An Belanglosigkeit
nicht zu überbieten. Wie komme ich darauf? Aufgrund des tollen
Frühlingsanfangs. Wie fange ich am besten an? Das Wetter ist ja im¬
mer so ’ne Sache. Jeder hat was dazu zu sagen, kann was dazu sa¬
gen, darf was dazu sagen und vor allem will jeder was dazu sagen.
Zuerst dachte ich, dass ist nur ein Thema, das nur von älteren Se¬
mestern aufgegriffen wird. In meinem Nebenjob, der mit gelben
Autos, die für Geld herumfahren, zu tun hat, darf ich mir näm¬
lich mehr oder minder freiwillig anhören, wie gut, schlecht, dröge,
traurig, schön, bewölkt, schwül, unangenehm, nasskalt, deprimie¬
rend, qualvoll und so weiter es mal wieder ist.
Das ist spannend, vor allem, wenn der Monolog mit der Floskel „Ja,
ne! Ja, zum Glück kann keiner das Wetter bestimmen, sonst gäb’ es
noch mehr Streit auf der Welt“ beendet wird. Wahnsinn! Wie ge¬
sagt, ich dachte, das sei nur ein Symptom unter Senioren. Frech ge¬
sagt, ein Symptom von geistiger Leere vielleicht. Man will über ir¬
gendetwas mit irgendjemanden reden, egal ob es der langhaarige
Hippie neben einem ist. Oder weil es das Einzige ist, was man mit
einem fremden, filzhaarigen Bombenleger besprechen will, wenn
man sich zur Kommunikation verpflichtet fühlt, um der unange¬
nehmen Schweigerei zu entgehen. Aber ich schweife ab. Ich musste
letztens mit Erschrecken feststellen, dass auch das „Jungvolk“, dem
ich mich, zumindest körperlich — oder sagen wir hier besser mei¬
nem Alter nach - zugehörig fühle, gerne und ausschweifend über
das Thema philosophiert.
Gut, bei dem Frühlingsanfang kann ich das verstehen. Alle sind
glücklich, hibbelig, aufgeregt. Man kann sich wieder mit Sonnen¬
brille in Szene setzen, egal bei welchen Lichtverhältnissen. Die Bier¬
gärten sind wieder geöffnet und man muss sich nicht mehr schä¬
men, öffentlich Alkohol zu konsumieren. Man kann sinnlos mit dem
Fahrrad durch die Gegend fahren (Tss, tss, reine Kalorienverschwen¬
dung!) und Eiscreme oder Gegrilltes in rauhen Mengen konsumie¬
ren (so kommen die Kalorien wieder zurück, ein Teufelskreis). Aber
da gibt es auch noch die — ich sage es ganz bewusst - Schattenseiten.
Diese zeigen sich dann, wenn sich die anfängliche Euphorie schnel¬
ler als einem lieb ist in das Gegenteil wandelt: Nämlich in blanken
Stress! Sollen wir nicht grillen gehen, sollen wir nicht spazieren ge¬
hen, sollen wir nicht „das schöne Wetter nutzen“?
Da frage ich mich: Warum nutzt man da nicht auch einmal das
schlechte Wetter? Dieses fühlt sich, wenn es so was zu hören be¬
kommt, bestimmt dem guten, dem besseren, dem überlegeren Wet¬
ter gegenüber minderwertig, sinnlos, gedemütigt, ja überflüssig!
(Nebenbei hegt das Gute, das Ästhetische, eigentlich im Auge des
Betrachters, aber ich gehe einfach von einem gesellschaftlich ge¬
stellten „Common Sense“ aus, der dieses „Gute“ für sich definiert.
Also keine Philosophie für Dummies mehr meinerseits!) Dabei hat
auch schlechtes Wetter so seine Vorteile: Die Felder und Gärten wer¬
den bewässert, man kann nutzlos auf dem Sofa rumlungern, seine
Zeit mit Trash-TV totschlagen, die Kinder bestrafen, indem man sie
bei Gewitter in den Wald abkommandiert („Das habt nun ihr da¬
von, wenn ihr nicht eure Zimmer aufräumt!“), oder einfach unge¬
niert schlechte Laune haben, rumzustänkern und das dann nachher
auf das Wetter schieben.
Was bleibt zum Schluss zu sagen? Eigentlich nur, dass man das Wet¬
ter keinem recht machen kann. Lieber Wetterfrosch, Petrus, Jörg Ka¬
chelmann oder wer sonst die schwere Bürde der Wettermacherei auf
sich nimmt: Selbst schuld, du bist am Ende der Dumme. Aber ich
danke dir. So habe ich meine Kolumne dennoch mit viel reden und
nichts sagen voll bekommen. Oder nein, das lässt mich schlecht da¬
stehen. Ich sage es wohl besser in den Worten von Wilhelm Busch:
„Darf der Gebildete nicht mehr unbefangen übers Wetter reden?“
Arndt Aldenhoven
SO EIN ZUFALL ABER AUCH ...
Hätte man das nicht anders ma¬
chen können? Wärst du mal lie¬
ber zu Hause geblieben! Wenn wir
das nur vorher gewusst hätten. Tja,
jetzt haben wir den Salat!
Als ich neulich mit dem Rad zur Arbeit fahre, streift mich ein Taxi,
als es mich mit überhöhter Geschwindigkeit riskant überholt, zwar
nur ganz leicht, aber doch genug, um mir einen gehörigen Schre¬
cken einzujagen. Als ich am Abend selbst mit dem Auto unterwegs
bin, fahre ich beinahe einen Radfahrer über den Haufen, weil ich
meine Augen nicht auf der Straße, sondern auf dem verdammt kur¬
zen Rock einer hübschen Passantin habe. Sowas passiert ständig und
überall in Deutschland, meistens geht es gut, manchmal kracht es.
Doch gerade an diesem Tag wird mir dadurch bewusst, welche un¬
scheinbaren Faktoren unser Leben beeinflussen und in völlig neue
Bahnen lenken können.
Wäre ich an besagtem Tag pünktlich aufgestanden, wäre ich fünf
Minuten eher als das Taxi an der besagten Stelle vorbeigekommen
und unsere Wege hätten sich nie gekreuzt. Hätte die junge Dame mit
dem kurzen Rock zwanzig Sekunden später das Haus verlassen, hät¬
te ich das Leben des anderen Radfahrers nicht gefährdet. Und wenn
sie sich dezenter angezogen hätte, sowieso. Das kann man natürlich
ewig so weiterspinnen und ich muss gestehen, dass es mir enorme
Freude bereitet, mir solche Zufallsgeflechte auszudenken.
Neulich habe ich gelesen, dass das sowjetische Raumfahrtpro¬
gramm zum Mond eingestellt wurde, weil eine Schraube in der
Prototyprakete locker war und das Ganze zum Explodieren brachte.
Eine Schraube! Eine von Zehntausenden. Wer weiß, vielleicht hätten
die Sowjets mit dem Wettlauf zum Mond auch den kalten Krieg ge¬
wonnen, Punkrock wäre nie entstanden und das Ox würde stattdes-
sen über usbekische Folklore schreiben. Wegen einer Schraube, die
ein Techniker nicht richtig festgeschraubt hat. Warum? Weil er müde
war. Warum? Weil er in der Nacht zuvor von einer Fliege wach ge¬
halten wurde. Und schon ist die Fliege am Ende des sowjetischen
Raumfahrtprogramms schuld.
Wenn man dann noch von Schuld sprechen kann, denn betrach¬
tet man solche Kausalketten, verschwimmen abstrakte Begriffe wie
Schuld und Ursache. Kann man natürlich ewig so weiterspinnen.
In irgendeinem neueren deutschen Film sagt einer der Protagonis¬
ten sowas wie: „Stell dir mal vor, wenn an dem Abend, an dem wir
gezeugt wurden, was Gutes im Fernsehen gelaufen wäre.“ Über¬
haupt, hätte ein anderes Spermium von den 300 Millionen die Eizel¬
le, aus der ihr entstanden seid, getroffen, wärt ihr eh nicht das, was
ihr seid. Das ganze Leben wird von winzigen Zufallen gelenkt und
aus der Bahn geworfen. Ich will nicht wissen, was aus mir gewor¬
den wäre, wenn mich OASIS damals mit neun Jahren nicht von der
Erhabenheit der Gitarrenmusik überzeugt hätten. Oder sollte ich lie¬
ber dem Programmdirektor des Musiksenders danken?
Wer auch immer mir also das Leben gerettet hat: Ohne ihn wür¬
de ich vermutlich jeden Samstag in die Großdiskothek fahren, eine
Kurzhaarfrisur tragen und Autos tunen. Einmal im Leben die richti¬
gen (oder auch falschen) Leute getroffen, und schon entwickelst du
dich zu einem völlig anderen Menschen und hörst beschissene Mu¬
sik. Und vielleicht wärt ihr gerade der Liebe eures Lebens begegnet,
wenn ihr nicht auf dem Klo sitzen und eure Zeit bei den Kolumnen
verschwenden würdet. Vielleicht wäre es ja das Mädchen mit dem
kurzen Rock gewesen, und wenn ihr mit ihm geredet hättet, hätte
ich meine Augen auf der Straße lassen können. Es bringt natürlich
nichts, sich die ganze Zeit darüber Gedanken zu machen, was gewe¬
sen wäre, wenn. Aber manchmal ist es ganz hilfreich, sich vor Au¬
gen zu halten, wie extrem alles miteinander verwoben ist, wie alles,
was man tut und auch alles, was man nicht tut, Konsequenzen hat.
Es hilft einem, den Wert der Dinge, die man hat, zu erkennen, denn
schließlich hätte auch alles ganz anders kommen können.
So, das reicht an Konjunktiven für heute. Denkt daran, dass ihr mein
Leben gefährdet, wenn ihr das nächste Mal ein Taxi ruft und erzählt
mir lieber von euren Kollisionen mit dem Zufall: piglatin@gmx.de.
Daniel Kroneberg
THE DYNAMITE RATTS
Eine wahre Geschichte über eine
erfundene Band
Teil 1: The Great Kinderzimmer
Swindle
Welcher kleine Junge träumt nicht davon, ein Rockstar wie sei¬
ne Hardrock-, Heavy Metal- und Punk-Ikonen zu sein. Anfang der
Achtziger Jahre sollte eine Band Weltrühm erlangen. Mit Wohnzim¬
merteppich, Legobaukasten, Matchboxautos, Playmobilmännchen
und Kuscheltieren wurden THE DYNAMITE RATTS in meinem Kopf
ins Leben gerufen: eine real-verrückte Rock’n’Roll-Phantasie. Und
alles begann mit dem Monokassettenrekorder meiner Schwester in
den verregneten Sommerferien ...
Eine neu bespielte Kassette hielt ich in meinen Händen. Aufgenom¬
men von einem meiner Klassenkameraden, der schon Black Me¬
tal hörte und im Heavy Metal-Fanclub aufgenommen worden war.
Wow! Auf der billigen Eisenkassette der Marke Universum/Quel¬
le für weniger als eine Mark hatte ich nun auf der A-Seite „High
Voltage“ und auf der B-Seite „Dirty Deeds“ von AC/DC von Plat¬
te kopiert bekommen. Durch die Punk- und New Wave Of British
Heavy Metal-Bewegung wurde harte Musik salonfähiger. Es dauer¬
te immer eine Weile, bis Trends auch in die Provinz Einzug hiel¬
ten. Auf dem Jahrmarkt wurden zwischen Strumpfhosen, Brotzeit¬
messern, Taiwanspielzeug und Bratwurst auch AC/DC- ynd SEX PIS-
TOLS-Buttons verkauft. Der Autoscooter spielte TWISTED SISTER.
Ich verschlang die Neuigkeiten aus dem Szenemagazin Metal Ham¬
mer und interpretierte in Phantasie-Englisch einige Songs meiner
Helden. DerWohnzimmertisch eine dicke Orgel oder ein Piano. Per-
silwaschtrommeln als Schlagzeug umfunktioniert mit Doublebass,
und der Spazierstock meiner Oma als Flying-V-Elektrogitarre. Wie
vön der Tarantel gestochen schrie ich rum und pries den Luftgitar¬
rengott. Wie so oft stürzte dann meine Mutter ins Zimmer, riss den
Stecker meiner Fünf-Watt-Höllen-Anlage aus der Dose und unter¬
brach mich gerade auf dem Zenit meines Gitarrensolos. Statt Beifall
bekam ich ein spitzes „Aufhören!“, nicht gerade motivierend. Aber
welcher Prophet, sprich Rockstar, galt schließlich von Anfang an et- 4
was im eigenen Lande?
Ein Ortswechsel musste her. Also wurden meine Aktivitäten verlegt.
Die angesagten Rockstars zogen in die Weltmetropolen. Ich zog in
das Obergeschoss des Hauses meiner Eltern, das nur von meiner äl¬
teren Schwester bewohnt und sporadisch genutzt wurde. Das Wohn¬
zimmer war frei für meine Phantasie- und Spielzeug weit. Die Eisen¬
bahn zog sich durch die Spielzeugstadt, in der sich Ritterburg, Bau¬
ernhof, Zoo, Western Saloon und Parkhaus neben Lego- und Papp¬
häusern befanden. Dazwischen tummelten sich Zinn- und Plas¬
tiksoldaten, Cowboys und Indianer, Playmobilmännchen und die
OX-FANZINE 14
KOLUMNEN
damals beginnende Puppen- und Teddybärensammlung meiner
Schwester. Mit Kreide zog ich meine Straßen durch die Miniatur¬
stadt, wo der Teppich nicht mehr ausreichte, um meine Matchbox¬
autos zu platzieren. Das war meine Welt, in der ich meine Rockstar-
Identität finden würde. Ein cooler Name musste her. Ich nannte
mich ab diesen Zeitpunkt Simon Brien. Zugegeben, im Nachhin¬
ein sehe ich hinter diesem Namen auch kein sonderliches Künstler¬
potenzial, geschweige denn Wiedererkennungswert. Damals schien
mir der Name genau der Richtige zu sein, klang das doch so eng¬
lisch und international.
Rockstars mussten jung sein, aber keine Kinder, so wie das heu¬
te bald der Fall ist. Ich war natürlich der Bandleader, sang, spiel¬
te Gitarre und Piano. Der Harte und der Sanfte, der Mädels wegen,
wenn’s denn mal sein musste. An meinem Alter musste ich noch et¬
was drehen. Deshalb schlug ich einfach mal zehn Jahre drauf. Jetzt
brauchte ich nur noch eine Band. Die „Leute“ dazu fand ich in der
Stofftiersammlung meiner Schwester. Rockstars mussten hager sein.
Lieber ein abgemagerter Sid Vicious als ein fetter Elvis Presley. Un¬
ter den Teddybären fand ich einen besonders schlaksigen und abge¬
griffenen Kerl, der vor allem cool seine Arme bewegen konnte. So
wie PeteTownshend von THE WHO. Das war Freddy - Freddy Chest,
um genau zu sein, der Gitarrist. Am Schlagzeug musste ein straigh-
ter Typ her, so jemand wie Phil Rudd von AC/DC oder Cozy Po-
well, der unzähligen Hardrockprojekten seinen Stempel aufdrück-
te. Ein durchgängiger, druckvoller Beat mit klaren Betonungen an
den richtigen Stellen. So einen Kerl brauchte ich. Und den fand ich
an der Losbude auf dem Volksfest. Im wahrsten Sinne des Wortes ein
Hauptgewinn. Da war er also, Ronny Moreno, der gerade auf Tour
war mit seiner eigentlichen Hauptband MAXIMUM SPEED, der Vör-
gängerband der Südstaatenrockindianer BLACKFOOT.
Ronny war als Stofftier ziemlich groß. Es handelte sich dabei um
eine Art Schimpansen in fürchterlichen Latzhosen. Soweit ich mich
erinnere, war die Hose rot und blau. Da er bereits eine sitzende Hal¬
tung hatte, war klar, dieser Affe, ähm - Ronny Moreno - war der
optimale Drummer für diese Band. Ronny war übrigens der ein¬
zige von uns, der bereits Banderfahrung hatte. Die Band war noch
nicht komplett. Wir brauchten noch einen Bassisten. Rockstars müs¬
sen nicht nur jung, sondern irgendwie auch cool sein.
Nicht, dass wir drei nicht bereits einen sagenhaften Coolnessfak-
tor gehabt hätten, aber wir brauchten noch so jemanden wie John
Deacon von QUEEN. Der Typ schrieb im Stillen ein paar Hits, wuss¬
te den Bass gekonnt einzusetzen und war ansonsten eine sehr ruhi¬
ge Seele. Deacon hatte Stil. Dies bewies er nicht zuletzt, als er eine
Reunion von QUEEN ablehnte und sich von der Musicalproduktion
„We Will Rock You“ distanzierte. Einen Typen dieses Kalibers fand
ich unter den netten Teddys meiner Schwester. Eher unscheinbar. Joe
Lord wurde also in sachlich kompetent wirkender Musikerpose der
Bassist, der zudem das nötige Know-how für die Technik mitbrach¬
te und uns produzieren sollte.
Das Wichtigste einer Band ist aber ganz klar der Bandname. Eines
war klar, der Name musste Feuer haben, ein Hingucker, aber trotz¬
dem abstoßend sein. Plattencover zeigten actiongeladene Bilder und
Monster. Meine Begeisterung wuchs dieser Tage sowohl für Metal als
auch für Punk. Der Name sollte an beides erinnern. Eines schönen
Tages lag wieder ein neuer Metal Hammer für 4,80 DM in meiner
Hand. Ein Haufen Geld. Während heute jedem Blatt eine DVD oder
mindestens eine CD beiliegt, war es damals schon etwas Besonderes,
als genannter Ausgabe eine Flexi-Disc beilag. Das gute Stück Plas¬
tik beinhaltete einen Song der amerikanischen Hardrockband RATT.
Und so klischeehaft und beknackt der Name heute auch klingen
mag, so genial fand ich ihn damals. In großen Lettern kündigten uns
die Veranstalter in ihren großen und in meinen fiktiven Arenen an.
Und irgendein geschniegelter Promoter brüllte frenetisch von der
Bühne ins Mikrophon: „Ladies and gentlemen. We proudly present:
THE DYNAMITE RATTS“ - Der Anfang einer Rocklegende ...
Simon Brunner
GEMUSTERT, AUSGEMUSTERT
... MUSTERMENSCH
Ich schleiche auf der Suche nach
alternativer Kultur durch Duisburg
und komme mir vor wie ein Kamel
in der Wüste. Keine Oase in Sicht.
Sicher, kann man auch in Duisburg etwas erleben. Wenn man denn
nicht so hohe Ansprüche stellt. Waren das noch Zeiten, als in der
Fabrik noch regelmäßig Punk- und Hardcore-Konzerte stattfanden.
Wenn ich heute darüber sinniere, kommt es mir fast wie ein Traum
vor, eine entfernte Erinnerung, die immer mehr verblasst. Doch
am Horizont erscheint eine Gruppe Menschen, die nicht mehr das
trostlose Dasein dieser Stadt akzeptieren wollen. „Mustermenschen“
wollen sie sein, das Leben alternativ leben, Freiräume schaffen, In¬
dividualismus bewahren.
Aber das stößt auf jeden Fall in Duisburg nicht wirklich auf offe¬
ne Arme. Mustermensch e.V existiert seit knapp zwei Jahren. Sie ra¬
ckern sich ab, um ein Haus zu finden, einen Platz, wo Punk und
Nichtpunk Workshops, Konzerte und Jugendarbeit eigeninitiativ
organisieren kann. Aber in Zeiten, wo man alternative Refugien wie
das Ungdomshuset in Kopenhagen einfach abreißt, oder versteigert
- siehe die Köpi in Berlin, sowie vermeintlich konspirative Antifa-
Treffpunkte bezüglich des G8s paranoid durchsucht — ja, da sieht es
ja schon fast mau aus, mit der städtischen Unterstützung.
Auch in Duisburg wird lieber ein Casino gebaut, oder es werden
millionenschwere Kredite für das marode Rotlichtviertel bewilligt.
Ach, doch! Da wird noch ein Haufen Geld in ein „Kulturzentrum“
namens Hundertmeister gepumpt, das quasi jeden Monat zwei
BLUES BROTHERS-Coverbands auftreten lässt und dessen Progamm
so schlecht ist, dass sich schon die Presse weigert, dieses überhaupt
zu veröffentlichen (ich glaube, diesem Thema werde ich mich mal
ausgiebiger zuwenden.) Ja, so sieht eine ordentliche 'Kulturförde¬
rung in Duisburg aus. Wollen die Mustermenschen überhaupt so
eine dubiose Unterstützung? Nein, das wollen sie sicher nicht. Sie
können aus eigenen Mitteln ein Haus finanzieren, der Unterhalt ist
gedeckt. Nur woher nehmen, wenn nicht stehlen? Fragen über Fra¬
gen. Da sind doch bestimmt noch andere kluge Leute in Duisburg
unterwegs, die euch dabei unterstützen können.
Gemeinsam gegen den hirnlosen Einheitsbrei! mustermensch.org.
JeNnY Kracht
CHRONIK EINES AUFSTIEGS
ZUR WELTHERRSCHAFT,
FOLGE 2
Wer die nächste Folge einer meiner
Kolumnen nicht abwarten kann, hat
ab sofort die Möglichkeit, die ent¬
sprechende Rubrik in Buchform bei
mir zu bestellen.
HC
EIGENE SCHEISSE
Es ist laut da unten, hier oben ist
es eng. Ich sitze auf einem Fens¬
terbrett, links von mir Wand, rechts
von mir Mischpult. Das Bier zu mei¬
nen Füßen kriege ich nur schwer zu
greifen, bewegen ist eigentlich gar
nicht drin.
07.07.2006: Oh nein, schon wieder Discoabend auf dem Bellers-
heimer Sportplatz! Da viele von euch wahrscheinlich so glücklich
sind, nicht auf dem Land zu wohnen, und daher gar nicht wissen,
was ein Discoabend ist, gebe ich euch erstmal einen kurzen Crash¬
kurs in Bauernkunde: Auf dem Dorf gibt es nicht viele Discos und
deshalb wird jedes Wochenende in einem anderen Kaff ein Festzelt
aufgestellt, in dem sich dann sämtliche Idioten aus dem Umkreis
von 30 Kilometern versammeln, in dessen Nähe ungefähr 100 Leu¬
te kotzend im Feld hegen (so wie ich, als ich mir eine solche Veran¬
staltung mit 16 zum letzten Mal angetan habe, aber das ist eine an¬
dere Geschichte ...) und bei denen das Gewaltpotenzial proportional
zu Zeit und Einnahmen durch Alkoholverkauf zunimmt.
Während also der Discoabend nach dem Deutschlandspiel um den
dritten Platz immer mehr in die Gänge kommt, bevorzugen wir es,
auf einem Grundstück direkt nebenan zu feiern. Ich wollte schon
immer mal eine Bombe auf einen Discoabend schmeißen, und als
mir S. plötzlich einen ans Teichufer gespülten Fisch präsentiert, sehe
ich die große Chance gekommen. Obwohl ich es kaum noch ab¬
warten kann, warten wir noch, bis sich eine dichte Menschenmen¬
ge angesammelt hat, schleichen uns dann von hinten an den Zaun
heran, S. legt den Fisch auf eine Schaufel, holt aus und ich sehe den
Fisch nur noch im hohen Bogen Richtung Vollidioten fliegen, bevor
wir alle Mann die Flucht ergreifen. Diese Aktion macht so gute Stim¬
mung und erscheint uns so gelungen, dass wir sie unbedingt wie¬
derholen und am besten noch steigern wollen.
Nur leider kann man die Fische nicht zwingen, tot am Teichufer
zu liegen, und die Fische mit der Schaufel zu fangen, wäre wohl
auch eher aussichtslos. Also was tun? Es ist wieder S., der die zün¬
dende Idee hat und kurzerhand auf die Schaufel scheißt. Dann wie¬
der ab zum Zaun, ausgeholt, Scheiße durch die Luft geschleudert
und schnell wieder weg. Ich hätte zu gerne gesehen, wie irgendein
eingeölter Discogänger mit vor Coolness eingefrorenem Bier in der
Hand versucht, ein 14-jähriges Mädchen aufzureißen, als ihm plötz¬
lich aus heiterem Himmel ein toter Fisch vor die Stirn klatscht. Da
ich ein großer Fan des Konsequentseins bin, will ich das Ganze jetzt
mit einem Backstein wiederholen, aber wie so oft wird mein Vor¬
schlag wieder einmal abgelehnt...
03.09.2006: Scheinbar habe ich schon so oft meinen Dosenpfand
im Hungener Getränkemarkt abgegeben, dass mich der Typ, der im
Lager die leeren Bierdosen annimmt, in der Schule grüßt. Das be¬
stätigt mich in meinem Verdacht, meine Wampe könnte doch vom
Saufen kommen.
27.10.2006: Jonas erzählt mir, dass er ein uraltes Freundebuch aus
der Grundschulzeit gefunden hat und ich als meine Lieblingsschul¬
facher „Religion undTangram“ angegeben habe. Religion?! Ich?!?
Und was zum Teufel istTangram?!?! Ich kann mich nicht daran erin¬
nern, in dem Alter irgendwelche Drogen genommen zu haben, aber
eine andere Erklärung habe ich bis jetzt auch nicht.
Liebesbriefe, Morddrohungen & Nacktbilder von euren Ex-Freun-
dinnen an: tobias_weber@onlinehome.de Tobias Weber
Noch bevor ich „Haltet die Klappe, ich beginne jetzt zu singen“
brülle, ist mir klar, dass ich die da unten heute nicht kriegen wer¬
de. Die sind nicht wegen mir da, nein, die sind da, weil sie feiern
wollen, weil der Friseursalon da drüben heute seinen schmucken
neuen Laden aufmacht. Ich darf da heute nur sitzen, weil ich mit
dem Veranstalter der Party heute zusammen Anarchokrachavantgar-
deprojekt mache.
Höflicher Applaus nach dem ersten Lied, was Schnittiges über Ab¬
schiebung zum Einstieg. Beim Lied über das kleine Schwein und die
kleine Kuh und den kleinen Schlachter mit dem kleinen Genick¬
schussapparat hinterher merke ich sogar Reaktionen, es wird disku¬
tiert. Der Lärmpegel nimmt nicht ab, Zeit das Anarchokrachavant-
gardeprojekt zu covern und ordenthch rein zu schreien. Jetzt habe
ich sie, kurz darauf beim/uhigen Lied über Konsumwahn habe ich
sie schon wieder verloren. „Sing was, was uns alle angeht, und nicht
nur deine eigene Scheiße“, brüllt ein Partygast. Ich verspreche ihm
das zu tun, und improvisiere eigens für ihn, meinen nächsten gro¬
ßen Hit „Eigene Scheiße“. Das Publikum lacht, Kollege Zwischenru¬
fer schaut böse, und widmet sich wieder seinem Bier. Ich beschlie¬
ße, den Lärm zu ignorieren und das Beste daraus zu machen. Im¬
merhin spiele ich heute für einige Freigetränke und einen Haar¬
schnitt. Ich kürze um zwei Songs, bringe am Schluss den Hit über
den Bürgermeister und gebe auf. Es wird Zugabe gerufen. Sollen sie
kriegen, bevor zu Rockmusikklängen aus der Konserve weiter ge¬
feiert werden darf.
Einigen hat’s gefallen, einige gratulieren zum Mut. Ich bin froh, dass
die Stimme mitgespielt hat, die ich mir am Montag beim deutlich
besser angenommenen Gig mit dem Anarchokrachavantgardepro-
jekt ruiniert habe. Der Mann von der Technik entschuldigt sich zig¬
mal dafür, dass man die Gitarre überhaupt nicht gehört hat.
Ein Monat früher, andere Bühne, größere Bühne, Kleinkunstwettbe¬
werb, mein Solodebüt. Vor zwei Jahren habe ich bereits mit dem An-
archokrachavantgardeprojekt hier gestanden, großes Theater, heute
noch Kult, sagt der Veranstalter. Ich sitze auf der Bühne, habe nicht
die geringste Ahnung, wie das hier ausgehen wird, habe nicht die
geringste Ahnung, wie die zum Lachen gekommene Meute meinen
sozialkritischen, teils politischen, teils einfach nur dämlichen Lie¬
dern gegenüber stehen wird. Die Anfangsansage habe ich versem-
melt, es gibt irritierte Blicke beim Abschiebungssong. Spätestens bei
der rührenden Story über das Schwein, die Kuh, den Schlachter und
das Blut habe ich sie, habe ich sie in meinen Bann gezogen, sie für
mein Tun da oben auf der Bühne interessieren können.
Kabarettpublikum ist anspruchsvoll, nicht so anspruchsvoll aber wie
Friseursaloneröffnungspublikum.Vör allem der Backstageraum tobt.
Da wo die Veranstalter sitzen, die Roadies und die Barcrew, geht’s ab.
Vor allem beim letzten Lied, dem Lied über den Bürgermeister, über
den der immer schimpft, über Türken, über Bettler, Drogensüchtige
und Punks. Ich singe ein Lied über ihn und die ewige Schimpferei,
das Publikum findet’s gut.
Als ich mich nach dem Auftritt zu meiner Freundin an den Tisch set-
AbanT&UfcP in
PUNKROCKCITY
Es herrschen ungewisse Zeiten!
Auf nichts und niemanden ist mehr
Verlass, nicht mal in unserer musi¬
kalischen Subkultur. Oder wie soll
ich mir das folgende Erlebnis einer
Bekannten an einem bundesdeut¬
schen Hauptbahnhof erklären?
r*
WC
1 im
Hey Mädel! Wir haben uns
was überlegt! Wir schnorren
immer und nerven damit alle
Leute. Das muss dringend
anders werden...
Deshalb hast Du hier ein
bisschen Kleingeld. Kauf dir
was Schönes! Aber nicht
alles auf einmal ausgeben!
Verblüffend! Ebenfalls bemerkenswert finde ich aber auch
. die teilweise kaum noch vorhandene musikalische Schnitt-
! menge mit Punkrockern jüngeren Alters...
Häh, wer?
Nee, nie von
Und auch Schlagzeuger von künstlerisch
ambitionierten Ambient-Noisecorebands
gelangen nach 8 Bieren nur noch zu eher
weniger kulturell wertvollen Erkenntnissen.
Was für ein schönes Schlusswort!
Bis zum nächsten Mal!!!
© 14.05.2007 Bernd Fischer
Kontakt: bernd@ox-fanzine.de
R.i.P. GROOVIE GHOULIESÜ!
OX-FÄNZINE 15
KOLUMNEN
ze, trällert eine etwa fünfzigjährige Lady in der silbernen Glitzerblu¬
se mein Lied „Lala Hirn aus Kleister, lala Bürgermeister“. Fürs große
Finale reicht’s heute leider nicht, dafür laden mich die netten Leute
vom Laden dazu ein, am Sonntag beim so genannten „Schaulaufen“
noch einmal aufzutreten.
Die Lady in der Glitzerbluse ist nicht da, die Reaktionen bleiben ver¬
haltener als am Freitag, sind aber okay. So wie meine Grundstim¬
mung nach meinen ersten drei Gehversuchen als Alleinunterhalter,
Singer/Songwriter, Liedermacher okay ist. Ich habe etwas Neues
ausprobiert, mal kommt’s super an, mal weniger, mal gar nicht.
Ich mache auf jeden Fall weiter, mache weiter wegen des johlenden
Backstageraums, wegen der Glitzerlady und um Mr. „Eigene Schei¬
ße“ in den Arsch zu treten. H.C. Roth
VOR EINIGER ZEIT
... habe ich mich an dieser Stel¬
le über den Deutschpunk und sei¬
ne grausamen Ausprägungen aus¬
gelassen.
Umso mehr werden meine Erlebnisse in der freien Wildbahn, von
denen ich euch heute berichte, den geneigten Leser verwundern.
Ich war nämlich auf einem Konzert der GHOSTBASTARDS aus Wetz¬
lar. Den Bandnamen habe ich dem Plakat entnommen, da die Band
selbst ihren Namen wie „Ghostbusters“ aussprach. Die ersten Ak¬
korde konnte ich mir ja noch gefallen lassen. Doch dann - begann
der deutsche Gesang mit einem Stimmchen, das irgendwo zwischen
Fisch von den LOKALMATADOREN und einer gequälten Quiet¬
scheente lag. Ich hatte mich noch gar nicht ganz erholt, da begann
der nächste Song. Auf Englisch, oder zumindest in einer Sprache, die
der Sänger dafür hielt. Ich muss euch sagen, wenn ich drei Minu¬
ten brauche, um „Sheena is a punk rocker“ zu erkennen, handelt es
sich erfahrungsgemäß um keine gute Coverversion. So war ich aus¬
nahmsweise mal erleichtert, als der Wetzlarer Sängerknabe wieder
zum heimatsprachigen Dialekt zurückkehrte.
In der Zwischenzeit hatte ich Gelegenheit, auf die Band „Erna Pflei-
derers küchenpsychologische Grundregeln für Rockbands“ anzu¬
wenden. Hier die bandspezifischen Grundtypen:
DER OBERMACKER. In diesem Fall der Sänger. Sieht szenetypisch
aus, hat die Band gegründet und die besten Platten zu Hause. Falls es
Groupies geben sollte, bekommt er am ehesten eines ab.
DER BESTE FREUND. Hat schon im Sandkasten mit dem Oberma¬
cker gespielt und musste bei Batman-Spielen immer der Robin sein.
Seit es die Band gibt, kauft er Platten und Band-T-Shirts, zu denen
ihm der Bandchef rät, und hofft, dadurch auch endlich mal ein
Groupie abzubekommen. In diesem Fall der Gitarrist.
DER STREBER. Er spielt in der Band mit, weil es sonst keinen Be¬
kannten gab, der sein Instrument beherrscht. Das beherrscht er auch
wirklich, nervt die Restband jedoch mit Gelaber, dass Punkrock un¬
ter seinem Niveau sei und er sein wahres Talent besser in einer Free-
Jazz-Combo verwirklichen könne. Bei dieser Band der Schlagzeuger,
bei dem auch manisches Schwenken der Öko-Lockenmatte nicht
viel zum Punkrockfaktor beitrug.
DER KUMPEL. Nicht zu verwechseln mit dem besten Freund. Der
Bandkumpel wollte schon früher bei allem dabei sein und wurde
abgewiesen, weil es halt nicht „Batman und Robin und noch einer“
hieß. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er weder cool ist noch in ir¬
gendeiner Form sein Instrument beherrscht. Meistens hat er reiche
Eltern, die den Proberaum zur Verfügung stellen, oder kurvt mit En¬
gelsgeduld seine besoffenen Kollegen in Muttis Auto zum nächsten
Konzert. In diesem Fall der Basser, dem ich einmal wieder den al¬
ten Grundsatz ans Herz legen möchte: Männerbeine sind in den we¬
nigsten Fällen schön. Und weiße Socken, hässliche Turnschuhe und
Bermudashorts auf der Bühne gehen schon mal gar nicht.
Wenn ihr also demnächst eine ältere Dame vor eurer Bühne seht,
die sich fleißig Notizen in ihr kleines Hobbypsychologenbüchlein
macht, dann ist das sicher ... Eure Erna Pfleiderer
EIN FRÜHLINGSGEDICHT
Ich habe mein gesamtes bisheriges
Leben entrümpelt und die Essenz
davon in drei Kartons gepackt.
Bemerkenswert ist, was einem währenddessen alles in die Hände
gelangt: Alte Liebesbriefe sowie eine Kondomsammlung, die ich im
Alter von zwölf Jahren angelegt hatte und deren Haltbarkeitsdatum
das Jahr 1995 nicht überschreitet. Beschämenswerteste Fotos, ge¬
fälschte Busfahrkarten und Entschuldigungen aus Schultagen, Nin¬
ja-Sterne und andere Waffen. Die Kanüle, mit der mir meine Jugend¬
liebe mit 16 einen Ring durch die Lippe gejagt hatte, ohne zuvor ein
Seminar zur Piercerin belegt zu haben. Zudem abgelaufene Psycho¬
pharmaka und eine Zuckerwattenmaschine.
Darüber hinaus auch das folgende Tagebuch eines Zwölfjährigen,
welches nach fünf A6-Seiten endet, und vor dem ich den Leser die¬
ser Kolumne nun nicht verschonen werde.
Man stelle sich folgende Zeilen in einer leicht nach links gekipp¬
ten Tinten-Füllfederhalter-Schrift vor. Ein Schriftbild, welches häu¬
fig in der Orientierungsphase junger Mädchen auftritt, und welches
ich mir zu jener Zeit ganz einfach abgeguckt hatte, weil ich dachte,
es wäre cool, so zu schreiben. Rechtschreib-, Grammatik-, Zeichen-
und Ausdrucksfehler wurden aus Gründen der Authentizität an die¬
ser Stelle beibehalten.
04.02.1992: Ich bin seit drei Tagen in Tina I. verknallt. Ich schrieb
ihr gestern einen Brief indem stand daß ich mit ihr gehen will.
Nachmittags so etwa um 15.15 Uhr gab ich ihr ihn und den Ab¬
schiedsbrief für Katrin mit der ich Schluß machen wollte weil ich
glaube dass sie das ganze mit unserer Beziehung nicht ernst nahm.
Abends rief ich Tina an um zu Fragen ob sie Katrin den Brief gege¬
ben hatte. Sie hatte ihr den Brief gegeben. Katrin war sogar bei Tina.
Tina gab mir Katrin, ich wusste aber nicht was ich sagen sollte weil
ich ihr gegenüber immer sehr schüchtern war und wollte Tina wie¬
der sprechen. Dann fragte ich Tina ob sie den Brief den ich ihr ge¬
schrieben hatte gelesen hatte. Sie hatte ihn gelesen wusste aber noch
nicht ob sie mit mir gehen wollte.
Heute habe ich sie dann angerufen und fragte ob sie es sich überlegt
hat. Sie wußte es noch nicht und konnte auch nicht sagen wann sie
es ungefähr wüßte. Sie klang eher unfreundlich dabei. Dann rief ich
Marco an der ihr Exfreund war und mein bester Freund. Wir unter¬
hielten uns über Computerspiele. Ich erfuhr dann auch das Tina ihn
gefragt hat ob er wieder mit ihr gehen wollte. Er wollte es, und es
ihr morgen in der Schule sagen. Jetzt rief ich sofort noch mal Tina an
und fragte sie ob das mit dem Marco stimmt. Es stimmte leider.
Es ist mir jetzt klar daß ich nicht mehr viele Changsen bei ihr hab.
Ich schätze sie bevorzugt es mit dem Marco zu gehen. Sie würde be¬
stimmt mit mir gehen wenn Marco nicht auch mit ihr gehen wol¬
le daß sie ja morgen erfahren wird. Ich gib die Hoffnung mit ihr
zu gehen aber noch nicht auf. Sie wollte es sich ja überlegen. Viel¬
leicht denkt sie ja ganz anders als ich schätze. Auf jeden Fall will
ich sie morgen anrufen und fragen ob sie wieder mit dem Mar¬
co geht. Wenn nicht, dann frage ich sie wehn sie eigentlich bevor¬
zugt. Mich oder Marco? Hoffentlich wird es dazu kommen, dass sie
mit mir gehen wird.
05.02.1992: Heute habe ich sofort nach der Schule Tina angeru¬
fen und habe gefragt ob sie wieder mit Marco geht. Sie ging wie¬
der mit ihm. Ich war aber weiterhin nicht traurig. Ich hatte es ge¬
wußt daß es so kommen wird und hatte immer mit dem schlimms¬
ten gerechnet. Dann hatte ich noch gefragt ob die Katrin eigentlich
traurig oder gar sauer war daß ich Schluß mit ihr gemacht hatte. Sie
war aber nicht sauer oder traurig, sie war eher froh darüber. Sie war
nie so ernst im Thema Liebe. Sie war immer sehr Kindisch, hat Auf¬
kleber getauscht und so.
As I embark upon this adventure it’s not entirely certain
that NI make it to the end. Not wanting to tempt fate or
have it give me a swift kick up the jacksy y’understand.
The way this Computer is acting up lately then the likeli-
hood of „total phut“ is always a possibility. It makes me
long for the days of paste up and this auld geezer honestly
believes that there is no Software on earth that can match
that old-fangled practice. But, without any further ado and
all that, let’s Start with some prime New York Rock in the
form of THE STAR SPANGLES „Dirty Bomb“.
I despair sometimes when considering the popularity of groups like THE KAISER CHUMPS, etc. Yours
truly is down with the concept of recycling but not without some kind of twist. THE STAR SPAN¬
GLES suffered their major label tussle by being compared to groups that they were so far beyond that
it’s laughable. However, Joe and Jess Public did what they do best, they plumped for the safe Option.
These guys were presumably a little too edgy in their having been passed the baton of banging out real
NY rock.Taking the pop aesthetic of classic RAMONES and the skirling guitars of CHEAP TRICK orTHE
DOLLS and injecting a smidge of FACES type pub rock into the mix. Which brings us neatly to this long-
awaited follow up to „Bazooka“, which includes Ian McLagan weighing in with piano and Hammond,
Rieh Stirn on Sax and Daniel Rey also tinkling them ivories. Since the recording, the rhythm section as
was has flown the coop and has been replaced. Released on their own Tic imprint, DB crashes in the
way it means to go on with „Take Care Of Us“. Recalling a time when rock’n’roll was big and brash.
When it sounded majestic, before it was simply another commodity. And like all fine punk rock there
are the little harmonics, summoned up by the sheer joyous noise of it all. And then there’s the gang vo-
cals and the choruses. „Gangland“ will give you the collywobbles, the louder you play it the colly-er the
wobble.The drum corps type build in the middle is enough to bring a tear to a glass eye. I like the Unfor-
given style penny whistle Morricone fill that appears for a split second before „I’m On A High“ bursts in
to recall the aforementioned Boston type grandeur.The peculiar thing about this band getting the spring-
board to becoming populär is, in my opinion, this. If people could see them then the songs would over-
come them virus like. Messrs Wilson and Volume are disenfranchised heroes, trapped in a world they ne-
ver made.The album closes with „Someone In You“, a down-home slice ofAmericana sung by Tommy. A
Stones-y hymn to their camaraderie and the staunch support of their hardcore. The album title is some-
what understated and the sonic fallout of these songs has a half-life that is way longer than any of the la¬
test bollocks that the „meeja“ is getting ready to serve up to the stupid and/or terminally hip. THE STAR
SPANGLES are here to bash some sense into whoever is ready.
THE NEW YORK LOOSE that should have been a legend in their actual lifetime.Thankfully, even alt-
hough they gave up, they never gave in. „Born To Loose“ is a Collection of rare and live sides that indica-
tes just how great they were. It’ll hopefully provide those who never came across them with the smarts
to petition a reissue of their fantastic „Year Of The Rat“ album that came out on Hollywood Records
many moons ago. Brijitte West should have been a star. She should have been on the cover of all the ma-
gazines. However, the various powers that were, blew it. Imagine if THE DOLLS were THE SWEET
fronted by Suzi Quatro channelling Chrissie Hynde. Man, this lass could pout and by all accounts
still can. That’s why she’s giving this rockbiz another roll of the dice starting atThe Dirty Water Club in
London on May 18th. „Bitch“ Starts the whole ball rolling with that patented NY glampunk shimmer
that makes our eyes water every time. The kind that very few bands this side of THE SPANGLES are
capable of wrangling. „We are the monolith kids“ goes the chorus of track two and they were so right.
„Pretty suicide“ is THE glitter rock anthem in waiting. I could describe them all to you but wouldn’t
you rather bathe in the glam-deur yourself? 19 tracks with added bonus of Video enhancements. „Lord
Won’t You Send Me A Devil“ sends me spinning back to the Lower East side watching The World Fa-
mous Blue Jays bring down the amphetamine country that was much in its infancy at the time. I
think this is distributed in Germany by Cargo and I’m sure that if you speak nice to Lutz at Soundflat
he TI be able to hook you up.
And talking of SUICIDE but not necessarily of a pretty variety, Alan Vega’s new set „Station“ on Blast
First/Mute is a dense dark cauldron of electronic bile. It heralds the Start of a period of activity both solo
and along with his old mucker Marty Rev. It’s thirty years since they made the album that would alter
the course of music forever. SUICIDE will be issued again with almost Deutsche Grammofon type sound
quality on CD and vinyl soon.
Imissed THE SCIENTISTS recent shows around Europe which was a bit of a pisser. Still, you cannae
always get what you want and all that. I found some solace in the mini-album by Boris Sujdovic en-
N.BX
THE NEXT BIG THING
TEENAGE EXCJTEMENT, ROMANCE
ANP MYSTfRy.'
/THE NEXT BIG THING
titled „Fuzz Machine“ just released by the Basque Country based Bang! imprint. If Philip Spector produ-
ced the aforementioned Rev andVega with sundry Scientist and Cramp flavourings then this could have
been the result. It out Stooges The Weirdness by a good country mile and beats The Mary Chain at their
own game. Absolutely relentless. Doktor Avalanche evidently has a cousin down under yonder and ol’
Boris is David Essex from die darkest side imaginable. Bang has also issued Salmon, a huge slab of guitar
orchestration which should be played loud enough to Strip paint.
Hanging in with Australia, CAPITAL CITY’s „Bad Money“ kicks off with a glammish Stomp that recalls
THE REIGNING SOUND in „Let’sThrow Our Love Away“.This latest In-Fidelity crew tweak all the right
nipples and I bet these songs really fly when performed onstage. They’re almost too big for just a tiny
CD. „Come On and Work For The Lord“ conjures up a GUN CLUB vibe in a way that you’ll have to hear
to believe. Want to hear the ides of „Heroin“ turned into a folk-rocker?Then check out „Beggar Please“.
The CAPITAL CITY moniker really hides these folks light under a bushel and they swing with that con-,
siderable charm that made STONEAGE ROMEOS so special to us.
MY BUDDY MOOSE are from Croatia and their album on dancing Bear was produced by the gre¬
at Dalibor of THE BAMBI MOLESTERS. It’s like Lloyd Cole fronting Loaded era Velvets channelling some
Greg Cartwright sounderaft. There are several folk elements and also accordion also and it all combines
to create a somewhat unique yet familiär stew. Any group that has the balls to call an original song „He-
arbreak Hotel“ and better yet pull it off has to be doing something right. Check ’em out on myspace if
you feel you’re having your chain yanked.
Now that THE BOONARAAAS!!!’ „5 Steps Ahead“ is out of the traps, I expect it’ll be a wee while un-
til the next one. Haven’t heard from the girls in a while but I hope it’s all progressing swimmingly. In fact
there is an interview with them in this very issue. Any way THE MICRAGIRLS „Feeling Dizzy Honey“
will feed any ongoing jones for gal garage kicks. It drives long like a three-wheeled jalopy with a primal
thrust you just don’t hear too often. Organ charged, fuzzed up and frugging ready for anything - the¬
se three Finnish ladies look like butter wouldn’t melt. But, looks can be deceiving and whatever they’re
taking to work up this frenzied ruckus probably isn’t available on any prescription. „My my micraboy“
would have made Joey Ramone smile, can you think of a higher accolade? Low on fi but big on spirit
and heart, check ’em out on BoneVoyage Recordings.
Similarly no frills is THEE FINE LINES „Set You Straight“ which sounds like it was made to be blas-
ted out of a transistor radio. Not one of those digital things that are becoming all the rage. Once again, I
don’t recognise the comparisons with Billy Childish. There’s not a whiff of the impressionism that per-
vades much ofthat guys work. I feel kind like BC is the opposite side of the Paul Weller coin, this 3-pi-
ece on the other hand deliver short sharp jolts of primo garage-punk not unlike our own Thanes. Based
in Skele-country - Springfield, Mo - they have that extra edge that evidently comes from whatever is put
in the water there. Lou Whitney once told me it was „die buckle on the bible beit“. If that’s the case diey
sure have a way with the devils music.
By the time my next missive is due I’U have been to London to catch the UK debut of a chap by the
name of Roky Erickson. I can’t believe he’s well enough to travel. Particularly after that terrible docu-
mentary about him that’s just being released on DVD in the USA. The jury is out but by all accounts the
shows in the US have been great. The reports came from reliable sources too but I’m keeping my expec-
tations on a manageable level. It’s going to be a real gathering of the clans from all over. The full skinny
will be unveiled in due course.
The political landscape in Scotland is sort of bleak. The elections were a total balls-up and alt-
hough we don’t need a passport to get over the border just yet, I’m sure the ID cards will take care of
that when they’re dragged in. Actually the UK in general is pretty much fucked. Just today I walked
around to the shop for the Sunday paper and notice that The Sunday Times is giving away a free „Punk“
CD. Now that can’t be right, can it? What happened to the generation chasm we created? I distinctly re-
member cutting the rope bridge myself. However, in these commoditised times nothing, and I do mean
nothing, is sacred. Punk has been engulfed. Most of the bands that are on the CD are still hawking their
arses around in some shape or form with little or no regard for the importance of where they came
from. What was once sacrilege and filth is just another arm of the entertainment industry. Ever get the
feeling you’d been sold a pup?
But anyways, there’s always an alternative to the proposed alternative and this here magazine can provi¬
de that antidote if you’ll let it.
As always, you can reach me via the contact below if you’ve got something to convey. Having got this far,
I still have to e-mail the file and am a litüe jumpy that it might all shut down and be lost. If you’re rea-
ding this then my lack of faith was misguided. Until next time then ...
May 13th 2007
Lindsay Hutton, tnbt.co.uk
OX-FANZINE 16
KOLUMNEN
Das war mir alles jetzt aber Scheißegal. Für mich war das Thema Lie¬
be jetzt gestrichen, einfach aus meinen Leben geworfen. Ich hatte
genug Probleme. Ich wollte zum Beispiel einen guten Start in der
Schule machen. Ich wollte einfach anders als die meisten sein. Also
aus Weibern mir nicht mehr so viel machen und abwarten bis ein
nettes Mädchen interesse an mir findet. Ich wußte aber nicht ob ich
das alles aushalte.
Ende des Tagebuches.
Zwei Jahre später wurde ich Punker. Ich begann damit mir die Haa¬
re bunt zu färben, hatte mir ein Anarchie-Zeichen in den Arm ge¬
ritzt und China-Tusche drübergekippt. Ich fing mit dem Saufen an,
mimte ein abgestumpftes Arschloch und die Schule war mir inzwi¬
schen scheißegal.
Tina fand das affenstark und wollte schließlich doch mit mir gehen.
Meine Kondomsammlung kam bald darauf erstmalig zum Einsatz -
rechtzeitig vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums.
Alex Gräbeldinger
„DAS MULTITASKING HAT MIR
NIE JEMAND ERKLÄRT ..."
(ULTRAFAIR)
Wir sitzen zusammen. Neben uns
steht das Equipment der Band.
Jörg stellt uns das neue Album von
STEAKKNIFE vor. Mit leuchtenden
Augen singt er mit. Kube sitzt ne¬
ben mir und nippt am Bier.
Süffisant begleitet er mit einem minimalen Kopfnicken den Takt.
Ich sitze gegenüber von Jörg und starre gierig auf das über ihm
hängende THE THERMALS-Poster. Es ist Freitagabend. Wir genie¬
ßen unsere gemeinsame Zeit. Wir plaudern über Musik, Mädchen
und Schwachsinn. „Stand by me“ für Erwachsene. Die Stimmung
steigt. Vor lauter Eifer drehe ich Kube die rechte Brustwarze um.
Er quiekt. Jörg lacht. Ich freue mich. Sicherheitshalber verschrän¬
ke ich die Arme vor meinem Oberkörper. Kube reibt sich den Nip¬
pel. Uns geht es gut.
Eric stößt dazu. Die Gespräche über Musik werden ernster. Irgend¬
wann steht er auf und präsentiert mir abscheuliche Zeichnungen
und noch abscheulichere Fotografien aus einem veralteten Buch
über Krankheitslehre. Ich ekle mich. Jörg ist fasziniert. Kube hat sein
Lachen wieder gefunden. Die Zeit vergeht wie im Fluge.
Cut.
„Zieh bitte die schwarze Jacke aus und setz dich!“
Eric sieht mich irritiert an. Mit einem verwunderten Gesichtsaus¬
druck setzt er sich. Die Jacke lässt er an.
„Kennt ihr Cecil an der Orgel?“, fragt Jörg.
Ein erst zurückhaltendes Schmunzeln expandiert in ein lautes Ge¬
lächter. Uns kullern die Tränen aus den Augen. Ich mache mir fast
in die Hose. Eric verlässt den Raum, um zu urinieren. Nach ein paar
Minuten kehrt er zurück. Er hat Yannik und Torben im Schlepptau.
Kurios.
Die Jungs wollen proben. Kube reagiert mit Fickbewegungen. Er äfft
den Sänger von OXBOW nach. Es ist köstlich, erleben zu dürfen,
wie er dabei die Mundwinkel bis zu seiner Glatze zieht und vor lau¬
ter Tatendrang ins Schwitzen gerät. Beinahe entgleist mir ein Trop¬
fen in die Hose. Es ist wohl besser, nun vorsichtshalber mal Was¬
ser zu lassen.
Der lange mit Graffitis besprühte Flur des Bunkers bereitet mir Un¬
behagen. Aufmerksam blicke ich um mich herum. Konzentriert lese
ich die Sprüche an den Wänden. Aus einem Proberaum ertönt selt¬
samer Ska mit deutschen Texten. Selten habe ich so eine lächerli¬
che Musik gehört. Ich rufe die anderen. Das Erleben dieser Mixtur
aus wahnwitzigen Klangelementen und verkiffter Dreadlockpoesie
möchte ich mit ihnen teilen. Sie verweigern sich mit einem halb¬
herzigen „Kennen wir schon.“
Nur Kube kommt mit, um sich am Klamauk zu ergötzen. Ich hat¬
te ihm nicht zu viel versprochen. Er krümmt sich vor Lachen und
lässt versehentlich einen fahren. Als ich die Tür von dem fremden
Raum aufreiße, sieht mich ein Haufen seltsamer Typen mit Batik¬
shirts verstört an. Ruckartig schlage ich die Tür wieder zu. Wir bei¬
de nehmen Reißaus, nehmen unsere Beine in die Hand und verste¬
cken uns auf den Sofas im Proberaum von ULTRAFAIR. Jörg ist ge¬
rade voll in seinem Element. Das kann doch nicht wahr sein. Wie
macht er das bloß?
„Wenn das aaaaaaalles ist, dann singe ich dir noch ein liebes Lied
Mit den glasigen Augen eines an Diarrhö erkrankten Boxerwelpen
lässt Kube die Kohlensäure in seinem Mund zergehen. Mir fällt ein,
dass ich vor lauter Aufregung ganz vergessen hatte, meine Sexta¬
nerblase zu leeren.
Vorsichtig verlasse ich den Raum; schaue nach links und dann nach
rechts. Tapsend gehe ich zwei Schritte, schaue um mich und versu¬
che Haltung zu bewahren. Im nächsten Moment zucke ich zusam¬
men, lache in mich hinein, gehe einen Schritt vorwärts und bli¬
cke wieder um mich herum. Bei jedem weiteren Schritt wiederho¬
le ich diese Prozedur.
Das Pinkeln gibt mir Halt. Es beruhigt mich. Am liebsten würde ich
nichts anderes machen und meinen Penis nie mehr los lassen. Nicht
etwa, um ihn bis zum Erguss zu manipulieren, sondern einfach,
weil er mir in diesem Moment, in dieser Fremde, so vertraut ist. Er
ist ein Teil von mir. Er gibt mir Halt.
Ich kichere wieder in mich hinein. Ich ziehe den Reißverschluss
hoch, blicke um mich herum und gehe wieder zurück in den Flur.
Rechts entdecke ich eine weitere Tür. Ich bin neugierig. Aufgeregt
öffne ich sie und gelange in einen weiteren Gang. Treppen führen
noch weiter unter die Erdoberfläche. Ich möchte wissen, was dort
unten ist. Ich schaue nach links und dann wieder nach rechts. Wie¬
der versuche ich Haltung zu bewahren. Es klappt nicht. Nach einer
Sekunde kichere ich spastisch und tapse die steile Treppe hinab in
die Katakomben. Verunsichert kralle ich mich am Geländer fest. Was
wird mich bloß erwarten? Ein kurzer Gedanke, der gefolgt ist von
einem leisen Kichern.
Neue Wege erschließen sich mir. Viele neue Türen. Viele neue Räu¬
me. Ich höre Jazz. So etwas Schönes habe ich noch nie in meinem
Leben vernommen. Ich kauere mich an die Wand, höre den Klän¬
gen zu und gucke herum. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich suche
nach Halt. Ich vermisse Struktur. Ich habe Angst. Irgendwie fühle ich
mich dennoch wohl, denn ich habe mich. Mir ist warm ums Herz.
Ich streichle meine Backen. Ich fühle meine Hände. Ich durchstrei¬
che mit ihnen mein dickes Haar. Die Klänge durchdringen meinen
Körper. Ich verliere mein Zeitgefühl.
Ich muss weiter. Alles findet ein Ende. Ich muss mehr erleben. Alles
ist so schön. Ich muss mehr sehen, mehr berühren. Zärtlich streiche
ich mit meiner Hand über die rauhe, bekritzelte Wand. Das Leben ist
schön. Hier will ich sein.
Ein Knarren lässt mich erschaudern. Panisch drehe ich meinen Kopf
zur Seite. Ich erhöhe meine Geschwindigkeit. Von weitem sehe ich
weitere Toiletten. Ich gehe auf sie zu. Ich muss pinkeln. Ich brau¬
che Halt.
„Mist!“
Verschmitzt werfe ich einen Blick nach hinten. Ich sehe nur, wie ein
langhaariger junger Mann mir den Rücken kehrt und langsam im
Dunkeln verschwindet. Glück gehabt. Ich kiekse und verlasse das
Pissoir.
Wie lange ich bereits durch die unendlichen Flure tapse, weiß ich
nicht. Hinter einer Ecke entdecke ich Treppen, die wieder nach oben
führen. Hier war ich noch nicht. Ich gehe nach oben. Nun stehe
ich vor einer Eisentür, drücke sie auf und gehe über die Schwelle
nach draußen - in den ungeschützten Raum. Blitzartig schlägt die
Tür ins Schloss. Von außen kann ich sie nicht ohne Schlüssel öffnen.
Ich habe keinen Schlüssel. Ich bin alleine. Alleine im ungeschützten
Raum. Ich bin verloren im Open Space.
Der Wind weht mir ins Gesicht, durch die Haare. Ich spüre ihn in¬
tensiv. Die Kälte nehme ich nicht wahr. Alles wirkt so fremd. Ich
greife nach dem Efeu, das an der Tür versucht hoch zu wachsen. Es
fühlt sich schön an. Doch ich muss weiter. Die Zeit drängt.
Orientierungslos irre ich herum. Spähe hinter Mülltonnen, hinter
Autos. Ich inspiziere jede Ecke, jeden Hinterhof. Von weitem sehe
ich ein Pärchen. Es kommt auf mich zu. Ängstlich drücke ich mich
mit meinem Rücken an eine Hauswand. Sie gehen an mir vorbei
und sehen mich argwöhnisch an. Ich grinse und gucke zu Boden.
Es muss ein Ende haben. Ich sehne mich nach Kontrolle. Ich giere
nach Zucker. Aufgeregt und von jedem Stein fasziniert, tapse ich zur
nächsten Straße. Ich komme nur langsam voran. Die mir entgegen¬
kommenden Passanten sind mir nicht ganz geheuer. Ich fühle mich
nackt und schutzlos. Bitte lass sie nicht in mein Gesicht sehen!
Ein gelbes Tankstellenlogo zieht mich magisch an. Mit gesenktem
Kopf betrete ich die mit überteuerten Waren aufgefüllte Örtlichkeit.
Im Schnellschritt eile ich zu den Getränken, dann zur Kasse. Als mir
ein Mann älteren Jahrgangs „Guten Abend“ wünscht, wird mir be¬
wusst, dass ich die Katakomben niemals hätte verlassen dürfen. Ich
lege dem Mann zwei Euromünzen auf den Tisch und drücke mit al¬
ler Kraft die Colaflasche an mein Herz. Ich muss hier schnell wieder
raus. Ich muss zurück in meine alte Umgebung.
„Stimmt so.“
Ohne mich zu verabschieden und auf die Herausgabe meines Rück¬
geldes zu warten, eile ich aus der Tankstelle hinaus. Aus einem Au¬
genwinkel scheine ich gesehen zu haben, wie der Mann den Kopf
schüttelt.
Hastig trinke ich aus meiner Flasche. Drehe den Deckel fest zu, dre¬
he ihn wieder auf und trinke noch mal, drehe den Deckel wieder
zu und so weiter. Währenddessen sehe ich um mich herum und ki¬
chere. Bald stehe ich wieder vor der Eisentür des Bunkers. Die Tür ist
immer noch verschlossen. Ich bin verloren.
Minuten vergehen. Die Hälfte des Flascheninhaltes befindet sich in
meinem Magen. Überraschend keimt ein Funke Hoffnung auf. Ich
höre Stimmen. Die Tür öffnet sich. Typen mit enormem Handgepäck
kommen mir entgegen. Lächelnd sieht mich einer von ihnen an.
„Die Hoffnung! Das Gefühl kennt wohl jeder.“
„Ja“, antworte ich einsilbig und schleiche mich an der Gruppe vor¬
bei. Ich wünsche mir, dass der Typ der einzige auf der Welt ist, der
Gedanken lesen kann.
ULTRAFAIR proben immer noch. Die laute Musik lässt meinen Geist
erzittern. Ich setze mich neben Kube. Ohne einen ersichdichen
Grund fängt er an zu lachen. Ich lache mit. Das Leben ist schön. Ein
zweites Mal greife ich in das auf dem Tisch liegende kleine Säck¬
chen. Es kann weitergehen. Christoph Parkinson
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OX-FÄNZINE 17
KOLUMNEN
M RAKETEN IN ROCK
V.A. BEAT ON THE KRAUTS VOL. 2
(BRD, 60er Jahre)
Auch die Bundesrepublik hatte Mit¬
te der Sechziger Jahre eine leben¬
dige Live-Musik-Szene. Die meisten
Bands waren saufende Musikboxen,
denn ohne das Chartfutter der KINKS,
der BEATLES, der ANIMALS im Pro¬
gramm bekam man keine Auftritte. Es
gab abertausende Beatgruppen, die in
Hunderten von Festhallen und Saal¬
bauten für einen Kasten Bier und Kar¬
toffelsalat die ganze Nacht durch spiel¬
ten, sich Schlägereien mit aufgebrach¬
ten, anständigen Bürgern lieferten und
mit ihren langen Haaren Schulverwei¬
se oder den Verlust der Lehrstelle ris¬
kierten.
Die meisten Combos erlangten bestenfalls lokalen Bekanntheitsgrad, aber diese Jahre waren die Höhe¬
punkte im Leben unzähliger Melodie- und Schlaggitarristen. Bedauerlicherweise hat sich kaum jemand
die Mühe gemacht hat, deren Memoiren zu schreiben. Zwar existieren ein paar nette Bücher über Be¬
atmusik in den verschiedenen Landesteilen, gemessen an der unglaublichen Anzahl der Bands ist das
aber eher nichts. Völlig unverständlich. Ich glaube, dass man nirgendwo sonst soviel über das Leben,
die Sinnlichkeit des Moments, über Glück, Lust und Tragik erfahren könnte wie in Büchern über Bands,
die es nicht geschafft haben, über die Grenzen von beispielsweise Schermbeck oder Hückeswagen he¬
rauszukommen.
So ruhet in Frieden, Ihr unbekannten Soldaten des Rock! Ich denke an euch, wenn ich den rührenden
Film „The Heartbreakers“ (nicht den aus Hollywood, sondern den aus Recklinghausen) sehe oder in
dem Roman „Die Stones sind wir selber“ (nicht in dem aus Recklinghausen, sondern dem aus Duis¬
burg) blättere.
Von den etwas bekannteren Bands der zweiten bis zehnten Garde sind einige auf diesem Sampler ver¬
sammelt. Die Namen reichen von den RAINBOWS (mit ihrem Hit „Rotkarierte Petersilie“), den STAR¬
FIGHTERS, den JAIL-BIRDS, den REBBELS, den GENTS bis hin zu PERCY &THE GAOLBIRDS. Die hätten
sich damals wohl auch nicht träumen lassen, auf einem Sampler mitzuwirken, der fast vierzig Jahre spä¬
ter in den USA herauskommt. Ja, Mann, in den USA! Also dort, wo sie wissen, wie man’s macht.
Well, in der Tat beweist das Label ein imperialistisches Kulturverständnis, das man als überheblich be¬
zeichnen darf, wenn man bedenkt, woher die BEATLES, KINKS und Stones stammen. Vielleicht war die
teils recht unkonventionelle Schreibweise einiger Bandnamen ein Grund, sich darüber lustig zu machen
(immerhin steht Life Recording auf dem Cover), vielleicht war aber auch der frische Sound unserer Hel¬
den ausschlaggebend, so eine Platte überhaupt herauszubringen.
Ahnungslose mögen darüber mutmaßen, aber ich weiß, dass es eine Mischung aus billigem Spot, Fas¬
zination und Anerkennung ist, die einen Amerikaner beim Hören durchströmt, denn es sind die glei¬
chen Gefühle, die mich durchströmen, wenn ich DDR-Rock höre. Doch trotz aller interkontinenta¬
ler Glückseligkeit gab es auch Bands, die auf diesem Sampler nicht vertreten sind. Eine von ihnen heißt
THE BEATS.
Ein regnerischer Novemberabend. Ich schlendere mit Lothar durch die Straßen, die samstags unseren
Mikrokosmos kreuzen und mal in die Zivilisation und mal in die Botanik führen. Wir haben keine Plä¬
ne, nicht einmal eine sinnvolle Vorstellung von Richtung und lassen uns von Lichtern, Düften und plötz¬
lichen Eingebungen treiben.
Wir sind gut drauf. Ich bin besoffen und Lothar hat seine Psychose, und ich weiß nicht, ob das, was er
sich eingepfiffen hat, für oder gegen ihn arbeitet.
Es ist Ende 1990 und wir reden über Frauen. Lothar hat ein paar beeindruckende Vorstellungen, die sei¬
ne bisherigen Theorien noch übertreffen. Auch ich bin Single und rechne mir Chancen bei Gabi Jung
aus, verbringe aber ein paar Abende mit Clarissa, die so liebevoll und nett ist, dass ich mich vor ihren
Abgründen fürchte.
Unser Dealer für Pizza heißt Toni, unsere Pizza heißt Margherita, unsere Margherita ist heiß. Schräg ge¬
genüber gibt’s Livemusik in einem Laden, der sich Fabrik nennt, obwohl die Betreiber nicht wie Arbeiter
aussehen, sondern eher so, wie man sich Wehrdienstverweigerer und Gammler vorstellt. Als Sensation
des Abends präsentieren sich HARMONICA PETE &THE BLUES JUKES, die mal wieder in der Stadt sind
und darüber singen, dass sie morgens aufgewoketen und Big Momma gegone war.
Das ist nichts für uns. Wir verduften, stiefeln durch den Nieselregen und reden über Frauen, die viel¬
leicht dableiben würden. Wir ritzen die üblichen Namen und Proportionen in die Nacht, stellen uns vor,
wie glücklich sich die Damen wohl schätzen würden, wenn sie einer von uns auch nur auszieht und ei¬
nigen uns darauf, dass unser Style echt voll okay ist. Eigentlich ist es sogar sehr cool von uns, dass wir
derzeit mit keiner Frau ins Bett gehen. Dann kann sie am nächsten Tag auch nicht verschwinden.
„Los, da gehen wir jetzt rein“, sagt Lothar, als wir gegen die Außenmauern eines häßlichen Zweck¬
baus pissen und feststellen müssen, dass der Regen immer stärker wird. Es ist die Aula der Getrud-Bäu-
mer-Schule, aus den offenen Türen hören wir Stimmen, Gelächter und die Musik einer uns unterlege¬
nen Rasse.
„Okay“ erwidere ich, „Wenn dich Matthias Reim nicht stört.“
Lothar schüttelt den Kopf und kennt mich gut genug, dass er sich das Schütteln sparen kann. Ich weiß,
dass er die DOORS hört, dass er JEFFERSON AIRPLANE vergöttert, dass er mir für mein Fanzine Artikel
vom Kaliber „Warum Hippies besser sind als Punks“ zuschustert, aber offensichtlich ist der prasselnde
Regen ein echtes Argument.
Wir staksen in das hell erleuchtete Foyer und sehen uns vorsichtig um. Uns wird augenblicklich klar,
dass wir uns in eine andere Galaxie gebeamt haben, einem Parallel-Universum, das drei Treppenstufen
über dem unserigen liegt. Da, wo wir herkommen, ist die Atmosphäre erfüllt mit herzhaften Zigaretten¬
rauch, hier liegen bleiernde Schwaden Parfüm in der Luft. Zuhause begnügen wir uns mit tropfenden
Kerzen, hier kommt das Licht aus Neonröhren. Inmitten dieser Soße schwänzeln zufriedene, lachende
und seltsam gekleidete Leute herum, denen ich nicht die Hand schütteln möchte. Frauen mit glitzern¬
den Handtaschen und abenteuerlichen Frisuren, Männer mit Krawatten, Bierbäuchen und Halbglatzen,
Kinder mit Sweat-Shirts, wie sie Tennisprofis tragen. Lothar und ich stehen in der Ecke und glotzen uns
an, und als spüren, dass die Freaks uns anglotzen, drehen wir uns zur Wand. Dort hängen Rauchverbots-
Schilder und Plakate mit dem heutigen Datum. Darauf steht:
Große CDU-Fete
verleihen.
Die Band spielt „She LovesYou" und natürlich spielt sie das jetzt.
„Ich bin Simone“ sagt sie, spielt den Anfang von „I Want To HoldYour Hand“ und reicht mir ihre zar¬
ten Finger.
Ihre Augen sind so groß wie Ostereier. Ihre Blicke schlendern über eine Long And Winding Road mit ei¬
nem Taste Of Honey und sagen eindeutig For Sale. Wenn dieses Girl keine Rubber Soul hat, bin ich der
Fool OnThe Hill.
Ich schüttel ihr schmales Händchen, das in meiner Pranke versinkt und sich anfühlt wie ein in Seide ge¬
wickeltes Vollkornbrötchen.
„Thomas“ stelle ich mich vor. Sofort trägt sie wieder dieses Lächeln, mit dem Schwangerschaften begin¬
nen. Es ist das gleiche Lächeln, das auch Verkäuferinnen zeigen, wenn sie dir ein Pfund Gehacktes in Pa¬
pier einschlagen, ein Lächeln, das alles sagt und nichts. Nicht schlecht für den Anfang.
Simone beugt sich über die Theke und gibt eine Bestellung auf, für die sie zwei Handzeichen und ein
Kopfnicken braucht.
„Wirklich laut hier!“ brüllt sie mir lachend ins Ohr, während die Band in einem Medley ihre Jugend zu¬
rückholt. Es ist sehr laut, und es hat den Anschein, als sei Simone das nicht gewohnt. Immer wieder hält
sie ein Ohr zu, als müsse sie sich vor EQUALS-Songs schützen.
Ich bin mir sicher, dass sie als Verwaltungsfachangestellte ihr Leben vertrödelt, vielleicht auch als Zahn¬
arzthelferin, aber ich sehe an der Art, wie sie ihren Weißwein trinkt, dass sie sündhaft teure Unterwä¬
sche trägt.
„In welcher Ortsgruppe bist du?“, fragt sie beilätifig, während sie ihre Jacke auszieht, um sie über ih¬
ren Arm zu hängen.
„Ich? Äh, ich...also, pfft...“ stammele ich und bemerke in diesem Moment, dass sie keinen BH trägt.
Wahrscheinlich kann man an meinem Blick ablesen, dass ich in Situationen wie diesen andere Prioritä¬
ten setze. Auch Simone kann das und läßt ein kurzes Grinsen über ihr Gesicht huschen.
„Bist du allein hier?“, frage ich und bekomme das Nicken, das ich erwartet habe.
„Du auch?“
„Ja“, sage ich, und es ist vollkommen logisch, dass ausgerechnet in diesem Moment Lothar von seiner
Erkundungstour durch die christlich-demokratische Galaxie zurückkehrt. Obwohl ich gerade ziemlich
offensichtlich dabei bin, mit Simone eine Koalition zu bilden, macht er sich nicht die Mühe, ihr auch
nur einen Blick zu schenken.
„Lass abhauen, hier sind nur Bekloppte“, sagt er und zerrt an meinem Ärmel. In seinem Gesicht, das vor
Anspannung einem zuckenden, großen Muskel gleicht, Zeichen sich Ekel, Panik und verschiedene Me¬
dikamente ab. Lothar ist nicht gerade leise. Ich bemerke, wie uns die Leute anstarren mit diesem An¬
starren, das man nicht bemerken soll, und ich bin irgendwie froh, dass diese Sache nur uns beide be¬
trifft. Ich kenne seine Paranoia, wir hängen ja fast täglich miteinander ab, sowas passiert jede Woche
und bin bislang ganz gut damit gefahren, ihr keine große Bedeutung beizumessen und den Spaß unse¬
rer Meetings nicht danach auszurichten, ob Lothar plötzlich am Rad dreht. Meistens legt er sich irgend¬
wann hin und schläft.
„Draußen regnet’s“, erwidere ich und schiebe vorsichtshalber noch nach, dass es hier doch eigentlich
ganz nett ist.
„Ganz nett. Jo, hast Recht.“ Lothar läßt meinen Arm los, dreht sich um und verschwindet wieder in der
Menge. Vielleicht muss er nur zwei Gänge runterschalten.
„Ich mag die KINKS“, sag ich zu Simone, die an ihrem Weinglas nuckelt und langsam ihr Lächeln wie¬
derfindet.
„Ja, echt, eine geile Band“, bekräftige ich, weil ich die KINKS nun einmal mag, weil die BEATS gera¬
de „You Really Got Me“ spielen, und weil Simone dann möglicherweise vergisst zu fragen, wer der Typ
gerade eben war.
„Die KINKS waren die Kings“ sage ich, weil es mir egal ist, dass ich einen im Kahn habe.
„Ich find Bryan Adams besser“, sagt Simone. Ich nicke. Ein Nicken, das mich Überwindung kostet, ein
Nicken, über dem in dicken Lettern Geilheit steht und ein Nicken, das sie nicht einmal bemerkt, weil
ihre Blicke durch die Aula wandern. Ich proste ihr zu. Sie sieht es nicht.
Vielleicht ist sie gar nicht nicht alleine da, hat die ganze Zeit nur Mist erzählt und wollte nur ihren
Marktwert testen?
„Prost!“, schreie ich und wedele mit meinen Becher vor ihrer Nase herum.
„Prost“, sagt Simone und lächelt wie eine Verkäuferin, die mir ein Pfund Gehacktes in Papier ein¬
schlägt.
Dann trennen sich unsere Blicke, um sich in stillem Synchronismus zur Bühne zu richten. Die Band
stampft sich durch ein paar Standards und die zwei Personen, die das am wenigsten interessiert, hören
am intensivsten zu. Ich spüre, dass ich bei dieser Frau mit meinem Latein am Ende bin, während mei¬
ne Gedanken noch krampfhaft nach einen schmissigen Satz in Deutsch fischen. Ich schiele zu ihr rü¬
ber. Im Großen und Ganzen ist ihr Profil wirklich nicht übel, auch wenn sich bereits andeutet, dass ihr
schöner Hals irgendwann unter einem stattlichen Doppelkinn verschwinden wird. Ich blicke wieder zur
Bühne. Die Band spielt BEATLES.
„Möchtest du noch was trinken?“, frage ich, und sehe in einem Augenwinkel, wie Simone lächelt und
im anderen, wie Lothar auf die Bühne klettert, sich umschaut und langsam seine Jacke auszieht. Ver¬
dammt, was macht der Kerl da?
Der BEATLES-Song gerät hörbar ins Stottern. In den Augen von Paul und John steht Schulterzucken, wäh¬
rend Lothar mit seiner Jacke Richtung Schlagzeug stakst und sie dem Drummer ins Gesicht pfeffert. Der
ist Profi, schüttelt sich das Ding ab und spielt nach kurzem Aussetzen weiter.
Scheiße, die Sache mit Simone kann ich jetzt endgültig vergessen. Sie weiß, dass der Freak irgendwie zu
mir gehört. Ihr Lächeln ist verschwunden und ihr Mund steht weit offen. Offensichtlich hat sie panische
Angst vor Anarchie. Ich stelle mein Glas ab, und arbeite mich ein paar Meter weiter nach vorne, um in
der Nähe zu sein, falls die Sache eskaliert.
Danach sieht es aber im Moment nicht aus, im Gegenteil. Es wirkt eher souverän, wie sich Lothar sein
Hawaii-Hemd aufknöpft, es auszieht und lässig zu Boden gleiten lässt. Dann schlurft er zu dem Flügel,
den jemand für spezielle kulturelle Leckerbissen am Bühnenrand dauerhaft geparkt hat, klettert auf die
edle, hölzerne Abdeckung, legt sich Irin und zündet sich eine Zigarette an.
In der Halle ist es totenstill. Lothar pafft lautlos vor sich hin, die Band spielt schon lange nicht mehr, und
dem Publikum fehlen die Worte. Die Luft ist elektrisch geladen mit dieser adrenalindurchtränkten Stil¬
le, die normalerweise in Aggression umschlägt, aber das hier ist einfach zu unfaßbar für die anwesen¬
den Jungunternehmer.
Die Ordner machen nichts, die Band macht nichts, nur Lothar liegt im Unterhemd auf dem Klavier und
bläst genüsslich Rauch durch beide Nasenflügel. Nach einer Weile lässt er langsam seine linke Hand
sanft in der Luft kreisen. Es sieht aus wie eine noble Geste, die der Band signalisieren soll, dass sie ru¬
hig weiterzuspielen kann.
Die Jungs spielen weiter, vergessen, dass sie die BEATS sind und spielen tatsächlich „Eisgekühlter Bom-
merlunder“. Die Ordner vergessen, Lothar anschließend ein paar auf die Schnauze zu hauen und Simo¬
ne vergisst, mich nach meiner Telefonnummer zu fragen.
und weiter unten
Life-Musik: THE BEATS
Na, immerhin. Live-Musik mit den BEATS ist besser als Reden über soziale Marktwirtschaft, im übrigen
sind die BEATS gar nicht mal so übel für ihr Alter. Ich habe sie schonmal bei dem Fest einer anderen Par¬
tei gesehen und finde es irgendwie putzig, dass die Jungs dermaßen politisch engagiert sind, dass sie
sowohl auf CDU- wie SPD-Feten spielen. Aber man braucht kein Parteibuch, um zu den Evergreens der
ROLLING STONES, BEATLES und EVERLY BROTHERS viel Bier zu trinken, zumal die Preise zivil sind und
viele einsame Hühner herumlaufen.
„Hallo“, haucht plötzlich jemand, während ich an der Theke auf mein Bier warte, „Ganz schön laut
hier.“
Ich schaue zur Seite, und da steht sie: Die Frau, mit der ich heute abend in die Kiste springe! Sie zeigt
ihr makelloses Lächeln, sanft umzogen von kirschroten, vollen Lippen, die ihr einen verwegenen Touch
Und ich vergaß nach all den Jahren fast die BEATS, bis ich den Drummer in einem Büro wiedertraf.
Ich behielt das Erinnern für mich und sprach ihn nicht auf diesen Gig an. Irgendwie war mir das im¬
mer noch peinlich, sodass ich das, was sich ein paar Minuten später in diesem
Büro abspielte, mehr als Wiedergutmachung betrachtete. Ich gab ihm ein biss¬
chen Rock’n’Roll zurück und schloss bei ihm zwei Versicherungen ab.
Tom Tonk - Raketen in Rock
33 1/3 Platten für die Ewigkeit
Das Buch zur Kolumne gibt es für 11,90 Euro (inkl. Porto) auf
Seite 24 dieses Heftes käuflich zu erwerben. Den Leser erwarten
kompetente Besprechungen zu 33 1/3 Rockraketen, verfasst von
Tom Tonk, selbst erfolgreicher Musiker und Lebemann.
OX-FANZINE 18
VERDIENTE PLATTENFIRMEN IM KURZPORTRAIT
MATULA RECORDS
Wo und wann gegründet, heute wo ansässig?
Matula Records wurde gegründet 1997 in Hattenheim, einem kleinen Bauernkaff am Rhein. Mittler¬
weile ist es in Wiesbaden ansässig.
Gegründet von:
Von mir, Falk Fatal.
Heute steckt dahinter:
Immer noch Falk Fatal.
Lebst du von deinem Label? Warum, warum nicht?
Ich lebe nicht von meinem Label. Das hat folgende Gründe: Zum einen ist ein Label, das genug Geld
abwerfen soll, um davon leben zu können, ein Fulltimejob und das ließ sich nicht mit Studium und
meinen anderen Aktivitäten - Bands, Fanzine machen, Konzerte veranstalten - vereinen. Zum ande¬
ren habe ich keine Lust, groß Kompromisse einzugehen. Und wenn ich von dem Label nicht leben
muss, gibt mir das mehr Freiheiten und es bleibt ein schönes Hobby, als wenn ich jeden Monat dar¬
auf achten müsste, dass genügend Geld rumkommt, um damit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
In den letzten Jahren trug sich das Label von selbst, es blieb immer genügend Geld übrig, um neue
Platten zu veröffentlichen, und solange das so bleibt, ist das super.
Was machst du sonst noch?
Nebenher habe ich studiert und verdiente und verdiene meinen Lebensunterhalt in einer Wiesbade¬
ner Kollektivkneipe, dem Cafe Klatsch.
Bevorzugte Stilrichtungen:
Klassischer Punkrock, Oldschool Hardcore und Punk’n’Roll.
Label-Vorbilder:
Keins.
Die ersten Bands, die heutigen Bands:
Die erste Band war meine damalige Band, THE BECKS STREET BOYS. Aktuelle Bands sind NEIN
NEIN NEIN, BUBONIX, FRONT, DISCO LEPPERS, VIRAGE DANGEREUX, KAPUT KRAUTS, MISSING
SHADOWS, TATORT TOILET, M.A.M.A., RZGS und THE BECKS STREET BOYS.
Die drei wichtigsten oder besten oder meistver-
kauften Veröffentlichungen?
Wichtig war für mich jede Platte, die Matula Re¬
cords veröffentlichte, da ich mit jeder Platte da¬
zugelernt habe. Gut waren auch alle Platten, auch
wenn das nicht immer alle so sahen wie ich. Für
die Entwicklung am wichtigsten war bisher wohl
die „From Inside“-LP/CD von BUBONIX, da ich
mit der Platte begonnen hatte, das Ganze ein biss¬
chen ernsthafter zu betreiben. Ebenfalls sehr wich¬
tig für Matula Records waren die TATORT TOILET:
„Heil Hightech“-LP/CD und NEIN NEIN NEIN:
„Deine Szene ist ein Zombie“-LP/CD. Die Platten
haben sich auch bisher am besten verkauft.
Was fasziniert dich am Labelmachen?
Einerseits macht es Spaß, aktiv an der Entstehung
einer Platte mitzuwirken, von der man total be¬
geistert ist, praktisch an der eigenen Lieblingsplat¬
te mitzuwirken. Andererseits habe ich durch das Label eine Vielzahl von Leuten kennen gelernt, die
heute Freunde sind, die ich sonst niemals getroffen hätte, und das finde ich extrem cool. Und durch
ein Label lässt sich natürlich meine eigene Musik/Vinylsucht erheblich preiswerter befriedigen, als
wenn ich jede meiner Platten hätte bezahlen müssen ...
Und die Labelpolitik?
Ich veröffentliche nur Platten, hinter denen ich hundertzehnprozentig stehe, ohne mich auf eine be¬
stimmte Schublade festzulegen. Es muss mir gefallen. Wichtig ist, neben der musikalischen Quali¬
tät, vor allem das persönliche Verhältnis zu den Bands. Wenn das nicht stimmt, veröffentliche ich
auch keine Platte der Band. So kann ich behaupten, bisher nur Platten von Freundinnen herausge¬
bracht zu haben
matularecords.de
ANR RECORDS
Wo und wann und von wem gegründet, heute wo ansässig?
1998 als Anna Nadel Redords von Andreas und Ben in Berlin ge¬
gründet. Zwischenzeitlich waren auch noch zwei andere Leute
bei ANR aktiv. In den Anfangsjahren verstärkte Roland das Team.
Roland lebt mittlerweile seit einigen Jahren in Österreich und be¬
treibt da sein eigenes Label Squoodge Records, auf dem er haupt¬
sächlich limitierte Vinyl-EPs von Garage/Trash/Minimal/Pop-
Punk Bands veröffentlicht. Nach Rolands Ausstieg war lange Zeit
Basti festes Mitglied bei ANR, bis auch er Ende 2006 das Handtuch
warf. Seine Bands (THE POKES, THE PILLOCKS, DEAD END FA-
MOUS) nahmen einfach zu viel Zeit in Anspruch. Somit besteht
das Label wieder aus den Gründungsmitgliedern, wobei Ben das
eigentliche Tagesgeschäft führt und Andreas, den es mittlerweile
nach Dresden verschlagen hat, für die Homepage verantwortlich
ist und demnächst auch wieder den Mailorder betreuen wird.
Lebt ihr von dem Label? Warum, warum nicht?
Leider können wir von dem Label nicht leben. Das meiste Geld,
was reinkommt, wird direkt wieder in neue Veröffentlichungen
oder Projekte gesteckt.
Was macht ihr sonst noch?
Andreas hat mittlerweile sein Informatikstudium abgeschlossen
und einen Job in einer Software-Schmiede angenommen. Ich bin
da noch nicht ganz so weit (Geografie-Student im 18. Semester)
und halte mich hauptsächlich damit über Wasser, dass ich Aufkle¬
ber für andere Labels und Bands drucke.
Bevorzugte Stilrichtungen:
Manche behaupten ja, bei ANR gibt es keine klare Linie. Wir aber
sagen, dass wir uns da selber keine Schranken setzen. Und so
kommt es, dass wir schon Platten von 77er-Punk bis Hardcore
und von Deutschpunk bis Ska veröffentlicht haben. Und das wird
auch so bleiben. Veröffentlicht wird, was uns gefällt.
Label-Vorbilder:
Gibt es eigentlich nicht wirklich. Wir haben einfach ohne jegli¬
chen Plan angefangen und uns dann mehr oder weniger da rein¬
gearbeitet. Natürlich gibt es mittlerweile Labels, die wir aufgrund
ihrer Arbeit oder auch Zusammenarbeit mit uns schätzen. Wir ha¬
ben uns aber noch nie irgendwelche Gedanken über einen Mas¬
terplan für unser Label gemacht.
Die ersten Bands, die heutigen Bands:
Die erste Veröffentlichung war der „Ohrensausen“-Sampler. Die
ersten wirklichen Band-Releases waren PURGEN aus Russland
und HAUSVABOT aus Berlin. Später kamen dann noch Moskaus
Ska-Punk-Helden DISTEMPER dazu, von denen wir im Sommer
das mittlerweile vierte Album auf ANR veröffentlichen werden.
Dazwischen gab es natürlich einige Bands, mit denen wir nur für
eine Veröffentlichung zusammengearbeitet haben. Die letzten
Veröffentlichungen waren die CDs der Ska-Band MOSKOVSKA-
YA und der Moskauer HC-Band WHAT WE FEEL, beides Bands,
mit denen wir auch in Zukunft gerne Weiterarbeiten wollen. Und
demnächst steht dann auch die Debüt-CD der französischen Band
SKANNIBAL SCHMITT an.
Die drei wichtigsten oder besten oder meistverkauften Veröf¬
fentlichungen?
Die nächste Veröffentlichung ist natürlich immer die wichtigs¬
te, bei der man alles noch ein bisschen besser machen will als
bei den vorangegangenen Releases. Aber um hier mal eine Veröf¬
fentlichungen rauszugreifen: Da wäre zum einem PURGENs „To-
xidermists Of Urban Madness“, die sich damals sensationell gut
verkaufte. Innerhalb von nicht mal einem Dreivierteljahr war die
gesamte Auflage von 1.000 LPs verkauft. Als weiteres Highlight
lässt sich auf jeden Fall DISTEMPERs „Ska Punk Moscow“ her¬
vorheben. Und eine CD, die uns persönlich sehr am Herzen lag,
war THE ORDINARY BOYS: „Big Brother Is Watching You!“. Lei¬
der nicht der große Verkaufsschlager, aber eine Platte, mit der wir
uns musikalisch und vor allem textlich hundertprozentig identi¬
fizieren können.
Was fasziniert dich am Labelmachen?
Ganz klar ist es erst mal faszinierend, selbst ein aktiver Bestand¬
teil der Szene zu sein, in der man sich bewegt und die das eige¬
ne Leben geprägt hat. Mit der reinen Konsumentenrolle konnten
wir schon immer nix anfangen. Selbst eine Band zu gründen, fiel
auf Grund des beschränkten musikalischen Talents flach. Ähn¬
lich sah es mit Fanzines aus. Wir wollten halt viel lieber irgend¬
was anpacken, als darüber zu berichten. Blieb eigentlich, außer
vielleicht noch Konzerte organisieren, nur noch die dubiose Rol¬
le des Labelchefs, der entscheidet, welche Band eine Platte veröf¬
fentlichen darf und welche nicht. Sex, Drugs & Rock’n’Roll für
die Musikerlnnen - ein Leben in Saus und Braus bei überschau¬
barer Arbeit für uns. So weit der Plan. Es ist ein bisschen wie ein
Mixtape zusammenzustellen, nur dass es sich dabei zumeist um
komplette Alben handelt. Und alle Alben zusammen bilden dann
das Label-Mixtape.
Eure Labelpolitik?
Eine Chance, bei ANR veröffentlicht zu werden, hat nur, was uns
selbst absolut begeistert. Alles was in irgendeiner Form mit Punk¬
rock zu tun hat, hat prinzipiell eine Chance, genauso wie HC und
Ska. Auch ist von Vorteil, wenn die Band irgendetwas mitzutei¬
len hat und es nicht immer nur um die nächste Party oder um
mögliche (Sex)Partner geht. Natürlich kann es in der Musik auch
hauptsächlich um Spaß gehen, nur sollten die Musikerlnnen dar¬
über hinaus auch noch was in der Birne haben, mit dem wir uns
als Labelmacher und Menschen auch identifizieren können. Von
daher ist es natürlich immer von Vorteil, wenn man sich persön¬
lich kennt oder schon mal über den Weg gelaufen ist. Und bei der
begrenzten Zahl an Veröffentlichungen pro Jahr entscheidet dann
oft auch die persönliche Sympathie. Außerdem ist es uns wichtig,
dass die Bands auch live rocken. So wird es eher selten Vorkom¬
men, dass wir eine Band veröffentlichen, die wir vorher noch nie
live gesehen haben.
anr-music.org
WANDA RECORDS
Wo und wann gegründet, heute wo ansässig?
Gegründet in Dessau/Anhalt im Jahr 1997, heute in Naumburg/Saale ansässig.
Gegründet von:
Monster.
Heute steckt dahinter:
Monster.
Lebst du von deinem Label?
Nein, ich kann nicht vom Label leben, ja, warum eigentlich nicht? Muss wohl an den Verkaufszah¬
len Hegen, schätze ich mal.
Was machst du sonst noch?
Neben dem Label betreibe ich noch den Wanda Records-Mailorder/Onlineshop und das kleine T-
Shirt-Label namens Business Nutte. Ach ja, nachts trifft man mich in der Druckerei als Offsetdru¬
cker.
Bevorzugte Stilrichtungen:
Im weitesten Sinne: Punkrock.
Label-Vorbilder:
Gibt es nicht.
Die ersten Bands, die heutigen Bands:
Angefangen hat alles mit HASCH ODER ALK, MURDERED COPS und PURGEN, Die letzten Releases
waren von RADIO DEAD ONES, DIE PUNKROIBER und ... SITUATIONS.
Die drei wuchtigsten oder besten oder meistverkauften Veröffentlichungen?
PURGEN: s/t-LP - war in Rekordzeit aus
verkauft. DISTEMPER: „SkaPunkMos
cow“-Picture-LP - sehr aufwändiges Co
verartwork. THE MESSENGERS: s/t-LP -
einer meiner persönlichen Favoriten, d,
mit Frauengesang.
Was fasziniert dich am Labelmachen?
Tja, warum macht man das alles? War
um nimmt man das große finanzielle Ri
siko und die unzähligen Stunden Arbeit ii
Kauf? Ich denke, es ist zum Teil der Wil
le, Musik, von der man selbst überzeug
ist, eine - schön gestaltete - Verbreitungs
möglichkeit zu geben. Beziehungsweisi
der Band und auch mir selber den Wunscl
nach einem Vinyltonträger zu verwirklichen. Perfekt gemacht wird dies dann nur noch vom positi¬
ven Feedback aus der Szene, der Fachpresse und natürlich den Verkaufszahlen.
Deine Labelpolitik?
Bis 2006 war Wanda Records ein reines Vinyl-Label. Einige der letzten Releases sind mittlerweile
auch auf CD erschienen, dies soll jedoch die Ausnahme bleiben. Das gute alte Vinyl hat auf jeden Fall
immer Vorrang bei Wanda Records. Besonderen Wert lege ich auch auf die Aufmachung der Veröf¬
fentlichungen. Das Mindeste sind da Textblätter oder bedruckte Innenhülle und 160g-Vinyl. Der Kre¬
ativität sind da kaum Grenzen gesetzt und das ist auch gut so.
wandarecords.de
OX-FÄNZINE 19
50 »
EYNDE
BORN TD, LOSE
From Hollywood, California, THE DEEP EYNDE
return witn force with their latest album,
BAO BLOOD. to be released this Spring 2007
on People Like You Records. In contrast to
their last album "SHADOWLÄND", the music
has now shifted into higher gears, with
high energy, and more catchy hooks.
Thev have established themselves an
eartny edge that bieeds now from
everything darkingothic, punk and rocknroll.
BORN TO LOSE is an all out
punk-rock-and-roll assault that will make you
S rab a beer and sing along.
escribed as "Working Class Pop Punk."
and/or "Pub Punk," Born To Lose usesthe
combination of catchy, beer-drenched vocal
melodies, anthemic, singalong choruses, !
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A total of 17 songs that willkill frustration j
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Office & Shop:
Wohlwillstrasse 27 • 20359 Hamburg • Germany
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!!! BITZCORE PRESENTS
BOOZED Acid Blues LP/CD
★ THE FLÄMING SIDEBURIUS Keys To The Highway LP/CD
★ AMULET Blessed & Cursed (1093-2007) CD
H:r* «y BOOZED are back in town!
[‘Die fünf Jungsnaren sich mittlerweile den Ruf als eine der besten
^deutschen Rock'n'Roll Bands erspielt und mit ihrem neuen Album *
interstreichen sie diesen Status einmal mehr. „Acid Blues" ist ein
teser, rauher Bastard, der sich sofor t im Ohr festbeisst!
oH Jfi ■■'t
THE
FLÄMING THEHICHWAT
SIDEBURNS
Endlich ein neues Studioalbum der
finnischen Garagen-Rock Helden!
Sie haben wieder zur Rotzigkeit ihrer
Anfangstage zurückgefunden, klingen dabei
trotzdem deutlich gereift. Eine echte Perle! >
Featuring Lisa Kekaula (The Bellrays)!
Das Vermächtnis der norwegischen HC-Punks!
Auf dieser Sammlung vereinen sie alle musi¬
kalischen Highlights, Klassiker und Raritäten
ihrer 14-jährigen Karriere. Von Szenekennern
immer geliebt, von der breiten Masse stets
verschlafen. Inklusive zwei brandneuer Songs!
★ ★ ★ ★ ★ MAILORDER, SHOPS, K 0 N Z E R T V E R K Ä ü F E R ETC.: GROSSHANDELSLISTE ANFORDERN! ★ ★ ★ ★ ★
BIGBEATLAND
von Andreas Michalke
Als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal vor der Köpi stand, hat mich das riesige Haus schwer
beeindruckt. Das ganze wirkte wie Hafen- und Lobuschstraße in Hamburg zusammen
genommen. Alles war noch größer und noch wilder, die Köter noch rottiger, die Punks noch
dreckiger. Berlin eben.
Dackelblut hatten uns eingeladen bei ihnen Vorgruppe zu machen. Na, richtig eingeladen
waren wir eigentlich nicht. Riebe hatte uns vorgeschlagen. Von der Band, mit denen wir
zusammen aus Hamburg im Bus fuhren, hatte uns noch keiner gehört. Und Riebe verkaufte
nur die T-shirts von Dackelblut..
Wir waren die Outtasites, die Out-of-Sights, weil zwei von uns aus medizinischen Gründen
dicke Hornbrillen trugen. Aus Solidarität trug ich manchmal auch eine. Wir hatten auf St.
Pauli schon alles rauf und runter gespielt und obwohl uns Tim Warren liebevoll „die Benny
Goodmans of Punkrock“ genannt hatte, weil wir auf der Bühne immer so gut drauf waren,
versuchten wir die härteste Garagenpunkband Hamburgs zu sein.
Außerdem hatten wir, wie das damals in der Garagenpunk Szene schick war: Matching
Outfits! bei jedem Auftritt hatten wir neue: T-Shirts oder Hemden mit unserem Bandnamen
drauf, abgeschnittene Kimonos oder irgendwelche billigen, bunten Fummel vom
Kleidermarkt. Hauptsache, drei gleiche.
Vor dem Auftritt gabs erstmal zu Essen, dicke Knödel mit dicker Soße. Die waren sehr lecker
und als wir kurze zeit später auf der Bühne standen, waren unsere Bäuche voll und der Laden
ebenso. Alle warteten auf Dackelblut. Ein Jahr zuvor, waren Blumfeld Vorgruppe von
Dackelblut gewesen. Die Punks in der Köpi hatten sie gnadenlos ausgebuht.
Jetzt standen da drei zitternde, gleich angezogene Hamburger Hombrillentypen mit vollen
Bäuchen. Gleich beim ersten Stück gabs ne Schlägerei zwischen den polnischen Punks, die
mir mit ihren Tüten, voll mit mitgebrachtem Dosenbier, schon vor dem Konzert aufgefallen
waren.. Aufhören wäre sinnlos gewesen. Wir hätten gar nicht die Autorität gehabt die zu
stoppen. Also weiterspielen, so hart wie möglich. Auch Carsten machte diesmal nicht die
geringsten Anstalten, das Publikum zu beschimpfen.
Mein Schlagzeug baute ich immer in der Mitte direkt am Bühnenrand auf. Nachdem die
Schlägerei vorbei war, hatte es sich jetzt ein älterer Typ mit seinem Kopf, auf meiner Base
drum gemütlich gemacht. Er war offensichtlich müde. Ich trat umso härter auf meine
Fußmaschine.
Einmal wach, fing er an mitzuspielen un d meine Becken durcheinander
zu bringen. Das brachte wiederum mich durcheinander.'
Zwischen den Stücken protestierte ich vorsichtig. Ohne Wirkung.
Irgendwann hatte ich dann doch die Schnauze voll, zielte genau
StCllSlP Und: Batsch! haute ihm so fest ich konnte
g^|g|||tj| auf die Finger.
k* 1 * iatte ' r S en dwie mit einer stärkeren Reaktion
gerechnet, aber er zuckte
nur, rieb sich die Finger
und ließ mich für den Rest des Konzerts in Ruhe.
Darüber hatte ich gar nicht gemerkt, dass es eigentlich ganz gut lief. Einige Leute tanzten und
Applaus wurde auch immer lauter. Wir hatten Sie doch noch gekriegt. Nachdem wir noch
eine Zugabe gespielt hatten, dachte ich: jetzt können wir überall spielen!
In den letzten fünf Jahren habe ich meine Plattensammlung wieder entdeckt und bin als Gast
regelmäßig in der Köpi gewesen. Garagenrock ist immer noch tot, aber hier rockts ohne Ende.
DIY Hardcore Punk ist lebendig wie lange nicht. Natürlich hab ich auch in der Köpi schon
mal eine schlechte Band gesehen, aber noch nie eine langweilige. Das Publikum ist noch
immer eins der strengsten und sachverständigsten und du kannst da als Band einfach nicht
abschwächeln. Die Bands kommen um zu zerstören und keine Gefangenen zu machen. Es gibt
für mich keinen Grund in kommerziellen Punk Rock Clubs abzuhängen, wenn in Läden wie
der Köpi so dermaßen die Luft brennt.
Natürlich ist die Köpi nicht nur ein Konzertort. Seit 17 Jahren finden dort alle möglichen
politischen und kulturellen Veranstaltungen statt und natürlich wohnen auch eine Menge
Leute da. Am 8.Mai wurde die Köpi unter sehr dubiosen Umständen verkauft. Damit ist eins
der wichtigsten Haus-Projekte in Berlin von der Räumung bedroht. Genauere Informationen
Am 16. Juni ist in Berlin internationale Demo für die Köpi und gegen G8 Repression.
Na, da bin ich aber mit dabei.
Köpi bleibt!
OX-FANZINE 21
DISCORD IM DISCOUNT
VON PETER PUCK
ec**r l icM rffjp va&'Total Gctie&se
VOM 'DftZ, .'Pfi&ZVU H&t
so'to er^ess macmvt, ex'. KAUtusr
V(a MAi' AumSfceto vfcu Vfe e*J
AfrSCMLOCM ZU 'BetO&HAABM VI
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uw va 5 bo&issrvu /' ...
Au£iaecn : r? , 35S ! 5eHAumMr
Schlussgag? Kommt vielleicht noch...
Wenn Herrn Puck einer einfällt!
OX-FANZINE 22
^REZEPTE
HALLO IHR LIEBEN!
Gefühlter Juli, obwohl es erst Ende April ist ... so
könnte man die momentane Wetterlage wohl am
Besten beschreiben. Ob das nun normal ist oder
sich der Klimawandel bemerkbar macht, sei mal
dahingestellt. Vegetarier jedenfalls leisten ihren
Beitrag zur Rettung des Klimas: Der globale Vieh¬
bestand verursacht 18% der weltweiten Treib¬
hausgas-Emissionen. Wie? Durch den energiein¬
tensiven Anbau des Futters, durch Methangas aus
Rindermägen und durch Abfackeln oder Abhol¬
zen der Regenwälder für neue Sojaplantagen und
Viehweiden.
Ich wünsche euch einen wunderschönen Som¬
mer!
Uschi (uschi@ox-fanzine.de)
Ab und an ist er einfach da, der Heißhunger auf Pommes.
Die Dinger aber, die in den Frittenbuden verkauft werden,
kommen zu 99 Prozent aus der Gefriertruhe und somit aus
der Fabrik, sind also genormt, langweilig und doof. Und
welches Fett dort zum Frittieren verwendet wird, will man
wahrscheinlich gar nicht wissen. Also lieber selber machen.
Und zwar richtig. Denn die Pommes aus dem Supermarkt
zu nehmen ist vielleicht einfacher, aber dann kann man im
Endeffekt auch gleich wieder zur Frittenbude gehen.
FAST GESUNDE POMMES
von Andre Bohnensack
Musik: DIE LOKALMATADORE „Erika“
• 1 kg Kartoffeln
• Pflanzenfett (fest oder flüssig)
• Salz, eventuell Paprikapulver
Unabdingbar für selbstgemachte Pommes ist eine vernünf¬
tige elektrische Friteuse. Ob das auch mit den Pötten geht,
die man auf den Herd stellen kann, weiß ich nicht. Einen
Versuch wäre es vielleicht wert, die Steuerung der Tempe¬
ratur des Fettes ist hier aber wohl nicht allzu einfach.
Nicht unbedingt erforderlich, aber ungemein hilfreich ist
eine Küchenmaschine mit speziellem Pommes-Schneide-
einsatz. Wer solch eine Maschine besitzt, sollte sich erkun¬
digen, ob es diesen Einsatz auch für sein Gerät gibt. Wer
keine Maschine hat, schneidet mit der Hand.
1. Die Kartoffeln gründlich waschen und von Augen, Lö¬
chern und ähnlichem befreien. Aber auf gar keinen Fall
werden die Kartoffeln geschält! Die Schale muss unbedingt
dranbleiben! Das ist ein Extrakick, der das Ganze noch um
einiges leckerer macht.
2. Die Kartoffeln durch die Küchenmaschine jagen. Oder
eben mit einem Messer in Pommes-ähnliche Formen
schneiden. Dabei nicht schämen, auch die beste Küchen¬
maschine wird unterschiedlichste Formen und Größen fa¬
brizieren. Ich empfehle aber, eher dünne Pommes entste¬
hen zu lassen, dann werden sie knuspriger. Die dicken,
labbrigen Dinger sollen die Belgier essen.
3. Die entstandenen Kartoffelbrocken in ein Sieb packen
und mit kaltem Wasser gründlich abspülen. Dadurch geht
überflüssige Stärke verloren. Danach mit einem saube¬
ren^) Handtuch ordentlich trocken rubbeln.
In der Zwischenzeit kann das Fett in der Friteuse schon mal
auf die richtige Temperatur gebracht werden. Und zwar auf
genau 170°. Eure Maschine macht sich bemerkbar, wenn
es soweit ist.
4. Die Pommes jetzt vier Minuten vorfrittieren und dabei
nicht braun werden lassen. (Je nachdem, wie groß eure
Friteuse ist, könnt ihr entweder alle Pommes auf einmal
frittieren oder in mehreren Gängen. Das Ding aber bitte
nicht zu voll stopfen, die Pommes wollen Platz haben.)
5. Jetzt die heißen Pommes auf ein Handtuch kippen und
nochmals gut abtrocknen. Dabei kann man sich nicht nur
wunderbar die Pfoten verbrennen, es hilft auch, die Fritten
schön knusprig werden zu lassen.
Die Friteuse jetzt auf 190° hochstellen.
6. Ist diese Temperatur erreicht, die Pommes noch mal
zwei bis vier Minuten frittieren, je nachdem wie dunkel
ihr sie haben wollt.
7. Ab mit den fertigen Pommes in eine große Schüssel, viel
Salz drauf (es soll Leute geben, die auch mit Paprikapul¬
ver würzen. Geschmacksache) und schleunigst mit Ketch¬
up und/oder Majo verspeisen (aber nur die aus dem Biola¬
den! In allen anderen sind KZ-Eier drin!). Allzu lange warm
bleiben die Fritten nämlich eigenartigerweise nicht.
• Sehr schön dazu passend ist selbstgemachter Gurry-Ketch-
up. Für eine Person dafür einfach fünf, sechs Esslöffel To¬
matenketchup mit einem Teelöffel Senf, einem halben Tee¬
löffel Currypulver und Salz und Pfeffer vermischen. Chili¬
pulver wäre aber eventuell auch eine Überlegung wert...
CHRIS MACHT ERDBEER-CAPRESE
von Chris, Ox-Schreiber
Musik: beim Zubereiten: GRAF ZAHL „Sommerhitler“,
beim Essen dann BEATLES „Strawberry fields forever“
• 1 Mozzarella (wer einen guten Sojamozzi weiß, kann na¬
türlich den nehmen und - schubsdiwubbs - isses vegan!)
• 4 oder 5 Erdbeeren,
• Balsamico-Essig (den gibt es ja auch schon mit Erdbeer,
das passt natürlich am besten)
• Olivenöl
• Salz, Pfeffer
• evtl. Basilikumblätter
Wer kennt das nicht? Tomaten schmecken nicht oder nach
nichts — selbst Bio- oder Coktailtomaten. Erdbeeren dage¬
gen schmecken (meist) super. Da hilft nur, einfach die ei¬
nen durch die anderen zu ersetzen, und fertig ist das super¬
leckere Sommer-Caprese.
Je nach Größe der Erdbeeren, die in Scheiben von mehr
oder weniger einem halben Zentimeter geschnitten wer¬
den, den Mozzarella, bevor er in genauso dicke (oder dün¬
ne) Scheiben geschnitten wird, längs halbieren (damit die
Scheiben am Ende jeweils gleich groß sind).
Dann wird das Ganze je nach Gusto auf einem großen Tel¬
ler verteilt (das wirkt so schön protzig), jetzt kommen
noch Salz und Pfeffer, Öl und Essig darüber und ein paar
Basilikumblätter (die auch schön an den Rand, dann sieht’s
professioneller aus) und es darf serviert werden!
BÄRLAUCHPESTO FÜR 2
Musik: CUT CITY „exit decades“
Dank Gemüse-Abokiste kommt man öfter mal zu dem Ver¬
gnügen, mit Sachen zu experimentieren. So ging es uns
letztens mit Bärlauch. Herausgekommen ist ein superlecke¬
res Pesto. Here we go:
1 Bund Bärlauch (ca. 50 g)
Ca. 2-3 EL geriebener Parmesan
Ca. 2 EL Pinienkerne
Olivenöl
Salz und Pfeffer
1. Bärlauch (heißt angeblich so, weil er für Bären die erste
Nahrung nach dem Winterschlaf ist) waschen, abtrocknen
und in feine Streifen schneiden.
2. Mixer oder Zauberstab im Küchenschrank suchen. Bär¬
lauch, einen guten Schuss Olivenöl und etwas geriebenen
Parmesan schön miteinander durchmixen. Die Konsistenz
sollte irgendwo zwischen dickflüssig und breiartig sein.
Evtl, nochmal etwas Olivenöl nachgießen. Ordentlich mit
Salz und Pfeffer abschmecken.
3. Pinienkerne in einer beschichteten Pfanne leicht anbräu¬
nen. Zum Pesto geben und kurz, wirklich nur kurz mixen,
denn die Pinienkerne sollten etwas stückig bleiben. Fertig.
• Passt hervorragend zu Spaghetti.
• In einem gut verschlossenen Gefäß mit einer Schicht Oli¬
venöl obendrauf hält sich das Pesto etliche Tage im Kühl¬
schrank.
• 4 Eigelb
• 4 EL Zucker
• 200 ml Sahne
• 25 ml Baileys oder anderer Irish Cream Liqueur
• 1 TL Espressopulver (instant oder gemahlene Bohnen,
was gerade zur Hand ist)
• 20 g Pinienkerne
• 2 EL Schokoflocken
1. Sahne steif schlagen. Das mache ich immer zuerst, da
ich dann die Teile von dem Rührgerät für den nächsten Ar¬
beitsgang (Eigelb + Zucker) nicht so besonders sauber ma¬
chen muss.
2. Eigelbe mit Zucker und Likör gut aufschlagen. Das ist
wichtig, damit sich das Eigelb nachher nicht absetzt.
3. Espressopulver und Schokoflocken unterrühren. Salme
unter die Eipampe heben.
4. Masse in eine Form nach Wahl füllen und ab damit in
den Tiefkühlschrank. 5-6 Stunden frieren lassen.
5. Parfaitform kurz in heißes Wasser tauchen, auf eine Glas¬
platte stürzen und ringsum mit angerösteten Pinienkernen
dekorieren. Die P-Kerne sind absolute Pflicht!!!
• Wenn man das Parfait ein paar Tage vorher zubereiten
möchte, kann man es auch ganz einfrieren und rechtzei¬
tig etwas antauen lassen. Stürzen muss natürlich auch nicht
zwingend sein; ein Portiönchen aus der Form gelöffelt
oder geschnitten sieht auch ganz gut aus.
DAS OX-KOCHBUCH-SPEZIÄLPÄKET
Wir empfehlen die exklusive, limitierte
„Pizzabox“:
• 1 x Ox-Kochbuch 3
• 3 verschiedene Kochbuch-Buttons
• 1 x Ox-Kochschürze
• 1 x Ox-Pfannenwender
(bedruckt mit dem Motiv hier unten)
Das Ganze kommt in einem
Original-Pizzakarton für 25,- Euro
(+ 5,- Euro Versand).
Zu bestellen über www.kochbuch.de
Als Dessert passt hervorragend D.I.Y.-Eis:
ESPRESSOPARFAIT
von Wolfram Röhrig
Musik: THE LOVEKILL
KOCHEN OHNE KNOCHEN: DIE OX-KOCHBVCHER
Das
Ox-Kochbuch
DAS OX-KOCHBUCH TEIL I
Vegetarische und vegane
Rezepte nicht nur für Punks
9,20 Euro incl. P&V
Seit Jahren hat die vegetarische Rezeptseite einen festen
Platz im Ox, und nach über 25 Ausgaben haben wir teils
eigene, teils von den Leserinnen eingesandten Rezepte
zusammengefasst und um Gastrezepte von Bands, Labels,
etc. ergänzt. Wert gelegt wird hier nicht nur auf verständliche
Anleitungen, sondern auch auf den Spaß beim Kochen: alle
Rezepte sind mit passenden Musiktips versehen.
DAS OX-KOCHBUCH TEIL II
Noch mehr vegetarische
Rezepte für Punkrocker
und andere Menschen
11,25 Euro incl. P&V
Wie beim ersten Teil finden sich hier auf rund 200 Seiten
leckere fleischlose Rezepte von Szenegrößen und anderen
nicht weniger wichtigen Menschen, die ein weiteres Mal mit
der Besonderheit aufwarten, dass zu jedem Beitrag ein Tip
des Verfassers abgedruckt ist, welche Platte von welcher Band
sich als „Koch- und Ess-Soundtrack” am besten eignet.
DAS OX-KOCHBUCH TEIL
Kochen ohne Knochen -
Die feine fleischlose
Punkrock-Küche
9,90 Euro incl. P&V
Noch mehr Rezepte zum „Kochen ohne Knochen“, noch mehr
vegetarische und vegane Köstlichkeiten von simpel bis an¬
spruchsvoll, von Punks nicht nur für Punks. Dazu gibt's noch
Einkaufstipps und interessante Interviews: Mit einem Bio-
Gärtner, mit einer Bäuerin, mit einem Pommesbudenbesitzer
und einer vegetarischen Köchin.
OX-FANZINE 23
DIE MUSIK IN DER NUSSSCHALE
NEUROSIS
Im Jahr 1906 erhielt der Spanier Santiago Ramön y Cajal den Nobelpreis für Medizin. Seine Untersu¬
chungen der Feinstruktur des zentralen Nervensystems markierten einen entscheidenden Durchbruch
beim Verständnis der Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Er war jedoch immer fest davon über¬
zeugt, dass es ob der Komplexität dieser „grauen Substanz“ noch viele Jahrhunderte dauern würde, bis
man ihren Aufbau vollends verstünde. Dann aber hätte der Mensch nicht nur das Gehirn entschlüsselt,
sondern das gesamte Universum, da sich in diesem nach Ramön y Cajals Auffassung die Struktur des
menschlichen Gehirns widerspiegelt. Steve von Till, Sänger und Gitarrist von NEUROSIS, hätte dieser
Hypothese wohl schon damals widersprochen, misst er doch dem Gehirn weitaus geringere Bedeutung
bei. Mehr noch als das: Um Teile des Universums zu entschlüsseln und für den Menschen erfahrbar zu
machen, müssen seiner Meinung nach neuronale Prozesse so weit wie möglich ausgeklammert werden.
Denn genau so entsteht letztendlich die Musik seiner Band.
NEUROSIS und viele Bands, die sich direkt auf euer
Schaffen berufen, haben eine Verbindung zu Hydra
Head Records, dem Label von ISIS-Frontmann Aa¬
ron Turner. Dieser hat die Musik, die er veröffent¬
licht, einmal als „Thinking Man’s Metal“ zusammen¬
gefasst. Ist das eine Kategorie, mit der du etwas anfan¬
gen kannst?
Obwohl ich weiß, was er damit gemeint hat, würde ich
diesen Begriff niemals auf NEUROSIS anwenden. Unse¬
re Musik hat nichts Intellektuelles. Sie entsteht aus dem
Bauch heraus.
„Thinking Man’s Metal“ bezieht sich in eurem Fall also
weniger auf die Band als vielmehr auf ihre Rezipien¬
ten?
So könnte man das sagen, denn es gibt natürlich durch¬
aus Leute, die Musik auf einer intellektuellen Ebene gou¬
tieren und die auch NEUROSIS gut finden. Sie mögen es,
über die Bilder und Wörter nachzudenken, alles zu zer¬
pflücken und genauestens zu untersuchen. Das kann je¬
der machen, wie er lustig ist. Unser Ansatz ist allerdings
ein gänzlich anderer.
Aber auch ihr müsst doch in irgendeiner Form über
das nachdenken, was ihr mit NEUROSIS tut.
Diese Musik kann nicht aus dem Verstand kommen. Es
gibt kein Konzept. Es gibt keine vorformulierten Gedan¬
ken. Es gibt keine bewussten Entscheidungen, was als
Nächstes zu tun ist. Im Lauf der Jahre haben wir stattdes-
sen gelernt, die Welt um uns herum auszublenden und
nur in uns selbst hineinzuhören. Es kommt alles aus unse¬
rem tiefsten Inneren, von einem Ort, der mit Worten un¬
möglich beschrieben werden kann. Dort entspringt wah¬
re Kreativität. Es ist wie ein Feuer, das darauf brennt, sich
zu entzünden, das nach Ausdruck verlangt. Wir haben
gelernt, uns dem ganz hinzugeben. Zu Beginn konnten
wir das nicht. Das war ein Prozess, der sehr langsam und
in vielen kleinen Schritten ablief und noch längst nicht
abgeschlossen ist, denn wir lernen mit jedem Album et¬
was Neues hinzu. Letztendlich geht es um den Versuch,
zur reinsten Form der Empfindung vorzudringen.
Ihr versucht also, beim Musikmachen alles auszublen¬
den, was im Gehirn vor sich geht?
Es gibt einen Unterschied zwischen dem Moment, in
dem man Musik erschafft, und der Situation, in der man
sie spielt. Auf der Bühne versuchen wir, der Seele der Mu¬
sik einen Körper zu geben, indem wir sie durch uns hin¬
durch fließen lassen. Wir lassen uns im Grunde genom¬
men von ihr kontrollieren. In solchen Momenten versu¬
chen wir, den Kopf auszuschalten und nicht nachzuden¬
ken. Wir wollen uns unserem Selbst nicht bewusst sein,
denn das würde alles kaputt machen. Wenn man der Mu¬
sik aufrichtig und ehrlich gegenübertreten will, dann
muss man aufhören, ein denkendes Wesen zu sein. Lei¬
der gelingt das nicht immer. Irgendein Arschloch mit ei¬
ner Kamera bringt dich mit seinem Blitzlicht ganz raus
oder ein technisches Problem verhindert, dass du diesen
Zustand erreichst. Doch im Idealfall kommst du an den
Ort, an dem es scheint, als würde der Sound aus dem
Mittelpunkt der Erde sprudeln und durch deine Wirbel¬
säule direkt in deinen Kopf fahren. Du bist dann ein Teil
des Ganzen. Du bist die Musik. Du bist kein Mensch, du
bist Klang.
Eure Lieder schreiben sich also sozusagen von alleine?
Wir versuchen, das zu tun, was die Musik von uns ver¬
langt. Wir fragen uns, wo die Energie entspringt, wohin
sie fließen will, und tun alles, damit sie nicht unterbro¬
chen wird. Diese Band ist größer als die an ihr beteiligten
Menschen. Es ist eine Macht, die von etwas Unbekanntem
angetrieben wird. Es scheint, als ob diese Musik, dieses
Ding, einfach irgendwo im Universum existieren würde.
Und irgendwie haben wir es gefunden. Wir müssen es
durch uns hindurchfließen lassen, als wären wir ein Me¬
dium oder so etwas in der Art.
Was zu der Frage führt, welche Rolle die Sprache bei
NEUROSIS spielt. Für den amerikanischen Kogniti¬
onswissenschaftler Jerry Fodor ist Denken beispiels¬
weise eine Art stummes Sprechen in einer inneren
Sprache, die er „Language of Thought“ nennt. Würde
NEUROSIS denn ganz ohne Worte funktionieren?
Hm ... Wenn man uns zwingen würde, ein Album ohne
Wörter aufzunehmen, könnten wir das sicherlich tun,
obwohl unsere Musik eigentlich nach ihnen verlangt. Zu¬
mindest braucht sie aber die menschliche Stimme. Die
Wörter sind ein Teil des Ganzen, sie erlauben es dem Hö¬
rer, sich ganz der Musik hinzugeben, sie mit seinem ei¬
genen Leben aufzuladen. Und plötzlich sind unsere Songs
gar nicht mehr so abstrakt, sondern ziemlich greifbar.
Die verschiedenen Elemente eines Liedes sind von uns so
angelegt, dass sie unterschiedliche emotionale Reaktio¬
nen provozieren. Wenn man unsere Musik auf seine eige¬
nen Erfahrungen wirken lässt, anstatt sie einfach nur pas¬
siv an sich vorbeilaufen zu lassen, dann wird diese un¬
gleich mächtiger. Die Wörter, die wir verwenden, sind
also in der Tat wichtig. Deshalb denken wir über sie sehr
viel nach und wägen ganz genau ab, wie wir sie einset-
zen.
Du unterscheidest also zwischen dem Wort und der
Stimme, die es transportiert?
Ja. Man muss andere Menschen hören.
Warum ist das so wichtig?
Weil wir alle Menschen sind. Wir versuchen ja nicht, uns
im Äther zu verflüchtigen. Unsere Musik dreht sich um
das Menschsein. Wir lassen uns treiben, wir graben tief
in die Erde, wir explodieren in das Universum, wir fin¬
den uns in uns selbst und nehmen uns auseinander. Um
diese Dinge geht es bei NEUROSIS. Um das Außen und
das Innen, um das Oben und das Unten. Der mensch¬
liche Faktor muss vorhanden sein. Deshalb ist die Spra¬
che unserer Lieder sehr persönlich. Sie beziehen sich
auf das, was wir erlebt haben, auf unsere Gefühle, un¬
sere Prüfungen, unser Leben. Aber genau wie jeder an¬
dere in der Band bin ich nicht daran interessiert, meine
Geschichte mit der Öffentlichkeit zu teilen. Ich will nie¬
mandem meine Erfahrungen diktieren. Das nimmt ihnen
ihre Kraft. Dann könnte man sich genauso gut einen Film
anschauen. Der Hörer würde zum Voyeur degradiert, der
das Leben eines anderen bespannt. Wir schenken unse¬
ren Liedern deshalb gerade so viele Wörter, damit es aus¬
reicht, die emotionale Landschaft zu malen, in der ein
Song wachsen kann. Wer wirklich etwas aus NEUROSIS
ziehen will, der muss sich uns bedingungslos ergeben,
der muss sich selbst voll und ganz einbringen. Leg die¬
se Musik niemals bei einer Party auf, da macht sie keinen
Sinn. Es sei denn, du willst alle anderen verscheuchen.
Doch trotz der Tatsache, dass Wörter und Sprache eine
wichtige Rolle bei euch spielen, stößt man sehr schnell
an Grenzen, wenn man mit ihrer Hilfe versucht, das zu
fassen zu bekommen, was NEUROSIS ausmacht.
So sieht es aus. Und nichts anderes erfahren wir im Grun¬
de ja gerade in diesem Moment. Man muss zu ellenlan¬
gen Erklärungen ausholen, dringt in spirituelle Bereiche
vor, bemüht Disziplinen wie die Philosophie, betrachtet
OX-FANZENE 24
NEUROSIS
Musik als Schallwellen und beobachtet physikalische und
emotionale Reaktionen. Ich bin kein Wörterschmied. Ich
bin kein Schriftsteller. Die Gabe, die ich in Bezug auf die
Musik habe, fehlt mir, wenn es um Wörter geht. Irgend¬
wer - ich erinnere mich leider nicht mehr an seinen Na¬
men - hat einmal gesagt, dass Worte verratene Gedan¬
ken sind. Man kann einen Gedanken mit Worten nicht
klar ausdrücken. In dem Moment, in dem er den Mund
verlässt und zur Sprache wird, hat man ihm bereits etwas
von seinem Zauber genommen, hat man ihn bereits ver¬
einfacht. Genauso verhält es sich, wenn man über unse¬
re Musik spricht. Man kann zwar versuchen, sie zu be¬
schreiben, aber um sie zu verstehen, muss man sie füh¬
len. Es ist eine Reise zur Seele der Musik.
Wird dieses Unterfangen nicht davon gestört, dass hin¬
ter jeder Band, die eine gewisse Größe erreicht, auto¬
matisch immer auch geschäftliche Überlegungen ste¬
hen? Oder anders gefragt: Gab es in eurer über 20-jäh-
rigen Karriere Situationen, in denen die vielen negati¬
ven Seiten der Musikindustrie eure Suche gestört ha¬
ben?
Ich denke nicht, dass wir es jemals so weit kommen las¬
sen würden. Mir ist klar, dass das, was ich jetzt sage,
schon viele Leute vor mir gesagt haben, aber in unserem
Fall ist es wirklich ernst gemeint: Die Musik steht bei uns
an erster Stelle. Keine Hürde ist groß genug, um unse¬
re Musik aufzuhalten. Aus genau diesem Grund sind wir
schon so lange zusammen. Viele andere Bands lösen sich
auf, und das meist deshalb, weil dort riesige Egos aufein¬
ander treffen oder man sich schlichtweg nicht mehr lei¬
den kann. Natürlich macht jede Gruppe von Menschen,
die so lange zusammen ist wie wir, im Laufe der Jahre
eine ganze Menge durch. Doch bei uns ging es immer
zuallererst um die Musik, deshalb waren wir dazu bereit,
diesen Kampf aufzunehmen und ihn gemeinsam durch¬
zustehen. NEUROSIS funktioniert wie eine Familie. Wir
haben mit den Einnahmen aus der Band niemals unse¬
ren Lebensunterhalt bestritten. Natürlich haben wir das
in Vergangenheit versucht, vielleicht auch einmal mehr
als viele andere Bands, die ich kenne. Über den Zeitraum
von mehreren Jahren waren wir ununterbrochen un¬
terwegs, um herauszufinden, ob wir von NEUROSIS le¬
ben könnten. Aber wir haben uns niemals darauf verlas¬
sen, dass das klappen würde. Wir wussten schließlich,
wie schwierig das mit unserer Art von Musik ist. Deshalb
hatten wir immer auch ganz normale Jobs, und deshalb
sind wir niemals in eine Situation geraten, in der wir das
Gefühl hatten, uns nicht mehr aus ihr befreien zu kön¬
nen. Wir haben nie einen Vertrag mit einem Majorlabel
unterschrieben oder etwas ähnlich Bescheuertes getan.
Wir waren immer in der glücklichen Lage, tun zu kön¬
nen, was wir wollten. Natürlich müssen auch wir immer
wieder einmal Kompromisse eingehen - niemals jedoch,
wenn es um unsere Musik geht.
Wenn du NEUROSIS als eine Familie beschreibst, dann
darf man nicht vergessen, dass du selbst auch eine hast.
Ist die gewachsene Verantwortung, die man zum Bei¬
spiel gegenüber seinen Kindern hat, auch ein Grund
dafür, dass ihr in den letzten Jahren recht wenig un¬
terwegs wart?
Unsere Familien haben schon immer eine große Rolle ge¬
spielt. Seit es NEUROSIS gibt, gab es eine Verantwortung
gegenüber Kindern. Das ist also nichts unbedingt Neues
für uns. Wir haben einfach festgestellt, dass wir mit dem
Kopf gegen eine Wand rennen, wenn wir so weiterma¬
chen. Wenn man zweihundert Tage im Jahr von zu Hau¬
se weg ist, kann man kein wirklich guter Vater sein. Und
von nur 30 Konzerten kann man nicht leben. Das geht
einfach nicht. Wir müssten noch am selben Tag, an dem
wir von einer Tour heimkommen, irgendeinen Scheißjob
finden, um die Miete des nächsten Monats aufbringen zu
können. Das ist doch keine Art, seine Kinder großzuzie¬
hen. Dazu kommt, dass wir Shows spielen müssten, auf
die wir keinen Bock haben. Genau an diesem Punkt kom¬
men die Kompromisse ins Spiel, die ich angesprochen
habe. Wenn man zweihundert Konzerte im Jahr spielen
muss, auf wie viele davon hätte man dann wohl richtig
Lust? Bestimmt auf nicht mehr als zwanzig. Gute Konzer¬
te finden für mich in Städten statt, in denen wir gerne
sind, zusammen mit Bands, mit denen wir gerne spielen,
und mit Veranstaltern, mit denen wir gut Zusammenar¬
beiten können. So wie es im Moment läuft, sind wir in
der glücklichen Lage, uns die Rosinen rauszupicken. Wir
spielen nur dann Konzerte, wenn sie sich mit unserem
Leben vereinbaren lassen. Das macht einfach viel mehr
Sinn. Ich arbeite als Lehrer an einer Grundschule, mei¬
ne beiden Kinder sind jetzt fünf und acht Jahre alt. Ich
bin nicht dazu bereit, nur wegen eines Konzertes mei¬
nen Job zu verlieren oder für NEUROSIS das Wohl mei¬
ner Familie zu opfern. Ich bin jetzt 42, ich will nicht das
Leben eines 18-Jährigen führen. Trotzdem würden wir
Musik niemals nur als ein Hobby betrachten. Musik ist
viel mehr als das. Musik ist unser Leben.
Könntest du dir ein Leben ohne NEUROSIS denn über¬
haupt vorstellen?
Niemals.
Gibt es denn abgesehen von Musik noch andere For¬
men des künstlerischen Ausdrucks, in denen du dich
verwirklichst und die über die manchmal doch sehr
engen Grenzen einer Rockband hinausgehen?
Ich wünschte, ich könnte malen. Ich habe in meinen
Träumen wunderschöne Bilder gesehen, aber ich kann sie
nicht malen. Das frustriert mich sehr. Aber ich beschäfti¬
ge mich mit Design und Konzeptkunst. Das ist zwar nicht
für die Öffentlichkeit bestimmt, aber ich habe eine Men¬
ge Ideen, die ich für mich skizziere. Aber im Großen und
Ganzen ist Musik das Mittel, mit dem ich mich am bes¬
ten ausdrücken kann. Sie hat eine gewisse Körperlich¬
keit, man kann sie dokumentieren, sie geht über das hi¬
naus, was man mit Worten erreichen kann. Mit TRIBES
OF NEUROT haben wir zum Beispiel einige Installatio¬
nen gemacht. Bei dieser Band geht es ja weniger um Mu¬
sik, als um die Erforschung von Klangwelten. Manches
fußt zum Beispiel auf einigen Abstechern zu altertümli¬
chen Steinkreisen in Irland, die ich unternommen habe.
Es ging dabei um den Versuch, die Seele eines Ortes mit
Hilfe von Sounds und Visuals einzufangen, einfach die
architektonischen Begebenheiten zu betrachten und den
verschiedenen Geräuschen zuzuhören. Wir wollten uns
dem Ort unter verschiedenen Gesichtspunkten nähern,
um ihn dann irgendwo anders nachzubilden. Es ist ein
Experiment. Eine Meditation in der Natur.
Naturmotive spielen ja auch bei NEUROSIS eine gro¬
ße Rolle.
Natürlich. Schließlich sind wir alle ein Teil der Natur. Es
gibt wohl kaum eine Macht, von der die Menschheit stär¬
ker beeinflusst wird. Wir leben und sterben durch sie.
Und ich weiß, wovon ich rede, schließlich wohne ich in¬
mitten eines über vier Hektar großen Waldes. Dort kann
ich in Frieden leben. In Städten sind mir zu viele Men¬
schen auf einem Fleck.
Dein Bandkollege Scott Kelly hat einmal in einem In¬
terview gesagt, dass NEUROSIS einen besseren Men¬
schen aus ihm gemacht hat. Welchen Einfluss hatte die
Band rückblickend auf dich?
Lass es mich so formulieren: Denk an die Energie, die du
spürst, wenn du unser neues Album anhörst. Diese Ener¬
gie kam aus unserem Innersten. Aber was würde wohl
geschehen, wenn sie sich nicht in Form von Musik oder
Kunst äußern würde?
Keine Ahnung, vielleicht würdest du ja jemanden um¬
bringen.
Haha. Es ist gut, dass es Musik gibt.
Thomas Renz neurosis.com
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cpm
SffiöRßS
OX-FANZINE 25
Nagel ist noch nicht da, endlich habt ihr mal die
Chance, was im Ox zu erzählen.
Brami: Es ist einfach schwierig, mit Nagel zusammen
Interviews zu geben, denn er ist viel mitteilungsbedürf¬
tiger als wir drei zusammen. Denn wenn eine Frage ge¬
stellt wird, hat er schon zur Antwort angesetzt, bevor
man selbst antworten kann, aber irgendwann stört ei¬
nen das nicht mehr. So kann man im Hintergrund blei¬
ben und in Ruhe sein Pils schlürfen.
Abgesehen davon haben Schlagzeuger doch sowieso
nichts zu sagen...
Brami: Genau. Das sind nur so Typen, die mit Musikern
rumhängen.
Shredder: Ja, und auch die, die immer so sexy sind.
Brami: Aber das sieht ja auch keiner. Und ja, ich bin das
Sexmonster, ich bin da irgendwie so reingerutscht.
Nagel ist jedenfalls der, der auch das Buch geschrie¬
ben hat, von dem wir wissen, dass Ähnlichkeiten der
darin beschriebenen Band mit MUFF POTTER rein
zufällig sind.
Brami: Zu behaupten, dass da eine Ähnlichkeit besteht,
wäre wirklich sehr weit hergeholt. Also ich finde das
Buch sehr gelungen und unterhaltsam, ich habe es an
einem Tag durchgelesen. Ich weiß aber nicht, wie es für
Leute ist, die nicht aus unserem Dunstkreis kommen.
Dennis: Ich finde es auch gelungen, und wir hatten Na¬
gel im Vorfeld bedrängt, uns schon mal einen Auszug
zu schicken, aber er hat sich geweigert und gesagt, wir
sollten das nicht lesen. Ich bekam dann erst was zu le¬
sen, als imVisions vorab so ein Auszug abgedruckt war.
Ich fand das dann total interessant, denn es handelte da¬
von, dass wir zusammen im Bus sitzen, er vorne, wir
hinten, und wir Spaß haben, während er dabei voll ag¬
gressiv wird. Ich fand es gut, mal zu wissen, wie er das
alles so sieht.
Brami: Er hatte uns aber im Vorfeld gefragt, ob es etwas
gibt, was wir über uns nicht lesen möchten. Ich sagte
dann nur „Ja, aber mach mal.“ Ich wusste ja auch nicht,
was er vorhatte zu schreiben.
Ich würde mich in so einer Situation fragen, ob ich
wirklich will, dass inklusive meiner Mutter alle Welt
so detailliert etwas von mir weiß.
Brami: Ich hatte den Eindruck, dass ihm das erst im
Nachhinein aufgefallen ist, dass ihm dieser Gedanke
erst kam, als das Buch bereits im Druck war.
Dennis: Ja, aber das muss man sich vorher überlegen,
denke ich. Jetzt weiß jeder, was er für ein Trottel ist.
Und wann kommt eure Version der Geschichte, das
„Wie es wirklich war“?
Brami: Das wäre natürlich super, wenn wir jetzt drei
verschiedene Versionen der Geschichte erzählen wür¬
den.
Mit dem Buch wurde Nagel, der sowieso schon immer
im Vordergrund stand, jetzt noch mehr nach vorne ge¬
rückt.
Shredder: Ich denke, das ist für beide Seiten gut: Ohne
MUFF POTTER hätte er nicht die Aufmerksamkeit für sich,
und die Band profitiert von der Aufmerksamkeit für seine
Person.
Mir fiel bei dem Buch mal wieder auf, wie anstrengend
dieses ganze Bandleben auch ist. Ich hätte da nach drei
Tagen schon keine Lust mehr.
Brami: Es ist anstrengend, es nervt, man geht sich auf den
Keks, aber wir haben uns das ja ausgesucht. Und es macht ja
auch Spaß, und außerdem kann ich auch nichts anderes.
Dennis: Nagel hat das gut beschrieben: einerseits die Lan¬
geweile, andererseits aber auch, wofür man es macht. Man
wird ja auch belohnt. Ich mache das jedenfalls lieber, als auf
den Bau zu gehen.
Brami: Ich putze nebenher noch Fenster in Münster und
muss klar sagen: Tour ist besser. Wobei das heute sicher
nicht mehr das Abenteuer ist, das es früher mal war, aber
das ist auch gut so, denn sonst wären wir alle längst tot oder
hätten uns aufgelöst. Das ist also schon alles in Ordnung so,
auch wenn man sich durchaus manchmal Gedanken macht,
wie das alles weitergehen soll. Man hat da schon mal Exis¬
tenzängste, doch wenn man alles gegeneinander abwägt,
kommt man letztlich immer zum Schluss, dass die Band das
ist, was man machen will.
Dennis: Und hätte man was Vernünftiges gelernt, würde
man sich die ganze Zeit wünschen, was anderes machen
zu können.
Brami: Und eine Band so zu machen, wie wir das machen,
geht eben nicht mit festen Jobverpflichtungen. Ich gehe
eben noch Fensterputzen, wenn ich Zeit habe, Shredder ar¬
beitet gar nicht...
Shredder: Du arbeitest doch auch nur, weil dir sonst lang¬
weilig ist.
Brami: Hm ... ja, ich glaube schon.
Dennis, was machst du?
Dennis: Ich habe ein Studio und produziere Bands. Das hat
sich in den letzten paar Jahren so ergeben. Ich wollte das
immer schon machen, und in letzter Zeit habe ich eben be¬
gonnen, mich da stärker reinzuhängen. Das fing an mit dem
einen oder anderen MUFF POTTER-Song, etwa für einen
Samplerbeitrag, und dann wohnte ich eine Zeit lang in ei¬
nem Studio und habe da auch gearbeitet. Das war das Pri-
nicpal-Studio, wo wir die „Bordsteinkantengeschichten“
aufgenommen haben, und so kam das, dass ich mich da im¬
mer weiter reingearbeitet habe. Und jetzt habe ich im Kel¬
ler unter dem Büro von unserem Tourbooker Sparta ein Stu¬
dio eingerichtet.
Brami: Das ist sehr praktisch für uns: Wenn man mal eben
was aufnehmen will, geht man eben zu Dennis.
Aber ihr habt das neue Album nicht komplett bei dir
aufgenommen.
Dennis: Nee, nur so ein paar Extras. Das Album an sich
haben wir in Berlin aufgenommen.
Brami: In einem ehemaligen Studio des DDR-Rund-
funks. Die Atmosphäre in diesem riesigen Komplex mit
großen Sälen, mit einer Einrichtung, die früher mal sehr
teuer gewesen sein muss, war richtig geil. Gleichzeitig
war das alles etwas abgerockt, und das war da richtig
cool. Der Komplex wird von verschiedenen Mietern ge¬
nutzt, einer allein könnte dieses riesige Teil gar nicht
bezahlen.
Berlin... Ihr wohnt doch noch in Münster, oder?
Brami: Klar, nur Nagel ist nach Berlin gezogen.
Und, hat das was geändert?
Dennis: Wir hängen komischerweise trotzdem im¬
mer noch aufeinander. Bislang merken wir nichts von
der räumlichen Distanz, wir waren sowieso ständig auf
Tour oder im Studio.
Brami: Shredder und Dennis überlegen ja auch, nach
Berlin zu ziehen.
Dennis: Das ist auf jeden Fall eine Option, denn Berlin
ist eben die Musikzentrale.
Ach ja? Aber die Stadt ist doch voll von solchen Ty¬
pen, alle haben nichts gelernt und wollen irgendwie
durchkommen.
Dennis: Wenn man das mit der Einstellung angeht, dass
man in Berlin als Musiker, Schauspieler oder so unter¬
geht, dann darf man da nicht hinziehen. Es ist einfach
immer noch eine coole Stadt, wenn man da sein Viertel
findet. Außerdem werden es in Münster immer weni¬
ger, da sind schon viele nach Berlin gezogen.
Brami: Ist das so? Ich dachte, die werden alle immer äl¬
ter, kriegen Kinder und so, haben keine Zeit mehr.
Tja, die Zeiten ändern sich eben. Früher, als ihr noch
„Tod der Scheiße, Tod der CD!“ gewettert habt, da
hättet ihr die Leute, die hier auf dieser Hotelterras¬
se sitzen, mit Bierbüchsen beworfen. Heute sitzt ihr
selbst hier und gebt Interviews...
Brami: Tja, die Dinge ändern sich, wenn es eine Band
so lange gibt, das hatte ich vorhin schon in Bezug auf
dasTouren angesprochen. Die ganz dogmatischen, radi¬
kalen Sachen haben, glaube ich, immer eine recht kur¬
ze Lebensdauer. Und die Leute, die einen kritisieren, ha¬
ben oft Bands, die sich nach zwei Jahren wieder auf-
lösen, die haben gar nicht den Druck, sich rechtferti¬
gen zu müssen.
Shredder: Ich fände es auch schhmm, wenn man heu¬
te Dinge nicht anders sieht als noch mit 16. Da würde
man ja auf der Stelle treten.
Brami: Gleich geblieben ist, dass wir dazu stehen, was
wir machen und wie wir an bestimmte Dinge range-
„MUSIKGESCHMACK WIRD SOWIESO ÜBERBEWERTET.“
MUFF POTTER
„Muff Potter sind eine deutschsprachige Alternative Rock-Band ..." steht in der Eingangszeile des Wikipedia-Eintrages, und
weil das (bislang) unwidersprochen da steht, ist es auch so lustig und womöglich irgendwie zutreffend. 1998, „Schrei, wenn du
brennst“ war gerade erschienen, platzte Nagel auf die Frage nach dem Musikstil noch mit „Punkrock!“ heraus, war der Münster¬
länder Vierer sowas wie die Smart-Version von politischem Köterpunk ohne Hund, die mit dem Wasted Paper über eine hausei¬
gene Propagandapostille verfügte und die Platten selbst via Huck’s Plattenkiste veröffentlichte - damals aber immerhin schon
den Sündenfall hinter sich hatte, gegen die eigene frühere Maxime „Tod der Scheiße, Tod der CD!“ verstoßen zu haben. 2007
sitzen mir Brami (Drums), Shredder (Bass) und Dennis (Gitarre & Gesang) auf der Terrasse eines Restaurants im Kölner Media¬
park gegenüber, ihr zweites in Kooperation mit dem Major Universal entstandenes Album „Steady Fremdkörper“ steht kurz vor
der Veröffentlichung, und wir führen das fünfte Interview mit der Band fürs Ox, um über genau solche Weiterentwicklungsphä¬
nomene zu sprechen.
SB
OX-FANZINE 26
MUFF POTTER /BAD ASTRONAUT
hen. Man wird aber reflektierter mit den Jahren.
Dennis: Es wird auch immer schwieriger Positionen zu be¬
ziehen, einfach weil vieles sich nicht mehr so schwarz-weiß
darstellt wie früher. Auch Texte wie auf „Schrei, wenn du
brennst“ würden wir heute nicht mehr so schreiben, auch
wenn die immer noch super sind und wir noch dazu ste¬
hen.
Brami: Das macht es auch immer schwieriger für mich,
Texte zu schreiben. Es fallt schwer, ganz eindeutige Posi¬
tionen zu vertreten. Und man muss ständig auf neue Situa¬
tionen reagieren, sich selbst hinterfragen. Es gibt jedenfalls
keinen Masterplan, wie das Gebilde MUFF POTTER in fünf
Jahren aussehen wird.
Aber in irgendeiner Hinsicht müsst ihr euch doch einig
sein.
Dennis: Wir sind uns dahingehend einig, dass wir unser
Ding immer wieder hinterfragen, uns immer wieder die
Frage stellen, ob wir für uns eine Rechtfertigung haben,
eine neue Platte zu machen.
Shredder: Es darf nicht darum gehen, nur deshalb eine
neue Platte zu machen, weil man eben zwei Jahre keine ge¬
macht hat. Wenn man keine Ideen hat, lässt man es sein,
wenn man nichts zu sagen hat, hält man die Schnauze.
Apropos Album: „Ich bin doch kein Idiot“, der erste
Song des neuen Albums, ist ja an sich schön, lässt das Al¬
bum aber recht lahm anfangen.Warum?
Brami: Das haben wir uns auch gefragt, und genau aus dem
Grund haben wir das dann auch gemacht.
Shredder: Damit die Leute sich nach 20 Sekunden fragen,
was wir da für einen Scheiß gemacht haben und gar nicht
erst weiterhören, haha. Schlau gemacht, oder?
Brami: Wir haben das gemacht, um die Erwartungen erst
mal runterzufahren. Das ist ein klasse Song, aber eben kein
klassischer Opener.
Dennis: Man „versteckt“ so einen ruhigen oder akustischen
Song ja gerne am Ende einer Platte, und wir haben eben da¬
mit angefangen.
Auch insgesamt macht die Platte einen etwas ruhigeren,
gesetzteren Eindruck.
Brami: Das finden wir gar nicht!
Shredder: Das haben uns aber schon mehrere gesagt. Da
hieß es dann, wir würden irgendwie „tomteiger“ klingen.
Wir können das aber gar nicht nachvollziehen, denn auf der
Platte sind echt viele bratzige Songs drauf. Auf der „Von We¬
gen“ hatten wir das auch so.
Brami: Ja, aber auf „Von Wegen“ waren auch eher gefälli¬
ge Songs drauf, „Alles was ich brauche“ und „Wenn dann
das hier“.
Dennis: Ich finde die neue Platte viel konsequenter. Wir ha¬
ben da nicht wie bei „VonWegen“ zig Gitarren eingespielt,
sondern es einfach bei zwei, drei Gitarren belassen. So spre¬
chen die Songs für sich selbst.
Brami: Wir wollten das Ganze technisch etwas reduzieren.
Man kann natürlich versuchen, so einen Sound wie die FOO
FIGHTERS zu haben, aber da man da eh nicht rankommt,
muss man sich eben auf die Songs als solche besinnen.
Fällt es euch heute schwerer Lieder zu machen als früher,
wo man als gerade der Pubertät entwachsene Jungspun¬
de im Keller vor sich hin gelärmt hat?
Brami: Damals hat man alles rausgehauen, was kam, und
man hat sich keine Gedanken darum gemacht, was Neu¬
es auszuprobieren.
Dennis: Man will sich nicht wiederholen, nicht immer die
gleiche Platte machen. Man macht das ja auch für sich selbst
und nicht für die Fans, denn sonst würde man einfach im¬
mer wieder an die am besten angekommene Platte anknüp¬
fen. Denn die meisten Fans wollen, dass ihre Lieblingsband
auf der nächsten Platte so klingt wie vorher.
Brami: Das will man selbst bei seinen Lieblingsbands al¬
lerdings auch. Warum haben SAMIAM nicht immer wieder
„Clumsy“ aufgenommen? Aber man hat selbst eben keine
Distanz zu seiner Musik.
Sollte man deshalb also einen Scheiß darauf geben, was
Musiker über ihre Platten denken?
Brami: Wahrscheinlich schon. Und das macht so ein Inter¬
view eigentlich auch völlig sinnfrei. Aber solange es unter¬
haltsam ist... Generell ist der Informationsgehalt von Inter¬
views mit Musikern eher gering, finde ich. Das ist eben al¬
les sehr subjektiv.
Ich merke oft, dass Musiker sich erst dann mit ihrer eige¬
nen Musik so abstrakt auseinandersetzen, wenn sie Jour¬
nalisten dazu befragen.
Brami: Ja, und wenn man eine Meinung zu seiner eigenen
neuen Platte hat, dann stimmt die auch oft überhaupt nicht
mit der Einschätzung der Leute überein, die sie von außen
beurteilen. Aber ist ja auch egal, Musikgeschmack wird so¬
wieso überbewertet.
Dennis: Man hört die eigene Platte einfach ganz anders,
und manchmal würde ich es mir auch wünschen, da ganz
unbefangen urteilen zu können. Oder ein Konzert seiner ei¬
genen Band als normaler Zuschauer betrachten zu können,
denn man weiß ja gar nicht, wie man wirkt.
Brami: Wir waren in der Vergangenheit auch selten mit un¬
seren Platten zufrieden, nur bei „Von wegen“ hatten wir
wenig auszusetzen. Deswegen war es nicht leicht, eine neue
Platte zu machen.
Dennis: Es war diesmal richtig schwierig, den Punkt zu fin¬
den, an dem es für uns richtig gekickt hat.
Brami: Es ist auch immer Glückssache, den Zeitpunkt zu er¬
wischen, an dem es richtig läuft. Wir waren zweimal je zehn
Tage in einem Ferienhaus im Emsland, hatten da das Wohn¬
zimmer ausgeräumt und Musik gemacht. Die ersten zwei
Tage waren zäh und unbefriedigend, doch dann lief es.
Schaut man sich solche Arbeitstechniken von anderen
Bands ab?
Brami: Klar. Das mit dem Ferienhaus war eine Connection
über die DONOTS, das fanden wir gut.
Shredder: Wir saßen da und hatten nur mit unseren Ma¬
cken zu tun, das war richtig gut.
Dennis: Den Moment zu finden, an dem alles passt, das ist
purer Zufall.
Und was steht als Nächstes an?
Dennis: Eine ganze Reihe von Festivals, und im Herbst
dann eine eigene Tour.
Brami: Das gefällt mir, denn ich finde es blöd, eine Platte
rauszubringen und dann direkt auf Tour zu gehen, obwohl
da noch niemand die Platte kennt.
Dennis: Dafür ist es schwierig, neue Songs auf Festivals aus¬
zuprobieren. Da weiß man nicht, wie das bei den Leuten
ankommt. Wie die neuen Songs wirklich ankommen, wer¬
den wir also erst im Herbst bei der Clubtour wissen.
Eure letzte Platte war die erste, die ihr in Zusammenar¬
beit mit dem Major Universal veröffentlicht habt. Wie
waren da letztlich die Reaktionen, die Erfahrungen?
Brami: Größtenteils gut, sowohl die Reaktionen wie die Er¬
fahrungen.
Dennis: Es hat sich für uns auch für den Arbeitsprozess, die
Aufnahmen, im Vergleich zu früher nichts geändert. Es ist
nicht so, dass da jeden zweiten Tag jemand im Studio ge¬
standen hätte, um sich das anzuhören und uns Anweisun¬
gen zu geben. Das wollen wir nicht, das lassen wir nicht mit
uns machen, und das haben wir denen auch gesagt.
Brami: Es gab natürlich auch ein paar negative Reaktionen
zur letzten Platte, von wegen „Man hört, dass ihr jetzt bei
einem Major seid“, und dabei war die Platte fertig, bevor
wir den Deal unterschrieben hatten. Dabei ändert der Deal
nichts an der Musik, der Vorteil ist einfach, dass da Leute
Geld und Zeit investieren und sich so für uns neue Mög¬
lichkeiten eröffnen.
Dennis: Und wir hatten dadurch die Möglichkeit, uns
mehr auf die Musik zu konzentrieren, Nagel hatte die Zeit,
das Buch zu schreiben.
Danke für das Interview.
Joachim Hiller muffpotter.net
DER LETZTE SCHRITT
BAD ASTRONAUT
Eigentlich hatte mit diesem Album niemand mehr gerechnet. Längst ist Joey
Cape wieder mit seiner Hauptband LAGWAGON aktiv, und so schien es, dass
die Zeit für sein Nebenprojekt BAD ASTRONAUT abgelaufen sei. Doch mit
„Twelve Small Steps, One Giant Disappointment“ melden sich die Totgesag¬
ten nach vier Jahren noch einmal zurück, um anschließend für immer in den
Tiefen des Weltalls zu verschwinden. Joey, Sänger, Gitarrist und Songwriter
der Band, hat einiges über das Album, tragische Verluste und das Ende von
BAD ASTRONAUT zu sagen.
„Wie heißt er nochmal, dieser Astronaut, der der ers¬
te Mensch auf dem Mond war? Von dem ist doch das Zitat
,Ein kleiner Schritt für mich, aber ein großer für uns alle',
oder?“ Neil Armstrong war das, und der Ausspruch ging
wohl eher so: „Ein kleiner Schritt für einen einzelnen Men¬
schen, aber ein großer für die Menschheit“.
Aber es stimmt eben, Joey und Kollegen sind eben schlechte
Astronauten, die den Titel ihres jüngsten Albums jenem Zi¬
tat des großen Vorbilds Armstrong entliehen haben. Zwölf
kleine Schritte markieren die zwölf neuen Songs des Al¬
bums. Und die Enttäuschung? Man hört Joeys Seufzer deut¬
lich durch die Telefonleitung. „Mein Freund Derrick hatte
diese Idee vor Jahren als Titel für eine BAD ASTRONAUT-
Veröffenthchung. Es sollte soviel bedeuten wie ,Was auch
immer du tust, manchmal ist eben alles für’n Arsch*. Und
nun ist Derrick tot.“
Derrick Plourde war der Schlagzeuger der Band und frü¬
her bei LAGWAGON. Diese hatte er seinerzeit verlassen, als
er einige Probleme mit Alkohol und Drogen hatte und sich
nicht auf die Musik konzentrieren konnte. Und so war Joey
sehr froh darüber, wieder mit Derrick zusammen im Stu¬
dio stehen zu können. Wenn er über seinen toten Freund
spricht, wird klar, dass der LAGWAGON- und BAD ASTRO-
NAUT-Sänger großen Respekt vor Derricks musikalischen
Fähigkeiten hat.
BAD ASTRONAUT entstand zunächst als eine kurzlebige
Idee, ein einmaliger Zeitvertreib für Joey Cape, während es
um LAGWAGON etwas stiller geworden war. Neben Der¬
rick gesellten sich noch Angus Cooke und Marko 72 von
SUGARCULT, sowie andere Freunde dazu. Doch schon kurz
nach der Veröffendichung des Debüts im Jahre 2001 be¬
kamen die Beteiligten Lust
darauf, das Projekt fortzu¬
führen und brachten ein
Jahr später ein weiteres Al¬
bum raus. Als dann LAG¬
WAGON wieder aktiver geworden waren und nach Jahren
ein neues Album zu bieten und darüber hinaus das Tourle¬
ben wieder für sich entdeckt hatten, sah es dann so aus, als
sei es das gewesen mit dem alternativen, kleinen Nebenpro¬
jekt mit dem kleinen, alkoholabhängigen Astronauten auf
den Plattencovern. Es entstanden zwar einige neue Demos,
aber Joey ließ sich viel Zeit mit ihnen und wollte sie eigent¬
lich schon ganz aufgeben.
Doch dann nahm sich Derrick Plourde 2005 das Leben und
schockte damit nicht nur Frau und Kinder, sondern eben
auch Mr. Cape. Dieser fühlte sich so schlecht, vermisste sei¬
nen Freund und empfand gleichzeitig solche Wut auf ihn,
für das, was er getan hatte, dass er sich für einige Tage in
sein Heimstudio einschloss und die wütendsten Songs auf¬
nahm, die er je geschrieben hat. Daraus entstand dann das
letzte LAGWAGON-Al bum „Resolve“. Aber manchmal ge¬
nügt es eben nicht, sich die Seele auszukotzen, um mit ei¬
nem Problem fertig zu werden. Und so beschloss das BAD
ASTRONAUT-Mastermind, sich an die alten Aufnahmen zu
machen, die vier Jahre zuvor mit Derrick als Demos ent¬
standen waren und schon seit einiger Zeit in irgendwel¬
chen Schubladen verstaubten. Noch immer galt es, einiges
an den Ideen zu verbessern, sollten sie mal für eine Platte
herhalten. So kam es, dass die beiden Freunde und ehema¬
ligen Bandkollegen noch einmal zusammen an neuem Ma¬
terial arbeiteten, wenn auch auf ungewöhnliche Art. Joey
benutzte Derricks alte Drum-Spuren, um die Lieder auf ih¬
nen neu aufzubauen. Es war ein merkwürdiges Gefühl, sich
immer wieder diese Aufnahmen anzuhören und sich und
Derrick im Geiste die neuesten Ideen vorzuspielen. Aber das
Ziel, den kleinen Astronauten ein letztes Mal auf die Reise
zu schicken, stand fest.
Während „Resolve“ wütend war, präsentieren sich dieTexte
auf „Twelve Steps ...“ als viel ruhigere und nachdenklichere
Form, sich mit Derricks Freitod zu beschäftigen. Längst ist
ihm vergeben, auch wenn das Unverständnis nach wie vor
dasselbe ist. Ein weiteres Album wird es von BAD ASTRO¬
NAUT nicht geben, ebenso wenig Shows oder gar eine Tour.
Aber darum ging es ja bei diesem Projekt eh nie. Dennoch
möchte Joey auf seine alten Tage nicht nur mit LAGWAGON
im Studio stehen, sondern auch weiterhin etwas langsame¬
re Sachen spielen können. So steht auch schon das nächste
Indierock-Projekt in den Startlöchern. Die Erwartungshal¬
tung diesbezüglich fällt eher nüchtern aus, da man meint,
es würde sich finanziell wohl ebenso wenig lohnen wie bis¬
lang auch. Aber schließlich ist es einfach ein Hobby, und da
zählt so etwas nicht. Die Besetzung wird wohl fast identisch
sein mit BAD ASTRONAUT. Musikalisch wird sich auch
kaum etwas ändern. Es ist eben nur Derrick nicht mehr da,
und ohne ihn kann es auch keine BAD ASTRONAUT mehr
geben. Der kleine Astronaut fliegt nicht mehr.
Zoli Pinter badastronaut.com
OX-FANZINE 27
“Prepare To Be Let Down" CD/LP
“I gave up on metaphors and acts ofsarcastic wit "
RUINER'S “Prepare To Be Let Down " begins with
this line and sets the tone for the remainder of this
12 song blast of hardcore punk. For fans of GIVE
UP THE GHOST, COMEBACK KID & SUICIDE FILE!
To 5a Lat Down
JlWTi <
WHITE OP HOPE TUSHINGr BLACK
the new alhum out June 29th!
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INTHI5L1
FOTO: CHRISTOPHER WRAY-MCCANN
Es wirkte so, als wollten SPARTA den Release ihres neuen Albums „Threes“ vor Europa geheim halten. In
aller Stille trennte man sich in den USA von Universal und brachte „Threes“ dort auf Hollywood Records/
EMI heraus. Eine Europaveröffentlichung war jedoch nicht in Sicht, Informationen über den Verbleib der
Band auf einem für Europa zuständigen Label waren ebenso kaum zu bekommen. Und das war schade!
Denn „Threes“ ist ein abwechslungsreiches Indierock/Pop-Album, auf dem die Band zwar offensichtli¬
cher denn je mit frühen U2-Einflüssen flirtet, auf dem sie aber ebenso tolle Rocksongs spielt wie die ers¬
te Single „Taking Back Control“.
Nach den ersten beiden Alben, „Wiretap Sears“ und
„Porcelain“, ist „Threes“ ein Album, auf dem sich die
Band ganz und gar von allem emanzipiert, was irgen¬
detwas mit Emo zu tun hat. Entsprechend erfreulich
war es, als Anfang diesen Jahres die Nachricht durch¬
sickerte, dass Jim Ward (Gesang, Gitarre), Matt Mil¬
ler (Bass), Keeley Davis (Gitarre) und Tony Hajjar
(Drums) einen Europa-Deal mit Anti/Epitaph unter¬
zeichnet hatten und „Threes“ im Frühjahr auch hier
erscheinen würde. Der aus dem Libanon stammende
Tony Hajjar gab im Vorfeld des Give It A Name-Fes¬
tivals Auskunft über die Labelpolitik der Band, seine
Beziehung zur zweiten Post-AT THE DRIVE-IN-Band
MARS VOLTA und einen denkwürdigen Film, der
„Threes“ in Form einer Bonus-DVD beiliegt.
Tony, die Bonus-DVD von „Threes“ enthält „Eme Na-
kia“. Ein Film, der dokumentiert, wie du in den 70ern
mit deinen Eltern während des Krieges zwischen Syri¬
en und dem Libanon aus dem Libanon in die USA ge¬
flohen bist, wie du in den USA aufgewachsen bist und
den Tod deiner Mutter miterlebt hast. „Eme Nakia“
zeigt in animierten und realen Sequenzen Szenen des
Krieges, zum Beispiel einen Bombeneinschlag in das
Haus eines Freundes. Wie gut erinnerst du dich an die¬
se Ereignisse?
Ehrlich gesagt, erinnere ich mich nur sehr begrenzt an
meine Zeit im Libanon - ich war damals ja gerade fünf
Jahre alt. Am besten kann ich mich an die letzten Tage
dort erinnern. Denn es waren Tage, in denen wir allen
„Auf Wiedersehen“ sagten. Mitten im Krieg fanden klei¬
ne Abschiedspartys statt und man versuchte, trotz des
Krieges Spaß zu haben. Von damals gibt es ein Foto von
mir, das mich mit meiner Familie auf einem Sofa zeigt.
An diesen Moment erinnere ich mich sehr gut, was aber
sicherlich daran liegt, dass ich dieses Foto habe. Weitere
Erfahrungen aus dem Krieg habe ich im Wesentlichen aus
Geschichten von meinem Bruder und meiner Schwester,
die mir oft erzählten, wie sie aus der Schule kamen und
auf dem Heimweg vor Panzern wegliefen. Oder an Bom¬
ben vorbei gingen, die nicht detoniert waren und im Bo¬
den oder Hauswänden steckten.
War es ein Anliegen von dir, diesen Krieg in „Eme Na¬
kia“ vor allem aus dieser persönlichen Perspektive
darzustellen?
Oh ja. „Eme Nakia“ soll zeigen, dass alle Kriege, die wir
heute in den Nachrichten sehen, immer persönliche Tra¬
gödien bedeuten. Nur, dass wir die Nachrichten aus¬
schalten und uns mit der Realität zum Beispiel im Irak
nicht auseinandersetzen wollen, ändert gar nichts dar¬
an, dass dort zahlreiche menschliche Tragödien passie¬
ren. Dass Krieg auch immer das Leben vieler unschul¬
diger Menschen kostet, das ist eine zentrale Message des
Films, für die ich diejenigen, die den Film sehen, hof¬
fentlich sensibilisieren kann.
Wie hast du vor deinem Hintergrund den Krieg zwi¬
schen Israel und dem Libanon im Sommer 2006 er¬
lebt?
Ich stehe auf keiner Seite der Konfliktparteien. Aber mein
allergrößtes Problem mit diesem Konflikt ist, dass der Li¬
banon durch ihn wieder völlig zugrunde gerichtet wur¬
de. Gut anderthalb Jahre vor der Auseinandersetzung
mit Israel hatte das Land ja seine Freiheit erhalten, weil
die USA und Frankreich Druck auf Syrien ausgeübt hat¬
ten, seine Truppen aus dem Libanon abzuziehen. In dem
Krieg, vor dem meine Familie und ich geflohen sind, hat¬
te Syrien den Südlibanon ja in kürzester Zeit erobert und
die Region so lange nicht verlassen, bis USA und Frank¬
reich Druck auf Syrien ausübten. Jedenfalls entstand un¬
ter dem Einfluss Syriens und des Irans im Libanon die
Hisbollah. Und sie kann heute weiter existieren, weil bei¬
de Länder immer noch einen sehr starken Einfluss auf
den Libanon haben, den kaum jemand in all seinen De¬
tails versteht. Zwar wird zuweilen eingewandt, dass der
Libanon die Hisbollah ja duldet, das ist aber völlig falsch.
Denn sie ist eine starke Institution geworden, die auf dem
Einfluss Syriens und des Irans fußt. Sprich, gerade weil
der Einfluss beider Länder auf den Libanon so stark ist,
kannst du die Hisbollah nicht mal eben aus dem Land
heraus befördern. Als die Hisbollah in 2006 nun die Ent¬
führungen machte, die der Grund für Israels Angriffe auf
den Libanon waren, wurde der Konflikt öffentlich als
ein Krieg zwischen Israel und dem Libanon dargestellt.
Das traf nicht zu. Denn es war ein Krieg zwischen Isra¬
el und der Hisbollah. Die verheerenden Angriffe Israels
auf den Libanon, die dieses Land einmal mehr zerstörten,
hat wiederum dazu geführt, dass immer mehr Libanesen
die Hisbollah unterstützen, weil ihr Leben von den isra¬
elischen Streitkräften zerstört wurde. Die Tatsache, dass
die Libanesen ein an sich friedliebendes Volk sind, dessen
Land erneut zu Grund gerichtet wurde, ist mein Haupt¬
eindruck von dem Krieg. Das macht mich betroffen.
Siehst du eine Perspektive für Frieden im Nahen Os¬
ten?
Nein, denn der Konflikt insgesamt, der Israel-Palästina-
Konflikt einbezogen, ist zutiefst religiös geprägt. Keine
Seite wird jemals klein beigeben.
Lass uns über „Threes“ sprechen. Vorsichtig gesagt, gab
es mit dem Album ein gewisses Label-Zickzack. Wie
kam es zu alledem?
Es ist in der Tat eine komplexe Situation - und sie ist es
nach wie vor. Also, in Mexiko und Kanada sind wir nach
wie vor auf Universal, was wir auch so wollten. In den
USA wollten wir allerdings nicht mehr länger auf Uni¬
versal sein, denn in den USA hat Universal die Arbeit für
„Porcelain“ vollkommen vergeigt. Sie haben nicht ver¬
nünftig für das Album gearbeitet und uns darüber hi¬
naus die ganze Zeit belogen. Als wir dann konzernin¬
tern von Dreamworks zu Geffen verschoben wurden, ha¬
ben wir die vertragliche Option, ein drittes Album in den
USA bei Universal zu machen, nicht genutzt. Ehrlich: fi¬
nanziell war der Deal, den sie uns anboten, wirklich at¬
traktiv. Aber wir wären nach unseren Erfahrungen mit
„Porcelain“ in den USA lieber auf gar keinem Label ge¬
wesen, als noch mal auf Universal. Entsprechend suchten
wir dann nach einem Label, das in den USA mit uns ar¬
beiten, uns für Europa aber freigeben würde. Hollywood
Records ließ sich darauf ein und bisher sind wir wirklich
glücklich mit ihnen. In Europa wollten wir in jedem Fall
ganz weg von Majorlabels. Das lag daran, dass wir fürch¬
teten, in Europa würde ein Major noch schlechter für uns
arbeiten, als Universal in den USA. Entsprechend haben
wir nach einem Indie gesucht, der die Kapazitäten und
die Leidenschaft hat, SPARTA zu bearbeiten. Dass es sei¬
ne Zeit gedauert hat, ein solches Label zu finden, ist der
Grund, warum „Threes“ hier erst so spät erschien. EMI
hätte das Album hier zwar herausgebracht. Das wollten
wir aus genannten Gründen aber nicht. Entsprechend ist
es unsere Verantwortung, dass ihr mehrere Monate auf
das Album warten musstet.
„Threes“ ist ein sehr vielseitiges und euer bisher viel¬
leicht poppigstes Album geworden. Während ihr im¬
mer zugänglicher werdet, werden MARS VOLTA als
zweite aus AT THE DRIVE-IN hervorgegangene Band
von Album zu Album komplexer. Wie nimmst du die¬
se auseinanderdriftende Entwicklung beider Bands
wahr?
Hm, meine ganz persönliche Meinung - und ich weiß,
dass ich damit recht alleine dastehe - ist, dass „Wiretap
Sears“ unser poppigstes Album ist. „Threes“ ist in mei¬
nen Augen unser dunkelstes Album. Aber wie dem auch
sei, bei SPARTA ging es uns immer darum, von Album
zu Album besser zu werden. Songs zu schreiben, die sich
von dem bisher Geschriebenen abheben und uns selber
zeigen, dass wir uns musikalisch entwickelt haben. Ganz
gleich, ob wir nun von einem Album zum nächsten pop- *
piger oder härter werden. Dies treibt uns völlig unabhän¬
gig davon an, was MARS VOLTA machen. Ich verfolge ihr
Schaffen auch ehrlich gesagt gar nicht so genau, wobei
ich es auch gar nicht bewerten will. Ich bin nur darü¬
ber glücklich, dass wir als SPARTA Musik machen können
und dass wir einige harte Zeiten überstanden haben.
Was genau meinst du mit harten Zeiten?
In der jüngsten Vergangenheit waren es die Labelproble¬
me, die wir mit Universal in den USA hatten, die Tatsa¬
che, dass unser Gitarrist Paul 2005 ausstieg, SPARTA zwi¬
schenzeitlich auf ein Trio zusammen schrumpfte und Jim
überdies noch eine Auszeit von der Band nahm, ließ un¬
sere Zukunft zwischenzeitlich sehr ungewiss erschei¬
nen. Ich will jetzt nicht Mitleid erwecken, aber SPARTA
war darüber hinaus doch auch immer die Band, die von
der Presse und der Öffentlichkeit im Gegensatz zu MARS
VOLTA eher belächelt wurde. Am Ende von AT THE DRI-
VE-IN waren wir die Rhythmussektion der Band, die
Trottel im Hintergrund, die sich dann in einer neuen
Band zusammengetan haben. Dabei war es gar nicht die
Intention, dass gerade Jim, Paul und ich uns damals zu ei¬
ner neuen Band reformierten. AT THE DRIVE-IN war da¬
mals aufgelöst, ohne Aussicht auf Neugründung. Und wir
waren eben Freunde, die weiter zusammen Musik ma¬
chen wollten. Es sollte und soll vollkommen losgelöst von
AT THE DRIVE-IN sein und entsprechend nicht an die¬
ser Band gemessen werden. Daher mache ich mir auch
recht wenig Gedanken um Erfolg oder Ähnliches. Ich bin
schlicht und einfach dankbar, dass wir es bis hierher ge¬
schafft haben und Musik spielen können.
Siehst du denn noch viel von AT THE DRIVE-IN in
SPARTA?
Nur ein wenig. Eine gewisse Art, die AT THE DRIVE-IN
inne wohnte, wird ewig in SPARTA und MARS VOLTA
bleiben. Das muss denke ich auch so sein, weil AT THE
DRIVE-IN für die Mitglieder beider Bands ein relevan¬
ter Lebensabschnitt war. Dennoch denke ich, dass die¬
ser ATD-I-Touch, wenn du so willst, bei SPARTA immer
geringer wird.
Lauri Wessel
spartamusic.com
OX-FANZINE 29
EINE BAND FÜR DIE EWIGKEIT
EDITORS
„The Back Room“ war für mich eine der besten Platten des Jahres 2005, und wirklich jedes Konzert der
EDITORS, das ich seitdem besucht habe, hat mich mitgerissen und restlos begeistert. Und seltsamer¬
weise stehe ich damit nicht alleine da, hat der Vierer aus Birmingham doch das Potenzial, generatio-
nenübergreifend zu begeistern, den jungen Indiepop-Fan genauso wie den in den Achtzigern geprägten
Wave-Punk-Anhänger. Mit „An End Flas A Start“ haben die EDITORS jetzt ihr zweites Album aufgenom¬
men, das anfangs etwas ungewohnt wirkt, aber dann mit jedem Hören mehr begeistert. Ich unterhielt
mich mit Sänger und Gitarrist Tom Smith sowie Bassist Russell Leetch.
Tom, wie geht es dir?
Tom: Ich bin müde. Wir sind seit Tagen auf Promo-Tour.
Und dann muss man jeden Tag die gleichen Fragen be¬
antworten, immer wieder...
Tom: Nein, ich will mich nicht beschweren. Das ist für
uns aber gerade wie die erste Woche Schule nach den Fe¬
rien. Und es ist ja schön, wieder unterwegs zu sein und
sich mit Leuten zu unterhalten. Heute fühle ich mich ein¬
fach etwas abgekämpft, aber es ist ja auch keine Lösung,
wie die großen Bands in jedem Land nur ein Interview
zu geben.
Dann sprechen wir doch direkt über euer neues Al¬
bum. Wer bitteschön ist Garret „Jacknife“ Lee, der
euch produziert hat? In letzter Zeit stößt man allent¬
halben auf seinen Namen, so hat er etwa auch mit U2,
SNOW PATROL, KASABIAN, VEGA4 und zuletzt mit
BLOC PARTY aufgenommen.
Tom: Er war früher mal bei COMPULSION. Danach wur¬
de unter dem Namen Jacknife Lee ein gefragter Dance-
Remixer und Produzent, arbeitete unter anderem für Ma¬
donna, macht aber auch Solo-Alben. Dann arbeitete er
als Produzent für U2, und so entwickelte sich das weiter.
Er ist noch recht jung, wie wir, und er ist hungrig. Wir
kennen ihn, seit wir mit ihm den Song „Bullets“ für un¬
ser erstes Album aufgenommen haben. Und jetzt dach¬
ten wir uns, wir probieren aus, wie es mit ihm klappt,
wo uns diese Zusammenarbeit hinführt. Außerdem woll¬
te er auch unbedingt mit uns arbeiten. Und ich denke,
die Kombination aus hungriger, junger Band und hungri¬
gem, jungem Produzenten passt gut, und es war wirklich
sehr einfach, mit ihm zu arbeiten. Wir hatten die glei¬
che Dynamik, es wirkte so, als wäre er das fünfte Band¬
mitglied. Wir harmonierten bestens, und er pushte uns
in genau die Richtung, in die wir gehen wollten. Es war
eine wahre Freude, mit ihm zu arbeiten. Es standen na¬
türlich auch andere Produzenten zur Auswahl, aber die
waren alle schon älter und wir dachten uns, die haben
ihre besten Platten wahrscheinlich schon gemacht. Und
bei Garret hatten wir diesen Eindruck nicht, dessen beste
Produktion kommt noch, der ist noch jung und lernt im¬
mer noch dazu. Außerdem hatten wir keine Lust auf eine
klassische Band-Produzent-Beziehung.
Russell: Wir hatten im September letztes Jahr mal zur
Probe zwei Songs mit Garret aufgenommen, einfach um
zu sehen, ob das mit uns funktioniert, und danach war
uns klar, dass wir das Album zusammen machen wer¬
den. Wir passen gut zusammen, wir pushen uns gegen¬
seitig, das gefällt uns. Und ich bezweifle, dass wir mit
jemandem wie Brian Eno oder so, der sehr gute Platten
produziert hat, auf ähnliche Weise hätten Zusammenar¬
beiten können.
Was ist das für eine Vision, die ihr mit Garret teilt?
Tom: Wir wollten nicht die gleiche Platte noch einmal
machen. Wir wollten ehrgeizig sein, wir wollten eine
strukturiertere Platte. Und wir wollten kein klaustropho-
bisches, sondern ein sehr offenes Album machen. Ande¬
rerseits sind das natürlich wir auf der neuen Platte, da
sind Lieder drauf, die auf „The Back Room“ hätten sein
können, bei anderen haben wir Neues ausprobiert, die
wären so nicht auf „The Back Room“ gewesen. Wir hat¬
ten keine Angst davor, mit anderen Instrumenten zu ex¬
perimentieren, mit Streichern und Chören, einfach mit
dem Ziel, ein ambitioniertes Album zu machen, mit dem
wir für uns selbst die Latte ein Stück höher gelegt haben.
Und auch klanglich und gesanglich sind wir gewachsen,
finde ich. Chris etwa hat einen ganz typischen Gitarren¬
sound entwickelt, den man schon auf dem ersten Album
heraushört und den er weiterentwickelt hat. Man muss
sich eben selbst immer weiter vorantreiben, sonst kommt
man im Leben nicht weiter. Und es hätte für uns keinen
Sinn gehabt, die gleiche Platte noch mal zu machen.
Eine Band will die gleiche Platte nicht noch mal ma¬
chen, doch die Fans sehen das oft anders ...
Tom: Ich denke, drei oder vier Lieder vom neuen Al¬
bum hätten auch auf „The Back Room“ sein können: „An
end has a Start“ und „Bones“ etwa, oder auch „The ra-
cing rats“. Ich hoffe einfach, dass unsere Fans auch die
neue Platte lieben oder zu schätzen wissen. Wir haben
versucht, uns selbst zu pushen, aber das ist ja doch die
gleiche Band wie vorher.
Interessant, dass du diese Songs genannt hast - das sind
auch jene, die ich als „alte“ EDITORS-Lieder genannt
hätte. Die neuen Songs dagegen brauchen bei mir si¬
cher noch etwas Zeit.
Tom: Lass es mich so ausdrücken: Was wir mit dem Al¬
bum erreicht haben, das haben wir auch erreicht.
Als ich Chris letztes Jahr interviewte, beschrieb er euer
Debüt als von den Umständen seiner Entstehung ge¬
prägt: dunkle Abende in Birmingham, eine Band, die
gerade dabei ist, sich zu finden ...
Tom: Klar, deine Umgebung prägt dich, und diesmal ha¬
ben wir unsere Zeit damit verbracht, in Flugzeugen zu
sitzen und die Welt zu sehen. Und wir haben 20 Mona¬
te am Stück Konzerte gespielt, was einem natürlich ein
ganz anderes Selbstvertrauen vermittelt. Und so haben
wir diesmal neue Sachen ausprobiert, zu denen wir beim
ersten Album gar nicht in der Lage gewesen wären.
Wie ist das mit Bands untereinander, gibt es da ein
Konkurrenzdenken? Ich denke da spontan an BLOC
PARTY, deren Album nicht lange vor eurem erschien
und das auch von Garret Lee produziert wurde ...
Tom: Hm, ich weiß nicht so recht. Die Charts etwa stel¬
len natürlich immer einen gewissen Wettkampf dar.
Letztlich ist es aber eine Frage, wie sehr man selbst so ei¬
nem Wettbewerbsdenken verhaftet ist, wie sehr man er¬
folgreich sein will. Wir haben, ehrlich gesagt, nicht die
Vorstellung, dass wir von diesem Album soundsovie-
le „Units“ absetzen wollen. Wir wurden vom Erfolg un¬
seres ersten Albums völlig überrascht. Ich denke nicht,
dass wir unbedingt erfolgreich sein, große Konzerte
spielen, zu „diesen“ Bands gehören wollen. Unser Ziel
ist vielmehr, eine ganze Reihe guter Alben zu machen,
sich weiterzuentwickeln, sein eigenes Ding zu machen
- wie RADIOHEAD oder R.E.M. Das sind Bands, die sich
weiterentwickeln oder auch mal rückwärts gehen, auch
mal Fehler machen und mal großartige und mal nicht so
großartige Platten machen. Aber was wichtig ist: Sie ma¬
chen Platten! Und so eine Band zu werden, das ist un¬
ser Ziel. Ich denke, dass Langlebigkeit und Kreativität ein
wichtiges Ziel sind - nicht nur für zwei Alben, sondern
auf lange Sicht.
Hat es euch geholfen, so lange auf Tour gewesen zu
sein?
Rüssel: In Sachen Kreativität nicht, denn on the road
schreiben wir keine Songs. Aber wir sind selbstbewusster
geworden, weil wir unsere Instrumente heute besser be¬
herrschen. Und das hat natürlich auch den Sound beein¬
flusst. Um neue Songs zu schreiben, brauchten wir aber
eine Pause, und außerdem wäre es auch langweilig ge¬
worden, immer nur die gleichen Lieder zu spielen. Und *
um Weihnachten herum haben wir dann aufgehört zu
touren, da war es definitiv an der Zeit, ein neues Album
aufzunehmen. Und mit dem sind wir echt glücklich.
Tom: Es gibt ja Bands, die ihre neuen Songs aus dem ei¬
nen oder anderen Gitarrenriff, aus Spielereien beim
Soundcheck zusammenbauen können, aber wir sind
nicht gut im Jammen. Wir sind zu sehr songbasiert, um
neue Lieder so schreiben zu können. Aber wer weiß, viel¬
leicht lernen wir ja auch irgendwann, auf Tour ein neues
Album zu schreiben.
Rüssel: Da finde ich es viel spannender, das Studio als zu¬
sätzliches „Werkzeug“ zu benutzen - das gefällt mir bes¬
ser, als die Lieder allein im Proberaum zu schreiben. So
hatten wir jemand um uns, der uns vorangetrieben hat,
und allein das war schon eine ganz andere Arbeitsweise
als beim ersten Album.
In England seid ihr riesig, in Europa läuft es okay, doch
wie ist es in den USA?
Tom: Im Vergleich zu vielen anderen UK-Indiebands
läuft es da recht gut für uns, wir haben da viel gespielt.
Das Problem war allein, dass die Platte in den USA erst
ein Jahr später erschien. Wir werden sehen, wie es wei¬
tergeht, denn man braucht einen langen Atem, um dort
sichtbaren Erfolg zu haben. Auf jeden Fall macht es mir
Spaß, da zu spielen, denn wir haben wohl was, worauf das
US-Publikum anspricht. In Amerika stehen sie irgendwie
auf Bands, die so einen gewissen düsteren Touch haben,
etwa THE CURE oder DEPECHE MODE, aber gleichzeitig
songbasierte Musik machen. Von daher werden wir so oft
in den USA spielen, wie man uns fragt.
In meinem Umfeld beobachte ich, dass ihr Leute mit
ganz verschiedenem musikalischem Hintergrund be¬
geistern könnt, und das über ein normales Maß hinaus.
Mir geht es da ja genauso ...
Tom: Das freut mich zu hören. Wir versuchen einfach,
eine interessante Band zu sein, und selbst wenn jemand
vom neuen Album nicht so begeistert ist wie vom ers¬
ten, so hoffe ich doch, dass man fasziniert ist von unse¬
rer Entwicklung.
Rüssel: Ich finde es gut, dass wir kein Publikum haben,
das sich über das Alter definiert. Wir sind keine Band für
OX-FANZINE 30
EDITORS/MONTREÄL
14- bis 19-Jährige, die nur MY CHEMICAL ROMANCE
hören.
Tom: Wenn man älter ist, sieht man eher, was Bullshit
ist und was gut, und vielleicht wirkt sich das ja positiv
für uns aus. Aber es ist schön, dass wir auch junge Fans
haben.
Seid ihr denn in England mittlerweile so was wie Pop¬
stars ...?
Tom: Wir haben zwar mittlerweile einige richtig große
Konzerte und Festivals gespielt, aber wir sind keine Pop¬
stars und immer noch recht „gesichtslos“. Die Leute sind
immer wieder überrascht, wenn sie hören, wie viele Plat¬
ten wir in UK verkauft haben.
... es sind Hunderttausende.
Russell: Unser Name wurde bekannter, aber nicht wir als
Personen, und das ist gut so. Und wenn wir die Brixton
Academy mit 5.000 Leuten in kürzester Zeit ausverkau¬
fen, berichtet die Musikpresse darüber nicht mal.
Tom: Es gibt auf jeden Fall Bands, die weit weniger Plat¬
ten verkaufen und trotzdem bekannter sind. Ich muss da
nur an die LIBERTINES denken ...
Vielleicht solltest du dich aufführen wie Pete Doherty.
Tom: Na ja ... Aber es ist gut, dass wir einerseits als Mu¬
siker erfolgreich sind, andererseits der ganze Rockstar-
Kram uns nicht wirklich berührt. Klar, man erkennt uns
schon, wenn wir auf ein Konzert gehen, aber das ist es
auch schon. Aber bei Thom Yorke ist das ja auch noch
anders, der kann auch ungestört die Straße lang laufen,
und die sind viel größer als wir. Bei Bono sähe das si¬
cher anders aus.
Apropos: Mögt ihr U2 ...?
Tom: Also ich habe nichts gegen U2. Ich mag ihre al¬
ten Sachen, die neuen, bombastischen Lieder aber nicht.
„The Unforgettable Fire“ und so, das mag ich. Doch wenn
ich mich entscheiden muss, dann sind eher ECHO & THE
BUNNYMEN meine Band.
Habt ihr eigentlich den JOY DIVISION-Film schon ge¬
sehen?
Tom: Nein, der ist noch gar nicht raus. Und man hat uns
auch nicht gefragt, ob wir einen Song zum Soundtrack
beisteuern wollen.
Hättet ihr das denn gemacht?
Tom: Nein. Wenn sie eine Band wären, die uns viel be¬
deutet, dann hätten wir uns sicher anders entschieden.
Es ist nicht so, dass ich die nicht mag, aber keiner von
uns hätte da große Lust auf ein Lied auf dem Soundtrack
gehabt.
Wie sehr könnt ihr denn die Vergleiche, die in Reviews
gezogen werden, nachvollziehen?
Tom: Eigentlich kümmern mich solche Vergleiche nicht,
obwohl ich ECHO & THE BUNNYMEN natürlich phan¬
tastisch finde. Die haben nur gute Platten gemacht. Wenn
man seine Band, seine Musik beschreibt, muss man aber
zu Vergleichen greifen, ähnliche Bands nennen, und von
daher landen wir eben mit den immer wieder genann¬
ten Bands in einer Kategorie - und es gibt ja auch Ähn¬
lichkeiten. Wenn man aber nur mal unsere beiden Alben
nimmt, dazu die Singles und die B-Seiten, dann haben
wir ein eigenes Werk, dann sind das die EDITORS. Als
Band kann man auf Dauer sowieso nur bestehen, wenn
man gut ist, und je mehr Zeit vergangen ist, desto weni¬
ger wird man uns mit anderen Bands vergleichen, und
stattdessen kann es sein, dass neue, junge Bands mit uns
verglichen werden. Ich glaube nicht, dass irgendwer zu
hundert Prozent originell ist, aber wir machen das, was
wir machen, mit großer Ehrlichkeit und Leidenschaft,
und darauf kommt es an.
In der Tat habt ihr einen klar erkennbaren Sound. Was
macht diesen aus?
Tom: Unsere Musik hat ein dunkles Herz, man hört ihr
die Sorgen an, die in den Texten stecken. Die Gitarrenli¬
nien sind sehr melodiös ...
Russell: Und rhythmisch sind wir sehr druckvoll.
Tom: In den Songs steckt viel Aufregung und Energie,
und die wiederum kommt vom vielen Live-Spielen, von
den Reaktionen des Publikums.
Eine Menge Bands experimentieren heute gerne mit
elektronischen Elementen, mit Remixen. Ihr nicht.
Tom: Also es haben schon Leute unsere Songs remixt,
aber damit hatten wir nichts zu tun.
Russell: Im Studio arbeiten wir natürlich mit Elektro¬
nik, auch mal mit einer Drum-Machine. Also da gibt es
Songs, wo wir das einsetzen, und auch hier und da mal
ein Sample. Wir halten uns diese Option offen, könnte
sein, dass uns das mal interessiert. Und bei unseren B-
Seiten experimentieren wir natürlich auch gerne, irgend¬
wie ist da wohl der Druck nicht so groß. Da sind nur wir
und der Toningenieur im Studio, mit dem wir schon seit
Jahren arbeiten, wir denken nicht groß nach und machen
einfach.
Dann besten Dank für das Interview.
Joachim Hiller
editorsofficial.com
„WER ’NE UNBEKANNTE BAND HÖRT ...
MONTREAL
_ _ ....... ird hieß es in einem Lied auf dem Ende 2005 erschienenen ers¬
ten Album „Alles auf Schwär^ d^.Hamburger Mittzwanziger. In weniger als zwei Jahren sindlMON-
TREAL, deren zweiter Langspieler,, Die schönste Sprache der Welt“ sich in so mancher Playlist fest¬
gesetzt hat, nun mit Auftritten bei Football-Spielen und in Moskau, Touröjn mit Bands wie der BLOOD-
HOUND GANG oder 4LYN, ja sogar Airplay im australischen Radio, mit großen Schritten auf dem
Weg, eben dieser Trend zu werden. Doch hassen muss man die drei Jungs dafür bestimmt nicht,
denn Ende März erzählten mir Hirsch (Gesang, Bass) und Yonas (Gitarre, Gesang) vor einem Kon¬
zert in Hagen, wie sie ihren schnellen Erfolg dennoch durchaus mit einer sympathischen Punk-Atti-
tüde unter einen Hut bekommen.
Ich hab lange im Internet nach Interviews von euch ge¬
sucht, aber die Ergebnisse waren eher mau. Stattdessen
habe ich aber einige Foren gefunden, in denen ihr be¬
sonders von Teenies abgefeiert werdet, die euch sogar
zu Konzerten hinterher reisen. Wie kommt das, dass
ihr schon fast gehypet werdet, ohne aber in den gro¬
ßen Musikmagazinen präsent zu sein?
Wir geben nie Interviews. Nee, Spaß beiseite, also so
wirkliche Frage-Antwort-Spiele gab es tatsächlich bislang
kaum, die meisten drucken einfach nur unser Info ab.
Und in Hefte wie das Visions kommst du ja eh nur, wenn
du ein „The“ vorm Namen hast, Karottenjeans trägst und
den Pony ins Gesicht kämmst. Und trotzdem stehen drau¬
ßen auch jetzt wieder die Leute, manche reisen sogar et¬
liche Kilometer an. Die haben scheinbar nix anderes zu
tun. Ich könnte mir das nicht leisten. Zwei sind uns so¬
gar nach Moskau hinterher geflogen! Ich vermute, die re¬
lative Bekanntheit kommt daher, dass wir sehr oft spie¬
len. Besonders auch als Vorband, etwa von der BLOOD-
HOUND GANG, ZSK und den SPITTIN’ VICARS. Und da
bei Letzteren der Vom spielt, hat man da dann die gan¬
zen Hosen-Kids.
Wie war das denn mit der BLOODHOUND GANG? Und
ihr spielt ja auch bei „richtigen“ Punkrock-Events, wie
jetzt bald beim „Ruhrpott Rodeo“. Wie kommen eure
poppigen Klänge bei so was an?
Mit der BHG war es sehr geil! Die können so manchem
Punker noch zeigen, was Punk überhaupt ist. Die leben
das, was die anderen gerne hätten. Sie können zwar über¬
haupt nicht spielen, machen aber einfach ihr Ding. Denen
ist alles egal. Außerdem sind es sehr nette, umgängliche
Menschen, was bei anderen gar nicht so großen Bands
nicht der Fall ist. Und wir waren auch schon bei der „Ni¬
kolaus raus“-Tour dabei, mit FAHNENFLUCHT, A.C.K.
und wie sie alle heißen. Da hatten wir im Vorfeld die
Hosen gestrichen voll, weil wir dachten, die Punks wer¬
fen uns direkt Flaschen auf die Bühne, doch dann war al¬
les super, hat Spaß gemacht. Schwierig wird es eher bei
TOMTE-Publikum. Die kommen auf uns gar nicht klar,
weil wir wohl nicht ernst genug sind und keine Heulsu-
sen-Musik machen.
Das hätte ich genau andersrum eingeschätzt. Immer¬
hin sind eure Texte ja teilweise doch schon etwas an¬
spruchsvoller, erfordern zumindest, dass man mal
kurz drüber nachdenkt...
Das dringt leider zu vielen nicht durch. Ich will mich
jetzt nicht an TOMTE festbeißen, aber generell ist die¬
ser Hamburger-Schule-Indie doch sehr oberflächlich und
trotzdem nicht auf den Punkt. Aber wahrscheinlich sind
wir dem Publikum einfach zu infantil und albern. Die
werden wohl auch andere Bands, die schon vorher so
was wie wir gemacht haben, doof finden. Bestimmt so¬
gar die ÄRZTE.
Womit wir bei den Vorbildern angelangt wären. Sind
die ÄRZTE so etwas wie Helden? Und was für Musik
hört ihr sonst so, wo sind eure Einflüsse zu suchen?
Wir schätzen eher den Vergleich mit WIZO. Die waren
auch mal albern und mal ernst, aber musikalisch im¬
mer punkrockig. Die ÄRZTE sind ja eher seicht gewor¬
den. Aber was ist überhaupt schon ein Held? In den 90ern
haben wir viel Melodycore gehört, aber auch Deutsch¬
punk. Das ist heute allerdings nicht mehr so. Hirsch hört
viel Hiphop, Jan Delay zum Beispiel. Und dann, was man
halt auf Tour an anderen Bands mitbekommt, besonders
das deutschsprachige Zeug, etwa SONDASCHULE, EL*KE
oder SCHROTTGRENZE. Aber eigentlich hören wir nicht
viel aktuelle Musik.
Würdet ihr euch denn selber als Punkband bezeich¬
nen?
Na ja, es ist eher Punkrock als Jazz, was wir machen. Aber
wir sind sicherlich keine Punkband in dem Sinne, wie
etwa ZSK, die sich politisch permanent engagieren und
in ihren Liedern gegen Staat und System singen und die
ganze Chose. Wenn man das als Punk bezeichnet, sind
wir wohl keine Punkband.
Verdient ihr Geld mit eurer Musik, könnt ihr davon le¬
ben?
Wir könnten vielleicht Geld verdienen, aber wir haben
keine Firma im Rücken, die irgendwas vorstrecken wür¬
de. Da muss man also erstmal alles selber bezahlen und
dann versuchen, das im Laufe der Zeit wieder einzuspie¬
len. Wir sind eigentlich eine totale D.I.Y.-Band, machen
den ganzen Scheiß selber. Unser Label Hamburg Records,
das sind wir drei und Flo von Schwarz. Da werden selber
die Flyer gedruckt und die Aufnäher geschnitten. Musik
ist also schon unser Job, aber von Plattenverkäufen leben
wir nicht. Deswegen haben wir auch eigentlich nix gro߬
artig dagegen, wenn Leute unser Zeug kopieren. Haupt¬
sache, sie kommen dann zum Konzert und kaufen viel¬
leicht noch einen Button. Was haben wir davon, wenn
die nur zu Hause ihr Album hören?
Wie steht ihr denn, die ihr ja selber deutschsprachige
Musik macht und hört, zu einer Radioquote für deut¬
sche Musik?
Heinz Rudolf Kunze will doch nur so eine Quote, da¬
mit sein eigener Scheiß überhaupt mal irgendwo stattfin¬
det. Das regelt sich doch alles von selbst. Was gut ist, das
wird auch gespielt, und momentan gibt es doch sehr viel
gute deutsche Musik im Radio, das hat ja geradezu einen
Boom, und das völlig ohne Quote. Selbst Bands, die vor
einigen Jahren noch komplett auf Englisch gesungen ha¬
ben, machen mittlerweile deutsche Texte.
War dieser Boom für euch auch ein Grund, die Musik
zu machen, die ihr macht? Und welche Rolle spielt da¬
bei euer Produzent Flo von Schwarz?
Der Auslöser war eigentlich die „ 1 World 0 Future“ von
der TERRORGRUPPE, da haben wir gesagt: Jetzt machen
wir auch deutschsprachige Musik, aber richtig gut produ¬
ziert. Außerdem sprechen wir alle scheiße Englisch, und
warum soll man dann nicht die Sprache benutzen, die
man auch gut kann? Verkaufsargumente haben dabei aber
keine Rolle gespielt, der Trend war da so ja noch nicht ab¬
zusehen. Und Flo sagt uns zwar seine Meinung, aber er
ist nicht unser Chef. Wir sind eher wie eine Reisegruppe,
bei der es ein ständiges Miteinander gibt, auch wenn man
sich - wie immer, wenn man viel Zeit miteinander ver¬
bringt - zwangsläufig mal in die Haare kriegt.
Jan Eckhoff
montrealmusic.de
OX-FANZINE 31
AN RI 2 Purgen - Protest Detalei... CD
Endlich erhältlich. Der Hammer! Das Best Of
Album von Russlands bekanntester und
bester Punkhardcore Band. Über 55 min.
direkt in die Fresse Punkrock, inkl. “Anachia“
„Phiiosophia“ und „Kristallnacht“. 23 Hits aus
der gesamten Schaffensphase der Band.
24-seitiges Booklet mit Textübersetzungen
und vielen Bildern.
Debüt Album der Berliner „MartialArt Punk¬
rocker". Minimalistischer TrashPunkrock'n'
Roll mit deutschen Texten im Stile von
Bands wie SHOCKS und CREEKS. 15
Songs mit 77er Spirit, geradlinig auf den
Punkt gebracht.
“Klasse Die habendes drauf.” PB #57
“Absolut empfehlenswert.Mehr davon!" OX #69
”... haben Moskito Spezial ein beachtliches Debüt
hingelegt." Moloko Plus #30
ANR15 Hausvabot - Feuert... LP/CD
Die Deutschpunk-Sensation 2006. Die Berli¬
ner Pogopunx brennen mit „Feuertaufe“ ein
Feuerwerk an Hits ab.
„Ein ganz starkes Deutschpunk-Album!“ OX #69
„..die derzeit beste Band in dieser Sparte." Punkrock! #3
„Absolute Kaufempfehlung ..." Wahrschauer #53
.legen hier die beste Deutschpunk-Platte ab, die ich
seit langem gehört habe.“ PB #55
„Auf dieser Platte erwartet Euch eine Deutschpunk-
Granate, ...”Pankerknacker#666
ANR19WhatWeFeel -Last War CD
Melodischer Polit-HC aus Russland. Ab¬
wechslungsreicher HC mit kämpferischen
Texten jenseits poserhafter Machoscheisse.
Booklet mit Textübersetzungen in Englische.
“...Der druckvolle, gut produzierte und knallige Hard-
corepunk im Stil von RAWSIDE besitzt Aggressivität,
Ausstrahlung, unheimlich viel Energie und nicht zuletzt
auch so was wie Hitpotential....” PB #58
"... Eine wichtige Band mit wichtigen Botschaften,..."
Underdog #19
. . . _ Im Vertrieb von
Wim -®t ln^ o, gan»g =a> U8dic ,o^
www.punk-rock-shop.de
IM VERTRIEB VON
cw
isrcefiEs
www.cargo-records.de
* • AIP-”
-—4 sste, ■gjKSSäf—- —•:
■ ■
: '
www.knock-out.de
10 Jahre nach ihrem letzten Album "Ich bin Ich" glbt's
jetzt die Reunionscheibe der Paderborner Oi-Punk
Band, und das sogar in Originalbesetzung! Split Image
waren in den 90ern eine der bekanntesten Bands des
Genres und der Song "Kommerz" vom "Guten Tag"
Album hat auch heute noch Kultcharakter! Auf der
neuen IP glbt’s 11 brandneue Songs inkl. Kabul, Tod
und Teufel, Politisch Korrekt, Freiheit ist Punk,
Fatalismus... - CD auf Impact Records
Streetday 25.05.07
NEVER SAY NEVER ...
KIM SALMON
& THE SCIENTISTS
Kim Salmons Ziel mit THE SCIENTISTS war es, den Punk auf die nächste Stufe zu heben. Das war 1976:
Post-Punk bevor der Punk überhaupt erst richtig losgelegt hatte! Ein Mann mit Vision also. Und die Vi¬
sion hinterließ ihre Spuren: NIRVANA, MUDHONEY, DEVASTATIONS, THE DRONES, BIRTHDAY PARTY
berufen sich auf seinen Einfluss. Auf Bitten von MUDHONEY reformierten sich die SCIENTISTS 2006 in
der Besetzung Kim Salmon (g/v), Boris Sujdovic (b), Tony Thewlis (g), Leanne Cowie (dr) und nahmen im
Laufe der Tour das Live-Album „Sedition“ auf. Kurz vor dem Swamp-Konzert im Freiburger Walfisch er¬
gab sich die Gelegenheit, mit einem relaxten Kim Salmon ein Gespräch zu führen, das sich ausnahms¬
weise nicht um die Geschichte der SCIENTISTS dreht, sondern um sein musikalisches Gesamtwerk, sei¬
ne Projekte und Pläne und Geheimtips aus Australien.
Kim, wie geht es dir und wie läuft die Tour in Euro¬
pa bisher?
Fantastisch. Wir sind jetzt seit sechs Tagen unterwegs,
drei Tage Spanien, drei Tage Frankreich, jetzt Deutsch¬
land und Holland und dann zwei Festivals in England.
Das Spitz-Festival of Blues in London und als Höhepunkt
das All Tomorrow’s Party-Festival, bei dem auch Nick
Cave mit seinem neuen Projekt GRINDERMAN auftreten
wird und auch THE DRONES und DEVASTATIONS. Bis¬
her waren die Venues eher klein; das liegt daran, dass wir
die Tour erst im letzten Moment gebucht haben. Ich habe
erst vor zwei Wochen mit Noise on Tour eine Booking-
Agentur gefunden, die die Tour so kurzfristig organisie¬
ren konnte. Es macht Spaß, in den kleinen Venues zu spie¬
len, eine richtige Grassroots-Tour, die uns zurückbringt
zu unseren Anfängen.
Du hast 1976 mit dem Musikmachen angefangen und
Unmengen toller Platten veröffentlicht. Woher kommt
all die Kreativität und Energie?
Ich habe all diese Ideen und es fällt mir schwer, die nicht
umzusetzen. Es ist manchmal frustrierend, denn die
Möglichkeiten, diese Ideen zu verwirklichen, sind nicht
immer gegeben. Aber ich habe diese Ideen immer. Ich
denke, das haben andere auch. Obwohl: ich habe alle
Ideen! Hahaha.
Stellen diese Bands immer eine andere Verwirkli¬
chung von Kim Salmon dar, oder sind sie alle ein Teil
von dir?
Das ist eine interessante Frage. Es sind definitiv verschie¬
dene Ideen. Manche Leute würden sagen, dass sie einen
roten Faden in allen Bands und Veröffentlichungen hören
können. Es fällt mir wirklich schwer, das objektiv zu be¬
urteilen. Nimm zum Beispiel die DARLING DOWNS, die¬
ses Akustik-Country-Folk-Projekt, das ich mit Ron Peno,
ex-DIED PRETTY, habe. Das Album „How Can I Forget
This Heart Of Mine?“ kam 2005 heraus. Manche Leute
behaupten, dass sie verschiedene Ideen der SCIENTISTS
darin wieder erkennen. Ich denke, das ist kompletter ... Es
hat dieselbe Einfachheit der SCIENTISTS, nur ohne Band¬
begleitung, und dazu die Stimme von DIED PRETTY. Gi¬
tarre und Stimme, mehr nicht. Und deshalb denken eini¬
ge Leute, dass es deswegen am anderen Ende meines mu¬
sikalischen Spektrums ist.
SALMON hat diese Einfachheit nicht.
Ja, das ist wirklich etwas ganz anderes. Zum einen sind
die Leute in SALMON um einiges jünger als ich. Die ha¬
ben das Projekt als Prog-Punk klassifiziert, haha. Aber das
macht tatsächlich Sinn. Das ist das Schöne an SALMON:
jeder, den du fragst, definiert es anders. Der eine sagt,
es hat eine dunkle und monolithische Einfachheit, ande¬
re sehen etwas Orchestrales darin, wieder andere nen¬
nen es Art-Rock und für manche ist es schnörkelloser
Rock’n’Roll. Ich denke, es ist alles das, denn es vereint
alle Elemente, die ich gerade aufgezählt habe. Alle diese
Projekte haben ihre verschiedenen Plätze und der Faden,
der die sie verbindet, bin ich.
SALMON ist eine Supergroup bestehend aus fünf Gi¬
tarristen und zwei Drummern. Ash Naylor von EVEN,
Penny Ikinger von WET TAXI, Louis Tillet und RED
DRESS, Cläre Moore von MOODISTS und LURID
YELLOW MIST, Mike Stranges von MORNING AF¬
TER GIRLS, Anton Ruddick von SWEDISH MAGAZI-
NES und Dave Graney, unter anderem LURID YELLOW
MIST und MOODISTS. Das hört sich extrem spannend
an. Erzähl mal bitte davon.
Es macht richtig Spaß, mit diesen Leuten in einer Band
zu spielen, besonders weil sie alle machen, was ich sage,
hahahahaha. Nein, im Ernst. Das sind alles prima Mu¬
siker und haben eine Menge Spaß mit dem Projekt. Für
die Platte haben wir alles im Studio live eingespielt. Die
Aufnahmen waren anstrengend, da wir wie ein Orches¬
ter funktionieren. Es ist schwer, live zu spielen, weil wir
alle eigene Bands haben. Aber wir sind jetzt schon zwei¬
mal in der Nähe von Melbourne aufgetreten. Einmal wa¬
ren es nur hundert Kilometer, das war einfach. Das ande¬
re Mal war in Sydney, das war sehr schwierig. Jemand hat
uns eine Menge Geld gegeben, um diese Tortur auf uns
zu nehmen, hahahahaha. Es war Jon Spencer. Er wusste
nicht, was ihn erwartete, aber er mochte SALMON. Er hat
das Konzept verstanden. MUDHONEY dagegen konnten
gar nichts damit anfangen, hahahahahahaha.
Zurück zu den SCIENTISTS. Welchen Anlass gab es, die
SCIENTISTS zu reformieren? Oder war die Band im¬
mer da und hat nur keine neuen Songs aufgenommen?
Nein, nein, das ist definitiv eine Reunion. Boris und
Leanne leben in Sydney, ich lebe in Melbourne und Tony
lebt in London. Das ist schon mal ein logistisches Pro¬
blem. Die Band ist Ende der 1980er tatsächlich ausein¬
ander gebrochen. Es waren MUDHONEY, die das Line-
up für das letztjährige All Tomorrow’s Parties-Festival zu¬
sammengestellt haben. Die wollten THE SCIENTISTS mit
dabei haben und dadurch haben wir uns wieder getrof¬
fen. Dann haben wir zwei weitere Shows mit MUDHO¬
NEY gespielt und daraus ist das Live-Album „Sedition“
entstanden. Und das ist jetzt die Tour zur Platte. Und die¬
ses Jahr haben THE DIRTY THREE das Programm für das
All Tomorrow’s Party-Festival zusammengestellt und uns
wieder gebeten aufzutreten, siehe: atpfestival.com.
Wir hatten ja eben schon mal kurz über die Men¬
ge an Kim Salmon-Veröffentlichungen gesprochen.
Was mich immer interessiert: wie schreibst du deine
Songs?
Das ist sehr unterschiedlich und kommt darauf an, was
ich mache. Bei SALMON war es die Idee, eine Band mit
vielen Gitarren zu haben. Die Idee ist älter als alles, was
ich mit den SCIENTISTS gemacht habe! Die Idee hatte ich
so mit 19 und sie bisher nie umgesetzt. In den letzten Jah¬
ren habe ich häufiger über das Konzept nachgedacht. Ti¬
tel wie „Licence To Rock“ - ein richtig tolles Klischee -
und „Rock Formation ‘ standen schon, bevor die Songs
geschrieben waren. Selbst die Visualisierung war fertig,
bevor ich mit dem Schreiben angefangen habe. Und dann
habe ich mir überlegt, wie jeder Songtitel umgesetzt wer¬
den soll. Dieser Song soll wie BLACK SABBATH klingen.
Okay, wie klingt BLACK SABBATH? Und dann habe ich
erst den Song geschrieben. Das ist das Geheimnis hinter
SALMON. Als Nächstes gibt es ein LYNYRD SKYNYRD-
Teil. Es wird „Kentucky Fried Salmon“ heißen. KFS an¬
statt KFC, hahahahaha. Das Lied schreibe ich jetzt dem¬
nächst; die Riffs müssen sich der Idee des Liedes anpas¬
sen. Bei den DARLING DOWNS schreibe ich eine Melodie
auf der Akustikgitarre, spiele sie Ron vor und er versucht,
eine Gesangslinie dazu zu finden. Oder umgekehrt: Er
hat eine Gesangslinie und ich suche eine Melodie dazu.
Im Gegensatz zu SALMON also ganz einfach und über¬
haupt nicht intellektuell. Bei SALMON denke ich über al¬
les lange nach, bevor ich anfange zu schreiben. Bei den
SCIENTISTS war es viel schwieriger. Auch wenn sich die
Lieder primitiv und einfach anhören, sind sie zum Teil
das Komplexeste, was ich je geschrieben habe. Es musste
immer primitiv und minimalistisch sein und jeder Song
musste einfacher strukturiert sein als der vorhergehende.
Manche der Songs bestehen nur aus zwei Noten. Es wur¬
de also auf der einen Seite immer einfacher, aber dadurch
immer komplexer. Wir haben die Songs auf den Rhyth¬
mus aufgebaut. Du siehst, es gibt mehr als einen Weg,
wie ich Songs schreibe.
Du hast jetzt mehrmals die Worte „basic“, „primitive“,
„simple“ benutzt. Ist das der Kern der SCIENTISTS?
Ich denke schon. Allerdings nicht für SALMON. Generell
denke ich, dass alles einfach ist. Je mehr du an den Kern
einer Sache kommst, desto komplexer wird es.
Wie ist es um die Stromgitarrenmusik-Szene in Aus¬
tralien bestellt? In Europa touren gerade einige rich¬
tig tolle Bands.
In Melbourne sieht es gerade sehr gut aus, aber man liest
immer nur über Sydney, wo nichts los ist. Mir gefallen
gerade drei Bands richtig gut: WITCH HATS, THE STABS
und besonders EDDIE CURRENT SUPPRESSION RING.
Dank des Teufelswerkzeugs MySpace kann ich mittler¬
weile die Klasse der drei Bands bestätigen. Schön noi-
sig und zumindest bei THE STABS steht eine Platte der
SCIENTISTS zu Hause im Regal. Glaubst du, es ist heu¬
te einfacher für Bands?
Es ist viel schwerer, weil Musikmachen durch Kommer¬
zialisierung an Wert verloren. Durch das Internet schei¬
nen Leute die Idee zu haben, dass Musik kein Geld kos¬
ten darf. Dann darf alles andere aber auch nichts kosten.
Wenn man in einer Band ist und Musik macht, sollte man
auch davon leben können. Wenn man das als Ziel nicht
will, soll man es zum Hobby machen. Als ich noch jung
war, habe ich darüber auch anders gedacht, aber jetzt,
mit Familie ...
Macht es nach fast 30 Jahren noch Spaß aufzutreten?
Absolut. Diese Tour ist klasse und macht richtig Spaß.
Wenn es mir keinen Spaß mehr machen würde, hätte ich
schon aufgehört und mir einen Job gesucht.
Gibt es Pläne, neues SCIENTISTS-Material aufzuneh¬
men?
Die Band ist auseinander gebrochen aus all den Gründen,
warum Bands auseinander brechen. Wenn wir jetzt neue
Songs schreiben, würden dieselben Sachen, die damals
zum Split führten, wieder aufbrechen. So was verliert
sich ja nicht über die Jahre, man trägt es immer mit sich
herum. Wir haben Spaß, miteinander zu spielen, aber
je länger wir zusammen sind, umso größer ist die Ge¬
fahr, dass sich die Sachen wiederholen, die damals zum
Split führten. But never say never ... Ich denke, die Band
hat immer noch ihren Platz in der Musiklandschaft heu¬
te, und so lange das so ist, machen wir weiter. Ich habe
einige Ideen im Hinterkopf, aber ob etwas daraus wird,
muss sich zeigen.
Kim, vielen Dank für das Interview und weiterhin viel
Spaß auf der Tour.
Andreas Hüther scientists.com.au
OX-FANZINE 33
QUIET !S THE NEW LOUD
65DÄYSOFSTÄTIC
Sheffield. Dazu fallen mir Joe Cocker, Stahl und ARCTIC MONKEYS (wer?) ein - und 65DOS. Seit mit¬
tlerweile drei Alben fordern die Engländer mit komplexer, epischer Musik die Aufmerksamkeit ihrer Zuhö¬
rer heraus, bewegen sie sich klanglich zwischen MOGWAI, ENVY, GODSPEED ... und NEUROSIS. Auch
ihr neuestes Werk „The Destruction Of Small Ideas“ ist wieder auf Monotreme Records erschienen, und
man stellt erneut fest, dass „instrumental“ nicht das Fehlen von Gesang bedeutet - hier fehlt nichts, Gi¬
tarre und Piano genügen völlig als roter Faden durch die epischen Kompositionen. Ich unterhielt mich mit
Joe Shrewsbury und Paul Wolinski.
„When we were younger and better“ ist der Titel des ers¬
ten Songs auf eurem Album - wann soll das denn gewe¬
sen sein?
Joe: Das ist eine gute Frage ... Der Titel ist Ausdruck unse¬
rer Selbstzweifel, denn es ist nicht einfach, Musik zu schrei¬
ben. Der Song war eines der ersten Demos für das Album,
und der Typ, mit dem wir es aufgenommen haben, arbei¬
tet seit Jahren mit uns. Der kommentierte den Song mit den
Worten, das sei das reifste und beste Lied, das wir je ge¬
macht hätten. Der meinte das als Lob, aber irgendwie fass¬
ten wir das anders auf, denn wir wollen nicht „reif* sein.
Denn auch wenn Bands zu Beginn ihrer Laufbahn nicht be¬
sonders gut spielen können, so haben sie doch eine gewis¬
se reizvolle Naivität.
Paul: Die begegnen der Welt mit einer Art blindem Urver-
trauen und Unschuld.
Joe: Ja, und dazu kommt noch eine Rauhheit und Aggres¬
sivität, die wir selbst nie verlieren wollen. Wir haben das ja
selbst schon bei vielen Bands beobachtet: Die werden tech¬
nisch immer besser, und auch wir sind heute bessere Musi¬
ker als zu Beginn, aber das bedeutet nicht automatisch, dass
deshalb auch deine Musik besser oder origineller wird.
Paul: Wir versuchen also ganz bewusst, nicht einem be¬
stimmten Schema zu folgen. Doch nach diesem Statement
unseres Freundes, etwas älter geworden und etwas versau¬
ter von der Musikindustrie, haben wir dann diesen Album¬
titel ausgesucht. Ein echtes Konzept für das Album hatten
wir aber nicht.
Joe: Wir sind uns nur sicher, dass wir die Leute nicht mit
irrelevantem Crap belästigen wollen. Denn die Leute, die
auf die Konzerte kommen, die die Platten kaufen, die da¬
für bezahlen, die haben auch das Recht dazu, dich zu zer¬
stören, wenn sie wollen. Aber wir wünschen uns natürlich,
dass uns das nie passiert.
Paul: Und wir denken auch, dass die neue Platte das Beste
ist, was wir je aufgenommen haben.
Aber auch das erzählt einem jede Band.
Paul: Und man muss das auch glauben, denn warum sollte
man die Platte sonst veröffentlichen?
Joe: Jedenfalls ist der Song unser bislang bester, einen in der
Art, mit diesem Arrangement von Gitarren und Klavier, ha¬
ben wir bislang nicht gemacht. Es ist also die Kombinati¬
on des Titels mit dem Glauben, dass es unser bislang bes¬
tes Lied ist, die ich so reizvoll finde. Außerdem haben wir
uns den Hörern damit völlig ausgeliefert, denn was Besse¬
res, was anderes als die Songs auf dieser Platte hätten wir
nicht hinbekommen.
Habt ihr denn irgendeine Art von formaler musikali¬
scher Ausbildung?
Paul: Ich hatte mal Klavierunterricht, aber über einen
Grundkurs ging das nicht hinaus. Und als wir 6 5DOS grün¬
deten, konnte ich nicht mal Gitarre spielen. Mein erstes
Jahr an der Uni verbrachte ich statt auf Partys zu Hause bei
meinem neu gekauften Sampler, weil ich den beherrschen
wollte. Soviel also zu meiner „Ausbildung“.
Joe: Meine Mutter zwang mich dazu, Cello zu spielen, sie¬
ben lange Jahre. Doch mit 15 habe ich ihr dann klar ge¬
macht, dass es das war, und kaufte mir eine Gitarre. Ich hat¬
te dann ein paar Monate Unterricht, und den Rest brach¬
te ich mir selbst bei. Rob, unser Drummer, hat sich auch al¬
les selbst beigebracht, und ich glaube, der wurde schon mit
Drumsticks in den Händen geboren. Und Simon ist eben¬
falls Autodidakt, und ich denke, das ist gut für uns: Wenn
man die Regeln nicht kennt, muss man sich auch nicht an
sie halten.
Wart ihr schon mal in einer Situation, wo ihr euch eine
formale Ausbildung gewünscht hättet, um einen be¬
stimmten Sound zu erzielen?
Joe: Nein, denn die Musik, die wir machen, spielt sich al¬
lein innerhalb der Grenzen unseres musikalischen Wis¬
sens ab. Ein neues Album aufzunehmen ist deshalb immer
auch eine Erweiterung der Grenzen des eigenen Wissens,
und das ganz praktisch, ohne Theorie. Und wenn man wie
wir einen ganz praktischen und nicht theoretischen Ansatz
an das Spielen seiner Instrumente hat, ist man grundsätz¬
lich schon offener gegenüber allen Arten von Experimen¬
ten, denn dir hat ja nicht vorher jemand gesagt, dass dies
oder das nicht funktioniert.
Paul: Wenn wir etwa die Idee hätten, bei einem Song mit
Blechblasinstrumenten zu arbeiten, dann würden wir das
einfach ausprobieren. Ohne jemals vorher so ein Instru¬
ment in den Händen gehabt zu haben.
Joe: Und wenn ich Klavier spielen wollte, würde ich Paul
fragen, mir das beizubringen, denn ich hasse es, richtigen
Unterricht zu nehmen. Denn was uns in dieser Band zu¬
sammengeführt hat, ist der Unwille, sich von jemand an¬
derem etwas sagen zu lassen. Wir lernen alle gerne Neu¬
es, aber wir lassen uns nicht gerne sagen, was wir zu ler¬
nen haben.
Ihr habt euch das mit der Band zusätzlich erschwert
durch die Entscheidung, in einer Instrumental-Band zu
spielen.
Paul: Wenn man einen Sänger hat, steht der immer im Vor¬
dergrund, und gerade bei den herausragenden Bands ist
es das Charisma, die Stimme des Frontmanns, die heraus¬
sticht. Und so einen Frontmann hat man - oder man hat
ihn nicht.
Joe: Kathy und Drew von CIRCLE TAKES THE SQUARE sin¬
gen beim letzten Song des Albums, „The conspiracy of
seeds“, und da ging es uns nicht um den Gesang an sich,
sondern darum, dass die Stimmen der beiden eine ganz ei¬
gene Qualität haben, die perfekt zur Musik passt. Das ist
wirklich einzigartig und sehr interessant, das klingt bei¬
nahe wie ein Instrument. Und für diesen Gesangspart die
Worte und die Melodie zu schreiben, gingen wir an wie je¬
den anderen Instrumentalpart auch.
Wenn ich euren Bandnamen sehe, ergänze ich automa¬
tisch dasWörtchen „Noise“.
Paul: Gute Idee, vielleicht sollten wir das einfach überneh¬
men. Wir haben ja den Ruf, unglaublich laute Konzerte zu
spielen.
Joe: So für uns hören wir jeder auch gerne mal leisere Mu¬
sik, doch sobald wir zusammen sind, läuft es immer auf
schnelle und laute Musik hinaus. Wir hatten für das neue
Album auch einige Songs geschrieben, die eher leise und
langsam waren und die sicher auch gut gepasst hätten, aber
letztlich haben sie es nicht geschafft.
Paul: Es fällt mir schwer zu beschreiben, was einen guten
Song für uns ausmacht, aber es hat wohl was mit Intensität
und Nachdrücklichkeit und einem Gefühl der Frustration
zu tun. Wenn ein Song das hat, spüren wir das, und irgend¬
wie läuft diese Nachdrücklichkeit immer auf eine gewisse
Noisigkeit hinaus. In dieser Hinsicht waren ATARI TEENA¬
GE RIOT eine wichtige Band für mich. Die sah ich vor fünf,
sechs Jahren mal, als wir uns gerade gründeten, und es war
phantastisch, auch die späteren Solo-Sachen von Alec Em¬
pire. Und gerade die ersten paar Songs waren so unglaub¬
lich, so intensiv, ich war echt beeindruckt. Doch dann, nach
ein paar Nummern, hatte er sein Potenzial ausgeschöpft, er
konnte sich nicht mehr steigern, und das war mir echt eine
Lehre. Ich habe auch CONVERGE schon ein paar Mal gese¬
hen, und die sind ein ganz anderer Fall.
Im dem Album beiliegenden Presseinfo lasst ihr euch
darüber aus, dass heutzutage alle Alben sehr laut gemas-
tert seien und so der Sinn für Nuancen verloren gehe.
Könnt ihr das mal erläutern?
Joe: Es ist heute so, dass im Mainstream-Rock alles auf ei¬
nem Level gemastert wird, so dass laute und leise Stücke
und Passagen alle auf einem Lautstärkeniveau hegen. Aber
das führt letzten Endes nur dazu, dass Hintergrundmusik
produziert wird, denn auch wenn es sich um Rockmusik
handelt, so kann man sie doch leise drehen und hört immer
noch was. Wir haben bei unserem Album versucht die Tie¬
fe der Musik zu bewahren, und die lauten Parts laut und die
leisen leise zu lassen - physisch. Wenn du diese Stellen ge¬
nau hören willst, musst du die Lautstärke hochdrehen. Auf
diese Weise kann man das Album nicht ignorieren - zumin¬
dest hoffen wir das. Du kannst die Platte nicht nebenher hö-
OX-EANZINE 34
65DAYSOFSTATIC/LAST DAYS OF APRIL
ren, du musst dich auf sie konzentrieren.
Paul: Das ist natürlich auch ein gewisses Risiko für uns,
denn im iPod oder so ist es schon eine Herausforderung,
das Album zu hören. Wir hoffen, dass es genug Leute gibt,
die Musik mit der nötigen Aufmerksamkeit hören wollen.
Damit wollen wir aber niemandem zu nahe treten, nie¬
manden herausfordern, der andere Hörgewohnheiten hat,
sondern einfach nur den Leuten, die uns Aufmerksamkeit
schenken, ein Maximum an interessanter Musik bieten.
Und wir wissen ja auch, dass wir nicht die KILLERS oder
die FOO FIGHTERS sind, die beide wirklich sehr gute Pop¬
musik machen und die wir auch durchaus schätzen, aber
selbst niemals machen könnten. In gewisser Weise versu¬
chen wir ja auch, Popmusik zu machen ... Wir versuchen
immer, möglichst auf den Punkt zu kommen und zugäng¬
lich zu sein, 25-minütige Stücke sind nicht unser Ding,
aber ob dieser Ansatz dann nach außen hin immer so rüber¬
kommt, ist eine andere Frage.
Habt ihr so was wie einen Produzenten oder macht ihr
im Studio alles selbst?
Paul: Ich habe noch nie verstanden, warum sich eine Band
jemanden dazuholt, der die Songs zerstückelt und neu zu¬
sammensetzt. Das Songwriting und das Arrangement sind
doch ganz essentiell, und das sollte meiner Meinung nach
die Band selbst machen. Wir betrachten das Aufnehmen
deshalb wie Alfred Hitchcock das Filmemachen: Der hat
auch keinem Studio erlaubt, an seinen Filmen etwas zu än¬
dern.
Joe: Ich las kürzlich ein Interview mit Steve Albini, der sag¬
te, er beanspruche keine Produzenten-Credits, weil er sei¬
nen Job darin sehe, dafür zu sorgen, dass die Band sich im
Studio wohl fühlt, dass die Instrumente funktionieren, und
nicht darin, die Band zu beeinflussen. Ich finde, das Auf¬
nehmen ist für eine Band ein genauso wichtiger Faktor wie
die Konzerte und das Songwriting, und da sollte sich nie¬
mand reinreden lassen. Was nicht heißen soll, dass wir nicht
auf das hören, was uns ein Studiotechniker sagt. Und das
war diesmal auch wichtig, denn im Gegensatz zu den ers¬
ten beiden Alben, die quasi live im Studio eingespielt wur¬
den, nahmen wir diesmal Stück für Stück auf. Das Resultat
ist ein anders klingendes Album, und wir sind jetzt auf die
Reaktionen der Leute gespannt, die uns auch vorher schon
kannten.
Ihr wart und seid auf Monotreme, und irgendwie passt
ihr perfekt zusammen, vom Sound und der Idee her.
Joe: Kim, die Betreiberin von Monotreme, und wir sind uns
durchaus ähnlich. Nicht unbedingt immer, was den Musik¬
geschmack anbelangt, aber auf jeden Fall darin, wie Musik
gemacht sein sollte, was ihren „Spirit“ anbelangt. Und in¬
sofern ist es eine sehr logische Entscheidung für uns, auf
Monotreme zu sein. Außerdem haben wir einfach Glück ge¬
habt, denn ich wüsste nicht, wer sonst unsere Platten hät¬
te veröffentlichen sollen. Kim ist mit uns ja auch ein gro¬
ßes Risiko eingegangen, und wir arbeiten sehr gut imd
gern mit ihr zusammen. Das „Big Business“ interessiert uns
nicht, wo gesichtslose Firmen Druck auf ihre Bands aus¬
üben. Und es würde eine Menge brauchen, uns von Kim
wegzubringen.
Paul: Was unsere Einflüsse betrifft, so muss ich auf jeden
Fall AT THE DRIVE-IN nennen, einfach was ihre Attitüde
anbelangt. Und wir schätzen allen Bands auf Monotreme,
denn mit denen teilen wir eben jene Attitüde. Und reich
wird sicher keine von den Bands, alle müssen irgendwel¬
che Jobs machen, um zu überleben, es ist eben nur ein klei¬
nes Label.
Joe: Es ist nicht einfach, ein Label zu finden, dessen oberste
Priorität die Musik ist, und die Freude daran, der Wille diese
Musik bekannt zu machen — und nicht das Geld. Deshalb ist
Monotreme so angenehm: Es wird von dir als Band erwar¬
tet, dass du gut bist, und nicht, dass du viel Geld einbringst.
Und diese Erwartung können wir, denke ich, befriedigen.
Was jedoch das mit dem Geldverdienen anbelangt: Keine
Ahnung, wie das gehen soll, haha.
Was macht ihr denn, um über die Runden zu kommen?
Joe: Wir machen die Band jetzt seit fünf, sechs Jahren und
haben es aufgegeben, einen „normalen“ Job oder eine Kar¬
riere zu haben. Du brauchst eben einen Job, bei dem du
kurzfristig loskommst, um wieder auf Tour gehen zu kön¬
nen.
Paul: Postamt, Coffeshop, Geschenkeladen, Industriereini¬
gung — solche Crap-Jobs haben wir gemacht, und wir sind
in einer glücklichen Position, das letzte Jahr allein mit der
Band überlebt zu haben. Ich glaube, es gibt Leute, die wä¬
ren bereit dafür zu töten - und viele andere, die in großen
Bands spielen, kapieren gar nicht, in was für einer glückli¬
chen Lage sie sind. Deshalb nehmen wir unsere Verantwor¬
tung sehr ernst. Und so leben wir sehr genügsam vor uns
hin, sind ärmer als je zuvor, aber glücklich. Die Belohnung
dafür ist, dass wir jeden Tag aufstehen und für etwas arbei¬
ten, was uns wirklich etwas bedeutet: unsere Band. Dafür
bist du auch bereit, tausendmal so hart zu arbeiten wie für
einen Job, den du jeden Morgen aufs Neue hasst, bei dem
du aber viel, viel mehr Geld verdienst. Und ich denke auch,
all die Dekadenz und all der Wohlstand, den viele Bands ge¬
nießen, das braucht man nicht. Man kann mit weit weniger
viel glücklicher sein und viel positiver arbeiten.
Mit der Musik, die ihr macht, bewegt ihr euch derzeit in¬
mitten einer recht aktiven Szene: ENVY, MOGWAI, EX-
PLOSIONS IN THE SKY, ISIS, JESU und so weiter erfreu¬
en sich großer Beliebtheit.
Paul: Ich bin auch echt gespannt, wie sich das weiter ent¬
wickelt. Wir werden ja immer wieder mit MOGWAI und
APHEXTWINS verghchen, wir haben uns da schon dran ge¬
wöhnt, aber diese beiden Bands haben das schon vor zehn
Jahren gemacht, und in diesem Genre ist offensichtlich so
wenig passiert, dass sie immer noch die führenden Bands
sind. Es ist gut zu sehen, dass da jetzt eine Menge Bands
nachkommen, aber ich finde auch, dass viele, die jetzt Auf¬
merksamkeit bekommen, die musikalische Entwicklung
nicht unbedingt vorangebracht haben. Ich denke, es wäre
einfach, sich in dieser Nische niederzulassen, immer wei¬
ter Platten in diesem Stil zu machen, vor immer den glei¬
chen Leuten zu spielen, aber das interessiert uns nicht. Ich
bin nicht so naiv zu sagen, dass wir völlig losgelöst von all
dem existieren, aber wir haben auch das Bedürfnis, uns aus
diesem Genre hinauszubewegen und Neues zu entdecken.
Wenn man die Aufmerksamkeit der Leute will, muss man
sich auch bemühen, sie mit etwas zu konfrontieren, das
sie noch nie vorher gehört haben. Sonst enden wir alle mit
Bands, die LED ZEPPELIN oder die BEATLES oder MOGWAI
aufbereiten. Denn es gibt einen Grund, warum diese Bands
so bekannt sind: Sie haben das, was sie machen, einst als
Erste gemacht - und es war aufregend.
Ihr arbeitet auch mit einer Visual Art-Künstlergruppe
namens Medio zusammen.
Joe: Die kommen auch aus Sheffield und Paul kennt die
von der Uni. Wir fingen zur gleichen Zeit an wie die, wir
arbeiten beide ähnlich D.I.Y., und so arbeiten wir immer
wieder mal zusammen. Sie machen für uns Videos, und sie
kümmern sich jetzt auch um die Effekte bei unseren Live-
Shows, und wann immer es möglich ist, integrieren wir
das. Wir haben letztes Jahr eine ganze UK-Tour mit ihnen
gemacht, und das war wirklich beeindruckend. Die arbei¬
ten gerade an einem DJ-Set zu ihrer Show, und das passt
wiederum zu unserer Entwicklung, mehr und mehr mit
Elektronica zu arbeiten.
Joachim Hiller
65daysofstatic.com
Aber was heißt hier überhaupt Band? Es hat sich eine Men¬
ge getan in der albumfreien Zeit. Karl Larsson ist nun das
letzte verbliebene Gründungsmitglied, nachdem sich Dani¬
el Svenfors am Bass und LarsTaberman an der Gitarre schon
in den frühen Jahren verabschiedet hatten. Nun hat es auch
Schlagzeuger Andreas Förnell erwischt, der immerhin fast
ein Jahrzehnt mit dabei war. Das Leben hat ihn eingeholt, er
wollte und musste nun andere Prioritäten setzen. Dennoch:
Musiker kann man ersetzen, in anderen Bereichen sieht die
Sache unter Umständen schwieriger aus.
Karl erklärt: „Andreas hat immer für Updates auf der Band-
Homepage gesorgt, und seit er nicht mehr dabei ist, tut
sich dort nichts mehr. Ich kann mit Computern kaum um¬
gehen, also kann ich es nicht machen. Dafür habe ich die
MySpace-Seite übernommen, die ein Fan eröffnet hat, und
sie zu meiner Homepage umfunktioniert.“ Hier wie dort
liegt nun die Verantwortung allein in den Händen Karl Lars-
sons. Eigentlich keine große Sache: Er war schon immer die
IMMER NOCH AM LEBEN
LAST DAYS OF APRIL
Karl Larsson ist unbestritten ein großer Songschreiber. Ob als Solokünstler oder als Kopf der Band LAST
DAYS OF APRIL, er schafft es immer, einem gleichzeitig Tränen in die Augen und ein Lächeln ins Gesicht
zu zaubern. „Happy sadness“ hat er das einmal selbst genannt. Lange war es still um den schmächtigen
Schweden, sein letztes Lebenszeichen stammt aus dem Jahr 2005, und bezeichnenderweise handelte
es sich dabei um sein Soloalbum. Das letzte Album seiner Band („If You Lose It“) ist sogar noch ein Jahr
älter. Sogar die eigene Homepage war verwaist. „Might As Well Live“, das neue Album, kommt daher in
diesem Jahr etwas überraschend. Es ist anders als die anderen, trotzdem irgendwie vertraut, und auf je¬
den Fall zeigt es die Band in Hochform.
treibende Kraft hinter der Band und hat sich noch nie groß
ins Songwriting quatschen lassen. Insofern hat es seinerzeit
ziemlich überrascht, dass mit „Pale As Milk“ ein Soloalbum
veröffentlich wurde. In beiden Fällen hat Karl sowohl alle
Songs geschrieben als auch fast alle Instrumente selbst ge¬
spielt, zudem war die Ähnlichkeit zwischen den Songs be¬
merkenswert. Warum also die formale Trennung zwischen
Band und Soloprojekt? „Ich habe die Tour zu .IfYou Lose It‘
mit Schlagzeuger Carl Wikman gespielt“, erzählt Karl, „da¬
nach wollte ich unbedingt weiter mit ihm Zusammenar¬
beiten. Also haben wir uns für zusammengetan und in drei
Wochen ein Album geschrieben und aufgenommen. Dann
haben wir Bad Taste gefragt, ob sie das nicht auch veröffent¬
lichen wollten. Viele dieser Songs funktionieren live auch
sehr gut, deshalb spielen wir sie jetzt auch mit LDOA.“
Eben jener Carl Wikman aber ist nun nach dem Ausstieg
von Andreas Förnell auch neues festes Bandmitglied neben
Kristian Karlsson (ESKJU DIVINE). Auf dem Album selbst
tauchen allerdings ganz andere, bekanntere Namen auf:
Fredrik Granberg und Mathias Olden nämlich, eigentlich in
Diensten von RANDY und LOGH. „Während Andreas noch
gezögert hat, hat mein Produzent Pelle Gunnerfeldt, ex-FI-
RESIDE, Fredrik vorgeschlagen. Er meinte, er wäre für die
Songs geeignet, und das war er auch. Mathias Olden hat
schon auf ,IfYou Lose It‘ Bass gespielt, deshalb sollte er es
auch diesmal wieder tun.“ Beide sind natürlich in ihren je¬
weiligen Bands eingespannt, weshalb ein langfristiges En¬
gagement ausgeschlossen ist. Aber erstaunlich ist es schon,
dass bei vielen Produktionen aus Schweden immer wieder
dieselben Namen auftauchen, vor allem eben diverse Mit¬
glieder von LOGH und Schwedens Starproduzent Gunner¬
feldt. Beim Blick in diverse Booklets könnte man beinahe
den Eindruck gewinnen, alle schwedischen Musiker wür¬
den einander kennen. „Nein, nicht wirklich“, lacht Karl
Larsson, „viele Bands nehmen aber bei Pelle auf, und das
schweißt uns zusammen.“
Die Formalitäten wären geklärt, die Band steht, Zeit also für
Karl Larsson, sich um das Wesentliche zu kümmern: die Mu¬
sik. Im Besten Sinne zwiespältig ist der Eindruck zum neu¬
en Album. „Ich habe gerade ein Interview mit jemandem
gemacht, der meinte, .Might As Well Live* klänge genau wie
das Album davor. Mir schien es, als hätte er gar nicht richtig
hingehört“, beklagt sich Karl Larsson. Wie aber beschreibt
man den Unterschied? Es sind die gewohnt eindrücklichen
Popsongs, getragen von der zerbrechlichen Stimme des
Mittzwanzigers. Im Vergleich zum äußerst reduzierten und
zurückhaltenden Vorgänger wird wieder Gas gegeben, ganz
so opulent und überfrachtet wie zu Beginn der Bandkar¬
riere wiederum ist es auch nicht geworden. Vielmehr lär¬
men LAST DAYS OF APRIL, was die Dreierbesetzung her¬
gibt. In dieser Form soll dann endlich auch der Sprung über
den großen Teich gelingen. Die Alben waren bisher auch in
den USA erhältlich, die Band selbst hat es ihnen noch nicht
gleichtun können. „Das ist leider wahr“, gibt Karl zu, „aber
diesmal müssen wir einfach hin. Wir wollen es einfach und
haben uns schon seelisch darauf eingestellt. Wir bekommen
so viel Feedback aus den Staaten, dass es einfach an der Zeit
ist, dort zu touren.“
Alles in allem sind LDOA doch ziemlich lebendig, auch
wenn es zwischendurch nicht wirklich so aussah. So ist üb¬
rigens auch der Albumtitel zu verstehen: „Might As Well
Live* - es soll heißen, dass die Band ziemlich lebendig ist,
obwohl ich das einzige verbliebene Gründungsmitglied
bin.“
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ihr denkt Hardcore muss immer
hart sein? Nein. Jedenfalls be¬
lehren euch IT PREVALS eines
besseren, denn ihr unglaublich
melodischer und frischer Sound
voller Passion, haut mindestens
so rein wie das gewohnte Ge-
schrammel und macht dabei
vielleicht noch viel mehr Spaß.
Unglaubliche Gitarrenarbeit und
Gefühl für Stimme und Text ist
nur eine positive Nebenerschei¬
nung, denn THE INSPIRATION
kann und gibt viel mehr. Für
Fans von COMEBACK KID, SHAI
HULUD und HATEBREED.
NEW ATLANTIC
The Streets, The Sounds &
The Love CD
(Eyeball Records)
Nach THURSDAY oder auch
MY CHEMICAL ROMANCE
haben Eyeball Records neue
Schützlinge am Start. NEW
ATLANTIC, fünf Jungs aus New
Jersey, hauen einen verträum¬
ten Mix aus Emorock und
Indiepop unters Volk, der in
eine dicke und zugleich unauf¬
dringliche Produktion gehüllt
wird. Frontmann Giovanni
Gianni's voluminöse und zärtli¬
che Stimme sorgt zusätzlich
für eine gewisse Melancholie.
Ausgezeichnete Qualität zwi¬
schen Pianoklängen und pop¬
pigen Punkklängen. Die
Mischung machts.
HELL 1$ FOR HEROES
Hell fs For Heroes CD
(Golf Records)
Nach 2 Jahren Pause, sind
HELL IS FOR HEROES zurück.
Im Gepäck eine Scheibe, die
nicht nur mitreißenden Rock
aus den Boxen dröhnen lässt,
sondern durch einzigartige,
groovige Sounds und großarti¬
gen Melodien besticht, die
man lange nicht aus dem Kopf
kriegen wird. Ihr nun drittes,
gleichnamiges Album HELL IS
FOR HEROES bricht Wände
aus Stahl, und tut zugleich
gut. Unverkennbare Mixtur,
nicht nur für Helden.
PARKWAY DRIVE
Kitfing Wlth A Smile CD
(Golf Records)
Die Australier von PARKWAY
DRIVE haben mit ihrem Debüt
die Känguru-Szene derart auf¬
gemischt, dass bereits lautstark
nach diesem Re-Issue verlangt
wird.KILLING WITH A SMILE
war das meistverkaufte HC-
Album in Australien und debü¬
tierte auf dem zweiten Platz in
den australischen Independent
Charts, was der Band Touren
mit ALEXISONFIRE, BLEEDING
THROUGH und anderen
namenhaften Bands einbrachte.
HELL IS FOR HEROES
auf Tour:
16.05. CH - Neuchatel Festival
17.05. Münster, Backstage
18.05. A-Innsbruck,
Weekender Club
19.05. A-Wien, Szene
22.05. CH-Basel,
Sommercasino
PARKWAY DRIVE auf Tour:
16.06. Trier, Fest Summer Blast
17.06. Chemnitz, AJZ
19.06. Berlin, S036
20.06. Schweinfurt, Alter
Stattbahnhof
23.06. Herne, Pressure Fest
30.06. Münster, Vainstream
Fest
KONSTANTE VERÄNDERUNG IM HOHEN NORDEN
I WALK THE LINE
Das kühle Klima hoch im Norden des europäischen Kontinentes hat schon so manche musikalische Per¬
le heranreifen lassen. So auch die Band, die sich nach einem, wenn nicht sogar dem Song des Man in
Black, Mr. Johnny Cash, benannt hat: I WALK THE LINE. Und genau, wie es der Name schon andeu¬
tet, gehen die vier Jungs und das Mädel aus Finnland konsequent ihren Weg, unbeirrt von jedwedem
Trend und gängigen Meinungen. So zeichnen sich ihre Songs durch einen ehrlichen, nicht durch tech¬
nische Spielereien überfrachteten Klang aus und sind stets von einer melancholischen Grundstimmung
geprägt. Dazu Texte aus der Mitte des Lebens und vor allem eine mitreißende Bühnenpräsenz. Mit ihrem
aktuellen Longplayer „Desolation Street“ und der nachfolgenden Singleauskopplung „Diamond Eyes“
hat die Band im letzten Jahr ihre bislang besten Songs veröffentlicht und nach unzähligen Konzerten, vor
allem auf dem europäischen Kontinent sicher den einen oder anderen neuen Fan hinzugewonnen. Die
Band, bestehend aus Anna (Orgel), Antti (Gitarre), Jussi (Drums), Jani (Gitarre) und Ville (Bass, Vocals),
ist also reif für den nächsten Schlag. Und wer sich für Punkrock jenseits ausgetretener Pfade interes¬
siert, sollte sich der Finnen ruhig mal annehmen. Meine Fragen beantwortete Ville, der mehrheitlich für
die Texte der Band verantwortlich zeichnet.
Was gibt’s Neues im Hause I WALK THE LINE, was er¬
wartet ihr vom Jahr 2007?
Das Jahr 2007 wird für uns als Band sehr aufregend. Ge¬
rade haben wir bei Gearhead Records in den Vereinig¬
ten Staaten unterzeichnet und sie werden dafür sorgen,
dass unser Album „Desolation Street“ auch außerhalb von
Finnland gut und zu vernünftigen Preisen erhältlich sein
wird. Das bedeutet für uns natürlich eine Menge „Tour¬
stress“. Gerade sind wir von unserer ersten Tour in Japan
zurück und es war wirklich interessant und inspirierend
dort zu spielen. Es war für uns als Band das erste Mal und
großartig zu sehen, dass die Shows sehr gut besucht wa¬
ren, die Menge unsere Songs kannte und umwerfend mit¬
gesungen hat. Auch war es toll die japanische Kultur/Sze¬
ne kennen zu lernen, unterscheidet sie sich doch enorm
von der europäischen Kultur. Wir spielen dieses Jahr nur
ein paar wenige Shows in unserer Heimat, weil wir so in¬
tensiv außerhalb Finnlands unterwegs sind. Im Sommer
werden wir dann etliche Festivalauftritte in Finnland ha¬
ben. In der zweiten Jahreshälfte steht eine Clubtour in
Finnland an und wieder mal wird uns der europäische
Kontinent gut beschäftigen. Zum Ende des Jahres werden
wir dann mit den Aufnahmen zum neuen Album begin¬
nen ... Ich kann also nur sagen, dass dieses Jahr eine gan¬
ze Menge ansteht und wir sehr gespannt sind auf die Län¬
der, in denen wir bisher noch nicht gespielt haben, und
wir uns natürlich auf viele bezaubernde Auftritte freuen!
Ihr bevorzugt analoges Equipment für eure Aufnah¬
men, um einen authentischen Sound zu kreieren. Wie
seht ihr die Zukunft der analogen Technik im Zuge der
enormen Geschwindigkeit, mit der sich die digitalen
Aufnahmetechniken entwickeln und die vieles einfa¬
cher erscheinen lassen?
Wir haben unsere Songs, als auch die Sachen mit unse¬
ren anderen Bands, stets mit analogem Equipment aufge¬
nommen. Wir lieben einfach den Sound von alten Röh¬
renverstärkern und Aufnahmegeräten. Die Verstärker und
Mikrofone, die wir für das „Desolation Street“-Album be¬
nutzt haben, sind überwiegend aus den 1970/80er Jahren,
das Älteste war sogar von 1950 und aus Pappe hergestellt!
Es ist jedenfalls schwieriger und langwieriger, auf diese
Art und Weise aufzunehmen, gibt aber dem Sound mehr
Seele und Herz und es ist vor allem ehrlicher, weil es da¬
durch keine Overdubs gibt. Zum Beispiel ist das Schlag¬
zeug, das auf dem Album zu hören ist, genauso einge¬
spielt und die fehlenden Schläge nicht mit Pro-Tools kor¬
rigiert, wie es normalerweise von den meisten Bands ge¬
macht wird. Wir lieben es live zu spielen und ich denke,
dass du durch analoges Equipment das Live-Gefühl auch
eher auf Tonträgern konservieren kannst. Es gibt ein Pro¬
blem mit digitaler Aufnahmetechnik, und zwar, dass es
dadurch sehr nüchtern und auf gewisse Weise zu perfekt
klingt. Das Leben ist aber nicht perfekt und smooth und
wir wollen, dass unser Sound auch unser Leben reflek¬
tiert, welches voller Risse und Fehlentscheidungen ist.
Welche Rolle spielt für euch das Thema Vinyl?
Ich muss anmerken, dass ich auch einige Sachen aus dem
Netz herunterlade, es ist aber einfacher dort neue Bands
zu entdecken und an schwer erhältlichen Stoff zu kom¬
men. Ich persönlich bevorzuge aber Vinyl, und wenn ich
Musik kaufe, dann ist es auch Vinyl. Wir haben von unse¬
ren Aufnahmen stets auch Vinylversionen veröffentlicht.
Aus finanzieller Sicht ist es heutzutage natürlich eine
„dumme Idee“, aber es ist einfach so cool und wir bevor¬
zugen auch ein gut aussehendes Artwork und in diesem
Falle eignet sich Vinyl einfach wesentlich besser als CDs.
Welche finnischen Bands liegen euch im Moment am
Herzen und verdienen Erwähnung? Welcher Sound ist,
fernab vom belanglosen Emo- und Metalcore-Einerlei,
momentan angesagt im hohen Norden?
Finnland ist voll von guten Bands im Moment, und Punk-
Konzerte sind wirklich sehr angesagt. Eine meiner aktu¬
ellen Lieblings-Punkbands sind THE HEARTBURNS, wel¬
che schmierigen Punkrock Marke DEAD BOYS und THE
GERMS spielen. Auch sehr gut ist eine neue Hardcore-
Band namens LIGHTHOUSE PROJECT, die innovativen
Oldschool-Hardcore spielen. Dann gibt es mit SWEAT¬
MASTER eine großartige Garagepunk-Band, mit der wir
gerade aufgetreten sind, und ich kann es kaum erwarten,
ihr neues Album in den Händen zu halten. Die meisten
Leute denken, dass aus Finnland immer nur diese unsäg¬
lichen Metal-Bands kommen, wir haben hier aber eine
ganze Menge an unterschiedlichsten Bands aus dem Al¬
ternative-Bereich. Das Gute ist vor allem die große Viel¬
fältigkeit der Szene. Da gibt es Ska, Punkrock, Indierock,
Emo-Punk sowie Old- und Newschool-Hardcore-Bands
und das Geniale an der relativ kleinen Szene hier in Finn¬
land ist, dass du möglicherweise all diese verschiedenen
Bands auf ein und demselben Konzert erleben kannst.
Was sind eure größten aktuellen Einflüsse oder ver¬
sucht ihr das bewusste „Importieren“ gewisser Stile¬
lemente zu vermeiden?
Meiner Meinung nach hat Punkrock schon immer bedeu¬
tet, seinen eigenen Weg zu gehen, sein eigenes Ding zu
machen und sich nicht anderen anzubiedern oder die¬
se gar zu kopieren. Ich muss dazu sagen, dass es sich für
uns wie das freiwillige Einsperren in einem Käfig an¬
fühlen würde, wenn wir immer und immer wieder aufs
Neue das gleiche Lied spielen würden. Natürlich nehmen
wir eine ganze Menge von Einflüssen durch andere Bands
in unserem Sound auf, aber die Auswahl ist dabei schi¬
er unerschöpflich. Ich werde von allem beeinflusst, was
ich höre, von 1950er Jahre-Rock’n’Roll zu Soul, dunk¬
lem Pop über Punk/Hardcore, was auch immer, aber wir
saugen einfach alles auf, so dass unser Sound letztend¬
lich weder nach der einen noch der anderen bestimm¬
ten Band klingt. Ich denke, es geschieht heutzutage ein¬
fach sehr oft, dass Bands auf Nummer sicher gehen und
das Risiko scheuen, nur um keine Fans oder etwa ihre
Integrität zu verlieren. Ich mache mir keine großen Ge¬
danken darüber, was bestimmte Leuten denken und sa¬
gen. Es sollten doch Überraschungsmomente und vor al¬
lem eine gewisse Spannung auf jedem Tonträger gebo¬
ten werden. Das Leben ist voller Veränderungen, Men¬
schen ändern sich und wir wollen mit unserer Musik die¬
se Veränderungen so gut wie eben möglich reflektieren.
Ich will einfach die Musik spielen, die mir den nötigen
Kick gibt, und ich hoffe, irgendjemand da draußen kann
dies ebenso nachvollziehen.
Gibt es einen bandbezogenen Traum, außer natürlich
der von finanzieller und kreativer Unabhängigkeit?
Alle Länder zu sehen, in denen wir bisher noch nicht wa¬
ren! Das Touren ist großartig, vor allem wenn du neue
Orte sehen und coole neue Menschen, überall auf der
Welt kennen lernen kannst. Selbst wenn du nicht die
gleiche Sprache sprichst, gibt es immer Gemeinsamkei¬
ten und wir finden immer einen Weg miteinander klar¬
zukommen.
Der Alltag ist oft nicht leicht und vor allem weit weni¬
ger glorreich, als in der Szene dargestellt. Welche Bot¬
schaft liegt euch diesbezüglich am Herzen und welche
Motivation zieht ihr aus eurer Musik?
Das „normale“ Leben ist gewöhnlich weit, weit weg
vom Glamour. Zum Beispiel bist du auf Tour des* Öfteren
schlapp, deprimiert und todmüde, aber die eine Stunde,
in der du stets einhundert Prozent gibst, ist das alles wert.
Vor allem, wenn das Publikum voll mit dabei ist und dir
einiges an positiven Reaktionen zurückgibt, vergisst du
alles andere! In unseren Texten setzen wir uns mit einer
Menge von Tiefpunkten des Lebens und der Welt im All¬
gemeinen auseinander. Es sind manchmal sehr deprimie¬
rende Themen, aber sie sind nur die Reflektion der Um¬
stände, die herrschten, als ich die Texte niederschrieb.
Selbst wenn es wirklich finster ausschaut, gibt es im¬
mer irgendwo ein kleines Licht, das leuchtet, du musst
es nur finden! Durch harte Zeiten zu gehen, gibt dir neue
Perspektiven vom Leben. Du lernst, welche Dinge du zu
schätzen hast, und auf Dinge, die dir scheinbar fehlen, zu
verzichten. Ich schätze sehr, dass ich in dieser Band sein,
Musik spielen und mich ausdrücken kann! Es gibt mir
schier endlose Energie und Kraft weiterzumachen.
Lars Weigelt
iwalktheline.org
OX-FANZINE 37
BLACK PUNK, DAS BASKENLAND, FLORIDA UND CHICAGO
THE JAI-ALAI SAVANT
Schon Ende 2005 erschien auf Gold Standard Laboratories die „Thunderstatement“-EP von THE JAI
ALAI SAVANT („Hailai-Savant“ ausgesprochen) aus Chicago, die jüngst, nachdem sie für Europa von
City Slang gesignt wurden, ihr Album „Flight Of The Bass Delegate“ veröffentlichten. Der Debüt-Long-
player der Band um Ex-FRANKLIN-Frontmann Ralph Darden baut aus, was JAS auf den paar EP-Songs
bereits erstaunlich facettenreich als nicht unbedingt neuen, aber sehr frisch dargebotenen Sound etab¬
liert haben: Post-Punk, Indierock, Electronica, Dub und Pop in überzeugender Kombination und beste¬
chender Produktion. Und wer weiß, vielleicht wird eines Tages auch was aus Ralphs perfektem Tourpa¬
ket: THE ETERNALS, THE WATCHERS, DEFACTO und THE JAI-ALAI SAVANT ... Ich traf Ralph in Köln.
Hallo Ralph.
Guten Tag, wie geht es dir?
Gut - du sprichst deutsch?
Na ja, nicht fließend, aber ich gebe mir Mühe. Es reicht, um
sich durchzuschlagen. Ich bin jetzt das dritte Mal in Europa,
aber ich weiß noch, wie unsicher ich beim ersten Mal war,
nicht wusste, was mich erwartet. Aber ich mag die Idee, ir¬
gendwo hinzukommen und völlig fremd zu sein. Dabei fin¬
de ich es aber auch okay, wenn das unter „kontrollierten Be¬
dingungen“ geschieht.
Gab es schon mal einen Ort, wo du dich nicht wohl ge¬
fühlt hast, auch wegen deiner Hautfarbe?
In den USA bislang erst einmal. Ich fühlte mich da nicht
wirklich bedroht, aber doch sehr unwohl. Es war auf Tour
und wir waren in Jackson, Minnesota gestrandet, einem
kleinen Städtchen im Mittleren Westen, ein Ort wie aus „Te¬
xas Chainsaw Massacre“ oder so, haha. Wir gingen da in
eine Bar, alle starrten uns an, es war eine sehr ungemütli¬
che Situation, und eine ältere Frau kam auch mich zu und
fragte mich, was ich hier wolle. Meine erste Reaktion war
natürlich, wütend und schnippisch darauf zu antworten ä
la „That’s none of your fucking business!“, doch stattdes-
sen antwortete ich ganz freundlich, ich hätte vor, mich hier
niederzulassen. Darauf sie: Und was willst du hier machen?
Und ich: Mal sehen, einen Job suchen, eine Freundin fin¬
den, heiraten ... Sie: Hier gibt es keine Jobs. Ich: Keine Sor¬
ge, ich finde einen. Zu dem Zeitpunkt war mir klar, dass
wir uns besser vom Acker machen sollten, dass die Situation
womöglich bald nicht mehr so lustig ist.
Just heute morgen wurde im Radio berichtet, dass THE
POLICE anlässlich ihrer Reunion eine Welttournee pla¬
nen. Wirst du auf ein Konzert gehen?
Hahaha, was willst du damit andeuten? Dass THE POLICE
sich offensichtlich von uns haben beeinflussen lassen? Ha-
hahaha. Damals war ich gerade mal vier Jahre halt ... Tja,
was soll ich dazu sagen? Wir sind uns sicher in vielerlei
Hinsicht ähnlich, wobei wir aber nicht mal so besonders
nach denen klingen. Klar, der Einfluss ist ganz offensicht¬
lich vorhanden, jedoch empfinde ich es als geringschätzig,
wenn jemand sagt, wir würden wie THE POLICE klingen,
denn bei uns passiert noch eine ganze Menge mehr. Vor al¬
lem aber klingt meine Stimme nicht wie die von Sting, wo¬
bei das natürlich schön wäre. Aber es stimmt schon, das ist
eine meiner ewigen Lieblingsbands. Ich selbst spiele ja die
verschiedensten Instrumente, und Stewart Copeland ist für
mich einer der besten Drummer überhaupt. Diese seltsame
Mischung aus Rock und Reggae finde ich faszinierend, die¬
se Herkunft aus dem Punk und NewWave.THE POLICE sind
für mich die Verkörperung dieser Phase in der Musikge¬
schichte Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, diese Ver¬
bindung von Punkrock, Disco, Reggae, HipHop. All diese
Musikstile waren damals noch frisch und neu, es war alles
noch nicht so festgefahren, die Stile waren miteinander ver¬
zahnt, es war eine erstaunliche Zeit. Ich bin Jahrgang 1973,
ich war noch ein Kind, als das alles geschah, aber ich hör¬
te die Lieder im Radio und halte diese Ära rückblickend für
die für mich als Künstler und Musiker prägendste.
Nervt es nicht, wenn man sich den POLICE-Vergleich
ständig anhören muss?
Manchmal schon, denn wir haben ja noch zig andere Ein¬
flüsse, die niemandem aufzufallen scheinen. Was ist denn
etwa mit THE CLASH? Wir haben ja auch all diese Dub-Ein-
flüsse, wir haben elektronische Einflüsse, und darin ähneln
wir THE CLASH, die stilistisch völlig offen waren, einfach
nur „rebel music“ spielen wollten. Erst neulich sah ich noch
eine Doku über THE CLASH, in der Joe Strummer über die
Verbindung von Reggae und Punk sprach, wie sie als Band
immer versuchten, die verschiedensten Stile und Trends
aufzugreifen. Diese Attitüde hat mich stark beeinflusst, und
so versuche ich heutzutage eine moderne Version davon zu
schaffen. Es ist also kein Zufall, dass wir auch mit Rappern,
DJs und so weiter Zusammenarbeiten, so wie es kein Zufall
war, dass THE CLASH und die SEX PISTOLS befreundet wa¬
ren, dass Allen Ginsberg und Jack Kerouac Freunde waren.
Nein, das geht alles Hand in Hand, das ist auch keine künst¬
liche, ausgedachte Sache, das passiert einfach. Und so ist
das auch mit unseren Verbindungen zu anderen Bands aus
Chicago, etwa den ETERNALS und den WATCHERS, zu RA-
HIM und all den anderen Bands aus unserem Bekannten¬
kreis. Wir ticken alle irgendwie gleich, haben einen ähnli¬
chen Hintergrund. Das ist aber eine Ausnahme, finde ich,
denn sonst fehlt mir bei vielen heutigen Bands diese Art von
Verbundenheit. Klar, durch das Internet sind alle irgendwie
vernetzt, aber ich sehe keine neue Bewegung, verstehst du?
Denkst du, dass einer von Dub beeinflussten Band ein
schwarzer Frontmann eine gewisse „Authentizität“ ver¬
leiht ...?
Nein, das hat höchstens die Funktion, dass es Vorurteile be¬
stätigt, etwa in der Art, dass ein Reggae-Einfluss allein am
Vorhandensein dieser Person festgemacht wird. Oder es'
führt dazu, dass wir mit TV ON THE RADIO verglichen
wurden, einfach nur wegen der zufälligen Ähnlichkeit in
der Besetzung, verstehst du? Klar, gibt es zwischen unse¬
ren Bands gewisse Parallelen, aber auf ganz anderer Ebe¬
ne. Wenn die Leute mich nicht gesehen hätten, wären sie
nie mit dem Vergleich angekommen, das ist es. Mich wür¬
de echt interessieren, was die Leute über uns schreiben
würden, wenn es keine Band-Bio, keine Pressefotos gäbe.
Würden die dann überhaupt ein Wort über Dub und Reg¬
gae verlieren, würden sie das überhaupt verstehen? Von da¬
her denke ich also, dass meine Hautfarbe schon eine Rolle
spielt, denn es bedient gewisse Vorurteile. Aber das hat dann
eher den Effekt, dass die Leute den Wald vor lauter Bäu¬
men nicht sehen. Wobei in den USA sich ja keiner traut, das
mit dem „black frontman“ zu schreiben, weil das ja schon
als Rassismus gewertet wird, hahaha. Die versuchen das
dann dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass sie uns mit
BLOC PARTY vergleichen, oder dass die Band einen „fun-
ky“ Sound habe. Das geht den ETERNALS übrigens auch so,
denn Dämon, deren Sänger, ist ja auch schwarz. Und shit,
die sind überhaupt nicht funky, das ist nur der verzweifel¬
te Versuch, etwas zu schreiben, das einen Hinweis auf die
schwarze Hautfarbe des Sängers darstellt. Aber ich will auch
nicht bestreiten, dass es ein Element unseres Sounds gibt,
das ein Resultat meiner Hautfarbe ist. Wenn du als schwar¬
zes Kid in einer großen Familie in Philadelphia aufwächst,
dann hast du halt andere Referenzpunkte als ein weißes Kid,
das mit 13 die SEX PISTOLS entdeckt. Ich wuchs mit sehr
viel Jazz auf, und das hat mich geprägt. Aber der Reggae-
Einfluss ist ja viel deutlicher, und wie gesagt, ich bin mir si¬
cher, ohne Kenntnis eines Fotos fiele das Urteil anders aus.
Die BAD BRAINS sind ja auch so ein Fall: Da spielte die
Hautfarbe der Mitglieder immer eine Rolle.
Klar, deren Familien kamen aus Jamaika. Und sie sind eine
der großartigsten Bands aller Zeiten. Übrigens wurden auch
wir schon mal mit denen verglichen, und das ist totaler
Blödsinn. Nicht mal unsere Reggae-Sachen lassen sich ver¬
gleichen: Die Reggae-Songs der BAD BRAINS waren ganz
klassischer Reggae, genau wie die Hardcore-Songs ganz
straighter Hardcore waren. Beides trifft auf uns nicht dazu.
Und ihr seid auch nicht homophob...
OX-FANZINE 38
THE JAI-ALAI SAVANT/CREEPSHOW
Haha, richtig. Übrigens: Hast du schon mitbekommen, dass
H.R. sein Coming-Out hatte, dass der schwul ist? Aber das
ist ja eine Geschichte wie aus dem Lehrbuch.
Um auf das Thema mit der Hautfarbe zurückzukommen:
So was ist eigentlich immer erst ein Thema, wenn man
sich so einer Tatsache bewusst ist. Mir fiel das, ehrlich ge¬
sagt, erst heute morgen auf, als ich zu deiner Band etwas
recherchierte und dann erstmals ein Foto von euch sah.
Und jetzt frage ich mich natürlich, ob meine Rezensio¬
nen von Album und EP anders ausgefallen wären, wenn
ich das gewusst hätte.
Das ist echt eine interessante Frage. Ich hatte da so ein Erleb¬
nis mit TV ONTHE RADIO. Als ich das erste Mal was von de¬
nen hörte, fragte ich mich, ob das wohl Schwarze sind. Ich
kannte die bis dahin überhaupt nicht, hatte sie nie live ge¬
sehen. Ich kam nur auf die, weil die CD gerade im Platten¬
laden eines Freundes lief. Ich kaufte die, hörte sie mir zu
Hause an, und dann machte ich den offensichtlichen Ver¬
gleich: Der Sänger klingt wie Peter Gabriel. Aber irgendwie
hatte seine Stimme etwas mehr „Würze“, ich konnte das
nicht genau beschreiben. Und dann sah ich ein Foto der
Band, stellte fest, dass der schwarz ist. Woran ich das ge¬
merkt habe? Ich habe keinen Abschluss in Linguistik, aber
es ist nun mal so, dass Schwarze anders reden als Weiße. Die
Betonung und so, die ist einfach oft anders. Die Leute sind
eben, wie sie sind!
Aber es ist auch schwer, sich selbst so ein Denken einzu¬
gestehen, oder? Ich meine, die Punkszene ist ja generell
sehr offen und politisch korrekt, aber an solchen Punk¬
ten wird es schon mal schwierig.
Genau, alle sind so offen und haben keine Vorurteile, aber
wie kommt es, dass alle Konzertbesucher weiß sind?
Es ist wohl einfach so, dass ein bestimmter gesellschaftli¬
cher Hintergrund immer durchschlägt, man sich von so
einem Einfluss eben nicht frei machen kann.
Exakt, und so was macht einen ja nicht zu einem Rassisten.
Ich meine, ich bin Amerikaner, und dieses Land ist gerade¬
zu besessen vom Thema Rasse. Dieses Land wurde auf Ras¬
sismus aufgebaut, auf Sklavenarbeit und der Vernichtung
der Indianer, und so tragen wir heute die Bürde, von diesem
Thema besessen zu sein. Es ist aber nun mal so, dass Unter¬
schiede zwischen den Menschen existieren und es wichtig
ist, diese Unterschiede anzuerkennen. Der Punkt ist, dass
es immer dann schwierig wird, wenn man sich mit einer
Kunstform beschäftigt, die von Leuten einer bestimmten
Rasse dominiert wird, und diese dann Aussagen über An¬
gehörige einer anderen Rasse machen, die sich ebenfalls in
dieser Kunstform betätigen ... In der New York Times war
neulich ein Artikel, der für mich das Lächerlichste war, was
ich jemals zu diesem Thema gelesen habe. Es ging um Afro-
Punk - kennst du die Doku, die mein Freund James Spoo-
ner gedreht hat, eine Doku über schwarze Punkrocker eben,
in der auch Dämon und ich Vorkommen? Nicht? Jedenfalls
schrieb in der New York Times ein junges Mädchen über
genau dieses Thema, die keinerlei Ahnung davon hat, und
letzüich war der Artikel richtig beleidigend. Die stellte das
als etwas höchst Erstaunliches dar, dass ein paar Schwarze
da aus dem Ghetto gekrochen kamen und es tatsächlich ge¬
schafft hatten, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Die be¬
nutzte da tatsächlich den Begriff „Blipster“ für „Black Hips¬
ter“, und das war das allerletzte. Und aus genau so einem
Hintergrund kommen dann auch Besprechungen zustande,
wo JAI-ALAI SAVANT mit BLOC PARTY verglichen werden
und die ETERNALS mit TV ONTHE RADIO.
Kannst du mir wohl die abgelutschte Frage beantworten,
was es mit eurem Namen auf sich hat?
Jai-Alai ist ein Ballsport, der aus dem Baskenland stammt,
und der Name lässt sich mit „fröhliches Fest“ übersetzen. Es
spielen immer zwei Männer gegeneinander, und sie werfen
einen sehr harten Ball mittels eines an ihrem Arm befestig¬
ten Wurfkorbes an eine Wand, und der Gegner muss versu¬
chen den Ball zu fangen. Der Ball erreicht dabei Geschwin¬
digkeiten von bis zu 300 km/h, und das Ganze ist dem
Squash ähnlich. Es wird heute vor allem in Florida gespielt
und ist sehr beliebt für Sport wetten. Das Spiel kommt, wie
gesagt, aus dem Baskenland, und über Spanien und Kuba
fand es seinen Weg nach Florida. Als ich damals noch bei
meiner alten Band FRANKLIN war, arbeitete ich als Fahr¬
radkurier, und da erzählte mir mal jemand, das sei laut ei¬
nem Zeitungsartikel, den er kürzlich gelesen habe, einer der
gefährlichsten Berufe überhaupt. Ich war natürlich neugie¬
rig, was die anderen gefährlichen Berufe sind, und da stieß
ich neben Tiefseetaucher und Taxifahrer in New York City
auf „Professioneller Jai-Alai-Spieler“, hatte aber keine Ah¬
nung, was das sein sollte. Aber mir gefiel das Wort, ich in¬
formierte mir, und was ich erfuhr, das gefiel mir, das klang
wie eine Sportart direkt aus einem „Mad Max“-Film. Schon
allein der Klang des Wortes Jai-Alai ist wunderbar, ja, es ist
einfacher auszusprechen als zu buchstabieren, und es sieht
komplizierter aus als es ist. Das „Savant“ ist dazu eine gute
Ergänzung, es bezeichnet einen Menschen, der in einem
Bereich ein Meister ist, und jemand, der der beste Jai-Alai-
Spieler ist, ist doch ziemlich cool, oder? Und so schwor ich
mir, dass meine nächste Band so heißen wird - der Meister
des gefährlichsten Sports der Welt.
Hast du Jai-Alai jemals selbst gespielt?
Nein, aber als wir in Florida auf Tour waren, haben wir mal
eine Spielstätte besucht und uns mit Spielern unterhalten.
Aber das selbst spielen? Dazu lebe ich zu gerne, hahaha. Wir
haben da aber ein paar coole Fotos gemacht. Übrigens soll¬
test bei einer der Wiederholungen von „Miami Vice“ mal
auf den Vorspann achten, da sieht man ganz kurz einen Aus¬
schnitt aus einem Jai-Alai-Spiel. Und in einer Folge taucht
auch mal ein Jai-Alai-Spieler auf, der in irgendwelche ille¬
galen Geschäfte verwickelt ist. Und am Ende stirbt der dann
bei einem Spiel — er wird vom Ball getroffen ...
Und was hat es mit dem Mammut auf sich, das man bei¬
spielsweise auf eurem T-Shirt sieht?
Das war die Idee von Dämon von den ETERNALS. Und dar¬
aus entstand die Idee der „Mastodons“, des ersten profes¬
sionellen Jai-Alai-Teams aus Philadelphia. Was natürlich
Blödsinn ist, da Jai-Alai kein Mannschaftssport ist, haha. Die
Shirts, die eben aussehen wie Vereins-T-Shirts, haben wir
dann an unsere Freunde verteilt.
Und dabei seid ihr ja auch noch aus Chicago ... Apropos:
Im Kontext mit JAI-ALAI SAVANT werden auch immer
wieder mal die leider zu Unrecht in Vergessenheit gera¬
tenen ETERNALS-Vorgänger TRENCHMOUTH als Vor¬
bilder genannt.
TRENCHMOUTH, deren Dämon und Wayne ja heute bei
den ETERNALS sind, sind eine meiner absoluten Lieblings¬
bands. Die haben mich so stark beeinflusst wie keine andere
Band, und deshalb covern wir auch einen Song von ihnen.
Ich habe sie das erste Mal mit ungefähr 20 in Philadelphia
in einem kleinen Club live gesehen, und sie waren beein¬
druckend: Exzellente Musiker, die gut aussahen und auch
noch phantastische Lieder schrieben, die einerseits kompli¬
ziert und komplex sind, aber doch auch als Popsongs funk¬
tionieren. Leider blieben sie immer ein gut gehüteter Ge¬
heimtip. Mit den ETERNALS ist das ähnlich, auch sie lei¬
den unter dem „Favorite Band“-Syndrom: Keiner kennt sie,
aber sie sind die Lieblingsband deiner Lieblingsband. Und
so was ärgert mich, denn da ich die persönlich gut ken¬
ne, weiß ich ja, wie hart sie an ihrer Musik arbeiten. Chica¬
go ist aber auch generell eine gute Stadt für Musik, es gibt
viele gute Bands, etwa aus dem Thrill Jockey- und Touch &
Go-Umfeld.
Joachim Hiller thejaialaisavant.com
SELL YOURSOUL
THE CREEPSHOW
Eine sympathische Band, ein großartiges Album. Natürlich war mein Interes¬
se groß, mal in Kanada nachzuhören, was es so mit den Horror-Psychos von
THE CREEPSHOW auf sich hat. Bassist Sickboy konnte uns kurz vor Druck¬
unterlagenschluss seine Statements senden, was die Kürze der Antworten er¬
klärt. Aber keine Angst, auf der kommenden Deutschlandtour wird die Band
sich sicherlich redefreudiger zeigen ...
Kanada, da fallen einem Berge, Schnee und Wälder ein.
Aber bestimmt kein Psychobilly, mal abgesehen von den
feinen GUTTERDEMONS.Wie ist die Szene bei euch?
Die Szene ist sehr klein, aber nimmt gerade rapide zu. Je¬
des Mal, wenn wir durchs Land touren, werden die Shows
größer. Aber es gibt immer noch sehr wenige Bands, nur
eine Handvoll, wie THE GUTTERDEMONS, THE BRAINS,
THE MATADORS, Big John Bates, THE SWITCHBLADE VA¬
LENTINES and THE DEADCATS. Aber auch hier sieht es so
aus, als würden mittlerweile in ganz Kanada täglich welche
dazu kommen. Wenn wir spielen, sind wir glücklicherweise
nicht auf die Psycho-Szene beschränkt. Wir sind mit Punk-,
Ska- und Hardcore-Bands unterwegs, so dass wir auch ver¬
schiedene Leute erreichen.
Als waschechte Psychobilly-Band kann man euch eh
nicht bezeichnen. Ihr agiert viel punkiger als viele Kol¬
legen, integriert dabei aber immer mal wieder einen ge¬
wissen emotionalen NO DOUBT-Touch. Wie würdet ihr
euren Sound beschreiben?
Ich würde uns auch nicht als Psychobilly bezeichnen. Klar
sind die Elemente offensichtlich, aber zum Punk- und
Rockabilly-Einfluss kommen eben noch die Ska-Atmos-
phäre und viele eigene Sound-Ideen. Wir werden eh un¬
gern in ein Genre gedrängt,
wir möchten eher, dass je¬
der unsere Musik genießen
kann und darf.
In Deutschland wart ihr
bereits einmal unterwegs,
völlig ohne Labelunter¬
stützung und ohne wirk¬
lich bekannt gewesen zu
sein. Wie waren eure Er¬
fahrungen?
Die Shows waren unfassbar
gut. Wir wussten nicht, wo¬
rauf wir uns einließen, aber zu unserer Überraschung san¬
gen die Leute bei jeder Show mit. Und unsere erste Show
in Deutschland - im Stereo Total in Heilbronn - war sogar
ausverkauft. Jeder hat uns wirklich super behandelt, daher
können wir es kaum abwarten zurückzukommen.
Ihr habt zwei Mädels in der Band. Macht das einen Un¬
terschied für die Fans, weil sie was „zum Gucken“ ha¬
ben? Gibt es auch die immer wieder gehörten sexisti¬
schen Sprüche?
Die, die es meiner Meinung nach wirklich gut finden, dass
wir zwei Girls in der Band haben, sind die Frauen, die auf
unsere Gigs kommen. Es gibt wenige Frauen in Bands, und
die Konzertbesucherinnen finden es daher immer klasse,
ein Mädchen an Gitarre oder Mikro richtig rocken zu se¬
hen. Was Kommentare angeht, haben wir wenig schlech¬
te Erfahrungen gemacht. Manchmal kommt ein „Zeig uns
deine Titten“, aber Hellcat findet immer die richtigen Worte
dafür, oder unser Keyboarder zeigt eben seine.
Euer Album ist jetzt schon eine ganze Weile erhältlich,
nur eben nicht in Europa. Trotzdem kommt ihr auf eine
zweite Tour. Gibt es keine Pläne, etwas Labelunterstüt¬
zung in Europa zu erhalten? Was passiert nach der Tour?
Wir hofften eigentlich, dass ein Label das Album vor der
Tour veröffentlichen würde, aber wir sind wohl zu spät
dran. Unser kanadisches Label Stereodynamite spricht mit
einigen Labels über eine EU-Veröffentlichung. Ich hoffe, es
passiert bald etwas. Nach der Tour werden wir zurückflie¬
gen und ein paar Shows in der Heimat spielen und direkt an
neuen Songs arbeiten. Vielleicht kommen wir für Festivals
im Sommer nach Deutschland zurück. Im Herbst sind wir
auf Tour in Kanada, wo wir wirklich überall spielen, dann
geht es in die USA, um dort bei der Warped Tour ein paar
Dates mitzuspielen. Im September sind außerdem noch Ja¬
pan und Australien eingeplant.
Bei all dem ist eure eigentliche Sängerin Hellcat nicht
dabei, weil sie eine Schwangerschaftspause einlegt. Ihre
Schwester springt derzeit für sie in der Band ein. Wir
funktioniert das? Kehrt Hellcat überhaupt zurück?
Es klappt super. Wir hatten so ein Glück, dass Hellcat eine
jüngere Schwester hat, die sich genauso anhört und ebenso
hart rockt. Wir könnten nicht glücklicher sein. Hellcat kehrt
aber trotzdem im nächsten Winter zurück auf die Bühne
mit uns.
Trotz erst eines Releases bekommt ihr viel Unterstüt¬
zung in Nordamerika von Endorsement-Partnern, Presse
und Fans. Ist es allein euer guter Sound, oder sind es auch
viel harte Arbeit und gute Kontakte, die so etwas mög¬
lich machen?
Etwas von beidem, wenn ich ehrlich bin. Wir sind eine neue
Band, aber wir haben sehr hart gearbeitet und viele, viele
Shows gespielt und unser eigenes Geld investiert, um nach
Europa oder in die USA zu fliegen und die Band zu pro-
moten. Langsam kommt etwas von dem Geld zurück und
mehr Leute entdecken THE CREEPSHOW Gerade das Inter¬
net hat sehr geholfen, denn kaum hatten wir zwei Songs
online und diese zum Download freigegeben, gab es massig
Feedback und viele Show-Angebote und letztendlich auch
unseren Labeldeal.
ThorstenWilms thecreepshow.ca
OX-FANZINE 39
Die Entwicklung von COMEBACK KID ist bemerkenswert. Innerhalb kürzester Zeit sind die Kanadier von
einer kleinen HC-Combo zum szeneübergreifenden Ding geworden. Die Band ist in aller Munde, das In¬
teresse groß. Die harte Hardcore-Arbeit zahlt sich mittlerweile auch aus für die Band, denn CBK haben
in den letzten Jahren kontinuierlich auf ihren unbestrittenen Status im Bereich HC/Metal hingearbei¬
tet und sind Dreiviertel des Jahres unterwegs. Das hinterlässt neben exklusiven Sponsorverträgen na¬
türlich auch tiefere Spuren, die in diesem Fall zum freundschaftlichen Ausstieg von Sänger Scott Wade
führten. Neue Stimme, neues Glück? Eher nicht, denn seinen Part übernahm Gitarrist Andrew Neufeld,
der sich trotz eigener stimmlicher Interpretation gar nicht so weit weg bewegt vom ursprünglichen CBK-
Sound. Über diese personelle Entscheidung, die Entstehung des neuen Albums „Broadcasting ..." und
die Entwicklung von Hardcore im Allgemeinen sprach ich mit Andrew anlässlich der Record-Release-
Show in Bochum.
Ihr kommt gerade aus England, wo ihr zusammen mit
ALEXIS ON FIRE getourt habt. Warum spielt ihr in
Deutschland mit eher kleineren Bands?
Vor den Auftritten in England spielten wir bereits mit
RISE AND FALL, JUSTICE und FINAL PRAYER und tra¬
fen uns erst im Anschluss mit ALEXIS ON FIRE. War¬
um wir mit diesen Bands spielen? Ganz einfach, wir mö¬
gen sie, egal, wie groß sie sind. Es sind darüber hinaus
Bands, die dasselbe machen wie wir. Bei diesen etwas
kleineren Shows gibt es eben auch keine Absperrungen
vor der Bühne, das macht das Ganze zu einer viel intime¬
ren Angelegenheit. Klar, bei den Shows mit ALEXIS ON
FIRE mussten wir härter arbeiten, da uns viele der Kids
noch gar nicht kannten. Es macht aber auch immer wie¬
der Spaß, Leute von sich zu überzeugen.
Bereits im Winter seid ihr in Europa auf der Persis-
tence Tour zusammen mit SICK OF IT ALL, TERROR
und vielen anderen aufgetreten. Bei der Show in Es¬
sen musste man gute fünfzig Meter an Merchandise
passieren, um in den eigentlichen Showbereich zu ge¬
langen. Ist diese Merchandise-Manie mittlerweile Teil
der HC-Realität?
Ich kann vollkommen nachvollziehen, wenn einen die¬
se Schlangen von Merchandise gleich im Eingangsbereich
nerven! Mich persönlich stört es allerdings nicht beson¬
ders, solange das nicht auf jeder Show so ist. Das war bei
dieser Tourreihe besonders heftig, ja. Viele der Stände
sind aber D.I.Y.-Distros und werden von HC-Kids betrie¬
ben, die den Kids hier Musik und Klamotten anbieten,
die sie sonst wahrscheinlich nur schwer bekämen. Mir ist
es lieber, dass sie diese kleinen Distrostände unterstützen,
als dass sie sich die CD in einem riesengroßen und teuren
Musikladen kaufen.
Seit Scott die Band verlassen hat, ist CBK offiziell als
Quartett unterwegs. Für die Shows habt ihr jedoch Ca-
sey Hjelmberg (REGRET, FALSE NOTION) angeheuert.
Wie kam es dazu?
Die letzte Show mit Scott war in Iowa, am nächsten Tag
stand St. Louis auf dem Programm und ich übernahm be¬
reits damals den Gesang, während Casey Gitarre spiel¬
te. Trotz dieses raschen Wechsels versuchten wir ihn peu
ä peu einzuarbeiten, und mittlerweile ist er ja auch ein
Fulltime-Mitglied der Band geworden. Wir wollten aber
zunächst die Aufnahmen zu dem neuen Album im Auge
behalten, bevor wir überstürzt einen neuen Gitarristen
suchen.
Scott war vier Jahre Teil von CBK, davor arbeitete er
bereits als Roadie bei deiner anderen Band FIGURE
FOUR. Zusammen habt ihr eine Menge Kraft und En¬
ergie in CBK gesteckt, sonst wärt ihr heute nicht dort,
wo ihr seid. Kannst du seine Entscheidung, die Band zu
verlassen, ansatzweise nachvollziehen?
Natürlich. Wir sind schließlich immer noch eng befreun¬
det. Er wollte nach Jahren des Lebens auf Tour einfach
auch mal einen anderen Alltag. Das hat sich bei ihm an¬
gestaut und schließlich waren seine Gefühle soweit, die
Band nicht mehr voll unterstützen zu können.
Deine Stimme hat einen eigenen Sound, ist aber gar
nicht so weit weg von Scotts. Hast du dir vorher jemals
Gedanken darüber gemacht, wie du als Sänger von
CBK klingen willst?
Ich hatte eine ganz klare Vorstellung und habe es einfach
ausprobiert. Ich wollte mich mit der Interpretation nicht
zu weit vom CBK-Sound wegbewegen. Ich hatte vorher ja
auch schon bei den härteren Parts meine Schreieinsätze.
Mit der Zeit bekam ich ein gutes Gefühl für die Songs und
mittlerweile bin ich zufrieden mit dem Ergebnis.
Ich brauchte eine ganze Weile, um mit den neuen
Songs warm zu werden, die durch die klare Produkti¬
on allesamt sehr sauber und heavy klingen.
Das stimmt. Wir wollten auf diesem Album viele ver¬
schiedene Elemente ausprobieren. Einige Teile sollten
wesentlich heavyier werden, andere wiederum melodi¬
scher. Insgesamt ist der Sound massiver, dichter gewor¬
den. Jeder hat eben seinen eigenen Musikgeschmack, und
wenn jemand keinen Metal mag, ist das okay. Dann muss
er sich eine Band suchen, wo keine Metal-Elemente drin
sind. Wir haben bei der Produktion nicht an Subgenres
gedacht, in die wir passen könnten. Wir wollten nie ir¬
gendeiner exklusiven Szene angehören und das wird
auch in Zukunft so sein.
Ihr habt euch wie beim Vorgänger „Wake the dead“ für
das Produzentenpaar Bill Stevenson und Jason Liver-
moore entschieden. Wie wichtig waren die beiden für
den Entstehungsprozess des Albums?
Wir hatten insgesamt drei Studiowochen. Alle Songs wa¬
ren vorher geschrieben und einige Parts sogar schon vor¬
her eingespielt, bevor wir nach Colorado zu ihnen ins
Studio fuhren. Jason hatte gerade für die Drums ein paar
interessante Anregungen, die bestimmten Passagen mehr
Rhythmus geben. Bill und ich nahmen den Gesang auf.
Bei Stellen, wo ich mir unsicher war, gab er mir eine
zweite Meinung oder auch Input. Die Songs waren also
faktisch bereits geschrieben, so dass die beiden die Fein¬
abstimmung übernehmen konnten. Am Ende fand ich
persönlich, dass uns noch etwas Zeit im Studio fehlte. Mit
dem Ergebnis können wir aber sehr zufrieden sein.
Der Albumtitel „Broadcasting“ spielt auf die Macht der
Medien an und welche Angst sie unter den Menschen
verbreiten kann. Warum gerade dieses Oberthema?
Das Ganze ist nicht als Konzeptalbum gedacht, sondern
bezieht sich eigentlich nur auf einen Song. Kurz bevor ich
„Broadcasting“ schrieb, war ich in den USA. Am Flug¬
hafen wurde via Interkom mitgeteilt, dass Alarmstufe
Orange wäre, also eine Stufe unter Rot, dem totalen Not¬
fall. Das hat mich doch sehr beschäftigt, denn mir wur¬
de schlagartig bewusst, wie einseitig die amerikanischen
Medien berichten und wie wenig sie sich mit weltweiten
Vorkommnissen beschäftigen. Für viele ist es eben einfa¬
cher, sich in ihrer Seifenblase zu bewegen. Die tägliche
Informationsflut ist gespickt mit Halb- und Unwahrhei¬
ten, die dann von Freunden, Bekannten oder sonst wem
multipliziert werden. Das ist gefährlich. Eine Lösung für
dieses Problem habe ich nicht, es lohnt sich jedoch, alles
und jeden in Frage zu stellen und wachsam zu bleiben.
Vor etwas einem Jahr sagte Fat Mike in einem Inter¬
view mit diesem Fanzine, dass CBK unbedingt einen
Vertrag mit seinem Label Fat Wreck hätten haben wol¬
len. Obwohl er die bekennend religiöse Band MXPX
unter Vertrag hatte, lehnte Mike euch jedoch ab, weil
ihr euch bei eurem ersten Album „Turn It Around“ un¬
ter anderem bei Jesus in einer Thankslist bedankt hat¬
tet. Kannst du dazu etwas sagen?
Fat Wreck ist eines meiner Lieblingslabels, weshalb wir
gleich an sie dachten. Richtige Verhandlungen hat es
mit ihnen damals aber nie gegeben. Wir schickten ih¬
nen wie vielen anderen Labels übrigens auch eine Ko¬
pie von „Turn It Around“ als Bewerbung. Fat Mikes Ant¬
wort war, dass er zu der Zeit keine Möglichkeit sähe, uns
auf Fat Wreck zu vermarkten. Was auch immer das auch
heißen mag.
Bodo Unbroken comeback-kid.com
:ksteadV
OX-FANZINE 41
HARDCORE-LANDSCHAFTSMALEREi
AARON HORKEY
Vorbei ist die Zeit, in der ich mir noch Platten nur aufgrund des Coverartworks gekauft habe, doch hätte
ich die aktuelle HOPE CONSPIRACY-CD zuvor nicht gekannt, ich hätte eben wegen des Artworks eine
Ausnahme gemacht. Der riesige Totenkopf mit Hörnern und Schlange war das Erste, was ich von Aa¬
ron Horkey zu Gesicht bekam, und ich war dermaßen begeistert, dass ich mich sofort an den Compu¬
ter setzte und recherchierte. Schnell gelangte ich auf die Seite des deutschen Low Art-Magazines, des¬
sen erste Ausgabe ein ausführliches Interview mit ihm veröffentlicht hatte. Noch mehr fasziniert von sei¬
nen Grafiken, vor allem in punkto Präzision, Farbgebung und der geheimnisvollen und abgedrehten Mo¬
tive, beschloss ich, mit Aaron einmal selber über seine Kunst, seine Zeichentechnik und seine Beziehung
zur Musik zu sprechen. Da Aaron Horkey keine eigene Homepage besitzt und sich auch sonst eher rar
macht, möchte ich Mario Marquardt vom Low Art-Magzin an dieser Stelle danken, dass er mir die E-Mail-
Adresse von Aaron Horkey gegeben und dieses Interview somit möglich gemacht hat. Während der Low
Art-Artikel sich verstärkt mit der Zeichentechnik Horkeys auseinandersetzt, habe ich versucht, vor allem
seine musikalischen Wurzeln zu ergründen, weshalb auch ausschließlich seine Tourpostergrafiken und
CD-Coverarbeiten hier im Vordergrund stehen sollen.
Aaron, stell dich doch mal kurz unseren Lesern vor.
Also, ich bin 29 Jahre alt und in Westbrook, Minnesota
geboren, aber in Windom aufgewachsen. Zurzeit lebe ich
in Mankato, ebenfalls in Minnesota. Dort bleibe ich auch
bis zu meinem Tod. Zeichnen ist mein Leben.
Was inspiriert dich eigentlich beim Zeichnen? Hörst
du dir die Musik der Band oder des Künstlers dabei
an, während du für sie/ihn ein Coverartwork oder ein
Gig-Poster entwirfst?
Mit den meisten der Bands, für die ich bisher gearbeitet
hab, ist es so, dass ich mit ihrem musikalischen Schaf¬
fen weitestgehend vertraut bin, was mir definitiv beim
Zeichnen hilft und als Inspirationsquelle gedeutet wer¬
den kann. Jedoch halte ich es beim eigentlichen Zeichen¬
prozess so, dass ich die Musik der Band, für die ich ge¬
rade etwas mache, nicht höre. Zum Beispiel bin ich ge¬
rade dabei, für ISIS ein Konzertposter zu zeichnen, und
ich werde mir nicht eine ihrer Platten anhören, bis das
Teil fertig ist. Ich mache das so, weil ich nicht zusätzlich
von der Musik beeinflusst werden will. Es könnte sonst
passieren, dass die Zeichnung hinterher zu plump rüber¬
kommt oder es so aussieht, als wäre sie nur von dem ei¬
nen Song inspiriert, den ich vielleicht gerade total klas-
se finde, während ich zeichne. Ich versuche bei meinen
Arbeiten immer die Gesamtstimmung der Musik eines
Künstlers oder einer Band einzufangen, wobei es natür¬
lich wichtig ist, sich vorher mit der jeweiligen Diskogra¬
fie auseinanderzusetzen. Ich glaube, für manche Poster,
wie zum Beispiel für MELVINS oder NEUROSIS habe ich
mich so vorher schon zehn Jahre vorbereitet.
Also muss wohl die Grundvoraussetzung sein, dass
du die jeweilige Musik magst, oder würdest du auch
was für jemanden machen, dessen Musik du total ab¬
lehnst?
Ja, das ist die Grundvoraussetzung. Ich bin Fan von all
den Bands, für die ich Konzertposter oder ähnliches ge¬
zeichnet habe, und es macht die Arbeit einfacher, wenn
ich die Musik klasse finde und von einem Projekt dem¬
entsprechend begeistert bin. Nur bei zwei meiner Pos¬
ter war es bisher so, dass ich die Musik gar nicht kann¬
te - MAGNETIC FIELDS und THE ARCADE FIRE. Diese
beiden sind aber bisher die Ausnahme geblieben. Inzwi¬
schen kann ich mir die Bands besser aussuchen, mit de¬
nen ich zusammenarbeite, und wenn ich nicht hundert¬
prozentig hinter einer Arbeit stehe, brauch ich auch kei¬
ne Zeit dafür zu verschwenden. Generell kann ich inzwi¬
schen sagen: Wenn ich die Musik nicht mag, kommt die
Arbeit auch nicht zustande!
Welche Musik hörst du denn so generell? Was sind dei¬
ne Lieblingsbands und für wen würdest gern mal ein
Konzertposter oder ein CD-Cover gestalten?
Generell kann ich behaupten, dass Hardcore mich zu dem
gemacht hat, was ich heute bin. Das beginnt bei meiner
Ernährung und endet bei meiner Art, wie ich geschäft¬
liche Entscheidungen fälle. Dadurch, dass ich im ländli¬
chen Mittleren Westen zu einer Zeit aufgewachsen bin,
als es kein Internet gab, war ich gezwungen selbst ak¬
tiv zu werden und die Szene zu entdecken. Das heißt auf
Shows zu gehen, Underground-Plattenlabels und Fan¬
zines ausfindig zu machen und auf meinem Skateboard
andere neue Städte und deren Szenen kennen zu lernen.
Schlussendlich hat das jetzt soweit geführt, dass ich vor
allem in Sachen Hardcore den D.I.Y.-Labels und -Bands
den Vorzug gebe und musikalisch im Moment hauptsäch¬
lich Bands aus dem Noisecore-Bereich höre. Während ich
zeichne, stelle ich mir aber eine sehr abwechslungsrei¬
che Playlist zusammen, die ich auch immer wieder ver¬
ändere. Meine Heavy Rotation sieht im Moment ungefähr
so aus: COMETS ON FIRE, MODERN LIFE IS WAR, Tom
Waits, FUNERAL DINER, SUNNY DAY REAL ESTATE,
MOUTHBREATHER, SWAN LAKE, PLANES MISTAKEN
FOR STARS, DAUGHTERS, ULTRA DOLPHINS, HERESI,
THE COURT & SPARK und ganz viele andere. Für Bands,
für die ich mal gerne was zeichnen würde, trage ich eine
so genannte „list of dream-posters“ in meinen Sketch-
book mit mir herum. Tom Waits steht da an erster Stelle
- und da hatte ich sogar letzten Sommer die große Chan¬
ce, als er bei mir in der Nähe auf Tour war und ich gefragt
wurde, ob ich das Konzertposter für die Show in Nas-
hville machen wolle. Leider hatte ich damals keine Zeit
und so kam das nicht zustande. Wenigstens habe ich ihn
aber endlich mal live gesehen. Andere Arbeiten, die ich
ohne Umschweife machen würde, wären zum Beispiel
für LUNGFISH/Dan Higgs, OLD MAN GLOOM, A SILVER
MT. ZION, William Elliot Whitmore, THESE ARMS ARE
SNAKES, WORLD/INFERNO FRIENDSHIP SOCIETY, CO-
LISEUM, MY MORNING JACKET ...
Ich habe gelesen, dass vor allem die Landschaft und
Natur deiner Heimat Minnesota eine Inspirations¬
quelle deiner Arbeiten ist. Kannst du das mal etwas
näher erläutern.
Richtig. Jede Zeichnung von mir, die eine mehr, die an¬
dere weniger, verarbeitet Elemente aus der Natur und
Umgebung des ländlichen Mittleren Westens. Als Kind
ließen mir meine Eltern viele Freiheiten und ich durfte
die Felder und Wälder rund um die Farm meiner Eltern
alleine erkunden. Ich verbrachte viel Zeit damit, mich
schmutzig zu machen, auf Bäume zu klettern, Käfer und
Tierknochen zu sammeln und einfach wild durch die Ge¬
gend zu rennen. Diese Zeit habe ich einfach geliebt und
wahrscheinlich kommt deshalb soviel davon in meinen
Arbeiten vor, die du kennst.
Die erste Arbeit, die ich von dir gesehen habe und die
mich total umgehauen hat, war das HOPE CONSPI-
RACY-Coverartwork zu „Death Knows Your Name“.
Soweit ich erfahren habe, wollten sie ein Coverart¬
work, das die Band und ihre Musik im Kern repräsen¬
tiert. Kanntest du ihre Musik, bevor du dich an die Ar¬
beit gemacht hast? Erzähl mal bitte etwas zur Entste¬
hungsgeschichte.
Also die beiden HOPE CONSPIRACY-Cover - EP und LP -
sind beide in relativ kurzer Zeit entstanden und ich hab
sie eigentlich eher nebenbei gezeichnet. Ich hab das ge¬
macht, weil ich ein großer Deathwish-Fan bin und unbe¬
dingt mal was mit dem Label machen wollte. Außerdem
waren die Produktionsvoraussetzungen sehr gut und mit
Jacob Bannon von CONVERGE als Art-Director brauch¬
te ich mir keine Sorgen über ein qualitativ hochwertiges'
Endprodukt machen. Was die Musik angeht, so war ich
nicht so ganz vertraut mit ihren vorangegangenen Plat¬
ten, aber wenn Jacob sich für sie verbürgt, reicht mir das.
Die Band hat mir dann eine Liste mit Bildern und Zeich¬
nungen geschickt, die ihrer Meinung nach auf dem Cover
erscheinen sollten, doch waren sie, was das angeht, sehr
offen und ließen mich tun, was immer ich wollte. Sie
wollten aber auf jeden Fall ein symmetrisches Design für
beide Cover - insbesondere beim LP-Cover. Da ich wuss¬
te, dass die 7 “-Version der EP im Siebdruckverfahren her¬
gestellt werden sollte, musste ich mit allzu viel Details in
der Zeichnung zurückhalten. Dagegen war ich beim LP-
Cover weniger eingeschränkt, konnte mehr Zeit investie¬
ren und hatte echt Spaß. Beide Arbeiten sind ziemlich di¬
rekt und plakativ - einfache Zeichnungen, die aber mal
eine nette Abwechslung waren.
Für mich ist ein Markenzeichen deiner Kunst nicht nur
der sehr filigrane Zeichenstil, sondern vor allem auch
der ganz spezielle, häufig wiederkehrende Schriftstil.
Warum diese Schrifttype? Bist du generell interessiert
an Graffiti?
Na ja, ich bin lediglich besessen von handgezeichne¬
ten Schriften, weshalb ich auch jede Menge alter Wer¬
beplakate von 1800 bis 1929 aus der Zeit der Großen De¬
pression sammle. Es passiert soviel in diesen Lithografi¬
en und Stichen, sie zeigen soviel Qualität und Stolz in ih¬
rer Kunstfertigkeit, die unserer heutigen Gesellschaft völ¬
lig abgängig ist. Außerdem hat dieses Schriftsetzen von
Hand einen unbeschreiblichen, hypnotischen Rhyth¬
mus, wenn man versucht, in die Struktur der Buchsta¬
ben einzutauchen und die verschiedenen Formen dann
zusammenzufügen. Es ist wirklich ein herausfordernder
Prozess, wenn es gelingt, und ich kann da einfach nicht
genug von kriegen. Ich denke, wenn ich diese Art des
Schriftsetzens, wenn auch nur im Kleinen, weiterführe,
wird sie zumindest nie ganz aussterben. Was Graffiti an¬
geht, so war ich einige Zeit wirklich besessen, Schriftzü¬
ge zu sprühen, aber inzwischen spielt es keine Rolle mehr
für meine Grafiken.
Hast du eine Grafikerausbildung oder lief das bei dir
eher nach dem Prinzip „learning by doing“?
OX-FANZINE 42
AARON HORKEY/DR. NORTON
Das meiste hab ich mir, mit etwas Hilfe meiner Eltern,
selber beigebracht. Ich habe mit meinem dritten Lebens¬
jahr angefangen zu zeichnen und einfach immer weiter
gemacht. Als Kind habe ich natürlich so angefangen wie
jedes andere und einfach wild drauflos gekrakelt, aber
eben nie aufgehört. Mit vier habe ich dann auch erstmals
begonnen, die Zeichnung zu signieren, wenn ich glaub¬
te, etwas sei durchaus gelungen. Das setzte sich dann
an der Highschool fort, wo ich so viele Kunstkurse wie
nur möglich besuchte, damals in erster Linie aber, um
dem üblichen Horror einer typischen Kleinstadt-High¬
school zu entgehen. In der 10. Klasse war ich kurz davor,
die Schule zu schmeißen, entdeckte dann aber eine eher
kunstorientierte Highschool außerhalb von Minneapolis.
Dort habe ich dann meine Schulausbildung beendet und
danach nie wieder einen Fuß in ein Klassenzimmer ge¬
setzt. Ich habe da bestimmt etwas gelernt, aber nicht be¬
züglich Kunst. Seit ich zehn bin, mache ich schon kom¬
merzielle Arbeiten, und das hab ich dann halt auch nach
der Schule erst mal weiter gemacht.
Lass uns noch mal über ein paar spezielle Arbeiten
sprechen. Wartfm gibt es eigentlich von dem SUNN
O)))/BORIS-,,Altar“-Cover wie auch von dem NEU-
ROSIS-Tourposter zwei verschiedene Versionen?
Das hat eigentlich nur den einen Grund, dass die Bands so
eine eigene Version haben, die sie auf Tour oder auf ihrer
Website verkaufen können, und wir von Burlesque eine
haben, die nur über unseren Webstore zu bekommen ist
oder in unserer Galerie oder unserer Bude in Fiatsock zu
sehen ist. Dort sammeln Wezz, der Burlesque-Drucker
und Zeichenkollege, und ich auch allerlei obskures Zeug
wie Platten, Comics, Kunst, Skateboards und so weiter. So
versuchen wir unseren Beitrag für die kleine Gemeinde
der Posterart-Bekloppten weltweit zu leisten.
Mal ganz konkret. Was ist das genau für ein Vieh unter
der Decke auf dem CONVERGE-Tourposter?
Also, die Grundstruktur ist eine verlassene, baufällige
Farm außerhalb von Good Thunder in Minneapolis, was
nur etwas südlich meines Wohnortes Mankato liegt. Wir
haben diese Ruine letzten Herbst zufällig entdeckt und
ich wusste sofort, dass ich es für das CONVERGE-Tour¬
poster verwenden wollte. Ich fuhr noch zwei weitere
Male hin und machte Fotos und dann hab ich das Biest in
dieser Ruine einfach zum Leben erweckt. Bei den meis¬
ten meiner Arbeiten gebe ich nur den Schauplatz des Ge¬
schehens vor und der Betrachter findet dann seine eigene
Wie habt ihr es bislang geschafft, der Aufmerksamkeit
der Rechtsabteilung einer gewissen Softwarefirma zu
entgehen?
Tobi: Wahrscheinlich machen wir nicht deren Sound.
Und warum Berlin und nicht mehr München? Genug
von Weißwürsten und Brezeln?
Tobi: Rein kulinarisch ja leider ein sehr kurzweiliger
Gewinn. Falls die Frage auf das „In Berlin geht musika¬
lisch ja viel mehr“-Gerede abzielt, dann war das nicht der
Grund. Denn das tut es zwar, aber in erster Linie auch
nur quantitativ. Die Gründe waren eher ganz praktische:
Wir mussten eine Stadt finden, in der wir alle auch unser
nicht-musikalisches Leben irgendwie durchziehen kön¬
nen. Berlin war da erste Wahl, weil es einfach schon we¬
gen seiner Größe sehr viele Möglichkeiten bietet. Und
weil es die letzte Großstadt ist, die finanziell als Musi¬
ker machbar ist.
Interpretation dafür. Es gibt heutzutage einfach zu wenig
Geheimnisse und Rätsel in unserer modernen Welt und
das ist verdammt bedauerlich.
Ich mag vor allem auch deine Black-Grist-Series, die
du ja für die Skateboard-Marke Consolidated gemacht
hast. Skatest du viel und kannst du diese vier Zeich¬
nungen ein bisschen erläutern?
Die Black-Grist Series sind das letzte Grafikset, das ich für
Consolidated gemacht habe. Ich hatte freie Hand bei allen
Designs, die ich für sie bisher gemacht habe und das war
auch hier der Fall - sehr einfache, direkte Bilder, zwei
Farben, simpel und auf den Punkt. Das Schönste an dem
Auftrag war aber, dass ich eine ganze Kiste voll mit den
Decks von der Firma bekam und seitdem eigentlich kei¬
ne anderen mehr fahre. Obwohl ich wirklich versuche,
sie zu „melken“, werden sie mich wahrscheinlich noch
überleben. Was meine Beziehung zum Skaten im allge¬
meinen angeht, so kann ich sagen, dass ich seit 15 Jah¬
ren selbst skate und auch heute noch so oft fahre, wie es
eben geht. Jedoch halten mich die Arbeit und auch das
Alter heute mehr davon ab. Wann immer- ich aber Zeit
habe, designe ich Decks für Flip-Skateboards, was eine
echt nette Abwechslung zu den Postern ist. Scheiße, ich
lebe hier meinen Highschool-Traum: Rockposter zeich¬
nen und Skateboards designen. Das ist alles, was ich im¬
mer tun wollte.
Wie sieht der technische Prozess aus? Zeichnest du per
Hand und überarbeitest es danach am Computer?
Alle meine Arbeiten sind von Hand gezeichnet. Das ru¬
dimentäre Computerwissen, was ich habe, nutze ich le¬
diglich zur Kommunikation via E-Mail - und was das an¬
geht, stoße ich schon beinahe täglich an meine Gren¬
zen. Der eigentliche Zeichenprozess findet die meiste
Zeit an einer Xerox-Arbeitsstation und einem Leuchttisch
statt. Bevor ich verschiedene Elemente zusammenführe,
möchte ich sie zunächst so gesondert wie möglich be¬
trachten, bevor ich sie alle in einer Zeichnung vereine,
somit ist es nicht ungewöhnlich, wenn ich erst viele ver¬
schiedene grobe Entwürfe zeichne, um dann die besten
Elemente aus jedem heraus zu einem großen Gesamten
werden zu lassen. Wenn ich mal sehr zufrieden mit so
einem Entwurf bin, vergrößere ich ihn und mache mich
direkt an die Verfeinerung. Ich verbringe generell viel
Zeit damit, schon die erste grobe Skizze immer wieder zu
verfeinern, bis ich wirklich genau jede Linie so habe, wie
ich es will. Dann erst beginne ich mit der Farbgebung.
Ihr hattet einen Auftritt im Uschi-Obermayer-Biopic
„Das wilde Leben“. Wie kam’s dazu, und hat euch das
bekannter gemacht?
Tobi: Vor guten zwei Jahren hatten wir mal die Möglich¬
keit, auf der Premiere des - wohl zu Recht nicht sehr be¬
kannten - Films „Aus der Tiefe des Raumes“ aufzutre¬
ten. Das zog dann seine Kreise und so wurden wir ge¬
fragt, ob wir in dem „Uschi“-Film nicht Lust hätten, eine
60s/70s-Band zu spielen, was spontan natürlich erst mal
gut klingt. Insgesamt lief das alles etwas anders als ge¬
plant, es wäre wahrscheinlich richtiger von einem „Kur¬
zauftritt“ zu sprechen. Aber nicht weiter schlimm, durch
Uschi Obermayer bekannt/er zu werden, könnte man so¬
wieso schwer vor sich selbst rechtfertigen.
Apropos Film: Euer Albumtitel „Your Plot - The Prison
- My Escape“ klingt wie ein Film in sechs Worten.
Tobi: Stimmt, das war die Idee dahinter. Der Titel soll
Sobald ich diese abgeschlossen habe, experimentiere ich
viel mit Licht- und Schatteneffekten und setzte die High¬
lights. Die vielen verschiedenen zuvor gezeichneten Ein¬
zelentwürfe werden dann über diese kolorierte Grund¬
skizze auf den Leuchttisch gelegt, wo ich dann oftmals
mit Pauspapier die angesprochenen Elemente auf die ko¬
lorierte Zeichnung übertrage. Zum Schluss setze ich, so¬
fern es rein soll, die Schrift oder den Text. Das Ganze dau¬
ert in der Regel, je nach Komplexität der Arbeit, ein bis
zwei Wochen. Jegliche Elemente und Einzelzeichnungen,
Farbstudien und Lichtexperimente bringe ich dann mit
dem fertigen Posterentwurf ins Burlesque-Büro in Min¬
neapolis, wo Wezz alles scannt und dann damit beginnt,
am Rechner die einzelnen Schichten der Zeichnung zu¬
sammenzusetzen und das Poster druckfertig zu machen.
Wezz schickt mir dann ein farbiges Vorabmuster der fer¬
tigen Grafik per Mail, dass ich dann noch mal checke.
Nachdem die Grafik dann gedruckt und zugeschnitten
ist, sortiere, signiere und stemple ich sie. Ich sage dir, es
ist echt ein verdammter Aufwand, aber ehrlich gesagt,
würde ich es auch nicht anders machen wollen.
Als ich angefangen habe, über dich zu recherchie¬
ren, fiel oft der Ausdruck „angesagter“ oder „bekann¬
ter Poster-Künstler“. Ich will dem nicht widerspre¬
chen, doch interessiert mich zum Abschluss, wie du
das selbst empfindest und ob du eigentlich von deiner
Kunst leben kannst?
Inzwischen sieht es so aus, dass ich vom Zeichnen leben
kann. Erst kürzlich ist es mir und meiner Familie aber
erstmals möglich, dass ich allein für uns sorgen und mei¬
ne Frau bei den Kindern bleiben kann - aber wer weiß,
wie lange so was klappt? Ich hoffe einfach, dass weiter¬
hin Interesse an meinen Arbeiten besteht und ich das ma¬
chen kann, was ich mag. Wenn nicht, muss ich eben im
Supermarkt Regale einräumen oder Rasen mähen, da
ich weder eine andere Fähigkeit als Zeichnen beherr¬
sche, noch irgendeinen anderen Zukunftsplan in der Ta¬
sche hab. Anbetracht dessen, dass es im Moment nur so
um die hundert verfügbare Drucke jeder meiner Arbeiten
gibt und die große Masse mich meiner Ansicht nach gar
nicht kennt, bezweifle ich, ob man mich als populären
Popart- oder Posterkünstler bezeichnen kann. Das ist mir
aber auch völlig egal. Ich bin zufrieden, solange es mir
gelingt, jeden Tag was zu essen auf den Tisch zu bringen
und ein Dach über dem zu Kopf haben.
Carsten Hanke
unter anderem das zur Sprache bringen, was wir mit dem
Album und auf der Bühne versuchen: Es gibt feste Sche¬
men und Vorstellungen, wie Musik - vor allem Gitarren¬
musik - funktionieren soll. Diese Erwartungen können
manchmal durchaus wie ein Gefängnis wirken. Mit unse¬
rer Musik wagen wir den Fluchtversuch, was nicht heißt,
dass wir das Rad neu erfinden. Wir wollen uns musika- '
lisch nur einfach unsere Freiheit nicht nehmen lassen.
Max: Wobei der Titel diese Botschaft in einer größeren
Allgemeinheit aussprechen soll: Es geht ganz generell da¬
rum, sich von Dingen und Leuten frei zu machen, die
dich einschränken, sozusagen in ein Gefängnis stecken
wollen ...
Und noch mal Film: Die Kurzbeschreibung der Doku
über eure Band würde sich wie folgt lesen:
Max: Vier Jungen aus der oberbayerischen Provinz grün¬
den eine Band - hängen sich rein - fallen auf - machen
sich Freunde und Feinde - nehmen immer weitere Stre¬
cken auf sich - lassen sich nicht von ihrem Weg abbrin¬
gen, obwohl niemand auf sie wartet - versprechen nichts
und halten alles! Hier ist die Story einer der besten deut¬
schen Live-Bands, die gemeinsam aus ihrer Kleinstadt
auszog, zuerst nach München, dann nach Regensburg
und schließlich in Berlin gelandet ist, um immer mehr
Menschen von ihrer Musik zu begeistern!
Wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin - rein musika¬
lisch gesehen?
Max: Anfang des Jahrtausends startete die erste Platte der
STROKES einen neuen Trend in der Popmusik: Mit den
Grunge-Bands hatten wir wenig am Hut, skandinavi¬
sche Indie-Bands trafen zwar unseren Geschmack, aber
nicht unsere Lebenshaltung. Die Neugier nach neuen, un¬
gewöhnlichen Bands brachte Platten von LES SAVY FAV
und THE MAKE UP in unsere Sammlungen und dank un¬
serer Eltern waren Lou Reed und THE VELVET UNDER¬
GROUND keine Unbekannten. Mit der Bewegung in der
Poplandschaft, die immer mehr Bands hervorbrachte, die
leichtfüßigen, smarten Sound - angelehnt an den frü¬
hen Punk - kombinierten, konnten wir uns identifizie¬
ren. Der Wunsch, unsere Ideen, unsere Ängste und un¬
sere romantische Vorstellung vom Immer-in-Bewegung-
bleiben/unterwegs-sein auszudrücken, ist, was unserer
Musik zugrunde liegt. Für das, was wir machen, ist es uns
wichtig, Energie zu transportieren, expressive Musik zu
machen und auszuleben. Ich will Menschen, die uns live
sehen, begeistern und auf die Art dazu bringen, selbst
eine Band gründen zu wollen.
Joachim Hiller dr-norton.com
Ende 2005 Jahren erschien die Debüt-EP der aus München stammenden DR. NORTON, seit kurzem ist
der erste Longplayer raus und weiß zu begeistern. Von München haben sich die Ärzte mittlerweile nach
Berlin abgesetzt, für sich und ihren Beatpunk mit dezentem Orgeleinsatz eine neue Homebase gefunden
- und zu einem Film-Auftritt kam es auch: In der Uschi Obermayer-Biographie-Verfilmung „Das wilde Le¬
ben“ sind DR. NORTON - wir sprechen ja von den angeblich wilden Sechzigern - als Liveband zu sehen.
Nach TIGERBEAT und TRASHMONKEYS tritt hier eine weitere deutsche Band an, abseits des Szene-
Undergrounds ein paar mehr Leute für schnieken, lässig shakenden Beat und Rock’n’Roll zu begeistern.
Tobi Schärtl (Bass, Trompete, Gesang) und Max Franks (Gitarre, Gesang) beantworteten meine Fragen.
OX-FANZINE 43
SUWY BASTARDS
'Braindead" meets Pogo, Party andTtie Warped Tour
A STREET tribute to Bud Spencer &
Terence Hill by VARIOUS ARTISTS
BAD NENNDORF BOYS:
Wir lügen nicht
3 * MELANIE AND THE SECRET ARMY: TOWERBLOCKS: J>JJNKROCK SP LATTE R MASSACRE
Cock Sparrerr - We love you Iteving a laugti, having a Say „ SpecraTDoubleDVD - endlich in DEUTSCH
www.siuinybastai’ds Je i hontakt@synnybastapds Je! Ptione: +49(0)2611788833
fllilliinülDUD
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mit Troopers, Schusterjungs, Krawallbrüder, Oxo 86, Berliner WeiOe,
> 6erbenok, ü nderiiO Bz, 4 Schlimme T BrMder und Maul Ha lten;co ntra/Banawi
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iTextildimk^Buttonners tellünB ^«^^^^
5cf!5BiSBwwjSiniyspScSiGSiB^ontrapuniTOMira5
unser neues Album schreiben wollten, lief alles ein biss¬
chen schleppend an. Die Songs, die wir geschrieben ha¬
ben, klangen für uns nicht ausgereift genug - wir konn¬
ten keine Entwicklung hören. Das war schon frustrierend
und die Stimmung war auch ordentlich gereizt. Wir hat¬
ten den Wagen scheinbar vor die Wand gefahren und ha¬
ben uns nicht sehr viel bewegt. Ryan hat dann erstmal
eine kleine Auszeit genommen, um sich um seine Fami¬
lie zu kümmern, und als wir uns wieder trafen, um zu
proben, kam Matt mit diesem Konzept an. Es schien wie
eine neue Herausforderung und gab uns genug Energie,
wieder konzentriert Songs zu schreiben. Einmal angefan¬
gen, kam eigentlich alles sehr schnell zusammen. Kaum
waren wir mit einem Song fertig, hatten wir auch den
nächsten schon in unseren Köpfen entwickelt. Als eigent¬
liche Wende sehen wir den zwölfminütigen Song „Reu¬
nion“ an, den Matt mit in den Proberaum gebracht hat
und der auf dem Album in drei Songs, „Into oblivion“
am Anfang, „Raise the sail“ in der Mitte und „Sweetest
wave“ am Ende untergebracht ist.
Ihr habt auch bei eurem neuen Album wieder den Pro¬
duzenten gewechselt. Wie kam es zu der Zusammenar¬
beit mit Gil Norton?
Als wir die neuen Songs geschrieben haben, haben wir
gemerkt, dass sie eher schlichte Rocksongs sind anstatt
Metal. Gil Norton hat viele Alben produziert, von denen
wir große Fans sind, und da dachten wir, dass es viel¬
leicht perfekt passen würde, wenn er unsere Songs auf¬
nehmen würde. Unsere vorherigen Produzenten waren
super Typen, aber die Musik auf „Tales Don’t Teil Them-
selves“ ist komplett anders als die auf den anderen Alben,
und deswegen war es ein logischer Schritt, mit jemand
anderem zusammenzuarbeiten. Durch seine relaxte Art
hat er uns auch dabei geholfen, die Songs so lang zu be¬
arbeiten, bis wir das Beste aus ihnen herausgeholt haben.
Es hat riesigen Spaß gemacht.
War es seine Idee, ein Orchester in die Songs einzu¬
bauen?
Eigentlich war es eher unsere Idee. Wir dachten bei ei¬
nigen Songs einfach, dass ein Orchester die dramati¬
sche Stimmung noch verstärken könnte und die Songs
dadurch voller klingen würden. Gil hat schon bei den
SMASHING PUMPKINS und FEEDER mit einem Orches¬
ter zusammen gearbeitet und fand die Idee toll. In ge¬
wöhnlichen Rocksongs wird ein Orchester für die Po¬
wer-Balladen genutzt, wohingegen wir es besonders bei
den heftigeren Teilen eingesetzt haben. Das war eine in¬
teressante Erfahrung, auf die wir bestimmt noch öfter
zurückkommen werden.
Würdest du sagen, dass ihr jetzt eine richtige Rockband
seid, die ihre Emo- oder Hardcore-Wurzeln hinter sich
gelassen hat?
So gesehen würde ich nicht sagen, dass wir uns jemals
selber als Emo-Band bezeichnet haben. Wir haben uns ei¬
gentlich immer als Rockband gefühlt, die einige aggressi¬
vere Elemente in ihre Musik einbaut. Aber es ist nun auch
nicht so, dass wir das Emo-, Screamo- oder Metalcore-
Genre nicht respektieren würden - wir fühlen uns ein¬
fach nicht damit verbunden. Wir sind, wie gesagt, immer
noch Fans der Hardcore- und Punk-Bewegung, aber un¬
ser Musikgeschmack hat sich einfach über die Jahre ge¬
ändert. Ich finde diese Einteilungen in Genres sowieso
eher hinderlich. Natürlich versuchen Musikjournalisten
mit Vergleichen oder Schubladen den Leuten, die Musik
ein bisschen zu beschreiben. Dennoch kann dabei auch
schnell ein falsches Bild entstehen. Im Nachhinein ist es
jetzt aber auch egal. Wir denken im Moment einfach,
dass wir mehr als nur eine Art von Musik machen kön¬
nen, also sowohl Metal als auch Hardcore und Rock.
Ihr seid über die Jahre immer bekannter geworden,
spielt in größeren Hallen, habt einen Majorvertrag und
seit schlichtweg berühmt. Wie wichtig ist euch den¬
noch der Kontakt zu euren Fans?
Wahrscheinlich wie bei jeder anderen Band sind die
Fans das Allerwichtigste. Schließlich sind es die Leute,
die es uns ermöglichen, die Welt zu bereisen und das
zu tun, was wir von ganzem Herzen lieben: Musik ma¬
chen. Ohne unsere Fans und natürlich auch deren Auf¬
opferung wären wir bestimmt nicht so weit gekommen.
Schlussendlich macht man Musik dann doch auch für an¬
dere. Um den Leuten ein bisschen was zurückzugeben,
versuchen wir, einen möglichst engen Kontakt aufrecht
zu erhalten: Wir betreiben unser eigenes MySpace-Profil,
beantworten eigentlich alle E-Mails und reden nach den
Shows noch mit den Leuten. Das wirkt dann meist auch
wie Balsam für unsere Seelen.
Was sind eure weiteren Ziele?
Ich denke, dass wir als Band weiter wachsen und viel¬
leicht noch ein bisschen größer werden wollen. So wie es
ist, ist es natürlich unglaublich gut — aber wir wollen uns
einfach immer weiterentwickeln. Ich selber möchte ein¬
fach die Möglichkeit behalten, Musik zu machen, ohne
mir Gedanken über einen „Nine to five“-Job machen zu
müssen. Schließlich lieben wir alle Musik über alles und
wir wollen auch nicht unbedingt die größte Band der
Welt werden. Obwohl das eigentlich super wäre ...
Sebastian Wahle funeralforafriend.com
Ihr drittes Album, „Tales Don’t Teil Themselves“, ist
ein Konzeptalbum, das der Band aus der internen Kri¬
se geholfen hat und wunderbar, aber dennoch ganz an¬
ders klingt. Ryan Richards (Schlagzeug), Kris Coombs-
Roberts (Gitarre), Gareth Davies (Bass), Darran Smith
(Gitarre) und Matt Davies (Gesang) sind wieder einem
Schritt ihrem vermeintlichen Ziel näher gekommen,
nämlich nochmals klar zu machen, was hier gespielt
wird: und zwar ausgereifter Rock, jenseits einschrän¬
kender Genregrenzen. Mit dem sympathischen Darran
sprach ich am Telefon über das, was hinter seiner Band
und dem neuen Album steckt...
Euer neuestes Album beginnt mit einem epischen In-
tro und entwickelt sich dann erstaunlicherweise zu ei¬
nem fantastischen Pop-Album. Siehst du das auch so?
Ich würde nicht sagen, dass es ein reines Pop-Album ist.
Es gibt definitiv viele Pop-Elemente auf der Platte, aber
im Großen und Ganzen sehe ich „Tales ...“ doch eher als
Rock-Album mit einem großen und manchmal auch epi¬
schen Metal-Anteil. Im Gegensatz zu unseren vorherigen
Alben hat sich unser Sound einfach .weiterentwickelt.
Aber du hast schon recht: Man kann doch viele Pop-Me¬
lodien hören.
Diese Weiterentwicklung, von der du sprichst: Kam
sie von selbst oder habt ihr euch gedacht, dass ihr euch
einfach weiterentwickeln müsst?
Das passierte ganz natürlich. Wenn man sich unsere Al¬
ben anhört, kann man immer irgendeine Veränderung
hören. Wir sind, glaube ich, einfach besser in dem ge¬
worden, was wir machen ... Natürlich haben sich auch
unsere Einflüsse geändert.
Erzähl mal mehr über die einzelnen Charaktere bei
FUNERAL FOR A FRIEND und wer musikalisch in wel¬
che Richtung möchte.
Oh, bei uns ist das sehr verrückt. Das Spektrum bei uns
ist riesig und unbegrenzt. Ich bin zum Beispiel ein rie¬
siger Metal- und Death Metal-Fan, aber auf der anderen
Seite mag ich auch Singer/Songwriter total gern. Es gibt
ein paar bei uns in der Band, die mehr auf Metal ste¬
hen und welche, so wie unser Bassist Gareth, die mehr
auf Indie-Musik abfahren. Kris ist ein unglaublicher Joh-
ny Cash-Fan und Matt mag eigentlich alles außer Metal.
Dennoch haben wir alle einen Punk- und Hardcore-Ein-
fluss in uns drin,schließlich sind wir mit diesen Bands
groß geworden. Momentan stehen Ryan, Matt und ich
total auf Progrock und Seventies-Sachen wie RUSH oder
GENESIS. Diesen Einfluss kann man glaub ich auf dem
neuen Album auch heraushören.
Andere Leute gehen zur Schule, um sich zu entwickeln,
Musiker hören Alben von anderen Musikern. Was sagst
du zu diesem Vergleich?
Bis zu einem bestimmten Grad hast du Recht. Ich sehe das
so: Natürlich sucht man sich immer Vorbilder, die ein¬
fach besser sind in dem, was man selbst gerade macht.
Es ist interessant zu sehen, wie andere Leute ihre Songs
schreiben. Unterbewusst macht man so was ja immer. Du
kommst ja auch nicht drum herum.
Wie wichtig sind euch Dinge wie Selbstverwirklichung
beim Schreiben eurer Songs?
Das ist das Wichtigste. Schließlich muss die Musik, die
wir machen, uns gefallen und vielleicht sogar wegbla¬
sen. Wir müssen ja schließlich die Songs verkörpern und
das geht nicht, wenn man sich nicht voll und ganz in
den Schreibprozess einbringt. Wenn da eine Band auf der
Bühne stehen würde, deren Mitgliedern du es ansiehst,
dass sie nur ihren Job machen, wäre das nicht nur to¬
tal langweilig, sondern auch unglaubwürdig. Wenn wir
nicht das Gefühl gehabt hätten, die besten Songs aufge¬
nommen zu haben, die wir machen konnten, hätten wir
sie auch nicht veröffentlichen müssen.
„Tales Don’t Teil Themselves“ ist ein Konzeptalbum.
Kannst du mehr über die Geschichte erzählen, um die
es geht?
Es geht um drei Charaktere: Den Fischer, seine Frau und
deren Tochter. Der Fischer segelt aufs Meer und wird von
einem schlimmen Sturm überrascht. Sein Schiff kentert
und der Rest seiner Crew stirbt - nur er überlebt. Viele
Songs sind aus der Sicht des Fischers geschrieben, andere
aber auch aus der Sicht der Frau, die sich Gedanken dar¬
über macht, ob ihr Mann noch am Leben ist oder nicht,
und die dann herausfindet, dass die anderen ertrunken
sind. Sie weiß nicht, ob sie ihr Leben ohne ihren Mann
weiterleben oder ob sie die Hoffnung noch nicht aufge¬
ben soll. Der Fischer versucht natürlich, nach Hause zu
kommen, gerät aber in riesige Schwierigkeiten.
Gibt es eine ideologische Verbindung zwischen dem
Fischer und euch?
Matt hat in den Songs viele metaphorische Bedeutungen
verpackt. Man kann die Reise des Fischers vielleicht ent¬
fernt mit unserer Situation, wenn wir auf Tour sind, er¬
klären. Wir vermissen natürlich auch unsere Famili¬
en, wenn wir unterwegs sind, und es ist immer wun¬
derschön, wieder nach Hause zu kommen. Dazu kommt
auch noch, dass Matt eine Heidenangst vor Ozeanen hat.
War es für euch als Band einfach, Songs für ein Kon¬
zeptalbum zu schreiben?
Ja, das war sehr einfach. Am Anfang, als wir Songs für
MIT DEM KONZEPT INS TRAUMTHEATER
FUNERAL FOR A FRIEND
Man könnte meinen, dass FUNERAL FOR A FRIEND oft missverstanden werden. Nicht nur, dass
der Bandname keinem Elton John-Song entstammt, sondern einem von PLANES MISTAKEN FOR
STARS, auch musikalisch wurde die Band immer in die Emo-Schublade gesteckt, obwohl sie sich
selbst doch als schlichte Rockband mit aggressiven Elementen sieht.
FOTO: DANIEL MALSCH
OX-FÄNZINE 45
DIE BAND MIT DER BAPPYUSM US- FORM EL
TURBONEGRO
Ich gebe zu, ich war enttäuscht, als ich das neue TURBONEGRO-Album das erste Mal hörte. Knacki¬
ge Rock-Riffs hin oder her, die Aufregung, die man einst bei „Ass Cobra“ und „Apocalypse Dudes“
verspürte, will sich heute nicht mehr einstellen. Aber TRBNGR deshalb aufgeben, soweit will ich dann
doch nicht gehen, und der Punkt ist einfach, dass man eine Band, die einen seit über zehn Jahren be¬
gleitet, nichtlnafebea fallen lässt. Zudem sind die Herren ja ausgesprochen nette Kerle, und ein In¬
terview mit Hank und Happy-Tom im Kölner Hilton, bei dem die mir am späten Vormittag in komplet¬
tem Bühnenoutfit gegenüber saßen, besänftigte mich dann doch und rückte so manche (Fehl-)Wahr-
nehmung zurecht.
Ihr habt heute „Retox“ als Titel des neuen Albums be¬
kannt gegeben.
Tom: Ja, obwohl man überall noch „Orgasm In Progress“
lesen kann, etwa auf Wikipedia, wo irgendwelche Idioten
den Eintrag über uns bearbeiten. Wir hatten insgesamt aber
rund zehn verschiedene Arbeitstitel.
Hank: Einer war „Born To Motherfucking Run“, aber das
hätte uns wohl Ärger mit den Bruce Springsteen-Fans ein¬
gebracht.
Tom: Und „Born To Run To A Certain Extent“ war ein wei¬
terer Arbeitstitel. Und „BornTo Die“, aber dann fanden wir
heraus, dass GRAND FUNK RAILROAD den schon mal hat¬
ten.
„Retox“ impliziert ein Verhalten, das Hank nicht gerade
gut tun würde.
Tom: Der ist ja schon längst wieder auf Heroin.
Hank: Yeah, I’m back on the booze. Das cleane Leben hat
mich gelangweilt. Das ist ein Protest gegen die ganzen Yup¬
pies in Oslo.
Tom: Und deshalb ist auch der erste Song „Atom bomb“
Oslo gewidmet. Die Leute denken alle, sie würden immer
individueller werden, dabei werden sie immer konformer.
Alle ziehen sich immer „alternativer“ an, und dabei ist das
doch alles nur eine Form von „Massen-Individualismus“.
Unsere Forderung lautet: Let’s party, bring out the booze,
the beer and the bomb.
Hank: Der Nihilismus ist zurück - aber in Form eines posi¬
tiven Nihilismus. Happylismus, wie wir das nennen.
Das klingt sehr aggressiv.
Tom: Dabei sind wir Norweger gar nicht so kriegerisch.
Über die Jahrhunderte haben wir nur gegen Schweden ge¬
kämpft ... und 1938 gegen Dänemark, als es um Grönland
ging, da mussten die Vereinten Nationen eingreifen. Und ir¬
gendwann haben wir auch gegen England Krieg geführt,
das muss zu Napoleons Zeiten gewesen sein. Und das war
wohl auch die Geburtsstunde des Britpop. Die Engländer
fühlten sich von den Norwegern erniedrigt.
Hank: Übrigens ist es ein Mythos, dass die Wikinger einst
die Männer getötet und die Frauen vergewaltigt haben. Es
war genau andersherum: Sie brachten alle Frauen um und
vergewaltigten die Männer.
Tom: Aber das bedeutet nicht, dass wir die Verantwortung
für Britpop übernehmen. Es waren vielmehr die Nach¬
kommen der schwachen keltischen Völker, die später eine
Vorliebe für Techno, House und Britpop entwickelten. Die
Nachfahren der Norweger hingegen erfanden New Wave
und Heavy Metal, etwa SAXON, MOTÖRHEAD und JUDAS
PRIEST.
Und deshalb hasst ihr Britpop.
Tom: Tun wir doch gar nicht. Wir betrachten ihn nur dis¬
tanziert.
Ihr seid ja auch große Fans von THE SOUNDTRACK OF
OUR LIVES, die mittlerweile sehr nahe dran sind an OA-
SIS, da hätte das auch nicht viel Sinn gemacht.
Tom: Ja, ich mag OASIS, und Euroboy kann seine Vorliebe
für Britpop auch nicht verhehlen. PRIMAL SCREAM mögen
wir ja auch. Aber wir können OCEAN COLOR SCENE, STE-
REOPHONICS und so blutleeren, lauwarmen Britpop über¬
haupt nicht leiden. No blood, no erection, so sieht das näm¬
lich aus.
Sprechen wir über euch, euer neues Album. Ihr habt
eben die konformistische, zahme heutige Alternativkul¬
tur beklagt. Nun kann man aber auch behaupten, dass
TURBONEGRO vor zehn Jahren gefährlicher waren...
Tom: Vor zehn Jahren hatten wir gerade mal eine Hand voll
Fans. Und da sollen wir eine Bedrohung für das Establish¬
ment gewesen sein? Ha! Heute haben wir Millionen von
Fans!
Hank: Und wir rekrutieren ständig neue, immer jünge¬
re Fans. Mit jedem neuen Album haben wir in den letzten
sechs Jahren mehr Konzerte auch vor einem jungen Publi¬
kum gespielt, und da tauchen immer mehrTurbojugend-Ja-
cken und Matrosenhüte auf. Wir selbst mögen zwar seit ei¬
ner halben Ewigkeit in der Szene aktiv sein und heute etwas
satt und voll erscheinen ...
Tom: ... aber das ist nur körperlich, hahahaha.
Hank: Genau. Das ist nur körperlich. Und wir rekrutie¬
ren weiterhin den abgefucktesten Teil der Jugend. Die gan¬
zen verpeilten hyperaktiven Kids aus kaputten Familien, die
früher zu Punks wurden, landen heute bei uns und wer¬
den über die Turbojugend zu Punks. Von daher mache ich
mir keinerlei Gedanken darüber, dass wir womöglich nicht
mehr gefährlich genug sein könnten. Wir sind heute die
Oligarchen einer Jugendkultur, die auf dem besten Wege
ist, eine richtige Armee zu werden! Und eines Tages werden
wir mit dieser Armee in ein kleines europäisches Land ein¬
fallen ... Liechtenstein zum Beispiel.
Tom: Es ist leicht bei diesem Thema nostalgisch zu werden.
Punk in den Siebzigern war eine Gegenkultur, aber man
vergisst leicht, dass Punk Ende der Siebziger riesig war: so¬
gar in abgeschiedenen norwegischen Fischerörtchen gab es
eine Punkszene mit fünf Bands, und jeder unter 25 hör¬
te diese Musik. Punk war beinahe Mainstream, und damals
veränderte Punk die Welt - und nicht als ROCKET FROM
THE TOMBS in Cleveland ihre Konzerte spielten oder die
STOOGES irgendwo in Ohio. Deshalb sehe ich eine sehr
große Ähnlichkeit zwischen der Turbojugend und den frü¬
hen Punkrock-Fans: In der Schule waren damals die klügs¬
ten und die dümmsten Typen in der Klasse Punkrock-Fans.
Hank: Genau, wir sind eine Außenseiter-Band für Außen¬
seiter. Und wir werden nicht nur älter, sondern auch wü¬
tender.
Die Zeit, das Alter fordert von euch also keinen Tribut.
Tom: Nein. Und wir kümmern uns auch nicht darum, was
auf dem Markt sonst so angesagt ist. Nimm nur diese gan¬
zen britischen Bands, die mit ihrem ersten Album komplett
durchstarten. Die Platte wird gehypet ohne Ende, doch mal
ehrlich, wer wird sich in zehn Jahren noch an die ARCTIC
MONKEYS erinnern? Niemand! Nimm dagegen eine Band
wie VELVET UNDERGROUND: Die haben zur Zeit ihres Be¬
stehens vielleicht 20.000 Platten verkauft, doch heute kennt
sie jeder. Und ich denke, dass TURBONEGRO eine sehr be¬
ständige Kraft darstellen. Dazu gehört auch unser Outfit,
der Denim-Look, weshalb wir eben auch diesmal nicht mit
einem neuen Leder-Outfit oder so aufwarten. Wir haben
uns als Cartoon-Band mit verschiedenen Charakteren eta¬
bliert, und das soll so bleiben. Hank tritt diesmal als Herr
Freiheit auf.
Hank: Ja, ich bin Mister Freedom.
Ich wollte dich gerade fragen, was es mit deinem Cape
und deinen Rodeo-Hosen im Stars & Stripes-Look auf
sich hat.
Hank: Das sind die Stars & Stripes of Consumption. I am
the sugardaddy.
Tom: Hank wird euch alle befreien, indem er euch in die
Hölle bombt. So wie die Amerikaner die Vietnamesen be¬
freit haben, hahaha.
Und was ist das für ein haariges totes Tier, das da zwi- *
sehen deinen Beinen hängt?
Hank: Das ist ein Nerz. Manchmal redet er mit mir, sagt mir,
was ich sagen soll.
Darf ich das mal anfassen? Süüüüß, der ist ja ganz weich
und flauschig. Aber wenn wir schon von eurem Outfit
sprechen, dann solltest du, Tom, vielleicht mal eine grö¬
ßere Jacke kaufen. Die spannt am Bauch ja schon gewal¬
tig...
Tom: Ich habe schon eine, aber was soll ich machen, ich bin
eben auch schon 38. Und lieber habe ich etwas Fett auf den
Rippen, als dürr zu sein.
Hank: Als wir vor ein paar Jahren zu diesen Rockstar-Iko¬
nen geworden waren, haben wir aus lauter Stress Bulimie
entwickelt, allerdings ohne das Kotzen, und das Ergebnis
siehst du ja ... Deshalb „wachsen“ wir alle etwas.
Aber ich habe gehört, dass die hübschen jungen Mädchen
dicke alte Männer nicht besonders attraktiv finden.
Tom: Kein Problem ... Nachts wandert das Volumen unserer
Bäuche in unsere Schwänze ...
Hank: Und der Nerz erwacht zum Leben ...
Seit einer ganzen Weile schon ist ein ausführliches Buch
über TURBONEGRO angekündigt, von einem norwegi¬
schen Journalisten. Wie ist da der Stand der Dinge?
Tom: Das Buch soll im September oder Oktober erschei¬
nen. Es wird eine Biografie, und der Autor arbeitet seit zwei
Jahren daran. Er hat wirklich jeden aus unserem Umfeld in¬
terviewt, sogar unsere Eltern und alte Schulkameraden, von
denen wir seit damals nichts mehr gehört hatten.
Hank: Er hat wohl im Sinn, die erste große europäische
Band-Biografie im Stile von „The Dirt“ oder „White Line
Fever“ zu schreiben. Hakon Moslet ist sehr ehrgeizig in die¬
ser Beziehung.
Tom: Er ist der Musik-Chefredakteur des norwegischen Ra¬
dios. Es wird wohl eine Mischung aus Boulevard-Journalis¬
mus und nerdigem Fan-Buch werden.
Dass just auch ein deutsches Buch über euch erschienen
ist, habt ihr mitbekommen?
Tom: Ich habe davon gehört. Eine Frau namens Uta Heuser
hat es geschrieben. Ich glaube, ich muss endlich Deutsch
lernen ... Soweit ich weiß, ist es aus der Sicht eines Fans ge¬
schrieben und geht auch viel über die Turbojugend. Diese
OX-FANZINE 46
TURBONEGRO/BALZAC
Bücher bedeuten jedenfalls, dass ich es in 20 Jahren schwer
haben werde, eine Autobiografie wie Albert Speer zu ver¬
fassen: Ich wusste nicht, was da vor sich ging, ich habe nur
Bass gespielt.
Was ein gutes Stichwort ist: Bei euch kann man sich nie
sicher sein, ob das, was ihr gerade tut, eine spontane
Punkrock-Aktion ohne tieferen Sinn ist, oder ob dahin¬
ter mal wieder ein perfider Masterplan steckt, denn ihr
seid ja erschreckend reflektiert, was euer Tun anbelangt.
Tom: Oft existiert der Masterplan ja auch, bei anderer Ge¬
legenheit jedoch nicht, da ist es nur kindischer Blödsinn -
und trotzdem hält es jeder für perfide geplant.
Hank: In Norwegen gibt es einige Journalisten, die uns ge¬
nau deshalb nicht leiden können. Die mögen nicht, dass
wir im einen Moment einen total analytischen Ansatz ha¬
ben, im anderen völlig mongoloid sind. Die sind nicht in
der Lage uns zu durchschauen und halten deshalb alles für
geplant. Wenn wir dann nach Deutschland fahren, um In¬
terviews zu geben, sehen die selbst darin einen bösen Plan,
vermuten dahinter die böse Absicht, dass wir nur mit Jour¬
nalisten reden, um mehr Platten zu verkaufen.
Anfang März erschien eurer erste Single aus dem neu¬
en Album, „Do You Do You Dig Destruction“, - als reiner
Download-Track für Mobiltelefone...
Tom: Ja, das ist ein ganz normaler mp3-Track, den man sich
auf sein Handy laden kann. Wir sind die erste norwegische
Band, die ihre Single in dieser Form veröffentlicht hat.
Und wie viele habt ihr verkauft?
Hank: Die Firma erwartet 70.000, aber wir haben noch
keine Zahlen bekommen.
Apropos Firma: Nach zwei Platten auf Burning Heart er¬
scheint euer neues Album bei edel music.
Tom: Als ich hörte, dass die uns signen wollte, war ich zu¬
erst erstaunt - und fing sofort an, das Lied von Schnappi vor
mich hin zu singen.
Hank: Wir hatten unseren Deal mit Burning Heart erfüllt, es
war okay, aber wir hatten keine Lust darauf, über sie noch
ein Album zu machen, wo wir von vornherein wussten, wie
es sich verkaufen wird. Jetzt sind wir mal gespannt, was edel
so können, und wir haben den Eindruck, dass die sich rich¬
tig anstrengen. Das sind Profis, die haben eine große Orga¬
nisation, sind aber letztlich immer noch ein Independentla-
bel. Und da fühlen wir uns wohler als bei Warner oder so.
„What is rock?!“, der letzte Song des neuen Albums, ist
eine schöne Antwort auf „Who will save Rock’n’Roll?“
vondenDICTATORS.
Tom: Das ist aber keine bewusste Antwort, auch wenn ich
den Song liebe. Es geht vielmehr um die uralte philosophi¬
sche Frage, was Rock ist. Aber was hältst du denn vom neu¬
en Album?
Nun ... ich finde es nicht besonders aufregend, drücken
wir es so aus.
Tom: Ja und? Das war doch nicht zu erwarten, denn wir
sind ja eine „Formel-Band“ wie die RAMONES oder
MOTÖRHEAD auch.
Hank: Man hätte auch den RAMONES bei jedem Album
vorwerfen können, dass sie nichts Neues zu bieten haben.
Oder AC/DC. Aber wir sind ja keine Künstler, die danach
trachten, bei jedem neuen Album besonders innovativ zu
sein, die mit total abgefahrenen alten Synthesizern expe¬
rimentieren und so. Im TURBONEGRO-Universum aber
ist jeder neue Sound ein Verstoß gegen das Ur-Schema der
HORROR AUS FERNOST
BALZAC
Keine Frage, BALZAC zählen zu den beliebtesten Bands der so populären Horrorpunk-Szene. Aber wie
andere Bands des Genres auch schaffen es die Grusel-Punks, Fans über die Fiend-Schar hinaus an¬
zusprechen. Zu sehen war das besonders gut in Köln (mit MUCC) und Dortmund (mit THE OTHER), wo
zahlreiche kreischende Girls die ersten Reihen bevölkerten. Genaueres wollten wir von Sänger Hirosu-
ke Nishiyama wisssen ...
Ihr habt momentan gleich zwei Alben in den Läden, bei¬
de auf verschiedenen Labels. Wie kam das denn? Wenn
ich mich recht erinnere, ist eins davon eigentlich die CD
eures Nebenprojekts ZODIAC, richtig?
Im letzten Jahr haben wir in Japan „Deep Blue“ veröffent¬
licht, welches gerade von unserem alten Label G-Force in
Deutschland herausgebracht wurde. Gleichzeitig stellen wir
unserem neuen Label Gan-Shin die CD unserer Nebenband
ZODIAC zur Verfügung, die hier unter dem BALZAC-Banner
läuft, da wir in Deutschland alles unter dem Namen veröf¬
fentlichen wollen. In Japan sind wir als BALZAC und ZODI¬
AC bekannt, in Deutschland kennt keiner ZODIAC.
Gan-Shin veröffentlicht bisher ausschließlich Bands der
so genannten J-Rock/Visual Kei-Szene. Fühlt ihr euch
als Teil davon?
Ich glaube nicht, dass wir dazugehören. Aber Gan-Shin ist
ein Label, das mit vielen japanischen Rockbands arbeitet,
und daher ist das eine gute Sache für uns. Außerdem wird
Gan-Shin in naher Zukunft weitere japanische Bands unter
Vertrag nehmen, die mit Visual Kei nichts zu tun haben. Ich
glaube zwar, dass es zwischen uns und dieser Szene Über¬
schneidungen gibt, aber im Endeffekt sind wir eine Hor-
rorpunk-Band. Aber eben auch J-Rock, da kommen wir
schließlich her. Ich hoffe Gan-Shin wird noch viele japani¬
sche Bands signen, denn es gibt so viele gute Künstler bei
uns und wir wünschen ihnen Erfolg in Europa.
Wie lief denn eure Tour mit den Visual Kei-Helden
MUCC? Habt ihr einige der Girlie-Fans auf eure Seite
ziehen können?
Immer mehr Leute sind interessiert an japanischen Bands
und ich glaube, dass viele der Kids, die auf die Tour mit
MUCC kamen, uns zum ersten Mal sahen. Viele davon ka¬
men auch später zu unseren Solo-Shows oder haben un¬
sere CDs gekauft. Wir scheinen also gut anzukommen. In
Japan spielen w r ir eh immer mit den unterschiedlichsten
Bands, wir geben Shows mit Bands, die wir mögen, egal,
aus welcher Richtung sie kommen. Dadurch gewinnen wir
auch immer wieder neue Fans und spielen größere Shows.
Selbst wenn es jedes Mal nur ein paar Leute sind, die uns gut
finden, ist das trotzdem ein Erfolg. Wir freuen uns immer,
wenn wir Gelegenheit haben, uns vor anderem Publikum
zu beweisen und mit Bands zu spielen, die nicht aus dem
Horror-Genre kommen.
Neben den erwähnten Alben gibt es neuerdings eine
Splitsingle von euch und Bela B., die sehr amüsant ist.
Bela ist ja ein großer Fan von euch und ihr habt schon
DIE ÄRZTE supportet. Aber wie kam es jetzt zu dieser
Kooperation?
Bela und ich haben einen gemeinsamen guten Freund. Er
hat das Projekt koordiniert. Armin unterstützt BALZAC, wo
er nur kann, und leitet sogar unseren Merchandise-Shop in
Hamburg. Eine Zusammenarbeit mit Bela war schon lange
im Gespräch, aber erst jetzt hat es wirklich geklappt. Immer
wenn wir in Deutschland waren, kam Bela zu den Shows,
genau wie. Rod. Und nun haben wir ein feines hörbares Re¬
sultat dieser Freundschaft.
War es schwierig, ein eigenes Konzept für die Songs zu
finden, die ihr von Bela gecovert habt und außerdem die
Stücke - die eigentlich auf Deutsch sind - auf Englisch
zu singen?
Wir sprechen natürlich kein Wort Deutsch. Also hat Bela
sich selbst die Mühe gemacht und seine Songs für uns über¬
setzt. Das war echt toll von ihm. Wir haben seine Songs wie
echte BALZAC-Tracks interpretiert. Kürzlich in Hamburg
war Bela übrigens wieder beim Konzert und wir hauen viel
Spaß bei der Backstage-Party.
Wie findet ihr denn Belas Versionen eurer Songs?
Ich war sehr beeindruckt von den coolen Arrangements,
die er kreiert hat. Es ist total anders als alles, war wir erwar¬
tet hätten. Wir war so was von überrascht und könnten uns
keine größere Ehre vorstellen.
Ihr covert generell viel, zum Beispiel von David Bowie,
MISFITS und THE DAMNED. Welche anderen Bands kä¬
men in Frage?
In Japan veröffentlichen wir viele Songs aufTribute-Alben,
zum Beispiel gerade von einer großen Rockband bei uns.
Oder von einer bekannten Hardcore-Band. Wir spielen nur
die Sachen nach, die uns persönlich gefallen, aus Respekt
für die Bands und weil sie uns beeinflussen.
Nebenbei habt ihr sogar noch eine MISFITS-Coverband,
mit der ihr gelegentlich auftretet. Bist du auch heute
noch MISFITS-Fan?
Aber natürlich. Es gibt viele Punk-Bands aber die MISFITS
sind meine Lieblinge. Sie haben unseren Sound maßgeb¬
lich beeinflusst. Die MISFITS haben so eine große Rolle in
meinem Leben gespielt, dass ich ihnen ewig etwas schul¬
dig bin.
Neben den vielen musikalischen Projekten gehört euch
auch Shocker Clothing. Dank eurem Freund Armin
Strömmer gibt es jetzt auch eine Dependance in Ham¬
burg. Erzähl uns mehr davon.
Wir haben die Marke „Shocker“ im Jahre 2000 ins Leben
gerufen. Unser Bassist Akio war verantwortlich dafür. Frü¬
her haben nur BALZAC-Fans unsere Klamotten gekauft,
heute sind es auch Leute, die mit der Musik nichts am Hut
haben. In Japan ist unserer Kleidung sehr populär. Die Klei¬
dung ist sehr von Punk und Horror beeinflusst. Außerdem
gibt es noch die Marke „Dementia 13“, die noch mehr von
Horror und Serienkillern beeinflusst ist, aber sich mit tra¬
ditionellem japanischem Stil mischt. Armin hat einen Shop
in Hamburg, Comic Cave, in dem er jetzt auch die „Sho¬
cker“- und „Dementia“-Sachen vertreibt. Checkt mal sho-
cker-eu.com.
Es geht bei euch hauptsächlich um Punk und Horror,
Band. Abgesehen davon kann ich aber verstehen, dass die
Aufregung über unser Comeback mittlerweile etwas verflo¬
gen ist. Und deshalb mussten wir uns in Norwegen auch
anhören, wir hätten unser Comeback doch etwas zu lange
ausgedehnt, hahaha.
Tom: Dabei sind wir schon längst über die Aufregung des
Comebacks hinaus, unser Ziel ist es jetzt, eine beständige
Band zu sein. Wir erwarten nicht bei jedem neuen Album
unglaublichen Jubel, wollen aber solides Handwerk ablie¬
fern, gute Songs, die man sich auch in zehn Jahren noch an¬
hören kann.
Hank: Außerdem hat ja auch nicht jeder von uns die RA¬
MONES von Anfang an mitbekommen, sondern sie auch
durch eines ihrer späteren Alben entdeckt. Und so ist es
mit den Kids auch bei uns: Die entdecken uns über „Re-
tox“ und lernen dann erst die alten Platten kennen. Aber
so denken die Scenesters, die uns seit 15 Jahren verfolgen,
eben nicht.
Tom: Und wir machen es uns nicht leicht, denn als „For-
mula Band“ bewegt man sich in sehr engen Bahnen. Und
sowieso sollte eine klassische Rock’n’Roll-Band meiner
Meinung nach auch* nicht innovativ sein. Wenn wir das
versuchten, wäre das unser Ende. Das beste Beispiel dafür
sind GUNS N’ ROSES: Als die damals diesen Delphin im Vi¬
deo hatten, stieg Slash aus. Er sagte, er habe sich eine Men¬
ge Scheiße von Axl Rose anhören müssen, doch das sei der
Tropfen gewesen, der das Fass zum überlaufen brachte. Und
diesen metaphorischen Delphin wirst du niemals in einem
TURBONEGRO-Video entdecken. Außer vielleicht mit ei¬
nem Speer im Rücken, hahaha.
Joachim Hiller turbonegro.com
doch was für andere Musik hörst du gerne?
Ich höre die BEATLES, seit ich denken kann. Und ich bin
wohl der größte George Harrison-Fan überhaupt. Ich
sammle alles von ihnen, was ich kriegen kann. Auf der letz¬
ten Deutschlandtour zum Beispiel habe ich viele Schätze er¬
gattern können. Ich habe mich sehr gefreut.
Wie ist denn die Horrorpunk-Szene in Japan über¬
haupt?
Es gibt eine Szene, aber die ist nicht wirklich groß. Ein paar
Bands sind es noch, früher waren es viel mein. Das größte
Problem ist wohl, dass es in Japan kein Horror-Label wie Fi-
endforce Records gibt, also die Bands nicht bekannt wer¬
den. Es gibt ein paar Bands, die ihre Platten selber vertrei¬
ben und auch sehr aktiv sind und sogar von uns beeinflusst
sind. Aber wenn in Japan jemand Horrorpunk sagt, denkt
jeder an die MISFITS und nicht an andere Bands.
Thorsten Wilms balzac30B.com
OX-FANZINE 47
VOLLER BAUCH GROOVET NICHT
FEHLFARBEN
Als die 1979 in Düsseldorf gegründeten und 2002 wiedervereinten FEHLFARBEN vor fünf Jahren ihr Al¬
bum „Knietief im Dispo“ veröffentlichten, ging das einher mit einem kleinen NDW-Revival und diversen
Feierlichkeiten und Ausstellungen zu 25 Jahren Punk. Fünf Jahre später beweisen Peter Hein und Co. mit
dem neuen Album „Handbuch für die Welt“, dass sie auch unter „Normalbedingungen“ funktionieren,
dass sie keine Nostalgietruppe sind, sondern ein angesichts deutschsprachigen Popkultur-Wildwuch¬
ses unverzichtbares Korrektiv. Aus diesem Grund traf ich mich dem Ex-Düsseldorfer und Ex-Xerox-Mit-
arbeiter Hein alias Janie J. Jones zum gemeinsamen Begutachten des neuen Julien Temple-Films „Joe
Strummer-The Future Is Unwritten“ nebst anschließendem Interview.
Was machst du derzeit?
Bald wieder arbeiten gehen.
Wie, hast du einen neuen Job?
Nee, wir gehen auf Tour. Was Ordentliches bekomme ich in
Deutschland nicht mehr.
Ist das deine schreckliche Erkenntnis?
Schrecklich ist das nicht, aber realistisch.
Fakt ist jedenfalls, dass eines seit deinem Abgang bei Xe¬
rox nicht mehr stimmt: Der Verweis auf deine geheim¬
nisvolle Anstellung bei jenem Kopiererhersteller, der in
fast jedem Text über die FEHLFARBEN und deine Person
auftaucht.
Ja, das werde ich nicht los. Und theoretisch ist das neue Al¬
bum das erste, wo sich diese Geschichte inhaltlich hätte aus¬
wirken können. Aber ich glaube, man merkt keinen Unter¬
schied, auch wenn es für mich eine Zäsur war. Textlich hatte
ich mich ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr damit befasst,
das letzte Lied war „X 9200“ mit MITTAGSPAUSE. Und ich
kann auch nicht behaupten, dass mich meine Kollegen in¬
spiriert hätten. Da ich jetzt ja keine Kollegen mehr habe,
wäre mir das sicher aufgefallen. Aber der Job hat natürlich
gut geholfen, immer die Miete zu bezahlen, man hatte im¬
mer was zu essen, aber nicht viel Zeit. Jetzt ist es umge¬
kehrt, wobei ich jetzt erstaunlicherweise auch nicht so viel
Zeit habe. Man fragt mich immer, was ich eigentlich mache,
und das weiß ich zwar auch nicht, aber Zeit habe ich keine.
Und darüber jammern, dass man arm ist, das bringt ja auch
nichts, das ist man ja oft auch schon, wenn man noch ver¬
dient. Der einzige Text, der das Thema betrifft, den habe ich
nicht weiterentwickelt.
War der zu jammerig?
Nee, das Stück an sich war zu blöd.
Trotzdem ist aber doch mit dem Ende deines Xerox-Jobs
doch auch ein prägendes Element deiner Vita weggefal¬
len, schließlich will es die Legende, dass du einst auf eine
Karriere mit den FEHLFARBEN zugunsten deines Jobs
verzichtet hast.
Ja, aber das habe ich dir ja auch schon mal erzählt, dass das
alles so nicht gestimmt hat. Es hatte sich damals eben so er¬
geben, es gab nie den Punkt, wo ich sagte: „Ich will arbei¬
ten, statt in der Band zu sein“. Der Punkt war, dass ich sei¬
nerzeit eine große Tour nicht mitmachen konnte, darüber
dann mit den anderen so im Clinch lag, dass ich alles hin¬
warf. Und im Laufe der Jahre hat es sich dann nie ergeben,
dass jemand so viel Geld zur Verfügung gesteht hätte, um
Plattenmachen und Konzertespielen zum alleinigen Leben¬
sinhalt machen zu können. Das hatte sich dann einfach er¬
ledigt. Was ich jetzt mache, erleben andere Leute zwischen
16 und 25: Jedes Konzert mitnehmen, nicht wissen, wo die
Kohle herkommt, haha.
Ist das so lustig, wie du das gerade erzählst?
Nicht wirklich, aber wie man weiß, kann nur aus solchen
Umständen große Kunst wachsen, haha. Ein voller Bauch
groovet nicht.
Neben Xerox war ein wichtiger Bestandteil des Mythos’
ja auch immer Düsseldorf. Nim bist du aber vor einigen
Monaten zu deiner Freundin nach Wien gezogen.
Ja, und das ist schon was ganz anderes. Aber ehrlich gesagt
ist das so ein typischer Fall von „Was schert mich mein Ge¬
schwätz von gestern?“. Das hat aber eben rein private Grün¬
de, da galt es Wein, Weib und Gesang zu verbinden.
Und wie man sieht und hört, funktionieren die FEHL¬
FARBEN auch ohne Düsseldorf.
Das ist aber eben auch wieder so ein Gerücht, was die Bezie¬
hung der FEHLFARBEN zu Düsseldorf anbelangt. Mit-Grün-
dungsmitgliedThomas kommt aus Solingen, wir haben bei
dessen Eltern im Keller unsere ersten Stücke geschrieben.
Der Fenstermacher kam aus Düsseldorf, ja, aber die anderen
aus Wuppertal und so, ich war der einzige andere aus Düs¬
seldorf. Wir haben immer in Solingen oder Wuppertal ge¬
probt, nie in Düsseldorf.
Gibt es Altbier in Wien?
Gibt es wahrscheinlich, aber das muss frisch gezapft sein,
aus der Flasche kann ich das nicht trinken. Außerdem
schmeckt das Wiener Bier auch lecker, und erst der Wein ...
Aber in Düsseldorf kannte dich jeder, in Wien bist du ein
Nobody.
Nicht ganz. Aber es ist schon ein anderes Umfeld, da habe
ich Bekannte eher über meine Freundin und kenne ansons¬
ten Leute aus Clubs wie dem Chelsea, wo wir früher schon
mal gespielt haben. Na ja, und dass man mich in Düssel¬
dorf in zwei, drei Kneipen kannte, ist ja auch nicht so das
Ding. Wer weiß, vieheicht wird man ja auch irgendwann
mal seriös ...
Man könnte meinen, so manche Zeile aus „Geteilte Welt“
bezöge sich auf deinen Umzug.
Überhaupt nicht! Das ist alles von Thomas, an demText habe'
ich gar nichts geändert. Als ich das eingesungen habe, stand
das mit Wien auch noch gar nicht zur Debatte. Ich kann halt
einfach gut so tun, als ob mich ein Text betrifft, haha.
Ist denn zumindest der Opener „Anders geblieben“ au¬
tobiografisch?
Ja, da geht es um Fortuna Düsseldorf. Und um MITTAGS¬
PAUSE.
Ich habe den Eindruck, dass da aber auch durchaus aktu¬
ell politisch kommentiert wird, etwa in Richtung Glo¬
balisierungskritik.
Aber das macht man ja immer, dass man aufgreift, was ge¬
rade so in der Luft hegt, und ab und zu ein paar Sachen, die
man meint, auch sagt, und das mit Sachen, die eher lustig
sind, verknüpft. Und da kann man sich dann als Hörer auch
immer mehr dabei denken als wir selbst als Macher. Wenn
man will. Oft ist so ein Lied in der „Herstellung“ viel einfa¬
cher, als es nachher nach außen hin wirkt. Und da ist eben
auch etwas Selbstverarschung enthalten. Aber man kann ja
trotzdem gegen Sachen sein.
Du sagtest eben, dass einige Lieder nicht von dir sind.
Ja, das sind drei oder vier auf dem neuen Album, und aus¬
gerechnet dazu haben mir in den letzten Tagen Leute in In¬
terviews Fragen gestellt. Aber es ist schon so, dass ich bei al¬
len Texten die Endredaktion mache. Da habe ich auch schon
mal eine Zettelsammlung, die ich dann mit meinen Wor¬
ten zu einem fertigen Text ergänze. Ich nehme dafür dann
zwar keine Credits in Anspruch, aber da vermisst manch¬
mal schon jemand ein entscheidendes Wort, weil ich den
Text beim Singen anders eingeschliffen habe. Also das, was
die Leute sonst mit mir machen, mache ich da mit ande¬
ren, haha.
Du standest letztes Jahr in Berlin beim Konzert der
MONKS mit auf der Bühne, auf dem Tribute-Sampler
warst du dabei, und jetzt gibt es „We do wie du“ auf dem
neuen FEHLFARBEN-Album.
Als damals dieser MONKS-Tribute-Sampler konzipiert wur¬
de, haben die auch bei uns angefragt, was ich eigentlich gar
nicht verstanden hatte. Aber ich kannte die MONKS, fand
die Idee okay, und so machten wir da mit, wobei mir klar
war, dass bei dieser Band Werktreue angesagt ist und Ver-
OX-FANZINE 48
FEHLFARBEN
fremdung nichts bringt. Und so nahmen wir das Lied fin¬
den Sampler auf. Die Version, die jetzt auf dem Album zu
finden ist, ist aber eine andere. Der Auftritt in Berlin zusam¬
men mit Mark E Smith und Schorsch Kamerun war auch
echt lustig, drei echte MONKS waren noch dabei, und das
sind so freundliche ältere Herren, die sehr gut losrockten.
Punk darf man bei denen ja nicht sagen, denn Malcolm
MacLaren hat sich was anderes dabei gedacht, aber es war
schon geil. Wobei ich sagen muss, dass ich die MONKS auch
erst spät durch ein Reissue des Albums kennen gelernt habe,
das gab es mal für 6,99 oder so bei 2001. Bis dahin kann¬
te ich die nur von Fotos her, weil ich die in einem Buch
über deutschen Beat gesehen hatte mit ihren Kutten und
Mönchstonsuren.
Wenn wir schon von alten Bands reden: Wie hast du
als großer CLASH-Fan - dein Aliasname Janie J. Jones
kommt ja nicht von ungefähr - den Tod von Joe Strum-
mer wahrgenommen?
Das kam sehr überraschend. Und wie wir im Film gesehen
haben, war sein Tod ja nicht mal dem Rock’n’Roll-Leben
geschuldet, sondern einem Herzfehler. Ich hatte Strummers
Schaffen nicht mehr so genau verfolgt, und es war schon
schockierend, das hat mich auf jeden Fall mehr getroffen als
seinerzeit der Tod von SidVicious. Dass jemand aus der Fa¬
milie stirbt, das ist ja normal, aber solche Leute wie Strum-
mer doch nicht! Das ist irgendwie anders. Ohne irgendwel¬
chen Onkels zu nahe zu treten: Die haben nichts mit mei¬
nem Leben zu tun, die beeinflussen einen nicht. Seine Ver¬
wandten hat man sich ja nicht ausgesucht, genauso wie sei¬
ne Klassenkameraden, weshalb es völhg uninteressant ist,
was die heute machen - keine Ahnung, ob ich überhaupt
noch welche habe. Aber in Kreisen, denen man selbst aktiv
beitritt, da ist das schon anders, da macht einem so ein To¬
desfall mehr aus.
So um die 50, das ist ja auch ein komisches Alter für
Rock’n’Roller.
Klar, das ist auch in kreativer Hinsicht ein komisches Al¬
ter, das merken wir ja auch. Noch zehn Jahre mehr, dann
bist du schon wieder so ein Johnny Cash, ein alter Sack, der
zum einen überhaupt noch lebt und zum anderen immer
schon wichtig war. Und zehn, fünfzehn Jahre zurück ist es
so, dass die Nachfolgergeneration dich gerade nicht wahr¬
nimmt. Jetzt dagegen steckt man so richtig in einer Lücke,
wo so recht keiner mehr was von dir wissen will. Zumin¬
dest in kommerzieller Hinsicht und von ein paar löblichen
Ausnahmen mal abgesehen. Es ist auf jeden Fall eine ko¬
mische Zeit, und bei vielen Musikern wirkt sich da dann
wohl auch körperlich die Vergangenheit etwas aus, wo viele
Schindluder getrieben haben mit ihrem Körper. Und selbst
wenn man sich dann zurückhält, nützt das nicht mehr viel.
Keith Richards hat mal gesagt, er fühle sich nur krank, wenn
er keine Drogen nimmt - wahrscheinlich muss man das
also, wenn man mal angefangen hat, einfach durchhalten.
Keith sieht ja jetzt besser aus als vor 20 Jahren. Ja ... Aber
nicht dass das jetzt so aufgefasst wird, als wolle ich die Ju¬
gend verderben.
Wie aktiv sind denn FEHLFARBEN als Band derzeit?
So aktiv, wie es eben geht. Bei der letzten Platte wurde ja
behauptet, wir hätten bei den Alben einen Zehnjahres-
Rhythmus, aber das war ja nur ein dummer Zufall. Ich fän¬
de es okay, wenn man einen Zweijahres-Rhythmus hinbe¬
kommen würde. Bislang jedenfalls rechtfertigt das Ergeb¬
nis immer noch den Aufwand - rein künstlerisch, nicht fi¬
nanziell. Das Plattenmachen ist immer noch okay, das Spie¬
len auch super, und deshalb machen wir das jetzt, solan¬
ge es geht. Und wichtig ist, dass wir uns gegenseitig nicht
auf den Keks gehen und wir zwischendurch alle was ande¬
res machen können. Die FEHLFARBEN allein ziehen auch
nicht so viele Leute, dass wir da das ganze Jahr aufTour ge¬
hen können.
Machst du denn irgendwas, um dich fit zu halten, bist du
ein Iggy Pop-liker Asket?
Nee, ich mach gar nichts, das ist mir egal. Und so Boden¬
turnen ä la Jagger muss ich nicht haben. Von diesem ganzen
Rock’n’Roll-Tanzsport halte ich gar nichts, und Campino
ist mir auch schon zu sportlich trainiert. Ich war eben noch
nie gut mit Klimmzügen und so. Bislang kann ich die Wam¬
pe ja noch gut kaschieren.
Sportlich zu sein ist definitiv nicht Rock’n’Roll, finde
ich.
Nee, und man muss einfach komische Sachen machen,
wenn man unsportlich ist, und es sieht auch besser aus,
wenn man umfällt. So Bodybuilder haben im Rock’n’Roll
nichts zu suchen. Wenn ich bei einem Konzert schlapp bin,
dann steh ich halt blöd rum, egal.
Euer neues Album gefällt mir ausgesprochen gut, weil es
wirklich sehr schön „tight“ ist.
Davon kannst du fünfzig Prozent dem zuschreiben, dass wir
drei Jahre länger geübt haben, als beim Album davor. Und
wichtig ist auch, dass wir die Stücke alle „auf dem Platz“
eingeschliffen haben. Das Zusammenspiel ist einfach wie¬
der richtig gut. Bei der letzten Platte hatten wir nur ein paar
Wochen im Proberaum, jetzt liegen hundert Konzerte da¬
zwischen, und wenn man das nicht merkt, dann kannst du
echt alle nach Hause schicken. Und eigentlich kommt das
Album beinahe schon zu spät, aber es hat sich halt durch
die Jubiläumsplatte „26 1/2“ noch mal ein Jahr verspätet.
Noch länger hätte man die neue Platte nicht liegen lassen
dürfen, sonst hätte man alles neu machen müssen. Wenn
man Sache zu lange liegen lässt, sind sie dann, wenn sie
rauskommen, einfach nicht mehr so, wie man sie haben
wollte: Technische Dinge, dein Geschmack, der allgemeine
Geschmack, alles ändert sich.
Mit was für Bands messen sich die FEHLFARBEN heute?
Mit denen, die man im Radio eigentlich nicht hören möch¬
te. Das Problem ist, dass man die dann aber doch immer
hört. Das sind die Bands, die man eigentlich verhindern
möchte, indem man selbst eine Platte macht. Man denkt
sich, man ist eigentlich eine Alternative, aber das ist eitel ge¬
dacht und funktioniert leider nicht. Mit Leuten wie ÄRZTE,
TOTEN HOSEN und Grönemeyer misst man sich gar nicht
erst, die spielen in einer anderen Liga, damit hat man gar
nichts zu tun. Und die ganzen Jungspunde wie BLUMFELD
lösen sich einfach auf, die haben kein Stehvermögen, haha.
Nur weil Verkäufe statt 50.000 nur noch 40.000 sind. Und
die richtigen Jungspunde lösen sich ja erst recht auf: All un¬
sere früheren Vörgruppen gibt’s nicht mehr.
Wie sieht denn euer Publikum heutzutage aus?
Also wer bei unseren Konzerten nur die Alten sieht, ist sel¬
ber einer, denn dann stehst du nur hinten. Nach vorne hin
wird’s jünger. Unser Publikum ist also recht gemischt, wo¬
bei wir nicht damit rechnen, dass TOKIO HOTEL-Fans zu
unseren Konzerten kommen. Außer dass wir besser sind,
haben wir denen aber auch nichts zu sagen - aber das be¬
hauptet jeder andere auch. Aber so ab Mitte 20 sieht man
bei uns durchaus Leute im Publikum, und die befassen sich
auch mit uns. Leute in unserem Alter wiederum sind eher
die Ausnahme, die sind ja alle zu faul, aus dem Haus zu ge¬
hen, und Zigarrerauchen und Rotweintrinken macht in
den Läden, wo wir spielen, auch keinen Spaß, und ein Fo¬
yer, um sich über Drehbücher zu unterhalten, gibt es auch
nicht. Ich schätze, unser Publikum deckt sich ganz gut mit
den Ox-Lesern, wobei ich vieles, was ihr schreibt, gar nicht
mehr verstehe, diese ganzen jungen Bands da ...
Hat sich der Jubiläumstrubel eigentlich auf die Verkäufe
von „Monarchie und Alltag“ ausgewirkt?
Die sind über die letzten 15 Jahre konstant gebheben, das
pendelt zwischen 1.000 und 5.000 im Jahr.
Hast du noch nie darüber nachgedacht, dich auch mal an
einem Buch zu versuchen? Macht heute ja jeder, aber du
hättest wenigstens was zu erzählen...
Meine neuen Nachbarn haben mich kürzlich dazu überre¬
det, in ihrem neugegründeten Verlag ein Elaborat zu veröf-
fendichen, aber ich weiß noch nicht, ob ich das rechtzeitig
zusammengeschmiert bekomme. Das soll so eine Zusam¬
menstellung von „Reisenotizen“ werden, kein Roman, kein
Krimi, und auch kein Buch über das Rock’n’Roll-Leben,
sondern Aufsätze, wie früher in der Schule: „Berlin - Fluch
oder Segen?“, in der Art. Ich habe ja immer wieder mal was
geschrieben, aber nie durchgängig. Und ich kann mich
auch nicht hinsetzen, so als ob da etwas aus mir raus müs¬
se, und ein paar hundert Seiten schreiben, und am Schluss
will das keiner haben. Dann scheiß ich da lieber drauf. Ich
mache erst dann was - das ist nicht anders als beim Stücke¬
schreiben für die Band -. wenn mir jemand sagt, er will
was haben.
Da sind die nassforschen jungen Burschen anders, denn
die gehen davon aus, dass die Welt auf sie gewartet hat.
Deshalb habe ich ja etwas gewartet, und Jetzt muss ich nicht
mehr unbedingt Erinnerungen aus meiner Schulzeit los¬
werden. Und wenn man etwas älter ist, merkt man auch,
dass man letztlich immer nur die gleiche Story erzählt, wie
das damals bei MITTAGSPAUSE war, und dann bei FEHL¬
FARBEN ... Da muss man sich dann etwas bremsen und das
besser gar nicht erzählen. Aber so eine Lesereise, das wäre
sicher lustig, und ich hätte ja auch kein Problem, gar nichts
von mir zu lesen, sondern irgendwas Lustiges von anderen.
Dann könnte ich mir das Geschreibe auch sparen, haha. Ich
frage mich angesichts der ganzen Bücher, Hörbücher und
Lesereisen aber schon, warum es überhaupt jemand gibt,
der diesen Leuten die Mittel zur Verfügung stellt, dass da
Leute das hören wollen - dass die das überhaupt dürfen! Da
darf so ein Kölner in seinem Dialekt Dylan vorlesen und be¬
kommt dafür noch Sendezeit im Fernsehen - wo ist da der
Zusammenhang? Oder Leute, die mal Musikvideos ange¬
sagt haben, machen jetzt Hörbücher, das verstehe ich nicht.
Langer Rede kurzer Sinn: Die Deppen werden gefragt, und
mich fragt einfach keiner.
Wohl weil die denken, dass auf die Frage eh nur eine ge¬
hässige Antwort kommt.
Das ist ja nicht von der Hand zu weisen. Andererseits ist
man sich ja manchmal auch für nichts zu blöd. Letztlich
kommt es immer auf das Was und Wie an.
Zum Schluss noch die Frage nach den aktuellen Aktivitä¬
ten von FAMILY* 5.
Wir haben dieses Jahr bisher zwei Auftritte gemacht, aber
ansonsten ist da derzeit nichts drin. Es gibt keinen Druck,
keine Aussicht auf eine neue Platte, und Konzerttermine
sind wegen der verschiedenen Aktivitäten von uns allen
schwer zu koordinieren. Und solange die anderen nicht mit
neuen Stücken ankommen, mache ich auch nichts.
Joachim Hiller fehlfarben.com
steady fremdkörper das aitum jetzt
auf tour: ^ ä ;
very special gueat: Chuck Ragan (ex-Hot Water Music)
13.09. Eri'urt - Open Air an der E-Burg / 14.09. Längen - Rock Am Pierdemarkt /
15.09. Hamburg - Knust / 16.09. Berlin - Lido / 17.09. Dresden - Groovestation
19.09. Köln - Underground / 20.09. Bieleield - Kamp / 21.09. Dortmund - BZW
22.09. Saarbrücken - Roxj' / 23.09. Buchloe - JuZ / 25.09. Gießen - LiuK
26.09. Erlangen - E-Werk / 27.09. A-Graz - PPC / 28.09. A-Lustenau - Carinisaal
29.09. A-Steyr - Röda / 30.09. A-Wien - Arena / 02.10. Konstanz - Kulturladen
03.10. CH-Luzern - Schüür / 05.10. Karlsruhe - Substage / 06.10. Chemnitz - Talschock www.muffpotter.net
OX-FANZINE 49
EINE KREDIBILE MÄRCHENSTUNDE
BUBONIX
Wenn eine Band über 13 Jahre zusammenspielt, kann man davon ausgehen, dass die Mitglieder es mit
ihrer Musik ernst meinen. Die BUBONIX nehmen ihre Musik ernst, genauso tun sie es mit den Texten und
auch sonst allem, was das Leben als Musiker - in einer nicht gerade übermäßig erfolgreichen Band -
mit sich bringt. Die Losung heißt D.I.Y. - und das ist im Fall der Limburger mehr als nur eine hohle Phra¬
se. Selber machen und selbst reflektieren erlauben aber auch eine andere Sichtweise auf Dinge wie Re¬
levanz oder Erfolg. Mit „Please Devil, Send Me Golden Hair“ könnten sich die Dinge für Thorsten Po-
lomski (Gesang), Oliver Kunz (Bass), Sarah De Castro (Gitarre), Hermann Weier (Schlagzeug), Markus
Klees (Gitarre) und Nenad Grbavac (Gitarre) ändern. Die BUBONIX wagen einen Blick über den Teller¬
rand der Hardcore-Szene und veröffentlichen ein Album, das bei aller Eingängigkeit an keiner Stelle den
nötigen Biss vermissen lässt.
Wie würdet ihr eure momentane Situation beschrei¬
ben?
Wir haben endlich eine neue Platte im Gepäck, die wir
auch live präsentieren werden, und darauf freuen wir
uns riesig. Die ganze Entwicklung bis „Please Devil, Send
Me Golden Hair“ hat sehr viel Zeit und Energie in An¬
spruch genommen, was auch dazu führte, dass wir we¬
niger Shows spielen konnten. Normalerweise bräuch-
ten wir jetzt alle eine Kur an der Nordsee oder einen Ur¬
laub im Schwarzwald. Es ist schon eine Menge Arbeit, die
wir da in die Platte gesteckt haben. Auf der anderen Seite
hat uns Arne von Nois-O-Lution an allen Ecken und En¬
den geholfen und ist uns auch menschlich total ans Herz
gewachsen und aus unserer Familie nicht mehr wegzu¬
denken. Danke für die weltmeisterliche Zusammenar¬
beit! Richtig wohl fühlen wir uns auch mit Amadis, die
jetzt das Booking für uns übernommen haben. An diesem
kurzen Abriss sieht man schon, was alles so in den letzten
Monaten passiert ist. Am wichtigsten für uns ist jedoch,
dass wir als Band noch enger zusammengewachsen sind
und nach über 13 Jahren jetzt endgültig jeder von jedem
weiß, wer beim Träumen in der Nase bohrt, wer beim
Sushi essen nur an Fußball denkt oder wer seinen Kaffee
gegen die Uhrzeigerrichtung umrührt und dabei Lieder
von Seefahrern summt.
Ihr erhaltet eine Menge Aufmerksamkeit. Seid ihr
misstrauisch, wenn ihr jetzt irgendwo abgefeiert wer¬
det, wo ihr vorher noch mit Nichtbeachtung bestraft
worden seid?
Na ja, wir springen da wie immer ins kalte Wasser und
lassen uns überraschen. Das war vorher auch nicht an¬
ders, wenn wir das erste Mal in einer uns unbekannten
Location spielten. Wir freuen uns, immer neue Orte ken¬
nen zu lernen, ob es gut oder schlecht wird, ist eine an¬
dere Sache, aber wir sind Optimisten und in der Vergan¬
genheit auch immer dafür belohnt worden. Die ange¬
sprochene „Nichtbeachtung“ resultierte ja wahrschein¬
lich aus dem Nichtkennen der Gruppe, so dass wir da
auch gegen niemanden misstrauisch sein können, der
jetzt unser Album gut findet.
Auf „Please Devil befinden sich unglaublich ein¬
gängige Momente. Wolltet oder konntet ihr so etwas
auf den vorigen Veröffentlichungen nicht?
Das hängt wohl damit zusammen, dass wir auch teil¬
weise ziemlich eingängige Musik hören und das spie¬
gelt sich im Songwriting wider. Es sind auch situations¬
bedingte Momente, wo Text und Musik zusammen pas¬
sen; manchmal sind diese dann eher melodischer und
eingängiger oder hart und core. Auf den vorigen Releases
hatten wir noch ganz andere Stimmungen in uns. „Ple¬
ase Devil...“ ist textlich und musikalisch ein kleiner Aus¬
schnitt aus unserem turbulenten Leben, einfach ein Aus¬
druck der BUBONIX, der sich immer weiter entwickelt,
da viel passiert.
Wie bewahrt man sich über 13 Jahre die Unschuld, sol¬
che Musik zu machen? Oder würdet ihr euch eher als
eine abgeklärte Band bezeichnen?
BUBONIX ist auf keinen Fall eine abgeklärte Band, da
passiert musikalisch und textlich immer wieder was
Neues. Wenn wir es wären, gäbe es uns wahrscheinlich
schon längst nicht mehr, denn die Lust am Musik ma¬
chen, sich darüber auszudrücken, mit Freunden touren
hält uns zusammen und ist auch ein Stück Familie für
uns. Ob es für andere toll ist oder nicht, zählt in dem Mo¬
ment nicht, wir machen neue Erfahrungen und Entwick¬
lungen durch. So kommen auch immer wieder neue In¬
strumente hinzu, die zur Stimmung der Songs beitragen
und sich nicht im Gitarrengewitter verlieren. Wir wer¬
den das Rad nicht neu erfinden und wollen uns auch nie¬
mandem beweisen, werden es nicht allen recht machen,
die Geschmäcker sind auch verschieden - was auch gut
ist. Aber für uns zählt in erster Linie, dass wir damit zu¬
frieden sind.
Wie kriegt man, das, was in den Köpfen von sechs
Bandmitgliedern so vor sich geht, unter einen Hut?
Kommunikation hat Priorität, denn eine Band ist auch
eine Beziehung, die nur so gepflegt werden kann. Wir
sprechen oft über verschiedene Themen in der Band, ge¬
nauso auch in Bezug auf unsere Texte. Es wird da schon
öfter mal ein Plenum gehalten. In der Kennenlernphase
einer Band ist es anfangs immer schwierig sich voranzu¬
tasten, aber wir machen das jetzt schon seit einiger Zeit
und jede/r weiß mittlerweile, worauf sie/er Lust hat, und
so wird das dann gemacht. Genauso ist das Vertrauen der
anderen auch beim Songwriting da; einer Person fällt ein
Song ein und sie weiß ungefähr, was die anderen dazu
spielen werden. Es ist auch wichtig, über die Stimmung
des Textes mit seinem Inhalt zu sprechen, damit sich alle
damit identifizieren können und sich auf eine Stimmung
einlassen können.
Über was für Themen wird innerhalb der Band am
häufigsten und leidenschaftlichsten gestritten?
Gute Frage. Also, fußballerisch sind wir so ziemlich ei¬
ner Meinung und favorisieren in erster Linie norddeut¬
sche Vereine. So ist es wohl auch mit musikalischen, po¬
litischen, wirtschaftlichen oder kulinarischen Fragen. Da
kann jede/r die Gedanken und Gefühle des anderen von
den Lippen ablesen. Am leidenschaftlichsten sind wir mit
Sicherheit auf der Bühne. Hier kommen dann die ganzen
Emotionen raus, seien sie nun positivem oder negativem
Ursprungs, und werden im Rahmen der Show zu einer
energiereichen Party mit allen Beteiligten verwandelt.
Ist es für euch eher von Vor- oder Nachteil, dass ein
großer Teil der Musik im Dunstkreis der HC/Punk-
Szene im Endeffekt auf sehr konservative Weise funk¬
tioniert?
Ja, das ist teilweise sehr schade, wenn eine Szene nach
einem Dogma funktioniert und sich im Kreis dreht, nix
Neues zulässt. Deshalb haben wir zum Beispiel bei dem
Song „Kaputt und weiter“ einen Part mit einer Sampler-
Bassline, die von einem Glockenspiel unterstützt wird.
Dieser Oldschool-HC-Song ist nichts Neues vom Spie¬
len und der Struktur her, aber nur wenige Bands in dem
Genre oder der Szene springen über ihren eigenen kon¬
servativen Schatten und benutzen mal andere Elemente.
Das ist doch keine Szene, wir scheißen auf so ein Geha¬
be! Wir sind ein Teil von vielen Szenen, es kommt uns
auf einen gemeinsamen menschlichen Spirit an und so¬
mit fallen dann auch Barrieren und Dogmen. Dann pre¬
digen sie Unity und schließen aber andere aus, weil der
Style oder das musikalische Umfeld nicht stimmen. Aus¬
grenzung nennt man so was und das passiert leider zu
oft in der „so toleranten“ linken Szene, sehr schade - be
open minded!
Glaubt ihr, dass eine Band, die inhaltlich etwas zu sa¬
gen hat, automatisch auf ein Publikum trifft, das auch
zuhören will?
Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Leute uns
Mails wegen unserer Texte schreiben oder uns auf Kon¬
zerten deswegen ansprechen, aber wir verteilen auch
Texthefte für umsonst, da ist auch alles nachzulesen. Es
ist toll, dass auf der letzten Tour so gut wie kein Textheft
auf dem Boden oder dem Müll gelandet ist und die Leu¬
te sich das mitgenommen haben. Da ist wohl schon ein
gewisses Textinteresse vorhanden. Auf den Shows gibt es
aber auch von uns aus eine klare Absage an Tough-Guy-
Proleten, die Leute umhauen und auf andere keine Rück¬
sicht nehmen. Aber zum Glück kommt das nur ganz sel¬
ten vor. Im Gegenteil, während einer Show und auch bei
der anschließenden Party oder einfach nur in der Küche
der WG, die die Pennplätze zu Verfügung stellt, kommt
es sofort zu Gesprächen über alle Götter und die Welt. *
Wenn man also alle Theorie beiseite lässt und die Erfah¬
rungen der letzten Jahre reflektiert, denke ich schon, dass
die Leute inhaltliches Interesse haben. Außerdem ist es ja
auch so, dass das eine das andere bedingt.
Ihr kommt aus Limburg. Stimmt es, dass die Stadt mal
die höchste Verbrechensrate in Deutschland hatte?
Wie würdet ihr den Einfluss eurer Umgebung auf Mu¬
sik beziehungsweise Inhalt bezeichnen?
Ja, das war wohl mal so prozentual in irgendeiner Statis¬
tik dargestellt. Wir kommen halt aus der Bronx Deutsch¬
lands, hartes Pflaster, brennende Tonnen, Schießereien,
schlimmer als der Kiez, und der Käse stinkt zum Him¬
mel, hahaha ... Wir haben uns da immer für Verbrechen,
wie aggressive und laute Musik mit kritischen Texten,
oder irgendwelchen Aktionen für Menschlichkeit inter¬
essiert!
Menschen, die behaupten, sie würden nichts bereuen,
sind in der Regel dumm oder aber Lügner. Trotzdem:
Welchen Fehler in eurer Geschichte würdet ihr allein
aufgrund des Spaßfaktors wiederholen?
So richtig hart war die Fahrt von Hamburg nach Stutt¬
gart während der SPERMBIRDS-Tour. Das waren nicht
nur schlappe 700 Kilometer mit Stau, 30 Grad im Schat¬
ten, einem Zwischenstopp in Hanau, vorübergehend ver¬
lorenen Bandmitgliedern und circa 12 Stunden Fahrt,
nein, diese Fahrt verlief nach einem Off-day, den wir bis
kurz vor der Abfahrt in St. Pauli verbracht haben, wo¬
bei nur der Fahrer einige Stunden im Bett war. Die Fahrt
war ja schon mal das Grauen, aber wer abends auf St.
Pauli feiern kann, kann ja bekanntlich nach dem Ein¬
treffen in Stuttgart direkt auf die Bühne und eine mit¬
reißende Show voller Elan und Esprit spielen. Das war
hart, aber auf jeden Fall einer Wiederholung wert! Hin¬
zu kommt noch, dass wir die Auftritte mit der Kult-Band
des deutschen Punk-Hardcore spielen durften und dabei
klasse Menschen kennen gelernt haben, die jetzt Freun¬
de geworden sind. Ein ganz großes Danke, auch wenn er
es nicht hören will, an Roger von den SPERMBIRDS, der
uns während der ganzen Entwicklung von „Please Devil
...“ unterstützt hat.
Lars Koch bubonix.de
OX-FANZINE 50
BLACK MARKET CLOWNS
RADIO DE AD ONES
Die RADIO DEAD ONES aus Berlin gibt*es nun auch schon eine Weile, eigentlich viel zu lange, als dass
da nicht schon längst mal ein Interview fällig gewesen wäre. Immerhin bedienen Rik Oldman (Gitarre),
Ändru Bourbon (Bass), TV Mork (Schlagzeug), Marti Neurotic (Gitarre) und Beverly Crime (Gesang) mit
ihrer Musik genau die schmutzige Mischung aus Punk und Rock’n’Roll, die wir alle so sehr lieben und
von der wir den Hals nicht voll bekommen können. Um ehrlich zu sein, ich hab keine Ahnung, wann ihre
aktuelle EP auf Wanda Records, „Killers And Clowns“, überhaupt erschienen ist, in jedem Fall war es
für mich eine gute Gelegenheit, ein paar Fragen los zu werden. Beantwortet wurden mir diese von Sän¬
ger Beverly Crime ...
Sei so gut und fass eure bisherige Geschichte zusam¬
men ...
Wir kannten uns alle schon als kleine Kids. Wir kamen
alle aus demselben Kiez. Und irgendwann wollten wir
halt Musik machen. Vor zwei Jahren kam unsere erste
Single. Für uns war klar, dass erstmal Vinyl Priorität hat¬
te. CDs musst du machen, weil die meisten Kids keine
Plattenspieler mehr haben, und du limitierst dich natür¬
lich somit als Band. Bis jetzt haben wir zwei Singles, eine
Splitsingle mit FRONTKICK und eine 12“.
„Killers And Clowns“ - habt ihr eher das Verlangen je¬
manden umzubringen oder das Bedürfnis, die Men¬
schen zum Lachen zu bringen?
Ich weiß nicht. Kann ich so nicht sagen ... manchmal so,
manchmal so - kommt auf die Leute an.
Gehe ich recht in der Annahme, dass ihr bis jetzt aus¬
schließlich auf Vinyl veröffentlicht habt? Wenn ja,
wieso?
Also Vinyl hat einen Wert, den nur Leute verstehen, die
Vinyl mögen. Aber es ist tatsächlich so, dass wir bisher
noch kein Album veröffentlicht haben, und bei Singles
macht es keinen Sinn, Maxi-CDs rauszubringen. Da gibt
es dann nur Vinyl. Jede Band, die irgendwo Aufnahmen
gemacht hat und selber einen Brenner hat, kann eine CD
beim Auftritt verkaufen. Aber darum ging es uns nicht.
Wir wollten „unsere Platte“ haben. Auch wenn es finan¬
ziell natürlich dumm ist! Aber unser Album wird als CD
und Vinyl erscheinen.
Woher stammen die beiden gesprochenen Samples, je¬
weils am Anfang der Seiten?
Eins ist von dem Film „The Decline Of Western Civiliza-
tion“ und das andere ist Duane Peters.
Was Veröffentlichungen angeht, habt ihr euch ja erst¬
mal Zeit gelassen. Denkt ihr, dass viele Bands die Sa¬
che überstürzen, und ihr erstes Album zu früh aufneh¬
men?
Ja, bei jungen Bands ist das häufig so. Es geht nicht da¬
rum, ein perfektes Album zu machen. Aber es muss für
uns so sein, dass wir es selber auch in drei Jahren noch
mögen. Wir haben uns selbst den Kram besorgt, den
man braucht, um vernünftig aufzunehmen. Deshalb ha¬
ben wir das Glück, so lange an den Aufnahmen basteln
zu können, wie wir wollen. Andererseits wirst du dann
natürlich auch nie fertig. Unser Album wird gerade ge¬
mixt und dann gemastert und erscheint dann hoffentlich
bis Mitte des Jahres.
Wie würdet ihr euren musikalischen Hintergrund be¬
schreiben?
Punkrock! Die Basis ist für uns alle der 77-Kram. Aber
wirkliche Grenzen haben wir nicht. Wir holen uns von
überall Einflüsse. Es sollte dann bloß am Ende wieder
nach Punkrock klingen. Weil wir uns als Punkrocker se¬
hen und alles andere nicht zu uns passt.
Was für Musik hört ihr zur Zeit gerne?
Rik, unser Gitarrist, hat gerade seine Liebe zu Iggy Pop
wieder entdeckt und hört die komplette Discography rauf
und runter. Ändru, unser Bassist schwört auf die letzte
CASUALTIES. Ich habe gerade wieder die „Sandinista!“
rausgekramt und höre ein paar alte Reggae-Platten von
Lee Perry und so weiter. Unser Drummer, TV, hört, glaub
ich, gerade viel SWINGIN’ UTTERS, aber bei ihm wech¬
selt es täglich. Wir kaufen uns insgesamt aber immer sehr
viel Musik, von den HUNNS, „You Rot Me“, THE EXPLO¬
SION, U.S. BOMBS, SHOCK NAGASAKI aus New York ...
Ach ja und die Demos der neuen FRONTKICK-Platte zieh
ich mir öfter rein.
Als ich euch live gesehen habe, ist mir aufgefallen,
dass ihr enormen Wert auf eure Haltung gelegt habt.
Ist euch die Optik im Zweifelsfall wichtiger als etwa¬
ige Spielfehler?
Spaß ist uns wichtiger als alles andere. Es gibt gute Bands
wie SWINGIN’ UTTERS, die keinen Wert auf Optik le¬
gen. Das ist cool. Aber ich denke, als junge Band hast du
nur schwer eine Chance, wenn die Leute nicht schon op¬
tisch sehen, wo sie dich einsortieren können. Aber um
Spielfehler machen wir uns echt keinen Plan. Wir ma¬
chen halt nur Punkrock. Und ich denke, wir wirken da¬
bei nicht unecht.
Wenn ich mir eure Texte durchlese, fällt mir eine eher
negative Grundstimmung auf. Eure Musik hingegen
lädt ja eher zum Feiern ein ...
Ich glaube, da gibt es auch einen kleinen Wandel mittler¬
weile. Übermäßig viel Alkohol, regelmäßig viele Drogen,
keinen Job, keine Kohle und so weiter waren für längere
Zeit ziemlich bestimmend. Da ist dann einfach nicht viel
Platz für Party. Wir spielen auch mittlerweile gar nicht
mehr so viele ältere Songs. Ich habe einen coolen Job, der
mir viel Freizeit lässt und wo ich sein kann wie ich bin,
auch wenn es kohlemäßig nicht der große Wurf ist. Und
Drogen und Alkohol sind unter Kontrolle. Das wirkt sich
auch auf die Texte aus.
Das Cover von „Killers And Clowns“ erinnert, beson¬
ders was die Farben angeht, sehr an „Give ’em Enough
Rope“ von THE CLASH. Ein Zufall?
Dann sieh dir mal die „Black Market Clash“ an, diese
„Rarities Collection“. Dann wirst du sehen, dass wir be¬
wusst geklaut haben und es kein Zufall sein kann.
Wie wichtig sind euch Artwork, T-Shirt-Design und so
weiter?
Sehr! Wir wollen da auch so wenig wie möglich aus der
Hand geben. Wir haben das große Glück, Neurotic Gra¬
phics mit Marti von FRONTKICK zu haben. Er ist einer
unserer besten Kumpels - praktisch das fünfte RDO-Mit-
glied - und er steht auf den gleichen Style wie wir. Eine
Platte ist letztendlich ein Produkt, das Leute kaufen sol¬
len. Wir wollen die Musik bestmöglich haben und dann
soll das natürlich auch in einem ansprechenden Artwork
veröffentlicht werden. Und bei Shirts ist es natürlich so,
dass die Leute lieber gut aussehende Shirts tragen als
hässliche, die ohne Liebe gemacht wurden.
Was für Ziele habt ihr euch mit der Band gesetzt, wel¬
che wurden schon erreicht?
Unsere Ziele bestehen nur darin, viele Platten zu machen
und viel auf Tour zu sein mit Bands, die wir selbst gern
mögen. Und wir haben das ja auch bis jetzt geschafft.
Wir waren unterwegs mit FRONTKICK, mit SHOCK NA¬
GASAKI, haben mit Lars Frederiksen und mit den HEAR-
TACHES aus Belgien gespielt. Für dieses Jahr haben wir •
Pläne mit verschiedenen Bands. SILVER aus Norwegen,
THEE STP aus Italien, verschiedene Bands in England ...
Was macht ihr neben der Musik?
Wir jobben alle. Wir sind keine Leute, die auf das System
schimpfen, diesem aber auf der Tasche liegen. Wir arbei¬
ten in Bars, Hotels und so weiter, in Berlin hast du echt
tausend Möglichkeiten.
Lars Koch radiodeadones.de
X
t vr-M
^ f
¥ t
muff potter.
steady fremdkörper das aitum jetzt
single fotoautomat
auf tour:
very apecial guest: Chuck Ragan (ex-Hot Water Muaic)
13.09. Erl'urt - Open Air an der E-Burg / 14.09. Lingen - Rock Am Pierdemarkt
15.09. Hamburg - Knust / 16.09. Berlin - Lido / 17.09. Lresden - Groovestation
19.09. Köln - Underground / 20.09. Bieleieid - Kamp / 21.09. Lortmund - FZW
22.09. Saarbrücken - Roxy / 23.09. Buchloe - JuZ / 25.09. Gießen - iiuK
26.09. Erlangen - E-Werk / 27.09. A-Graz - PPC / 28.09. A-Lustenau - Carinisaal
29.09. A-Stej'r - Röda / 30.09. A-Wien - Arena / 02.10. Konstanz - Kultur laden
03.10. CH-Luzern - Schüür / 05.10. Karlsruhe - Substage / 06.10. Chemnitz - Talschock www.muffpotter.net
OX-FANZINE 51
SOMECANDY TALKING
SISTER VANILLA
Die 1984 gegründeten, aus Glasgow stammenden THE JESUS AND MARY CHAIN waren eine der wich¬
tigsten britischen Post-Punk-Bands der Achtziger, und der extrem noisige Sound ihrer frühen Releases,
das feindselige Auftreten mit dem Rücken zum Publikum, machte die Brüder William und Jim Reid zu
Quasi-Popstars. Bis Ende der Neunziger schafften es die Reids, überlebten einen Majordeal und kulti¬
sche Verehrung ihrer Fans, scheiterten letztlich am Bruderzwist und lösten die Band 1999 auf. Nun sind
sie zurück, und zwar doppelt: zum einen spielen die wiedervereinten TJAMC diesen Sommer auf ver¬
schiedenen Festivals weltweit, zum anderen veröffentlichen sie unter dem Namen SISTER VANILLA ein
Album, bei dem ihre kleine Schwester Linda die Chanteuse geben durfte. Ich traf Linda in einem Kölner
Hotel und horchte sie über ihre Brüder aus ...
Wann hast du denn JAMC das erste Mal live gesehen?
Das war in Edinborough, und ich war dreizehn. Meine
Cousine hatte mich mitgenommen, es war ein kleiner
Club, ich traf Bobbie Gillespie das erste Mal und weiß
noch, dass er eine sehr lustige Frisur hatte. Natürlich gab
es während des Konzerts Ärger, Jim bekam von den Tür¬
stehern aufs Maul, und ich schrie vor Entsetzen, ging auf
die los.
Und wann ist dir bewusst geworden, dass deine Brü¬
der keine normale berufliche Karriere eingeschlagen
haben?
Die beiden machten ja schon Musik, bevor sie eine rich¬
tige Band hatten. Sie klimperten ewig in ihrem Zimmer
rum, und irgendwie wusste ich, dass dabei irgendwas he¬
rauskommen würde. Die hatten beide keinen Job, und
machten auch keinerlei Anstalten, sich einen zu suchen.
Die lebten lange vom Geld meiner Eltern, aber die bei¬
den wussten irgendwie, dass was passieren würde. Als
sie dann letztlich die Band gründeten, bestand für mich
von Anfang an kein Zweifel, dass sie es weit bringen wür¬
den.
Wie alt warst du damals?
Ich war zwölf, und natürlich interessierte ich mich für
Musik. In meinem Elternhaus ging es immer um Mu¬
sik, schon wegen William und Jim, und so genoss ich
eine sehr gute musikalische Erziehung, habe schon im¬
mer Musik geliebt.
Warst du denn die nervige kleine Schwester, oder wie
war euer Verhältnis?
Sie sind eben meine großen Brüder: William ist 12 oder
13 Jahre älter als ich, Jim 10 Jahre, und ich war für sie
immer die kleine Schwester, um die sie sich kümmer¬
ten. Und schon von klein auf habe ich eine Menge Musik
und Informationen darüber von ihnen aufgeschnappt, ja
sie brachten mich dazu, die Namen der SEX PISTOLS-Mit-
glieder auswendig zu lernen und fragten mich dann ab.
Da war ich acht, und die fanden das niedlich.
Als kleine Schwester zweier Brüder, die an Rebellion
wohl schon alles erledigt hatten, blieb für dich wohl
nicht mehr viel zum Rebellieren übrig - oder wie war
das?
Ich hatte ehrlich gesagt nie irgendwelche Wünsche die¬
ser Art, und auch meine Brüder nicht. Meine Brüder ka¬
men immer gut mit meinen Eltern klar, und das einzige
Problem war, dass sie sich weigerten, sich Jobs zu suchen.
Das war der einzige Streitpunkt, und schließlich erkann¬
ten meine Eltern, dass sie die beiden besser in Ruhe las¬
sen, dass sich schon was ergeben werde. Ich beobachte¬
te das alles und hatte letztlich nicht das Gefühl, gegen ir¬
gendwas rebellieren zu müssen.
Als sie dann begonnen Erfolg zu haben, kam es dir da
nicht in den Sinn, auch selbst Musik zu machen?
Niemals. Und dass ich jetzt mit ihnen SISTER VANILLA
gemacht habe, liegt einfach daran, dass sie mich gefragt
haben. Jetzt bot sich die Gelegenheit, und ich griff zu.
Aber davor hatte ich nie das Bedürfnis, Songs zu schrei¬
ben oder eine eigene Band zu gründen. Ich bin eben we¬
der eine Sängerin noch eine Songwriterin, ich habe es
jetzt einfach mal gemacht.
Letztlich das alte Prinzip von Punkrock also.
So hoch würde ich das gar nicht ansetzen. Mir gab ein¬
fach jemand die Chance und ergriff sie. Keine Ahnung,
ob ich das noch mal machen werde, vielleicht war es das
auch mit meiner musikalischen Karriere. Das wäre mir
egal, ich bin glücklich, wie es gelaufen ist.
Was hast du denn bisher so gemacht?
Lange Zeit gar nichts. Ich wohnte mal in London, mal in
Schottland, und letztlich fing ich dann an zu studieren,
da war ich 22. Jetzt lebe ich seit acht Jahren in London
und habe einen ganz normalen Job, führe ein ganz nor¬
males Leben: Ich arbeite als Beamtin für das britische Au¬
ßenministerium.
Das ist schon was ganz anderes als das Leben deiner
Brüder.
Oh ja, so verschieden, dass man es kaum glauben kann.
Und wie passt dazu dein Ausflug in den Rock’n’Roll?
Die SISTER VANILLA-Platte hat eine zehnjährige Vorge¬
schichte. Wir arbeiteten immer wieder daran, wenn wir
mal Zeit und Lust hatten, und so nahm sie in meinem Le¬
ben nicht viel Platz in Anspruch. Erst jetzt, da sie ver¬
öffentlicht wurde und ich Interviews gebe, verlangt sie
etwas Zeit. Lange glaubte ich ja gar nicht, dass die Plat¬
te überhaupt mal erscheinen würde, und erst als Chemi-
kal Underground sich dann wirklich interessiert zeigten,
wurde es wirklich ernst.
Wie kam es denn überhaupt zu diesem Album?
Jim fragte mich im Vorfeld von „Stoned & Dethroned“,
das 1994 erschien, ob ich nicht einen Song mit ihnen
singen wolle, den man dann als Single-B-Seite veröffent¬
lichen werde. Ich hatte davor noch nie gesungen, wollte
es aber mal ausprobieren, doch irgendwie zerschlug sich
das dann. Als sie dann „Munki“ aufnahmen, das 1998 er¬
schien, wagten wir einen neuen Versuch, und irgendwie
gefiel „Mo Tucker“ jedem. William machte mir den Vor¬
schlag, unter anderem Namen ein Album mit mir als Sän¬
gerin einzuspielen, auch ich sollte ein paar Lieder schrei¬
ben, und das war der Ausgangspunkt. Die Idee war, das
Ganze in zwei Wochen einzuspielen, ohne Druck und
ohne Zwang, es zu veröffentlichen. Wir gaben uns also
diese zwei Wochen Zeit, und ja, das war vor beinahe
zehn Jahren ...
Stattdessen lösten sich JESUS AND MARY CHAIN auf.
Ja, die Band brach auseinander, William zog in die USA,
jeder lebte sein eigenes Leben, doch letztlich haben wir
es geschafft, die Platte zu machen.
Wie hast du den Split der Band 1998/99 erlebt? Du
standest als Schwester ja zwischen deinen Brüdern, die
sich zerstritten hatten.
Der Split kam ja nicht aus heiterem Himmel, das war ein
Konflikt, der sich über zwei Jahre immer weiter hoch¬
geschaukelt hatte. Die beiden konnten nicht mehr so zu¬
sammen arbeiten wie zuvor, und ich hatte als Schwes¬
ter immer wieder die Rolle einer Vermittlerin, aber auch
meine Mutter und mein Vater versuchten zu vermitteln.
Wir taten unser Bestes, dass sie wieder miteinander re¬
den, wieder wie Brüder miteinander umgehen. Dass die
Band auseinanderbrach, war ja an sich schon hart, aber
richtig schlimm war, dass sie überhaupt nicht mehr mit¬
einander redeten. Das hielten sie ein Jahr lang durch, und
es war schrecklich. Das war zu der Zeit, als ich meinen
Uni-Abschluss machte, und zur Abschlussfeier kamen
dann zwar meine Eltern und William, aber nicht Jim -
weil William da war. Das war eine schwierige Zeit, doch
ein Jahr später heiratete Jim in London, William kam,
und sie fingen wieder an miteinander zu reden. Und jetzt
werden sie angesichts der Reunion auch wieder zusam¬
men arbeiten, aber es wird sicher nicht mehr so sein
wie früher. Sie respektieren und verstehen sich, so wie
ein Ehepaar, das eine Scheidung hinter sich hat und sich
dann doch wieder annähert.
War es denn schlimm für dich, in den frühen Jahren
die ganzen Presseberichte über deine Brüder lesen zu
müssen? Da gab es ja einige Storys über Drogenge¬
schichten und Gewalt auf Konzerten. •
Also ich habe an diese Zeit keine schlechten Erinnerun¬
gen, und auch meine Eltern fanden das eher aufregend als
schlimm. Wir freuten uns über jeden einzelnen Artikel,
der über sie geschrieben wurde, und wir hatten nie ein
schlechtes Gefühl. Und so wirklich hatten meine Brüder
nie was mit Drogen zu tun, das war also nichts, worü¬
ber meine sich Eltern sich Sorgen gemacht hätten. Meine
Mutter wusste damals, dass ihre Söhne nicht dumm sind,
aber auch, dass sie sie nicht davon abhalten kann, das zu
tun, was sie für richtig halten. Deshalb hat es uns also im¬
mer Spaß gemacht, was über meine Brüder zu lesen.
Hast du denn die Artikel ausgeschnitten und aufbe¬
wahrt?
Ja klar, sie hatten mich darum gebeten, weil sie wussten,
dass sie selbst keine Zeit dazu haben. Na ja, es ist auch
ein richtig dickes Buch geworden - nur leider habe ich
es verloren ...
Was?!
Ja. Und das Schlimmste ist: Sie wissen es noch nicht, ha-
haha.
Dann hoffen wir, dass sie kein Deutsch verstehen und
dieses Interview nicht lesen.
Ach, ich glaube, das taucht irgendwann wieder auf.
Wie sah denn deine musikalische Entwicklung unter
dem Einfluss deiner Brüder aus?
Ich habe schon von klein auf Musik gemacht, und auch
wenn andere das denken mögen, so bin ich kein Snob,
was Musik anbelangt: Wenn mir was gefällt, dann gefällt
mir das eben. Ich wuchs mit VELVET UNDERGROUND,
Dusty Springfield, den BEATLES und so weiter auf - und
den PASTELS, die ich wirklich liebe. Ich hörte immer vie¬
le Bands aus Schottland, etwa TEENAGE FANCLUB und
BELLE & SEBASTIAN, ja, ich finde, dass generell viel gute
Musik aus Glasgow kommt.
MOGWAI?
Irgendwie kenne ich die nicht so richtig, aber ich mag
BLUR und weiß, dass MOGWAI die nicht mögen, haha.
Du erwähntest eben die PASTELS, und auf dem Album
findet sich ja nicht nur „The two of us“, ein Duett von
dir und Stephen Pastel, sondern der Opener trägt si¬
cher kaum zufällig den Titel „Pastel blue“.
OX-FANZINE 52
SISTER VANILLA/YOU AM I
Also meine ganze Familie liebt die PASTELS, sogar meine
Mutter. Sie sind einfach eine brillante Band, nahezu per¬
fekt, ich liebe sie schon seit ich zwölf bin. Ich habe nie
verstanden, warum die nicht erfolgreicher und bekann¬
ter sind. Meiner Meinung nach hätten die auf Platz 1 in
den Charts sein müssen - eine sehr naive Vorstellung. Da¬
bei hatten die immer ganz normale Jobs und gar nie ver¬
sucht, groß rauszukommen. Als ich „Pastel blue“ schrieb,
erwähnte ich aus Versehen die PASTELS und merkte dann,
dass ich einen Song über diese Band geschrieben hatte -
daher dann auch der Titel. Stephen und die Band fanden
das natürlich schön, und die mögen auch SISTER VANIL-
LA. Es war für mich auch ein ganz großer Moment, als
ich Stephen persönlich kennen lernte. Ich hatte ihn frü¬
her schon öfter mal in Glasgow auf der Straße gesehen,
aber so einen persönlichen Helden dann kennen zu ler¬
nen, das fand ich großartig.
Was macht die PASTELS für dich so großartig?
Also viele Leute haben über die immer wieder gesagt sie
seien „twee“, niedlich, putzig, aber das trifft es meiner
Meinung nach überhaupt nicht, ich finde ihre Songs eher
schmutzig, und wahrscheinlich ist es wohl diese Mi¬
schung, die ich reizvoll finde.
Lee Renaldo von SONIC YOUTH produzierte 1993 ih¬
ren Debut-Longplayer „Sound as ever”, man tourte ge¬
meinsam mit SOUNDGARDEN in Australien und USA,
später mit den LEMONHEADS in Europa, und veröf¬
fentlichte im weiteren Verlauf der Neunziger drei auf¬
einanderfolgende, in den nationalen Charts mit No.l
vertretene Alben, doch über einen Geheimtip-Status
hinaus schaffte man es in Deutschland nicht. Musi¬
kalisch bewegen YOU AM I sich bis heute auf unter¬
schiedlichen Pfaden, ihr Alternative Rock wurde an¬
fangs oft mit Grunge umschrieben, ihr 60s beeinfluss¬
ter Mod Rock wurde gelegentlich als Powerpop be¬
zeichnet. Tim Rogers begegnete mir selbst das erste
Mal vor 5 Jahren auf dem Cover des 700-seitigen Bu¬
ches „The Encyclopedia of Australian Rock and Pop“,
auf dem ausser ihm einzig Johnny O’Keefe, der erste
populäre australische Rock’n’Roller, abgebildet ist. In
den letzten paar Jahren las ich in den kostenlosen aus¬
tralischen Programm-Heften einige Interviews und
legte mir nach und nach die Tonträger von YOU AM I
zu. Vor nicht langer Zeit begegnete Rogers mir erneut
- in Form des Gemäldes „Tim“ von Esther Elrich, mit
dem hier in Melbourne eine Kunstausstellung bewor¬
ben wird. In Natura traf ich den sympathischen End-
dreissiger nach einem Gig seiner Zweitband THE TEM-
PERANCE UNION im Corner Hotel. Via eMail schickte
ich ihm Mitte April ein paar Fragen.
Nach der Veröffentlichung eurer siebten regulären
CD „Convicts“ auf dem amerikanischen Label Yep Roc
seid ihr gerade zurück von einer US-Tour, habt beim
SXSW-Festival gespielt. Wie war es?
Ich schätze, bei jeder Tour, wo am Tag der Ankunft sofort
drei Shows gespielt werden, wobei die zweite Show di¬
rekt beinhaltet, Roky Erickson live spielen zu sehen, weiß
man, dass es sich dabei um eine abenteuerliche Angele¬
genheit handelt. Dass viele Leute zu den Gigs gekommen
sind, war schön. Ebenfalls, ein paar gute Freunde wieder
zu treffen. Wir waren mit der Absicht rüber geflogen, ein
paar eher subtile Songs zu spielen. Die Shows entwickel¬
ten sich dann aber zu jeder Menge lautem Krach, inklusi¬
ve schlechtem Benehmen und großartigen Lachern.
Du bist in Kalgoorlie, einer kleinen Stadt mitten im
Outback, in der Nähe des Nullarbor, aufgewachsen.
Wie bist du da zur Musik gekommen?
Tja, mit Musik habe ich erst angefangen, als ich nach
Adelaide umgezogen bin. Ich habe beim Hören meiner
Platten zu Hause dazu Gitarre gespielt. Ich fing erst an,
mit anderen Leuten zusammen zu spielen, als ich in den
Vorstädten von Sydney lebte. Die üblichen Schülerbands
eben. Kalgoorlie ist aber der Ort, an dem ich mich eines
Tages zur Ruhe setzen will. Er hat was Besonderes.
In den Neunzigern hatten YOU AM I drei aufeinan¬
der folgende Nummer 1 -Alben in den australischen
Charts. Warum hat es mit dem internationalen Erfolg
dann nicht so recht geklappt?
Unsere Manager waren gute Freunde, die uns etwas Ar¬
beit abnehmen sollten, anstelle von Leuten, die durchkal¬
kulierte Entscheidungen treffen. Ich kann nicht beson¬
ders gut singen, und es ist ganz gut möglich, dass wir
vielleicht nicht so gut sind, oder vielleicht besser aus¬
gedrückt, dass wir nicht gerade die Musik machen, die
die große Masse anspricht. Wir haben Touren in Ameri¬
ka und Europa unternommen, um Erfahrungen zu sam¬
meln, nicht für den internationalen Erfolg. Rückblickend
war ich damals, ehrlich gesagt, mental viel zu zerbrech¬
lich, um noch mehr zu ertragen, als das, was wir oh¬
nehin schon erreicht hatten. Als man an mich heran¬
trat, meinen Songwriting-Stil zu ändern, um mehr Ra¬
dioplay zu bekommen, fühlte es sich schon beschissen
an. Es machte mich ärgerlich. Wir hingen eine Zeit lang
Musikalisch klingt „Little Pop Rock“ nach THE JESUS
AND MARY CHAIN plus Linda Reid ...
Ja, es ist eine Mary Chain-Platte, bei der eine Frau singt.
Die Lieder gehören meinen Brüdern, ich habe nur die
Texte dazu geschrieben, und so sind es eben in der Es¬
senz Mary Chain-Songs. Wenn jemand anderes das auch
so sieht, habe ich damit also kein Problem. Hauptsache,
die Platte gefällt den Leuten. Aber ich bin da sehr zurück¬
haltend, ich habe keine Ahnung, ob das Album irgend-
wem gefallen wird.
Werdet ihr denn auch live auftreten?
Vielleicht wird es ein paar Konzerte geben, aber so ge¬
nau weiß ich das nicht. Wir haben da aber keine Eile,
und der letzte Auftritt liegt ja auch schon 20 Monate zu¬
rück. Ich habe eben einen ganz normalen Job und nur
fünf Wochen Urlaub im Jahr, muss mich um meine Kat¬
zen kümmern, das schränkt die Möglichkeiten für eine
Band doch etwas ein.
Und, wirst du zum ersten Post-Reunion-Auftritt von
JAMC nach Kalifornien fliegen?
William hat mich eingeladen, aber ich glaube, ich will
das nicht sehen. Aber sie spielen ja auch in London, und
da gehe ich hin. Ich hatte neulich auch einen Traum, da
war ich auf dem Konzert in Kalifornien und da haben sie
einen ganz schrecklichen Auftritt hingelegt ... Aber ich
habe sie vor ein paar Wochen in London bei der Probe in
einem Studio gesehen, und das war ehrlich gesagt richtig
gut. Die waren so phantastisch, dass es mir die Tränen in
die Augen trieb, so emotional war das. William und Jim
waren selbst überrascht, wie gut es lief. Und die beiden
haben in den letzten Jahren auch immer wieder gesagt,
dass sie vor der Auflösung Ende der Neunziger so gut ge¬
klungen hätten wie nie zuvor, dass sie es schade fanden,
damals nicht weitermachen zu können.
Wie empfindest du die Fan-Websites, auf denen wild¬
fremde Leute irgendwas über deine Brüder schreiben?
Manche gehen mir richtig auf den Geist, etwa das Mes¬
sageboard Some Candy Talking. Ich hasse mich selbst da¬
für, dass ich da überhaupt draufschaue, denn was Leute
über meine Brüder und ihre Musik schreiben, geht mir
echt auf die Nerven. Die interpretieren da Dinge in Songs
hinein, die aber eigentlich nichts anderes sind als einfach
nur Lieder ohne Hintergedanken. Aber es gibt wohl ein¬
fach Leute, die extrem über manche Dinge nachdenken,
und ich kann das einfach nicht nachvollziehen.
Joachim Hiller sistervanilla.com
MINE IS A GIN TONIC
YOU AM I
Als Frontman und Songwriter der seit 1989 existierenden Rock’n’Roll-Band YOU AM I gehört Tim Rogers
heute zu den Eider Statesmen der australischen „Alternative“-Szene. Während einige jüngere und inter¬
national erfolgreichere, australische Bands wie beispielsweise THE LIVING END, JET ,THE VINES oder
WOLFMOTHER in Deutschland bekannt sein dürften, scheint es im Falle von YOU AM I anders zu sein.
mit Leuten herum, die wir noch nicht mal respektierten.
Auf der anderen Seite sind wir durch unseren Erfolg auch
mit Leuten in Kontakt gekommen, die wir wirklich mö¬
gen.* Egal, durch die Erfahrungen sind wir als Band bes¬
ser geworden. Ich glaube stark daran, dass wir musika¬
lisch noch nicht das erreicht haben, wozu wir in der Lage
sind. Ich glaube, wir haben ein paar Alben gemacht, auf
die die Zusammenarbeit mit einem Major abgefärbt hat
und ich bereue es. Aber wir haben nie etwas geschrieben,
um „erfolgreich“ zu sein, wir waren es einfach leid, im¬
mer wieder gefragt zu werden, genau das zu tun.
Tim, du hast hier wegen einer körperlichen Auseinan¬
dersetzung mit dem Moderator von „Australian Idol“
Aufsehen erregt. Deine Texte, die oft in der Art eines
Storytellers ä la Ray Davies sind, zeigen dich allerdings
von einer sensibleren Seite.
Ich bin aufgewachsen mit Football-Spielern und degene¬
rierten Rock’n’Rollern als Helden, ein australisches Vor¬
stadt-Kid, das Großstadt-Musik liebte. Ich war früher sehr
nervös, ein Angeber, fasziniert von Alkohol und Drogen,
der dennoch einen Drang verspürte, etwas Kreatives zu
machen. Wie jeder ein Bündel von Widersprüchen und
Ablenkungen. Da ich anfällig bin für Depressionen und
Angstzustände, drehe ich entweder voll auf oder ich ver¬
krieche mich irgendwo. Ich wünschte, ich wäre etwas
geradliniger und ausgeglichener, vor allem wegen mei¬
ner Tochter, aber ich arbeite daran. Meine Texte und das
gelegentliche Verhalten sind Produkt meines beschriebe¬
nen Zustandes, schätze ich mal.
Ihr habt im Laufe der Jahre mit einigen namhaften
Bands wie SOUNDGARDEN, ROLLING STONES, THE
WHO, OASIS und THE STROKES zusammen getourt.
Du bist ebenfalls von Wayne Kramer gefragt worden,
bei DKT/MC5 während ihrer Australientour Gitarre
zu spielen. Warum ist nichts daraus geworden?
Ich musste Wayne absagen: „Sorry dude, gotta play with
THE WHO.“ Mensch, erst dachte ich, es wäre ein Witz,
ich hätte liebend gerne mit ihm zusammen gespielt, er
war großartig, sweet und trotzdem tough. Aber es wäre
nur ich gewesen, das hätte ich meinen Jungs nicht an¬
tun können, weil wir zur gleichen Zeit das Angebot hat¬
ten, für THE WHO während ihrer Australientour zu er¬
öffnen. Vor allem Davey wäre mir sonst glatt an die Gur¬
gel gegangen.
Euer Song „Berlin chair“ wurde von den Hörern des
Radiosenders Triple J zum besten australischen Song
der Neunziger gewählt. Was ist ein „Berlin chair“?
Das ist eine Skulptur, von der ich mal gedacht habe, sie
w r äre analog zu meinem Charakter. Schreckliche Lyrics.
Mit deiner eher Country- und Folkrock-orientierten
Band THE TEMPERANCE UNION hast du bisher zwei
Alben veröffentlicht. Hast du eine bestimmte Strategie
beim Songwriting?
Ich habe beim Songwriting keine Strategie, welcher Song
für welche Band ist. Ich fühle mich zu beiden Bands
hingezogen, mit einem Drang, Songs für sie zu schrei¬
ben, wobei sie beide wirklich sehr unterschiedlich sind.
I’m the luckiest bastard around to play in two dynami-
te bands. Zum Glück sehen sie auch noch alle besser aus
als ich.
Im letzten Jahr warst du während der T’N’T-Tour mit
Tex Perkins auch in Deutschland unterwegs. Hast du
vor, in Zukunft mit YOU AM I dort zu spielen?
In diesem Jahr komme ich erstmal alleine, später dann
mit YOU AM I. Hamburg gefällt mir viel zu gut, warnt
mal besser eure Einwanderungsbehörde vor.
Sonst noch was?
Ich fange am Montag mit einer neuen Platte an. So, und
für mich jetzt bitte einen Gin Tonic.
Matt Henrichmann youami.com.au
OX-FANZINE 53
LOGH
„WE WANNA SOUND LIKE A POP BAND“
Eine dunkle und saukalte Winternacht im Dezember 2004: LOGH, die gerade in den letzten Zügen ih¬
rer „The Raging Sun“-Tour liegen, während das dritte Album „A Sunset Panorama“, das Anfang 2005
erscheinen soll, bereits im Kasten ist, entlassen uns nach einem hinreißenden Konzert auf den Heim¬
weg. Es ist eine stille Rückfahrt, bei der das Autoradio zur Abwechslung einfach mal aus bleibt. Seit¬
dem habe ich LOGH noch ganze vier Mal live gesehen, zuletzt in Berlin während der einwöchigen Pro¬
mo-Tour im vergangenen Februar. Mit halber Besetzung spielten die Schweden die Songs ihres neuen
Albums „North“ als Akustik-Set und es war zu ahnen, dass sie auch diesmal das machen, was sie am
besten können: alles anders. Einen Monat später treffe ich Sänger und Gitarrist Mattias Friberg in Köln
zur Bestandsaufnahme.
Mattias, wenn jetzt jemand behauptet, dass ihr wie
eine Popband klingt, würdest du ihm Recht geben?
Wir wollen wie eine Popband klingen. Wir versuchen,
eine Popband zu sein. Ich weiß nur nicht, ob man das im¬
mer so wahrnimmt.
Es gab da einen Song, der mich an DEATH CAB FOR
CUTIE erinnert hat. Falls das ein gutes Zeichen ist...
DEATH CAB FOR CUTIE ist eine tolle Band, aber ich wür¬
de mir zu Hause nicht ihre Platte anhören. Ich höre mir
zu Hause sowieso kaum Platten an. Und wenn doch,
dann keine Popmusik.
Und warum soll dann LOGH klingen wie eine Pop-
band?
Ich wollte unsere Musik vereinfachen. In dem Sinne, dass
es ihren Hauptgedanken ans Licht bringt. Ich denke, dar¬
um geht es bei Popmusik: die Ideen zu destillieren.
2002 erschien euer Debüt „Every Time A Bell Rings,
An Angel Gets His Wings“. Seither hieß es von eurem
Sound immer, er sei sehr minimalistisch. Gilt das auch
für „North“ oder ist es ein Schritt in eine andere Rich¬
tung?
In gewissem Sinn ist es ein Schritt in eine andere Rich¬
tung. Gut, wenn du es mit dem ersten Album vergleichst,
ist es viel weniger minimalistisch, aber wir sind immer
noch sehr bedacht um jede Note, die wir spielen. Es ste¬
cken viele Gedanken dahinter. Jedes Instrument, jeder
Akkord hat seine Berechtigung. Das ist sicher minima¬
listisch. Aber wir hätten nicht als vierköpfige Band wei¬
termachen wollen, zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, und
dann jahrelang immer die gleiche Musik spielen.
Die Leute, denen „The Raging Sun“ besonders gefallen
hat, werden sich bei „North“ jetzt fragen, wo der düs¬
tere Sound hin ist. Empfindest du selbst „The Raging
Sun“ auch als so düster?
Für mich ist es das düsterste Album. Wir waren in einer
beschissenen Verfassung, als wir es aufgenommen haben.
Als es veröffentlicht wurde, habe ich versucht, mir ein¬
zureden, es wäre in irgendeiner Weise hell und freund¬
lich. Aber ich denke nicht, dass es das wirklich ist. Für
mich bedeutet es Dunkelheit.
Textlich hat mich eure erste Single „Saturday Night-
mares“ an ein klassisches Horrorfilmdrehbuch er¬
innert: Jemand wird von einem Geist verfolgt, aber
wenn er den Geist schließlich erkennt, hilft es ihm, et¬
was Wichtiges zu begreifen ...
Genau darum geht es. Aber der Geist ist LOGH. Es geht
um die Band. Wir haben ziemlich harte Zeiten durchge¬
macht. Der Song handelt von diesen Problemen innerhalb
der Band. Es ist ein sehr persönlicher Text, es ist eine Eh¬
rung der anderen Jungs.
Das Album endet mit einem Song, der „A new hope“
heißt. Ist das so eine Art Bekenntnis?
In „A new hope“ geht es eigentlich nur ums Trinken.
Klar kann man da noch andere Dinge hineininterpretie¬
ren, aber es geht hauptsächlich um den Frust, wenn die
Bars um eins schließen und man noch einen draufma¬
chen will.
Erzähl mir mal was über die Aufnahmen für „North“.
Es scheint ja nicht ganz ohne Bedeutung zu sein, dass es
zehn Monate gedauert hat, bis das Album fertig war.
Die eigentlichen Aufnahmen haben nur vier Monate ge¬
dauert, aber selbst das ist eine lange Zeit. Die ersten fünf
Monate habe ich mit dem Schreiben der Songs verbracht.
Im Juli haben wir dann angefangen aufzunehmen. Es
war von Anfang an unser Plan, im Sommer aufzuneh¬
men, weil wir diese schöne Atmosphäre haben wollten,
bloß keinen Schnee und keine Kälte. Und der Sommer
war hier wahrscheinlich auch großartig, aber in Schwe¬
den war es so warm wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Wir
sind jeden Tag im Meer schwimmen gewesen, hatten ge¬
mütliche Abendessen ... Natürlich ist es für uns nie ein¬
fach, zusammen aufzunehmen, weil wir viele unter¬
schiedliche Ansichten haben, aber alles drum herum war
fantastisch.
Seit letztem Jahr habt ihr zwei neue Bandmitglieder
bei LOGH. Hat das eure musikalischen Möglichkeiten
vergrößert? Ich denke da vor allem an den Mann am
Klavier.
Klar. Es hat viel mit dem Klavier zu tun, weil Karl auch
einfach unglaublich ist. Und natürlich bringt es neue
Möglichkeiten. Die beiden hatten aber auch vorher schon
eine ganze Weile mit uns gespielt. Für mich ist das Wich¬
tigste daran, dass sie jetzt zur Band gehören, dass sie ein
Gleichgewicht herstellen, das nicht immer gegeben war,
als wir noch zu viert waren. Es macht unsere Zeit zusam¬
men viel besser. Sie bringen Licht in die Dinge, sie hal¬
ten sie zusammen. Deshalb ist es für mich eine rein per¬
sönliche Sache.
Euer Tourplan ist wieder ziemlich vollgestopft: Ihr
reist quer durch Europa, teilweise sehr lange Strecken.
Wie macht man das eigentlich? Ganz schön hart, wenn
man wochenlang unterwegs ist. Schlägt das Touren nie
aufs Gemüt oder sorgt für Stress untereinander?
Ist schon vorgekommen. Aber erst einmal machen wir
das jetzt schon so lange, dass es uns nicht mehr viel aus¬
macht. Man wird einfach nicht müde. Und dann war es
letztlich die Tour, die wir letztes Jahr im Januar gemacht
haben, und die uns dazu motiviert hat, die neue Platte
aufzunehmen.
Weil ihr so ein gutes Feedback bekommen habt?
Deshalb natürlich auch. Aber vor allem, weil wir so viel
Spaß im Tourbus hatten.
Es gibt ja auch gar nicht so viele Bands, die so weite
Strecken machen. In Spanien zum Beispiel oder Por¬
tugal.
Wahrscheinlich nicht. Wir gehen das eigentlich so an wie
ein Abenteuer. Es soll sich so anfühlen wie Urlaub. Ein
Haufen befreundeter Typen in einem Bus. Du siehst un¬
terschiedliche Orte, gehst aus und obendrein kannst du
noch Konzerte geben. Du kriegst sogar Geld dafür. Wie
gesagt, das Wichtigste ist, dass wir Freunde sind und zu¬
sammen Spaß haben können. Und die Crew, die wir mit¬
nehmen, ebenfalls. Wenn es anders wäre, würden wir
das nicht hinkriegen.
Manchmal witzeln wir, dass Pelle Gunnerfeldt der
einzige Musikproduzent in ganz Schweden ist, weil es
manchmal so wirkt, als hätte er einfach bei jeder Plat¬
te, die aus Schweden kommt, seine Finger im Spiel.
Er tut schon eine Menge. Unsere neue Platte hat er nur ab¬
gemischt und er hat einen richtig guten Job gemacht.
Wenn ich beschreiben soll, wie andere Bands klin¬
gen, sage ich manchmal: Die klingen ein bisschen wie
LOGH. Aber ich habe noch nie gesagt, LOGH klingen
wie irgendwer. Liegt das daran, dass euer Sound so
schwer zu beschreiben ist?
Ich denke, es liegt daran, dass wir uns sehr bemühen,
nicht so zu klingen wie irgendwer anders. Wir sind nicht
von aktueller Musik beeinflusst, von dem, was gerade hip
ist und was nicht. Aber dieses Mal hatten wir maßgebli¬
che Einflüsse, die wir benennen können.
Das konnte ich ja erst nicht so recht glauben: Roy Orb-
ison, Kate Bush ...
Vangelis war der allerwichtigste Einfluss. Und danach
Roy Orbison. Vor allem die beiden.
Ihr scheint ja auch recht gut darin zu sein, so etwas
zu verarbeiten. Als ich euer SLAYER-Cover zum ers¬
ten Mal gehört habe, habe ich kaum geglaubt, dass es
wirklich der gleiche Song ist.
Na ja, wir mögen Musik. Jede Art von Musik. Wir versu¬
chen es so weit wie möglich zu streuen. Wir versuchen,
uns nicht beeinflussen zu lassen, aber natürlich färbt die
Musik, die wir hören auch auf das ab, was wir spielen.
Nach „The Raging Sun“ haben viele vermutet, ihr kämt
aus dieser Postcore-Ecke, in dem Sinne: man fängt mit
dem Lauten an und bricht es herunter. Wenn man sich
eure Songs dann aber so anhört, könnte man meinen,
dass eigentlich die Stille als Erstes da ist.
Uns wurden lange Zeit all diese merkwürdigen Bezeich¬
nungen aufgedrückt: Emo und alles, was irgendwie auf-
core endet und andeuten sollte, dass wir einen Hardco-
re-Background haben, was eben nicht stimmt. Niemand
von uns hat jemals in einer Hardcore-Band gespielt. Wir
versuchen, Stille einzusetzen, so gut es geht. Wenn du je¬
manden spielen siehst, dann sind da Geräusche, Klänge
und Bewegung. Wenn die Band auf einmal für eine Mi¬
nute völlig still wäre, dann würden die Leute reagieren,
vielleicht anfangen rumzuschreien oder was auch im¬
mer. Es ist ein starkes Mittel, um die Aufmerksamkeit der
Leute zu bekommen. Denn für die meisten Leute ist Stil¬
le das Beunruhigendste überhaupt.
Ich gerate öfter mal mit Leuten aneinander, die bei
Konzerten kontinuierlich quasseln. Mir scheint, die
wollen unterhalten werden, und wenn es dann mal
ruhig ist, dann ist das für sie bloß eine Unterbrechung
der Unterhaltung.
Na gut, es ist unser Job zu unterhalten. Das ist eine ver¬
dammt trickreiche Angelegenheit. Wir haben unsere ei¬
gene Art, es zu tun. und wenn Leute das nicht als Unter¬
haltung betrachten können - fein. Für den Rest des Pu¬
blikums ist das natürlich ärgerlich. Aber wir sehen auch
ein, dass manchen Leuten eben nicht gefällt, was wir ma¬
chen.
Also fühlst du dich wohl damit, wenn man es jetzt als
Popmusik bezeichnet, was ihr macht?
Ja, sehr viel wohler als mit Emo. Das, was ich unter Emo
verstehe, ist einfach nur fürchterlich. Das heißt nicht,
dass jede Band, die als Emo bezeichnet wird, fürchterlich
ist. Es ist einfach nur so, dass es mich schüttelt, wenn ich
über jenen Anteil nachdenke.
Magst du mir mal eine Frage nennen, die du im Inter¬
view gerne mal beantworten würdest, die aber nie ei¬
ner stellt?
Wenn man Interviews gibt, will man meistens weniger
über die Band reden oder über die Musik. Du willst über
gutes Essen oder so etwas sprechen. Mehr persönliches
Zeug, das ist der angenehme Teil.
Annika Büsing logh.se
OX-FANZINE 55
YOU CAN TURN THE CLOCK BACK
DOM MARIANI
Bei einem Reunion-Gig der STEMS, Ende 2004 in Melbourne, lernte ich Dom
Mariani, den Sänger und Gitarristen der Band, im Backstagebereich des Cor¬
ner Hotels kennen. THE STEMS waren eine 60s Garage-Band aus Perth,
Western Australia, die von 1984-87 existierte. Das Debütalbum „At First Sight
- Violets Are Blue“ ist eine meiner Lieblingsplatten des Neo-Sixties-Garage-
Genres. Dom Mariani gründete später die Gitarrenpop/Powerpop-Bands THE
SOMELOVES und DM3, heute ist er Mastermind des Surf-Instrumental-Out-
fits THE MAJESTIC KELP. Damals im Corner Hotel erzählte Dom mir von ei¬
nem neuen, geplanten STEMS-Album. Via E-Mail horchte ich nach, was der
aktuelle Stand der Dinge ist.
Dom, auf der Band-Website ist das neue Album von THE STEMS bereits für Mai 2006
angekündigt.
Die Idee einer neuen STEMS-Platte ist jetzt schon ein paar Jahre alt. Aber wegen anderer
Projekte und den üblichen Verpflichtungen war es für uns bisher schwierig, uns alle zu¬
sammen zu treffen, um die Aufnahmen zu beenden. Wir fingen mit den Aufnahmen im
November 2004 im OffTheHip-Studio in Melbourne an. Das war am Tag nach dem Oz Ve¬
gas Wig Out-Gig, wo wir gespielt hatten. Wir waren von den Wig Out-Shows wieder ein
bisschen angefixt und daher interessiert, bald etwas aufzunehmen. Wir machten mit den
Recordings im Februar 2005 in Perth weiter, aber dann kam es mit der Band bis Septem¬
ber 2005 zum Stillstand. Seitdem haben wir eine Handvoll lokaler Shows gespielt und ein
paar neue Songs geschrieben, die wir vor kurzem angefangen haben aufzunehmen. Die
Songs, die wir 2004 aufgenommen hatten, haben wir noch mal re-recorded. Wir fanden,
dass es für die Gesamtkontinuität des Albums so am besten ist. Das Problem, das wir hat¬
ten, ist einfach der Zeitfaktor. Aber jetzt kann ich sicher sagen, dass wir uns auf der Zielge¬
raden befinden. Nur noch Overdubs, dann nehmen wir die Aufnahmen mit in die Staaten
zum Abmischen. Ich denke, es wird ein Juli/August-Release, aber nagel mich nicht darauf
fest. Irgendwann in der zweiten Hälfte von 2007 wird es aber sicherlich was.
Von deinen verschiedenen Formationen sind in der letzten Zeit ja einige Tonträger he¬
rausgekommen: „Terminal Cool“, die STEMS-Anthology auf Get Hip, das zweite Al¬
bum von THE MAJESTIC KELP, ebenfalls eine SOMELOVES-Anthology, eine Best-Of-
Dom Mariani-Doppel-CD - „Popsided Guitar“ - sowie eine CD mit Rarities und Out¬
takes auf OffTheHip. Und vor zwei Jahren auct noch ein Album mit den STONEA-
GE HEARTS.
Es waren für mich produktive Jahre, da stimme ich dir zu. Das ist ebenfalls einer der Grün¬
de, warum das neue STEMS-Album so lange in der Warteschleife ist. Alle Bands, bei de¬
nen ich involviert war, haben mir Spaß gemacht. Die Aufnahmen für die neue STEMS-Plat¬
te laufen bisher gut, ich höre immer noch ziemlich viel R&B/Garage-Sound und ich kann
mich glücklich schätzen, in solch einer Band Mitte bis Ende der Achtziger gewesen zu sein.
Die neuen Aufnahmen gehen wirklich zurück bis zu diesen Wurzeln. Ich bin aufgewach¬
sen mit klassischer Pop- und Rock’n’Roll-Musik. Die STEMS entwickelten sich vom Gara¬
ge-Sound hin zu einem Powerpop-Style, der die Spätphase prägte, und den ich nach dem
Break der STEMS mit den SOMELOVES und DM3 weiter verschärft verfolgte. Ich fand da¬
mals, dass ich mit DM3 wirklich an die Grenzen meiner Songwriter-Fähigkeiten gestoßen
bin. Besonders mit der „RoadTo Rome“-Platte, welche meine Lieblingsplatte von den drei¬
en, die wir mit DM3 gemacht haben, ist. Die „Popsided Guitar“-Anthology war ein guter
Rückblick auf diese Bands und deren Songs. Neben dem neuen STEMS-Album ist jetzt THE
MAJESTIC KELP mein Hauptprojekt. Wir haben bisher zwei Alben veröffentlicht. Von allen
Bands, die ich hatte, ist es die Band, die mich am meisten zufrieden stellt. Instrumental-
Musik hat mir immer schon Spaß gemacht, sei es THE VENTURES, Link Wray, BOOKER T
AND THE MG’S, THE METERS oder Ennio Morricone. Auf die eine oder andere Art haben
sie alle Einfluss auf mich gehabt. Ich weiß, einige Leute werden denken, dass dieses In¬
strumental-Ding ein etwas seltsamer Stilwechsel für mich ist, aber ich fühle mich da be¬
freit, so dass ich viel mehr musikalischen Ideen frönen kann und etwas eher Einzigarti¬
ges kreieren kann. Das Pop-Element ist immer noch da. Da sind immer noch jede Men¬
ge Hooks, etwas, das für mich ganz normal ist. Die STONEAGE HEARTS-Aufnahmen pas¬
sierten zwischen all diesen anderen Dingen. Es waren ein paar Songs, die ich schon Jah¬
re hatte, die aber nicht richtig in die DM3-Playlist passten. „Trouble girl“ war der einzige
richtige STONEAGE HEARTS-Song, den ich während unserer ersten Probe schrieb, wäh¬
rend „Eye of a lie“ ein übrig gebliebener STEMS-Song war, bei dem ich versuchte, wie die
ELECTRIC PRUNES zu klingen.
Perth ist bekannt als die isolierteste Millionenstadt der Welt. Die am nächsten gele¬
gene größere Stadt, Adelaide, liegt mehr als zweieinhalbtausend Kilometer entfernt.
TEIL 1: AUSTRALISCHER PUNK/ROCK DER SIEBZIGER
In dieser Rubrik stellen wir euch zehn ganz objektiv subjektiv ausgewählte Platten vor,
die für den jeweiligen Verfasser die besten des Genres darstellen. Für die nächsten Fol¬
gen nehmen wir gerne eure Anregungen an.
RADIO BIRDMAN
Radios Appear
Trafalgar/WEA, 1977 | Das Debüt dieser Kultband hat
das, was eine Platte langfristig als „herausragend“ klas¬
sifiziert: Energie, Melodien, Dynamik, charismatischer
Gesang. Dem? Tek war damals Kopf der Band, dennoch
waren sie eine konzeptionelle Einheit, visuell im be¬
kannten Logo versinnbildlicht. Sie besaßen Image, Do-
It-Yourself-Ethos und selbst ein eigenes Venue, das Ox¬
ford Funhouse. Der Follow-up „Living Eyes“ wurde 1978
während der UK-Tour aufgenommen, kam aber erst
1981 heraus. Die australische Radios-Appear-Version hat
andere Songs als die Overseas-Version (SIRE. 1978).
AC/DC
Highway To Hell
Albert/EMI 1979 [ Mit dem Highway zur Hölle fing für
mich alles an. Ich bekam diese Scheibe 1979 zu Weih¬
nachten geschenkt. Angus Young in Schuluniform und
mit Teufelshörnern war für mich damals mit 12 Jah¬
ren neben KISS das Coolste überhaupt. Heute höre ich
diese Songs eher in Pubs, aber sie rocken immer noch.
„T’N’T“ (1975) und „LetThere Be Rock“ (1977) müssten
eigentlich ebenfalls in dieser Liste genannt werden. Von
der Musikpresse sind sie teilweise mit „Punk“ assoziiert
worden. Für viele unvergesslich: Bon Scott.
THE SAINTS
(Pm) Stranded
EMI, 1977 | Australiens erste Punkband. 1973 im damals
äußerst konservativen Brisbane als KID GALAHAD AND
THE ETERNALS gegründet. Sie selbst hielten sich für eine
Rockh’Roll-Band. die Eddie Cochran/Chuck Berry be¬
einflusste Uptempo Songs spielten. „(I’m) Stranded/No
Time“ kam als Single im September 1976 heraus, noch
vor der allerersten britischen „Punk“-Single (von THE
DAMNED). Das Musikmagazin Sounds feierte „(I’m)
wm birdmüh • mm hppemr
Stranded“ als ..single of this and every week" ab, was ih¬
nen unter anderem den Deal mit EMI einbrachte. Unver¬
kennbar Chris Baileys Gesang.
THE SAINTS
Prehistoric Sounds
EMI/Harvcst, 1978 ] Im Grunde gehört die zweite LP,
„Eternally Yours" (1978), auch in diese Top Ten. „Prehis¬
toric Sounds" ist die letzte mit Edmund Kuepper, eine oft
verkannte, sehr gute Platte. Bailey wollte weiterhin Drci-
Akkord-Roeker spielen, während Kuepper die Band in
eine experimentelle, unkommerzielle Richtung lenken
wollte, was sich in der teilweise düsteren Stimmung und
den souligen Bläser-Arrangements zeigt. Bailey behielt
den Namen THE SAINTS bei, während Kuepper eine sei¬
ner Folgebands THE AINTS benannte.
ROSE TATTOO
Rose Tattoo
Albert/EMI, 1978 j Das Debüt der Tatts aus Sydney
ist Aussie-Pub-Rock’n’Roll at it’s best, auch wenn sich
mein Lieblings-Kneipensong „Rock'n’Roll is king“ auf
dem Zweitling „Assault And Battery" (1981) befindet.
Songs wie „Rock’n’roli outlaw“, „Nice boys don’t play
rock’n’roll“. „Stuck on you“ und so weiter sind Klassi¬
ker. Ebenfalls eine Band mit für die damalige Zeit unge¬
wohntem Image. Markant: der kleine Fronunatm Gary
„Angry“ Anderson. Ebenso wie AC/DC von Harry Van-
da & George Young (THE EASYBEATS, Albert Records)
produziert.
THE ANGELS
Face To Face
Albert/EMI 1978 j Neben AC/DC und ROSE TATTOO
sind die Adelaide Pub-Rocker die dritte Band, die 70s Oz
Rock über die Grenzen Australiens hinaus bekannt ge¬
macht haben. Das selbstbetitcltc Debüt von 1977 enthält
den Klassiker „Am l ever gonna see your face again". Auf
dem Nachfolger befinden sich insgesamt mehr Straight-
forward-Rocker. Aufgrund ihres charismatisch-theatra¬
lischen Frontmanns Doc Neeson sind sie teilweise als
Punk/New Wave Out fit angesehen worden. Sleaze-Ro-
cker wie MÖTLEY CRÜE und GUNS N’ROSES sollen THE
ANGELS als ihre Einflüsse angegeben haben.
COLOURED BALLS
Ball Power
EMI, 1973 | Lobby Loyde, der Sänger und Gitarrist die¬
ser Progrock-Combo, wird heutzutage als „Godfather
of heavy Oz rock“ bezeichnet. Die Debüt-LP wird heu¬
te als Protopunk ä ia MC5. PINK FAIRIES. HAMMERS¬
MITH GORILLAS eingestuft. Er selbst bezeichnete sie
einfach als „our way to say ,fuck you’ to the music in-
dustry“. Auf Konzerten kam es vereinzelt zu Randale sei¬
tens ihrer Skinhead Anhängerschaft. „Human being"
wurde später von BORED! gecovert, „G.O.D.“, ein Non-
LP Song, von den COSMIC PSYCHOS. Die Original-LP ist
heute ein Collectors’ Item, auf Aztec Records 2006 als
CD rereleast.
THE MANIKINS
s/t
Two Tribes, 2004 | Diese Formation ist aus der ersten
Perth Punk-Band THE CH EAP NASTIES (mit Kim Sal-
mon) hervorgegangen und spielte Modpunk, der grob
nach THE }AM klingt. Diese CD mit Aufnahmen von 78-
80 sei stellvertretend genannt für die 70s Aussie-Punk-
bands, die in den Siebzigern nur EPs, aber keinen Long-
player veröffentlicht haben, deren Output aber im Nach¬
hinein als Zusammenstellung herausgekommen ist. In
diese Kategorie fallen ROCKS, THE V1CT1MS, JOHN¬
NY DOLE AND THE SCABS. THE LEFTOVERS, THE
THOUGHT CRIMINALS und THE VISITORS (mit Tek.
Hoyle und Keeiey von RADIO BIRDMAN).
YOUNG MODERN
Play Faster
Local, 1979 | Die einzige, posthum erschienene Platte
dieser 1977 in Adelaide gegründeten 60s-beeinflussten
Mod-Powerpop-Combo dürfte wohl selbstironisch be¬
titelt worden sein: „Come on you wimps, play faster“
lautete bei Konzerten häufig der Zuruf aus der Menge,
die eher Pubrock/Hardrock-Bands wie THE ANGELS
oder COLD CHISEL gewohnt war. Die Songs erinnern an
Bands wie BIG STAR und FLAMIN' GROOVIES. Bekannte
Aussie-Bands wie SUNNYBOYS und HOODOO GURUS
zählten YOUNG MODERN zu ihren Einflüssen. Als „2 Stil
Anniversary Edition“ zusammen mit Bonusmaterial auf
Aztec Records wiederveröffentlicht.
LOADED DICE
No Sweat
WEA, 1979 | Komplett in Vergessenheit geraten scheint
heute diese Rock’n’Roll/Powerpop-Kapelle zu sein. We¬
der im Standardwerk „The Encyclopedia Of Australian
Rock And Pop“ (lan McFarlane), noch in alten Fanzines,
noch im Internet lassen sich Informationen finden, ein¬
zig dass sie im 78 Records Shop in Perth erhältlich ist.
Aufgenommen wurde sie in Sydney, dessen Rotlichtbe¬
zirk Kings Cross auch in einem Stück besungen wird. Die
Songs erinnern an die EASYBEATS, sie sind nur etwas
härter. Einige Songs klingen nach UNDERTONES. Keine
repräsentative LP. dafür aber eine sehr gute.
Eine Anmerkung: „Don’t Throw Stones“ (Mushroom,
1978), die zweite Platte der Melbourne Powerpop/R&R/
Soul-Band THE SPORTS (vom Sound her in Rich¬
tung Graham Parker, Joe Jackson, Elvis Costello) hätte
noch irgendwo untergebracht werden müssen. „Door
Door" (Mushroom/Festival 1979), das Debüt der BOYS
NEXT DOOR, Nick Caves erster Avantgarde/Punk-For¬
mation gehört aufgrund seines großen Einflusses auf
spätere Bands in diese Liste, die Platte gefällt mir aller¬
dings nicht.
Matt Henrichmann
OX-FANZINE 56
DOM MARIANI/TIM PITTMAN
Wirkt sich diese Abgeschiedenheit auf die lokale Musikszene aus, wie es manchmal
auch vermutet wurde?
In der Vergangenheit ist von einem bestimmten „Perth Pop Sound“ gesprochen worden.
Die Leute reden über die Isolation in einer romantischen Art. Vielleicht ist es ja auch alles
nur die Sonne? Ich bin mir da nicht sicher, aber letztendlich glaube ich nicht, dass es ei¬
nen speziellen Perth-Sound gibt. Es gibt eine sehr große lokale Szene hier und eine Men¬
ge Bands von hier haben Erfolg in ganz Australien, aber ich bin nicht wirklich ein Fan von
Mainstream-Musik.
Als ihr 1984 mit den STEMS angefangen habt, gab es in Australien mit den HOODOO
GURUS und den LIME SPIDERS bereits Bands, die Garage beeinflusst waren. Wusstet
ihr damals, dass das 60s-Garage-Revival in den USA mit Bands wie THE FLESHTONES,
THE CHESTERFIELD KINGS, THE FUZZTONES schon seit ein paar Jahren im Gange
war?
Nein, als wir mit den STEMS starteten, hatte ich keine Ahnung davon. Erst als ich eine
Ausgabe des Bucketfull Of Brains-Fanzines bei Dada Records aufgelesen hatte, erfuhr ich
von diesen gleichgesinnten Bands aus USA und Schweden. Es war cool, Teil einer aufblü¬
henden Szene zu sein. Ich erinnere mich, dass einer meiner Freunde mir damals die ers¬
te CHESTERFIELD KINGS-Platte zeigte und meinte: „Hey have you heard of these guys?
They’re doing the same thing as you“. Ich hatte eine ganz gute Collection von Sixties-
Platten in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern angehäuft. Ich fand die Original-
„Nuggets^Compilation circa 1980 secondhand, ebenso die „Underground“-LP der ELEC¬
TRIC PRUNES, welche beide meine Obsession für 60s Garage auslösten. Circa 83/84 fing
es an, dass man Reissues von CHOCOLATE WATCHBAND und THE SEEDS in den etwas hip¬
peren Plattenläden fand. Zu der Zeit wurden ebenfalls einige von den australischen 60s-
Bands wie die frühen MASTERS APPRENTICES, THE EASYBEATS, die MISSING LINKS und
die „Magic Box“ der LOVED ONES wiederveröffentlicht.
Die STEMS sind von Rob Younger produziert worden, die SOMELOVES von Mitch Eas-
ter, der zuvor auch für R.E.M. gearbeitet hatte. Wie war die Zusammenarbeit?
Ich habe viel mehr mit Mitch zusammengearbeitet als mit Rob, aber beide waren auf ihre
Art großartig. Sie hatten beide eine sehr unterschiedliche Herangehensweise. Rob drängte
uns dazu, unsere bestmögliche Rock’n’Roll-Performance live im Studio aufzunehmen. Wir
haben da nicht viel Overdubs gemacht. Es war eine einfachere Herangehensweise. Mitch
bevorzugte eine eher stufenweise ausgerichtete Technik mit sechs verschiedenen Gitarren-
Parts für jeden Song und unterschwelligen Keyboard-Parts. Er benutzte viel mehr techni¬
sches Equipment in seinem Studio, um den perfekten Sound zu kreieren.
Wie war eurer Gig in New York vor ein paar Jahren, als ihr auf Little Steven Van Zandts
Underground-Garage-Festival gespielt habt?
Mal angenommen, du spielst auf einem Rock-Festival und könntest die Bands, mit denen
du zusammen spielst, selbst aussuchen - so ungefähr war es für mich auf Little Stevens
Underground-Festival zu spielen: Bo Diddley.THE STOOGES.THE ELECTRIC PRUNES,THE
CHOCOLATE WATCHBAND, THE PRETTY THINGS, THE CREATION, BIG STAR, Nancy Si-
natra, THE NEWYORK DOLLS, um nur ein paar zu nennen. Es war ein fast schon surrealer
Event. Unser Set war kurz und schon nach zehn Minuten vorbei, aber das gesamte Feeling
war elektrisierend. Jim Lowe/ELECTRIC PRUNES, Phil May/PRETTY THINGS, Alex Chilton
und Nancy Sinatra an einem Tag kennen zu lernen, war irgendwie etwas Besonderes.
Mit DM3 hast du auch in Europa getourt. Was waren da die Highlights?
DM3 tourten in Europa ein paar Mal während der Zeit von 1994 bis 1999. Unsere ers¬
te Show außerhalb Australiens war das Roskilde Festival in Dänemark. Das war ein High¬
light. Wir spielten Gigs in Skandinavien und vereinzelt in Deutschland und Italien, aber
der größte Teil desTourens war in Frankreich und Spanien. Letzteres war besonders gut so
circa 1995 und 1996. 2001 reformierte ich DM3 mit einem neuen Line-up für eine Ita¬
lien- und Schweiz-Tour.
Spielst du mit einer deiner Bands in Zukunft noch mal in Europa?
Ich habe da letztes Jahr getourt, um die „Popsided Guitar“-Anthology zu promoten. Eine
neue Tour ist für Ende des Jahres geplant, um das neue STEMS-Album zu promoten.
Ich habe eine EP von einer Band namens THE FLAfRZ.
Das ist die Band von meinem Sohn John und meinem Neffen Dion. Zusammen mit Scarlet
am Schlagzeug haben sie diese Band jetzt schon seit vier Jahren. Sie fingen ohne Bassisten
an, aber kürzlich kam Georgia hinzu. Sie sind jetzt alle 13 Jahre alt und sie sind sehr mu¬
sikbegeistert. Ihre zweite EP, „Bullseye“, ist vor kurzem rausgekommen. Es ist sehr rockige
Musik. Sie bekommen ganz gut Aufmerksamkeit, sowohl von hier als auch aus dem Aus¬
land. Sie mögen die RAMONES und frühen AC/DC genauso wie klassische Rockbands wie
ROLLING STONES undTHEWHO.
Was ist für die nähere Zukunft geplant?
Erst mal abwarten, wie das neue STEMS-Album läuft. Keine Ahnung, ob es noch mal ein
STONEAGE HEARTS-Album geben wird, aber für THE MAJESTIC KELP ist das dritte Al¬
bum bereits geplant.
Matt Henrichmann myspace.com/dommariani
TIM PITTMAN
PRESENTS FROM DOWN UNDER
Wer sich für australische Musik zu interessieren beginnt, kommt an den beiden exzellenten Compilati-
ons „Tales From The Australian Underground“ nicht vorbei - und ist dann hoffentlich angefixt. Aber auch
die sträflich unterschätzten MARK OF CAIN, eine der Lieblingsbands von Henry Rollins, gehören zu den
Schützlingen von Tim Pittman aus Sydney, der sich mit Feel Presents dem Aufarbeiten der Rockmusik-
Geschichte des fünften Kontinents verschrieben hat.
Stell dich doch bitte mal vor.
Mein Name ist Tim Pittman und ich bin ein australischer
Konzertveranstalter. Ich bringe Alternative/Independent-
Künstler von Übersee nach Australien. Angefangen bei
Lou Reed, Henry Rollins und Cat Power, über Mogwai
und THE DILLINGER ESCAPE PLAN bis hin zu TV Smith.
Ich promote auch ein paar ausgewählte australische Acts,
wie RADIO BIRDMAN, THE DIRTY THREE, THE MARK
OF CAIN & THE THOUGHT CRIMINALS und Ed Kuepper.
Und ich bin auch so was ähnliches wie ein australischer
Musikarchivar, der sein Handwerk in den 80ern gelernt
hat und mit australischem Ur-Punk aufgewachsen ist, bis
alles NIRVANA von überdeckt wurde.
Wann hast du das Label gegründet und warum?
Ich habe das Label 2003 gegründet, aber ich habe schon
sehr viele Jahre zuvor darüber nachgedacht. Ich habe ehr¬
lich gesagt erwartet, dass jemand anders diese Zeit aufar¬
beitet, in der ich tief eingetaucht war - so wie das auch
mit den Sixties passiert war -, aber es tat niemand. Ir¬
gendwann realisierte ich dann, dass ich es wohl selbst
machen musste.
Wie und wann bist du zum Punkrock gekommen?
Welche Bands waren wichtig für dich?
Ich war mir dessen schon ziemlich früh bewusst und
kann mich an eine Geschichte in einer Sonntagabend¬
nachrichtensendung im Fernsehen erinnern, welche
über das Signing der SEX PISTOLS bei A&M vor dem
Buckingham Palace berichtete. Das muss 1977 gewesen
sein. Ich habe einen älteren Bruder, der das auch miter¬
lebt hat. Dieser fand dann in der Stadt einen Plattenladen,
der „White Light“ hieß und der erste Import- und Punk¬
shop im Land war. Er schaffte Platten von THE STOOGES,
THE DAMNED und vielen anderen ins Land und damit
ging es los. Ich stieß in den frühen 1970ern auf RADIO
BIRDMAN, als eine alternative Radiostation sagte, wenn
man in einem Monat ein australisches Album kauft, be¬
kommt man ein Live-Album der „Live At The Wireless“-
Radioshow. Ich hörte RADIO BIRDMAN auf dem glei¬
chen Radiosender. RADIO BIRDMAN sind immer mei¬
ne australische Lieblingsband geblieben, von der frühen
CBGB’s-Szene bis zur ersten Welle von UK-Punks und all
dem australischen Kram aus dieser Zeit. Das macht im¬
mer noch den größten Teil meiner Lieblingsmusik aus.
Wie hast du damit angefangen? Hattest du vorher schon
Erfahrungen mit dem Veröffentlichen von Platten?
Ich hatte Erfahrungen als Bandmanager von THE EAS-
TERN DARK, HARD-ONS und THE MARK OF CAIN, aber
keine Labelerfahrungen. Ich tat nur, was ich für sinnvoll
hielt, investierte mein Geld und das war es auch schon.
Welche Labels oder Personen haben dich inspiriert,
das Label zu gründen?
Ein australisches Label namens Raven, das großartigen
australischen Sixtiespunk wie von den UGLY THINGS he¬
rausbrachte. Sie waren diejenigen, wo ich am ehesten ver¬
mutet habe, dass sie mal die Musik der späten 70er und
80er aufarbeiten würden, aber sie haben es nie getan.
Gibt es eine Geschichte hinter dem Namen?
„Feel“ stammt von einem Song von Kim Salmon. Für
mich vermittelt dieses Wort den gleichen Vibe wie
„Soul“, und Seele ist in der Musik sehr wichtig. Wenn et¬
was keine Seele hat, besitzt es gar nichts. Genau wie bei
einem Gefühl.
Ist das Label ein Hobby für dich, oder bist du in der
Lage, davon zu leben? Wenn nicht, was tust du, um
dein Leben zu finanzieren?
Ich habe eine Menge Ideen, aber aufgrund der vielen Zeit,
die ich in diese Compilations gesteckt habe, war es nicht
möglich, daran wirklich etwas zu verdienen und davon
zu leben. Stattdessen arbeite ich als Veranstalter, und
wenn ich Zeit und Lust habe, versuche ich, meine Ideen
zu verwirklichen.
Hast du eine besondere „Labelpolitik“?
Also, ich bin ziemlich in der Zeit zwischen 1976 und
1992 verwurzelt, wenn da etwas gut ist, eine bestimm¬
te Langlebigkeit besitzt und eine Geschichte zu erzählen
hat, veröffentliche ich es.
Denkst du, australische Rockmusik hat etwas speziell
australisches an sich?
Früher war das so, inzwischen aber nicht mehr. Ich den¬
ke unsere Isolation und die Distanz zum Rest der Welt
halfen uns, andere Stimmungen und somit eine Menge
andere Musik zu schaffen. Inzwischen ist Musik aber ein
einziger großer weltweiter „Klumpen“ geworden.
Du hast diese großartige Sampler-Reihe „Tales From
The Australian Underground“ herausgebracht. Wie
kam es dazu?
Ich wurde durch die „Ugly Things“-Sixties-Sampler be¬
einflusst und dachte mir, dass man diese Ära in ähnli¬
cher Form abdecken müsste. Aufgrund meiner Erfahrun¬
gen mit der Musikindustrie denke ich, dass eine Menge
Leute heutzutage voraussetzen, dass ihnen alles auf einem
Tablett serviert wird. Und ich wollte zeigen, dass es, be¬
vor Punk vor die Hunde ging und alternative Musik die
Riesenindustrie wurde, die sie jetzt ist, jede Menge Leu¬
te gab, die viel Leidenschaft und Arbeit in ihre Musik ge¬
steckt haben und das musste endlich mal gewürdigt wer¬
den. Es gibt da großartige Musik und jüngere Generatio¬
nen sollten auch die Chance bekommen, diese zu hören.
Beide Sampler sehen nach einer Menge Arbeit aus. Was
hat dich angetrieben und wie lange hast du an diesem
Projekt gearbeitet?
Der erste Sampler hat fünf Jahre in Anspruch genommen.
Obwohl ich grundsätzlich alles wusste, was ich wissen
dazu musste, wollte ich das Projekt erst abschließen, als
ich hundertprozentig zufrieden mit dem Endergebnis
war. Teil 2 nahm dann drei Jahre in Anspruch. Das pas¬
sierte überwiegend in meiner Freizeit, parallel zu mei¬
nem normalen Job, Beziehungen und so weiter ...
Arbeitest du an weiteren Teilen?
Ja, ich arbeite an Teil 3, aber ich denke, das war’s dann
auch.
Hat es eine besondere Bedeutung für dich, ein „In¬
dielabel“ zu betreiben? Wie denkst du über Majors?
Gibt es positive und negative Erfahrungen?
Ich habe mit Majorlabels zusammen gearbeitet, in meiner
Funktion als Bandmanager und Promoter für internatio¬
nale Künstler. Ich wüsste nicht, dass mir das jemals Spaß
gemacht hat. Ich verstehe nicht, was die Leute motiviert,
die in diesen Jobs arbeiten. Es ist ein wirklich schreckli¬
ches Umfeld. Was mich als Indielabel betrifft, gibt es kei¬
ne wirkliche Alternative für die Musik, die ich heraus¬
bringe, und meine persönlichen Überzeugungen. So und
nicht anders ...
Vinyl? CD? Hast du Vorlieben?
Ich bevorzuge eigentlich Vinyl, aber ich mag die Aufma¬
chung meiner CD-Neuauflagen, ebenso wie von ein paar
Rhino- und Ace/Kent-Releases.
Was werden deine nächsten Veröffentlichungen sein?
Ich arbeite an ein paar 2CD-Veröffentlichungen von SE¬
KRET SEKRET, und THE MOFFS. Und ich habe auch noch
eine neue Compilation-Idee, über die ich dir jetzt leider
noch nichts erzählen kann.
Joachim Hiller feelpresents.com
OX-FANZINE 57
DIE OX-GESCHMACKS-CONTROL
Joachim Hiller
Hätten sie mich mit diesem Al¬
bum enttäuscht, ich hätte es ih¬
nen nicht verziehen. So schmelze
ich dahin, auch wenn „The Back
Room“ unübertroffen bleibt
(und damals 10 Punkte verdient
gehabt hätte). (9)
Sind die Kanadier blöd: So je¬
mand wie King Khan lässt man
doch nicht gehen! Moppeliger
ist er geworden, und auch der
Sound von „What is?!“ ist voller,
runder, gereifter. (8)
Verdammt, die machen aber auch
echt alles richtig!Ansatzpunkte
für Kritik? Fehlanzeige. Bis die
NEW BOMBTURKS auferstehen
nehme ich einfach etwas HEAR-
TACHES. (8)
Verblüffendes Album: Wer sich
von dieser blumig-wavigen Po-
wer-Pop-Band nicht mitreißen
lässt, muss zu meiner Party nicht
kommen. (8)
Smarte Texte, lakonischer Gesang
und ein beängstigendes Wissen
um gute Musik aus den späten
Siebziger - das funktioniert auch
diesmal wieder bestens. Und
tanzen kann Grönemeyer ja auch
nicht. (8)
CLOROX GIRLS Wenn die BRIEFS sich r
Thomas Kerpen Andre Bohnensack
Thomas Renz
Carsten Vollmer
Abel Gebhardt
KING KHAN &
THE SHRINES
What Is?!
Hazelwood
0 8,0
HEARTACHES
Too Cool
For School
Swami
0 7,5
SHOCKS
Brace... Brace...
Dirty Faces
0 7,5
J‘aime Les Filles
BYO
0 7,1
JAI-ALAI
SAVANT
Flight Of The
Bass Delegate
City Slang
0 7,1
BILLY
NO MATES
C'monletmesee-
youpogo
Ten Past Twelve
0 7,0
BISHOPS
s/t
Weekender
0 7,0
PRISTINE
Hands Up!
Hands Up!
Planet Pristine
0 6,9
chen, nimmt man auch gerne
die CLOROX GIRLS - und stellt
fest, dass die alles andere sind als
ein Substitut. Je länger und öfter
das Album läuft, desto besser ge¬
fällt es. (8)
Mit dieser Platte haben die EDI¬
TORS ihren emotional mitrei¬
ßenden Sound zwar nur mini¬
mal variiert, beweisen aber ein- I
drucksvoll, dass sie mehr sind als |
nur eine gehypte Insel-Eintags-
fliege. (9)
Der über alle Zweifel erhabene
Hohepriester des souligen Gara¬
gepunks zeigt sich hier als Meis¬
ter der Sophistication, wodurch
diese fast psychedelische Platte
zuerst leichte Anlaufschwierig¬
keiten besitzt. (9)
John Reis weiß halt, wie richti¬
ger Rock'n'Roll geht und hat mit
den HEARTACHES die FLESH-
TONES für dieses Jahrtausend
gesignet. Oder die RAMONES?
Oder die CARS? Oder...? (9)
Die QOTA des norwegischen
Dancepunks, die ihre Platte mit
einigen schwer zu ignorierenden
Hits vollgepackt haben. Manch¬
mal etwas penetrant, aber einer
der besseren Vertreter des Gen¬
res. (8)
Näher kann man als deutsche
Band den BUZZCOCKS und 77er
Punk kaum kommen. Wo ande¬
re deutschsprachige Punkbands
unbeholfen und besoffen sind,
klingen die SHOCKS präzise und
clever. (7)
Schon lange nicht mehr so eine
dumpfe und schlechte Produkti¬
on gehört, an der die Band auch
noch beteiligt war, worunter der
an sich ganz schöne BRIEFS/
BUZZCOCKS - Poppunk doch er¬
heblich leidet. (6)
Post-Punk, Indierock, Electro- THE JAIALAI SAVANT verdrän-
nica, Dub und Pop in überzeu- gen bei mir Bands wie ICA-
gender Kombination und be- RUS LINE oder AT THE DRIVE-
stechender Produktion - eine IN von ihren Spitzenpositionen
der faszinierendsten Bands die- im nicht richtig zünden wollen.
serTage! (9) Gut gemachter Indierock, aber
sonst... (6)
V '■
DEEPEYNDE
Bad Blood
-
People Like You
0 6,5
&
- M M
«uff patter.
MUFF POTTER
Steady
Fremdkörper
Universal
0 6,4
Du hasst Orgeln und SNUFF
konntest du noch nie leiden?
Okay ... Ich liebe SNUFF, und wo
so wild georgelt wird, da lass ich
mich gerne nieder, weshalb die¬
se One-Man-Show auch rund¬
um gut gefällt. (8)
Trotz Antipathie gegen kirch¬
liche Würdenträger kann mich
das nicht davon abhalten, die BI¬
SHOPS zu lobpreisen: Retro-Au¬
thentizität galore, und das mal
ohne Garage-Knarz. (7)
Die beste Band aus Dortmund
seit, äh... ewig. Enorm druckvol¬
ler, aggressiver Girlpunk aus ei¬
ner schmutzigen Garage, in der
vor allem Karren aus den Sech¬
zigern und Siebzigern stehen.
Kickt. (7)
Auf Platte machen die DEEPFITS
eine ausgesprochen gute Figur,
sind hymnisch und mitreißend.
Live war das leider nicht so. (7)
Anfangs war es etwas unge¬
wohnt, das neue Album, doch
mit jedem Durchlauf wird die
Platte vertrauter und schließlich
tritt das erwünschte Wöhlgefühl
ein. Na also. (8)
Obwohl hier der Chefdenker von
SNUFF am Werk ist, kommt un¬
ter dem Strich leider nur eine
konturlose Scheibe ohne Lang-
zeitwirkung heraus, von der man
mehr erwartet hätte als Schun¬
kelpunk. (5)
Nette Retro-Beat-Band mit cle¬
verem Songwriting und Chil-
disch/Golightly-Touch, der aber
manchmal ein wenig echter Biss
und ein Garagen-Trash-Faktor
fehlt, wodurch das Album allzu
clean wirkt. (6)
Richtig schöner, rotziger In-
Your-Face-Girl-Punk zwischen
Riot-Grrrl-Attitüde und kanti¬
gem, aggressivem Rock, der Po¬
tential hat und dem nicht schon
nach drei Songs die Puste aus-
geht. (8)
„Von großartig zu brillant, wie
geht das?“ „Weniger .Discopunk',
mehr Melancholie, mehr Hym¬
nen, die dich zu Tränen bewegen
und die du nie vergisst.“ „Wollt
ihr mich heiraten?“ „Nein, aber
Danke fürs Kompliment.“ (10)
„Ich will eine Platte, die nach
cooler Sixties-Tapete klingt. Und
nach Martini, Gewalt, kurzen Rö¬
cken, Dope und schmutzigem Sex
mit fast sauberen Menschen.“
„Nehmen sie doch die neue King
Khan, die hat das alles.“ (8)
„Hört auf euren Manager: so er¬
reicht ihr die Garagenpunk-Al -
leskäufer nie. Eure Songs klingen
nicht alle gleich, sie haben Dyna¬
mik, Höhepunkte und brechen
aus dem Genre aus.“ „Wir ma¬
chen das aber trotzdem so.“ (8)
„Yoo-hoo, hörst du, yoo-hoo -
und das mit viel Pathos und stän¬
dig eingesetzt.“ „Aber wir sind
Norweger.“ „Egal, die englischen
Disco-Indiepopper ohne eige¬
ne Ideen nimmt man euch schon
ab.“ „Yoo-hoo, let's goo!“ (5)
„Ich scheiß' was auf musikalische
Weiterentwicklung. Die SHOCKS
sind die SHOCKS, basta.“ „Aber
eure neuen Songs klingen ganz
genau wie die alten.“ „Das ist mir
scheißegal, das soll so sein. Friss
es oder lass es.“ (7)
„Ihr seid zu BYO gewechselt, jetzt
gibt's sicher noch mehr BRIEFS-
Vergleiche.“ „Na ja, Ähnlichkei¬
ten sind ja auch da, aber wir sind
doch etwas mehr „Pop“ als sie,
BUZZCOCKS-Pop, Power-Pop,
Sixties-Pop..." (8)
„Du klingst häufig wie Sting.“
„Ja, stimmt.“ „Bei .Datamassaga-
na' sogar wie der junge Lemmy“
„Wie bitte?“ „Aber euer dubbi-
ger Indierock hat ja eh was sehr
eigenes, spinnertes.“ „Jetzt bin
ich sprachlos." „Ich auch.“ (8)
„Duncan, was machen eigentlich
SNUFF?“ „Die schlafen. Stattdes-
sen mache ich mit anderen Leu¬
ten genau die gleiche Musik, wie
mit SNUFF. Okay, mehr Metal ist
da drin, und keine Bläser aber
ansonsten..." (8)
„Die Lösung ist die: Klaue unge¬
niert bei den BEATLES, lass deine
Platte klingen, als wäre sie 1965
aufgenommen worden, bediene
dich nur wenig an der Moderne
und schon ragst du aus dem Eng¬
land-Brei hervor“ „Okay.“ (6)
„Ihr gebt ordentlich Gas, habt
eine garagige, aber druckvolle
Produktion und rockt wie Sau.
Aber könnte eure Sängerin nicht
mal einen Gang runterschalten.
Auf Dauer nervt sie.“ „Du hast ja
keine Ahnung, Chauvi“. (6)
schees verzichtet und überwie
gend guten alten Punk'n'roll
spielt. (7)
Mit denen werde ich nicht mehr
warm werden, glattgebügelter
„Punk“ für 16-jährige Ruck¬
sackträgerinnen, wo mich weder
die Texte noch die Musik irgend¬
wie umhauen. (5)
und ohne Power.“ „Pass' auf, was
du sagst. Wir können böse Mäch¬
te herauf beschwören.“ „Das
wäre vielleicht hilfreich.“ (5)
„So, diesen Regler mehr Rich¬
tung Mainstream und dafür et¬
was Eigenständigkeit raus.“ „Wir
verlieren also an Identität?“ „Ein
wenig beliebiger wird es, ja. Und
ihr verliert an Hitdichte.“ „Scha¬
de.“ „Ja, schade.“ (7)
Zwischen Joachim und mir tobt Episch breit aufgeblasene und Auf sehr hohem Niveau schlie-
ein ewiger Streit, ob denn r
INTERPOL oder EDITORS bes¬
ser sind. Es sieht leider so aus, als
ob er schon wieder Recht behal¬
ten würde. (9)
TV Spielfilm meint: „Ein aber¬
witziger Ritt direkt in die späten
Sechzigerjahre“. Sind die nicht
mal angetreten, tun schlechte
Filme abzufeiern? Richtig liegen
sie natürlich trotzdem. (7)
Der Albumtitel weckt Erinne¬
rungen an Parker Lewis, den
„Coolen von der Schule“. Auch
der Sound der HEARTACHES
lebt in der Vergangenheit. Aber
manchmal haben Wiederholun¬
gen ja etwas Beruhigendes. (6)
Dieses Album heißt völlig zu
Recht „Espionage“, denn THE
SCHOOL haben so ziemlich
jede Band ausspioniert, die seit
FRANZ FERDINAND von der
Musikpresse observiert wur¬
de. (6)
„Da hängt ein Spiegel an der
Wand / Was ich darin seh, er¬
kenn ich nicht", singen SHOCKS
gleich im ersten Song. Dabei ist
doch alles so einfach: Ihr seid die
deutschen BRIEFS. Weiß doch je¬
der. (8)
Diese Girls sind eigentlich Boys,
Clorox ist ein Bleichmittel, und
wenn man das, was die BRIEFS
auszeichnet, so gemütlich inter¬
pretiert wie hier, gelingen Hits,
bei denen einem die Farbe aus
dem Gesicht weicht. (7)
Bei dieser Platte hagelt es THE
POLICE-Vergleiche bis die Poli¬
zei kommt. Dabei kann ich mich
nicht daran erinnern, dass Sting
jemals so gut war. Das Schöns¬
te aber ist, wie gekonnt der Chef
den Bandnamen ausspricht. (8)
schmachtene Popsongs, die zwar ßen die EDITORS nahtlos am
immer noch gut funktionieren, grandiosen Debütalbum an. Gro-
aber leider nicht mehr so gna- ße Überraschungen sucht man
denlos überzeugen wie auf dem allerdings vergebens. (8)
ersten Album. Die Indie-Version
vonCOLDPLAY? (7)
King Khan und seine wilden
Horden im Psychedelic-Rausch.
Man hat den Eindruck mitten in
einem Urwald von blitzenden
Lichtern zu stehen und kom¬
plett die Orientierung zu ver¬
lieren. (8)
Ein rundum gelungenes, klassi¬
sches Punk'n'Rock-Album, das
zwar nicht innovativ oder gar
einzigartig ist, aber die Songs ha¬
ben Stil und die Band hat hör¬
bar Spaß dabei. Gute Unterhal¬
tung! (7)
Was kann es nur bedeuten, wenn
ein alter Mann in Unterhose quer
durch das Wohnzimmer springt?
Richtig, der Papa hat wieder eine
neue Lieblingsplatte! (10)
Rotzige und frische Punkmu¬
sik mit frechen deutschen Tex¬
ten! THE SHOCKS verkörpern
einfach wie keine andere aktu¬
elle deutsche Band einen (Re¬
tro-) Stil, den man als zeitlos be¬
zeichnen könnte. (8)
Zeitreise dieses mal nicht Rich¬
tung England, sondern über den
großen Teich. Geschmackssicher
gelandet im LA der späten 70er,
bei sonnigem & unhektischem
Frühpunk. (7)
Der Hohepriester des Soul und
Funk ist mit seiner Band zurück
und begeistert erneut. Diese Mu¬
sik hat soviel Seele und Herz, da
bleibt kein Bein stehen. (9)
Das nenne ich mal ein klassi¬
sches Punk-Album. Obwohl die
fünf Kalifomier mit Zitaten nur
so um sich werfen, klingt das Al¬
bum unglaublich frisch und un¬
verbraucht. (8)
Auch wenn der New-Wave-
Rock dieser norwegischen Styler
sehr hektisch und aufgescheucht
daherkommt, so bleibt doch stets
etwas hängen. Gelungenes De¬
büt. (7)
Auf die drei Berliner ist und
bleibt Verlass. Überflüssig soll das
sein? Nein, hier wird Punk von
einst mit Witz und Charme ins
hier und jetzt gerettet. Und das
auch noch auf deutsch ... (8)
London 1976. Etikette 100 Pro¬
zent Punkrock. Fängt das Ganze
noch etwas mau an, so werden
die Lieder im Laufe der Platte
immer besser und sorgen somit
für einen richtig kleinen Hit. (8)
Poprock im Reggaewahn oder (-)
Punk in der Dubmaschine. Ir¬
gendwo zwischen POLICE und
den BAD BRAINS dürfte sich
R. Darden gut aufgehoben füh¬
len. (7)
„Don't forget me“, bittet Dun- Der erste Song ist ein echter
can Redmonds irgendwann. Aber Überflieger, danach flacht das
wie könnte ich denn? Schließ- Album leider hörbar ab und ver¬
lieh hatte ich doch viel Spaß mit liert sich in den unendlichen
diesem Album. Die Frage ist nur: Weiten des melanchonischen
„Do you remember me? / Like I Melodypunk. (7)
remember you?“ (7)
Das Vermächtnis von SNUFF
wird mit Würde weitergetragen.
Ein konsequenter Beweis dafür,
wie gut Pop-Punk auch heute
noch klingen kann. (7)
Ganz brauchbarer MISFITS- „Für Horrorpunk klingt ihr sehr
Klon, der angenehmerweise auf un-evil. So wie die reformierten
allzu platte Horrorpunk-Kli- MISFITS, nur ohne Metalgitarre
Auch wenn „The only place I
can look is down“ ob der kon¬
sequenten Rückwärtsgewandt¬
heit besser „The only place I can
look is back“ heißen müsste: Die
Marschrichtung der BISHOPS
stimmt auch so. (8)
Dem krachenden Punkrock von
PRISTINE ergibt man sich ger¬
ne - auch ohne dass ihr erstes
Album „Hands Up! Hands Up!"
ruft. „Thumbs Up! Thumbs Up!“
hätte als Titel auch gepasst. (7)
Hier gibt es „just good sing along
songs for anyone who has had a
bad relationship“. Und obwohl
mir derartige Erfahrungen völ¬
lig fremd sind, mag ich den an
die GENERATORS erinnernden
Sound der Band. (6)
„Ich bin doch kein Idiot“, ver¬
sichert Nagel gleich zu Beginn.
Wer seinen MTV-Auftritt ge¬
sehen hat, bei dem er kindisch
mit Nevio und Küblböck zank¬
te, könnte daran zweifeln - nicht
aber an seiner Musik. (8)
Die angerockte Variante des bri- Retro von vorne bis hinten -
tischen 60s-Beat, die vollkom- als Bandkonzept sozusagen. Der
men unspektakulär durchläuft richtig gute Song lässt aber noch
und keine bleibenden Schäden auf sich warten. Trotzdem eine
hinterläßt. Genauso angestaubt schöne KINKS-Hommage. (6)
& langweilig wie der traditionel¬
le Fünf-Uhr-Tee... (6)
Die volle Breitseite Frauenpo¬
wer! Ungestümer, stilsicherer
und ernergiegeladener Garage-
punk, der einen mächtig in den
gemütlichen Arsch tritt. (8)
Brrr, hier gruselt es mich über¬
haupt nicht, hier bin ich höchs¬
tens schockgefroren von der Ein¬
fallslosigkeit der Band. Horror¬
punk ist das nicht! Schnell beer¬
digen und vergessen. (4)
Egal, woher sie kamen und wo¬
hin sie noch gehen, sie mu߬
ten auch ohne mich laufen ler¬
nen. Ich klinke mich ab hier aus.
Dieses „neudeutsche Rumgero-
cke“ ist absolut nicht meine Mu¬
sik. (6)
Vier Mädels aus der Dortmun¬
der Nordstadt spielen Garage¬
punk. Das bedeutet, hier wird an
den Instrumenten malocht und
richtig angepackt. Lediglich der
Gesang ist auf Dauer etwas an¬
strengend. (6)
Eingängiger Horrorpunk, der die
großen Vorbilder von den MIS¬
FITS nicht verleugnet, aber auch
nicht einfach nur kopiert. (7)
Auch wenn MUFF POTTER von
Platte zu Platte ihren Sound im¬
mer mehr perfektionieren, so
schaffe ich es auch heutzutage
nicht, mich für ihren Deutsch-
Emo-Punk zu begeistern. (5)
NO SHAME
White Of Hope -
Turning Black
Fullsteam
0 6,4
Das famose Konzert noch in
den Ohren, gefällt das neue Al¬
bum der Finnen um so besser.
Druckvoller,melodiöser Hard-
core - Punk zwischen ENDSTAND
und IWALKTHE LINE. Gut! (8)
Auch nach mehrmaligem Hören
will bei den Finnen nicht mehr
hängen bleiben als das Gefühl,
es hier mit extrem formelhaf¬
tem Punkrock zu tun zu haben,
auch wenn die Attitüde stimmen
mag. (5)
„Wie kommt’s, dass wir jungen
Streetpunk-Finnen viel mehr
Energie haben und bessere Songs
schreiben als unsere deutschen
Kollegen?“ „Ich habe keine Ah¬
nung. Ihr seid wohl einfach bes¬
ser. Oder besoffener.“ (7)
NO SHAME kommen aus dem
südwestfinnischen Salo, ei¬
ner Kleinstadt, in der Handys
von Nokia hergestellt werden.
Schreib' eine SMS mit „Punk¬
rock ist kein Klingelton“ an die
123456.(7)
Es gibt sie also immer noch:
Menschen die ihr absolut eigenes
Ding durchziehen und es ein¬
fach Punk nennen. Die moder¬
ne Revolution 2007! Also Fäus¬
te aus den Taschen und mitma¬
chen! (7)
Mensch, da gab es doch mal so
eine coole Punk-Szene in Finn¬
land. Jetzt kommen NO SHAME
und klingen, wie jede x-belie¬
bige Band aus den Staaten. Nicht
schlecht, aber komplett aus¬
tauschbar. (5)
Horn Attack
Wolverine
0 3,9
Sage noch einer, die langen Jah¬
re als Zauberlehrlinge der HEL-
LACOPTERS seien ohne Ergeb¬
nis geblieben. Dick produziert,
schöne Orgel - nicht neu, aber
solide umgesetzt. (7)
An sich passen die Bestandtei¬
le, aber irgendein Produzent hat
hier geglättet und geschmirgelt
und den Rotz abgesaugt. Aber
live hört sich sowas ja immer
noch mal anders an. (5)
Bramsche Rock-City! BOOZED
drücken auch auf ihrem neuen
Album so beherzt das Gaspedal
durch, dass man sie inzwischen
wirklich vielen Vertretern des
nordischen Rock'n'Rolls vorzie¬
hen kann. (7)
„Geschichte des Schweinrocks
absorbiert?“ „Check.“ „Fähig,
sie zu reproduzieren?“ „Check.“
„Alle Klischees dabei?“ „Check.“
„Neue Impulse gesetzt?“ .“
„Innovationen?“ „...“ „Den Hö¬
rer gelangweilt?“ „Check!“ (4)
Dieser „Acid Blues“ könnte et¬
was giftiger sein, aber zum Run¬
terspülen der Henkersmahlzeit
ein paar müde gewordener skan¬
dinavischer Konkurrenten eignet
sich dieses Gesöff allemal. (5)
Hört sich an wie Rock, schmeckt
wie Rock, stinkt wie Rock, aber
das ist auch schon alles, denn
die entscheidene Zutat fehlt: Die
Seele, und die kann man nicht
im Baumarkt kaufen! (4)
Auch wenn BOOZED inzwischen
den Blues für sich entdeckt ha¬
ben, rockt auch das zweite Al¬
bum mächtig los. Sehr energe¬
tisch, aber leider nicht sonder¬
lich originell. (5)
Piercing-Barbie und ihre
Schwester spielen jetzt in einer
Punkband. Mal ehrlich, da höre
ich mir lieber Avril Lavigne oder
die KILLER BARBIES an, die sind
ja dagegen immer noch mehr
Punk!(2)
„Hast du eine Idee, wie wir das
Publikum von unserem miesen
pseudo-punkigen Alternativrock
überzeugen können?“ „ Zwei
Sängerinnen!“ „Ob das hilft?“
„Ein Versuch wäre es wert.“ „Nee,
hat leider nicht geklappt.“ (3)
Wenn das hier tatsächlich „ver-
punkrockter Sex-Appeal“ sein
sollte, wie im Info behauptet
wird, dann bleibt für mich nur
noch das Zölibat. Diese Anmache
ist mir einfach zu billig. (4)
Mit durchgestylten „Görenrock“
möchte ich nichts zu tim haben!
Ich muss schon immer die Stra¬
ßenseite wechseln, um nicht di¬
rekt los zu kotzen, wenn mir die¬
se H&M-T\issies ent gegenkom¬
men. (1)
Man nehme drei Jungs, die alle¬
samt Recht fit an ihren Instru¬
menten sind, lasse diese gefäl¬
ligen Punkrock mit genügend
Pop-Attitüde spielen und stellt
ihnen zwei attraktive Punk-Mä-
dels am Mikro dazu. (6)
OX-FANZINE 58
DIE OX-GESCHMACKS-CONTROL
DIE OX-REDAKTION VS. 15 AKTUELLE ALBEN
Gereon Helmer
Bevor es hier zu fröhlich wird,
greifen hier die EDITORS steu¬
ernd ein. Wehmütig bis zum An - j
schlag, aber weniger gequält und
selbstverliebt als COLDPLAY. (7)
Die wilde Horde aus Kassel/Bor¬
deaux/Toronto ist hier rockiger
denn je. Aber immer noch keine
Hits dabei, verdammt! Kann man
zwanzig mal hören, und immer
noch nix nachpfeifen ...(7)
Rotziger Highspeed-Garage¬
punk, wie ihn eigentlich nur
Profi-Skater spielen könnnen.
SWINGING NECKBREAKERS
treffen NEW BOMB TURKS an
der Halfpipe, und die CHIX DIG
IT. (7)
Die Norweger spielen unge¬
mein vielseitigen New Wave,
der vor Spielfreude und klas-
se Kompositionen strotzt. KAI¬
SER CHIEFS sind berühmter,
aber THE SCHOOL besser. Un¬
gerecht! (9)
Die SHOCKS haben genau den
Schwung und Spaß in den Ba¬
cken, der den ZITRONEN seit
über 15 Jahren schon abgeht.
Textlich nicht immer tiefschür¬
fend, aber das ist ja der Reiz der
Sache. (8)
Mit Spätsiebziger-Powerpop
„American Style“ und ihren Zu¬
ckerwatte-Songs bleiben sie im¬
mer charmant, nie wirklich böse,
und eigentlich sollte man sie Ru¬
ff ankophile Hymnen wie „Bana-
na Split“ knuddeln. (8)
Lauri Wessel
Bei diesem Indiepop, dessen Ver-
spieltheit und Melodiegefuhl
den Hörer um den Finger wi¬
ckeln, muss man schwach wer¬
den. Selten haben detailliert
komponierte Alben so einen
Spaß gemacht. (8)
Eine schweißtreibende Mischung
aus Soul und Garagepunk. Pfei¬
fende Bläser treffen auf kratzi¬
ge Gitarren und ein keuchen¬
der King Khan rundet die Songs
in bester 60s-Manier ab. Sau¬
ber! (7)
Wie auch die frühen BRIEFS,
klingen diese fünf Kalifornier
hektisch und aufgekratzt, wenn
sie Streetpunkrock mit New
Wave mischen und dem Ganzen
noch eine kleine Pop-Nuance
überstülpen. (7)
Völlig zu Recht erhielten THE
SCHOOL in Norwegen einen
Grammy. Denn wer eigenstän¬
digen Powerpop spielt und dabei
geschickt mit Synthesizer-Ele¬
menten flirtet, der muss belohnt
werden! (7)
Die Berliner sind nach wie vor
auf Zack, spielen 77er Punkrock,
dessen dünne Gitarren die grif¬
figen Songs voran treiben. Ein¬
gängige Refrains und ein we¬
nig Selbstironie runden das Al¬
bum ab. (6)
Eine nette Melange aus Punk-
rock, Pop und New Wave. Über
das nett kommt das Trio aus
Portland allerdings nicht hinaus,
da es neben drei, vier schmissi¬
gen, auch einige mittelmäßige
Songs spielt. (6)
Markus Kolodziej
| Das schwierige zweite Album
ist es nicht - INTERPOL ist mit
„Antics“ fast ein besserer zwei¬
ter Wurf gelungen - ein Song
wie „Munich“ findet sich jedoch
nicht, aber immer noch die ers-
I te Liga. (9)
Perfekter Sud aus 70s Wah-
Wah-Gitarre, 60s Soul Garage,
Curtis Mayfield Partituren und
viel STONES. Der kleine Bru¬
der des Genrevaters Screamin'
Jay Hawkins ist einer der Großen
seiner Zunft. (9)
70er Punk mit Beat- und klas-
| sischen Rock‘n‘Roll-Einflüssen.
i THE KINGS on speed. Kommen
I aus Kalifornien, könnten aber
l auch Norweger oder Schwe¬
den sein: ziemlich viel gute Lau¬
ne. (7)
Der Charme der frühen New
Wave-Ikonen DEVO und XTC
gepaart mit der verschwitzen¬
den Rockattitüde von QOTSA
und THE HIVES: gut für die hal¬
be Distanz und party-kompa¬
tibel. (7)
Alte-Schule-Punk mit 70er-Es-
prit in die Jetztzeit transformiert.
Ist der Song „Peter“ etwa Pe¬
ter Hein gewidmet, als der „Al¬
koholen“ war? Ein wenig FEHL¬
FARBEN (textlich) und viel THE
BRIEFS. (7)
Stark an den Punkwurzeln ori¬
entiert zwischen THE CLASH,
RAMONES und THE UNDERTO-
NES. Mit „Le banana split" gibt
es einen frankophilen Gute-Lau¬
ne-Song: klingt wie Plastic Ber-
trand ganz ausgeschlafen. (7)
Katrin Hachene'
I Genau das richtige für verreg-
I nete Sonntage. Pop-Songs, ein
| wenig melancholisch, ein we¬
nig wie INTERPOL, auf jeden
Fall britisch. Durchweg ange¬
nehm. (8)
Soul, ein wenig 60s und „it
makes me go boom boom
boom“. Vielleicht auch ganz gute
Musik zum Kopulieren. Dem
King kann man nicht widerste¬
hen ...(8)
Hektischer Punk, deutlicher
J 70er Einschlag. Schön ist das.
Wildes Pogo-Tanzen und dabei
gut auf der Tanzfläche aussehen.
Macht einfach nur Spaß. (8)
Energie von hier bis nach Nor¬
wegen. Rockmusik für dich und
mich. Geht gut ins Ohr, könnt
ich mir auch im Gleis 22 als
Samstagabend - Tanzflächenfül -
ler vorstellen. (8)
Drittes Album und ein Promo¬
zettel bestehend aus einem Hau¬
fen Understatements. Klassi¬
scher 70s-Punk, deutsche Texte,
fertig für die inszenierte Selbst-
i Zerstörung. (8)
Songs über Bananensplit sind
toll. Aber sonst eher zahnloser
Punk. Gibt wilderes. (6)
Eine schnelle, gefährliche Sa¬
che, genau wie der gleichnami¬
ge Ballsport. Und sie spielen die
Bälle zielgenau ab, jeder Song
ein Treffer, auch wenn es in to¬
tal verschiedene Richtungen
geht. (8)
Der fleißige SNUFF-Trommler
kommt mit rotzigen Pogopo-
phymnen ä la GEN X daher. Das
klingt so, als hätte das Roxy nie
dichtgemacht. (8)
Ganz frischer Beat-Pop mit
leichtem New Wave-Einschlag,
dazu deliziöse dreistimmige
Harmoniegesänge wie bei den
HOLLIES und in 35 Minuten nur
Hammersongs! (10)
Total verzicktes All Girl Punk-
Gekeife. Riot Grrrl 2.0 könnte so
klingen. Charme wird komplett
ausgeblendet, bleiben nur Ener¬
gie und lautstark rausgekreisch¬
te Frustration. (5)
Natürlich lieben sie MISFITS aus
ganzem Herzen, aber auch DEAD
BOYS, DAMNED und andere
Düsterpunker haben hier mehr
Einfluss als RAMONES-Bubble-
gum. So was braucht man auch
manchmal! (7)
Mensch, lacht doch mal ... Das
platzt vor Selbstzweifeln und
Schlaumeierei zugleich. Mit der
Einstellung bekommt man nie
eine scharfe Puppe. Oder wahr¬
scheinlich gerade genau so. Die
Welt ist verrückt. (4)
So ungemütlicher Sound kann
ja nur aus Nähe des Polarkrei- j
ses kommen. Kein Wunder, dass |
sich dort so viele Leute umbrin¬
gen. Der Drummer ist Florist. Er I
flechtet Totenkränze aus Stachel-
draht und Brennesseln. (5)
Ihnen passt weder die Schulu¬
niform von Angus Young noch
Lemmys Totenkopffing, aber
es ist schon ganz ordentlicher
Schweinerock aus dem Speck¬
gürtel um Hamburg. (6)
Diese Mischung aus Reggae- und
Postpunk- Elementen zerfasert an
zu vielen Stellen in undefinier¬
bare Spielerei. Griffige Songs wie
„When I grow up“ sind hingegen {
leider in der Unterzahl. (5)
Frisch und energisch wirkt er,
der ehemalige SNUFF-Drum-
mer und Sänger Duncan Red-
monds, wenn er hier 16 soulige
Punkrocksongs spielt, deren Dri¬
ve dem der frühen SNUFF-Tage
ähnlich ist. (7)
Angepunkter Garagepop, der wie
eine stubenreineVersion der HI¬
VES klingt, aneckt und den¬
noch poppig genug ist, um der
Schwiegermama zu gefallen. Ein
sehr ordentliches Debüt mit Hy¬
pepotenzial. (7)
Hektisch-zackigen Garage mixt
dieses Dortmunder Damenquar¬
tett mit New Wave-Elementen.
Dabei ist Frau in 13 Songs etwas
rotziger als die EPOXIES und ein
wenig quirliger als die BRIEFS.
Nice! (7)
Die fünf Kalifornier sind immer
noch einer der besten MISFITS -
Soundalikes. Schmissig-melo¬
discher Horrorpunk, der ein¬
mal mehr zeigt, dass die jun¬
ge Generation Jerry und Co. da¬
von läuft. (7)
Große Melodien und ein melan¬
cholischer Popappeal runden die
Ecken und Kanten dieser Band
auf ihrem bisher besten Album
ein wenig ab. Langsam begreife
ich die Großartigkeit von MUFF
POTTER. (8)
Melancholisch-bissiger Punk¬
rock, der mal an AVAIL, mal an F-
MINUS und dann wieder an SO¬
CIAL D erinnert. Eine gelungene
Mischung, die die Finnen mit so¬
zialkritischen Texten untermau¬
ern. (8)
Die Bramscher flirten in zwölf
Songs mehr denn je mit Blues¬
elementen und groovigen Parts.
Das steht der Band bestens, wird
ihr Punk‘n‘Roll dadurch doch
nicht nur energisch, sondern
auch eigen. (8)
Kurz vor dem stilistischen Over¬
kill: Dub, Ska Punk, Pop und
semi-Hardcore. In einigen Mo¬
menten so gut wie die großarti¬
gen THE DUB PISTOLS, in ande¬
ren einfach zu überladen. (6)
Die Band aus der Asche von Ex-
Melodic-Punk-Legende SNUFF
wirkt auf dem zweiten Album
weniger experimentell (keine
Bläser, kaum Keyboards). Man
hat das mal „melodic punk pop
with soul and bite“ genannt. (6)
Say hello to Liverpool! Sehr au¬
thentischer BEATLES-60s-
Sound, der einen direkt in den
Cavern Club versetzt: Pilzkopf¬
kompatibel mit leichtem Surf-
und Gospeleinfluss: sehr frisch.
( 8 )
Sie rocken die 60s Punk Garage,
machen BIKINI KILL den Gar¬
aus und wenn Quentin Taran-
tino sie wie die artverwandten
THE 5.6.7.8‘s für den Film ent¬
deckt, steht dem Erfolg nichts im
Weg. (9)
Wie THE OTHER Protagonisten
des Horrorpunk: bedienen sich
gekonnt bei THE DAMNED (zur
,,Phantasmorgia“-Zeit) und THE
MISFITS, wobei der Sänger eher
nach Dave Vanian klingt und we¬
niger knödelt als Danzig! (8)
Klingen in einigen Momenten
wie HEINZ AUS WIEN, in ande¬
ren doch ein wenig nach TOM-
TE-mäßiger Konformität und
Befindlichkeit. Blasphemie, ist
mir klar. (6)
In Finnland Helden, aber die be¬
tonte musikalische Sozialisation
mit „White trash“ von SOCIAL
DISTORTION erschließt sich
nicht wirklich. Etwas gleichför¬
mig und ohne prägende Akzen¬
te. (5)
Zeitgemäßer Rock'n'Roll mit ein
wenig Hammond Orgel-Sound
und Mundharmonika. Hat aber
noch Raum für Entwicklungs¬
potenzial für eingängigere Me¬
lodien. (6)
Nachdem man das Dub-Intro
überstanden hat, folgt ein Pop-
Song und ich wippe mit. Sehr
abwechslungsreiches Album, lei¬
der kann ich nicht auf die Dub-
und Reggae-Einflüsse. (7)
Habe eine Melodic-Punk Ver¬
gangenheit ä la MILLENCOLIN,
NOFX und SNUFF. Ich beken¬
ne mich zu meinen Wurzeln und
habe daran auch noch Spaß, aber
Duncan Redmonds weiß ja auch
mittlerweile wie es geht. (7)
„Weisen, die gut gelaunt, gar
zuckrig sind, konterkarieren
diese aber mit Rock-Parts und
Tempo.“ Meiner Meinung nach
zu viel Zucker, zu wenig Tempo
und Rock. (6)
Ich schreibe es gerne noch mal:
BIKINI KILL hatten mehr Biss,
auch wenn die vielleicht nicht
so gut ihre Instrumente spielen
konnten. Das geht mehr auf die
Rock-Schiene. Juckt mich aber
noch nicht mal. (6)
Die MISFITS sind tot, lang le¬
ben die MISFITS. Der diesjährige
Wanderpokal für ein okayes Pla¬
giat geht an DEEP EYNDE. (7)
Manche Zeilen mag ich mir
auf ein Küchenhandtuch sti¬
cken. Heute weniger Punk, dafür
mehrTOMTE. Die Wut liegt zwi¬
schen den Zeilen. Musikalisch
nicht genau mein Ding. (7)
Ordentlich Energie - gut als
Strandbeschallung oder den
Frustputz am Sonntag. Ver¬
treibt aber auch den Sonntags-
Blues. (7)
Geil, Band aus Bramsche und
nennt sich BOOZED. Das
möchte ich gewürdigt wissen.
Rock'n'Roll fifr alle. Rieche qua¬
si Alkohol und Schweiß versiff-
ter Turbo j ugendj ackenträger.
Geht klar. (7)
Total stylisher Snowboarder-
Metal/Poppunk Crossover. Füllt
die „Lücke“, die die GUANO
APES oder LIQUIDO hinterlas¬
sen haben, gut aus. Und das ist
nicht als Kompliment zu ver¬
stehen. (3)
Netten Punk'n'Roll spielen die¬
se Hannoveraner, die den frühen
DONNAS ähnlich sind. Im Ge¬
gensatz zu den Amis mangelt es
ihnen aber an Charme und Me¬
lodiegefühl. (5)
Von „2-Girl-fronted Pop-
Punk'n'Roll“ ist die Rede. Aber
in diesem Fall würde ich (wenn¬
gleich „1-girl-fronted“) THE
| POPZILLAS oder THE HEROI-
NES vorziehen. MUFF spielen
noch nicht in dieser Liga. (5)
BIKINI KILL hatten mehr Biss,
als es MUFF jemals haben wer¬
den. ^Wem Avril Lavigne nicht ge¬
nug Credibility hat, sollte viel¬
leicht diese Band austesten. (5)
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ilfliiKfrM
OX-FANZINE 59
REVIEWS
DIE ABKÜRZUNGEN
DER INHALT
LP = LP, 7" = Single, CD = CD, MCD = CD-Maxisingle,
-)1 n _ nrw-snöl t P ")rn — rinnnol CTi
60
Al
Zur — UOppei Lr, Z\-U — t/oppei
niC BCU/CBTI IKIPCQIt AI A
Ult DtWtn 1 UIMVjooKALA
10 Unfassbar gut - eine „Platte des Jahres"
Playlists
O I
9 Außergewöhnlich gut
Leser- & Verkaufscharts
61
8 Rundum gut
7 Gut mit kleinen Schwächen
Top Of The Ox
63
6 Okay. Ohne Höhen und Tiefen
5 Einfach durchschnittlich
Singles
64
4 Kann man gerade noch durchgehen lassen
3 Rumdum schwach
Die Bands der Ox-CD
69
2 Wirklich schlecht
1 Schrott der allerübelsten Sorte
Re-Releases
70
UNSERE REVIEW-POLITIK
Sampler & Compilations
78
Wir besprechen jeden Tonträger, der im weitesten Sinne in
unser Heft passt. Einen Anspruch auf Rezension gibt es aber
DVDs
82
nicht, und wir behalten es uns vor, Tonträger unrezensiert
in unsere „Kiste des Grauens" auszusortieren.
Demos
84
Grundsätzlich bestehen wir auf der Zusendung kompletter
Fanzines
89
Releases, das heißt „nackte“ gebrannte CDs ohne Cover etc.
werden nicht berücksichtigt bzw. nur dann, wenn wir si¬
Comics
90
cher gehen können, dass wir auch die fertige CD geschickt
bekommen. Auf keinen Fall besprechen wir CDs mit aus-
Movies
93
geblendeten Stücken sowie wie mit Watermark versehene
CDs. Letztere werden von uns ohne Kommentar als unfreie,
Literatur
96
versicherte Pakete an das Label zurückgeschickt.
Wir akzeptieren überdies keine Eigentumsvorbehalte, wie
Noch mehr Reviews gefällig als hier?
sie oft auf Promo-CDs aufgedruckt sind. Mit der Zusen¬
Unter www.ox- fanzine.de gibt’s über 21.000 Reviews aus
dung an das Ox gehen diese CDs wie auch alle anderen
den letzten 51 Ausgaben, alphabetisch und nach Ausgabe
Tonträger in unser Eigentum über.
geordnet, und teilweise sogar noch mehr Reviews als sich
im Heft finden, denn oft können wir einfach nicht alles
Mit der Zusendung erklärt sich der Zusender ausdrücklich
unterbringen. Das Ganze mit komfortabler Suchfunktion
mit diesen Bedingungen einverstanden.
nach Bandname. Plattentitel und Label.
1997
... A Better View Of The Rising Moon CD
Victory/Soulfood | Nanu? Eine Band, die ihr Debütal¬
bum mal direkt aufVictory veröffentlicht? Und dann auch
noch mit fluffig-poppigem Indiepop, harmonischem Du¬
ettgesang und Xylophon? Ja, genau das ist 1997, eine ganz
junge Band aus Chicago (die sich natürlich 1997 gegrün¬
det hat). Der Titel ihres von Cameron Webb produzierten
Albums.A Better View OfThe Rising Moon“ ist aus dem
Haiku „Since my house burned down I now own a better
view of the rising moon“ entlehnt und weist bereits darauf
hin, dass es bei 1997 in erster Linie um emotionale, reflek¬
tierende, jedoch weitestgehend positive Betrachtungen des
eigenen Lebens geht. Die Texte (in denen es in den meis¬
ten Fällen um die gute alte Liebe und Artverwandtes geht)
werden dann in abwechslungsreiche Musik verpackt und
in einem Wechsel zwischen Männer- und Frauenstimme
gesungen. Insgesamt ein sehr schönes Album, streckenwei¬
se vielleicht jedoch etwas zu poppig. Fans von JIMMY EAT
WORLD, den WEAKERTHANS oder DOVER sollten auf je¬
den Fall mal reinhören, wer allerdings nur auf anderthalb
Minuten Punkrock-Geknüppel steht, sollte die Finger von
diesem Album lassen. (46:24) (7) Nadine Maas
1990s
Cookies CD
roughtraderecords.com | Mit dem Satz „ 1990s play dance
floor filling rock n’ roll“ traf das englische Time Out-Ma-
gazin den Nagel auf den Kopf. Wer hätte gedacht, dass aus
einer Glasgower LoFi-Band wieYUMMY FÜR, deren Ex-
Schlagzeuger Paul Thompson heute für FRANZ FERDI¬
NAND trommelt, so ein catchiges, stampfendes Disco-
Monster hervorgeht. Sänger Jackie McKeown wollte ei¬
gentlich schon gar nichts mehr mit dem schon immer sehr
regen Musikbusiness in Glasgow-zu tun haben, als er auf ei¬
nem Baum (!) einen seiner jetzigen Mitstreiter und Schlag¬
zeuger Michael McGaughrin traf. Mit Bassist Jamie Mc-
Morrow und Damo Suzuki von CAN als Produzenten, nah¬
men sie ganz ungezwungen und laut eigener Aussage fast
unfreiwillig unter anderem ihren unglaublich tanzbaren
Opener-Song „You made me like it“ auf. Es wurden einige
Gigs gespielt, zu denen sie angeblich auch gezwungen wer¬
den mussten und man ließ sich dann gnädigerweise von
Rough Trade-Chef GeoffTravis dazu überreden, bei ihm zu
unterschreiben. Glück für uns! Sonst wären wir vielleicht
nie in den Genuss dieses hervorragenden Albums gekom¬
men. (36:48) (9) Nina Maenz
1328
Brew Your Hardcore CD
1328-beercore.de | Klar, München hat viele Biersorten
und einige sind sehr bekannt. Aber irgendwie scheint es
dann doch immer das gleiche Bier zu geben. Egal ob auf
Partys, Konzerten oder zum Grillen: Augustiner ist so¬
zusagen das Standardbier der Stadt - und der Band 1328
schmeckt es offensichtlich so gut, dass sie sich nicht nur
nach dem Gründungsjahr der Brauerei benannt haben,
sondern ihre Musik auch noch Beercore nennen. Ihre Lie¬
be zum bayerischen Reinheitsgebot verpacken sie dabei in
knallharten Hardcore, sehr schön energiegeladen - und
beinahe jede Sekunde ganz weit vorne. Das tut gut. Und
man kann sich’s schon denken: es geht in ihren Texten in
erster Linie tun Bier. Das könnte natürlich ganz schön ner¬
ven, denn irgendwie denkt man bei so etwas schnell an
peinliche Compilations wie „Kampftrinker Stimmungs¬
hits“, die berechtigterweise irgendwo im Keller vor sich
hinfaulen. Aber 1328 erklären das Bier zum Prinzip und
mischen dabei trotzdem noch Politik und andere ernst ge¬
meinte Aspekte unter das musikalische Gebräu. Sehr hö¬
renswert. Prost. (34:00) (7) Alex von Streit
AAÄ
ANOTHER MESSIAH
Dark Dreams, My Child CD
restrainrecords.com | Aus dem Land der Legosteine er¬
reicht die geneigte Hörerschaft posttraumatischer Doom
Metal, der bemüht ist, eine erdrückenden, tieftraurige At¬
mosphäre aufzubauen. Für alle pessimistischen Schwarzse¬
her durchaus geeignet bei der nächsten Suizidattacke, dre¬
hen sich scheinbar die meisten Songs um Herz-Schmerz-
Angelegenheiten. Als Referenzen werden hier OPETH und
AMORPHIS erwähnt, und wer auf eben diese beiden Ka¬
pellen steht und sowieso das Tageslicht meidet, sollte dem
Debüt unserer holländischen Nachbarn eine Chance ge¬
ben. Zwar stieß mir erstmal der extrem theatralische Ge¬
sang ein wenig übel auf, nach mehreren Durchgängen
passt das dann aber doch wie der Holzpflock ins Herz. Also:
Grabkerzen anzünden, die Badewanne mit Patchouli voll
machen und die CD im Hintergrund laufen lassen. Passt
schon! Uwe Kubassa
ADJUDGEMENT
Human Fallout CD
Engineer/Tank | Das vierzehnte Jahr ihres Bestehens fei¬
ern ADJUDGEMENT würdig mit ihrem neuen Album
„Human Fallout“, welches beim englischen Label Engineer
erscheint. Die rund dreißig Minuten klingen streckenwei¬
se überraschend punklastig, sind aber kein Bruch mit den
Hardcore-Wurzeln der Hannoveraner. ADJUDGEMENT
gelingt es, jedem Song seinen eigenen Charakter zu geben,
und so vermeidet man Gleichförmigkeit. Dass hier inzwi¬
schen nur noch eine Gitarre am Werke ist, hört man beim
besten Willen nicht. Auch textlich hinterlässt die Gruppe
einen nachhaltigen Eindruck, denn ihre Lyrics handeln von
Verantwortung, Problemen des Strafvollzugs, wachsen¬
der Armut und man äußert auch Kapitalismuskritik. Da¬
mit heben sie sich weiterhin angenehm von Bands ab, die
es nicht für nötig halten, solche Themen anzusprechen.
(29:19) (7) Thomas Eberhardt
► Auf der Ox-CD zu hören.
AGGROLITES
Reggae Hit L.A. CD
Hellcat/SPV | Seit dem selbstbetitelten Debüt auf Hell-
cat waren THE AGGROLITES ständig auf Tour. Und schon
ist wieder ein Jahr rum, also schnell eine Platte nachlegen.
Dass THE AGGROLITES so nebenbei mal eine Platte auf¬
nehmen können, wissen wir ja seit ihrem ersten Album
„Dirty Reggae“, das ja fast schon zufällig entstand. Zwi¬
schen „Dirty Reggae“ und „The Aggrolites“ verging jedoch
etwas mehr Zeit, und sicher war damals auch noch eini¬
ges an altem, ausgereiftem Material vorhanden. An diesem
Punkt möchte ich ansetzen. THE AGGROLITES haben sich
längst einen Status ähnlich den der SLACKERS erarbeitet
und scheinen im Zugzwang zu sein, neues Material veröf¬
fentlichen zu müssen. „Reggae Hit L.A.“ ist unverwechsel¬
bar THE AGGROLITES, nur fehlen die zahlreichen Melodi¬
en, wie sie bisher so locker von der Hand gespielt wurden.
Stattdessen häufen sich die Instrumentalfüller, die auf zwei
Tönen hin- und herwechseln. Das ist zwar durchaus (an-
)genehm, allerdings erwarte ich von einer Größe wie die
THE AGGROLITES, dass danach ein Ohrwurm wie „Fas-
ter bullet“, „Free time“ oder der Titeltrack folgt, die dann
leider auf diesem insgesamt hochwertigen Album Ausnah¬
men bleiben, und deshalb die Klasse des Vorgängers nicht
erreicht. Absolut überflüssig ist der fast 20-minütige „Hi-
dden Track“ in Form einer monotonen Rhythmusschlei¬
fe. Ich befürchte, dass hier eine wirklich erstklassige Band
verbraten wird. (74:00) (8) Simon Brunner
AMANDINE
Solace In Sore Hands CD
Fat Cat/PIAS | Wenn Schweden eines können, dann ist
es, Akzente nachzuahmen. Selten trifft man einen Schwe¬
den, der nicht entweder mit einem amerikanischen oder
britischen Akzent Englisch spricht. Bei den Nordlichtern
hört man nie, woher sie tatsächlich kommen. Sie spre¬
chen perfekt Schottisch, Cockney oder New-Yorkerisch.
Ebenso verhält es sich mit schwedischer Musik. Schweden
sind perfekt darin, die Musik anderer Länder nachzuah¬
men - und klingen dabei off sogar originaler als das Origi¬
nal. Angefangen bei MILLENCOLIN als Imitatoren von So-
Cal-Punk bis hin zu THE HIVES mit ihrem Schweinerock.
AMANDINE führen diese Tradition jetzt weiter: Die Band
nennt ihre Musik selbst Americana. Dass das Hauptmerk¬
mal dieser Musikart - wie der Name schon sagt - die Her¬
kunft ist, ignoriert die Band geflissentlich. Mag auch sein,
dass es ihnen einfach nur scheißegal ist. Schließlich kom¬
men aus dem Land der Imitatoren und Nachahmer - und
sind tatsächlich verdammt gut darin. (7) Julia Gudzent
ABWÄRTS
Rom CD
Cargo | Gut zwei Jahre nach ihrem Comeback-Album
„NuProp“ meldet sich die Hamburger Punk-Legende AB¬
WÄRTS zurück. Erneut hat sich Sänger und Mastermind
Frank Z. zusammen mit Rodrigo Gonzales von den ÄRZ¬
TEN zusammengetan und in fleißiger Heimarbeit das neue
Werk „Rom“ eingespielt. Und das schließt nahtlos an sei¬
nen Vorgänger an, ohne diesen zu kopieren. Harte Stakka¬
to-Gitarren treffen auf stampfende Industrial- und Punk-
Rhythmen, dazu bissige .Texte, die zum Glück ganz ohne
Zeigefinger-Attitüde auskommen. Auch wenn gelegendi-
che Pop-Elemente in den Stücken zu finden sind, so ist ins¬
gesamt doch alles beim Alten geblieben und man kann rei¬
nen Gewissens von einem klassischen ABWÄRTS-Album
sprechen. Und dass der Humor auch bei ABWÄRTS nicht
ganz auf der Strecke bleiben muss, beweisen dann auch
Stücke wie „Carpifishin“ und „Lucky fucky“, die trotz aller
Bitterkeit ein ironisches Augenzwinkern bereithalten. Live
wird die Band - verstärkt durch Zabel/RAZORS und Dog
Kessler/H-BLOCKX - im August wieder auf deutschen
Bühnen zu sehen sein und „Rom“ den Fans vorstellen. AB¬
WÄRTS scheint endgültig im Hier und Jetzt angekommen
zu sein. Nach fast 30 Jahren Bandhistorie mehr als nur ein
Achtungserfolg. (47:38) (8) Abel Gebhardt
► Auf der Ox-CD zu hören.
ALL OUT WAR
Assassins In The House Of God CD
Victory/Soulfood | New York Hardcore hat seit den An¬
fängen der Hardcore-Bewegung immer Zeichen gesetzt
und einige wegweisende Bands, die inzwischen zu ech¬
ten Institutionen gereift sind, hervorgebracht. Auch AOW
kommen aus New York, vermischen aber den klassischen
New York-Style mit vielen Thrash-Elementen und schla¬
gen so seit jeher im Metal- wie auch im Hardcore-Lager
ein wie eine Bombe. Auch das neue Album bildet da keine
Ausnahme und ist brutal, roh und doch immer passend auf
den Punkt gespielt. Einzelne Songs hervorzuheben, lohnt
kaum, weil das Album sich nur bei einem kompletten
Durchlauf völlig entfaltet. Mein persönlicher Favorit „Bey-
ond redemption“ sei dann aber doch noch genannt, bevor
sich der Kreis mit dem nicht minder wuchtigen „And all
shall suffer“ schließt. Wir sehen uns im Pit! (38:09) (8)
Tobias Ernst
AMOS
Imperator Of Pop CD/LP
Sounds of Subterrania | Die Kings des Pop kommen
manchmal von unten, manchmal von oben und manch¬
mal aus dem Nichts, tauchen auf, sind grandios, merkwür¬
dig, seltsam, interessant, spannend. Das Cover ist viel ver¬
sprechend, der Inhalt eine rasante Mischung aus Prince,
QUEENs Freddy und KISS - und ein bisschen Marc Bolan.
Hört sich irgendwie scheiße an, ist aber „in the mix“ ge¬
nial. Wird nicht langweilig mit dem „Imperator Of Pop“,
wie er sich selbstironisch nennt. Humor hat er, Spaß macht
er. Auch mit der Aktion „Zerstöre deine Lieblingsplatte
und erhalte meine aktuelle CD“! Der ganze Crazy-Krem-
pel auf dem Album. Und, echte Überraschung: sehr gut
aufgenommen, qualitativ sehr guter Sound. Check it out!
(48:40) (9) Thomas Neumann
ASTEROID
s/t CD
fuzzoramarecords.com | Was ertönen wird, wenn man
eine Band namens ASTEROID in den Player schiebt, kann
man sich ausrechnen, selbst wenn man - so wie ich in die¬
sem Fall - vorher noch nie von dieser Kapelle gehört hat.
Schon nach den ersten Sekunden schwebt man durch spa-
cige Riffs, begegnet einer zärtlichen Hammondorgel und
reitet auf einem dicken Bass durch „The Great Unknown“,
versucht sich im „Speaking to the sea“ oder erkundet
durch das „Panoramic telescope“ „The infinite secrets of
planet Megladoon“ - so die Titel der ersten vier Tracks auf
dem Debüt der schwedischen Spacerocker. Auch wenn ich
sicherlich nicht der größte Fan von ASTEROID werde, die
Konsequenz, mit welcher hier das Bandkonzept umgesetzt
wird, ist beeindruckend - und klingt gar nicht mal übel.
Ach ja, am Schluss des Albums verabschiedet sich natürlich
„Doctor Smoke“... (57:08) (7) Simon Loidl
AMBER PACIFIC
Truth In Sincerity CD
Hopeless/Soulfood | Bei den durchgestylten US-Melo-
dypunkern von AMBER PACIFIC kommt schon an dritter
Stelle ihrer Discografie das Weiße Album. „Truth In Since¬
rity“ heißt es und klingt gar nicht so anders als der düs¬
ter gewandete Vorgänger „The Possibility And The Promi¬
se“. Eine Weiterentwicklung in kleinem Rahmen ist sicher
festzustellen, grundsätzlich aber halten AMBER PACIFIC
an ihrem Soundmix aus 90er-Jahre-Melodycore der Mar¬
ke MXPX und Collegerock des neuen Jahrtausends fest. Da
bleibt es eine Frage des Geschmacks, ob man diesen Stil auf
Albumlänge gut findet oder ob einem schon nach fünf Stü¬
cken die Ohren bluten. Die Stärken der Band liegen in den
schnellen Songs, wenn sie losknüppeln wie NOFX in bes¬
ten Zeiten. Dagegen wirken die Stücke im mittlerenTempo
überfrachtet mit Synthesizern und mehrstimmigen Chö¬
ren in epischen Refrains. Wenn es das ist, was die Jugend
hören will, bitteschön, dann machen AMBER PACIFIC alles
richtig. Ich bleibe in dieser Preisklasse trotzdem den Kolle¬
gen von OVER IT treu. (6) Arne Koepke
ALEX FACE
Smells Like A Woman CD
alleycatrecords.se | Wenn ich das Bandinfo richtig verste¬
he, war der namensgebende ALEX FACE ein etwas durchge¬
drehter Zahnarzt, der unter anderem mit Vogelmaske und
Umhang praktizierte und deshalb suspendiert wurde, was
mir die Band ja schon mal sympathisch macht. Musikalisch
können die vier Schweden mit ihrem dreckigen Mix aus
Blues, Rock und ordentlich Punk-Energie im Arsch auch
mithalten. Die Drums scheppern und grooven, die Gitar¬
ren spielen Riffs ä la alte DANKO JONES oder LED ZEP¬
PELIN auf Speed und fertig ist ein partytaugliches Rockal¬
bum, bei dem sich die Schweißporen von ganz alleine öff¬
nen. Sowas wie runtergenudelte Standards sucht man hier
natürlich vergebens, da fallen auch die ein, zwei langweili¬
gen Songs kaum auf. Ich glaub es kaum, aber so lass ich mir
so was wie Bluesrock gefallen. (34:06) (7) Alex Strücken
AMOKS
Dead Man’s Really LP/CD
itb-records | Swingende Barmusik, irgendwie. Minima¬
listische Shuffledrums wie vom Schrottplatz, Kontrabass,
eine meist fast cleane, jazzige Gitarre und dazu eine rauchi¬
ge Whisky&Kippen-Stimme, hin und wieder aufgelockert
durch Mundharmonikaklänge. Das Ganze klingt, als wür¬
de es auch rein akustisch auf irgendeiner Straße funktio¬
nieren. HIPBONE SLIM fällt mir da als Vergleich ein oder
manchmal sogar ultrareduzierte KINGS OF NUTHIN’ un¬
plugged. Ein bisschen Blues, ein bisschen Rockabilly, ein
bisschen Jazz und Punk, gemischt mit viel Alkohol. Eine
coole, spaßige Angelegenheit in schickem Klappcover. Die
hätte ich gerne mal live gesehen. Hätte, weil sich das hol¬
ländische Trio wohl mittlerweile schon wieder aufgelöst
hat. (8) Alex Strücken
ATTRACTIVE AND POPULÄR
Money Equals Magic CD
goldstandardlabs.com | Beinahe hätte ich mich zur For¬
mulierung „Ein typische GSL-Release“ hinreißen las¬
sen - und dabei weiß ich doch, dass es DEN einen Label -
sound nicht gibt. Aber wenn eine Band sich ATTRACTIVE
AND POPULÄR nennt, Geld als Zauberei bezeichnet und
auf dem Cover in einem Meer aus Geld planscht wie einst
Dagobert Duck, und dazu dann noch hektischen Synthie-
Punk spielt, dann schreit das nach einem Release auf GSL.
Für mich klingen die 15 Songs der aus Hot Springs in Ar¬
kansas stammenden Band nach einer Mischung aus DEVO,
XBXRX.THE MAKE-UP, NOMEANSNO und PILOT SCOTT
TRACEY, und wo man im ersten Moment Nachwehen des
Discopunk-Hypes vermuten könnte, stellt sich bei genaue¬
rem Hinhören heraus, dass ein dominant eingesetzter Syn¬
thesizer allein diesen Verdacht nicht wirklich untermauern
kann. Richtig groß sind die Texte des Vierers: feinster Trash
aus Versatzstücken der Popkultur, goldene Enten treffen auf
dicke Titten, Kampfpiloten auf käufliche Liebe, zugedrogte
Farmtiere auf romantische Liebe. Seltsam und gut! (22:43)
(7) Joachim Hiller
ALL FOR NOTHING
Can’t Kill What’s Inside CD
swellcreek.de | Wenn ein paar Menschen in ein Mikro
schreien und wild mit dem Finger in der Luft rum wedeln,
dann ist das sicherlich nicht der örtliche Domchor, son¬
dern Hardcore. Recht klassischer, würde ich sagen, keine
große Überraschungen. Also was soll man da noch krea¬
tives Schreiben, wenn die Bands selber so unkreativ sind?
Eben. (27:51) (5) Katrin Hacheney
ASOBI SEKSU
Citrus CD
One Little Indian | Als die New Yorker Band tun die aus Ja¬
pan stammende FrontfrauYuki 2004 ihr Debüt veröffent¬
lichte, war der Vergleich mit MY BLOODY VALENTINE und
LUSH wohl unausweichlich, doch mit dem zweiten Long-
player (der in den USA schon im Mai 2006 erschienen ist)
haben sich ASOBI SEKSU emanzipiert und ein erkenn¬
bares eigenes Soundprofil entwickelt: der extrem hallige,
zarte Gesang mit Anlehnung an China-Pop trifft auf ver¬
träumten Gitarrenpop/ rock, der hier und da unvermittelt
in brachiale Noise-Parts ausbricht. Dream Pop ist da eine
absolut angemessene Beschreibung, im Vorprogramm von
MERCURY REV oder der auferstandenen THE JESUS AND
MARY CHAIN würden sich ASOBI SEKU sehr gut machen.
(50:38) (7) Joachim Hiller
KRISTOFER ÄSTRÖM
RainawayTown CD
startracks.se | Zurück zum Song - das ist momentan
scheinbar ein weit verbreitetes Motto. Das soll heißen,
dass die Arrangements so weit abgespeckt werden, dass bis
auf Stimme und Gitarre, Bass und Schlagzeug nichts mehr
übrig bleibt. Es heißt auch, dass sich die Instrumente der
Stimme unterordnen, damit ihr niemand Platz wegneh¬
me. Mit einem ähnlichen Ansatz haben sich schon ISOLA¬
TION YEARS auf ihrem letzten Album in die Nesseln ge¬
setzt, bei Kristofer ist man dieses Vorgehen schon gewohnt,
wenn auch nicht so konsequent. Als ehemaliger Front -
man von FIRESIDE und nachher Gebieter über seine Be¬
gleitband HIDDEN TRUCK weiß er, wie man aus laut leise
macht. (Die Band hat er übrigens ausgetauscht.) Doch was
hat er noch zu bieten, wenn er alles weglässt, was aufmer¬
ken lässt? Eine sympathische, aber unauffällige Stimme,
ein bisschen Schunkelgitarre und hier und dort ein Tupfer
Steelguitar. Die Songs sind nett, aber die meisten sind nicht
so aufregend wie etwa die kommende Single „Just A Little
Insane“. Immerhin: Kristofers Fans werden sich über diese
Weiterentwicklung freuen. (43:20) (6) Christian Meiners
ANIMAL FIVE
s/t MCD
Universal | Schweden, mal wieder, unbekümmert, selbst¬
ironisch, wild und schwer in eine Schublade zu stecken.
Zinn einen klingen sie britischer als so manche Inselband,
zum anderen haben sie das typische Schweden-Pop-Gen
wohl schon mit der Muttermilch aufgesogen. Cardigans
Basser Magnus Sveningsson signte die fünf vom Fleck weg
und bis zur vorliegenden Debüt-EP dauerte es nicht lange.
Sechs Songs, die so ziemlich alles haben, was das Pop-Herz
höher schlagen lässt. Melodien zum Mitsingen, stampfende
Rhythmen, die in die Beine gehen, und trotz aller Hi-Tech
im Studio ausgestattet mit der nötigen Kante. File under:
GRASS SHOW, MAXIMO PARK, WANNADIES... ich bin ge¬
spannt auf das Album. (21:46) (9) Jürgen Schattner
WENDY ATKINSON
Pink Noise CD a
Smarten Up & GetToThe Point/K | Unspektakulär ist ein
gefährlicher und dehnbarer Begriff: Spricht man bei ei¬
ner Platte mit richtig guten Popsongs von unspektakulär,
heißt das meistens, dass eben richtig gute Songs darauf sind,
die sich nicht gleich wie Radio-Pophits in Nullkomma-
nichts tot hören. Bei einer Platte, auf der fast nichts pas¬
siert, von unspektakulär zu sprechen, ist es dagegen meist
nur ein wohlwollender Ausdruck für langweilig. Das vor¬
neweg, denn die zweite Platte von Wendy Atkinson ist in
der Tat unspektakulär, allerdings finden sich darauf weder
richtige Songs noch ist sie besonders langweilig. Atkinson
spielt sich durch die fünfzehn Songs äußerst unkonventi¬
onell alleine mit ihrem Bass, mal akustisch, mal elektrisch,
mal beides, mischt Field Recordings dazu, vorbeifahren¬
de Züge (oder ist das bloßer Zufall, weil das Küchenfens¬
ter aufstand?), und schafft damit eine Platte, die in höchs¬
tem Maße originell ist (weil ich so was bisher kaum zu hö¬
ren gekriegt habe), unanstrengend, aber leider auch etwas
unspannend ist. (36:44) (5) Chris Wilpert
ACADEMY IS...
Santi CD
Warner | Das Debüt „Almost Here“ habe ich totgehört, ich
konnte mich einfach nicht von den Songs trennen, die ich
zu den Besten des letzten Jahres zähle. Dementsprechend
hoch waren auch eine Erwartungen an die Band um Sän¬
ger William Beckett und seine vier Mitmusiker. Es heißt,
sie haben ihre Herangehensweise ans Songschreiben ge¬
ändert. Auf „Santi“ schrieb die ganze Band die Songs und
musste nicht einfach nur die Songs, die Beckett und Gi¬
tarrist Mike Carden geschrieben hatten, performen. Oh ha!
Was das wohl zu bedeuten hat? Eigentlich kann ja nur Gu¬
tes dabei heraus kommen, wenn eine gute Band, die bis¬
her nur sehr gute Popsongs geschrieben hat, zusammenar¬
beitet. Und, tadada, das Ergebnis ist schön. Ich könnte mich
daran gewöhnen, jeden Sommer neue Super songs von THE
ACADEMY IS ... in der Anlage rotieren zu lassen. Allein die
süße Gebrechlichkeit von „Everything we had“ will mich
dafür bestrafen, dass ich der Band gezweifelt habe. Vor al¬
lem „LAX to O’Hare“ zeigt die Band von ihrer stärksten
Seite und ist eigentlich die heimliche Single. (7)
Sebastian Wahle
ANTIGAMA
Resonance CD
relapse.com | Die Warschauer ANTIGAMA sind nun mit
ihrer vierten LP bei Relapse gelandet und ich muss zu¬
geben, dass ich enttäuscht bin. Waren die drei Vorgänger
wirkliche Meilensteine im Genre Grindcore, was Perfek¬
tion und Abgefahrenheit angeht, so ist „Resonance“ für
ANTIGAMA-Verhältnisse eher Hausmannskost. Die ers¬
ten sieben Songs sind gnadenlos schnelle Grindgrananten
Marke NAPALM DEATH, wenige Parts, imglaublich präzise
gespielt, haben aber im Gegensatz zu jenen keinen wirkli¬
chen Wiedererkennungswert. Lustig wird es dann mit dem
Jazzeinsprengsel „Barbapapex“, bevor mit „Psychonaut“
ein echter Nackenbrecher mit schwerer Death Metal-Kan-
te und PRONG-Riffing über den geneigten Hörer herein¬
bricht. Gegen Ende der Scheibe geben die Polen dann wie¬
der Gas. Auch wenn die einleitenden Worte vielleicht einen
OX-FANZINE 60
REVIEWS
etwas negativen Eindruck vermitteln, sollte ich hier noch
mal richtig stellen, dass ANTIGAMA auf einem ähnlichen
hohen technischen Niveau wie zum Beispiel SUFFOCATI-
ON spielen und somit selbst ein langweiliger ANTIGAMA -
Song circa 95 Prozent alles anderen Grindcores blass ausse-
hen lässt. (32:29) (7) Ollie Fröhlich
ACCELERATORS / RANDOM HEROES
Split MCD
squashrecords.com | Schneller Kettensägen-RAMONES-
Core zweier blutjunger Bands mit je drei Liedern. Nach der
fulminanten „No More Fuckin’ Drama“-EP enttäuschen
die ACCELERATORS aus Rotterdam hier auf ganzer Linie: Es
fehlen einfach die Glanzlichter, Referenzen und Querver¬
weise, ebenso wie die Texte, deren Witz zur Wahrnehmung
eben jener hätte verhelfen können. Nur einen Klang zu zi¬
tieren, war noch nie sonderlich originell. Die RANDOM
HEROES aus Brighton bleiben ähnlich farblos. Das Beispiel
dieser Split-CD beweist zum einen, dass beide Bands noch
nicht weit genug für Singles sind, und zum anderen, dass
Veröffentlichungen einen gewissen Präsentationsstandard
verlangen. (12:25) (7) Walmaul
ABSYNTHE MINDED
There Is Nothing CD
Universal | Ein verteufelt schönes Album, aber auch äu¬
ßerst schwer einzuordnen. Was die fünf Belgier auf „The¬
re Is Nothing“ anrichten, ist einfach zu vielschichtig um
es mal eben zu beschreiben. Hier gibt es Pop, (Indie)Rock,
Balladen, an den Balkan erinnernde Folklore, jazzige bis
funkige Rhythmen und vieles, vieles mehr zu entdecken.
Ich probiere es mal mit der Textzeile „Maybe I’m sad, may-
be I’m glad“ aus dem Opener „Plane song“, das trifft die
Grundstimmung des Albums recht gut. Als Vergleich wür¬
den mir die SOUNDTRACK OF OUR LIVES einfallen,
wenn überhaupt. Musik, die dem Hörer in jeder einzelnen
Sekunde schmeichelt und das beruhigende Gefühl hin¬
terlässt, seine Aufmerksamkeit nicht verschenkt zu haben.
Die Produktion ist dabei wunderbar unaufdringlich und
entfaltet zusammen mit den zurückhaltenden Arrange¬
ments eine unglaublich intensive Wirkung. Respekt vor ei¬
ner Band, die problemlos Verschiedenstes unter einen Hut
bringt, ohne auch nur einen Moment aufgesetzt zu wirken.
So und nicht anders funktioniert intelligenter Pop. Scheiß
auf all deine Lieblingsbands aus Omaha, wenn hier Sadd-
le Creek drauf stehen würde, wüsste ich, wer diesen Monat
die Visions-Titelstory bekommt. (52:24) (9) Lars Koch
ALESANA
On Frail Wings Of Vanity And Wax CD
Defiance/Cargo | Vor rund zweieinhalb Jahren formier¬
te sich das Sextett ALESANA, und obwohl eine inflationäre
Anzahl an Screamo-Bands weiterhin die Szene in den Staa¬
ten überschwemmt, fal¬
len ALESANA doch an¬
genehm auf. Ihr Stil hat
Progrock-Elemente, da
man mit drei Gitarren
natürlich noch komple¬
xere Arrangements aus-
arbeiten kann und ge¬
sanglich setzt die Grup¬
pe auf die extrem hohe
Stimme von Shawn Mil-
ke, dessen Eighties-Vibe
durch das infernale Or¬
gan von Dennis Lee er¬
gänzt wird. Auch textlich spielt man mit den unterschied¬
lichen Stimmen, nutzt diese beinahe dramatisch, um ver¬
schiedene Blickwinkel einzubringen. Vergleiche mit CO-
HEED AND CAMBRIA, CHIODOS oder ANATOMY OF A
GHOST liegen nahe, aber die Fähigkeit trotz dieser Mas¬
se an Einflüssen Herr der Lage zu bleiben, macht doch Ein¬
druck. Wer es opulent, theatralisch und mit gehörig Zu¬
ckerguss mag, aber nicht auf die ein oder andere böse Pas¬
sage verzichten möchte, sollte den Barden mal sein Ohr
leihen. Als Belohnung gibt’s dann auch vier volle Songs als
Live-Video und ein sympathisches Interview. (7)
Thomas Eberhardt
AUDIENCE
Celluloid CD
hazelwood.de/Indigo | Mit kreativen Zellen ist das im¬
mer so eine Sache. Schnell als eine solche ausgemacht, wer¬
den eine ganze Menge Bands in einen Topf geworfen. Lei¬
der funktioniert das vor allem in Hinblick auf qualitative
Unterschiede nicht immer. Bei THE AUDIENCE und ihrem
Debüt „Celluloid“ zum Beispiel, die wie THE ROBOCOP
KRAUS, THE PLANE IS ON FIRE, YUCCA und HIDALGO
aus der gleichen fränkischen Kleinstadt namens Hersbruck
stammen. Sehr von den ROBOS supportet und von ihnen
mit auf Tour genommen, haben THE AUDIENCE zwar gute
Anleihen aus Rock, Punk, Garage und New Wave, schaffen
es im Gegensatz zu ihren Unterstützern aber nicht wirk¬
lich, alles stimmig unter einen Hut zu bringen. (38:58) (5)
Nina Maenz
ARCTIC MONKEYS
Favourite Worst Nightmare CD
dominorecordco.com/Rough Trade | Vor allem eines
wollten die ARCTIC MONKEYS mit ihrem zweiten Album
vermeiden: So zu klingen, als seien sie erwachsen gewor¬
den. Ein Vorsatz, der den meisten von uns nur allzu bekannt
Vorkommen dürfte. Und dann hört man sich doch irgend¬
wann einmal Sätze sagen wie: „Für mich heute Abend bit¬
te keinen aufregenden Totalabsturz in irgendeinem viel
zu lauten Club. Ich wollte stattdessen ein paar trüben Ge¬
danken über vergangene Partys nachhängen. Besser als da¬
mals wird es ja sowieso nicht mehr.“ Mit ähnlichem Weh¬
mut in der Stimme blickt Sänger Alex Türner nun auf das
so unglaublich erfolgreiche Debütalbum seiner Band zu¬
rück. Deshalb klingen selbst die Momente, in denen sich
die ARCTIC MONKEYS dann doch zum Tanzen aufraf¬
fen, nach dem halbherzigen Versuch, an ihre hoffnungs¬
los überbewertete Vergangenheit anzuknüpfen. Doch ge¬
nau diese Unentschlossenheit macht das neue Album letzt¬
endlich sogar interessanter als seinen Vorgänger. Natürlich
war „Whatever People Say I Am.That’s What I’m Not“ da¬
mals eine tolle Party. Aber erst die verklärte Erinnerung hat
sie zu dem gemacht, was sie einem heute bedeutet. Und
genau das ist „Favourite Worst Nightmare“: ein sentimen¬
taler Rückblick, der im Grunde besser ist als das damals tat¬
sächlich Erlebte. Und ein schöneres Geschenk kann einem
die Gegenwart manchmal einfach nicht machen.
Thomas Renz
BBB
BLINDLINKZ
Tears’n’Beers MCD
blindlinkz.de | Auch wenn die Band grundsätzlich an ei¬
ner Verfeinerung ihres Songwritings und ihrer Arrange¬
ments arbeiten sollte, so sind diese fünf Songs als erster
Eindruck, den man von BLINDLINKZ bekommt, doch alles
andere als schlecht. BLINDLINKZ mischen Einflüsse von
RANCID, frühen BOMBSHELL ROCKS und FRONTKICK
miteinander, wodurch ein recht melodischer Streetpunk-
Sound entsteht, der mit vier englisch und einem deutsch
gesungenen Song durchaus Potenzial hat. Wenn die Band
/In
• NEUROSIS Given To The Rising
• DINOSAUR JR Beyond
• BEATSTEAKS .Limbo Messiah
• POISON THE WELL Versions
• STEAKKNIFE Parallel Universe Of The Dead
So funktioniert's:
• Wir wollen von euch wissen, welche 5(!) Platten, CDs, EPs, Singles, Compilations oder was auch immer
momentan am häufigsten gehört werden. Aber bitte beschränkt euch auf die Nennung relativ aktueller Plat¬
ten. Wir stellen aus allen genannten Platten monatlich die Ox-Lesercharts zusammen und präsentieren diese
auf www.ox-fanzine.de und dann alle zwei Monate auch an dieser Stelle.
• Unter allen Mitmachenden verlosen wir jeden Monat diverse CDs, Platten, T-Shirts, Poster, etc.
• Mitmachen unter www.ox-fanzine.de und da unter „Charts” oder via eMail an charts@ox-fanzine.de
(TERKAUFSCHARTS
SOUNDFLAT
1. MONSTERS - I still love her (plus cardgame) 7“ j 2.
STAGGERS - Teenage trash insanity LP/CD j 3. GILJO-
TEENS - Out of our hands LP j 4. LIGHTNING BEAT
MAN - Baby Obsession 7 j 5. MARY WEISS w/ REIGNING
SOUND - Dangerous game LP/CD | 6. LOVE ME NOTS
- In black & white LP/CD j 7. STAGGERS - Live 7“ j 8.
BLACK LIPS / DEMONS CLAWS - What to do Split 7“ |
9. DEE RANGERS - Blue swedes LP/CD | 10. MIDWAYS
- Manners.manners LP/CD | 11. HARA-KEE-REES - Cant
stop thinkingabout you 7“ | 12. PHANTOM KEYS - In the
summertime 7“ f l 3. STONEKING, C.W. - King Hokum
LP/CD f 14. SULTAN, MARK - Sultanic verses LP/CD |
15. KING KHAN & HIS SHRINES - What is? LP/CD
CORETEX
1. BEATSTEAKS - Limbo Messiah LP/CD/DVD | 2. V.A.
.American Hardcore DVD | 3. JOE COEFEE - When The
Fabric Don’t Fit The Frame CD f 4. COMEBACK KID -
Broadcasting LP/ CD j 5.DEATH BEFORE DISHONOR -
Count Me In CD j 6. ANTICOPS - In The Eyes Of A Dying
Man LP/ CD | 7. HATE EDGE - On Field CD | 8. PU-
NISHABLE ACT - F rom The HeartToThe Ground CD | 9.
STILL SCREAMING - ContinueThe Fight CD ) 10. BORN
TO LOSE - Old Sears LP/ CD j 11. HOODS - Ghettoblas-
ter CD | 12. TERROR - The Living Proof DVD j 13. NE-
GATIVES - AtThe End OfThe Rope CD | 14. FRONTKICK
- The Cause OfThe Rebel LP/ CD | 15. CHAMPION - The
Final Show’ DVD
ELDORADO
i.DINOSAUR JR. - Beyond LP | 2. BEATSTEAKS - Lim¬
bo Messiah LP | 3. ARCTIC MONKEYS - Favourite Worst
Nightmare LP | 4. MAXIMO PARK - Our Earthly Ple-
asures LP | 5. NEUROSIS - Given To The Rising CD I
6. LEFTOVER CRACK/CITIZEN FISH - Deadline LP |
7. STEAKKNIFE - Parallel Universe OfThe Dead LP j 8.
TED LEO AND THE PHARMACIST - Living WithThe Li¬
ving DoLP | 9. MODEST MOUSE - We Were Dead Before
DoLF | 10.31 KNOTS - Days And Nights Of Everything
LP | 11. FU MANCHU - We Must Obey CD | 12. RA¬
RES - The New Messages CD | I 3.DÄLEK - Abandoned
Language DoLP | 14. METEORS - Hymns For The Hell -
bound LP | 15. SOMEONE STILL LOVES BORIS YELT-
SIN - Broom LP
FLIGHT13
1. DINOSAUR JR. - Beyond LP/CD/7“ j 2. HI TERES-
KA - Winter ün Herzen CD f 3.CLOROX GIRLS - J t'aime
les filels LP/CD | 4. MODEST MOUSE We were dead.. LP/
CD | 5. KING KHAN - What is LP/CD | 6. TIM ARM¬
STRONG A poet's life CD+DVD f 7. ARCTIC MON¬
KEYS Favourite worst nightmare LP/CD | 8. STEAKKNI¬
FE Parallel universe.. LP/CD | 9. MUFF POTTER - Stea-
dy Fremdkörper LP/CD ( 10. BILLY CHILDISH - Punk¬
rock LP/CD | 11. BRIGHT EYES Cassadaga LP/CD | 12.
METT BANANA - Bambi's dilemma LP/CD | 13. BEAT¬
STEAKS Limbo messiah LP/CD | 14. FLÄMING SIDE-
BURNS Keys to the highway LP/CD | 15. BUBONIX -
Please devil... LP/CD
GREEN HELL
1. MUFF POTTER - Steady Fremdkörper | 2. ALESANA
- On Frail Wings OfVanity And Wax | 3. DEATH BEFORE
DISHONOUR - Break Through It All | 4. GO IT ALO-
NE - Histories | 5. BEATSTEAKS - Limbo messiah | 6.
MODEST MOUSE - We Were Dead BeforeThe Ship Even
Sank | 7. DETROIT COBRAS - Tied &True f 8, NEURO¬
SIS - Given To The Rising [ ‘LTARPIT -Vultures | 10. DI¬
NOSAUR JR. - Beyond | 11. LIGHNTING BEAT-MAN
- Baby Obsession f 12. THIS IS HELL - Sundowning |
13. SUNN O))) & BORIS - Altar j 14. ARCTIC MON¬
KEYS - Brianstorm | 15. DIGITAL LEATHER - She Had
A Cameltoe
Joachim Hiller
In der Anlage: EDITORS An End Has A Start | JAI ALAI
SVANT Flight OfThe Bass Delegate | TOMAHAWK Anony-
mous Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: DIO Holy
Diver Freut sich auf: EDITORS live! Mein Geheimtip:
MARK SULTAN The Sultanic Verses Enttäuschung: TUR-
BONEGRO Retox
Andre Bohnensack
In der Anlage: EDITORS An End Has A Start f KTL 2 |
MAYHEM Ordo Ad Chao Meine liebste Achtziger-Me¬
tal-Platte: DEATH Scream Bloody Gore Freut sich auf:
MINISTRYThe Last Sucker Mein Geheimtip: MUNICIPAL
WASTEThe Art Of Partying Enttäuschung: TYPE O NEGA -
TIVF. Dead Again
Thomas Renz
In der Anlage: DARKEST HOUR Deliver Me | EDITORS
An End Has A Start j LIFETIME Lifetime Meine liebste
Achtziger-Metal-Platte: SLAYER Reign In Blood Freut
sich auf: Es bleibt dabei: ein neues Album von THE D1L-
LINGER ESCAPE PLAN
Abel Gebhardt
In der .Anlage: FEHLFARBEN Handbuch für die Welt |
DINOSAUR JR Beyond | MOGWAI A 2 Ist Century Port¬
rait Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: IRON MAI¬
DEN Number Of the Beast Freut sich auf: Den Aufstieg
ds FC SLPauii in die 2. Liga Mein Geheimtip: JACQUES
PALMINGER Die Henry Maske Enttäuschung: STOOGES
TheWeirdness
Alex Strücken
In der Anlage:Tom Waits Orphans | Mary Weiss& REIG¬
NING SOUND Dangerous Game | ]erry Lee Lew’is Live
At The Star Club Meine liebste Achtziger-Metal-Plat¬
te: LONG HAIR BAD MUSIC Da kannste mich mit ja¬
gen! Freut sich auf: TERROR V1SIONS Mein Geheimtip:
NIGHTTERRORSCobras
Arndt Aldenhoven
Ln der Anlage: DISRUPT Unrest j EXHORDERThe Law
| PRESIDENTS OFTHE UNITED STATES OF AMERICA s/
t Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: METALLICA ...
And Justice for all Freut sich auf: Das neue Album von
TURBONEGRO Mein Geheimtip: Wodka mit Almdudler
Enttäuschung: Dezenter Heuschnupfen
Arne Koepke
In der Anlage: MUFF POTTER - Steady Fremdkörper |
BEATSTEAKS limbo Messiah j DIE FANTASTISCHENVIF.R
Fornika Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: ME¬
TALLICA Master Of Puppets Freut sich auf: BAD RELI¬
GION Mein Geheimtip: JETLAGS Alright! Let’s Go! Ent¬
täuschung: Immer noch kein Punkrocksampler gegen den
Klimawandel
Bernd Fischer
In der Anlage: CLOROX GIRLS J'aime Les Filies | HA¬
WAII MUD BOMBERS: Mondo Primo | KING KHAN &
THE SHRINES: What is?! Meine liebste Achtziger-Me¬
tal-Platte: SLAYER South Of Heaven Freut sich auf: End¬
lich endenden Lernstress! Geheimtip: ROCK'N’ROLL AD-
VENTURE KIDS Hot Dog Enttäuschung: Die fantastischen
GROOVIE GHOULIES lösen sich auf
Bodo Unbroken
In der Anlage: AGAINST ME! New’ wave j AGENT ORAN¬
GE Living in darkness | DOLOREAN You can't win Mei¬
ne liebste Achtziger-Metal-Platte: zu viele, um hier nur
eine nennen zu können Freut sich auf: Against Me! Shows
Enttäuschung: S04
Carsten Hanke
In der Anlage: GOOD CLEAN FUN Crouching Tiger Mos-
hing Panda | PIG DESTROYER Prowler In The Yard | MU¬
NICIPAL WASTE Hazardous Mutation Meine liebste
Achtziger-Metal-Platte: SLAYER South of Heaven Freut
sich auf: eine neue 7“ von ITALIAN STALLION Mein Ge¬
heimtip: Thomas Bernhard Ein Kind Hörbuch für 10 Ent¬
täuschung der Ausgabe: Gladbach macht den Abstieg
perfekt - Hallo Zahni!
Chris Wilpert
In der Anlage: ORNETTE COLEMAN QUARTET Ornette!
| THERMALS Alles | M.O.T.O. Turn Your Head And Cough
Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: HÜSKER DÜ
Metal Circus (sorry, den konnte ich mir nicht verkneifen)
Freut sich auf: TOCOTRONIC Kapitulation Mein Ge¬
heimtip: JENNIFER GENTLEThe Midnight Room Enttäu¬
schung der Ausgabe: GRINDERMAN s/1
Christian Maiwald
In der Anlage: TWILIGHT SAD Fourteen Autumns & Fif-
teen Winters | EARTH Hibemaculum | BOOKS Play All
Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: wahrscheinlich
NAPALM DEATH Scum Freut sich auf: KTL Geheimtip:
PAN SONIC Katodivaihe Enttäuschung: Einsehen müssen
Christoph Schulz
In der Anlage: MATULA Kuddel j GIRLS AGAINST BOYS
You Can't Fight What You Can't See | STANDSTILL The Io-
nic Spell Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: SE-
PULTURA BeneathThe Remains Freut sich auf: die neue
TURBOSTAAT Mein Geheimtip: EXITS TO FREEWAYS
Claus Wittwer
Inder Anlage: FEHLFARBEN Handbuch für die Welt | Phi¬
lip Ardagh Abscheuliche Angewohnheiten | Bobby Bare Jr.
TheLongest Meow Meine liebste Achtziger-Metal-Plat¬
te: die hinter Opas Stirn Freut sich auf: ZENOTORANDO
&THE BONEY GOOGLE BROTHERS tba Mein Geheimtip:
LODGER Grown-ups Enttäuschung: wieder solo
Gereon Helmer
In der Anlage: BISHOPS s/t | SWEET THINGS Why Walt
until tomorrow | TEEN AXEL SOUL ARKESTRA Ring A
Dang Doo Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: METAL
STILL SUCKSToday As Much As InThe 80s Freut sich auf:
Neue MASONICS Mein Geheimtip: GILJOTEENS Out Of
Our Hands Enttäuschung: Musik enttäuscht mich nicht
mehr, das tun nur Menschen ...
Guntram Pintgen
In der Anlage: DROPKICK MURPHYS The Warrior's Code
| IGNITE Our Darkest Days | FR4RLESSIRANIANS FROM
HELL Die for Allah Meine liebste Achtziger-Metal-Plat¬
te: RIOT Fire down under Freut sich auf: Sommerferien
Mein Geheimtip: THE SHIELD TV-Serie Enttäuschung:
STOOGES The Weirdnes
Jan Eckhoff
In der Anlage: FU MANCHU We Must Obey j BOTT¬
ROPS s/1 | SOUL 1NVADERS A Kiss So Sweet Meine liebs¬
te Achtziger-Metal-Platte: MOTÖRHEAD Ace Of Spades
Freut sich auf: Ruhrpott Rodeo Festival Mein Geheimtip:
SOUL INVADERS A Kiss So Sweet Enttäuschung: Visions-
Party am 4. Mai in Bochum
Jens Kofoed-Pihl
In der Anlage: PRESIDENT FETC.H Cruel Beats...Gent-
ly Slumbering | PURE COUNTRY GOLD s/t | HUMAN
EYE s/t | Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: AN¬
GEL WITCH s/t Freut sich auf:The release of HIGFIWAY
CHILD's Qflf Old Kings Road on a label Mein Geheimtip:
COLA FREAKS Enttäuschung: There's a whole year to the
next ROADBURN Festival
Jörkk Mechenbier
In der Anlage: OF MONTREAL Hissing fauna are you the
destroyer? | SHITDISCO Kingdom of fear | MUNCK//
JOHNSON Count your blessings Meine liebste Achtzi¬
ger-Metal-Platte: POWERTRIP When we cut, w'e bleed
Freut sich auf: SHOUT OUT LOUDS Our ill wills Mein
Geheimtip: APPLES IN STEREO New’ magnetic wonder
Enttäuschung: SCHALKE ist immer nochTabeUenführer...
Kay Wedel
In der Anlage: DEAD 60s s/t | HELLSONGS Lounge |
PATTI SMITH Twelve Meine liebste Achtziger-Metal-
Platte: MARIONETZ 100.000 phon Freut sich auf: das
neue Zelt Geheimtip: Mick Harvey Two Of Diamonds
Enttäuschung: kein Toni Iordache „Sounds From A Bygo-
ne Age VoL 4" Review im Ox - oder doch?
Lauri Wessel
In der Anlage: SANCTITYThe RoadTo Bloodshed j SPAR¬
TA Threes | RAISED FIST Sound OfThe Republic Meine
liebste Achtziger-Metal-Platte: METALLICA Master Of
Puppets Freut sich auf: Neues TIGER ARMY- Album Mein
Geheimtip: MAD CADDIES Keep It Going Enttäuschung:
KID DOWN AndThe Noble Art Of Irony
Mario Turiaux
In der Anlage: MIGHTY MIGHTY BOSSTONES Jackkni-
fe To A Swan | CHIP HANNA & THE BERLIN THREE s/t
| STEAKKNIFE Parallel Universe Of The Dead Freut sich
auf: CHIP HANNA The Old Country Mein Geheimtip:
UGHTSOUT s/t Enttäuschung: Alemannia steigt ver¬
dient ab
Markus Kolodziej
In der Anlage: JOY DIS ASTER s/t | STELLASTARR s/t |
PVC s/t Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: SLAY¬
ER South Of Heaven Freut sich auf: Neues von THE JE¬
SUS & MARY CHAIN Mein Geheimtip; PRISTINE Ent¬
täuschung: FLESH
Manuel Möglich
In der Anlage: FEIST The Reminder | KING KHAN &
THE SHRINES What Is!? | EIGHT LEGS Teil Me What Went
Wrong Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: SLAYER
Reign In Blood Freut sich auf: die neue INTERPOL CD
Mein Geheimtip: PIGEON DETECTIVESWait For Me Ent¬
täuschung: RAKESTen New Messages
Myron Tsakas
In der Anlage: MURDER BY DEATH In Boca Al Lupo |
Austin Lucas The Common Cold | WEAKERTHANS Left
And Leaving Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: BON
JOVI New Jersey Freut sich auf: Zeugnisvergabe Mein Ge¬
heimtip: Frank Turner Sleep Is For The Week
Ollie Fröhlich
In der Anlage: HANNE HUKKELBERG Rykestrasse 68 |
BEHIND ENEMY LINES One Nation Under The Iron Fist
Of God | CHUMBAWAMBA Never MindThe Ballots Mei¬
ne liebste Achtziger-Metal-Platte: SATAN Caught InThe
Act Freut sich auf: Eis essen Mein Geheimtip: PROTEST
Leben und Leben lassen Enttäuschung: ANTIGAMA Reso-
nance CD
Robert Buchmann
In der Anlage: STIFF LITTLE FINGERS Inflammable Ma¬
terial | JERRY'S KIDS Kill Kill Kill | NAKED RAYGUN Jet-
tison Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: METALLI¬
CA Kill ’Em All Freut sich auf: PERMANENT Sink/Swim
Mein Geheimtip: I WALK THE LINE Desolation Street
Enttäuschung: TIGER ARMY sind krank, GORILLA BIS-
CUITS verschiebenTour
Ross Feratu
In der Anlage: OST The Devil's Reject | TURBONEGRO
Retox | NEUROSIS Given To The Rising Meine liebste
Achtziger-Metal-Platte: IRON MAIDEN Life After Death
Freut sich auf: 108 A New Beat Of A Dead Heart Mein
Geheimtip: SOUTHERN CULTURE ONTHE SKIDS Coun-
trypolitan Enttäuschung: PAIN Pslams Of Extinction
Sebastian Wahle
In der Anlage: CIRCA SURVIVE Juturna | DELOREAN
IntoThe Plateau j DEATH CAB FOR CUTIE Plans Mei¬
ne liebste Achtziger-Metal-Platte: IRON MAIDEN The
Number OfThe Beast Freut sich auf: CIRCA SURVIVE On
Letting Go Mein Geheimtip: THE SOUNDS OF ANI MALS
FIGHTING Enttäuschung: THE ACADEMY IS Santi
Simon Brunner
In der Anlage: ADEQUATE SEVEN Here On Eartli | BEAT-
STEAKS Limbo Messiah | DINOSAUR JR. Beyond Meine
liebste Achtziger-Metal-Platte: CELTIC FROST To Mega
Therion Freut sich auf: neue RANCID Mein Geheim¬
tip: ROCKET UPPERCUT Enttäuschung: Harald Schmidt
& Oliver Pocher
Simon Loidl
In der Anlage: Billie Holiday God BlessThe Child | CON-
VERGE No Heroes | WAY OUT WEST Revolution Meine
liebste Achtziger-Metal-Platte: Metallica Kill ’Em All
Freut sich auf: Retox (trotz aller schon gehörter Kostpro¬
ben) Mein Geheimtip:V.A. Root Damage
Tim Kegler
In der Anlage: Johnny Cash American recordingsV | SE¬
VEN SIOUX We are not the scary people | Wayne Hancock
A-Train Blues Meine liebste Achtziger-Metal-Platte:
Stevie Wonder In square circles Freut sich auf: FC Kure-
saare im Final der Champions League Mein Geheimtip:
Johnny Wolga Enttäuschung: FC Kuresaare verliert 0:5 ge¬
gen JKVaprus Pärnu (im eigenen Stadion!)
Timbo Jones
In der Anlage: ROCKO SCHAMONI & LITTLE MACHI¬
NE s/t | ALFONS BAUER SEXTETT Party bei Alfons | WU
TANG CLAN Enter The 36 Chambers Meine liebste Acht¬
ziger-Metal-Platte: SLAYER Reign ln Blood Freut sich
auf: MIT LP, die hoffentlich bald kommt Mein Geheimtip:
Öfter mal ein Mixtape aufnehmen Enttäuschung: Rau¬
chen weder sexy finden
Tobias Ernst
In der Anlage: HAVE HEART The Things We Carry | TO
KILL Vultures | BETTER THAN A THOUS AND Seif Worth
Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: METALLICA
Master Of Puppets Freut sich auf: Das With Full Force Fes¬
tival Mein Geheimtip: V.A. Our Impact Will Be Feit - ATri-
buteTo SICK OF IT ALL
Zahni Müller
In der Anlage: COMEBACK KID Broadcasting | SMOKE
OR FIREThis Sinking Ship j HATESPHERE Serpent Smi-
les And Killer Eyes Meine liebste Achtziger-Metal-Plat¬
te: SLAYER South Of Heaven Freut sich auf: STEAKKNIFE
im Juz Verden Mein Geheimtip: THE RIPPERS Nomelec’s
Revenge
OX-FANZINE 61
REVIEWS
noch mehr an Tempowechseln, mitreißenden Refrains
und der Griffigkeit ihrer Songs arbeitet, dann könnte aus
BLINDLINKZ eine durchaus schmissige Streetpunk-Ka-
pelle werden. (15:44) (S) Lauri Wessel
BARONESS/UNPERSONS
A Grey Sigh In A Flower Husk CD
atalossrecordings.com | Das hätte es zu Kaisers Zeiten si¬
cher nicht gegeben: Eine adelige BARONESS gibt sich mit
geächteten UNPERSONS ab. Zwar hält sich die Baro¬
nin mit nur zwei Songs auf dieser Split-CD auf den ers¬
ten Blick vornehm zurück, nützt diese aber anschließend
zu einem ausschweifenden Vortrag von insgesamt im¬
merhin mehr als achtzehn Minuten Länge. Ihre Gäste ge¬
hen danach etwas ungeduldiger zu Werke, von ihren vier
Liedern überschreitet lediglich eines die ansonsten übli¬
che Drei-Minuten-Marke deutlich. Die verhandelten The¬
men sind freilich dieselben und folgen dem angekündig¬
ten Motto des Treffens: Metal, Hardcore und Noise-Rock
im Spiegel der Zeit. Und am Ende der Sitzung stellen bei¬
de Parteien auch noch fest, dass man sich mit Phillipe Cobe
vom gleichen Schneider ausstatten lässt. Der Gitarrist und
Sänger von KYLESA hat die beiden Bands nämlich produ¬
ziert, was angesichts der gemeinsamen musikalischen Vor¬
lieben auch absolut Sinn macht. Genauso wie die Tatsache,
dass in Deutschland die vom Staat eingeräumten Vorrechte
des Adels seit 1919 aufgehoben sind. Die UNPERSONS ste¬
hen BARONESS nämlich in nichts nach. Thomas Renz
BLONDELLE
Die Pretty CD
ruderecordz.com/Cargo | Überraschenderweise ha¬
ben wir hier mit Will, Rory, Sam und Michael mal wie¬
der vier süße, 18/19 Jahre alte Jungs aus England. Musi¬
kalisch bewegen sich BLONDELLE auf ihrem Erstlingswerk
„Die Pretty“ eindeutig zwischen Bands wie THE KOOKS
und DIRTY PRETTY THINGS, wobei es ihnen noch ein we¬
nig an Stringenz fehlt. Erstaunlich ist jedoch, mit welchem
Ideenreichtum und schönen Harmonien diese Jungspunde
um die Ecke kommen. Und da Leadgitarrist Sam und Bas¬
sist Rory mit einem gewissen Dave Stewart verwandt sind
(Sohn und Neffe) darf man sehr gespannt sein, was uns
das Quartett noch so beschert, wenn es nicht mehr ganz so
grün hinter den Ohren ist. (37:54) (7) Nina Maenz
BAJA
Aloha Ahab CD
Arctic Rodeo/Alive | Daniel Vujanic ist Multi-Instru-
mentalist, Songwriter und Produzent in Personalunion,
da wundert es nicht, dass der Zweitling von BAJA namens
„Aloha Ahab“ nur so vor Ideen strotzt und extrem facet¬
tenreich ist. Von elektronischen Elementen, über die Klari¬
nette bis hin zu Rocksongs mit jazziger Note findet man so
ziemlich alles auf diesem Album, ohne dass die jeweiligen
Elemente sich behindern würden. Unterstützt wird Vuja¬
nic von drei weiteren Musikern, folglich ist der Gesamt-
klang satt, aber durch die opulente Instrumentierung recht
radiotauglich. Der vollmundig angepriesene Gastauftritt
von Tim Kinsella in „Gibraltar sequence“ beschränkt sich
zwar leider auf ein paar dahingenuschelte Zeilen, aber in
seiner Gesamtheit ist „Aloha Ahab“ durchaus gelungen,
wobei mir in der ganzen Verspieltheit irgendwo die ver¬
zerrten Gitarren fehlen. (43:35) (6) Thomas Eberhardt
BERSERK FOR TEA TIME
Ink... And Paper CD
Saiko/Get A Life | Unter den Schweizern sind BERSERK
FOR TEA TIME keine Unbekannten mehr und ihr höchst
ansehnliches Debüt, welches schon durch das exklusi¬
ve Artwork überzeugt und als Digipak erscheint, wird ih¬
nen auch bald im restlichen Europa einen hervorragenden
Ruf bescheren. Man hat sich hörbar Zeit genommen für die
zwölfTracks des Debüts und so beginnt man mit einem fra¬
gilen Intro, welches auch am Ende der eigentlich recht bra¬
chialen Songs wieder auftaucht und so einen guten Rah¬
men bildet. Bevor allerdings das erlösende Outro ertönt,
muss der Hörer sich Stakkatos, qualvolles Geschrei, schlep¬
pende Passagen, etliche Dissonanzen und hektische Atta¬
cken gefallen lassen. Dieses Wechselbad der Gefühle erin¬
nert an BOTCH, CORTEZ, aber auch an ISIS, und obwohl
BERSERK FOR TEA TIME aus dem mehrheitlich franzö¬
sischsprachigen Kanton Fribourg kommen, sind ihre Tex¬
te auf Englisch und an eigenen Ideen mangelt es der Com¬
bo keinesfalls. Daran werden Krachfetischisten ihre helle
Freude haben. (45:09) (7) Thomas Eberhardt
BLACKLIST LTD.
Tonight My Life Is On Fire CD
blacklist-ltd.com | Für eine rund dreijährige Bandge¬
schichte gehen die fünf Jungs aus der Nähe von Braun -
schweig schon recht versiert zu Werke. Man weiß, was
man will, zieht hörbar an einem Strang und so entsteht ein
stimmiger Sound, der zwar melodische Momente zulässt,
sich aber hauptsächlich am brachialen Riffing von Grup¬
pen wie HEAVEN SHALL BURN oder MAROON orientiert
und auch einige skandinavische Einflüsse vermuten lässt.
Überzeugend sind die melodischen Passagen beim Gesang,
wo viele jungen Gruppen gnadenlos scheitern, beweisen
BLACKLIST LTD. Einfallsreichtum sowie Risikobereitschaff
und entgehen dadurch der Monotoniefalle. Könnte man
mit Sicherheit bei einem Label unterbringen. (26:09) (6)
Thomas Eberhardt
BAD BLOODS
The Brew Sessions CD
nodo50.org/potentialhc/knock-out.de | Blood, sweat
and no tears. Das scheint die simple Aussage der vier Pedros
aus Spanien zu sein. Einer der Spanier, und zwar der Sän¬
ger, kommt aus Holland, ist ergo ein holländischer Spanier.
Die Texte sind auf Englisch, was es uns, den des Spanischen
nicht Mächtigen, ermöglicht, das Gesungene zu verstehen.
Es geht hier in erster Linie um das Scheißefinden der Welt
und tun das Mächtigsauersein auf Leute, die imfair waren,
oder die betrogen und gemogelt haben. Der Sound klingt
wie streetpunklastigere BLOOD FOR BLOOD, deren nihi¬
listische Attitüde auch hier wiederzufinden ist, eine Spur
DISCIPLINE, auf jeden Fall Testosteron geschwängerter
Outlaw-Sound für Unterhunde. Insgesamt 13 Songs, in¬
klusive BLACK FLAG-Coverversion. Nichts für jeden Au¬
genblick, hat aber sicher seine Momente. (24:32) (6)
Dennis Bruns
BELA B. & BALZAC
Der Graf vs. Horrorpunks MCD
GAS/Universal | Stars im eigenen Land sind sowohl
BALZAC aus Japan als auch Bela B. in Deutschland - solo
genauso wie mit seiner Band DIE ÄRZTE. Außerdem ver¬
bindet Bela und BALZAC die Liebe fürs Okkulte und Düs¬
tere. Vampir gegen Horrorpunk - Hamburg gegen Tokio.
Das muss mal für eine gemeinsame Platte ausreichen. An¬
lässlich der Deutschland-Tournee von BALZAC erschien
mm diese Maxi-CD, auf der sich Bela B. und BALZAC ge¬
genseitig covern. Okay, an den Texten wurde ein wenig
rumgeschustert. Aber Japaner, die deutsch singen („Tag mit
Schutzumschlag“ und „Versuchs doch mal mit mir“) wür¬
den wohl doch zu albern klingen. Also in Englisch. Bei bei¬
den. Und wie zu erwarten, krachen BALZAC mit ihren bei¬
den Versionen mächtig los und stellen einmal mehr unter
Beweis, warum sie nicht erst seit gestern als Nippons MIS-
FITS gehandelt werden.Trotzdem beweisen sie so viel liebe
zum Original, dass man die beiden Stücke imschwer wie¬
dererkennt. Bela macht sich dagegen - ähnlich wie bei sei¬
nem Soloalbums - halbakustisch ans Werk und schafft vor
allem mit „Wall“ eine wunderschöne Hymne, die das Ori¬
ginal ganz schnell alt aussehen lässt. Und auch mit „To-
morrow“, seinem zweiten Beitrag, enttäuscht „Der Graf*
ganz und gar nicht. Tolle CD - nicht nur für Vampire und
Skelette. (14:50) (8) Abel Gebhardt
ESTHER BERTRAM
Alchemy Of The Heart CD
Exil | Eigentlich nehmen sicherlich die „Falschen“ das Al¬
bum von Esther Bertram in die Hand. In einer Gothic ähn¬
lichen Aufmachung kommt es daher. Und man erwar¬
tet... naja, irgendwas in der optisch angekündigten Rich¬
tung. Tja, Fehlanzeige - oder eher: Überraschung. Es geht
ganz entspannt zu. Bertram ist mit einem Singer-Songwri¬
ter-Album am Start, bringt zehn Songs und lässt mir ihren
- an eine Mischung aus Patti Smith und Heather Nova er¬
innernden -sexy Vocals eine Stimmung aus euphorischen
„Reiseliedern“ und melancholischen „Rumsitzsongs“ ent¬
stehen. Ein Album mit dichter Atmosphäre, mit einem sein-
guten Sound und durchgängigem Hörvergnügen. Lange
keine so gute Singer-Songwriter Scheibe im CD-Player ge¬
habt! Hoher Wiedereinlege-Faktor! (55:02) (8)
Thomas Neumann
Here Come The Waterworks CD
hydrahead.com | Beim dritten Mal hat es endlich ge¬
klappt, waren die Bewerbungsunterlagen vollständig und
Personalchef King Buzzo nebst Abteilungsleiter Dale Cro-
ver entschieden sich zur
Einstellung neuen Per¬
sonals, um die Ausliefe¬
rung des lang erwarteten
neuen Modells der MEL-
VINS - Metallschmiede
names „(A) Senile Ani¬
mal“ zu beschleunigen.
Zur Entscheidung bei-
getragen hatte sicher die
vorzügliche Ausbildung
von Bassist Jared War-
ren bei KARP und von
Drummer Coady Willis
bei MURDER CITY DEVILS. Natürlich sind Doppelbeset¬
zungen Luxus, aber man weiß ja auch, wie schnell so ein
Drummer kaputt geht, da ist einer mehr ja nicht schlecht.
Und außerdem: so motivierte Mitarbeiter, die sich sogar
Arbeit mit nach Hause nehmen, findet man ja selten. Und
auch so tolerante Chefs sind selten, denn was das Bass/
Drums-Duo da abgezogen hat, ist eindeutig das Ergebnis
von Industriespionage: In ihrer Freizeit haben Willis und
Warren mal eben die MELVINS nachgebaut, „Here Come
The Waterworks“ draufgeschrieben und setzen jetzt dazu
an, nach dem ersten Album und einer Live-CD im Wett¬
rennen der Dampfwalzen zu den MELVINS aufzuschließen.
Ihr Album ist ein niederfrequentes, brachiales Monster, evil
dröhnender Doomrock, verstörter Psychometal und defi¬
nitiv mehr als nur halb so gut wie die MELVINS. (8)
Joachim Hiller
BLACKIE AND THE RODEO KINGS
Let’s Frolic CD
True North | Singer/Songwriter-Country in Tradition
von Tom Petty und seinen Herzensbrechern, jedoch ohne
jeglichen Mainstream-Charakter. Durchgehend sehr ange¬
nehmer Americana-Stil, wenngleich die Brüder aus Onta¬
rio stammen. Immer ein wenig abseits vom Klischee, ge¬
ben sich hier teils flotte, teils baladeske Songs die Klinke
in die Hand. Allerdings kann es durchaus passieren, dass
manch einer aufgrund des Covers ganz andere Vorstellun¬
gen hat, als das, was hier geboten wird. Die drei Herren in
ihren mexikanischen Wrestlingmasken machen nicht den
Eindruck, den sie dann mit diesem durchgehend guten Al¬
bum hinterlassen. Egal, ein Fehlkauf wäre es sicher nicht,
(63:54) (7) ClausWittwer
BOBBY BARE JR’S YOUNG CRIMINALS
STARVATION LEAGUE
The Longest Meow CD
Hazelwood/Indigo | Bobby Bare Junior ist, man kann es
sich denken, Sohn der Country-Legende Bobby Bare. Wie
das mit Söhnen so ist, irgendwann werden sie rebellisch.
Dies bezeugen auch andere illustre Söhne oder Enkel wie
Loudon Wainwright Jr. oder Hank III. Bobby Bare Jr. hat
den Country von seinem Vater mitbekommen, ist aber mu¬
sikalisch auch mit Independent und Punk groß gewor¬
den und das hört man seiner Musik deutlich an. Mal darf
es donnern („The heart bionic“ oder „Uh wuh oh“) und
an anderer Stelle kommt mehr Tradition zum Zuge („Back
to blue“). Beides gelingt ihm und seiner kriminellen Verei¬
nigung hervorragend, schließlich finden sich in der Band
so illustre Musiker wie Doni Schräder (TRAIL OF DEAD),
Corey Younts (MY MORNING JACKET) oder DeannaVara-
gona (LAMBCHOP). Insgesamt haben hier elf Musiker elf
Songs in elf Stunden eingespielt. Konsequent und passend,
dass zum Ausklang dieses durchgehend großen Albums die
PIXIES mit einer unglaublichen Version von „Where is my
mind“ gecovert werden. (38:5 7) (9) Claus Wittwer
BLACK TIE REVUE
Code Fun CD
Gearhead | Und weiter rollt der Zug des Powerpop-Revi¬
vals. Heute macht er Station in Pittsburgh und nimmt die
BLACK TIE REVUE mit auf die Reise. Dieses Quintett hat
sich voll und ganz der Tradition solch namhafter Bands wie
den YUM YUMS, RECORDS oder ONLY ONES verschrie¬
ben. Neben eingängigen Gesangsmelodien ist es vor allem
der Keyboard-Sound von Jesse Ley, der das Gesamtbild der
BLACK TIE REVUE prägt und einen kräftigen New-Wave-
Anstrich verleiht und gelegentlich an die RENTALS denken
lässt. Mit gerade zehn Stücken ist der Erstling der Band al¬
lerdings sehr kurz ausgefallen und man möchte gerne noch
ein paar weitere Liedchen um die Ohren gehauen bekom¬
men. Spielwitz und -freude der Band stecken nämlich in
der Tat an. Und das ist nun mehr als ein Lob. Mal sehen, was
da noch so nachkommt. (28:44) (7) Abel Gebhardt
PETER BERRY & THE SHAKE SET
For Goodness Shake LP
soun dfl atrecords.de | Bereits das Erstlingswerk „Wild¬
berry Shake“ des norwegischen SHAKE SET hat Bewun¬
derern authentischen Merseybeats ganz gehörig die Ohren
schlackern lassen. Dermaßen stilsicher und -echt kam das
Osloer Beat-Quartett daher, wie man es seit dem Ende der
goldenen Beat-Ära sonst nur von Titanen des Genres wie
den RAPIERS oder den KAISERS gewohnt war. Der Sound
stimmte, die Kompositionen waren reine Weltklasse, und
spielerisch reichten sie locker an die talentiertesten Stu¬
diomucker, die seinerzeit etwa im Abbey Road Studio na¬
menlosen verpickelten Kellercombos aushalfen, heran.
Und keine zwei Jahre später liegt erfreulicherweise bereits
das Nachfolgewerk „For Goodness Shake“ in der Musiktru¬
he. Gottlob hat sich die Soundflat-Schallplattenmanufak-
tur dazu bereit erklärt, das als CD bei Spinout erschiene¬
ne Werk als analoge Vinylpressung auf den Markt zu brin¬
gen. Und was soll ich sagen, „For Goodness Shake“ ist fast
noch besser gelungen als das Debüt. Zwölf Songs, von de¬
nen jeder einzelne vor 45 Jahren als weltweiter Chartbus-
ter funktioniert hätte, hat der SHAKE SET im Londoner Toe
Rag Studio aufgenommen. Wo sonst als auf Liam Watsons
Original-1963er-Abbey-Road-Bandmaschine lässt sich
ein solch perfekter Beatsound reproduzieren? Natürlich
brauch man dazu auch das passende, antike Instrumen¬
tarium, wie Selmer-Amps, Ludwig-Schlagzeuge, Höfner-
, Rickenbacker- oder Burns-Gitaren. Und günstigstenfalls
den gewaltigen sechssaitigen Fender-Bass für den original¬
getreuen Jet-Harris-Twang, wie er etwa auf dem fantas¬
tischen, filmsoundtrackhaften Instrumental „A table for
two“ zu hören ist. Leider ist dieses Instrument verdammt
selten, sodass dankenswerterweise RAPIERS-Boss Colin
Pryce-Jones, bekennender Fan des SHAKE SET, höchst¬
persönlich mit seinem Fender VI ins Toe Rag eilte und den
Jungs aus der Patsche half. Das ist nicht alles, Mr. Pryce-
Jones schrieb sogar höchstpersönlich die Linernotes zu der
Platte. Das ist schon als Ritterschlag zu verstehen. Also man
sieht, hier handelt es sich um Qualitäts-Beat von Weltni¬
veau, Fans der SHADOWS, SERCHERS, SWINGING BLUE
JEANS, BILLY J. KRAMER & THE DAKOTAS werden den
Kauf nicht bereuen. (9) Gereon Helmer
BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB
Baby 81 CD
Universal | Da sind sie ja wieder, in gewohnter Form:
„Howl“ war also nur ein kleiner Ausflug der Kalifornien
kein geneieYlet Mdntvm§swecVise\, man knüpft mft „üafty
81“ an „TakeThem, OnYour Own“ an, zelebriert in Best-
form seinen unverkennbaren Trademark-Sound und sorgt
damit umgehend für Glücksmomente. „Whatever happe-
ned to my BRMC rock’n’roll?", diese Frage stellte man sich
trotz der Qualitäten von „Howl“ durchaus und auch wenn
die dazugehörigen Konzerte wunderschön waren, irgend¬
wie ist der knarzige, bluesig groovende BRMC-Sound in
gewohnter Form doch am besten. „Took out a loan“ und
dann auch „Berlin“ (das mir iTunes aber als „Salvador“ an¬
zeigt) sind genau der stampfende, knochentrockene Rock,
für den ich BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB so schät¬
ze, und da halte ich es auch nicht für lästerlich einzuwer¬
fen, dass mich „Berlin“ durchaus an die lange Zeit als un¬
cool geltenden ZZ TOP erinnert. Alles in bester Ordnung
also, wegen mir können BRMC auf ewig so weitermachen,
ich bin und bleibe dabei. (60:18) (8) Joachim Hiller
BEYOND THE SIXTH SEAL
The Resurrection Of Everything Tough CD
Metal Blade | Werwölfe gibt es doch. BEYOND THE SIXTH
SEAL aus Amerika spielen seit 1998 zusammen, doch seit
ihrer Veröffentlichung „Earth And Sphere“ via Lifeforce
Records im Jahre 2002 sind die bekloppten Musiker nicht
mehr wiederzuerkennen. Immer bei Vollmond verwan¬
deln sich Brendan Roche, Greg Weeks und Mike McKenzie
in wilde Wölfsgestalten. Doch anstatt auf Beutezug durch
den Wald zu streifen, hängen die drei sich lieber Gitarren
um den Wanst und spielen melodischen Midtempo-Death
Metal. Dieser erinnert an EDGE OF SANITY und durch sei¬
ne rockende Schlagseite und tiefe Growls auch an ENTOM-
BED. Klassisch und im modernen Soundgewand. Einen tol¬
len Abschluss bietet „Monument“, ein bitterböses Lied,
doomig-schleppend und in Überlänge. Hier und da hätte
den Songs ein wenig mehr Geschwindigkeit gut getan. An¬
sonsten ist „The Resurrection Of EverythingTough“ ein so¬
lides Album, das man nicht nur bei Vollmond hören sollte.
(56:00) (7) Arndt Aldenhoven
BEHIND ENEMY LINES
One Nation Under The Iron Fist Of God LP/CD
profaneexistence.com | Ich bin jedes Mal wieder aufs
Neue überwältigt von der Durchschlagskraft dieser Band.
Auch auf ihrem dritten Album „One Nation Under The
Iron Fist Of God“ ballern BEHIND ENEMY LINES ihre Wut
so dermaßen kompromisslos raus, dass ähnlich zu Werke
gehende Bands vor Neid den Schwanz einziehen und ihre
sofortige Auflösung bekannt geben müssten. Die politische
Weltlage und vor allem die Verbrechen, die „ihr“ Präsident
George W. Bush tagtäglich zu verantworten hat, treiben das
Quintett um die ehemaligen AUS-ROTTEN-Mitglieder
Dave Trenga (Gesang) und Matt Garabedian (Schlagzeug)
an, ihre ausgewogenen und intelligent formulierten Ge¬
danken auf einem Fundament einer verdammt kraftvol¬
len und energetischen Mischung aus Crustpunk, Hardco¬
re und ein wenig Metal herauszubrüllen. Diese musikali¬
sche Gewalt schließt ein gutes Songwriting und eine melo¬
dische Gitarrenarbeit nicht aus, sie machen in Verbindung
mit den zwar seltenen „ruhigeren“ Momenten gerade die
Intensität von BEHIND ENEMY LINES aus: Knüppeln kann
jeder, aus Geprügel gute Songs zu formen, ist dagegen eine
Kunst. Begleitet wird „One Nation Under The Iron Fist Of
God“ von einem separaten, dicken Booklet, das neben den
Texten passend sarkastisch kommentierte Fotos der US-
amerikanischen Regierung enthält. Wenn es eins an „One
Nation...“ zu kritisieren gibt, dann die völlig fehlende Wei¬
terentwicklung zum Vorgänger „The Global Cannibal“ re¬
spektive die nicht erfolgte musikalische Steigerung zu die¬
sem. Es gibt Schlimmeres. (8) Andre Bohnensack
BUILT 4 SPEED
Personal Jesus MCD
built4speed.de/Cargo | Ähnlich wie zu Singles habe ich
seit ein paar Jahren ein Verständnisproblem mit MCD. Wer
ist die Zielgruppe? Gibt es noch ausreichend Sammler für
Sonderauflagen und alles rund um eine neue Band? War¬
um bekommt ein Track den Zusatz „Radio Edit“? Eine an¬
dere Version ist nicht zu finden. Besteht die Hoffnung, dass
diese gute Coverversion im Radio gespielt werden soll?
Wäre schön, aber wer glaubt daran? BUILT 4 SPEED ma¬
chen guten, modernen Rockabilly mit Einflüssen aus dem
[ Psychobilly. Immer schwungvoll und gekonnt, wenn auch
nicht besonders außergewöhnlich. Neben dem Titelsong,
der natürlich ein Cover des bekannten DEPECHE MODE-
Songs ist, sind noch drei weitere Stücke auf der Scheibe. Als
Digipak wird ein Sammlerstück daraus, alle anderen war¬
ten auf den angekündigten nächsten Longplayer. Wenn die -
. ser nur Songs in der gezeigten Qualität enthält, kann man
sich darauf freuen. (13:33) Robert Noy
BORIS WITH MICHIO KURIHARA
Rainbow CD
Drag City/Rough Trade | Die Wandlungsfähigkeit des To¬
kioter Trios BORIS ist immer wieder aufs Neue beeindru¬
ckend. Ob doomige Drone-Sounds, derber, psychedeli¬
scher Rock, purer Noise oder relativ konventionelle Rock¬
musik, die zwei Herren und eine Dame beherrschen das al¬
les perfekt und so ganz genau weiß man nie, was man mit
einer neuen Platte von ihnen bekommt. Wobei die Band
ihren Zuhörern einen kleinen Tip mit gibt: Steht da „BO¬
RIS“ auf dem Cover, dann wird es laut, „Boris“ oder gar
„boris“ versprechen eine eher ruhige Platte. Das hilft zwar
nicht wirklich weiter, den Release-Overkill der Japaner
wirklich zu durchschauen (die auch gerne mal ein Album
in zwei verschiedenen Versionen auf zwei Kontinenten mit
jeweils komplett anderer Musik veröffentlichen) oder das
Prinzip zu verstehen, warum die japanischen Versionen ih¬
rer Platten generell eine andere Songreihenfolge oder gar
eine abweichende Songauswahl aufweisen, als ihre Pen¬
dants hierzulande, ihr neuestes Werk „Rainbow“ ziert der
Bandname jedenfalls nicht in Großbuchstaben. BORIS zei¬
gen sich auf „Rainbow“ von ihrer psychedelischen Seite,
haben sich den japanischen Gitarristen Michio Kuriha-
ra (GHOST, WHITE HEAVEN, DÄMON & NAOMI) ins Stu¬
dio eingeladen, der „Rainbow“ dann auch mit seinem Gi¬
tarrenspiel anführt. BORIS agieren hier sehr zurückhal¬
tend, beinahe schon richtig laid-back und geben Kuriha-
ra damit den nötigen Raum, um sich zu entfalten. Aber
auch wenn Kuriharas wunderbare psychedelische Gitar¬
renarbeit hier im Vordergrund steht, so ist die Harmonie,
die er und BORIS auf „Rainbow“ eingehen, absolut beein¬
druckend; die vier ergänzen sich perfekt. Ein aufmerksa¬
mes Zuhören ist hier zwar angebracht, zum Glück halten
sich BORIS und Kuriahara aber von jeglichem verkopften
Gedudel fern. Spinnert genug ist das Ganze eh schon. Und
natürlich hat die Japan-Version von „Rainbow“ wieder ein
abweichendes Tracklisting und zum Teil anders arrangierte
Songs. Aaargh! (8) Andre Bohnensack
BLOODSTAIN
Baptism Of Fire CD
Swell Creek/Soulfood | BLOODSTAIN heißt ja übersetzt
so viel wie „Blutfleck“. Nun, solche könnte man sich bei
einem Konzert der noch recht jungen Band durchaus ho¬
len. Im Sommer 2005 gründeten sich BLOODSTAIN aus
Mitgliedern anderer Bands und fanden so recht schnell zu
ihrem recht brutalen Sound auf ihrem Debütalbum „Bap¬
tism Of Fire“. Musikalisch steht man klar in der Traditi¬
on der Musik der letzten Jahre, soll heißen, man spielt im
weitesten Sinn Metalcore. Und das gar nicht mal schlecht,
denn mm G\ück vräd auf die, oftmals uem^en, demen
Gesangsparts komplett verzichtet und stattdessen immer
ordentlich draufgehauen. Selbst Gastsängerin Stefanie, die
bei „T&e moshpit“ unterstützend am Mikro steht, bringt
keine Ruhe in den Sound, im Gegenteil wird hier geschrie¬
en, was die Kehle hergibt. Was bleibt, ist ein durchaus or¬
dentlicher erster Eindruck, samt Hörempfehlung auf der
MySpace-Seite der Band. (28:16) (7) Tobias Ernst
BASIA BULAT
Oh My Darling CD
Rough Trade | Songwriter-Folkpop, der sich nicht anbie¬
dern will, so kann ich mir das gefallen lassen. Sie hat auch
eine schöne verrauchte Stimme, die Dame aus Kanada und
außerdem den Mut, potenzielle Hörerinnen, die auf der
Suche sind nach der nächsten Dosis wohliger Gefühlig-
keit, mit denen die Plattenläden verstopft sind, mit dem
auf den kurzen Opener folgenden „I was a daughter“ vor
den Kopf zu stoßen: Da rumpelt ganz unsacht ein 2/4-Takt
und rüttelt einen durch, bevor man es sich gemütlich ma¬
chen konnte. Und angenehm und gemütlich wird es tat¬
sächlich in der folgenden halben Stunde, in der es rundum
akustisch zur Sache geht, inklusive Streichern und Flöten.
Ein wenig mehr Kratzbürstigkeit, wie sie zu Beginn ange¬
deutet wird, hätte ich mir dann doch gewünscht - so bleibt
ein recht braves, aber schönes, rundes Album, das keinem
weh tut, aber auch nicht tun will. (35:13) (7)
Christian Maiwald
BOOZED
Acid Blues CD
bitzcore.com/Indigo | Das erste Bitzcore-Album von
BOOZED, „Tight Pants“, war 2005 genau die richtige Me¬
dizin, tun den GLUECIFER-Split zu verarzten. Mit „Acid
Blues“, ihrem zweiten
Longplayer für das Ham¬
burger Label, tritt die
Band nicht auf der Stel¬
le, sondern versucht sich
geschickt an einer Wei¬
terentwicklung ihres
bisher recht Schweine-
rockigen Sounds. An die
Stelle von all zu deutli¬
chen Skandinavien-Ein¬
flüssen treten auf „Acid
Blues“ vor allem Groo¬
ve und Melodiegefühl.
Sicher, im Großen und Ganzen sind BOOZED nach wie
vor eine Rockband. Im Rahmen dieses Sounds haben die
Bramscher aber ein beachtliches Repertoire an Songideen
entwickelt. So treibt man den Hörer zwölf Songs lang vor
sich her, langweilt ihn aber nicht mit einem Dutzend mä¬
ßiger GLUECIFER-Songkopien, sondern zeigt ihm, wie
man geschickt eine Orgel benutzt, um einen Song durch
tolle Blues-Einflüsse catchy zu machen. Oder, wie Rhyth¬
mussektion und dick produzierte Gitarren zu tanzbaren
Grooves kombiniert werden können, die sich bestens für
die nächste Biker-Party eignen und den geneigten Schrei¬
berling am Schreibtisch mitwippen lassen. Finger-in-die-
Luft-Refrains, eingängige Meloden und ein kneipener¬
probter Gesang tun ihr Übriges, um aus „Acid Blues“ ein
durch und durch sympathisches Rockalbum zu machen,
das sich durch hervorragende Grooves, griffige Melodien
und eine Menge Feuer im Hintern auszeichnet. Ein gro¬
ßer Schritt nach vorne für BOOZED. Und eine Entwick¬
lung, die manch anderer deutscher Rock’n’Roll-Band gut
tun würde. (43:07) (8) Lauri Wessel
BOOK OF KNOTS
Traineater CD
anti.com | Sonntägliche Ausflüge zu den Industriedenk¬
mälern des Ruhrgebietes bilden. Und sind hilfreich bei der
Entschlüsselung von Covermotiven. Dank meines Besuches
in der Heinrichshütte zu Hattingen war es mir möglich,
die rostige Hinterlassenschaft auf dem Cover des zweiten
Albums von THE BOOK OF KNOTS als Hochofen zu iden¬
tifizieren, und der Titel „Traineater“ macht angesichts des
schrottverschlingenden Monsters auch Sinn. War das Debüt
noch eine Ode an die vergängliche Pracht der Seebäder der
US-Ostküste, ist „Traineater“ dem „Rustbelt“, dem einsti¬
gen industriellen Herzen der USA gewidmet, und das noch
umzusetzende dritte Album wird sich der Aeronautik zu-
wenden. Die Formation aus New York besteht aus vier Mu¬
siker/innen mit imposanter Ex-Liste: Matthias Bossi war
bei SKELETON KEY und SLEEPYTIME GORILLA MUSEUM,
Joel Hamilton bei SHINER, BATTLE OF MICE, SPARKLE-
HORSE und UNSANE.Tony Maimone spielte bei/mit PERE
UBU, Frank Black undTHEY MIGHT BE GIANTS, und Carla
Kihlsteft war ebenfalls bei SLEEPYTIME GORILLA MUSE¬
UM. Easy Listening-Bands sind in dieser Liste nicht zu fin¬
de, und so klingt dieses oftmals an einen Soundtrack erin¬
nernde Album dann auch: ein stählerner Koloss von Album,
zwischen BIRTHDAY PARTY, UNSANE, MELVINS undTom
Waits (der hier, Anti- macht’s möglich, neben Dave Thomas
und Mike Watt einen Gastauftritt hat), der aber auch Platz
lässt für leise Passagen. Ein Album, das Bilder vor dem in¬
neren Auge erzeugt, zu dem man sich einen passenden Film
mit Aufnahmen von Verfall und Brachflächen zurückero¬
bernder Natur wünscht. Faszinierend! (50:33) (8)
Joachim Hiller
BANG BANG BAZOOKA
Hell Yeahü! CD
Crazy Love | Die Mitglieder des Quartetts aus den Nieder¬
landen mit dem seltsamen, comicartigen Namen BANG
BANG BAZOOKA sind schon im gesetzten Alter. Ihre ers¬
te Platte haben sie schon Ende der 80er veröffentlicht, in
den 90ern aber das Ganze ein wenig ruhen lassen. Damals
sind sie in der Vielzahl der Psychobilly-Veröffentlichun¬
gen nicht sonderlich aufgefallen. Da sie die Musik auch
als ihr Hobby ansehen, waren die Live-Auftritte nie son¬
derlich zahlreich. Die ersten Werke waren mir auch ein-
OX-FANZINE 62
REVIEWS
/TOP OF THE OX
BOTTROPS
s/t CD
destiny-tourbooking.com | Mit vierzehn mal vier Akkor¬
den, geschmeidigem Powerpop, fluffigem Garage und ro¬
ckigem Punk erobern THE BOTTROPS direkt auf ihrem
ersten Album den Thron der Könige aller Berliner Unter¬
hunde. So man will, fühlt man sich vielleicht noch bei den
Songs der komplett enthaltenen „Unterhund“-EP, die bis¬
her nur als Download zu bekommen war, an alte Tage er¬
innert, aber schlimm ist das ja nun nicht, und mit einigen
musikalisch wie auch textlich großartigen Hits, etwa dem
Disco-Smasher „Von A-Z“ oder „Opfer müssen verzichten
können“ sowie „Und sie sagte wird hier ein neuer Stil
nicht nur gefunden, sondern möglicherweise sogar gebil¬
det. Feinster deutschsprachiger Schrebbel-Pop, dazu noch
ein witziges Poster-Booklet und das Ganze zum Preis einer
EP - da bleiben kaum Wünsche offen, lediglich vielleicht
eine Frage: Wer war noch gleich diese TERRORGRUPPE?
(43:32) (8) JanEckhoff
BISHOPS
s/t CD
weekenderclub.net | Das ist schon fast dreist, mit welcher
Lockerheit die Londoner BISHOPS (Nicht mit COUNT
BISHOPS Phase 2 des Beatzwergs Mike Spenser verwech¬
seln!) bereits im Mai mal so eben locker das beste Album
des Jahres rüberschieben. Da kann nicht mehr viel nach-
kommen, ehrlich. Die BISHOPS sind klassisches Powertrio
in smarten Anzügen, das bereits mit den ersten Singles un¬
ter Kennern ordentlich für Furore sorgte. Bei ihnen gibt
es ein Brüderpaar, das, den vermutlich bald beginnenden
Hype vorausgesetzt, die Gallagher-Brüder als Schlagzei¬
lenlieferanten beerben könnte, und einen unscheinbaren,
aber effektiv agierenden schottischen Drummer. Und sie
teilen sich dermaßen viel Talent, dass es einem schon un¬
heimlich werden kann. Wenn „I can’t stand it anymore“,
die neue Single, kein Riesenhit wird, läuft etwas ordent¬
lich falsch im Geschäft. Der Song besteht aus einer butter¬
weichen Melodie, klassischem Popsong-Aufbau nach ein¬
fachster, aber altbewährter Beat-Formel, einem unschlag¬
bar schmissigem Leadgesang und, wie eigentlich bei na¬
hezu allen anderen Songs des Albums auch, Harmoniege¬
sängen, die in ihrer unaufgeregten Einfachheit allenfalls bei
den HOLLIES zu ihrer Blütephase in ähnlich einschlagen¬
der Form vorkamen. Alle Songs sind einfach, aber unglaub¬
lich effizient arrangiert, Rhythmusgitarre, Bass, Schlagzeug,
hier und da mal ne Overdub-Leadgitarre. Das ist alles. Und
der Sound ist natürlich auch Weltklasse, denn Liam Watson
hat im weißen Kittel hinter der Konsole meines Lieblings-
Studios Toe Rag die Regler geschoben und gezogen, was soll
da schon schief gehen? Dieses Album hätte gleichermaßen
in den Jahren 1966,1979 oder 1986 entstanden sein kön¬
nen, und egal wann, es hätte einen riesigen Einfluss gehabt
auf alles, was danach gekommen wäre. (10)
Gereon Helmer
CLOROX GIRLS
J’aime Les Filles CD
BYO | Drei Fakten für alle, die die CLOROX GIRLS noch
nicht kennen: 1. Es sind keine Mädchen. 2. Trotz des Al¬
bumtitels sind es auch keine Franzosen. 3. Die CLOROX
GIRLS sind das weltweit derzeit verdammt beste Punk¬
rock-Trio mit Pop-Appeal! Nachdem wir das also klar¬
gestellt hätten, bleibt eigentlich nicht mehr viel zu sagen.
Produziert hat das neue Album Pat Kearns, der auch schon
für die fantastischen und viel zu früh von uns gegangenen
EXPLODING HEARTS die Knöpfe gedreht hat. Unter den
14 Songs könnte zum Beispiel „Nothings to deep“ locker
auf einem Best-Of der BRIEFS sein und „Le banana split“
geht auch als Hit von PLASTIC BERTRAND durch. Mehr
Namedropping gefällig? Wie wäre es mit den BOYS, UN-
DERTONES oder BUZZCOCKS?! Allerdings sind die CLO¬
ROX GIRLS weit vom billigen Plagiat entfernt. Sie schaf¬
fen es einfach, großartige Hits zu schreiben, die mit jedem
Albumdurchlauf an Nachhaltigkeit gewinnen und tage-
4 ' #
Avpt'imo
lang nicht mehr aus dem Ohr gehen. Ich kann’s nur noch
mal wiederholen: „J’aime Les Filles“ bietet die gegenwärtig
beste Schnittmenge aus hitverdächtigen Powerpop-Me¬
lodien und klassischem Punkrock-Sound. Absoluter Tip!
(26:58) (9) Bernd Fischer
DEEPEYNDE
Bad Blood CD
People LikeYou/SPV | Manche wähnten THE DEEP EYN-
DE (ausgesprochen: The Deep End!) schon in den ewigen
Jagdgründen, nachdem die Kalifomier zwar zu „Shadow-
land“ diverse Male tourten, aber dann plötzlich von der
Bildfläche verschwanden. Aus heiterem Himmel steht
plötzlich der Nachfolger in den Regalen, und sicher bin ich
nicht der Einzige, der sich nach diesem Werk gesehnt hat.
Und sieh da, meine Wünsche wurden erhört. „Bad Blood“
setzt die Tradition fort und liefert exzellenten Goth- Hor¬
rorpunk, der sich noch ein bisschen mehr von den Dea-
throck-Roots der Band entfernt und trotzdem mit wun¬
derschön romantischen Melodien aufwartet. Besonders
Sänger Fate Fatal brilliert erneut mit seinem tiefen Organ,
das zu dem Punkrock seiner Begleiter passt, wie die be¬
rühmte Faust aufs Auge. Wie schon auf dem letzten Werk
haben THE DEEP EYNDE zudem ein paar Hits aus ihren al¬
ten Tagen verwurstet, die hierzulande noch nicht so be¬
kannt sein dürften, und ihnen beim Remake noch eine zu¬
sätzliche Portion Feuer beschert. Gepaart mit Punk-Kra¬
chern wie „We don’t care about you“, trifft hier Arschtritt
auf Grabgesang, und das alles auf einem Album. Fein ge¬
macht, Jungs! (9) Thorsten Wilms
EDITORS
An End Has A Start CD
Pias/RoughTrade | Das Damoklesschwert überhöhter Er¬
wartungshaltungen - wie einst beim zweiten Album von
INTERPOL - schwebte nun eine Weile über den EDITORS,
und offensichtlich hat es sich etwas auf die Motivation aus¬
gewirkt. Keine Frage, „An End Has A Start“ ist ein großar¬
tiges Folgealbum, das jeder lieben wird, der der modernen
Adaption von britischem Achtziger-Jahre-Gitarren-Wave
zugeneigt ist, das aber offensichtlich so stark auf Erwar¬
tungshaltung eingegangen ist, dass es ein wenig gleichför¬
mig und ohne wirkliche hymnische Überflieger wie „Mu¬
nich“ und „All sparks“ daherkommt. Am ehesten schafft
das noch die erste Single-Auskoppelung „Smokers Out¬
side the hospital doors“ mit einem schönen - irgendwie
RED HOUSE PAINTERS-kompatiblen - Artwork. Sicher¬
lich macht es Sinn, dass Sänger und Kopf Tom Smith, der
nichts von seinem eindringlichen Bariton verloren hat, die
Songs als „without doubt the best songs we‘ve written“ be¬
schreibt, aber Fakt ist: das Album läuft etwas glatter durch
als das Debüt, und in einige Momenten wünscht man sich
einen größeren Grad an ungeschliffenen Gitarren-Sounds,
wie er bei ihren geistigen Übervätern wie THE CHAME-
LEONS, THE COMSAT ANGELS und THE SOUND üblich
war. Vermutlich wäre es aber ein Fehler, eine völlige Neu¬
definition der EDITORS zu erwarten, vielmehr sollte man
sich frei von einer einengenden Reminiszenz-Hölle ma¬
chen und gemäß der Songzeile „Say goodbye to everyone
you had ever known“ (aus „Smokers outside the hospital
doors“) die EDITORS als eine großartige und eigenständige
Band sehen, die sich selbst geftmden hat und immer noch
die überwiegende Mehrzahl stereotyper Kopisten mit ih¬
ren emotionalen Songs an die Wand spielt. Kurzum: „There
is a light that never goes out“. (9) Markus Kolodziej
Stolz? Nagel sicherlich nicht. Mit scharfem Blick für seine
Umwelt bringt er die Dinge in zwingenden Formulierun¬
gen auf den Punkt. Eloquente Kritik ist immer das Marken -
Zeichen von Nagels Texten gewesen; neu hingegen erscheint
ihre ausgesprochene Bereitschaft, verzeihen zu können.
Diese Lieder machen Mut mit Sätzen zum Zitieren, in Gäs¬
tebüchern oder als Graffiti auf dem Indieclub-WC. Und
immer wieder im Kopf. Sowieso erscheint jeder Versuch
zwecklos, Ohrwürmer von solcher Qualität in der nächs¬
ten Zeit wieder loszuwerden. Sicher haben MUFF POTTER
in der Vergangenheit viele Gänsehautmelodien geschrie¬
ben, aber eine Hymne wie „Das Finkelmann’sche Lachen“
oder die Single „Fotoautomat“ sind mehr als bloß neue Fa¬
cetten ihres Könnens. Es sind Quantensprünge auf hohem
Niveau. Vielleicht wird es manchem Dogmatiker nicht ge¬
fallen, dass die Band sich interessant entwickelt und den
Abstand zum Punkrock weiter vergrößert. MUFF POTTER
wird es nicht kümmern, denn sie wissen genau, was sie tun,
und definieren am Ende des Albums selbst, was der „Stea-
dy Fremdkörper“ wirklich ist: „Ein Ding aus einem Guss.“
(43:26) (10) ArneKoepke
MUNICIPAL WASTE
The Art Of Partying CD
earache.com | Wenn ich ein paar Begriffe wie Skate¬
board, Beer Bong, Bandana, Slamdance oder Crossover in
den Raum stelle und dazu noch Bandnamen wie GANG
GREEN, D.R.I., THE ACCÜSED, WEHRMACHT, CRYPTIC
SLAUGHTER, aber auch EXODUS, EVIL DEAD, ANTHRAX
und NUCLEAR ASSAULT nenne, was für ein Bild würde
sich beim Leser vor dessen geistigen Auge wohl aufbauen?
Und von welcher Art Musik wäre dieses Bild untermalt?
Bei wem es jetzt dunkel und still bleibt, der soll sich jetzt
belehren lassen (eventuell mit Hilfe eines ganz bestimm¬
ten Songs auf der Ox-CD) oder halt unwissend weiterblät¬
tern. Denjenigen aber; denen sich genau das offenbart hat,
was ich mittels des obigen Namedroppings beabsichtigte,
empfehle ich den Erwerb von „The Art Of Partying“, dem
dritten Album von MUNICIPAL WASTE. Und wünsche viel
Spaß bei der musikalischen Zeitreise in eine längst vergan¬
gene Zeit, in der Crossover noch nicht für das wahllose Zu¬
sammenpanschen miteinander inkompatibler Musikstile
stand, sondern für eine Mischung aus Hardcore und har¬
tem Metal, die zudem noch originell, spannend und ver¬
dammt unterhaltsam war. Ich mag nicht beurteilen müs¬
sen, ob MUNCIPAL WASTE Teil eines Revivals dieser Zei¬
ten sind, sollte dem aber so sein, dann wird das Quartett
aus Richmond, Virginia dabei eine Führungsrolle inneha¬
ben, denn besser und authentischer kann man einen Mu¬
sikstil zwanzig Jahre später nicht in einer so frischen und
mitreißenden Form aufleben lassen. Und „The Art Of Par¬
tying“ ist sogar noch ein ganzes Stück besser als der Vor¬
gänger „Hazardous Mutation“. Bang that head that doesn’t
bang! (9) Andre Bohnensack
► Auf der Ox-CD zu hören.
MUFF POTTER
Steady Fremdkörper CD
Universal j „Als Fremdkörper bezeichnet man jemanden,
der von einer Gruppe als störend empfunden wird oder
sich selbst als störend betrachtet.“ - Zwar ist der Grad der
geistigen Umnachtung vieler Web 2.0-User nicht zu un¬
terschätzen, doch trifft diese Wikipedia-Definition auch
auf das sechste Album von MUFF POTTER zu. Ihr „Steady
Fremdkörper“ rollt langsam an, bereit zum Kampf „bis aufs
Blut“. Nie waren MUFF POTTER dafür besser gerüstet als
heute. Sowohl auf der musikalischen als auch auf der text¬
lichen Ebene sind die elf Songs Schwergewichte im Ring
der aggressiven Popmusik. Jeder Schlag ein Treffer. Dabei
sind die Texte vielschichtig und zielen längst nicht mehr
so offensichtlich wütend auf die empfindlichsten Stellen
unserer Gesellschaft wie damals die „Bordsteinkantenge¬
schichten“. Resignieren aber ist auch weiterhin keine Op¬
tion; das Herz für Verlierer hat sich die Band erhalten. Na
klar, Leben bedeutet Scheitern -, aber lieber zu Boden ge¬
hen als gar kein Leben. Man kann ja wieder aufstehen und
weitermachen. Wer gibt etwas auf Gesichtsverlust oder
südöstlich der Bantry Bay überhaupt machen kann. Dabei
orientiert sich die Kapelle erfreulich stark an den POGUES,
anstatt wie der x-te Klon von DROPKICK MURPHYS oder
FLOGGING MOLLY zu klingen. Zu behaupten, die Band
wäre seit dem 2001er Debüt „A Tribute To Arthur Guin-
ness“ gereift, wäre eine schamlose Untertreibung, nicht
nur weil das damals noch ausnahmslos aus Covern bestand.
Auf „Anywhere But Home“ gibt es bis auf zwei Ausnahmen
nur eigene Songs und nicht einen einzigen, über den ich
was Schlechtes sagen könnte. Die Frage kann hier nur sein,
über welche Songs ich hier bei dem begrenzten Platz wie
viel Gutes sage, weil ja wirklich alle grandios sind. „A leak
in my heart“ und die Ballade „Crying in my beer“ sind auf
jeden Fall ganz oben dabei. Und die beiden Cover „Chea-
ting at solitaire“ (im Original von Mike Ness) und „Fies¬
ta" (THE POGUES) sind auch einfach genial umgesetzt. Bei
Ersterem kriege ich sogar eine Gänsehaut. Volkers Stimme
klingt hier wirklich wie eine Kreuzung aus der von Mike
Ness und Shane McGowan. Wer MR. IRISH BASTARD und
NECK mag, ist hier definitiv richtig Klasse! (54:26) (9)
Claudia Luck
TOMAHAWK
Anonymous CD
Ipecac/Soulfood | Patton, Denison und Stanier tun es
wieder. Ohne Kevin Rutmanis diesmal, der ist raus, die
Band schweigt sich über die Gründe aus. Doch was heißt
Band: Pattons Rolle ist wie gehabt die des „Stimmgebers“,
kreatives Zentrum von TOMAHAWK ist weiterhin Dua-
ne Denison (einst bei JESUS LIZARD), und diesmal ging es
um ein Thema, das dem Namen des Projektes gerecht w r ird.
Während einer Tour mit Hank Williams III fand sich Deni -
son mehrfach in Indianer-Reservaten wieder, begann sich
genauer mit deren Kultur und dem Umgang der US-Ge-
sellschaft mit selbiger zu beschäftigen, und so entstand das
thematische Gerüst dieses Albums, in dem sich allenthal¬
ben musikalische Reverenzen an indianische Gesänge,Tän¬
ze und Rhythmen finden. Nach intensivem NoiserockTO¬
MAHAWK jetzt also auf Eso-Folk-Pfaden? Mitnichten.TO-
MAHAWK sind immer noch ein schwer verdaulicher Bro¬
cken, sind wie ein neuer David Lynch-Film, nur dass im
Gegensatz zu „Inland Empire" bei „Anonymous“ dem kre¬
ativen Kopf nicht die Pferde durchgegangen sind. Die Songs
pendeln immer wieder zwischen harschen Rockparts und
atmosphärischen Passagen („Sun dance“), teilweise kehrt
Patton sogar zu einer Gesangsweise zurück, wie man sie
früher von FAITH NO MORE kannte („Omaha dance“),
und letztlich ist man gut beraten, sich auf dieses oft or¬
chestral anmutende Werk einfach nur einzulassen und zu
genießen - wer beim düsteren „Totem“ keine Gänsehaut
bekommt, ist selber schuld. Mit Sicherheit eine der an¬
spruchsvollsten und unkitschigsten Annäherungen an ein
bedrückendes Thema. (43:32) (9) Joachim Hiller
NO TE VA GUSTAR
Todo Es Tan Inflamable CD
Übersee/Alive | In Europa sind sie noch ziemlich unbe¬
kannt, in ihrer Heimat Uruguay gehören NTVG neben AB-
UELA COCA und LA VELA PUERCA zu den ganz großen
Bands - ihre Platten haben längst Platin-Status erreicht.
Auf ihrem vierten Album „Todo Es Tan Inflamable“ setzen
NTVG neue Maßstäbe, aber halt, das habe ich ja schon in
#64 über ihr drittes Album „Aunque CuesteVer El Sol“ ge¬
schrieben. Schlagwörter wie Latin Pop, Ska oder Rock be¬
schreiben die Musik von NTVG aber nur unzureichend.
Ausgefeilte Arrangements mit Punk- Ska-, Reggae- und
Rock-Elementen treffen auf Balladen voller Melancholie
und Tiefe. Die Punkeinflüsse treten auf „Todo Es Tan Infla¬
mable“ zugunsten ruhigerer Klänge langsam in den Hin¬
tergrund. Oh ja, hier habe ich gleich Feuer gefangen. Spä¬
testens bei „Una triste melodia“ ist eine Gänsehaut vorpro¬
grammiert, aber nur kurz, denn Stücke wie zum Beispiel
„Pensar“ mit einer grandiosen Mischung aus Murga-, Ska
und Disco-Elementen sollten jede Tanzfläche zum Kochen
bringen. NTVG beweisen mit Stücken wie „Vivir murien-
do“ eindrucksvoll, dass es durchaus möglich ist, unpein¬
liche Rock- und Popmusik zu spielen. Bei den insgesamt
14 Songs handelt es sich einfach tun zeitlose Musik - Joe
Jackson und TALKING HEADS lassen grüßen. (52:14) (9)
Kay Wedel
PORTERS
Anywhere But Home CD
Knock Out/Cargo | Die grandiosen PORTERS erfreuen
mein Herz mit dem genialsten Irish-Folk-Punk den man
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OX-FANZINE 63
REVIEWS
wenig zu eintönig. Der Sound war zwar treibend und er¬
kennbar eigenartig, aber wenn die Songs nur schwer aus¬
einander zu halten sind, reicht dies nicht für hohe Weihen,
sprich Headline-Touren oder ähnliches. Auf „Hell Yeahü!“
sieht die Sache nun anders aus. Ein bunter Mix aus allen
angrenzenden Stilen mit den alten Kennzeichen. Der Spaß
endlich wieder dem Hobby aktiver nachzugehen, ist deut¬
lich hörbar. Die lange Pause hat dem Können keinen Scha¬
den zugefugt. Die Billy-Elemente sind immer wesentlicher
Bestandteil, ein Vorteil der alten Bands, die die ursprüngli¬
chen Wurzeln des Psychobilly noch kennen und pflegen.
(38:32) (7) Robert Noy
BORDERPAKI
Kein Platz für Poesie CD
borderpaki.de | Mittlerweile seit 1995 besteht die Band
mit dem etwas ungewöhnlich klingenden Namen BOR¬
DERPAKI. In dieser langen Zeit wurden so einige Musiker
verschliessen, was hoffentlich nichts mit dem Namen zu
tun hat. Auf ihrer aktuellen CD befinden sich 12 Punk-Ti-
tel, die so ziemlich alle Stile abdecken. Hardcore-Elemente,
ruhigere Nummern, aber auch ein tolles Ska-Stück („Ein
liebes Lied") werden dargeboten. Diese Vielfalt ist wohl auf
die vielen Neubesetzungen zurückzuführen. Im Großen
und Ganzen ist dagegen nichts einzuwenden, jedoch kön¬
nen nicht alle Songs gleichermaßen überzeugen. Auf schö¬
ne melodische Uptempo-Songs („La bailade“, „Ocb") fol¬
gen ruppige härtere Titel, welche einen irgendwie stim¬
mungsmäßig von einem ins andere extrem Schwanken
lassen. Aber dadurch wirkt das Album nicht einschläfernd
und wach zu bleiben ist ja ab und zu auch mal toll! (49:5 3)
(6) Sven Grumbach
BRIGHT EYES
Cassadaga CD
Universal | Conor Oberst Superstar. Gerade mal 27 und
schon am Zenit seiner Karriere angekommen! Mit der
Band Indierock-Fan-Liebling in aller Welt, mit Saddle
Creek (wo es in den letzten Monaten aber auch eher ru¬
hig war...) ein verehrtes Label geschaffen, und jetzt also ein
neues Album. Und leider, leider bleiben die großen Emoti¬
onen meinerseits aus. BRIGHT EYES machen, was sie bis¬
her auch schon gemacht haben, leidlich gut, das Album
läuft so durch, und in manchen Momenten ist es sogar
richtig langweilig und konventionell. Klar ist „If the bra-
keman turns my way“ eine schöne Country-Rock-Num-
mer, doch ehrlich gesagt, reißt mich da Lee Majors „The
unknown Stuntman“ mehr mit, und wenn Oberst in „No
one would riot for less“ mit brechender Stimme wie ein
Ziegenbock meckert, dann muss ich weiterzappen. Dafür
entschuldigt dann wieder „Soul singer in a session band“,
doch unterm Strich bleibt „Cassadaga“ unter den Möglich¬
keiten der Band zurück, ist stellenweise peinlich pathetisch
und bombastisch. Willkommen im Mainstream, vielleicht
sehen wir uns ja in ein paar Jahren wieder. (62:06) (6)
Joachim Hiller
BATTLES
Mirrored CD
warprecords.com | Die BATTLES haben den Math-Rock
der 90er bereits mit ihren EPs „EP B / C EP“ auf ein höhe¬
res Niveau katapultiert, ihn sozusagen ins neue Jahrtausend
transportiert, haben mit lockeren und fließenden Songs
den Sound von DON CABALLERO weiter gestrickt und um
Jazz, Elektronic, Samples und andere unglaubliche Sound-
elemente erweitert. Auf ihrem ersten richtigen Longplay-
er (wer die EP-Compilation hat, braucht das gar nicht wei¬
ter zu lesen, sondern kann sich die Platte getrost blind kau¬
fen, sie ist noch mal um circa 400 Prozent besser!) stricken
sie den Sound der EPs fort, erweitern ihn noch um Gesang,
der aber ein rein instrumentales Beiwerk ist, und präsen¬
tieren sich mit einem ungemein präzisen und unterhaltsa¬
men, beinahe spastischen Frickelcore-Sound voller fröhli¬
cher Melodien, aber das ist durchaus nur positiv gemeint!
Denn NOMEANSNO, TRANS AM und Konsorten sind be¬
stimmt ausgesprochen neidisch, ob dieser irrwitzig inno¬
vativen und einzigartigen Songstrukturen. Man merkt den
BATTLES zwar an, dass sie wahnsinnige Kopfmusiker sind,
aber ihre Musik dabei nie kopflastig klingt. Stattdessen
fließt sie leicht, klingt durch den zusätzlichen Gesang sogar
sehr soulig. Außerdem haben sie einen derart großartigen
Schlagzeuger, dass ich bei Konzerten nicht wüsste, ob ich
Tanzen oder Niederknien sollte. Auch wenn sie mit Warp
ein zumindest ehemaliges, Elektroniklabel haben und sie
aufgrund der loopartigen Verwendung ihrer Sounds dort
auch sehr gut aufgehoben sind, haben sie gerade elektro¬
nischer Musik eine Lebendigkeit voraus, die sich eben nur
in der sprichwörtlichen Spielffeude handgemachter Mu¬
sik findet. (51:5 9) (9) Chris Wilpert
BILLY NO MATES
C’monletmeseeyoupogo CD
10 Past 12 | Punk-interessiert? Schon seit einigen Jahren
„dabei" und auch ein paar Platten im Schrank? Zumin¬
dest die Klassiker? Dann musst du hier nicht lange über¬
legen, selbst wenn BIL¬
LY NO MATES bislang
eine große Unbekannte
in deinem Dasein waren:
Duncan Redmonds, Sän¬
ger und Drummer der
Punk-Legende SNUFF,
ist am Start. Das wird ei¬
nem eigentlich schon
bei den ersten Akkorden,
spätestens aber mit dem
Einsetzen des Gesangs
klar. BILLY NO MATES ist
sein im Jahr 2004 ins Le¬
ben gerufene Soloprojekt. „We Are Legion“ war das erste
Alb um im Jahr 2005, auf dem Duncan alle Instrumente in¬
klusive Gesang selbst eingespielt hat. Inzwischen sind zwei
Jahre vergangen und „D.R.“ hat zwei Bands ins Leben ge¬
rufen, die unter dem Namen BILLY NO MATES auftreten.
Eine Band spielt und lebt in Japan, die andere kommt aus
England. Es war noch eine dritte Version für die USA ge¬
plant, das hat aber aus fadenscheinigen Gründen nicht ge¬
klappt. Sei’s drum ... Mit dem „England-Ableger“ wurde in
2006 eine Splitsingle mit MILLOY aufgenommen, im sel¬
ben Jahr flog „D.R.“ dann nach Japan, um mit dem Line-up
dort die mir hier vorliegende Scheibe einzuspielen. Eine
Menge Hits sind am Start, und auch wenn einer der Songs
„We all have bad days“ heißt: hier war kein Charlie Brown
am Start und die Scheibe ist (fast) durchweg gelungen.
Coole Gitarren-Riffs, smarte Orgel, Singalongs, die ins Ohr
gehen - und das auf insgesamt 16Tracks. Ein echter Hingu¬
cker in alter SNUFF-Manier. Sogar die „Seit-fünf-Tagen-
Regen“-Phase kann ich mit dieser Scheibe locker überbrü¬
cken. Ein Hidden Track ist auch dabei, wer mag, kann nach
Song 16 noch mal knapp vier Minuten warten. Und da au¬
ßerdem ziemlich deutlich wird, dass „D.R.“ kein Mensch
ist, der sich auf die faule Haut legt, können wir hoffentlich
bald mal wieder einen Abstecher nach Deutschland erwar¬
ten. Hingehen. (41:47) (8) Zahni Müller
BRAIN EATERS
Monsters, Sex and Rock’n’Roll! CD
Nicotine | Die BRAIN EATERS mögen manch einem noch
vom feinen „CreaturesWanna Dance“-Sampler auf Swind-
lebra Records bekannt sein. Hier präsentieren sie nun ih¬
ren 15-Song-Longplayer, dessen B-Movie-Thematik sich
neben der musikalischen Ausrichtung natürlich kom¬
plett durch Artwork, Texte und Samples zieht. Damit sind
die BRAIN EATERS sicher nicht die Innovativsten, aber sie
machen ihr Ding auf eine sehr sympathische Weise. Mu¬
sikalisch stimmt alles, denn auf solider Garagenpunk/
Rock’n’Roll/Horrorpunk-Basis zocken sich die Franzo¬
sen als alte Hasen gekonnt durch ihre Songs. Speziell der
Gesang erinnert mich immer wieder an die CRAMPS und
Songs wie „Fu Manchu“ und „Come with me to the Cas-
bah“ sind echte Sahnestücke auf einer durchweg guten
Platte! (42:58) (7) Bernd Fischer
BITUME
Gut im Trend CD
rookie-records.de/Cargo | Es gibt Songs, bei denen man
sich ab dem ersten Takt sicher ist, dass alles gut wird. Von
solchen Hits haben BITUME auf ihrem neuen Album „Gut
im Trend“ eine beachtliche Reihe anzubieten. Die Melo¬
dien zünden sofort, denn Hymnen wollen abgefeiert und
nicht erarbeitet werden. BITUME erfüllen Wünsche, bevor
der Hörer weiß, dass er sie hat. Souverän spielen sie sich
durch ein variantenreiches Programm. Vom Punk-Kracher
über rollende Rock-Stomper bis zu den ganz leisen Ver¬
sen reicht der ausgedehnte BITUME-Kosmos. Neben der
Hookline vergessen sie aber nie, auch ihre Texte intelligent
und unverklausuliert vorzutragen. Die kraftvolle Produkti¬
on des ehemaligen Anführers der TERRORGRUPPE, Archie
Alert, passt zum Stil der Oldenburger Band wie die Faust
aufs Auge. Leider kann andauernde Eingängigkeit auf Al¬
bumlänge leicht zum Nachteil werden. So können auch
BITUME manche Länge zur Halbzeit nicht vermeiden,
wenngleich diese Schwäche angesichts der Gesamtleistung
nur ein Lackschaden ist. Wir notieren: „Gut im Trend“ ist
ein sehr gutes Album, das mit weniger als 14 Songs noch
besser geworden wäre. (44:28) (8) Arne Koepke
BAHAREEBAS
Last Night I Saved The Galaxy CD
Kamikaze | Ein ausgemachter Surf-Spezialist bin ich ja
nicht gerade, aber die 13 Songs der BAHAREEBAS sind eine
feine Sache. Die Schweizer variieren gekonnt und krea¬
tiv alle guten Sixties-Gitarrensurf-Trademarks, während
die spaceige Albumthematik mich natürlich spontan an
alte MAN OR ASTRO-MAN? denken lässt, kombiniert mit
dem gut produzierten Sound der „Jet Age“ von den EURO¬
BOYS. Für mich persönlich besteht die Gefahr bei solchen
Scheiben meist darin, dass durch allzu viele Instrumental¬
stücke schnell Langeweile aufkommt. Die BAHAREEBAS
schütteln aber zwischendurch immer mal wieder wirklich
guteVocal-Garagenstomper aus dem Ärmel, deshalb gibt’s
für mich bei dieser Platte ganz und gar nichts zu mäkeln.
(57:22) (7) Bernd Fischer
BRUTAL KNIGHTS
FeastOfShame LP
ptrashrecords.com | Zum Glück gibt es noch Bands wie
diese, die sich durch ihre Songs mit geschlossenen Augen
holzen und weder nach links noch rechts schauen, wenn
sie mit Schwung durch dein Zimmer rollen. Früher 80er-
Hardcore-Punk bekommt hier eine komplette Frisch¬
zellenkur, denn so zappelig und kratzig klingen die alten
Scheiben nur, wenn sie abgenudelt winden. Der größte
Unterschied zu altem Kram ist das enorme Hitpotenzial,
das die BRUTAL KNIGHTS besitzen und gekonnt Umset¬
zern Ähnlich spaßig und anregend wie eine Kolonie Amei¬
sen, die man sich in die Unterhose kippt, da wuselt und
beißt es überall (aber es macht verdammt noch mal Spaß).
Geniale Texte übrigens, die den einen oder anderen zusätz¬
lichen Brüller mit im Gepäck haben. Nur fällt das Lesen,
während die Platte läuft, einigermaßen schwer, wegen der
Ameisen.Yeah! (9) kalle stille
BARK BARK BARK
Haunts CD
retarddisco.com | BARK BARK BARK ist Jacob Cooper aus
Arizona, der dieses Synthiepop-Album im Alleingang auf¬
genommen hat und (laut Promozettel) sowohl Synthiepop
als auch „singer-songwriter bullshit" hasst und nicht von
Blumen singt. Aha! Außerdem hält der Zwanzigjährige sich
für die witzigste Person auf Erden. Das Debütalbum (dem
natürlich bereits zahlreiche CD-Rs vorausgingen) lässt die¬
sen Witz allerdings vermissen. Stattdessen wartet es mit ein
paar schönen, aber unprätentiösen, manchmal ausgeflipp¬
ten, manchmal elegischen Popsongs irgendwo zwischen
XIU XIU, ELECTRIC PRESIDENT und Beck auf. Jacob Co¬
oper singt mit kühler Stimme und dem Zynismus eines
Jarvis Cocker hektische und pathetische Elektropopsongs,
denen der nötige Schliff zum Hit aber immer fehlt. Und
als ob das jetzt noch nicht genug Namedropping gewesen
wäre, war er auch schon mit ARCHITECTURE IN HELSIN¬
KI, XBXRX oder BARR aufTour, muss von denen aber noch
viel lernen... (36:39) (5) Chris Wilpert
BANDGEEK MAFIA
Paint Your Target CD
Long Beach | Ich liebe Ska. Ich hasse Emo. Wenn ich Emo
mögen würde, würde ich wahrscheinlich nicht Emo son¬
dern Post-Hardcore sagen. Oder Screamo. Ich sag aber Emo.
Bevor das hier jetzt in einen Exkurs ausartet, sage ich es mal
so: Die BANDGEEK MAFIA macht ihre Sache mehr als gut.
Aber ihre Sache ist leider überhaupt nicht mein Ding. Die
Bläser wirken, obwohl sie vermutlich zentraler Bestandteil
der Band sind, eher wie akustische Deko, da zu viele Tem¬
powechsel und der Wechsel von Singen zu Schreien in den
meisten Songs dominieren. Sprich: Zu viel Emo, zu wenig
Ska. An wenigen Stellen geht die Band ja echt als eine der
besseren bis sehr guten Skapunk-Bands durch. „Facelift“
/SINGLES
ABLÄRM / KSM40 Split-7“
ksm40.de/myspace.com/ablrm | Köln-Porz vs. Mainz.
KSM40 spielen Drei-Mann-Trash mit zwei Sängern. Ei¬
ner schreit, der andere „keift“, wie es im Booklet so schön
heißt. Keine Soli, keine Schnörkel - kurze, straighte Lieder,
die einfach krachen. Gefällt mir. ABLÄRM setzen auf nicht
ganz so rudimentäre Liedstrukturen, bauen sogar Solos mit
ein und haben mehr groovige Parts in ihren Liedern. Aller¬
dings finde ich, dass deren Sänger (der eigentlich durchaus
eine gute Stimme hat) extremer schreien sollte. Teilweise
hört es sich nämlich so an, als ob er auf die Stimme drü¬
cken würde, anstatt richtig zu schreien. (7/6)Tobias Weber
APPALACHIAN TERROR UNIT
Armageddon Won’t Be Brought By Gods 7“
Profane Existence | APPALACHIAN TERROR UNIT haben
mit „Armageddon Won’t Be Brought By Gods (But Men
WhoThinkThey Are)“ auf Profane Existence eine jener ra¬
ren Debütsingles rausgehauen, die in jeden Haushalt ge¬
hört. Im Pentagramm aus CHUMBAWAMBA, G.B.H, NAU¬
SEA, DEVIATED INSTINCT und CONCRETE SOX treiben
APPALACHIAN TERROR UNIT mit ihrem ungestümen
Hardcore-Punk mir Oldschool-Freak die Freudenträ¬
nen in die Augen, wobei von den uralten CHUMBAWAM¬
BA eher der Spirit kommt und von den Übrigen die musi¬
kalischen Einflüsse. Der heftige Weibchen-Männchen-Ge¬
sang legt Vergleiche mit NAUSEA oder SCHIFOSI nahe, die
ja auch nicht zu den schlechtesten Bands unter der Sonne
gehören. Den vier Songs wurde dann noch im Jam Room-
Studio der passende drückende Sound verpasst und fertig
ist eine großartige Single. (8) Ollie Fröhlich
BAYONETTES We’re Doomed 7“
Deranged | Man mische die altehrwürdigen AVENGERS
mit Poly Styrene und etwas mehr Hummeln im Hintern.
Vier solide Punk-Songs mit weiblichem Gesang, nicht un¬
ähnlich den genannten Bands, allerdings nicht ganz mit
deren Hitpotenzial ausgestattet. Ja verdammt, Retro, aber
dafür guter! File zwischen 2007 und 1977. (8) kalle stille
BLACK SUNDAY Cut out! 7“
myspace.com/tictactotally | AliciaTrouts No Wave- Alter
Ego, düster, atmosphärisch, seltsam traurig, aber höchst ge¬
nial und auf weiter Flur alleine. Irgendwo zwischen ganz
frühen Siouxsie und punkigerer Toyah, im Grunde tiefste
Nostalgie, aber so gut gemacht und einfach schön, dass man
nicht anders kann, als diese EP immer und immer wieder
aufzulegen. Eigentlich eine Herbstplatte, aber es regnet ge¬
rade und die blaue Scheibe macht den Himmel noch trü¬
ber, als er ohnehin schon ist. Wie üblich wild limitiert, aber
wahrscheinlich mehr als genug für alle, die nicht ewig trö¬
deln. (9) kalle stille
COKE BUST Demo 7“
headcountrecords.com | Frühachtziger Hardcore-Sound,
wie wir ihn mehrfach auf dem „FlexYour Head“-Samp-
ler haben, dazu etwas NYHC der zweiten Welle, jede Men¬
ge Geknüppel von Bands wie DROPDEAD, INFEST, AS-
SÜCK und als Dreingabe ein paar miste Metalsoli, wie sie
auf den allerersten DRI- Platten zu finden waren. Alles zu¬
sammengerechnet gibt das acht Tracks (davon einYOUTH
OF TODAY-Cover) mit Retrosiegel. Keine Ahnung, ob das
wirklich jemand braucht, zumal die dumpfe Soundquali¬
tät zum Plattentitel passt, und der eine oder andere dann
doch die Originale schon im Plattenregal stehen hat. (4)
kalle stille
CHAINBREAKER / MONSTER Split-7“
vendettarecords.de | Yepp, so muss das klingen ... rund,
rotzig und angepisst, dann macht das Spaß! MONSTER
knüppeln und röcheln sich durch zwei Hardcore-Smas-
her, die mit den von ihnen bekannten wie geliebten Me¬
lodieuntertönen veredelt werden. Okay, CHAINBREAKER
leihen sich ein AC/DC-Riff (wer’s weiß, darf das ruhig für
sich behalten oder an das Dr. Sommer-Team schreiben),
dann kotzen sie den ganzen mehrfach gekauten Klumpen
mit Schwung aus. Beide Songs stammen aus denselben Ses-
sions wie die ersten 7“s und klingen auch so. Für solche
Platten gebe ich gerne Geld aus! (7) kalle stille
CPC GANGBANGS Welcome To Hell 7“
Goodbye Boozy | Schnell sein und beim Lesen des Reviews
möglicherweise schon in die Röhre schauen. Grottiges Co¬
ver, hinter dem man eine solche Granate wie „Half my size“
garantiert nicht vermuten würde. Genialer Punk-Thras-
her, der sich unaufhaltsam seinem krachigen Höhepunkt
entgegen schraubt, um dann in einem gewaltigen Orgas¬
mus in sich zusammenzufallen. Hammer! Die B-Seite ist
entweder das zärtliche Nachspiel oder die berühmte Zi¬
garette danach. Könnte fast aus der Zuckerphase von RA¬
DIO BIRDMAN stammen, nur hatten die wahrscheinlich
nie ein Glockenspiel im Gepäck. Extrem geniale 7“, eine
der besten des Jahres! (9) kalle stille
CAVE CANEM s/t 7“
Epistrophy | CAVE CANEM aus Hannover bringen die Tage
nach ihrer 9-Song-Cassette die erste 7“ bei Epistrophy
raus. Was Cassetten angeht, kann ich nur bemerken, dass sie
bei Kindern unter 10 Monaten hoch im Kurs stehen, weil
man sich wunderbar in dem meterlangen Band einwickeln
kann. Leider leidet darunter ja die Soundqualität gering¬
fügig, da ist Vinyl glücklicherweise resistenter. Nichts des¬
to trotz hab ich ja vollkommen zu Recht die Cassette ob ih¬
rer Großartigkeit gepriesen und genau dasselbe mache ich
jetzt mit der Single, die mit ihrer Mischung aus TRAGEDY
und HYPOCRITICAL SOCIETY voll und ganz mitzurei¬
ßen versteht. Wer hat eigentlich den 5-Jahres-Plan zur Ent¬
stehung vonTRAGEDY-huldigenden Bands in jedem Land
dieser Erde ausgerufen? Lohnenswerte Anschaffung, auch
wenn das Original Herr im Hause bleibt. (8)
Ollie Fröhlich
CLOROX GIRLS Double Mao EP 7“
Bachelor | Parallel zum neuen Album auf BYO erscheint
auf dem österreichischen Label Bachelor Records eine 3 -
Song-7“, auf der sich neben dem Albumtrack „Total Babe“
auch zwei unveröffentlichte Nummern finden - „I like
drugs“ und „Double Mao“. Überraschungen? Fehlanzei¬
ge. Also: Mittelschneller Punkrock auf den Spuren von
BRIEFS, BUZZCOCKS und DICKIES mit so einer gewissen
Powerpop-Komponente. Und das gefällt rundum gut, be¬
sonders aufknallrotemVinyl. (7) Joachim Hiller
DIGGER AND THE PUSSYCATS
All Time Low 7“
squoodge.de | Eine weitere schnieke 7“, die es einmal als
ultralimitierte 7“ in grünem Vinyl und Sondercover gab
oder aber als weniger limitierte EP in schwarzem Vinyl und
einem anderen Cover. Wenn man beide Versionen in der
Hand hält, eine schwere Entscheidung, da jede Version ihre
eigenen optischen Reize hat. Drei Songs des Duos aus dem
dürregeplagten Bruces-Kontinent in gewohntem Stil auf
dem für die Band üblich hohen Niveau. Für so einen Sound
brauchen andere Bands fünf Mitglieder, wieder mal sehr
geil. Als besonderes Gimmick läuft die B-Seite von innen
nach außen, gemeinerweise ohne extra darauf hinzuwei¬
sen. Ich warte auf die erste LP, bei der jeder Song abwech¬
selnd von innen nach außen und eben „normal“ geschnit¬
ten wurde, so dass man bei jedem Stück die Nadel neu an-
legen muss, immerhin gab es so was noch nicht. Den Ti¬
telsong könnte man übrigens fast mit „Stepping stone“ im
Medley spielen. (8) kalle stille
DIGITAL LEATHER She Had A Cameltoe 7“
goner-records.com | DasTitelstück ist einer dieser kleinen
nasty Songs, die einem nach dem ersten Hören nicht mehr
aus dem Kopf gehen. Ungewöhnlich fröhlich und wie für
die Tanzfläche gemacht, wobei ich mir das extrem interes¬
sant vorstelle, wenn junge Menschen beiderlei Geschlechts
zu einem Stück tanzen, das vom Abdruck einer Hose auf
dem weiblichen Genital handelt (schöne Umschreibung,
gell). Der Song stand lange genug auf der MySpace-Seite
und wurde dort zum Meistgehörten von DL. Die B-Sei¬
te ist wie gewohnt düsterer, krachiger Elektropunk der
Güteklasse A. Da das Ganze auf Goner erschienen ist und
wohl auch limitiert, sollte man zugreifen, solange der Vor¬
rat noch reicht, sonst fließen nachher wieder dicke Tränen!
Das Beste: Eine weitere LP auf Goner ist für den Sommer
auch schon angekündigt. (9) kalle stille
EL VICIO Time To Eat Brains 7“
Nasty | Einmal mehr LoFi mit Krach, aber das Duo hat
neben der auffallenden Zombie-Thematik und den Lär¬
mausflügen von der Güte (und Lautstärke) der FATALS
noch etwas, das sie vom Heer der anderen Kellerkinder ab¬
hebt, nämlich vergleichsweise ruhige und melodisch-trä¬
ge Parts, die der Sache eine besondere Würze geben. Krach
ist gleich viel lauter, wenn man davor in völliger Sicherheit
gewiegt wurde. Immer wieder erstaunlich, wie wenig man
einen Bass vermisst, wenn die zwei vorhandenen Musiker
nur hart genug spielen. (8) kalle stille
GENEPOOL /PRISTINE Split-7“
rookierecords.de | Eine sehr feine Kombination: SMOKE
BLOW-Lettens GENEPOOL lassen in „Berlin by night“ den
Wave-Punk der frühen Achtziger auferstehen und heizen
damit schon mal die Erwartungen bezüglich des neuen Al¬
bums an - das muss grandios werden, so gut wie der Track
hier gefällt mit seinem magischen, treibenden Beat. Auf
der Flipside dann PRISTINE, die jüngst ihr Album veröf¬
fentlicht haben, das - daher also die Verbindung - im Stu¬
dio von GENEPOOLs Guido Lucas eingespielt wurde. Mar¬
kant ist an der Girl-Band aus dem Ruhrgebiet der rauchig-
sweete Gesang, doch statt BLONDIE-Pop ist eher kickender
Punkrock angesagt mit einer gewissen Biestigkeit. Beide
Tracks stammen vom Album. (8/7) Joachim Hiller
FED UP! Lashing Out 7“
United Riot | FED UP! machen keinen Hehl daraus, dass
sie aus New York City kommen, wie unschwer an dem Ar¬
beitstitel dieser 7“, „New York Hardcore“, zu erkennen ist.
Die Band existiert zwar bereits seit 1997, hatte aber gleich
in diesem ersten Existenzjahr mehr Besetzungswech¬
sel zu verzeichnen als Ozzy Osbourne Gitarristen in sei¬
ner Karriere verschlissen hat. Seitdem hat man es inklu¬
sive des vorliegenden Werks „Lashing Out“ auf die Veröf¬
fentlichung zweier Singles gebracht. Als musikalischen
Einfluss nennt man neben Bands wie AGNOSTIC FRONT
oder MURPHY’S LAW noch scherzhaft „beer, porno and
violence“. Dazu kommen noch eine Prise Oi! und Skin-
Mentalität samt standhaftem Bekenntnis zur amerikani¬
schen Flagge (siehe Cover und Titel der ersten Splitsing¬
le „Stand Proud“ zusammen mit CONDITION), was viele
Amis zwar für cool halten, hierzulande aber wohl weniger
witzig aufgenommen werden wird. „Lashing Out“ ist mit
drei Songs, die sich an den selbst zitierten Einflüssen plus
S.O.D. orientieren, und einer Spielzeit von circa zwei Mi¬
nuten so kurz geraten, dass ich mir Sorgen mache, wie lang
wohl eine Live-Show dieser NYC-Proleten ausfallen wür¬
de. Wahrscheinlich werden wir in Europa aber wohl nie in
den Genuss kommen, FED UP! auf der Bühne zu bewun¬
dern, da die Band wahrscheinlich gerade mal wieder einen
neuen Bassisten oder Drummer sucht. Und überhaupt, in
der Seifenblase NYC ist es am schönsten. Bodo Unbroken
ISKRA A Statue Or The Stone Subverting
The Timezone 7“
unterm-durchschnitt.de | Hier ist wieder einmal ein
überdurchschnittliches Schmückstück aus dem Kölner
Kleinlabel hervorgegangen, man verliebt sich schon, wenn
man mit der Hand über das Cover fahrt. ISKRA, der Funke,
vor hundert Jahren auch eine russischen Zeitung gewesen,
spielen meist tanzbaren Gitarrenpop. Rauh produziert und
ohne großen Firlefanz, beschwingen mich die ersten drei
Lieder, wobei die besondere, direkte Stimme der Sängerin
eindeutig im Mittelpunkt steht und die Grundlage ist fin¬
den abschließenden Dance-Remix, der die Frage stellt „Be-
droom or dancefloor“. Schwierige Entscheidungsfindung,
aber das Be in sagt: Dancefloor. (7) Christoph Schulz
LES BOF! Un Disque Maxi! 7“
Copasetic | Dass die Schotten eine frankophile Ader in sich
tragen, ist historisch begründet. Denn die Franzosen wa¬
ren über lange Jahre die einzigen, die die von den Schot¬
ten so verhassten Engländer in Schach halten konnten. Und
so wundert es nicht, dass aus Edinburgh tatsächlich eine
French-Beat-Band der Extraklasse kommt, während süd¬
lich des Hadrianswalls die schöne französische Sprache
bestenfalls im ironischen Kontext verwendet wird („Par¬
don my French“). LES BOF!, ein Quartett mit Beteiligung
von Mitgliedern der famosen THANES und PRESTON
PFANZ, hat nun auf Copasetic seine erste 4-Song-EP ver¬
öffentlicht. Drei der Stücke sind Cover englischsprachiger
Beat-Klassiker mit französischen Texten (aus „Watch your
Step“ wurde „C’est fini“ und aus „Fortune teller“ wur¬
de „Boule de cristal“, dazu noch die Ronnie Bird-Fassung
von „I can only give you everything“ namens „Chante“).
Dann gibt es noch ein schickes Originalstück namens „J’ai
perdu mon mojo“. Leider sind die Songs allesamt bereits
zu Genüge bekannt, und beinahe zu Tode gecovert. Nicht
schlecht gespielt, wirklich. Aber pardon! Die Dinger kann
ich einfach nicht mehr hören, ob nun auf Französisch,
Englisch oder Klingonisch ... Bitte, falls es ein Album ge¬
ben sollte, nicht so abgedroschene Nummern, und mehr
Eigeninitiative! (7) Gereon Helmer
LOUIS LAMENT s/t 7“
TV Eye | Das Riff' kenn ich aber: „Sweet home Alabama“
könnte man problemlos über das Intro des ersten Songs der
ersten LOUIS LAMENT -Single für Frank PoppsTV Eye La¬
bel singen. „Fuzzy Funky Psychedelic Rock“ beschreibt das
Kölner/Santa Cruzener Trio den eigenen Sound, das klingt
in diesem Falle wie eine abgespeckte Fassung von GRAND
FUNK RAILROAD oder schaurigen Südstaatenrockem wie
LYNYRD SKYNYRD. Natürlich ist es alles mit viel Energie
OX-FANZINE 64
REVIEWS
beispielsweise ist die ersten 90 Sekunden richtig gut. Aber
dann kommt wieder dieses Gejaule und das geht einem
spätestens nach dem zweiten Hören der Platte tierisch auf
den Keks. Allerdings bekommt die Band circa siebenund-
zwanzig aufblasbare Gummipunkte für das geniale Neben¬
projekt von ihrem Schlagzeuger und zwei ihrer Bläser, die
SKANALINTRUDER (siehe Live-Bericht in dieser Ausga¬
be). Immerhin. (42:34) (6) Claudia Luck
BROKEN BEATS
In The Ruin For The Perfect CD
Buback | Eine Band, die ihrem Sound und ihrer ursprüng¬
lichen Vision des Beatbrechens Album für Album treu
bleibt. Schon bevor meine Anlage überhaupt eingestöpselt
war, bestand kein Zwei¬
fel , dass die 11 Lieder ab¬
solut in sich harmonisch,
poppig, mit Wortspie¬
len beschmückt sein und
einen gut portionierten
Löffel Rock’n’Roll ha¬
ben würde. Ich erwarte
von meiner kleinen Lis¬
te an Lieblingsbands nur
eins, nämlich dass ich
mir keine Sorgen ma¬
chen brauche, dass mir
am nächsten Album et¬
was nicht gefallen könnte. Die BROKEN BEATS scheinen
dies problemlos erfüllen zu können. Trotz des typischen
Sounds schaffen sie es auch immer ein bisschen Neues
von hier und ein bisschen Neues von da aufzugreifen und
für sich in ihrem Stil umzuformen. Jede BROKEN BEATS-
Platte spiegelt also auch ein wenig den momentanen Mu¬
sikgeists wieder, was einen auch animiert, sich mit neuer
Musik zu befassen, tun die tollen neuen Einflüsse zu erkun¬
den. Der Titel des Albums ist ebenfalls sehr viel sagend. Man
bedenke nur wie viel Zeit es kostet, ein musikalisches Es¬
say der Pop- und Rock’n’Roll-Gegenwart darzulegen. (9)
Martha Biadun
BIRCH BOOK
Fortune & Folly CD
Helmet Room | Ach, ist das schwierig mit diesen Neofolk-
Barden! Da explodiert das überstrapazierte Label „Folk“
in den letzten Jahren förmlich in so zahlreiche wie kre¬
ative Facetten wie Anti, Weird oder Free, findet sich na¬
mentlich in so tollen Künstlern wie Calvin Johnson, Ki-
mya Dawson, DUFUS, HYPERJINX TRICYCLE, GRAVEN-
HUSRT oder meinetwegen auch Elliot Smith verkörpert.
Und was macht BIRCH BOOK aka B’eirth (der auch un¬
ter dem Namen GOWAN RING schon zahlreiche Neofolk-
Releases vorzuweisen hat) auf diesem Album? Er klingt wie
Cat Stevens oder Don McLean, mit dem Unterschied, dass
die in ihrer Zeit eine gewisse Berechtigung hatten. Klar, die
Songs sind schön, heimelig, man möchte fast ein Lagerfeu¬
er im Zimmer anzünden, aber wer braucht das denn? Das
Album gibt es limitiert auch in einer aufwändig gestalte¬
ten Box - da ich aber nur die popelige Promoversion vor
mir habe, habe ich keine Ahnung, was davon zu halten ist.
(45:55) (4) Chris Wilpert
und Druck (ohne Bass, geht gar nicht!) vorgetragen, aber
irgendwie ist es so inspirierend wie der letzte Todesfurz ei¬
nes verglimmenden Joints. (5) Gereon Helmer
LIGHTNING BEAT-MAN Baby Obsession 7“
squoodge.de | Vier Songs aus dem umfangreichen Archiv
des Beat-Mans rund um das Thema Baby (erwachsen und
prä-adoleszent) aus den Jahren 1989 bis 1992 (wobei ich
die Angabe 1889 bei „My baby’s child“ unter Tippfehler ab -
haken würde). Überraschungen gibt es zumindest musika¬
lisch keine, der Lightning Beat-Man ist der Lightning Beat-
Man und er bleibt der Lightning Beat-Man, so einfach ist
das. One-Man-Band-Trash vom Feinsten, verzerrt, gara-
geig und eben das Original. Wie immer bei diesem Label
gilt: Zugreifen, solange es geht, die Auflage ist begrenzt und
bisher hat dieses Label nicht wie andere nach einer ausver¬
kauften Limitierung eine zweite, „ebenfalls streng limitier¬
te“ nachgeschoben. Aus ist aus! Für die ganz harten gibt es
77 Stück der EP auf weißem Vinyl, das heute schon „ges¬
tern“ war. (7) kalle stille
MAD HILDA FuckTonight 7“
madhilda.com | Haha, „Straps & Röll“ steht bei diesem
Siebenzöller auf der Auslaufrille und das beschreibt die vier
Songs dieser fünf aufgetakelten jungen Herren auch ganz
gut. Tuntenrockiger, leicht rumpliger Glampunk fiele mir
als Kategorisierung noch spontan ein, die Wahrheit liegt
aber wohl irgendwo dazwischen. Jedermanns Sache sind
MAD HILDA damit wahrscheinlich nicht, aber ich gebe
zu, dass ich letztens noch total besoffen mit Wunderker¬
zen Purzelbäume auf der Bühne einer ähnlich aufgedon¬
nerten Poser-Metalcombo geschlagen habe, deshalb kann
ich mein Amüsement über diese Scheibe nicht verbergen.
Macht Spaß! Bernd Fischer
PATTI PALLAD IN & JOHNNY THUNDERS
Crawfish 7“
Jungle | Jungle Records hat ganz tief in die Trickkiste ge¬
griffen und ein unschätzbares Zeitdokument wieder neu
aufVinyl herausgebracht: Patti Palladin und Johnny Thun¬
ders im Duett sind mit „Crawfish“ einfach großartig und
voller Seele und werden vielleicht nur noch von Lydia
Lunch & Rowland S. Howard mit ihrer Interpretation des
Lee Hazelwood-Klassikers (im Duett mit Nancy Sinatra)
„Some velvet morning“ über troffen. Großes Kino: a ho-
neymoon in red. (9) Markus Kolodziej
PROJEKT KOTELETT Ab und Schaum 7“
klartext-rec.de | „Die deutschen SCORPIONS! Nur kulti-
ger!“ Mit dieser rechtlich womöglich nicht haltbaren Aus¬
sage auf dem Cover gehen die Hamburger Karnivoren-
Punks an den Start, holzen sich virtuos durch drei neue,
leichtfüßige Scumpunk-Klopper. Auf der A-Seite der Titel¬
song „Ab und Schaum“, der Band-Security gleichen Na¬
mens gewidmet, auf der Flipside die beidem eingedeutsch¬
ten Cover-Nummern „Du machst den Abwasch“ und „Ich
will zurück“, im Original von den QUEERS respektive
NINE POUND HAMMER. Wie man sieht, die Herren haben
Geschmack. Guten Appetit und Prost! (7) Joachim Hiller
PAWNSHOP ORCHESTRA
Fantaundkotze 7“
lolila.de | So der Name der Webseite, deren Besuch ich
unbedingt empfehlen soll... Und möchte! Denn nicht nur
die mir vorliegende, sehr schöne 7“ von Knuddel-Singer/
Songwriter Daniel Decker aka PAWNSHOP ORCHESTRA
ist dort zu bestaunen als auch zu bestellen, sondern noch
ein paar andere Kleinode mehr ... Die Single als sexy Su¬
perlativ der Indiependent-Szene, so wollen das viele sehen
und dieser Ansicht sind wohl auch die Damen und Her¬
ren von LoLiLa Records aus Kaarst (nahe Düsseldorf gele¬
gen). Recht haben sie! Die vorliegende Single mit dem Ti¬
tel „Fantaundkotze“ ist mit zwei wunderschönen, char¬
manten, folkigen Indiesongs in deutscher Sprache bespielt
und lohnt die Anschaffung. Kommt bunt instrumentiert
BISH
s/t CD
Little Teddy/Broken Silence | Hinter der Band BISH steht
Darryl Hunt, der den meisten wohl durch seine Mitwir¬
kung bei den POGUES bekannt sei dürfte. Aber im Gegen¬
satz zu den POGUES bieten die 10 Titel auf „Bish“ ruhige
entspannte Popmelodien ohne Schnörkel im Raum zwi¬
schen VELVET UNDERGROUND und den GO-BETWEENS.
Gitarre, Bass, Schlagzeug und eine scheinbar endlos dahin
fließende Orgel entfalten einen wunderbaren Klangtep¬
pich - so klingt zeitlose Popmusik. Nur die Zeiten, dass so
etwas auch im Radio läuft sind wohl vorbei, dabei gibt es
gleich zu Beginn mit „Clever girl“, „Teil me“ und „Hey, you
don’t have to say it“ drei herrliche Ohrwürmer. Aber halt,
stop! Eigentlich hat jeder Song dieses gewisse Etwas, eben
diesen Kick der dafür sorgt, dass eine Strophe oder ein Gi-
tarrenriffim Ohr hängen bleibt. (45:26) (7) Kay Wedel
ccc
CAREER SOLDIERS
Löss Of Words CD
punkcore.com | Oh Mann, wieder nix fürs Essen mit Ker-
zenschein und anschließender Fummelaktion mit der
Liebsten. CAREER SOLDIERS aus San Diego machen hoch
energetischen Punk. Eine Fast-forward-Band, die von
Mark, dem Fronttypen von UNSEEN, entdeckt wurde. Die¬
ser hat dann auch das erste CAREER SOLDIERS-Album auf
seinem Label A.D.D. veröffentlicht. Nun ist ihr zweites Werk
am Start und zwar erscheint das diesmal auf Punkcore. Für
Freunde von VIRUS, CHEAP SEX und den CASUALTIES ein
feiner Happen. 12 Songs in 30 Minuten. (7) Dennis Bruns
CALIBAN
TheAwakening CD
roadrunnerrecords.de | „The Undying Darkness“ liegt erst
ein Jahr zurück und schon legen CALIBAN mit „The Awa-
kening“ direkt nach. Geboten wird hierbei das, was ge¬
neigter Fan der Band serviert haben möchte - eingängi¬
ge melodischer, doublebass- und moshlastiger Death Me-
tal mit dicker Produktion und einer Träne im Knopfloch.
Auch wenn CALIBAN hier im Vergleich zu den beiden Vor¬
gängern wieder eine etwas härtere Gangart eingelegt haben
(was ihnen durchaus steht) und so mancher Track im Krei¬
se Nichtvolljähriger wahren Hitcharakter entfalten mag,
erfinden die Jungs ihren Sound nicht neu. Das muss ja auch
nicht sein, da eine nahezu völlig ausverkaufte Tour und
entsprechende Verkaufszahlen eben andere Worte sprechen
mögen, als diese vom Gesamtergebnis doch etwas gelang¬
weilte Rezension. (44:17) (6) Carsten Hanke
BILL CALLAHAN
Woke On A Whaleheart CD
Drag City/Rough Trade | Ähnlich wie auch Kollege Will
Oldham hatte man bei Bill Callahan und seiner Band
SMOG häufiger in den letzten Jahren mal das Gefühl, die
Herren würden sich in einer elegisch-depressiven Ab¬
wärtsspirale befinden, was manchmal wirklich zu viel des
Guten war. Insofern nimmt man erfreut zur Kenntnis, dass
„Woke OnA Whaleheart“, Callahans erstes Album unter ei¬
genem Namen, eine erstaunlich lebendige Angelegenheit
und mit liebenswertem Schrammelcharakter tun die Ecke.
Denn Singles sind sexy und machen dich zum crazy Typen
in der großen Pause auf dem Bolzplatz! Also los, go for it,
Platten-Nerd! JörKK Mechenbier
PINK FITS Don’t AskWhy 7“
myspace.com/outbackrnr | Den „Crowdpleaser“ „Don’t
ask why" kennt man bereits vom unlängst erschiene¬
nen Debütalbum der aus Wollongong nahe Sydney stam¬
menden arschtretenden Rock’n’Roller, doch die B-Seite
der Single ist unveröffentlicht - und ein Cover „Just one
more dance“ von den MUMMIES wurde nachgespielt, und
die Band ist der Meinung: „This rips the bandages off those
motherfückers“. Mumienschändung oder was? Von wegen,
die PINK FITS dürfen wegen überschäumender Spielfreu¬
de fast alles. Freunde raunchy Aussie-Punks greifen auch
hier wieder zu. (7) Joachim Hiller
RIPPERS/TURBONEGO Split-7“
Satan | Bei diesen RIPPERS hier handelt es sich um die
spanische Band, die schon seit 1995 existiert und sehr an¬
genehmen, dunklen Punkrock spielt, der bei „One blue cir¬
cle" verblüffend an die WIPERS erinnert. Mit denen soll¬
te man sich auf jeden Fall mal eingehender beschäftigen,
während das bei den Herren von der B-Seite als bereits ge¬
schehen vorausgesetzt werden kann. Wie allerdings deren
uraltes EBBA GRÖN-Cover „Staten och kapitalet“ (sowie
„I don’t care about you“) seinen Weg auf diese 7“ gefunden
hat, ist rätselhaft. Die Tatsache, dass die Katalognummer auf
der einen Seite des Vinyls ausgekratzt ist, kann da freilich
einen Hinweis geben... Sammlerstück! (8) Joachim Hiller
RADAR War Out There 7“
EMI | RADAR br ingen ihre zweite stark Ska-und Dub-in-
sprierte Single heraus (unter der Obhut der GORILLAZ-
Produzenten) und schaffen einen wirklich perfekten Hyb¬
rid ausTHE STREETS, mit ausgeprägter Ähnlickeit zu Mike
Skinners Stimme, und THE SPECIALS. RotesVinyl mit 80er
Jahre inspirierter D.I.Y.-Coverästhetik und „additional vo-
cals“ die stilgerecht von den „people and police of Brixton“
stammen. Bitte mehr davon. (8) Markus Kolodziej
ROCK’N’ROLL ADVENTURE KIDS
Hot Dog 7“
Bachelor | Waaaaaahnsinn! Der absolut obergeilste und
durchgedrehteste Scheiß, den ich seit langem gehört habe!
Bis gerade eben lag ich noch ekstatisch zuckend auf dem
Boden. Ich kann es nur vermuten, aber wahrscheinlich
wurden die zwei Songs von hyperaktiven Punkrock-Cow¬
boys auf dem geistigen Niveau von Sechsjährigen aufge¬
nommen. Das ist verdammt nah an der Grenze zum per¬
fekten Rock’n’Roll-Wahnsinn und damit auch verdammt
nah an der Grenze zur Genialität! Ich stelle jetzt erstmal
Nachforschungen an, welchem kranken Hirn diese Schei¬
be entsprungen ist, alle anderen kaufen sich in der Zwi¬
schenzeit dieses göttliche Stück Vinyl! (10) Bernd Fischer
SUSPICIONS First Love 7“
Bachelor | Das Album der SUSPICIONS auf Rip Off Re¬
cords fand ich ja nur eher durchschnittlich, aber auf Sin¬
glelänge relativiert sich sowas natürlich ein bisschen. Zwei
hübsche, leicht sentimentale Songs finden sich auf diesem
Siebenzöller, die sich im altbekannten Powerpop-meets-
Budgetrock-Gewand präsentieren und mich einmal mehr
an die EXCESSORIES und ähnlich gelagerte Bands denken
lassen. Sympathische Scheibe. (7) Bernd Fischer
STAGGERS s/t 7“
Bachelor | Es hat nicht lange gedauert, obwohl es eigent¬
lich längst überfällig war: Die Grazer STAGGERS, mit Si¬
cherheit die beste Garagetrash-Combo aus der Ostmark,
hat endlich mal die Intensität eines ihrer berüchtigten
Gastspiele in Vinyl ritzen lassen. Und Bachelor Records hat
die feine, qualmende Performance der STAGGERS, vergan¬
genen Mai im Berliner Club „Lovelite“ aufgenommen, nun
geworden ist, sicher nicht zuletzt durch die Mitarbeit von
Neil Michael Hagerty (PUSSY GALORE, ROYAL TRUX),
der maßgeblich an den Arrangements und der Produkti¬
on beteiligt war. Das merkt man den ersten Songs „From
the rivers to the ocean“, „Footprints“ und „Diamond dan-
cer“ auch sofort an, die für Callahan-Verhältnisse opu¬
lent instrumentiert sind und fast als Popsongs durchge¬
hen könnten — so was hat man von dem Mann in dieser
Form schon lange nicht mehr gehört. „Woke On A Wha¬
leheart“ hält sich mit LoFi-Homerecording-Ästhetik an¬
genehm zurück, ohne dass sich etwas am grundsätzlichen
Feeling des Callahan’schen Songwritings geändert hät¬
te, nur ist dessen Melancholie diesmal eingebettet in einen
fetten, erstaunlich rockigen Bandsound, der sich plakati¬
ver als sonst bei Einflüssen aus Country oder Soul bedient,
was die Platte eventuell tatsächlich zum Beginn einer neu¬
en Phase in Callahans Schaffen machen könnte. Zumindest
könnte man tatsächlich auch mal an einem dunklen, ver¬
regneten Tag Lust verspüren, „Woke OnA Whaleheart“ auf¬
zulegen. (8) Thomas Kerpen
CRIPPLED BLACK PHOENIX
A Love Of Shared Disasters CD
invada.co.uk /Cargo | Das Fabelwesen im Namen haben
CRIPPLED BLACK PHOENIX, bei denen unter anderem
Musiker von ELECTRIC WIZARD und MOGWAI spielen,
durchaus mit Bedacht ausgewählt. Denn so wie der Phönix
immer wieder aus seiner eigenen Asche neu ersteht, schei¬
nen sich die Engländer mit jedem Song neu zu definieren.
Mit dem löchrigen Netzt aus Worten einer einzigen Rezen¬
sion lässt sich diese Band jedenfalls nicht einfangen. Zwar
meint man, aus der Vogelperspektive der Band manchmal
markante geografische Besonderheiten wie den OKKERVIL
RIVER oder den Saddle Creek auszumachen, richtig sicher
ist man sich aber nie. Letztendlich ist es auch gar nicht so
wichtig, wo genau auf der musikalischen Landkarte man
sich gerade befindet, denn runter kommen sie schließlich
alle. Im Falle von CRIPPLED BLACK PHOENIX dank der
„200 tons of bad luck“, die ihre beispielsweise mit Harmo¬
nium,Violine,Trompete oder Akkordeon instrumentierten
„endtime ballads“ mit sich herumschleppen. Und wer sich
von ihnen runterziehen lässt, wird erschrocken feststel¬
len, wie groß die Probleme von Menschen sein können, die
von oben betrachtet winzig klein aussahen. Früher glaub¬
te man, dass die Tränen des Phönix Wunden heilen kön¬
nen. CRIPPLED BLACK PHOENIX fünktionieren nach ei¬
nem ähnlichen Prinzip: Ihre Lieder helfen beim Weinen,
dem ältesten Schmerzmittel der Welt. Thomas Renz
COLD BLEAK HEAT
Simitu CD
family-vineyard.com | Das zweite Album dieses Quartetts
ist ein reines Free-Jazz-Werk, das in seiner uferlosen Kako-
phonie und scheinbaren Strukturlosigkeit an große Vorbil¬
der wie Albert Ayler oder Ornette Coleman gemahnt. Hät¬
te ich noch vor wenigen Jahren, jeden, der mir mit einer
Platte wie dieser gekommen wäre, auf der sich keine Gi¬
tarren, stattdessen Saxophon und Trompete zum Krachma¬
chen finden, mit wüsten Flüchen, wenn nicht sogar han¬
greiflich in die Flucht geschlagen, würde ich Musiker wie
diese mittlerweile auf eine Stufe mit THE FLYING LUT¬
TENBACHERS, ARAB ON RADAR, ONEIDA oder AIDS
endlich in einer knallhart auf 800 Exemplare limitierten
Auflage auf den Markt gebracht. Es gibt vier schöne Songs,
alles Cover (Don & Deweys „Justine“, Bo Diddleys „Roa-
drunner“, „Howlin for my darling“ der SYNDICATS sowie
den Arthur Lee-Song „My flash on you“), Frontmann Wild
Evel krächzt sich die Seele aus der ramponierten Kehle, die
Band platzt vor Spielfreude und eigentlich ist alles gut. Je¬
denfalls gefallen mir die STAGGERS live immer schon bes¬
ser als im Studio, und mit dieser EP können sich auch die
bemitleidenswerten Kreaturen, die niemals eine STAG¬
GERS-Show mit eigenen Augen und Ohren erleben durf¬
ten, davon überzeugen, dass man es hier mit einer der ta¬
lentiertesten Showtruppe Mitteleuropas zu tun hat. (8)
Gereon Helmer
SATANIC PUNK INTERNATIONAL
CONSPIRACY Fireballs! 7“
indierecs.com | Ich mag es, wenn man über die zu review-
ende Band einfach keine einzige Information auftun kann.
Die „Fireballs!“-EP von SATANIC PUNK INTERNATIONAL
CONSPIRACY enthält ein paar gepixelte Fotos, die Nahauf¬
nahme einer Flamme als Cover, hinten drauf eine kleine
gekritzelte Bombe mit der Unterschrift „West Texas Uber
Alles“ — könnte das Label sein — und, ach ja, innen scheint
eine Kontaktadresse zu stehen, aber die kann man beim
besten Willen nicht lesen. Von einem Infoblatt natürlich
keine Spur. Es zählt also allein die Musik und der Gedan¬
ke an eine entweder sehr dumme oder extrem coole Band,
denen der Bekanntheitsgrad schlicht egal ist. Doch sich
musikalisch für gut oder schlecht zu entscheiden, fällt mir
bei drei Songs dieses Kalibers schwer. Die Adjektive „kra-
chig“, „dilettantisch“ und „übertrieben ausgelassen“ müs¬
sen auf jeden Fall auftauchen. Die passende Schublade gibt
es noch nicht, dafür müsste erstmal jemand eine mit dem
Schildchen „77er Heavy Hardcore Deathpunk Metal“ oder
so versehen. Ah, ich finde gerade die MySpace-Seite. Die
Infos: Auf dem Cover verbreimt gerade Skeletor („justice
is served...“), die Jungs kommen aus Texas, das Label ist das
alles andere als kleine und nur auf Punk beschränkte In¬
dependent Records (indierecs.com) und der positive Ein¬
druck von S.P.I.C. erhärtet sich: dumm und extrem cool!
(8) MarioTuriaux
SHOCKS Endsieg 7“
pukenvomitrecords.com | Parallel zur Veröffentlichung
des neuen SHOCKS-Albums „Brace ... Brace ...“ erscheint
auf dem US-Label Puke And Vomit noch eine Single der
Berliner. Auf der A-Seite „Endsieg“ vom Album (mit bei¬
gelegter englischer Übersetzung), auf der B-Seite das kom¬
petent umgesetzte LOS REACTORS-Cover „Just another
unit“. Abermals beeindruckend, wie das Trio seinen ganz
eigenen und extrem kompakten Stil pflegt, der irgendwo
zwischen 77er UK-Punkrock und dem Zeug angesiedelt
ist, das deutsche Bands zu einem Zeitpunkt spielten, kurz
bevor der Begriff „New Wave“ eine ganz furchtbare Ein¬
deutschung erfuhr. (7) Andre Bohnensack
ä»
Hi
WOLF stellen und kann jedem, der die genannten Bands
schätzt, COLD BLEAK HEAT nur empfehlen. Überhaupt
ist es faszinierend, den Ideenreichtum und die Vielfältig¬
keit dieser Band zu hören, die diese sechs mal unsäglich
lauten, mal atmosphärisch dichten Songs einfach so mir
nichts, dir nichts an einem Tag aufgenommen haben. Wenn
mehr Punk/HC-Bands es schaffen würden, ihre zu Genü¬
ge zur Schau gestellteVirtuosität auf ähnliche Weise mit so¬
viel Spontaneität und Abwechslung zu paaren, anstatt an
den langweiligen Strukturen des Rock festzuhalten, könn¬
te ich diesem Genre vielleicht auch wieder mehr abgewin¬
nen. So halte ich es mit Thomas (aus seiner Review zu der
großartigen FREQUENCY-Platte) Jazz ist eben nicht gleich
Jazz. (69:52) (8) Sir Hc Chris Wilpert
CHILD ABUSE
s/t CD
lovepumpunited.com | Der Name dieses aus Brooklyn
stammenden Trios, das zuvor eine Split mit MIRACLE OF
BIRTH aufgenommen hatte, verweist durchaus treffend auf
den kranken Sound dieser Platte, die ein Bild von Albert
Oehlen mit dem Titel „Chucky“ schmückt, wo tatsächlich
das Konterfei der Horrorpuppe auftaucht. Nicht überra¬
schend, dass dieser hektische Jazz-Core ausgerechnet aus
New York kommt, der in diesem Fall auch noch mit Death
Metal gekreuzt zu sein scheint. Wer also auf Sänger steht,
die sich auf Urschreitherapie verstehen, Keyboarder, die
mit der Faust direkt mehrere Tasten anschlagen, und deren
Umgang mit generell allen Instrumenten wenig zartbesai¬
tet ist, kann hier auf eigene Gefahr mal ein Ohr riskieren.
Im Gegensatz zu Bands wie ALBOTH!, BOREDOMS, RUINS
oder auch LOCUST läuft dieser hyperaktive Geräuschan¬
griff aber mehr oder weniger an mir vorbei, ohne wirk¬
lich Eindruck zu machen. CHILD ABUSE lassen zwar be¬
herzt die musikalische Sau raus und gehen einem gekonnt
auf die Nerven, aber man legt keinen großen Wert darauf,
sich ein weiteres Mal mit dieser Platte auseinander zu set¬
zen, was wohlmöglich auch Sinn der Übung war. (4)
Thomas Kerpen
COCKTAIL SLIPPERS
Mastermind CD
Wicked Cool | Amerikanische Neuauflage dieses Albums
der norwegischen COCKTAIL SLIPPERS, zu dem Kolle¬
ge Ritchie Apple bereits im Ox #58 folgende von mir nur
zu unterstreichende Worte fand: Die vier äußerst apar¬
ten „Party-Treterchen“, die vor Jahren bereits unter dem
Namen BARBARELLAS versuchten die europäische Gara¬
gen-Szene mehr oder minder erfolgreich aufzumischen,
haben mit „Mastermind“ einen weiteren Schritt in die
richtige Richtung getan, denn ihre vorzügliche Mischung
aus Powerpop, Garage imd R’n’R hat mittlerweile ein ex¬
trem hohes Qualitätslevei erreicht und macht sie zusam¬
men mit den wunderbaren ULTRA BIMBOOS zu Allein-
herrscherinnen ihrer Zunft. Neben der Eingängigkeit der
Songs und der nahezu perfekt auf ihren Sound abgestimm¬
ten Produktion, fallt vor allem der hohe Pop-Appeal auf,
der über jedem einzelnen der zehn Tracks, wie auch im¬
mer er geartet sein mag, schwebt. Leider spielt Lisa Farfisas
Orgel auf „Mastermind“ eine weniger dominante Rolle als
auf ihrem Vorgänger, dafür aber bewegt sich der Ausschlag
der Nadel des durchgetretenen Distortion-Pedals von Ma¬
dame Rocket Queen konstant im roten Bereich. Das Ergeb¬
nis einer Symbiose der GO-GO’S und der DONNAS würde
wohl den Namen COCKTAIL SLIPPERS tragen. (29:41) (8)
Bernd Fischer
CUBA MISSOURI
Things I Wish I Had Not Called Just Things CD
Make My Day/Alive | Der Zweitling des Münster-Osna-
brücker Quartetts hat unbestritten seine Höhen. Der de¬
klamierende Schluss von „Slow ground“ und verschiedene
Gitarreneinsätze fallen da schnell ein. Überhaupt scheinen
sich heute kaum noch Leute zu trauen, diese ohne Fach¬
begriffe schwer zu umschreibenden, geöffneten, halbdis¬
sonanten aber trotzdem harmonischen NOTWIST-Riffs
mit so einer Lust zu spielen. Vom Sound ist da alles in But¬
ter, die Zutaten stimmen und „Things I Wish ..." führt den
Weilheimer 90er-Indierock zeitgemäß weiter. CUBA MIS¬
SOURI bleiben dabei der Gitarrenbasis wesentlich treuer
als ihre hörbaren Vorbilder, was nicht heißen soll, dass sie
nicht auch offen für neue Sounds wären. Aber wie schon
beim Erstling vermisse ich auch diesmal das Quäntchen,
das die Musik zwingend macht, die letzte Konsequenz oder
Brillanz, die es imvermeidbar machen, ihr zu verfallen.
Gut. (41:16) (6) Christian Maiwald
CEPHALIC CARNAGE
Xenosapien CD
relapse.com | Ziemlich verwundert war ich, als mir auf
einmal ein neues Album der Musiker mit dem grünen
Daumen auf demTisch geflogen ist. Wie nicht anders zu er¬
warten, wird der Durchschnittsmetaller außen vor gelassen
und dürfte an sich auch mit diesem hybriden Bastard aus
Metal, Grind und jazzig vertrackten Hyperparts vollkom¬
men überfordert sein. Wie selbstverständlich vermischen
die werten Musiker unterschiedliche Stile sehr gekonnt
miteinander und ziehen dabei noch mächtig das Tempo an.
Solche musikalische Präzisionsarbeit wird umso Ehrfurcht
gebietender, wenn man die Band livehaftig auf der Bühne
erleben durfte. Wahnsinnige Band, geiles Album: Pflicht!
Uwe Kubassa
CRESTLERS
Silicon Confidence MCD
Zorch | Na gut, inzwischen haben wir auch alle mitbe¬
kommen, dass es im schwedischen Orebro eine höchst ak¬
tive Musikszene gibt. Bereits seit rund zwanzig Jahren sind
auch die CRESTLERS ein Bestandteil derselben. Und wer
so lange zusammen musiziert, der bleibt selten stehen und
schaut hier und da mal über seinen Tellerrand, der in die¬
sem Fall Rockabilly heißt. Doch dazu gesellen sich auf die¬
ser Mini-CD zahlreiche Einflüsse, die von Country, Blu-
egrass, Blues und Rock’n’Roll bis hin zum Punk reichen.
Also einmal querbeet durch die letzten 50 Jahre Musikge¬
schichte. Das klingt stimmig und läuft gut rein, ohne aller¬
dings neue Maßstäbe zu setzen und sonderlich aufzufallen.
Und ehe man sich versieht, sind die sieben Stücke auf „Si¬
licon Confidence“ schon wieder vorbei. Das lässt den Hör¬
spaß ein wenig mau ausfallen. (21:18) (6) Abel Gebhardt
CHERRY OVERDRIVE
Clear Light CD
heptownrecords.com | Vier adrette junge Damen in mit
psychedelischen Müsterchen dekorierten Minikleidchen
spielen auf ihrem Debütalbum „Clear Light“ ziemlich
straighten Biker-Rock, klebrig wie Kettenfett und schmie¬
rig wie eine Dose Motoröl. Erinnert mich vom rauhen Ge¬
sang her gelegentlich an L7, doch die Gitarren braten nicht
so undifferenziert wie bei den Grunge-Gören, und die
Bandbreite ist auch etwas größer. Sie bedienen sich glei¬
chermaßen an Stoner-Klischees wie 60s Girl-Group-Ele-
menten, man stelle sich die SHANGRI-LAs auf einer wil¬
den Dosenbierparty mit anschließender Session mit den
GIRLSCHOOL-Damen vor. Schwedens Psych-Rock-Tita-
nen THE SOUNDTRACK OF OUR LIVES mit weiblichem
Gesang könnten so ähnlich klingen. Insgesamt kein wirk¬
lich großer Wurf, dieses Album, doch wenn die Damen
mal das Tempo und den Druck etwas reduzieren, kommt
manchmal eine feine kleine Surf-Instro-Ballade wie „The
OX-FÄNZINE 65
REVIEWS
EUROPE’S FRESHEST GIRLBAND
WITH THEIR BRAND NEW RELEASE
also hot;
- Amos - Imperator of Pop 2xLP/CD
- Murder by Guitar - On parade LP
- Hofiday Fun Club - s/t 7"
- Ei Guapo Stuntteam - Accusation
Blues LP / LP witb Packpatch
- Sons of Cyrus - Trigger-happy LP/CD
- Meine Kieine Deustche - Roky LP/CD
coming soon:
- Kamikaze Queens T
-Two-Star Hotel LP/GD
- Hoiiday Fun Ciub LP/CD
- Hara-Kee-Rees LP/CD
- Coiumbian Neckties 10*
more infos/records/merch: www.soundsofsubterrania.com
venture“ dabei raus (mit Beteiligung von LorenzoWood-
rose!), und in diesen Momenten können sie wirklich be¬
geistern. (6) Gereon Helmer
CARPATHIAN
Nothing To Lose CD
Golf/Resist/PHD | Meine Hoffnungen, ehrlichen und ag¬
gressiven Hardcore betreffend, ruhten auf dieser Band und
CARPATHIAN haben mich nicht enttäuscht. Kein Sing¬
sang trübt die Beatdowns dieser unglaublichen Combo aus
Australien, nicht eine schwache Minute mindert das halb¬
stündige Vergnügen und stellt sich zwischen die Jungs und
ihre fetten Amps. Ich weiß nicht, welche Verstärker die fünf
Aussies benutzen, aber sie fetzten. So müssen Hardcore-
Riffs klingen, und dass Crewshouts und eine gehörige Por¬
tion Groove nicht schaden können, wissen, die Jungspun¬
de auch schon. Ich denke TERROR,THE HOPE CONSPIRA-
CY und TEAMKILLER haben einen aufstrebenden Mitstrei¬
ter in Down Under, dessen Namen man sich merken sollte.
(24:55) (8) Thomas Eberhardt
CHARMS
Strange Magic CD
wickedcoolrecords.com | Die Bostoner Girl-fronted-
Band ist mit ihrem vierten Album endlich zu einem richti¬
gen Label gewechselt: Waren die drei in schneller Folge er¬
schienenen Vorgänger noch selbst releaset beziehungsweise
über den örtlichen Outlet Newbury Comics zu bekommen,
ist nun Little Stevens Wicked Cool Records ihre Homeba-
se. Fans überschwänglichen Zuckerschnuten-Rock’n’Rolls
sind mit den CHARMS ja längst vertraut, wissen deren Po-
werpop-meets-Garage-Rock’n’Roll-Sound zu schätzen,
und man muss schon ein Herz aus Glas haben, um bei El¬
be Vees Gesang nicht dahinzuschmelzen. Und dann spielt
die blonde Frontflau auch noch Farfisaorgel und Gitar¬
re, schreibt zusammen mit Gitarrist Joe Wizda alle Songs.
BLONDIE schauen hier immer wieder um die Ecke, Jen¬
nifer Miro von den NUNS könnte ebenfalls ein großes Vor¬
bild gewesen sein, und bei „Broken heart" denkt man un¬
weigerlich an die SHANGRI-LAS, auch wenn hier natür¬
lich nur eine Frau am Mikro steht. Für die passende Pro¬
duktion hat hier Jim Diamond gesorgt, und wer bei die¬
sen mal kickenden, mal schwülstig säuselnden Powerpop-
Nummern, die wirklich unwiderstehlich sweet von Ellies
Stimme gekrönt werden, nicht zu Wachs in deren Händen
wird, ist wohl ein imsensibler Klotz. (34:59) (8)
Joachim Hiller
CHESTERFIELD KINGS
The Mindbending Sounds Of... CD
wickedcoolrecords.com | Eigentlich waren mir die
CHESTERFIELD KINGS immer schon die liebsten unter
den 80er-Revivalisten der 60er Jahre. Nie so pathetisch
auf düster gebürstet, nie so sehr auf Garage-Punk-Oldie-
Parade gebügelt wie Rudis Skull & Vox-Bones-Ensemble,
haben sie seit den frühen Achtzigern mit einer Hand voll
grandioser Neo-Garage-Alben den Geist der Nuggets-Rei¬
he hochkompetent in die Jetztzeit gerettet (ohne dafür
auch nur mit einer Erwähnung oder einem Beitrag bei der
„Children Of Nuggets“-Box bedacht zu werden. Sieht man
von der grässlichen Glam/DOLLS-Phase zu „Berlin Wall Of
Sound“-Zeiten ab, haben sie immer detailverliebten, au¬
thentischen Garage-Psych abgeliefert, der seinesgleichen
sucht. Und mit dem neuen Album „The Mindbending
Sounds Of...“ liefern sie nun nach annähernd dreißig Jah¬
ren so einfach mal eben das beste Album ihrer Karriere ab.
Die Einflüsse sind immer eindeutig identifizierbar: „Trans¬
parent life“ etwa bezieht sich glasklar auf die CHOCOLA-
TE WATCH BAND, und dennoch verpassen Greg Prevost
und Andy Babiuk dem Song unverkennbar ihre ganz eigene
Handschrift. Nicht anders sieht es bei „Disconnection“ aus,
nur heißt hier der Referenzpunkt ELECTRIC PRUNES. Und
selbst der Sixties-Novize erkennt sofort, dass man „Flash¬
back“-Arrangement, Akkorde und Textpassage vom ROL¬
LING STONES Klopper „Jumping Jack Flash“ charmant re¬
produziert, und dennoch daraus einen ganz eigenen Song
mi t ganz eigenem Sound erschaffen hat. Und dass „Sterns
and flowers“ sich an den SEEDS gütlich hält, ist offensicht¬
lich, aber niemals störend. E-STREET-BAND Gitarrist und
Garage-Godfather Little Steven hat tatkräftig als „Executive
Producer“ (was auch immer das bedeuten mag) mitgear¬
beitet, gießt bei einigen Songs etwas Vox-Continental-Or-
gelsoße dazu und schrubbt die Barriton-Fuzz-Gitarre. Ein
unglaublich vielseitiges Album ist das geworden, mit sehr,
sehr vollem Sound, voller Detailtiefe und Liebe zu den Vor¬
bildern sowie genug Abstand zu plattem Revivalismus, es¬
sentieller Stoff, sollte in keinem Plattenschrank fehlen! (9)
Gereon Helmer
CROWNS OF KINGS / PRICE OF PAIN
Split CD
deadserious.de | Zwei neue Bands aus Connecticut, und
jede mit einem Mitglied von DEATH THREAT. Hoffen
wir, dass diese sich wegen den neuen Bands nicht auflö-
sen. CROWNS OF KINGS machen den Anfang, und klin¬
gen ein bisschen wie eine 90iger NYHC-Version von TER¬
ROR. Nichts Neues, aber sehr eingängig und richtig schön
asi. PRICE OF PAIN mit dem DEATH THREAT-Sänger klin¬
gen dann wie eine metallerische Version eben dieser. Wer
Aarons Gesang mag, wird hier nicht dran vorbeikommen,
auch wenn ich DEATH THREAT deutlich vorziehe. Gewin¬
ner der Split sind für mich CROWN OF KINGS, alleine
schon, da ihre Songs deutlich druckvoller rüberkommen,
und ich sie aufgrund des Gesangs nicht immer mit DEATH
THREAT vergleichen muss.(l 9:38) (7)
Fabian Dunkelmann
CHARIOT
The Fiancee CD
Century | THE CHARIOT ist die „heiß diskutierte neue
Band des NORMA JEAN - Sängers Josh Scogin“ und bei „The
Fiancee“ handelt es sich um eine Lizenzierung des christ¬
lichen Labels Tooth And Nail. Da könnt ihr euer Geld auch
gleich nach dem Kirchgang in den Opferstock werfen, Mu¬
sik gepaart mit Ideologie gibt’s dort günstiger. (666)
Thomas Eberhardt
CALL ME LIGHTNING
Soft Skeletons CD
frenchkissrecords.com/Alive | Seit Februar ist das
neue Album der aus Minneapolis stammenden CALL ME
LIGHTNING raus, die sich nach einem furiosen Start mit
dem 2004 auf Revela¬
tion erschienenen De¬
büt „The Trouble We’re
In“ ganz gut Zeit gelassen
haben mit dem Nach¬
folger - und den auch
nicht mehr auf Revelati¬
on, sondern auf French-
kiss veröffentlichen. An¬
getrieben von miesem
Bier, einer Liebe zu MI¬
NUTEMEN und BIRTH-
DAY PARTY sowie dem
Wissen um die Verdiens¬
te von LED ZEPPELIN haben die Neu-Labelmates von LES
SAVY FAV sich im Electrical Audio-Studio in Klausur bege¬
ben und ein mächtig beeindruckendes, mitreißendes zwei¬
tes Album geschaffen. „Soft Skeletons“ ist eine jener Plat¬
ten, die Leute erstaunt aufmerken lässt, sobald sie laufen,
die sich nicht überhören lässt, die unweigerlich Zuckun¬
gen am ganzen Körper auslöst, zum Sitztanz verleitet - was
zwar albern aussieht, aber was will man machen, wenn ei¬
nen solch fiebriger Post-Punk-Funk dazu zwingt? Das Trio
aus der Twin City jedenfalls hat sich einen sehr knackigen
Sound verpasst,-mit wuchtigen, trockenen Drums, trans¬
parenten Vocals, sexy Gitarren und messerscharfen Breaks,
und solange Ian Svenonius nicht mit einer neuen Platte an
den Start geht, ist das hier die beste Verbindung aus Punk
und groovy Funk seit den BIG BOYS. (8) Joachim Hiller
CONFORMISTS
Three Hundred CD
fiftyfourfortyorfight.com | Entweder ist es eine dreiste
Lüge, oder bloß eine Form eigenwilligen Understatements.
Konformisten sind die vier Herren aus Collinsville, IL ge¬
wiss nicht - im Gegenteil: Wenn es so etwas wie Nonkon¬
formismus in der Musik gibt, dann klingt er so. Ihre La-
belmatesTHE BUILDING PRESS haben es unlängst vorge¬
macht, und auf dieselbe Weise kümmert sich diese Band
hier wenig um Takte oder Harmonien. Wenn sie möchte,
dann holpert sie gekonnt herum, und dann misshandelt sie
liebevoll ihre Gitarren. So treiben die CONFORMISTS ihr
Spiel mit dem Zuhörer, das sicher auch ein bisschen vom
Wahnsinn angetrieben wird. Schwer verdaulich ist das, an¬
dererseits aber nie wirklich unanhörbar. Das ist es, was eine
Band wie diese ausmacht: Sie geht eben in Punkto Experi¬
mentierfreude noch einen Schritt weiter als viele andere,
die sich als Nerds verstehen. Einmal mehr: von wegen Kon¬
formismus! Aufgenommen hat das Album übrigens Ste¬
ve Albini, und dessen Name sollte eigentlich auch schon
eine Idee davon geben, welche Musik einen in etwa erwar¬
tet. Zudem ist dessen typisch knackiger Sound nun mal das
beste Gewand für diese Art von Musik. (31:26) (8)
Christian Meiners
CARRIE ANNE
Excuses MCD
Mute | Mit nur einer Demo-EP haben es Gerry.Andi, Mich
und Hubert schon über den großen Teich und in die MTV-
„Rockzone“ geschafft. Und das, obwohl sie eher ruhigere
Songs schreiben, die auch ihre Zeit brauchen, sich zu ent¬
wickeln. „Excuses“ ist die erste Single aus ihrem Album, das
auf einer Unterfirma von BMG erscheinen wird. Gratulati¬
on zu diesem riesigen Sprung! Musikalisch irgendwo zwi¬
schen DREDG und JIMMY EAT WORLD kreieren CARRIE
ANNE eine zerbrechliche Atmosphäre, die zur Melancholie
einlädt (was für alle drei Songs, der Single gilt). Ich bin ge¬
spannt aufs Album. Sebastian Wahle
COMMON GRAVE
Dehuminized CD
twilight-vertrieb.com | Ganz besonders freut es mich,
wenn Bands aus meinem Heimatort Neunburg vorm Wald
unabhängig und unbekümmert ihr eigenes Ding ma¬
chen. COMMON GRAVE, seit Jahren dem Death- und Th-
rash Metal verschrieben, veröffentlichen mit „Dehumani-
zed“ ihre zweite CD, die insgesamt musikalisch und pro¬
duktionstechnisch kompakter geworden ist, was nicht zu¬
letzt auch an Besetzungswechseln an Schlagzeug und Bass
liegt. Allerdings fehlen mir neben den permanenten Stak¬
kato-Gitarren und Doublebass-Attacken, trotz der tiefen
Stimme des Sängers, die wirklich düsteren Momente, die
höchstens mal zum Vorschein kommen, wenn die Gitarren
ausklingen dürfen. Schade, dass COMMON GRAVE nicht
immer so abwechslungsreich sind wie bei ihrem aller¬
letzten Song „P.G.“, der schon durch das beiläufige Gitar¬
rensolo heraussticht. Es ist mir ein Anhegen, subkulturel¬
le Nebenschauplätze von Undergroundaktivitäten im Me¬
tal-Genre aus der Oberpfalz vorzustellen, auch wenn mir
qualitativ seit EVIL SEED und METAL AXE nichts bekannt
ist, was diesen längst vergessenen Bands das Wasser reichen
könnte. Simon Brunner
CAUSASUI
Free Ride CD
Elektrohash/ Swamp Room | Erneut zeigen die Dänen,
dass es auch anders geht. Das man nicht langweilige, über¬
holte Riffs spielen muss, um Acid Rock zu machen. Das
man vor allem nicht die ewig gleichen Gesangsstereotypen
bedienen muss. Schon ihr Debütalbum, damals noch auf
Nasoni erschienen, zeigte einen deutlichen Unterschied
und eine meilenweite Abgrenzung zu dem Großteil der ak¬
tuellen Psychedelic Rock-Szene. Man kann einfach nicht
wirklich gut sein, wenn man zum hundertsten Mal seine
großen Vorbilder imitiert, auch wenn das natürlich immer
wieder abgestritten wird. CAUSA SUI machen diesen Feh¬
ler nicht, weshalb sie auch mit ihrem zweiten Album voll -
ends überzeugen. Und erneut vibrieren die Boxen und ich
immer noch mit ihnen. (52:35) (9) Claus Wittwer
B.C. CAMPLIGHT
Blink Of A Nihilist CD
One Little Indian/Überzahl | Hinter dem Pseudonym
B.C. Camplight versteckt sich Brian Christinzio. Es wäre
kein Wunder, wenn Christinzio mit seinem neuen Album
„Blink Of A Nihilist“ so einige Verwirrung stiften würde: Er
hat es sich zum Ziel gemacht, Gegensätze miteinander zu
vereinen. So unterlegt er fiktive Psychodramen mit fröh¬
lich-kindlichen Popsongs. „Blink Of A Nihilist“ klingt wie
eine Mischung aus Sufjan Stevens und BELLE & SEBASTI¬
AN. Seine Lyrics handeln jedoch von den Abgründen der
menschlichen Psyche. Zu Recherchezwecken verbrachte er
eine Zeit im Gefängnis von New Jersey und schrieb die Le¬
bensgeschichten der Insassen auf. Dasselbe tat er in diver¬
sen Irrenhäusern, in denen er als Volontär arbeitete. Und
genau diese Verknüpfung der krassen Gegensätze macht
„Blink Of A Nihilist“ zu einem wahrhaft faszinierenden
Werk. (8) Julia Gudzent
DDP
DUNGEN
Tio Bitar CD
Subliminal/Broken Silence | Ist es nun mein Geschmack,
der sich im Laufe von zwei Jahren verändert hat, oder ist
die neue CD von DUNGEN tatsächlich ein großer Schritt
zurück? Großes Lob hatte ich bei der letzten Aufnahme
verteilt, diesmal muss auch ich zwei Schritte zurücktreten.
Der schwedische Nick Saloman Gustav Ejstes hat dieses Al¬
bum nahezu im Alleingang aufgenommen, dieses Mal we¬
sentlich verspielter und psychedelischer als der Vorgänger,
was aller din gs der Gesamtharmonie nicht gut bekommt.
Hier steht jedes Stück irgendwie allein da, es scheint kein
größeres Gesamtkonzept zu existieren. Trotzdem sind ein
paar schöne Songs dabei, aber die große Begeisterung,
die ich einst aufbrachte, weckt dieses Album leider nicht.
(42:02) (6) Claus Wittwer
DEATH BREATH
Letlt Stink MCD/10“
blacklodge.se/Rough Trade | Das Schöne an Nebenpro¬
jekten ist, dass sie meist ohne jegliches kommerzielles Kal¬
kül durchgezogen werden können. Die Hauptband sorgt
für das Mittagessen und
den Spaß holt man sich
beim Nebending. Nicht
nur deswegen kann man
HELLACOPTERS-Kopf
Nicke Andersson nicht
vorwerfen, mit DEATH
BREATH auf die schnel¬
le Kohle aus zu sein.
Denn, mal ehrlich, wer
außer ein paar Ewigges¬
trigen wie mir ist schon
an purem Oldschool-
Death Metal interessiert,
der sich musikalisch als auch soundtechnisch an den frü¬
hen Werken von DEATH, MASSACRE, POSSESSED, REPUL¬
SION, AUTOPSY oder eben ENTOMBED orientiert (Wer es
nicht weiß: Andersson war bis Mitte der Neunziger Schlag¬
zeuger bei ENTOMBED)? In Zeiten von allgegenwärtiger
Überproduktion und dem Haufen Metalcore-Kaspern, die
sich erlauben, mich mit ihrer Auffassung von Death Metal
zu belästigen, tut es verdammt gut, Death Metal wieder so
zu hören, wie er zu seiner besten Zeit geklungen hat. Mit
der EP „Let It Stink“, die neben vier neuen, eigenen Songs
drei Cover von BATHORY, G.B.H und DISCHARGE enthält,
rücken DEATH BREATH dann auch kein bisschen von der
Formel ab, die ihr letztes Jahr erschienenes Album „Stin-
ABUELA COCA
07.06.07 D REGENSBURG / Alte Mälzerei
08.06.07 D DORNSTADT/Woodstock Open Air
09.06.07 CH BASEL / Imagine Festival
10.06.07 CH THUN / Cafe Bar Mokka
11.06.07 D FREIBURG/Jazzhaus
12.06.07 D MARBURG/Trauma im G-Werk
13.06.07 D WERMELSKIRCHEN / AJZ Bahndamm
14.06.07 D SIEGEN-WEIDENAU/Vortex
15.06.07 D STUTTGART/ Landespavillon
16.06.07 D HALLE/Objekt 5
18.06.07 D HANNOVER/Bei Chez Heinz
19.06.07 D BIELEFELD / JZ Kamp
20.06.07 D HAMBURG / Hafenklang im Exil
21.06.07 D BERLIN /Zion CityStage®
Fete de la Musique
22.06.07 0 MANNHEIM / Das Ding Open Air
23.06.07 0 HAGEN / KuZ-Pelmke
25.06.07 B BRUSSELS/Magasin 4
27.06.07 D FRANKFURT/Nachtleben
28.06.07 D ALFELD/JuZ Treff
29.06.07 D BRAUNSCHWEIG/Drachenflug
30.06.07 D ANNABERG-BUCHHOLZ/ Alte Brauen
04.07.07 0 ERFURT / SZ Engelsburg e.V.
05.07.07 SL0 LETISK0 Piestany / Hodokvas
06.07.07 A WIEN/Arena
07.07.07 A AFLENZ / Green Valley Festival
10.07.07 D ERLANGEN/E-Werk
11.07.07 D BREMEN / FLUT-Festival @
Licht & Luftbad
12.07.07 D KIEL/Halle 400
14.07.07 D HAMBURG / Elbinselfestival
17.07.07 D KÖLN/Sonic Ballroom
19.07.07 D KASSEL/Barracuda Bar
20.07.07 D LINDAU/Club Vaudeville
23.07.07 D REUTLINGEN/Cafe Nepomuk
24.07.07 CH LUZERN / Blue Balls Festival
26.07.07 D MÜNCHEN / Feierwerk
27.07.07 D KONSTANZ/Kulturladen
28.07.07 CH APPENZELL / Postplatz Open Air
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21.06.07 D BERUN-FRIEDRICHSHAIN/Cassiopeia Ckib
08.07.07 D RATHENOW/Havellaut Festival
20.07.07 D GLAUBITZ/BacktoTheFuture
24.08.07 D HORB AM NECKAR/Mini Rock Festival
25.08.07 D MEIDELSTETTEN / Kickfeschd
31.08.07 D MAGDEBURG/Sackfabrik
01.09.07 D HÖHR-GRENZHAUSEN/Spackfestival
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12.06.07 D FRANKFURT / Batschkapp
13.06.07 0 DÜSSELDORF/ZAKK
14.06.07 0 BOCHUM / Bahnhof Langendreer
15.06.07 0 KÖLN /Underground
16.06.07 CH INTERLAKEN / Greenfield Festival
18.06.07 D BERLIN / S036
19.06.07 D GÖTTINGEN / Musa
20.06.07 D LEIPZIG / Conne Island
21.06.07 0 ERLANGEN/E-Werk
22.06.07 D MÜNCHEN /Muffathalle
23.06.07 D NEUHAUSEN OB ECK /Southside Festival
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2906.07 0 WÜRSELEN BEI AACHEN /
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OX-FANZINE 66
REVIEWS
Icin g Up The Night“ zu so einer grandiosen Platte gemacht
hat: Mittelschneller, rauher und simpler Death Metal, bru¬
taler Gesang, tiefe Growls sowie Sinn für Humor. Letzte¬
rer zeigt sich auch bei dem auf der CD enthaltenen Zom¬
bie-Kurzfilm „Death Breath“, der eine gut gemachte Hom¬
mage an den Beginn des Genreklassikers „Night OfThe Li-
ving Dead“ ist, sowie an dem Coverartwork, das ganz dreist
das Cover des BEATLES-Albums „Let It Be“ kopiert, hier
aber den Zombie aus dem Kurzfilm abbildet. (9)
Andre Bohnensack
DIMI DERO INC
Sisyphus, Window Cleaning CD
offthehip.com.au | Erstaunlicherweise gibt es seit den spä¬
ten Siebzigern recht enge Kontakte zwischen australischen
M usik ern und der Pariser Rock-Szene, und so war einst
New Rose ein wichtiges Label für viele Bands von Down
Under. Heutzutage ist es auch mal andersherum, da be¬
kommt eine französische Band die Gelegenheit in Austra¬
lien zu releasen, so etwa DIMI DERO INC aus Paris, deren
wunderbar betiteltes drittes Album von Off The Hip aus
Melbourne veröffentlicht wurde - eine Oz-Tour mit den
DRONES liegt gerade hinter ihnen. Und wenn wir schon
beim Namedropping sind: AshWednesday (unter anderem
EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN und SACRED COWBOYS)
bediente das Fender Rhodes-Piano und andere Tastenin¬
strumente, Bandboss Dimi Dero spielte schon mit Nikki
Sudden und Penny Ilkinger und BassistVinz kennt man von
THE HOLY CURSE. Die Musik? Kaum verwunderlich, dass
DDI so klingen, als seien sie in einem Vorort von Melbour¬
ne ansässig und Stammgäste in den einschlägigen Rock-
Pubs. Komplexer, rhythmischer Post-Punk-Rock, den BE-
ASTS OF BOURBON auf der Spur, Mahlstrom-Rock’n’Roll
mit hypnotischer Wirktmg, BIRTHDAY PARTY und RADIO
BIRDMAN, den Detroit-Rocksound verehrend - und dabei
so klingend, als handele es sich tun verschollene Aufnah¬
men von Mitte der Achtziger. Well done, bleibt da nur noch
hinzuzufugen, nebst der Frage, warum es eigendich kei¬
nerlei Bands dieser Machart aus Deutschland gibt. (40:30)
(8) Joachim Hiller
DARTZ!
ThislsMyShip CD
xtramilerecordings.com/PIAS | Für die unsägliche Wahl
der Schreibweise des Namens wollte ich eigendich Punk¬
te abziehen, allein, da stand die Musik vor. Aber zurück
zum Anfang: Aus einer Spaßband eine ernsthafte zu ma¬
chen, ein paar Konzerte zum Warmmachen zu spielen und
so schnell wie möglich eine Platte zu machen - das hört
sich nach einem guten Plan an, und in diesem Falle hat er
funktioniert. „This Is My Ship" ist das Debüt des Dreiers,
und es trifft perfekt in eine Lücke, die von den geschnie¬
gelten britischen Rockstars übersehen wurde. DARTZ! ver-
wursten stilistische Anleihen von Bands wie BLOC PAR¬
TY oder FRANZ FERDINAND zu ihrer ganz eigenen Ver¬
sion von New Wave. Glücklicherweise hat sich die Band in
ihren zwölf Songs genügend Macken bewahrt. Die Gitar¬
ren zum Beispiel sind eindeutig vom Math-Rock beein¬
flusst und ff ickeln stellenweise die irrsten Riffs - in diesem
Zusammenhang bisher noch nicht verwendet. Bassist Wil¬
liam Anderson und Gitarrist Philip Maughan singen dazu
in breitestem britischen Akzent, was der Musik auf eine
charmante Weise zusätzliche Glaubwürdigkeit verleiht.
Dieses Debüt ist tanzbar und macht verdammt gute Laune,
somit ist es ein ganz formidables Debüt. Wollen wir hoffen,
dass diese Band nicht in die Klauen der gefürchteten briti¬
schen Hype-Maschinerie gerät und sich glatt bügeln lässt.
(44:55) (9) Christian Meiners
DECREW
Dynamics Of Human Behaviour CD
Dambuster/Cargo | DECREW aus Italien spielten be¬
reits 1989 ihr Debüt ein und damit gehören sie mit zu den
dienstältesten Hardcore-Bands. Ihr Credo für eine lange
Existenz scheint entspanntes Arbeiten zu sein, denn „Dy¬
namics Of Human Behaviour“ ist erst ihr viertes Album. Da
Masse allerdings nicht immer Klasse bedeutet, wollen wir
ihnen mal nicht ins Arbeitstempo reinreden, denn ihr ak¬
tuelles Album bestätigt den Fünfer in seiner Arbeitsweise.
Stilistisch könnte man DECREW im Screamo-Bereich si¬
tuieren, wobei Gruppen wie DEFTONES, JANE’S ADDIC-
TION und SYSTEM OF A DOWN auch Spuren hinterlassen
haben. Insgesamt überzeugen die zehn Tracks durch ihre
Eigenwilligkeit und die Kombination aus Geschrei und
sehr charismatischem Gesang. Hierbei verfolgt man nicht
das übliche Zuckerbrot-und-Peitsche-Schema, sondern
beweist Gespür fürs Songwriting. (37:04) (6)
Thomas Eberhardt
DEATH OF A PARTY
The Rise And Fall Of Scarlet City CD
doublenegativerecords.com | Ihre Debüt-EP „The Shame
OfThe Sweet“ von 2005 war auch der erste Release ihres
Labels, und zwei Jahre und vier Katalognummern später ist
nun der erste Longplayer der Band aus Oakland erschie¬
nen, die in der Zwischenzeit damit beschäftigt war, den
Verdacht zu entkräften, nur ein weiteres Füllsel zwischen
BLOC PARTY undTHE RAPTURE.THE FAINT undTHEVA-
NISHING zu sein. Nun, der Dancepunk-Zug ist abgefahren
und um die Ecke verschwunden, so dass eine Band wie THE
DEATH OF A PARTY ihren durchaus eigenwilligen Indie-
rock-Sound ungestört ausbreiten kann. Mich erinnert der
spröde Sound an eine Mischung aus dem wavigen Sound
der frühen CHRISTIAN DEATH, flirrendem Post-Hardcore
ä la SUPERSYSTEM und MILEMARKER, gemischt mit den
immer wieder gern genommenen wegweisenden Sounds
und Rhythmen von GANG OF FOUR. Der Soundtrack zu
Aufstieg und Fall der fiktiven Stadt zwischen San Fran¬
cisco, Oakland und San Diego gefällt jedenfalls durch sei¬
ne Kantigkeit, die spitzen Gitarrenklänge, den hektischen
Sprechgesang, und wen meine Vergleiche nicht abschre-
cken konnten, sollte durchaus denVersuch wagen. (41:32)
(7) Joachim Hiller
DOLLHOUSE
The Royal Rendezvous CD
offthehip.com.au | Eigentlich wäre der Titel des zweiten
Albums der Schweden DOLLHOUSE noch passender „The
Royale Rendezvous“ gewesen, zeichnet doch Nicke „Hella -
copter“ Royale für die Produktion des Longplayers verant¬
wortlich, für dessen Veröffentlichung beschämenderwei¬
se in Europa kein Label zu finden war - erschienen ist er
nun auf dem am anderen Ende der Welt, in Melbourne an¬
sässigen OffThe Hip-Label. Andererseits ist das für DOLL¬
HOUSE auch keine neue Situation, deim schon ihr Debüt
„The Rock And Soul Circus“ von 2004 erschien auf einem
anderen Kontinent, in diesem Fall auf Dim Mak aus Los An¬
geles. Dort hatten DOLLHOUSE selbiges auch aufgenom¬
men, produziert von Michael Davis von MC5, der sich dazu
nach dem Hören der ersten Single hatte hinreißen lassen,
angeblich mit den Worten, dass so MC immer hätten klin¬
gen wollen. Beeindruckende Worte aus berufenem Mun¬
de also, gemeinsame Auftritte mit MC5 folgten, und jetzt
ist der Nachfolger am Start, ein ebenfalls wieder sehr sou-
liges Album, das mich immer wieder an die BELLRAYS und
auch die DIRTBOMBS erinnert, also verdammt schwarz
klingt für ein paar bleiche Burschen von knapp unter¬
halb des Polarkreises. Und Nicke wiederum hat ja schon
mit THE SOLUTION bewiesen, dass er seine Hausaufgaben
in Sachen soulfuller Rock-Sounds gemacht hat. Dass mei¬
ne Begeisterung unter dem Strich dann doch nicht so groß
ist wie für dfe BELLRAYS, ist allein dem Umstand geschul¬
det, dass mir hier einfach etwas Wumms fehlt, der nöti¬
ge Schuss Besessenheit - auf dem MC5 -Coverband-Festival
sollte es dennoch für einen 1. Platz reichen. (33:24) (7)
Joachim Hiller
DIE YOUNG TX
Graven Images CD
alveranrecords.com | Seit vier Jahren verbreitet die texa-
nische Hardcore-Truppe DIE YOUNG TX nun schon ihre
Vorstellung von modernem politischem Hardcore. Nach
wie vor eifert man den großen Vorbildern wie INTEGRI-
TY, EARTH CRISIS (zu „All Out War“-Zeiten) oder TRIAL
hin terher, wobei von Letztgenannten vor allem das idea¬
listische politische Bewusstsein abgefärbt haben dürfte. So
sprechen Songs wie „Fuck the imperialists“ oder „To forget
civilization“ eine eindeutige Sprache. DIE YOUNG TX ver¬
stehen ihr Handwerk und verbinden auf „Graven Images“
wütende Religions- und Gesellschaftskritik mit brachialen
Mosh-Attacken. Wenn die Texaner aber in schier endloser
Wiederholung „We will carry on“ im Chor anstimmen,
frage ich mich, ob bei sovielTough-Guy-Pathos überhaupt
noch ein paar Hirnzellen übrig bleiben, um sich mit Ge¬
sellschaftskritik auseinanderzusetzen. Aber das ist eine an¬
dere Frage. Menschen, die das letzte TERROR-Albrnn schon
auswendig können und auch sonst auf jeder BLACKLIS-
TED-Show zu finden sind, möchte ich „Graven Images“
aber auf jeden Fall empfehlen. (25:41) (6)
Robert Buchmann
DETROIT COBRAS
Tied & True CD
bloodshotrecords.com | Eigentlich kann man die Platten
der DETROIT COBRAS auch unter Reissues listen, denn die
Neuinterpretation alter Soul-Perlen ist zwar eine dankba¬
re Aufgabe, aber mitun¬
ter doch nur Politur von
großartigen Songs, die
von anderen Musikern
vor einem halben Jahr¬
hundert und mehr ge¬
schrieben wurden. Dafür
ist die Umsetzung durch
die Cobras mehr als die
Summe der einzelnen
Teile, zu dem auch ein
gutes Händchen bei der
Auswahl des alten Ma¬
terials gehört. „Tied &
True“ ist insgesamt weniger schwülstig, weniger lasziv und
sexy als „Mink Rabbit“, aber es sind exquisite Songs auf die¬
ser Platte, von denen man zumindest „Nothing but a hear-
tache“ schon in einer übergenialen Version von der NOW
TIME DELEGATION plus Lisa Kekaula (BELLRAYS) gehört
hat. Auch wenn das Label vermerkt, dass die Band mit die¬
ser Platte ein neues Genre für sich erschlossen haben soll,
sind die Unterschiede zu den Vorgängern nicht so groß, als
dass man das so stehen lassen könnte, denn das Genre be¬
legen sie schon seit dem ersten Tonträger. Drei echte Ohr¬
würmer, eine Handvoll sehr guter Songs und ein paar Fül¬
ler sind dabei, aber das ist mehr, als man auf 99 Prozent
aller Platten bekommt. Soul-Ptrnk-Klassiker in moderner
Form: DETROIT COBRAS! (8) kalle stille
DEAD UNITED
3D Audio Horror CD
deadunited.com | Es wundert mich, dass DEAD UNI¬
TED ihre Scheibe (kommt mit 3D-Brille) selbst rausbrin¬
gen müssen, denn die neun Songs würden sich zum Bei¬
spiel auch prima im Programm von Fiendforce machen.
Sei es, wie es sei, wo im Booklet anstatt „Backing-Vöcals“
nur „Uohuohuoh“ steht ist die Marschrichtung natürlich
klar: Horrorpunk galore! Und den präsentiert das Quar¬
tett aus Würzburg trotz aller Klischees auf Konserve ziem¬
lich gekonnt. Vielversprechend sind aber auch die Live-Fo-
tos, bei denen ich mir wünsche, der bandeigenen Kettensä¬
ge würde eine wichtigere musikalische Rolle eingeräumt,
hehe. Genrefans sollten bei DEAD UNITED ruhig mal ein
Ohr riskieren. (18:18) (7) Bernd Fischer
DEATH BEFORE DISHONOR
Count Me In CD
bridge9.com | Neue CD, gleiches Schema, Review Ende.
Obwohl ... also: DEATH BEFORE DISHONOR sind im¬
mer noch eine der sympathischeren „Tough guy“-Bands,
und brettern um einiges mehr nach vorne, als die durch¬
schnittlichen Vertreter dieses Genres, was sie mir durchaus
sympathisch macht. Wer das bisherige Schaffen der Band
kennt, braucht hier nichts wirklich Neues zu erwarten,
geht gut ins Ohr und fertig. Lediglich das COCK SPARRER-
Cover hätten sie sich echt sparen können, nachdem schon
Roger Miret „New York belongs to me“ gesungen hat, war
es ja nur eine Frag der Zeit, bis eine Band eben mit „Boston
belongs to me“ singt, da hilft auch die Unterstützung von
BLOOD FOR BLOOD-Leuten nicht.(28:02) (6)
Fabian Dünkelmann
DIMITRIJ
Words-Objects CD
Noise Appeal | Das Post-Hardcore-Kollektiv DIMTRIJ hat
es geschafft. Fünf junge, talentierte Österreicher legen mit
„Words-Objects“ ein Album vor, das Erwartungen über¬
trifft. Zehn Songs voller Emotionen, Leidenschaft und Wut
erinnern an die großen Tage des echten Screamo in den
90ern, bevor dieses Genre durch die Musik sinnentleerter
und massentauglicher Eyeliner-Bands ausgebeutet wurde.
Zehn Songs zwischen den späten ATTHE DRIVE-IN, DRIVE
LIKE JEHU, PORTRAITS OF PAST und EAVES sind Balsam
für die Seelen all jener, deren Herz noch immer im für Au¬
ßenstehende oft schwer durchschaubaren Rhythmus die¬
ses Genres schlägt. Eines Genres, dessen Wurzeln im Hard¬
core liegen. Großartige Tempoänderungen und der abrupte
Wechsel zwischen chaotischen Schrei-Attacken und emo¬
tional gesungenen beziehungsweise gesprochen Parts, la¬
den dazu ein, in der Musik von „Words-Objects“ zu ver¬
sinken. Nur um danach wieder gestärkt aufzutauchen. DI¬
MITRIJ gelingt es, komplexe und doch melodische Sound¬
flächen entstehen zu lassen, die der perfekte Soundtrack
sowohl für melancholisches Gedankennachhängen als
auch für befreiende und ventilartige Wutausbrüche sind.
DIMITRIJ erinnern mich an die vielen Tage, an denen die
SWING KIDS-7“, aber auch die Werke von THE SADDEST
LANDSCAPE, YAGE und TRAINWRECK meinen Platten¬
spieler nicht verlassen haben. (28:30) (8)
Robert Buchmann
DEERHUNTER
Fluorescent Grey MCD
kranky.net/Cargo | Als vor ein paar Monaten das neue Al¬
bum der mit Zutaten aus Psychedelic, Ambient und Noise-
pop arbeitenden DEERHUNTER aus Atlanta erschien, hat¬
ten die schon den nächsten Release in der Pipeline. Denn
während sie „Cryptograms“ abmischten, hatten sie mal
eben vier neue Songs aufgenommen, die ebenfalls durch
ihre plüschig-weirde Art gefallen und durch das kaleidos¬
kophaft bunte Video zu „Strange lights“ vom letzten Album
ergänzt werden. Fans von MERCURY REV und SPIRITUA-
LIZED sind erneut zur Entdeckung dieser Jagdgesellschaft
aufgerufen. (16:15) (7) Joachim Hiller
WELCOME TO THE BEAR FAMILY
Es ist mal wieder an der Zeit, die alte Lederjacke aus dem Schrank zu holen und den Rock’n’Roll-Motor anzukurbeln. Auf
„Ricky Rocks“ (BCD16856) präsentiert sich das einstige Teenageridol Ricky Nelson in absoluter Höchstform. Keine Bal¬
laden, nur Songs mit richtig Feuer unterm Arsch! Kein „Lieber Schwiegersohn“-Geschmachte, nur Vollgas! Diese Bear-
Family-Serie hält wirklich, was sie verspricht. Zwar gehört der amerikanische TV-Star nicht zur absoluten Oberliga der
Rock’n’Roll-Götter, dazu ist seine Stimme einfach zu sanft und verfügt nicht über das gewisse, verruchte und undefinierba¬
re „Etwas“, aber es zeigt, dass er wirklich rocken konnte und auch immer mit ganzem Herzen dabei war. Respekt, ich hätte
jetzt nicht ein so furioses und erfrischendes Album erwartet! (8)
Was ich genau damit meine, werdet ihr verstehen, wenn ihr wie ich nach Ricky Nelson „Southern Swagger“ (BCD 16865)
von Jerry Lee Lewis im direkten Hörvergleich laufen lasst! Das ist einfach eine ganz andere Klasse. Das ist dann richtig ge¬
fährlich! Das ist angeboren! Der „Killer" hat also allen Grund arrogant zu sein, er ist eben der Größte und auf dieser Zusam¬
menstellung gibt er eine Vorstellung nach der anderen. Wo andere aufhören, fängt er an, wo andere rot werden setzt er noch
einen drauf, nur um im nächsten Song sich selber zu übertreffen. Keine Anspielung ist ihm peinlich genug, keine Zweideu¬
tigkeit wird ausgelassen und alles in seinem Universum dreht sich um das eine Thema: Frauen ... Die Aufnahmen stammen
meistens aus der legendären Sun-Phase, aber auch die späteren Country-Tracks sind nicht ohne. Außerdem gibt es einige
neue Mixe, alternative Versionen und noch unterhaltsamer: Studiogespräche an der Grenze des Erlaubten. (9)
„Shit Happens“ (BCD 16633) ist eine weitere phantastische Themencompilation aus dem Hause Bear Family und be¬
stimmt zu später Stunde in geselliger Runde konzipiert worden. Es geht hier um die schlimmsten Dinge, die einem im Le¬
ben so zustoßen können, voller grenzenlosen Selbstmitleids und mit ganz weit geöffneter Tränendrüse. Die mehr oder we¬
niger bekannten und beliebten Countrysänger übertreffen sich dabei gegenseitig. Soviel Unheil auf einer CD zeigt einem
selbst erstmal, wie gut es einem doch an sich geht. Das Booklet mit allenTexten zum gnadenlosen Mitweinen wurde passend
von Reinhard Kleist illustriert, den einige noch von seinem „Cash -1 See Darkness“ -Comic kennen dürften. (7)
Carsten Vollmer bear-family.de
DALLAX
Core-Color CD
porkpieska.com | Etwas, das vielen japanischen Ska- und
Ska-Punk-Bands gemein zu sein scheint, ist ein Hang zum
Perfektionismus, für den gerade DALLAX ein Paradebei¬
spiel abgeben. Die Kehrseite der Medaille ist, dass sie sich
ein wenig zu sehr darin verlieren, allen Ansprüchen, die
man an eine Ska-Punk-Band stellen könnte, gerecht zu
werden und darüber ein wenig an eigener Note vermis¬
sen lassen. Damit verbietet sich auch der - vom Gesang her
vielleicht nahe liegende - Vergleich mit den experimen¬
tierfreudigen MIGHTY MIGHTY BOSSTONES; eher müss¬
te man etwas Generischeres heranziehen, wie etwa ihre
Landsmänner von KEMURI, oder die frühen LESS THAN
JAKE. Stören dürfte dieser kleine Mangel an Individualität
allerdings allein auf Platte, während ich mir DALLAX live
sehr unterhaltsam vorstelle, zumal sie auch erfreulich vie¬
le und schöne, ruhigere Tanznummern im Repertoire ha¬
ben. Ein guter Grund, sich dann eben doch dieses Album zu
kaufen, ist der große Bonusteil mit den besten der älteren
DALLAX - Songs. Ferdinand Praxi
► Auf der Ox-CD zu hören.
DESTRUCTO SWARMBOTS
Clear Light CD
Public Guilt | Live auch schon mal mit mehr als fünf Leu¬
ten auf der Bühne, ist DESTRUCTO SWARMBOTS auf Plat¬
te eher eine One-Man-Show. Mike Mare heißt der New
Yorker Künstler, der sich
hinter dem futuristi-
schenm Namen verbirgt.
Dies ist quasi sein erster,
offizieller Longplayer, der
sich wunderbar in das
düstere Drone-Imperi-
um von Künstlern wie
GROWING, KTL oder
Oren Ambarchi einreiht.
Ein schwer wabernder
Klangteppich, deren in¬
strumentaler Ursprung
kaum mehr auszuma¬
chen ist, ein finsterer, gleichsam fesselnder und beklem¬
mender Endzeit-Soundtrack, der jede Menge Faszination
versprüht. Die Liste der Mitwirkenden und Begleiter von
DESTRUCTO SWARMBOTS liest sich dabei wie ein Who-
is-Who des aktuellen Experimentalmusik-Kosmos — ange¬
fangen bei Oktopus (DALEK), der die Scheibe abmischte,
über James Plotkin (KHANATE/KHLYST), der das Maste -
ring übernahm, bis hin zu DÄLEK, FAUST, MGR, ZU, ISIS
und GUAPO, mit denen Mike Mare und Co. oft live unter¬
wegs sind beziehungsweise für die er schon Remixe anfer¬
tigte. Ein durchaus viel versprechendes Werk, nach dessen
Genuss man gespannt sein darf auf mehr. (54:49) (9)
Frank Nice
DRAGONS
Here Are The Roses CD
ohxnrecordings.com/Cargo | Ich bin hin- und her geris¬
sen in meinem Urteil über dieses Debütalbum eines Duos
aus Bristol: Ja, die Düsterkeit gefällt mir, das ist der glei¬
che dunkle Wave-Pop/Rock-Einfluss, der auch EDITORS
und Co. antreibt, doch dann ist da statt drohender Gitar¬
ren eindeutig zu viel Elektronik im Spiel, es bleept und
zirpt allenthalben, und die Produktion ist radiopoppig
glatt. Und wo der Opener „Here are the roses“ und das fol¬
gende „Condition“ noch ganz gut gefallen, verdirbt mir das
sich billigst an DEPECHE MODE ranschmeißende „Treasu-
re“ das Vergnügen. Von Kreativität ist hier nichts zu spüren,
vom Aufkochen sattsam bekannter Achtziger-Synthiepop-
Suppe dafür umso mehr. Grenzwertig. (43:02) (4)
Joachim Hiller
DRUGSTOP
RiotlnThe Jailhouse CD
ptrashrecords.com/drugcontrol.info | Erstmal schön
für DRUGSTOP, das Fritte sich tun das Artwork geküm¬
mert hat! Um zu überzeugen, sollte natürlich nicht nur
das Cover stimmen. Und so erfreut es, dass die Niedersa¬
chen hier ohne Rücksicht aufVerluste 16 Hardcore-Punk-
Nummern runterrotzen, die alle gleich asi klingen und
rncht anders hätten sein dürfen! DWARVES, ANTISEEN und
POISON IDEA lassen grüßen, intensiv und nihilistisch fu-
cken DRUGSTOP hier den Shit up! Wer was mit oben ge¬
nannten Artverwandten anfangen kann, braucht „Riot In
The Jailhouse“! (29:13) (8) MarioTuriaux
DOWN BEAT 5
Smoke And Mirrors - Live CD
steelcagerecords.com | Nach zwei Studioalben dachten
die DOWNBEAT 5, dass es nun an der Zeit sei, auch mal
zu zeigen, was man auf der Bühne rüberbringen kann. Zu
diesem Zwecke nisteten sie sich paradoxerweise' erneut im
Studio ein, luden eine Hand voll Fans und Freunde ein und
bretterten vor diesen durch ein furioses Set. Und dazu lief
dann die Bandmaschine mit. Das ist natürlich schon et¬
was geschummelt, ein richtiges Live-Album sollte natür¬
lich auch die Atmosphäre eines verschwitzten, rauchigen
Clubs rüberbringen, und nicht quasi unter Laborbedin¬
gungen ein Experiment nachstellen. Egal, bei den DOWN¬
BEAT 5 ist das Experiment jedenfalls gelungen. Die Bosto-
ner Hau-Drauf-Garage-Rock-Combo um das DMZ Grün¬
dungsmitglied JJ Rassler an der Leadgitarre prescht mit viel
Schwung und Verve durch ein schmissiges Set, das - anders
als die bisherigen Studioveröffentlichungen - auch einige
stilsicher ausgewählte Coversongs enthält („Come on now“
von den KINKS, Sam Cookes „Shake“ den YARDBIRDS-
Song „Rackin’ my mind“ oder „Foggy notion“ von VELVET
UNDERGROUND). Alles ist schnörkellos und rauhbeinig
vorgetragen, einzig die überbetont rotzige, auf „Rockröh¬
re“ getrimmte Stimme von Sängerin Jen D’Angora kann
ich irgendwie rncht ertragen. Leider versaut sie damit ein
eigentlich recht nettes Album einer vermutlich auch rich¬
tig netten Band. Aber das ist mm mal meine Einschätzung,
völlig subfektiv, und sollte natürlich nicht vom Kauf der CD
abhalten. (7) Gereon Helmer
DESPISED ICON
The llls Of Modern Man CD
Century Media | Manchmal frage ich mich, wie die mo¬
dernen Bands es immer wieder schaffen, noch schneller
und te chnis ch präziser zu werden als ihre Vorbilder. Bestes
Beispiel dafür sind DESPISED ICON aus dem kanadischen
Montreal mit ihrem Mix aus derbem Death Metal der Mar¬
ke CRYPTOPSY und technischem Mathcore im Stile von
DILLINGER ESCPAPE PLAN. Hier wechseln sich extreme
Blastbeats und Breakdowns ab, die zwei Sänger grölen und
schreien, was die Lungenkapazität hergibt, und die vier In-
strumentalisten überraschen mit rhythmischer Präzision
und melodiösen Leads. Die Band existiert seit 2002 und hat
im selben Jahr auch ihr Debüt herausgebracht, seit ihrem
zweiten Album „The Healing Process“ sind sie bei Centu¬
ry Media gut aufgehoben. Abgemischt wurde die aktuel¬
le Scheibe von Andy Sneap (MEGADETH, OPETH), der die
zehn Songs fett und sauber in Szene gesetzt hat. Der einzige
Nachteil dieses Albums ist sein Hang zum modernen Me-
talcore. Buh! (39:5 3) (7) Arndt Aldenhoven
DESTINATION FAILURE
Estimated Time Of Arrival CD
destination-failure.de | Die sechs Münchner haben sehr
viel bei amerikanischen Bands wie LESS THAN JAKE, den
VOODOO GLOW SKULLS und frühen CATCH 22 abge¬
schaut und vermengen all diese Einflüsse zu einem durch¬
aus netten, sommerlichen Ska-Punkrock-Sound. Hier hört
man zwar wenig Neues. Die Gradlingikeit, die Energie und
die Spielfreude, die DESTINATION FAILURE in den 13
Songs an den Tag lergen, machen aber großen Spaß. Da sind
keine penetrant -trötenden Trompeten. Vielmehr vereint
sich die Bläsersektion gelungen mit energischen Gitar¬
renparts und hektischem Gesang. Sie unterstützt die pun-
kigen Gitarrenlinien und trägt zur sympathischen Hektik
des Sounds bei. Grob gesagt, verschwimmt hier das Melo¬
die- und das Hookline-Gefühl von LESS THAN JAKE mit
der Aufgewühltheit der VOODOO GLOW SKULLS. Im De¬
tail gibt es aber auch hier viele nette Aspekte zu entdecken,
die einem die Münchner nur noch mehr ans Herz legen.
Ein weiteres dieser hoffnungsvollen Sommeralben. (46:15)
(7) Lauri Wessel
DADDY GILJOTEEN
Once They Called Me A Prodigy CD
nordic-notes.de/Broken Silence | 2002 fanden sich drei
Herren in Helsinki zusammen, um gemeinsam Rock’n'Roll
zu spielen und das Ergebnis auf „Once They Called Me A
Prodigy“ ist wirklich beeindruckend. Ganz egal ob Ga¬
ragentrash, Wüstenrock, Rock’n’Roll oder Rockabilly, es
kommt alles sehr virtuos und professionell rüber. DAD¬
DY GILJTEEN nennen ihre Musik Actionblues und so ganz
Unrecht haben sie damit nicht. Neben Blues und Country-
Einflüssen gibt es auch eine sehr schöne Ballade, haupt¬
sächlich wird hier aber das Gaspedal betätigt. Unter dem
Strich klingen die 10 Songs wie eine Mischung aus NAKED
PREY und Brian Setzer. Ich kann mir nicht helfen, viel¬
leicht liegt es ja am Gesang, aber mich erinnern die Stücke
stark an das großartige Brian Setzer-Album „’68 Comeback
Special Igiütion!“ aus dem Jahr 2001. Nur leider ist „Once
They Called Me A Prodigy“ etwas zu kurz geraten. (36:14)
(8) Kay Wedel
DISTANCE IN EMBRACE
Utopie Versus Archetype CD
horrorbiz.de | Sie haben sich ein ganzes Stück weit entwi¬
ckelt, ihren melodisch-metallischen Hardcore verfeinert,
durch etliche Shows ein beachtliches Mehr an Erfahrung
gesammelt und veröffentlichen nun ihren zweiten Long¬
player. DISTANCE IN EMBRACE aus Minden könnten
das darf man nach dem Hören von „Utopia Versus Arche-
type“ wohl sagen - zu einer größeren Band in der deut¬
schen Hardcore-Szene werden. Denn auf sympathisch-
eindrucksvolle Weise fusioniert die Band hier metallische
Sounds mit treibendem Hardcore ä la GRADE. Sie baut
Melodiebögen auf und kontrastiert selbige sogleich mit
markanten, Metalcore-orientierten Passagen. Dann wech¬
selt sie die Tempi, streut geschickte Breaks ein und ver¬
sucht sich so immer wieder musikalisch zu emanzipie¬
ren, auch wenn sich hier Parallelen zu allerlei modernen
Bands wie FROM FIRSTTO LAST, FROM AUTUMNTO AS-
HES oder durchaus auch MY CHEMICAL ROMANCE zie¬
hen lassen. Die ureigene Rauheit des Sounds der Mindener
und die hinterntretende Produktion machen dieses Album
aber sympathisch und lassen es gerade rncht wie eine Kopie
erscheinen. Trotz der etwas befremdlichen Jazzparts, die in
einigen Songs einen Radikalkontrast zu allen genannten
Einflüssen sind, ist DISTANCE IN EMBRACE das zweite Al¬
bum geglückt. (41:00) (8) Lauri Wessel
DIEGO
s/t CD
Rookie/Cargo | Auf diesem kleinen Album hört man
herbstlichen Nieselregen, der in breiten Bändern auf nor¬
denglische Städte niedergeht und bei der Bevölkerung eine
leicht melancholische Stimmung hinterlässt. Ich könnte
jetzt von JÖY DEVISION erzählen und von ECHO AND THE
BUNNYMEN, doch da Ian Curtis sich vier Jahre vor mei¬
ner Geburt das Leben nahm, erzähle ich hier lieber von IN¬
TERPOL oder - noch viel besser - von den EDITORS! Denn
viel mehr muss man zu diesen acht herrlich schön in Er¬
innerung schwelgenden Popsongs nicht sagen. Oder viel¬
leicht doch, denn in Karlsruhe scheint eigentlich immer
die Sonne. Aber Bandproberäume sehen sowieso überall
gleich aus. Deshalb verstehen es auch diese fünf Badenser
ziemlich gut, einen auf das Nötigste reduzierten Sound mit
beeindruckend klaren melancholischen Melodien zu fül-
OX-FÄNZINE 67
REVIEWS
len, so dass man sich trotz des anhaltenden Sommerwet¬
ters dabei erwischt, den Kopf in beide Hände gestützt, in
alten Erinnerungen schwelgend die Zeit vergessen zu ha¬
ben. (31:47) (7) Christoph Schulz
DANAVA
s/t CD
Kemado/Rough Trade | In Zeiten ungewisser Zukunft
hilft Rückbesinnung, und weil im musikalischen Sektor die
meisten Pfade schon ausgetreten sind, bedienen sich mo¬
mentan viele Bands im Fundus der Siebziger und Achtziger.
So auch DANAVA, deren Debütalbum wie eine Mischung
aus BLACK SABBATH, CAN und ZOMBI klingt. Nicht nur
die musikalische Grundlinie wirkt schwer retro, auch die
hallige Produktion und die Gitarren, die sehr klar und im¬
posant hervorstechen, stehen dem in nichts nach. Frü¬
her hätte man Progrock beziehungsweise Metal dazu ge¬
sagt, in den Metalsektor jedoch möchten sich die Jungs aus
Portland keineswegs stellen lassen - müssen sie auch nicht.
Und ob man dermaßen vertraute Stilmittel noch progres¬
siv nennen kann, wage ich zu bezweifeln. Aber es ist den¬
noch ein höchst psychedelisches Werk, was mich entfernt
an die schwedischen WITCHCRAFT erinnert, voll gepackt
mit fünf Songs, die allesamt Längen zwischen sechs und bis
zu über zwölf Minuten auf weisen. Eine am Ende doch stil ¬
sichere Rückbesinnung, die allemal besser ist als ein etwa¬
iges, misslungenes Experiment. Diese Scheibe ist durchaus
gefällig und sicher sehr empfehlenswert zur Umrahmung
eines geselligen Smoke-Ins! (45:00) (8) Frank Nice
DRAFT
Digital EP MCD
epitaph.com | Wollen wir hoffen, dass dieser Unfug keine
Schule macht: Eine rein als Download-Files veröffentlichte
EP mit vier neuen Songs der HOT WATER MUSIC-Nach-
folger. Doch wie stand es bereits in der Bibel? „Eines Tages
werdet ihr feststellen, dass ihr Download-Tracks nicht es¬
sen könnt“. Bis dahin also wird der Wahnsinn weiter gras¬
sieren, und auch wenn die Herstellung von CDs die Um¬
welt verschmutzt und Besitz Diebstahl ist, werde ich doch
weiterhin auf den physischen Tonträger setzen und nicht
aufTerabyte große Datenspeicher als Lagerort von Musik¬
dateien vertrauen. Der Vierer aus Florida gefällt hier jeden¬
falls genauso gut wie auf dem letztjährigen Debütalbum,
sowohl „Stop wasting my time“ wie „The devil in the sha-
de“, „Up all night“ und „Na na na“ haben diese derb-me¬
lodiöse Herzlichkeit, die ich schon an HWM geliebt habe.
(11:46) (8) Joachim Hiller
DEAD FISH
Um Homem So CD
Deckdisc | „Es ist an der Zeit zu handeln!“ Dies ist nur ei¬
ner von vielen Schlachtrufen, die DEAD FISH aus Brasi¬
lien auf ihren Alben den Leuten entgegen werfen. Musi¬
kalisch erinnert „Um Homem So“ ein bisschen an RISE
AGAINST, obwohl die Songs komplett eigenständig sind.
Viele sagen ja, dass man den Punk nicht neu erfinden kann;
DEAD FISH machen ihn aber verdammt gut. Obwohl die
Band mittlerweile seit vierzehn Jahren existiert, hat die
große Welt wenig Notiz von den Männern um Sänger Ro-
drigo genommen. Sie haben es aber auch vielleicht deswe¬
gen ein wenig schwerer, weil sie auf Portugiesisch singen -
ihrer Muttersprache. Da die Songs sich sehr auf das poli¬
tische Geschehen in Brasilien beziehen, ist es der Band in
erster Linie wichtig, dass ihre Landsleute sie verstehen und
danach den Mut haben zu handeln. DEAD FISH sind enorm
sympathisch und haben es verdient, dass man sich mit ih¬
nen beschäftigt. Die CDs von sind in Deutschland aber bis
jetzt leider noch nicht veröffentlicht worden. (7)
Sebastian Wahle
DOPE
Time To MCD
prettypinkrecords.de | Mein Gott, was für ein Name. THE
DOPE, der war wirklich noch frei? Und wenn nicht, auch
egal, solange diese blutjunge Band aus Niederbayem frisch
aufspielen darf. Gerade mit Beginn der Volljährigkeit ih¬
rer Mitglieder legen THE DOPE ihre erste „richtige" EP vor,
und die hat so einiges in sich: Härte, Melodie, Synthies und
viel Talent. Die sechs Songs klingen roh und ungeschlif¬
fen, die wenig brillante Produktion trägt ihr Scherflein
zum hohen Punkrock-Faktor von „Time To“ bei. Kaum zu
glauben, dass hier ein Duo am Werk ist. Gitarre, Schlagzeug
und Gesang, das muss reichen. Und es reicht tatsächlich für
ein beeindruckendes und vielschichtiges erstes Lebenszei¬
chen einer Band, der völlig zu Recht eine glänzende Zu¬
kunft prognostiziert wird. Macht was draus! (20:12) (6)
Arne Koepke
EEE
ERDBEERTÖRTCHEN
Humbug, Watson
Tumbleweed/Broken Silence | Luftig, lockerer Boden.
Darauf ein paar der namensgebenden Obststücke, klein,
schnell den typischen Geschmack entfaltend und auf zum
Nächsten. Zack, auch das weg, kurzweilig und in Nuancen
doch immer noch an den Geschmacksknospen verharrend.
Keine langen Anfahrtswege bei dem Quartett aus Duisburg,
Spannungsbögen werden zu Linien und stattdessen mäan¬
dern diese leichten Gitarren durch den Song. Durchdacht
und stringent, eben kein verkopfter Anlauf, die Instru¬
mentalmusik durch Post-Präfixe neu zu erfinden, statt¬
dessen entspanntes Sichfallenlassen in musikalische Hän¬
gematten, die Füße bisweilen in breiten Gitarrenwänden
baumeln lassend. Treibende Beats, eingängig unbeschwerte
Melodien und immer mit genug Ideen, um ein Überfres-
sen an den Törtchen zu verhindern. Wer mag außer ERD-
BEERTÖRTCHEN noch Charme, Spielwitz, Intelligenz, Ver¬
ve und Eingängigkeit so schlüssig zu verbinden? Mir mag
niemand einfallen. Ein dezentes, unaufdringliches Werk,
mit hohem Sättigungsgrad und ohne Völlegefühl. Keine
Kännchen auf der Terrasse? Na dann bitte dasselbe noch
mal. (46:05) (8) Simon Brüggemann
END OF LEVEL BOSS
Inside The Difference Engine CD
Exile On Mainstream | Diese Band hat mit ihrer zweiten
CD definitiv einen großen Schritt nach vorn gemacht, und
zwar auf einem musikalischen Sektor, den es zu erobern
galt, da der bislang nur
spärlich besetzt schien.
War das Ganze auf dem
Erstling „Prologue“ noch
ein wenig, sagen wir, un¬
gewohnt, so kommt ihr
Sound nun vollends zur
Geltung. END OF LE¬
VEL BOSS gingen einst
aus der britischen Noi-
serock/ Stoner-Legende
HANGNAIL hervor, ha¬
ben ihre Wurzeln defi¬
nitiv nie hinter sich ge¬
lassen, jedoch diese durch vielerlei andersartige Einflüs¬
se zu einem knorrigen Soundriesen heranwachsen lassen.
Sie bilden eine beeindruckende Schnittmenge aus den ver¬
trackt voluminösen Klangwelten von VOIVOD, der musi¬
kalischen Präzision von HELMET, der Lässigkeit von ALICE
IN CHAINS sowie derTonlage von KYUSS. Dabei überzeugt
in erster Linie ihr Gitarrenspiel, denn kaum eine andere
Band legt momentan so viel wert auf das perfekte Riff, und
im Zusammenspiel mit der rein analogen, fetten Produkti¬
on, ist den Briten ein wirklich großartiges Werk gelungen.
Für alle, denen geradliniger Stonerrock zu eintönig ist, und
die mehr als nur drei Akkorde zum glücklich werden brau¬
chen, ist diese Scheibe definitiv Pflicht! (41:19) (10)
Frank Nice
ELECTRIC BEATNIKS
s/t CD
Saftkugler/Indigo | Letztens hat sich ein Arbeitskollege
beschwert, dass die Leute heutzutage ja nur noch bei Tech¬
no-Musik tanzen würden. Alles, was von der Grundstruk¬
tur abweicht, wäre für die untanzbar. Natürlich hat er das
weniger gebildet ausgedrückt, aber den Kern trifft es. Zu
stampfenden Rhythmen einen Stammestanz abzuhalten,
ist nicht schwer, allerdings den Soul in Armen, Hüfte und
Füßen zu haben, ist ja schon fast eine Herausforderung. Für
Grobmotoriker ist das Album der ELECTRIC BEATNIKS,
bestehend aus Wolfgang Hagedorn (COMPUTERJOCKEYS)
und Raouf D. Khanfir (MAN VS. NATURE), also nichts.
Beim Opener „Beatnik stomp“ hauchte mir ein zarte Stim¬
me das Wort „Electro-Charleston“ ins Ohr und ich muss¬
te mir Ginger Rogers und Fred Astaire in der 6-Millionen -
Dollar-Mann-Version vorstellen. Funky Beats, mal schnell,
mal langsamer. Mal bluesige Gitarren, dann mal was pun-
kiger, dann wieder gar nicht. Norman Cook ohne Abi-Fe-
ten-Beigeschmack. Je betrunkener man ist und je öfter
der „Ausweichschritt vs. Auf die Fresse fallen“ (zuletzt bei
Henry Storch passiert) kommt, desto amüsanter wird die
Platte. Gefällt, gefällt und ich bin gespannt, was demnächst
noch von dem Kölner Label zu erwarten ist. Timbo Jones
EL SUMO
Was ewig schien... CD
Pias | Berlin, du und deine Bands,
das wird langsam unheimlich. Wäh¬
rend die Kassen so leer sind wie Wo¬
wereits Versprechen, entwickelt
sich die Musikszene zu einem im¬
mer wichtigeren Exportschlager der
Hauptstadt. Auch EL SUMO proben
an der Spree, und zwar so fleißig,
dass sie bereits vor der ersten Veröf¬
fentlichung Verträge unterschreiben
konnten. Ein Schuss ins Knie. Ein ju¬
ristischer Nervenkrieg um die Ver¬
tragsauflösung folgte, EL SUMO re¬
agierten sich im Studio ab und nah¬
men ihr liebevoll verpacktes Debüt¬
album „Was ewig schien ..." auf. Das
Dutzend Songs hält melancholische
Melodien an Schrammelgitarren
bereit. EL SUMO ringen mit dem
Leben, ihre nachdenklichen Tex¬
te erzählen von Liebe und Tristesse.
Deutschsprachiger Collegerock, gar
nicht weit entfernt von den großen
Vorbildern JIMMY EAT WORLD. In
der Langsamkeit hegt die Kraft. Das
werden sicher nicht nur die Berliner
so sehen. Übrigens: Die Thankslist
enthält Grüße an Joachim, die ich
hiermit ausrichte. (42:04) (6)
Arne Koepke
ENEMYGROUND
In Memory Of Them All CD
GSR | Nach dem im letzten Jahr er¬
schienenen „Insufficient Evidence“,
lassen es EG in diesen Tagen mit dem
neuen Album „In Memory OfThem
AU“ noch mehr krachen. Wie ein
Gewitter grollen die einzelnen Songs
aus den Boxen. Schwer, laut und ab¬
solut düster packt es den Hörer und
EG ziehen einen für die Dauer ihres
Albums hinein in einen Abgrund aus
Wut und Brutalität. Immer im Mid-
tempo, erreicht der Sound manch¬
mal fast schon doomige Sphären
und drückt einen irgendwo ganz tief
in der Magengrube. Das ist Hardco-
re der ganz metaUischen Sorte, der
auch vor Death Metal nicht Halt
macht. Songtitel wie „I like you best
skinkless“ und „The plow“ sprechen
Bände für den Hass, auf dem die Ge¬
samtkomposition fußt, und unter¬
stützt durch die fiesen Gurgel-Vo-
cals zwischendurch, sind diese bei¬
den Songs mit die energetischsten
und besten dieses Albums. Wer auf
SHATTERED REALM steht und in
den 90em schon MERAUDER ge¬
hört hat, dem wird das hier auf je¬
den Fall Zusagen. (30:39) (8)
Tobias Ernst
EVERBLAME
Sina CD
Finest Noise/Radar | „Sina“, das
ist das Debüt von EVERBLAME und
bedeutet „She Is No Angel“. Ist da¬
mit die Mieze auf dem Cover ge¬
meint, die sich lasziv auf irgendei¬
nem Waschbären-oder Knut-der-
doofe-Eisbär-Fell räkelt? Solch
plumpe Versuche, die Aufmerksam¬
keit zu erregen, hat das junge deut¬
sche Trio gar nicht nötig. Die neun
Songs wissen auch ohne künstli¬
chen Sexappeal (und hoffentlich
ironisch gemeinte Machotexte wie
„French Quarter“) zu überzeugen. Die Musik liegt irgend¬
wo zwischen Alternative Rock, Post- Grunge und Metal
und wird dominiert von tiefer gelegten Riffs zwischen SIL-
VERCHAIR, GODSMACK und alten HELMET. Frontmann
Raphael singt dazu in einer angenehm rauen und tiefen
Stimme. Mit Label im Rücken dürfte der 2005 gegründe¬
ten Band nun nichts mehr im Wege stehen. Anspieltips sind
das melancholisch-melodiöse „Somewhere eise“ und der
harte Opener „Next“. Und eigentlich gefällt mir das Cover
doch. (30:30) (7) Arndt Aldenhoven
EXPERIMENTAL POP BAND
Tinsel Stars CD
Triumphant Sound | Der Name ist bei der EXPERIMEN¬
TAL POP BAND Programm. Auf dem Album „Tinsel Stars“
präsentieren sie 13 Songs, die - innerhalb des Rahmens
Pop - unterschiedlicher nicht sein könnten. Elektronische
Spielereien, Balladen und knarzige Sounds treffen auf lie¬
bevolle Melodien und tanzbare Beats. Die Band, über die
keinerlei Informationen vorliegen, verspricht mit ihrem
sperrigen Namen nicht zuviel, verarbeitet die unterschied¬
lichsten Einflüsse zu einem heterogenen, aber letztlich
doch schlüssigen Album, das in der nächsten Zeit von nie¬
mandem ein zweites Mal aufgenommen wird. Ob die Welt
dafür bereit ist? (42:41) (5) Arne Koepke
EDISON POST / EVA-01
Split CD
Desertion/Stereosession | EDISON POST kommen aus
der Pariser Region und sind seit knapp zwei Jahren als Band
aktht Live kann die Combo mit ihrem chaotischen Hard-
core sicherlich überzeugen, aber ihr Debüt leidet leider un¬
ter einer recht schwachen Produktion. Gerade bei so ver¬
trackten Songs sollte man darauf achten, dass es kein Brei
wird. Beim Hören der fünf Songs kommen mir BLIND-
SPOT A.D. auf Per Koro, hauptsächlich aber deren Nach¬
folger IRA in den Sinn, allerdings klingen deren Alben we¬
sentlich besser. EVA-01 bieten dann zwar nur drei Tracks,
der Sound ist jedoch wesentlich dichter und sie überzeu¬
gen mich mit ihrem krachigen und bisweilen atmosphäri¬
schen Stil, der was für Freunde von A DAY IN BLACK AND
WHITE sein könnte. Weniger ist eben manchmal mehr und
nächstes Mal vielleicht trotzdem nicht im Studio Low Cost
(sic!) aufnehmen. (34:42) (6) Thomas Eberhardt
EXTINCT
Kill Or Be Killed CD
Winged Skull | EXTINCT, eine junge Nachwuchsband aus
dem Herzogtum Luxemburg (frz. Luxembourg, lux. Letze-
buerg), deren Mitglieder erst mit Gründung der Band 2001
lernten, ihre Instrumente zu benutzen, holpert sich durch
15 Stücke. Bei „Kill Or Be Killed“ handelt es sich um das
zweite Album der Band. Sympathisch rotziger Punk mit
dick aufgetragenen Back-up-Vöcals. Kein Meilenstein der
Musikgeschichte, aber ein überzeugendes Album, mit Tex¬
ten, die ohne Klischees auskommen, und einem sicherlich
hohen Live-Potenzial. Lumpenburg: Sept points. (7)
Dennis Bruns
EXITS TO FREEWAYS
Spilling Drinks, Spelling Names CD
exittoffeeways.de | Von sich selbst sagen EXITS TO FREE¬
WAYS (SPREAD LIKE THE VEINS ON THE BACK OF MY
HANDS), wie sie sich mit vollem Namen nennen, dass sie
„Rock, Rock und Rock“ machen. Doch diese Beschreibung
ist eher ungenau, imvollständig und unpassend. Denn die¬
se Band mit der längsten MySpace-Adresse der Welt ist un¬
gewohnt, unklassifizierbar und auch ein bisschen imver¬
schämt, wie sie da zur Sache gehen. Einfach alle mögli¬
chen Einflüsse in den Mixer zu werfen, fünktioniert hier
erstaunlich gut und vor allem mit einer nur selten erreich¬
ten Energie und Spielffeude. So hört man hier sicherlich
modernen, melodisch-frickligen Hardcore aus AT THE
DRIVE-IN-Kreisen, aber auch 90er-Jahre-Seattle-Grun-
ge sowie einige dieser mittlerweile nur noch stadiontaug¬
lichen T-Shirt-Bands wie BILLYTALENT oder SYSTEM OF
A DOWN. Davon sind diese drei Hamburger Herren zum
Glück weit entfernt, denn zu 7/ 8-Takten lässt es sich auch
als Vierzehnjähriger nur schwer moshen. Man braucht et¬
was Eingewöhnungszeit, aber nach zwei Durchläufen ma-.
chen diese fünf Songs richtig Spaß. In heißer Erwartung auf
ein Live-Erlebnis... (19:19) (8) Christoph Schulz
ELGORDO
The Man Behind The Machine CD
glenghostrecords.com | Hervorragend, das sind KYUSS-
Fans. Als solchen müsste es den Jungs eigentlich als Erstes
auffallen, wie wenig innovativ ihr Debüt ist. Natürlich ist
Innovation keine sonderlich zu berücksichtigende Katego¬
rie, wenn es um Rockmusik geht, allerdings kann man es
mit der Heldenverehrung auch übertreiben. Meine Theorie
zu EL GORDO ist folgende: Ursprünglich als reine Cover¬
band gestartet, hat man schnell festgestellt, dass es am Ge¬
sang ein wenig hapert und schnell peinlich werden kann,
wenn das Vorbild John Garcia heißt. Also doch eigene Stü¬
cke geschrieben. Spiel- und soundtechnisch okay, aber an¬
sonsten ... (57:03) (2) Lars Koch
FFF
FILTHY THIEVING BASTARDS
... I’m ASonOf AGun CD
byorecords.com | Den Kern der Band bilden Mitglieder
der SWINGIN’ UTTERS, die in diesem Rahmen ihr Fai¬
ble für Irish Folk und ruhigere Klänge noch etwas mehr
ausleben. Da ziemlich einsichtig sein sollte, dass die Sache
dann nicht völlig in die Hose gehen kann, kommen wir
gleich zu den wenigen Fehlern des nun schon dritten Al¬
bums der FILTHY THIEVING BASTARDS. Die Produktion
zum Beispiel könnte man als „charmant unausgefeilt“ be¬
zeichnen, wenn man wollte, aber ich will heute mal nicht
und strapaziere diese Ausrede lieber zugunsten von Bands,
bei denen weniger offensichtlich ist, dass sie es eigentlich
hätten besser machen können. Vielleicht ist der nicht ganz
stimmige Sound aber auch nur dem Umstand zu verdan¬
ken, dass die Platte an vielen einzelnen Aufhahmeterminen
über einen langen Zeitraum hinweg aufgenommen wur¬
de. Übrigens tragen die Irish Folk-Elemente zur Klasse der
Band nicht mehr oder weniger bei als auch schon bei den
SWINGIN’ UTTERS: nämlich überhaupt nicht. Sie wirken
eher wie ein Mäntelchen, das man der Platte übergezogen
hat, um ihre eigentliche Natur zu verschleiern: Ein LoFi-
Pop-Album mit starkem Singer/Songwriter-Einschlag,
wie es alternde Punker gerne mal aufnehmen, um sich und
anderen ihren persönlichen Reifüngsprozess zu demonst¬
rieren - ein ziemlich gutes allerdings. (7) Ferdinand Praxi
FUZZYINDEX
Insecure CD
auroramusic.ch | Einen Haufen von Live-Shows hat die¬
ses 2001 gegründete Zürcher Trio schon auf dem Buckel
und veröffentlicht nun sein Debütalbum „Insecure“. Ent¬
gegen des Titels versprühen die Schweizer einen Haufen
Selbstsicherheit und machen sich eine sehr gute Produkti¬
on zu Nutze, um dem Hörer ihren melodischen Punkrock
schmackhaft zu machen. Sie erinnert an frühe NO USE
FOR A NAME und STRUNG OUT und dabei ist vor allem
positiv, dass die FUZZY INDEX recht variabel sind. Da wird
es mal ganz poppig, wie im Opener „Insecure“, in der Folge
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OX-FANZINE 68
REVIEWS
setzen - und McLUSKY damit auch beinahe vergessen las¬
sen. Wenn ich mir dann noch dänische Kollegen wie MEN ¬
FOLK anhöre, dann scheinen die Skandinavier nicht nur in
Sachen Hard-, sondern auch in punkto Noiserock ihren
Vorbildern mal wieder einen Takt voraus zu sein. (38:48)
(8) Chris Wilpert
FUNERAL FOR A FRIEND
Tales Don’t Teil Themselves CD
Warner Music | Waren ihre ersten zwei Alben eher was
fürs Herz, so ist „Tales Don’t Teil Themselves“ ein bisschen
Kopfkino. Ein Konzeptalbum ist es geworden und handelt
von einem Fischer, der auf sehr dramatische Weise fast sein
Leben auf See verliert, und von seiner Familie, die ihn ver¬
misst und nicht weiß, ob sie ihn aufgeben soll oder nicht.
Erstaunlicherweise ist der Band der Wandel, der sich schon
zwischen den Alben „Casually Dressed And Deep In Con-
versation“ und „Hours“ abzeichnete, nämlich vom Hard-
core, Emocore zu schlichtem Rock mit Metaleinflüssen, gut
gelungen. Das Album ist weg vom kleinen Klub und fürs
Stadion geschrieben worden. Dementsprechend pathetisch
klingen dann auch Songs wie „Into oblivion (Reimion)“
oder „Great wide open“, die aber dennoch einfach fan¬
tastische Lieder sind (allein „Into oblivion“ hat einen Re¬
frain, den man für Tage nicht aus seinem Kopf bekommt).
Man sollte der Band diese Entwicklung nicht übel nehmen,
da sie sich selbst immer als Rockband mit aggressiven Ele¬
menten gesehen hat und eben nicht als Hardcore-Kapel-
le. „Tales Don’t Teil Themselves“ ist zwar nicht das wich¬
tigste Album von FUNERAL FOR A FRIEND, aber auf jeden
Fall ihr ausgereiftestes und vielleicht sogar intensivstes. Be¬
stimmt aber nicht das letzte. Ich bin gespannt, was da noch
kommt. (8) Sebastian Wahle
FRÜHSTÜCKSPAUSE
Durchgeknallt im Märchenwald CD
bandwormrecords.de | Punk Pervers - das ist FRÜH¬
STÜCKSPAUSE. In den Texten geht es um speziellere Tä¬
tigkeiten, die wohl der ein oder andere selbst mit höchs¬
tem Genuss zelebriert. Um es kurz zu sagen: Schei*en,
S**fen, Fi**en und ab und zu auch Wi*en. Also, niveau¬
volle Beiträge könnt ihr hier nicht erwarten. Aber warum
auch? Dafür gibt’s ordentlichen Schmuddelpunk zum Mit-
grölen auf die Lauscher. Alle Titel sind in schöne Melodi¬
en verpackt, so dass der Text oft zur Nebensache wird. Und
diese sind teilweise sehr unterhaltsam, aber auch sehr ein¬
fach gehalten und eigentlich ohne Aussage. Das große Plus
ist aber der Spaß-Faktor und der ist auf jeden Fall gegeben.
Wer sich einfach mal 30 Minuten nur mit schönem Fun-
Punk bedudeln lassen will, keinen großen Wert auf Texte
legt und dem die oben aufgezählten Tätigkeiten ebenfalls
gefallen, darf sich die FRÜHSTÜCKSPAUSE genehmigen.
(33:19) (7) SvenGrumbach
FRONTKICK
The Cause Of The Rebel CD
People LikeYou/SPV | Die Berliner Riot City Rockers von
FRONTKICK veröffentlichen mit „The Cause Of The Re-
bel“ ihr drittes Album. Mittlerweile haben die Jungs den
Weg zu PLY gefunden,
und ich denke, das kann
wirklich für beide Seiten
nur eine Bereicherung
sein. Auch wenn mir der
Vorgänger der Street¬
punks, „Underground
Stories“, aus dem Jahr
2004 und die Split mit
den RADIO DEAD ONES
schon extrem gut gefal¬
len haben, schafft es „The
Cause OfThe Rebel“ er¬
neut, mich vom Hocker
zu reißen. Wenn auch der Überraschungseffekt zugegebe¬
nermaßen irgendwie weg ist, weil ich ja schon wusste, dass
die Jungs in der ersten Streetpunk-Liga ganz oben mitspie¬
len. Auf der aktuellen Platte geht es weitaus melodischer
zu, ansonsten bleibt man dem bewährten FRONTKICK-Stil
weitestgehend treu. Schön, dass es Bands wie diese gibt, die
es schaffen ihre Live-Energie und Spielfreude auch auf ei¬
nem - übrigens auch sehr gut produzierten - Studioalbum
rüberzubringen. Nur Fade-outs wie am Ende von „Light
up your throne“ finde ich ganz furchtbar. Aber da höre ich
ausnahmsweise mal drüber hinweg. (37:47) (8)
Claudia Luck
► Auf der Ox-CD zu hören.
FLESH
Fireworks CD
Gern Blandsten/Alive | Während das Debüt von THE
FLESH aus New York zu den großen positiven Überra¬
schungen des Jahres 2004 zählte und sicherlich noch im
Geiste von New Wave und Synth-Dance-Punk entstand -
etwa im Stile von THE FAINT und RADIO 4 -, kommt ihr
aktuelles Album wesentlich poppiger und eingängiger, aber
auch leider etwas langweiliger daher. Sängerin Gabrielle
Zappa „quengelt“ etwas mehr beim Singen und jedweder
dunkler Duktus ist aus der Musik gewichen. Natürlich ver¬
fällt die Reminiszenz-Hölle unweigerlich - teilweise auch
gerechtfertigt - in BLONDIE- und THE PRETENDERS-
Rufe: aber auch die hatten mitunter ihre schlechten Mo¬
mente. Das Album ist irgendwie auf Erfolg getrimmt und
was der zuständige Promoter unter „Art-Pop-Hymne“
versteht, erschließt sich nicht wirklich. „Fireworks“ ist kein
schlechter Zweitling, aber wenn man diesem Genre zuge-
Du machst ein Label, du spielst in einer Band, und willst wissen, wie du auf einen Schlag eine
ganze Menge Leute im In- und Ausland auf deine Musik aufmerksam machst? Ganz einfach -
mit der Ox-Compilation!
Das kostet zwar was, aber wenn ihr interessiert seid und denkt, ihr könntet stilistisch auf eine
Ox-CD passen sowie über gute Studioaufnahmen verfügt, dann schickt uns eine eMail an
kontakt@ox-fanzine,de - im Gegenzug gibt's Details, wie das funktioniert und was das kostet.
wird die Band aber wiederholt rauher und verbindet krat¬
zige Parts mit dem melodischen Grundgerüst ihrer Songs.
Das ergibt immer wieder nette Momente und an der einen
oder anderen Stelle sogar kleine Ohrwürmer. Und alles zu¬
sammen zeigt, dass auch „Insecure“ eines der Alben ist, die
man sich bei Bombenwetter auf Tape ziehen und im alten
Ghettoblaster mit in den Park nehmen sollte, um sie bei
(Malz-)Bier und Sonnenschein zu genießen. Nur: nächstes
Mal vom bescheuerten Cover mit schlammcatchenden Bi¬
kini-Girls absehen, bitte. (25:45) (7) LauriWessel
SAGE FRANCIS
Human The Death Dance CD
anti.com/SPV | „Grandfather, teil me story!“, hat im Jahr
1988 ein kleiner Junge auf einer Platte von MANOWAR
gefordert. Er konnte ja noch nicht wissen, dass nicht nur
die „Kings Of Metal“ mit
dem Geschichtenerzäh¬
len auf Kriegsfuß ste¬
hen, sondern die meis¬
ten Bands nichts wirk¬
lich Wichtiges zu sagen
haben. Vor allem die, die
es immer von sich be¬
haupten. Insofern war
die Veröffentlichung ei¬
nes so klugen politischen
HipHop-Albums wie „A
Healthy Distrust“ von
Sage Francis auf Epitaph
Records im Jahr 2005 das Beste, was der Punk-und Hard-
core-Szene seit langem passiert ist. Und auch wenn der
studierte Journalist und Kommunikationswissenschaft¬
ler mit seinem aktuellen Album wieder zum intimeren
Ton seiner „Personal Journals“ aus dem Jahr 2002 zurück¬
kehrt, so finden sich auch auf „Human The Death Dance“
Sätze, die man am liebsten auf ein Banner malen und bei
einer Demonstration wütend vor sich hertragen würde.
„They can repeat history / But can’t recycle paper“, ist zum
Beispiel so ein Satz. Von einem Mann, der auf Alkohol und
Drogen verzichtet, sich aber trotzdem niemals als „Straight
Edge“ bezeichnen würde, weil er der Meinung ist, dass man
sich nicht „über das definieren sollte, was man nicht tut“,
kann nicht nur die Hardcore-Szene etwas lernen. Sondern
vielleicht sogar MANOWAR. Thomas Renz
ADE FENTON
Artificial Perfect CD
Submission | Is Gary Numan still electric? Definitiv. Und
zwar sehr real in Gestalt von Ade Fenton, der durch eine
gute Numan/TUBEWAY ARMY-Schule gegangen ist: kalte
elektronische Isolation-Sotmdscapes, bei denen der Kunst¬
nebel quasi mitgeliefert wird. „Artificial Perfect“ ist ein
sehr intensives Album und setzt die Zusammenarbeit von
Fenton mit Gary Numan fort. Die erste Single-Auskoppe-
lung „Healing“ ist das Ergebnis der Zusammenarbeit beider
Musiker und erinnert stark an das klaustrophobische und
eindringliche Epos „Absolution“ von Numan. Fenton ko¬
piert indes nicht, sondern entwickelt seinen eigenen Stil,
der auch Raum für Einflüsse von CABARET VOLTAIRE,THE
COVENANT und FRONT 242 lässt. Ein konstant guter und
dichter Dark Wave-Teppich mit Tiefe. Fenton wird auch
am nächsten Album von Numan mitarbeiten und bis da¬
hin verbleibt sein Album als perfekte Ersatzdroge für Nu-
man-Fans. In der Tat ist das Album „The real confession of
an English psychopath". (41:54) (9) Markus Kolodziej
FILM
s/t CD
atmospheriques.com/Alive | Sync, so nennt man den
Vorgang, wenn ein Song einer Band für einen Werbespot
genutzt wird. So geschehen bei THE FILM und „Can you
touch me“, dem ersten Song ihres selbstbetitelten ers¬
ten Albums, der für eine Peugeot-Webung benutzt wurde.
Oft werden Indie-Bands für diese Art von Ausverkauf ihrer
Songs kritisiert, aber im Fall von THE FILM sieht man mal
wieder wie nützlich so eine Sync sein kann. Immerhin ha¬
ben sie es so in kürzester Zeit auch in den Nachbarländern
ihrer Heimat Frankreich zu einem erstaunlichen Bekannt¬
heitsgrad gebracht. Bleibt zu hoffen, dass dies keine Ein¬
tagsfliege ist, ein Schicksal vieler Bands, die es mit Hilfe ei¬
ner Werbung zum Hit gebracht haben. (43:30) (6)
Nina Maenz
FUN
Zu-Pa! LP/CD
ifsociety.com | Man fragt sich ja gerne, was für eine un¬
glaubliche Energie und was für ein Zauber im Electrical
Audio Studio in Chicago wohl herrschen muss, dass mit
Steve Albini an den Reglern immer so ausgesprochen gro߬
artige Alben zustande kommen. Das finnische Trio FUN hat
für sein zweites Album mit dem lautmaler ischenTitel „Zu-
Pa!“ nur drei Tage dort zugebracht, um ein dynamisches,
schnelles und lautes Hardcore/Noiserock-Werk einzu¬
spielen, das Albinis eigenen Werken der frühen 90er das
Wasser reichen kann. Aber FUN interessieren sich nicht für
rockistische Verweigerung und mathematische Takt/Ge¬
gentakt-Spielereien. FUN meint Fun! Lärm, Rock, Wut und
Energie - schnell, laut und präzise. Der Hai auf dem Co¬
ver mit dem weit aufgerissenen Maul macht das deutlich:
Hier geht es um entfesselte Aggression und ungebändigte
Wut. Man fragt sich in der Tat, ob Herr Albini das nicht be¬
ängstigend Vorkommen muss, dass da drei Finnen SHEL-
LACs „At Action Park“ wohl immer und immer wieder ge¬
hört haben, um dann mit ihrem Album noch eins draufzu-
Artwork by terminal-art.de
01 MUNICIPAL WASTE {Richmond.VA, USA)
Das dritte Album von MUNICIPAL WASTE ist eine
musikalische Zeitreise in eine längst vergangene
Zeit, in der Crossover noch nicht für das wahllose
Zusammenpanschen miteinander inkompatibler
Musikstile stand, sondern für eine Mischung aus
Hardcore und hartem Metal, die zudem noch originell,
spannend und verdammt unterhaltsam war.
02 ADJUDGEMENT (Hannover, Germany)
Das vierzehnte Jahr ihres Bestehens feiern
ADJUDGEMENT mit einem neuen Album, das
streckenweise überraschend punklastig klingt, mit
den Hardcore-Wurzeln der Hannoveraner jedoch
keinesfalls bricht. Auch textlich hinterlässt die Gruppe
einen nachhaltigen Eindruck.
15 Hl TERESKA (Wassenberg, Germany)
HI TERESKA (ex-EINLEBEN) liefern mit ihrem
Erstlingswerk eine beeindruckende Platte ab. Zwischen
Punk und Pop, zwischen Rock und Emo, ganz eigen, mal
zart, mal hart, aber immer auf die Fresse. Oder auch: ein
gekonnter Spagat zwischen Lärm und Pop,
16 MUFF (Hannover,Germany)
Man nehme drei Jungs, die allesamt fit an ihren
Instrumenten sind, lasse diese gefälligen Punkrock mit
viel Melodie und genügend Pop-Attitüde spielen und
stelle ihnen zwei attraktive Punk-Mädels am Mikro
dazu. Das ergibt dann MUFF aus Hannover.
17 THE STYRENES (NewYork, USA)
„City Of Women“ von den STYRENES ist eine
unmögliche Mischung aus großstädtischem
Rocksong, Art-Punk und Glam-Rock-Resten. Die
Qualitätsmerkmale für Rockmusik härterer Gangart
gelten trotzdem: hart, rau, garstig. Ein Rockalbum, wie
man es lange nicht mehr gehört hat.
03 RENTOKILL (Wien, Austria)
RENTOKILL aus der Wiener Neustadt legen mit
„AntiChorus“ ihren zweiten Longplayer vor. Und auch
hier gibt es wieder politisch motivierten Punkrock im
Stil von STRIKE ANYWHERE und PROPAGANDHI. Es
sind Bands wie RENTOKILL, die uns darin erinnern,
worum es beim Punkrock eigentlich geht. Im
September auf Deutschlandtour.
04 FRONTKICK (Berlin, Germany)
Das dritte Album von FRONTKICK namens „The Cause
OfThe Rebel“ zeigt die Entwicklung vom harten Street-
Punk der Anfangstage zum deutlich vielschichtigeren
Sound der heutigen Zeit. Das Ergebnis gehört zum
Besten, was die Szene im Moment zu bieten hat.
05 STATUES (Sudbury,Canada)
Auf Ihrem zweiten Longplayer kombinieren STATUES
englischen Mod-Punk in der Tradition von THE CLASH
oder THE JAM mit der Energie der frühen WIPERS und
den Pop-Punk-Ohrwurm-Melodien der MANIKINS.
Und das alles im neongelben Siebdruckcover.
18 ZOMBIE GHOST TRAIN (Sydney, Australia)
Psychobilly trifft auf MISFITS-liken Punkrock und
coolen Greaser- Rock’n’Roll, und irgendwie erinnert das
hier an eine sehr gelungene Kombination aus TURBO
AC’S, STRAY CATS und TIGER ARMY. Exzellent auch die
Produktion sowie die handwerkliche Umsetzung.
19 HELL CRAB CITY (Sydney, Australia)
Die aus Sydney stammenden HELL CRAB CITY um
Alan Creed spielen klassischen Oz-Rock, den man mit
RADIO BIRDMAN, ASTEROID B-612 und POWDER
MONKEYS vergleichen kann. Aber auch wer BORED!,
BROTHER BRICK oder COSMIC PSYCHOS liebt, wird
hier bestens bedient.
20 NO SHAME (Salo, Finnland)
Das vierte Album dieses Quartetts ist nicht einfach ein
weiteres Album aus Finnland, sondern NO SHAME
hauen derart auf den Putz, dass man meint, die
Achtziger seien wieder zurückgekehrt. Die Melodik von
Punk trifft auf die brutalen Riffs der frühen Hardcore-
Bands.
06 CHIP HANNA (Tempe, AZ, USA)
Chip Hanna is a country boy, aber egal in welchem
Genre - von Bluegrass über Psychobilly bis hin zu
kalifornischem Street-Punk - wenn Chip Hanna den
Mund aufmacht, gibt es nur eines: Chip Hanna is the
deal!
21 GUFF (Athens, GA, USA)
Laut ihrer Myspace-Seite klingen GUFF wie „your
balls getting chopped up in a mixer“. Aber auch das
weibliche Geschlecht sollte sich für ihren Punkrock, der
angenehm an die Neunziger Jahre erinnert, erwärmen
können. Was vor allem an den tollen Refrains liegt.
07 DISTEMPER (Moscow, Russia)
Oft respektvoll als die russischen MIGHTY MIGHTY
BOSSTONES bezeichnet, spielen DISTEMPER eine
perfekte Mischung aus druckvollen Punk-Rhythmen
und tanzbaren Ska-Elementen. Unverwechselbar durch
den rauen russischen Gesang.
22 CURLEE WURLEE! (Düsseldorf, Germany)
CURLEE WURLEE vermischen Sixties-lästigen
Orgelbeat, Garage, Punk und Surf, zu höchst originellen
„frenglischen“ Kompositionen. Zusätzlich bieten die
Düsseldorfer wirbelnden Tanz-Beat und noch mehr
girlzentrischen Gesang.
08 DALLAX (Tokyo, Japan)
Etwas, das vielen japanischen Ska- beziehungsweise
Ska-Punk-Bands gemein zu sein scheint, ist ein
Hang zum Perfektionismus. DALLAX sind hierfür ein
Paradebeispiel. Zum Vergleich können deshalb auch
ihre Landsmänner von KEMURI herangezogen werden.
09 BAD NENNDORF BOYS
(Bad Nenndorf, Germany)
Die BAD NENNDORF BOYS sind eine siebenköpfige
Ska-Punk-Band aus dem gleichnamigen Kurort,
haben den „Made in Schaumburg“-Contest gewannen
und laden zur Ska-Party mit allem was dazugehört:
mitsingtaugliche Songs, eingängige Melodien und
schmissige Refrains.
10 MAMBO KURT (Germany)
Mambo Kurt zelebriert die hohe Kunst des Weglassens
und Nichtsingenkönnens. Jeder Song ist eine Hommage
an die Originalinterpreten. Ein guter Song bleibt eben
ein guter Song, auch wenn man ihn auf der größten
jemals gebauten Heimorgel spielt. Der Soundtrack zum
Kücheputzen, Autofahren oder Liebe machen.
11 BAGIO (Hamburg, Germany)
Viele Wechsel, viele ungerade Rhythmen. Mal leise,
mal schnell, mal krachig, mal experimentell. Man
könnte Bebop-Hardcore dazu sagen. Andere nennen
es auch Avantgarde- oder ADHD-Musik (Attention
Deficit/Hyperactivity Disorder oder zu deutsch
Aufmerksamkeitsdefizit -/ Hyper aktivitätsstörung).
12 ABWÄRTS (Hamburg/Berlin, Germany)
Das neue Album von ABWÄRTS wurde vom
Mastermind der Band, Frank Z., sowie Rod von den
ÄRZTEN produziert. Auch die Texte tragen die typische
Handschrift von Frank Z.: sarkastisch, zynisch, aber
immer humorvoll. Musikalisch hat man sich diesmal
auch poppigen Elementen zugewendet, wobei allerdings
der alte ABWÄRTS-Stil eindeutig zu identifizieren ist.
23 THE CRETINS (Wien, Austria)
Vom allgegenwärtigen Emo-Trend unbeeindruckt,
ziehen die vier Jungs aus Österreich ihr Ding durch
und liefern geradlinigen und Energie geladenen Sing-
Along-Punkrock, der sofort im Ohr hängen bleibt.
24 SMALL TOWN RIOT (Hamburg, Germany)
SMALL TOWN RIOT kommen aus Hamburg, der
Name stammt aber vermutlich noch aus ihrer Zeit
in Buxtehude. Gespielt wird Street-Punk, der sich
hochemotional zur „Working dass“ bekennt.
25 THE SEWER RATS (Köln, Germany)
Bands mit Kontrabass passen in der Regel nicht in
Schubladen, aber die mit der Aufschrift Punkrock
ist ja zum Glück recht groß: THE SWEWER RATS
sind beeinflusst von Bands wie NOFX, LAGWAGON,
RANCID, SOCIAL DISTORTION, STRAY CATS oder
BATMOBILE.
26 FUNNYLOVEPAINFUL (Neumünster, Germany)
Independent-Rock'n’Roll aus dem Land zwischen Flens
und St. Pauli. Das gleichnamige Album der Oxmox-
Bandcontest-Finalisten, Rock & Poppreis-Finalisten
und BAMBIX-Supporter ist kein Trallala, sondern
Geschepper!
27 M.A.M.A. (Wiesbaden, Germany)
MEANDMYASSHOLE sind nach wie vor drei bekloppte
alte Herren ausWiesbaden. Hier geht es um Rock’n’Roll
und eine Kick-Ass-Attitüde - immer treffsicher am
guten Geschmack vorbei. Provokant? Ja! Debil? Ja!
Ironisch? Auf jeden Fall!
28 DEMOLITION IN PROGRESS (Haan. Germany)
Bei einem Trinkgelage, einem Festival oder einem
Konzert haben sich DEMOLITION IN PROGRESS
gegenseitig davon überzeugt, dass sie eine Band gründen
und Instrumente lernen sollten. Diese Reihenfolge
führte nahezu unausweichlich zum Bandnamen.
13 MATULA (Hamburg, Germany)
MATULA haben sich 2003 gegründet, und nach ihrem
erstem Lebenszeichen aus dem Jahr 2004, der Vier-
Track-Vinyl-Single „Gute Sache, aber ohne mich“,
ist die Band aus Hamburg jetzt mit einer neuen Platte
dabei und nennt das Ganze hafenstädtisch nüchtern
„Kuddel“.
14 JUPITER JONES (Saarbrücken, Germany)
„Entweder geht diese scheußliche Tapete - oder ich“.
Die letzten Worte Oscar Wildes gaben der neuen
JUPITER JONES-Platte ihren Titel. Man hat sich die
Ungestümheit der jungen Jahre ein wenig vom Revers
geklopft und trotzdem Sturm und Drang behalten. Ein
Hybrid aus Altbewährtem und „nach oben offen“.
OX-FÄNZINE 69
REVIEWS
neigt ist, sollte man sich eher auf die artverwandten YEAH
YEAH YEAHS, THE ROGERS SISTERS oder eben die Wur¬
zeln in Gestalt unter anderem von den AU PAIRS konzen¬
trieren. Im Sommer sind THE FLESH mit Ted Leo auf Tour,
das kann wieder spannender werden. (23:50) (6)
Markus Kolodziej
FELIX CULPA
Duft CD
Capitol East Road/Radar Music | Schon das fünfte Album
haben die Norddeutschen FELIX CULPA am Start. Respekt.
Wird es da nicht langsam mal Zeit, nach Berlin zu ziehen?
Ihr neues Werk „Duft“ kann man zwar nicht riechen, aber
trotzdem genießen. Zehn Rocksongs mit deutschen Tex¬
ten, mit Gefühl interpretiert und Kanten an den richtigen
Stellen. Manchmal erinnern sie ein bisschen an MADSEN,
wobei der Vorwurf des Plagiats haltlos wäre, allein auf¬
grund der Tatsache, dass FELIX CULPA bereits im zehnten
Jahr über die Bühnen der Republik brettern. Wer so lange
schon der eigenen Sache die Stange hält, ist mit echter Lei¬
denschaft dabei. Die vier Herren sind weiterhin unange-
passt und spielffeudig und machen das, wovon viele andere
Bands nur reden: ihr Ding. (35:01) (7) Arne Koepke
ROBBIE FULKS
Revenge 2CD
Yep Roc/Cargo | Fängt ein bisschen sesamstraßenmäßig
an, mit einer Art Minihörspiel, Gespräch mit dem Platten-
boss. Daraus resultierend, denn der möchte die neue Platte
nicht nur schnell sondern auch billig, gibt es sodann diese
Doppel-Live-CD. Dann ist auch Schluss mit albern, es folgt
angenehmer Country-Blues mit Swing-Anleihen, eher al¬
ternativ als klassisch. Dies jedoch nur auf der ersten CD,
die, wohl weil die Band im Stehen spielt, logischwerwei-
se „Standing“ betitelt ist. Die zweite CD bietet dann mehr
klassisches Singer/Songwriter, der Country tritt hier in
den Hintergrund, das Ganze ist akustisch gehalten. Daher,
logisch, ist diese mit „Sitting“ betitelt. Obwohl mir die ers¬
te CD durchaus gefällt, komme ich bei der sitzenden Fas¬
sung doch mehr auf meine Kosten, weil hier ein paar wirk¬
lich sehr schöne Stücke entstanden sind. Allerdings ver¬
strickt sich der Akustikgitarrist ein paar Mal zu oft in ver¬
spielte Zupfausflüge. Das gefallt natürlich dem anwesen¬
den Publikum sein, die das auch stets mit Applaus hono¬
rieren, zu Hause am Player nervt es etwas. (40:15/44:31)
(6/6) Claus Wittwer
FLYING DONUTS / JOYSTIX
This Machine Makes Loud Records CD
Jose | Die FLYING DONUTS aus Frankreich haben sich
hier mit den ungarischen JOYSTIX zu einer Rock’n’Roll -
Split-CD zusammengefünden, die wirklich sexy ist. Vor al¬
lem hat mir der französischakzentige Gesang vom Donuts-
Sänger angetan, in welchem er uns fünf knackige Num¬
mern lang seine Rock’n’Roll-Weit erklärt. Auch JOYSTIX
haben sich seit ihrem letzten Release einigermaßen gestei¬
gert und überzeugen mich zunehmend, nicht zuletzt, weil
ihre Texte weniger aufdringlich pubertär sind als noch bei
den vorangegangenen Veröffentlichungen. „My life is only
Rock’n’Roll / Even if I must get a job“, radebrecht Jeremie
von den Donuts.Tja, wem sagt er das... (29:32) (8)
Simon Loidl
FALL OF TROY
Manipulator CD
EqualVision | FALL OF TROY hätten Helden werden kön¬
nen. Mit ihrem EqualVision-.Debüt „Doppelgänger“ haben
sie es geschafft, ausnahmslos jeden für sich zu begeistern,
ASBESTOS DEATH
Dejection, Unclean MCD
Southern Lord/Soulfood | Lustig: Vor einer halben Ewig¬
keit lernte ich in der Schlange vor dem Eingang des legen¬
dären Gilman Street-Clubs in Berkeley einen Typen ken¬
nen, der mir, nachdem
ich erwähnt hatte, dass
ich ein Fanzine mache,
eine 7" seiner Band AS¬
BESTOS DEATH zusteck¬
te. Ich hatte die Band
bald wieder völlig ver¬
gessen, doch jetzt halte
ich diese 4-Song-CD in
den Händen, auf der die
jeweils zwei Songs der
Singles „Unclean“ (da¬
mals von der Band selbst
veröffentlicht) sowie
„Dejection“ (auf Profane Existence) enthalten sind. Was die
Sache interessant macht: ASBESTOS DEATH waren die di¬
rekte Vorgängerband von SLEEP sowie OM und HIGH ON
FIRE, und die düsteren, brachialen Doom-Songs gingen
nach dem Ende von AD ins SLEEP-Repertoire über. Dank
eines guten Remastering-Jobs klingen die Songs besser als
damals auf Vinyl, so dass alle Fans der Dope-Metaller hier
bestens bedient werden. (20:00) (7) Joachim Hiller
BASTARDS
Schizo Terrorist LP
Feathered Apple | Im Zuge der „Swisspunk“ -Buchver¬
öffentlichung fiel auch wieder Licht auf eine alte, beina¬
he vergessene Band aus Genf: THE BASTARDS hieß die For¬
mation, die vom aus Ägypten eingewanderten und da¬
mals, 1978, schon 3 0 Jahre alten Sandro Sursock gegründet
wurde. Sandro war Sänger der Band, Marie-Pierre die Co-
Chanteuse, und die Aufnahmen, die sich auf dieser LP fin¬
den, stammen aus dem Jahr 1978. Als die BASTARDS 1977
ihre ersten Gehversuche machten, war das beschauliche
Genf noch nicht auf Punkrock vorbereitet, und so artete
das erste Konzert im November auch in eine deftige Schlä¬
gerei mit dem örtlichen Rockergesocks aus. Diese und zig
weitere Anekdoten gibt’s in den sehr umfangreichen Liner-
notes von Sandro zu lesen, die auf der Rückseite des der
LP beiliegenden Posters abgedruckt sind, und wenn der
schreibt, dass ihnen der New'Yorker Punkrock näher gewe¬
sen sei als der englische, trifft er damit den Nagel auf den
Kopf: Teilweise klingen die Songs hier wie von den klei¬
nen Brüdern der HEARTBREAKERS gespielt, und wer weiß,
womöglich hat das damit was zu t,un, dass die UN-Stadt
Genf letztlich New York City kulturell näher war als Lon¬
don. Und dafür spricht dann auch, dass hier eine echt sehr
gute Coverversion von Patti Smiths „Gloria“ enthalten ist.
Ein absoluter Meilenstein des „Swisspunk", diese Aufnah¬
men, und deshalb unbedingt zu empfehlen. (8)
Joachim Hiller
BORN TO LOSE
Old Sears CD
peoplelikeyourecords.com | Wer auch nur annähernd et¬
was mit Streetpunk und Rock’n’Roll anfangen kann, kann
mit einem blinden Griff in die People LikeYou-Releasekis-
te mit Sicherheit noch nie falsch gelegen haben. So wird
auch die neue BORN TO LOSE-Veröffentlichung keinen
gestandenen Rocker leer ausgehen lassen. Allerdings han-
der auf intelligente und verkopfte Musik steht. Die Band
um Sänger und Gitarrist Thomas hat damals alles richtig
gemacht, indem sie nämlich genau das gemacht haben, was
ihnen gerade durch den Kopf ging. Das Ganze hörte sich
dann an wie ein von der Leine gelassener Tiger, der tage¬
lang nichts zu fressen bekam. Nun haben FALL OF TROY
aber ein Problem: „Manipulator“ hört sich wie eine B-Sei¬
ten Kollektion für „Doppelgänger“ an. Irgendwie klingen
die Songs nicht so ganz ausgereiff und denen des Vorgän¬
geralbums sehr ähnlich. Dazu kommt noch, dass die drei
eigentlichen Ausnahmetalente einen unheimlich peinli¬
chen Popsong („Oh! The casino!") aufgenommen haben,
der nicht mal wie ein Aufmerksamkeit erhaschendes Ele¬
ment wirkt, sondern einfach nur nervt. Was bleibt, ist ein
sehr bitterer Beigeschmack und die Frage, ob es nicht bes¬
ser gewesen wäre, wenn sich FALL OF TROY dann nicht
doch beim Schreiben ihrer Songs ein bisschen länger Zeit
gelassen hätten. (6) Sebastian Wahle
GGG
GASLICKER
s/t CD
gaslicker.de | Früher hätte ich ja gesagt, dass ich Bands,
die MySpace- Seiten angeben, aus Prinzip nicht rezensiere.
Jetzt, wo auch das Ox dort zu finden ist, geht das natürlich
nicht mehr (aber vielleicht kann mir ja mal jemand erklä¬
ren, was genau der tiefere Sinn hinter MySpace ist). Frech
finde ich trotzdem, dass GASLICKER ihre „Normal"-Site
einfach mit „under construction“ versehen und stattdes-
sen auf ihren MySpace-Auftritt verweisen. Wie auch im¬
mer. Auf ihrer in Eigenregie releaseten 4-Track-EP rocken
die fünfWörmser zwar geschmeidig dahin, aber ein biss¬
chen fehlt mir das Feuer. Dafür haben sie sich aber einen
schönen Cadillac fürs Cover-Posen ausgeliehen. Man wird
noch von GASLICKER hören. (15:03) (6) Simon Loidl
GOODS
s/t CD
tear-it-uprecords.nl | Die GOODS sind aus dem nieder¬
ländischen Eindhoven, und bei Neo-Rock’n’Roll aus die¬
ser Gegend denkt man unweigerlich an PETER PAN SPEE¬
DROCK. Entsprechend hoch liegt sofort die Latte und die
GOODS hüpfen da nur mit großer Mühe drüber. Spee¬
drock sind die GOODS sicher keiner, aber das muss ja nicht
unbedingt ein Nachteil sein. Die vier Holländer stehen mit
einem Fuß ziemlich tief in der 80er-Hardrock-Tradition,
mit dem anderen wühlen sie im Classic-Rock-Sumpf und
peppen das Ganze mit dem einen oder anderen schnelleren
Riff auf. Dabei gelingen den GOODS ein paar recht feine
Nummern, die durchaus Lust auf mehr machen. (37:10)
(7) Simon Loidl
GROUNDZERO
Head-On Collision CD
gz-crew.de | Die Herren von GROUND ZERO aus Schwe¬
rin bezeichnen sich selbst als Mecklenburger-Hardcore -
Walze. Okay, auf Schwerin wäre ich jetzt nicht unbedingt
gekommen, wenn ich es nicht gewusst hätte, aber Hard-
core-Walze kommt hin. Die Kapelle wurde mir von Tost
von VOLXSTURM ans Herz gelegt, und ich muss sagen, der
Mann hat ein Händchen beziehungsweise Öhrchen für
gute Musik. GROUND ZERO haben sich übrigens im Jahr
2001 formiert und nach „Hatezone“ aus dem Jahr 2003 ist
„Head-On Collision“ nun die zweite Veröffentlichung der
Band. Die Hardcore-typischen Tempowechsel und Arbeits¬
teilung beim Gesang gefallen mir bei den Jungs erstaunlich
delt es sich hier um eine Zusammenstellung rarer Songs
alter Platten und unveröffentlichtem Material. Und auch
wenn die fünfTexaner 2000 schon große Singalong-Wor-
king-Class-Pub-Punk-Hymnen geschrieben haben, so
nimmt die üble Soundqualität selbst anspruchslosen Tau¬
genichtsen wie mir ein wenig die Freude. Wer noch nie et¬
was von BTL gehört hat, muss definitiv mit dem ’06er Al¬
bum „Sweet Misery“ anfangen. Für alle, die diese schon
besitzen oder letztes Jahr auf ihrer ersten Europatour ein
Bierchen mit den überaus sympathischen Kerlen getrun¬
ken haben, ist dieser Einblick in die Bandgeschichte natür¬
lich trotzdem Pflicht! (47:35) (7) MarioTuriaux
BLACKOUT ARGUMENT
Munich Angst MCD
Bastardized | Die Erstauflage von „Munich Angst“ auf dem
englischen Label Engineer Records war innerhalb kürzes¬
ter Zeit ausverkauft und so gibt es nun eine zweite Auflage
mit neuem Artwork und zusätzlichem Video auf Bastardi¬
zed. Dass hier ehemalige Mitglieder von PAINTTHETOWN
RED und FLYSWATTER mit von der Partie sind, kann man
durchaus hören: Hardcore-Riffs treffen auf kraftvollen,
melodischen Gesang. Ist etwas moderner als PTTR, wobei
ich auch gut ohne die melodischen Gesangsparts auskom-
men würde, aber das scheint ja unumgänglich zu sein. Gr¬
undsolide, nicht mehr, nicht weniger. (14:22) (6)
Thomas Eberhardt
BRAINBOMBS
s/t CD
myspace.com/pollymaggoorecords | In den vergange¬
nen Jahren habe ich vid gehört, und ich bin einiges ge¬
wohnt, was Noise, Krach oder schlichte Lärmbelästigung
angeht, aber was die BRAINBOMBS aus Norwegen zeleb¬
rieren, das wird unter Missachtung der Menschenrechte si¬
cher auch in Guantänamo erfolgreich für den Schlafent¬
zug eingesetzt. Unglaublich, wie eine Band, die - wie auf
den Live-Aufnahmen am Ende der CD zu hören ist - einst
einen derart flotten und wuchtigen Sound hatte, ihr Tem¬
po und ihr „Können“ derart drastisch reduziert hat, um ei¬
nem so vordergründig „dilletantisch“ auf die Nerven zu
gehen. Dass das allerdings alles andere als Dilettantismus
ist, was hier regiert, stellt man sehr schnell fest, denn hier
passt der Krach zum Thema, ohne zum reinen Selbstzweck
zu verkommen. Die harten Tough Guys können mit dieser
Band wirklich einmal ausloten, wie hart sie tatsächlich im
Nehmen sind oder wie weit ihre musikalischen Grenzen
gesteckt sind. Der harte Stoff, das sind die BRAINBOMBS,
die einstige Debilokönige wie die DRUNKS WITH GUNS
(nach der ersten 7“ denkt man noch „ha, Drunks gehört!“)
wie nüchterne Antialkoholiker mit Hochschuldiplom aus-
sehen lassen. Thematisch dreht sich übrigens alles tun den
Schmutz, den man lieber nicht in seiner Nachbarschaft ha¬
ben möchte, von daher ist das schneeweiße Cover schon
der allererste Schlag ins Gesicht. The real shit! (10)
kalle stille
BEERZONE
Against The Flow/Strangle All The Boybands CD
Overground | Das mittlerweile zehn Jahre alte Label Over-
ground Records aus Newcastle veröffentlicht hier das zwei -
te und das dritte Album der britischen Streetpunks BEER¬
ZONE zusammen auf einer CD. Dabei sind diese beiden Al¬
ben der Band unfassbar unterschiedlich. „Strangle All Boy¬
bands“ erschien 2001 und stand als Zweitling dem Debüt
gut, obwohl ich normalerweise aus dem Bereich nicht be¬
sonders viel mag. Auch wenn der Spaß nach knapp siebzehn
Minuten schon wieder vorbei ist, macht „Head-On Colli¬
sion“, das ja eigentlich schon seit 2005 draußen ist, mich
neugierig auf den für diesen Sommer geplanten Nachfol¬
ger. Und live kommen die bestimmt auch nicht schlecht.
(16:58) (7) ClaudiaLuck
GODDAMN WHORES
We Are The Lucky Thirteen CD
Round/Cargo | Klassische Variante der Geschichte mit
dem Buch, dem Umschlag und dem Vorurteil. Bei dem Na¬
men und dem Sheriffstern auf dem Cover war ich sozu¬
sagen von Kopf bis Fuß auf Country oder vielleicht noch
Folk eingestellt. Aber völlig daneben gezielt, dabei roch es
so verdächtig nach akustischem Alleingang. Aber nur fast,
auch wenn hinter den.GOD DAMN WHORES hauptsäch¬
lich Jon Poole (CARDIACS, Teilzeit-WILDHEART) steckt.
Produced, written und auch sonst alles von ihm selbst, er¬
wähnenswert in dem Zusammenhang die Besetzung der
Bassistennebenrolle mit Ginger (Vollzeit-WILDHEARTS).
Und dann nix mit lahmer „Unplugged“-Selbstverwirkli¬
chung. Sondern ein munterer Parforce-Ritt durch Glam,
Punk, Pop, Rock, der sich ganz klar vor all den Pferden ver¬
beugt, die schon auf diesem Turf trabten. Kurzweilig, un¬
terhaltsam, eingängig, und schön britisch, schön snotty.
Herz, was willst du mehr? Unbedingt im Laden oder im
www mal reinhören. (40:05) (8) Tom Küppers
GILJOTEENS
Out Of Our Hands CD
copasetic.de | In wenigen Ländern - ausgenommen viel¬
leicht Griechenland - wird die Tradition des nordosta¬
merikanischen Moody-Garage-Punk so kompromisslos
und talentiert fortgefuhrt wie in Schweden. Neben Jens
Lindbergs MAHARAJAS sind die GILJOTEENS zweifellos
die Speerspitze der Bewegung. Und mit ihrem neuen Al¬
bum auf dem sympathischen CopaseDisques-Label gießen
sie fleißig alle Zutaten nach Formel M zusamen, um wie
eine verpickelte New-England-Teenbeat-Combo zu klin¬
gen. Dazu gehört neben der herrlich jaulenden Farfisa-Or-
gel natürlich der obligatorische Fuzztone, mehrstimmige
Background-Vocals, schön traurige Melodien, Texte vol¬
ler Pessimismus und Melancholie, und das Bewusstsein,
dass man niemals die scharfen Bräute abbekommen wird,
die sie in ihren flehenden Lyrics besingen. Also eigentlich
eine reine Losertruppe, wären die Songs nicht so extrem
gut komponiert, spielten sie nicht so dermaßen locker auf
den Punkt, wie sie es nun mal tun. Zehneinhalb großartige
Eigenkompositionen und eine Zusammenarbeit mit Jens
Lindberg, das reicht für allerlei verregnete Frühsomnerta-
ge! (8) Gereon Helmer
GUILTY GUITARS
Days Of Golden Wealth CD
Walk By Your Side MCD
guiltyguitars.com | Die GUILTY GUITARS aus Hamburg
haben hier gleich ihre komplette Diskografie geschickt.
Der Bandname klingt verdächtig nach Schweinerock, aber
damit hat das Trio zum Glück wenig zu tun. Vielmehr er¬
wartet den Hörer eine erstaunliche Bandbreite an Stilen,
die sich über beinahe psychedelische Rocknummern über
klassischen Alternative bis hin zu beatle-esken Popsongs
erstreckt. Zumindest für den Erstling konnte die Band so¬
gar den deutschen Rock & Pop-Preis für das beste Alter¬
native-Album des Jahres 2006 einheimsen. GG sind also
umtriebiger als ich vermutet habe. Vielleicht klappt es ja
wirklich mit der avisierten Aufnahme eines Live-Albums
„They Came.They Saw.They Conquered“ in puncto Ficken,
Saufen, Oi! in nichts nach. Songs wie „Drinking legend“,
„Posh Spiee“ und „Punk rock party" sind zwar klasse Songs,
aber insgesamt war mir „Strangle All The Boybands“ zu
einseitig prollig. Live macht das noch Sinn, aber zu Hau¬
se und nüchtern irgendwie nicht mehr. „AgainstThe Flow“
hingegen, das 2004 rauskam, klang und klingt wesentlich
reifer und einfach wie ein straightes Streetpunk-Album:
Keineswegs langweilig aber auch nicht auf Teufel komm
raus prollig und lustig. Worauf ich mich aber weitaus mehr
freue als über dieses Re-Release, ist das anstehende neue
Album der Band mit dem Arbeitstitel „Kingdom Of The
Dead“, das für den Sommer ansteht, sowie die obligatori¬
sche Tour. Ich bin mal gespannt. (7 3:00) Claudia Luck
FRANK BLACK
93-03 CD
Cooking Vinyl/Indigo | Ich dachte zwar, ich würde mal
zwei Monate lang von einer neuen Frank Black-Platte ver¬
schont, da erscheint doch zufälligerweise ein „Best Of ‘ des
ehemaligen PIXIES-Frontmannes, wenn man deren Reu¬
nion als eher temporäres Ereignis versteht. Der berühmt-
berüchtigte Karriereüberblick also mit 22 Tracks plus ei¬
nem versteckten neuen Song vom kommenden Album.
Die ersten vier Songs, „Los Angeles", „Ten percenter“,
„Czar“ und „Old black dawning“, sind auch noch richtig
klasse, stammen sie doch von Blacks erster, durchweg gu¬
ter 1993er Solo-Platte, was Besseres hat der Mann niemals
mehr gemacht, zumal er da noch nicht völlig den Kon¬
takt zum PIXIES-Sound verloren hatte und hier CAPTAIN
BEEFHEART/PERE UBU-Mitstreiter Eric Drew Feldman
beteiligt war. „I want to live on an abstract plain“, „Calis-
tan“, „Speedy Marie“, „Headache“ und „Freedom rock“
vom 1994er Nachfolger „Teenager OfTheYear“ gehen auch
noch okay, wobei sich Black hier schon deutlich konven¬
tioneller präsentiert und offenbar von einem komischen
Singer/Songwriter-Virus befallen ist, was seitdem alle sei¬
ne Platten auszeichnet. Mit „The Cult Of Ray“ war Black
aber bereits 1996 an einem seltsamen Tiefpunkt angekom¬
men, denn der redundante Radiorock der Platte konnte
höchstens Besucher irgendwelcher Riesenfestivals begeis¬
tern. Seitdem produziert Black leider nur noch Platten, die
den einen oder anderen durchaus sehr schönen Song be¬
sitzen, aber wirklich in keinster Weise die Brillanz der frü¬
hen PIXIES - auch die hatten nach „Doolittle" ihren Ze¬
nit überschritten - oder seiner ersten Platte besitzen, halt
Rockmusik für eher anspruchslose Gemüter, die höchstens
noch durch Blacks charakteristischen Gesang eine beson¬
dere Note bekommt. Wer also bereits diverse Black-Plat¬
ten im Schrank stehen hat, braucht diese Compilation si¬
cherlich nicht, ansonsten würde ich eher die Anschaffung
von dessen ersten beiden Platten empfehlen. Und der neue
Song „Threshold apprehension“ klingt überraschender¬
weise doch wieder verstärkt nach den PIXIES, vielleicht
kann uns Black ja doch noch mal wirklich überraschen.
Thomas Kerpen
BUSINESS
Keep The Faith CD
CaptainOi!/Cargo | 1994 erschien dieses Album der auch
damals schon alten Oi!-Helden um Micky Fitz zum ers¬
ten Mal, damals auf Century Media. Die Platte wurde zu
der Zeit als Comeback-Album der Band gefeiert, was sie
ja auch war, denn obwohl man sich nie aufgelöst hatte, gab
es etwa sechs Jahre lang nichts von THE BUSINESS zu hö¬
in der Royal Albert Hall. Vermutlich aber eher nicht. Der
Schritt zwischen den beiden bisherigen Veröffentlichun¬
gen ist subtil, aber spürbar. Das klingt nicht unbedingt bes¬
ser, dafür hat die Band ihre Grenzen noch ein bisschen wei¬
ter ausgetreten. Gerade diese Vielfalt macht mir allerdings
etwas zu schaffen, ich würde mir einen deutlicheren roten
Faden wünschen. (42:05/27:13) (5/5) Christian Meiners
GRANNIES
Gumjob CD/DVD
wondertaker.com | Die alten Männer in noch älteren
Oma-Klamotten melden sich mit ihrem vierten Long-
player zurück. Geboten wird, wie gehabt, 13 Mal punki-
ger Rock’n’Roll, hauptsächlich im entspannten Midtempo,
gespickt mit flotten Eine-Minute-Nummern. Für die fet¬
te Aufnahme sorgte Seattles Mastermind Nr. 1, Jack Endino.
Insgesamt eine witzige Angelegenheit, aber bis auf die Ver¬
kleidungen als Großmütter nichts Neues. Bei mir springt
der Funke jedenfalls einfach nicht über! Die DVD über ihre
05er Europatour beschränkt sich leider auf Konzertmit¬
schnitte und ein paar Aufnahmen von Leuten an und in ei¬
nem Van. Keine Witzigkeiten, keine interessanten Dialoge
oder Bilder, nur ein seltsamer Filter über den Aufnahmen,
der das Ganze noch etwas unansehnlicher macht. (42:34)
(5) MarioTuriaux
GERIATRIC UNIT
Nuclear Accidents EP MCD/12“
plasticbombrecords.de/Cargo | Na, auch wenn man die
Vier^g bereits überschritten haben sollte, von der Geria¬
trie ist man da aber noch weit entfernt. Vor allem, wenn
man wie GERIATRIC UNIT mit einer Energie und Wucht
zu Werke geht, die viele jüngere Bands ganz blass ausse-
hen lassen. Alte Bekannte sind diese Engländer hier, Bassist
Kalv und Schlagzeuger Steve einst bei den legendären HE-
RESY aktiv, deren Komplettwerk ja kürzlich via BossTune-
age neu veröffentlicht wurde. Und da man alte Gewohn¬
heiten anscheinend auch mit Mühe so schnell nicht wieder
loswird, haben die beiden nach zig teilweise deutlich nicht
nach HERESY klingenden Bands und Projekten mit GER¬
IATRIC UNIT die Lust am Prügeln wieder entdeckt. Er¬
gänzt durch Gitarrist Jim und Sänger Gords (ebenfalls Sze¬
ne-„Veteranen“) und nicht nur altersbedingt frei von jeg¬
lichen Szene- oder Business-Zwängen knüpfen Kalv und
Steve zwar nicht genau da an, wo HERESY 1989 aufhörten,
entfernen sich aber auch nicht allzu weit davon. Getrieben
von Steves nach wie vor unglaublich schnellem und den¬
noch präzisem Schlagzeugspiel rasen GERIATRIC UNIT in
knapp über zwölf Minuten durch elf Songs, für die der Be¬
griff Hardcore nicht passender sein könnte: Harter, schnel¬
ler Punkrock mit durchdachten und intelligenten Texten;
keine Klischees, keine Spielereien, kein Blendwerk. (8)
Andre Bohnensack
GOON MOON
Licker’s Last Leg CD
Ipecac/Soulfood | Bei GOON MOON kann man erst mal
wundervolles Namedropping betreiben, denn hier haben
sich mit Chris Goss und Jeordie White zwei Lichtgestal¬
ten des Alternativerocks zusammengetan. Ersterer spielt bei
MASTERS OF REALITY, und zweiterer ist besser bekannt als
Twiggy Ramirez, der ehemalige Mitstreiter von „Schockro¬
cker“ (wie ich diese Kategorisierung liebe, sicher eine Er¬
findung der CDU) Marilyn Manson und Bassist bei A PER¬
FECT CIRCLE und NIN. Mit „I GotA Brand New Egg Layin’
Machine“ hatten sie bereits vor zwei Jahren ihre stilistische
Unberechenbarkeit demonstrieren können, was aber nicht
so recht überzeugend rüberkam. Jetzt sind sie bei Ipecac
/RE-RELEASES
ren. Nach dreizehn Jahren ist es dann auch okay, ein Album
das tatsächliche eine ganze Reihe der größten Hits von THE
BUSINESS enthält, für die vielen nachgewachsenen Fans
noch mal neu zu veröffentlichen. Und wenn, dann natür¬
lich remastert und im Digipak. Und auch selbstverständ- *
lieh, dass das Mark „Captain Oi!“ Brennan macht, der ja
nicht zuletzt auch selbst einst bei THE BUSINESS den Bass
quälte. Neben Klassikern wie „Maradona“, „Viva Bobby
More“ und „Backstreet Billy“ gibt es noch als Bonus „Any-
where but here“ von der gleichnamigen EP und die Single¬
versionen von „All out“ und „You’re going down in histo-
ry“. Die Aussage, dass die Band mit dem Album, Zitat: „den
Grundstein für die gesamte Streetpunk - Bewegung gelegt“
habe, halte ich zwar für ein ganz klein wenig vermessen,
aber mit einem großartigen Album haben wir es hier trotz¬
dem zu tun und wer es nicht sowie schon hat, für den wür¬
de es sich anbieten, das jetzt nachzuholen. (46:06)
Claudia Luck
BROTHER BRICK
Stranded In The Nineties 2CD
offthehip.com.au | Das in Melbourne ansässige Label Off
The Hip veröffentlicht nicht nur CDs aktueller australi¬
scher Bands, sondern sieht sich auch in vorbildlicher Wei¬
se der Traditionspflege verpflichtet. Und so erscheinen
hier regelmäßig komplette Werkschauen von Bands, die
nicht unbedingt immer in vorderster Reihe standen, aber
der weltweiten Gemeinde von Kennern des Aussie-Rocks
durchaus bekannt sind. Der neueste Release ist BROT¬
FIER BRICK gewidmet, die in den Neunzigern in Syd¬
ney aktiv waren und auf einer ganzen Reihe von Releases
eine schnörkellose Mischung aus Detroit-Rock, Punk und
klassischem Oz-Rock zu Gehör brachten. Über die Jah¬
re spielten bei der aus Ex-Mitgliedern von PROTON EN¬
ERGY PILLS und HORNYTOADS bestehenden Band auch
(Ex-)Mitglieder von ASTEROID B-612, CELIBATE RIF¬
LES, TUMBLEWEED und NEW CHRISTS, und wenn man
sie musikalisch in die Nähe von RADIO BIRDMAN und
SAINTS rückt, wird sicher niemand eingeschnappt reagie¬
ren - oder das gar als Anmaßung auffassen. Enthalten sind
hier alle Studioaufnahmen, inklusive der des auf dem fran¬
zösischen Label Hellfire Radio erschienen Albtims „A Por¬
table Altamont“, der Debüt-EP „Getting Beyond The Shit”
und der 7“ auf Estrus, und die ganze, ausführliche Story
lässt sich im dicken, reich bebilderten Booklet der Dop¬
pel-CD nachlesen. Pflichtstoff für jeden Oz-Rock-Fan! (8)
Joachim Hiller
BULEMICS
... Still Too Young To Care CD+DVD
scareyrecords.com | Okay, der Hinweis auf dem Sticker,
dass das hier für Freunde der DWARVES und Konsorten ist,
macht gleich zwei Dinge deutlich: 1. Die BULEMICS ken¬
nen weniger Leute als die DWARVES. 2. Es hat einen Grund,
warum dem so ist! Selbst Austin, Texas reißt da nicht die
Latten vom Zaun, denn auch in der hipsten Stadt gibt es
Bands, die nicht für die erste Liga taugen. Und die BULE¬
MICS waren nie erstligatauglich, so Leid mir das auch tut.
Na, eigentlich tut’s mir überhaupt nicht Leid. Das Sam¬
melsurium aus allen Schaffensphasen der Band haut mich
ebenso wenig vom Hocker wie die DVD mit Live-Aufnah¬
men, Fotogalerie, Clips und dem ganzen Schnickschnack.
Aber es muss ja auch Leute geben, die auf die weniger gut
aussehenden Mädchen abfahren. (4) kalle stille
OX-FANZINE 70
REVIEWS
gelandet lind praktizieren dieses Spielchen noch einmal,
diesmal mit Gastauftritten von Zach Hill (HELLA), Josh
Freese (THEVANDALS/A PERFECT CIRCLE), Josh Homme
(QOTSA) oder Dave Catching (EODM/MONDO GENERA¬
TOR). „Licker’s Last Leg“ scheint dabei in dem Bemühen zu
stehen, sämtliche musikalischen Spielarten der letzten 30
bis 40 Jahre in einen Alternativerock-Kontext zu pressen,
in dem eine Coverversion der BEE GEES ebenso möglich ist
wie überdeutliche QOTSA-Referenzen, etwa beim wirk¬
lich sehr coolen „Balloon?“ - oder das Ganze vermischt
sich auch einfach mal in einem einzigen Song. Eine unter¬
haltsame wie anstrengende Platte, die neben einigen eher
nervtötenden experimentellen Momenten, etwa wenn
man sich in Prog- und Krautrock-Gefilde begibt, auch ei¬
nige wirklich brillante Songs aufzuweisen hat, wie eben
besagter BEE GEES-Song „Every Christian lion hearted man
will show you“, der bei GOON MOON ins Beatle-eske ab-
driftet. Aber diese Platte wäre sicher nicht auf Mr. Pattons
Label gelandet, wenn man zwischendurch nicht immer
wieder mal versuchen würde, dem Zuhörer gehörig den
Spaß zu verderben. Es gibt viel zu entdecken auf „Licker’s
Last Leg“, aber das erfordert schon mehrere intensive Hör¬
durchgänge. (8) Thomas Kerpen
GOLDEN REEF
Mockery Moaning CD
Golden Reef/Alive | Jawohl, das rockt und rollt! Vor al¬
lem Letzteres wird ja heutzutage nur zu gerne vergessen.
Seit 2002 ist es mit der ffiedlichen Vorarlberger Dorfidyl¬
le vorbei, denn seitdem treibt dort ein verdammt cooles
Rock’n’Roll-Monster sein Unwesen. Vier junge Männer
aus Österreich fühlen sich sowohl der Tradition als auch
der Moderne verpflichtet. OASIS? Bob Dylan? CREEDENCE
CLEARWATER? BEATLES?? Nein, besser, das ist GOLDEN
REEF. Melancholische rockende Songs für verlorene Seelen,
die gerne spontan in den Nachtzug springen, ohne vor¬
her langfristig zu planen. „Get on the train and let’s roll“
als Grundgedanke. Ja, das macht Sinn. Oder nein, es macht
eben keinen Sinn, denn das ist ja das Schöne daran. GOL¬
DEN REEF verbinden eine gewisse typisch britische, aber
ganz und gar nicht arrogante Attitüde mit einem ur-ame¬
rikanischen Blues/Folk-Ansatz. Irgendwo zwischen Mod
und Britpop, zwischen amerikanischer Weite und Lon¬
doner Enge entstehen zehn wunderschön verträumte
Rock’n’Roll-Songperlen. Wann geht der nächste Zug bit¬
te? (34:01) (8) Robert Buchmann
HHH
HEADLESS HORSEMEN
Bonebreak Boogie CD
Rs/Cargo | „Hard Rockin’ Psycho Boogie“, so bezeichnet
das Trio aus Halle, das schon mal als Support für die legen¬
dären QUAKES gespielt hat, den eigenen Stil. Und ich fin¬
de das trifft es schon ganz gut. Neo-Rockabilly- und Psy-
chobilly-Bands haben ja grundsätzlich schon mal einen
schweren Stand bei mir, da ich doch ein ziemlicher 50ies-
Rockabilly-Purist bin, und dennoch, die kopflosen Reiter
haben mich mit ihren zwölf Eigenkompositionen mehr als
überzeugt. Das liegt zum einen an der sehr gut eingesetzten
markant-erdigen Punk-Edge, die den meisten Songs zu¬
grunde liegt. Zum anderen an der Vielseitigkeit von „Bo¬
nebreak Boogie“. So findet der Psycho sehr feine, klassi¬
sche Psychobilly-Nummern wie zum Beispiel das Titel¬
stück „Bonebreak boogie“, wo sich zeigt, dass man wohl im
eigenen Plattenschrank jede Menge Anagram-Releases hat.
Sänger Thomas „Fisch" Fischer weckt da schon mal Assozi¬
ationen an METEORS-Legende Paul Fenech. Aber auch der
traditionelle Pomaden-Träger wird mit „Bonebreak Boo¬
gie“ nicht enttäuscht, denn lässige Neo-Rockabilly-Hym-
nen wie „Go back“ (mein persönlicher Favorit des Albums)
und „Used to bad luck“ oder mörderische Balladen wie
„Steak knife baby“ sind der perfekte Soundtrack für die
samstägliche Fahrt zum Autokino. Natürlich bei Vollmond.
(38:45) (8) Robert Buchmann
HORRORS
Strange House CD
Universal | Sind die Gene versaut, kann die Erziehung auch
nichts mehr nützen. Aber: Bei THE HORRORS stimmen die
bei der ersten Probe „Jack
the ripper“ von Screa-
ming Lord Sutch (der
Opener des Albums!)
und „The witch“ von den
SONICS gespielt, und das
war entweder Ausdruck
guten Geschmacks oder
reines Style-Posing. Wie
auch immer, seitdem hat
der Fünfer aus dem eng¬
lischen Southend eine
steile Karriere hingelegt
und nach diversen Sin¬
gles 2006 gleich für das
erste Album einen Majordeal unterschrieben. Das macht
misstrauisch (die Garage-Szene lästert schon), riecht nach
unangemessenem Hype, doch auch nach zig Hördurchläu¬
fen hat mein Spaß an dieser Platte nicht nachgelassen, die
ein von spooky Orgelläufen geprägter Mix ist aus klassi¬
schem Sixties-Garage-Punk, sprödem Post-Punk ä laTHE
FALL (an Mark E Smiths seltsamen Gesangsstil und den ei¬
genwilligen FALL-Rhythmus fühle ich mich hier immer
wieder erinnert), CRAMPS-Billy, trashigem Horrorpunk
und nicht zuletzt auch einer guten Dosis Früh-Achtziger
Goth/Wave - dass die Band auch mal gerne JOY DIVISION
covert („No love lost“), kommt da nicht von ungefähr. Alles
in allem also eine ungewöhnliche Mischung aus bekannten
Zutaten, frech kombiniert, aber das Ergebnis ist so feurig,
wild und mitreißend, dass man „Strange House“ nur mit
Bewunderung gegenüber stehen kann: Da hat eine junge
Band diverse Leichen gefleddert und scheint damit auch
bei der Stilpolizei durchzukommen. Ach ja: Bitte nicht mit
THE HORROS aus Cedar Rapids, IA, USA verwechseln, die
auf In The Red veröffentlichen. (34:55) (8) Joachim Hiller
HOODS
Ghettoblaster CD
alveranrecords.com | „Ghettoblaster“ heißt es also das
neue Album der HOODS, die 2005 ihr bereits zehnjäh¬
riges Jubiläum feierten und der Name ist zweifellos Pro¬
gramm. HOODS aus Sacramento standen und stehen nach
wie vor für hoch qualitativen Tough-Guy-NYC-Hardco-
re. Man kann sagen, dass sie in diesem Genre schon eine
echte Instanz geworden sind. Im direkten Vergleich zum
2005er-Album „The King Is Dead“ und natürlich umso
mehr im Vergleich zu den Releases aufVictory Records, ist
auf „Ghettoblaster“ der Oldschool-Faktor noch markan¬
ter geworden, was mir persönlich sehr gut gefällt. So ge¬
hören Nummern wie das geniale „Willie Nelson and a
twelve pack“ und „Don’t fight, let’s party tonight“ oder das
nur 57 Sekunden lange „Beat cops" zu den besten Num¬
mern die ich bisher von der Band aus der kalifornischen
Bay Area gehört habe. Ich würde mir allerdings wünschen,
dass die HOODS in Zukunft noch mehr in Richtung AG-
NOSTIC FRONT, MADBALL und SOIA gehen und Metal-
core-Stumpfsinn ä la HATEBREED zur Gänze ad acta legen.
Alle, die schon jetzt eingeschworene HOODS-Fans sind,
werden „Ghettoblaster“ aber auf jeden Fall mit Leichtigkeit
in den nächsten Moshpit befördern. (22:21) (6)
Robert Buchmann
Hl TERESKA
Winter im Herzen CD
hitereska.de/flightl3.com | Was machen eigentlich
... EINLEBEN? Die Band aus dem äußersten Westen von
Deutschland war bis Anfang der Neunziger recht aktiv, ver¬
öffentlichte einige schöne Platten mit melodiösem, post-
punkigem Gitarrenrock. Doch irgendwann war dann
klammheimlich Schluss, doch siehe da, man war nicht un¬
tätig und hat mit HI TERESKA (die eckigen Klammern um
den Namen spare ich mir mal) einen Neustart hingelegt.
Wichtigster Unterschied: Sängerin statt Sänger, der Name
wird nirgendwo verraten, oder lautet der womöglich Te-
reska? Und die süßlich-rauhe Stimme der Frontfrau ist es
auch, die den Sound sehr prägt, erinnert sie doch an diver¬
se einschlägig bekannte Chanteusen bekannterer deutsch¬
sprachiger Popbands mit deutschen Texten und hat so gar
nichts von rotziger Punksängerin. Schadet nichts, wenn
man das mag, ist aber womöglich Ansatzpunkt zu Kritik.
Musikalisch sind HI TERESKA angenehm schwerfälliger,
noisiger Gitarrenrock im unteren Geschwindigkeitsbe¬
reich, angenehm wuchtig und von PIXIES, SONICYOUTH
und Co. geschult, ein gekonnter Spagat zwischen Lärm und
Pop also. Und: Mächtig lang ist das 14 Songs umfassende
Album. (54:20) (7) Joachim Hiller
► Auf der Ox-CD zu hören.
HALLO KWITTEN
Gurus Of Peace CD/LP
Rookie/Cargo | Was zunächst (Artwork sei Dank) anmu¬
tet wie eine Meditations-CD aus dem Tchibo-Shop, ist in
Wahrheit ein Konzentrat aus 100 Jahren Punkrock. Die
Karre läuft (Klimawandel
fück off) mit 100 Pro¬
zent Meerwasser, was auf
die Herkunft dieser Old¬
school-Streber schließen
lässt. Es geht was, an der
Küste. Nein, will mei¬
nen: es rennt gar. Sag¬
te ich Streber? Ja, genau.
Denn hätten Gerri, Kwi-
xie und Piet (trommelt
nebenbei noch bei den
allseits geschätzten TUR-
BOSTAAT) geschwänzt,
würde sich der mir vorliegende Tonträger wohl kaum so
brachial frühlingsfrisch nach mit Wut tapezierten und tes¬
tosteronverkleisterten Punker-Herzen anhören. Als wären
die 80er erst gestern gewesen und die Hälfte der CIRCLE
JERKS nicht bereits mit ihren Familien in Reihenhäusern
gezogen ... Kleister? Tapezieren? Was!? Na, ist doch easy, ey:
Handwerk hat goldenen Boden und diese drei Gurus kom¬
men straight fforn the Meisterschule, so sieht das aus. Jür¬
gen von Rookie hat trotz G8-Geheule und Wirtschaftsge¬
jammer eine CD gemacht, die es lohnt, auf den Sparkurs zu
scheißen und sein Taschengeld in den Punkrock-Laden eu¬
res Vertrauens zu schleppen. Also los, in die Puschen kom¬
men und sich die „Gurus Of Peace“ ins Haus holen. RAF
war gestern, heute ist Chakra-Punk! Peace an die Küste,
Krieg den Palästen! Jörkk Mechenbier
HELLBATS
Unleashed’n’Alive CD
Kicking/Productions De LTmpossible | Angesichts der
Bandfotos und der (übrigens sehr gelungenen) Horror¬
comic-Aufmachung dieser CD hab ich dieses französische
Trio gleich mal ganz schnell in die Hör rorpunk/Psycho -
billy-Ecke geschoben. Ansatzweise ist das auch richtig, aber
das Besondere an den HELLBATS ist, dass sie diesen Sound
zusätzlich noch mit einer gehörigen Metalkante kombi¬
nieren. Oder wie die Band selber singt: „We’re born hea¬
vy rockers, born psycho rockers“. Die Musik würde ich
von daher fast als ein düsteres Konglomerat aus den MIS-
FITS, NEKROMANTIX und PANTERA umschreiben, wo¬
bei, nebenbei bemerkt, vom handwerklichen und produk¬
tionstechnischen Standpunkt alles geboten wird, was eine
gute Scheibe benötigt. Zwar muss ich zugeben, dass die
HELLBATS nicht so ganz den Sound machen, den ich mir
permanent in meiner Freizeit anhöre, aber wer mit den
genannten Vergleichen etwas anfangen kann, sollte die 11
Songs auf dieser Scheibe unbedingt anchecken! (38:53)
Bernd Fischer
HECUBA
Something To Wake Up To MCD
Rat Trap | Erstaunlich, wie klein die Welt ist: HECUBA
klingen wie ESACPE THE FATE und sind dabei nicht mal
Amerikaner ... Das zweite Lebenszeichen der jungen Band
aus Mosel verdeutlicht, wie wichtig es ist, dass die Chemie
in einer Band stimmt, so dass man sich gegenseitig ergän¬
zen kann. Schon die erste Show der Band soll auf gewis¬
se Leut« einen so großen Eindruck gemacht haben, dass es
quasi sofort von der Bühne ins Studio, ging um dort das
Demo „Stay WhereYou’ve Never Been“ einzuspielen. Dass
es einen Unterschied zwischen Screamo an sich und gutem
Screamo gibt, verdeutlichen die fünf Jungs auf ihrem neu¬
en Werk „Something To Wake UpTo“: Zwar klingen die Ge¬
sangsstimmen nicht immer gerade (aber macht das nicht
sogar Screamo aus?), dafür reißen die eigentlich fast schon
perfekten Songs im Gesamten alles raus. Die vier Songs ha¬
ben irgendwie alles, was man für eine gute Screamo-Band
braucht: gute Gesangslinien, explosive Riffs und tolle Me¬
lodien. Find ich gut. (8) Sebastian Wahle
MICK HARVEY
Two Of Diamonds CD
mute.de | Während Mick Harvey sein 2005er Soloalbum
„One Man’s Treasure“ quasi im Alleingang einspielte, gibt
es auf „Two Of Diamonds“ eine richtige Band unter an¬
derem mit den beiden BAD SEEDS James Johnston und
Thomas Wydler. Herausgekommen sind zwölf musikali¬
sche R eminisz enzen an australische Bands wie die SAINTS,
von „Photograph“ bis hin zu „Sad dark eyes“. Dieser Titel
stammt von der australischen Popband THE LOVED ONES
un d wurde bereits schon zu BIRTHDAY PARTY- Zeiten
von Harvey und Co. gecovert. Aber warum soll ich über
Mick Harvey eigentlich noch große Worte verlieren? Ob
als Multi-Instrumentalist, Songschreiber oder Produzent,
Mick Harvey liefert immer erstklassige Ware ab. Am beein-
druckensten finde ich einen Song, der fast ohne die typi¬
sche Schwermut auskommt, und zwar „Out of time man“
ein MANO NEGRA-Titel sowie das Scldussstück: „Home
is far from here“ stammt von dem letzten CRIME & THE
CITYSOLUTION-Album „Shine“ und negiert gleich wie¬
der die durch „Out of time man“ aufgebaute beschwingte
Stimmung. „Two Of Diamonds“ hat so viel Tiefe, dass hier
eine adäquate Auseinandersetzung eindeutig den Rahmen
sprengen würde. (39:01) (9) Kay Wedel
Gene. Angeblich wurden 2005
CH3
CHANNEL3
l’ve Got A Gun / After The Lights Go Out CD
captainoi.com/ Cargo | Ein absolutes Muss in jeder Plat-
ten-Sammlung, die in Sachen frühen L.A.-Punkrocks auf
Vollständigkeit besteht, sind die Releases von CH3. Für
mich definieren sie zu¬
sammen mit CIRCLE
JERKS und ADOLES-
CENTS den sowohl ag¬
gressiven wie melo¬
diösen südkalifomi-
sehen Punkrock-Sound
der frühen Achtziger, als
Robbie Fields Posh Boy-
Label und Rodney Bin-
genheimers Radioshow
das Maß aller Dinge wa¬
ren. Gegründet wurde
die Band 1980 von Mike
Magrann und Kimm Gardener, und 1981 erschien dann die
erste 12“, ein Jahr später das Debütalbum „Fear Of Life“,
1983 dann der „I’ve Got A Gun“-Longplayer und wieder¬
um ein Jahr später die dritte LP, „After The Lights Go Out“.
Das zweite und das dritte Album wurden nun von Cap-
tain Oi! im Doppelpack veröffentlicht und um fünf Bo¬
nustracks ergänzt. Unter denen finden sich auch die bei¬
den ewigen CH3-Überhits „Manzanar“ und „Mannequin“
(„I’ve got a gun“ und „You make me feel cheap“ sind ja so¬
wieso enthalten), so dass diese CD mit den ausführlichen
Linernotes sowie allen Texten im Booklet als Quasi-Best
Of-Zusammenstellung durchgehen kann und eine gute
Alternative zu „The Skinhead Years“ darstellt. CHANNEL
3, die noch bis Ende der Achtziger aktiv waren, 1994 eine
Reunion-Show in Deutschland (Ex/Noch-Mitglied Jay
Lansford lebt seit langem in Hannover) spielten und 2002
ein rundum gelungenes neues Album auf Dr. Strange ver¬
öffentlichten, winden mit ihrer Mischung aus dem klas¬
sischen frühen UK-Punksound ä la CLASH und 999 und
dem ungestümen, jugendlichen SoCal-Punk zu Wegberei¬
tern eines Sounds, der später von den GENERATORS und
FACE TO FACE aufgegriffen wurde: Allerbester Gute-Lau-
ne-Punkrock mit kurzen, prägnanten, auf den Punkt ge¬
spielten Aggro-Hymnen eben. (60:50) (9) Joachim Hiller
CHRIST ON PARADE
Sounds Of Nature CD
Neurot/Cargo | Reunions allenthalben ... Und so touren
aktuell auch wieder CHRIST ON PARADE, die zwischen
1985 und 1989 ein wichtiger Teil der Bay Area-Hardco-
re-Szene waren und deren „Sounds Of Nature“-Album
mit dem markanten Artwork von Mark Zero (erschienen
war die LP auf Pusheads Label Pusmort) Ende der Achtzi¬
ger in wirklich keinem Hardcore-Haushalt fehlen durf¬
te. Die Musik war absolut zeittypischer, halsbrecherischer,
thrashiger Westcoast-Hardcore, manisch runtergeholzt,
engagiert und wütend, irgendwo» zwischen DISCHARGE
und TOXIC REASONS, zwischen CORROSION OF CON-
FORMITY und DEAD KENNEDYS, SOCIAL UNREST und
SPERMBIRDS. Elf der 19 Songs hier stammen vom Album,
zwei weitere waren auf der „Skate Rock Vol. 3“-Compila-
tion, und der Rest fand sich auf der „Isn’t Life A Dream“-
EP (hier mit den Original-Gesangsspuren) - und als Bo¬
nus gibt’s das AVENGERS-Cover „The American in me“.
So weit, so gut, doch leider ist das Booklet sehr sparsam -
ein paar Fotos, aber keine Linernotes, dabei hätte Gitarrist
Noah Landis, heute bei NEUROSIS für die elektronischen
Sounds zuständig (deshalb also Neurot) doch sicher was zu
erzählen gehabt. Ein Klassiker! (35:28) (8) Joachim Hiller
DEADLINE
More To ItThan Meets The Eye CD
captainoi.com/Cargo | Dass DEADLINE zu meinen unan¬
gefochtenen Lieblingsbands gehören, dürfte dem ein oder
anderen vielleicht schon aufgefallen sein. Schon das Debüt
„More To It..." aus dem Jahr 2001 hatte mich umgehau¬
en. Und das obwohl es von der Produktion her so rumpe¬
lig klang, dass man rückblickend nur sagen kann, das war
schon hart an der Grenze. Daher ist das hier endlich mal
ein Rerelease, das wirklich eine Bereicherung für die Welt
ist. Außer den remasterten Songs des ursprünglichen Al¬
bums gibt es auf dieser Version der Platte noch „Run away“
und das ON FILE-Cover „Another day in paradise“ zu hö¬
ren, die beide auf der Split mit den BRASSKNUCKLE BOYS
erschienen sind. Dann noch das SPECIALS-Cover „Do
nothing“ von der Split mit den FILAMENTS und die gran¬
diose Interpretation des ohnehin schon genialen BUSI¬
NESS-Songs „One thing left to say”, der bisher lediglich
auf einem BUSINESS-Tribute auf DSS veröffentlicht wur¬
de. Freut mich, dass auf diese Weise die alten Songs auch
endlich auf dem Niveau ankommen, das man von DEAD¬
LINE mittlerweile schon lange gewohnt ist. Ach so, ist na¬
türlich alles im Digipak und mit ausführlicher Geschich¬
te zur Entstehung des Albums sowie zu den Anfängen der
Band versehen. Wundervoll, das alles. Ernsthaft. (44:55)
Claudia Luck
DANSE SOCIETY
Looking Through CD
cherryred.co.uk | Die aus Sheffield stammenden, von 1981
bis 1987 aktiven DANSE SOCIETY sind eine jener Bands,
die vom Fluch getroffen wurden, dass ihr bekanntestes Lied
eine Coverversion war: Auf ihrem „Heaven Is Waiting“-
Album von 1983 fand sich eine hallig-verträumte Wave-
Pop-Version des ROLLING STONES-Klassikers „2000 light
years from home“, der als Single ausgekoppelt ein mode¬
rater Hit wurde und heute auf keiner vernünftigen Wave -
Pop-Compilation fehlen darf. Es folgten ein paar Singles,
der große Erfolg wollte sich jedoch nicht einstellen, und so
wurde die Band von ihrem Label Arista aufs Abstellgleis ge -
schoben. Als dann 1987 „Looking Through“ erschien, war
Frontmann Steve Rawlings gerade dabei die Band zu ver¬
lassen, und so war die Bemühung der Restband, mit diesen
Studio-Demos ein neues Label zu finden, zum Scheitern
verurteilt. Mit seinen recht dumpfen, aber noch akzeptab¬
len Sounds ist dieser Rerelease in Ergänzung zum ebenfalls
via Cherry Red neu aufgelegten „Heaven Is Waiting“-Al¬
bum eher was für Fans. (36:52) (6) Joachim Hiller
DEFORMED
The Anarchy Years And Primitive Rituals 2CD
nnnw.pl | Dieses Release ist schon relevant bekloppt: eine
Doppel-CD mit den „complete recordings“ einer alten En¬
gland-Punkband, von der so gut wie nie einer je was ge¬
hört hat, die es gerade auf zwei 7“s und ein paar Samp¬
lerbeiträge gebracht hat, sich nie entscheiden konnte zwi¬
schen Punkrock oder Gothic. Und dann auch ins Book¬
let schreibt: „all songs are not protected by Copyright
laws because they are shit“. Die Rede ist von THE DEFOR¬
MED - schon mal gehört? Nikt Nie Nie Wie, das legendä¬
re polnische D.I.Y.-Label, jedenfalls hat. Und hat releaset:
„The Anarchy Years“, dokumentiert das Jahr 1980: Probe¬
raum- und Live-Mitschnitte, die „Bullshit-Detector“-De¬
mos, insgesamt 28 Tracks. Jeder Song ist wenigstens zwei¬
mal, „Freedom“ sogar in drei Versionen zu hören - falls
man es denn durchhört. „Primitive Rituals“ umfasst dann
1983-87. „Christian death“, „Graveside“, „From the grave“,
„Certified dead“, „Death chant“ ... muss ich noch mehr sa¬
gen? Das ist einmal Gothic pur, mit Werwölfen und Rück¬
wärtsgesprochenem. Damals waren Tod und Teufel schwer
in Mode, später hat ein Teil der Band allerdings unter dem
Namen CRESS zum Anarchopunk zurückgefunden. Ein In¬
terview mit DEFORMED noch als chaotische Jung-Punks
und alte Live-Videos gibt es nun auch bei myspace.com/
thedeformed. (67:49/ 72:31) Ute Borchardt
DRILLER KILLER
Total Fucking Brutalized CD
Fuck The World CD
Reality Bites CD
cahrecords.com [ Crimes Against Humanity holen zum
kompletten Wohlfühlprogramm aus und veröffentlichen
alle DRILLER KILLER Alben neu. Nun, DRILLER KILLER
um die einzige Konstan¬
te Sänger Cliff sind si¬
cher jedem D-Beat-Fan
ein Begriff, treiben sie
doch mit gepflegtem
Asi-Image seit 1993 ihr
musikalisches Unwesen.
Eben jener Cliff war zu¬
vor schon bei den Skan-
di-Legenden ANTI-CI-
MEX und BLACK UNI-
FORMS tätig, bevor er
mit „Brutalize“ die ers¬
te DRILLER KILLER-
Scheibe raushaute. Ich erspare euch hier mal die Ge¬
schichte der unendlichen Umbesetzungen der Band, kurz
und knapp lässt sich aber feststellen, dass DRILLER KILLER
sich von Platte zu Platte gesteigert haben und seit gerau¬
mer Zeit zu den druckvollsten und heftigsten Crusties ge¬
hören, die Skandinavien zu bieten hat. Auf „Total Fucking
Brutalized“ sind die beiden ersten LPs „Brutalize“ und „To¬
tal Fucking Hate“ zusammengefasst, die noch zum typische
Frühwerk gerechnet werden können, unkontrollierte Wut
und Intensität, die besseren DISCHARGE, Texte nur weni¬
ge prägnante Zeilen, straight runtergebrettert ohne über¬
flüssigen Schnickschnack wie Breaks oder Geschwindig¬
keitsänderungen. Schon auf „Total Fucking Hate“ zeich¬
net sich der spätere Weg mit ironischen Texten und einer
Kelle MOTÖRHEAD-Rock ab, der dann konsequent auf
„FuckThe World“ fortgesetzt wird. Eine LP, die das mit Ab¬
stand schlechteste Cover aller Zeiten ziert, das ihr eigent¬
lich Spielverbote landauf, landab hätte einbringen müs¬
sen. Hier bringen DRILLER KILLER sicher nicht zum ers¬
ten Mal alle gegen sich auf, aber drauf geschissen, Provo¬
kation ohne Ende, Punkrock in Reinform. Auch Black Me-
tal-Spacken kriegen bei „Blind naked and covered with
shit“ ihr Fett weg: „You burn churches, you paint your face,
spent X-mas at moms, what a fucking disgrace, blind na¬
ked and covered with shit, if bullshit had a value you would
be billionaire, empowered by the dark bloody lame night-
mare.“ Ja, so macht man sich Freunde. Mit ihrer vierten
LP „Reality' Bites“ kriegen dann DRILLER KILLER endgültig
die Kurve zum D-Beat-Olymp. Soundtechnisch die bru¬
talste der ersten LPs sind hier gleich einige der heftigsten
Songs der Band vertreten, schon der unglaubliche Ope¬
ner mit echten Ohrwurmqualitäten „Scream, suffer, die“
ist die Anschaffung der Scheibe wert, vom genialen me¬
tallischen „Where the sun never shines“ ganz zu schwei¬
gen. Auch inhaltlich setzt die Band ihren Weg mit einer
Ansammlung von Hasstiraden und Provokationen konse¬
quent fort. Diese Band hat schlicht und ergreifend Maß-
stäbe gesetzt und diese Platten gehören in jeden gepflegten
Punkerhaushalt. Zu den nächsten drei LPs im nächsten Ox
mehr. (54:17/32:42/42:38) (8/8/10) OllieFröhlich
DEAD MEADOW
Howls From The Hills CD
Xemu/Cargo | Nach dem Rerelease des ersten DEAD
MEADOW-Albums erlebt auch der im selben Jahr auf Joe
Lallys Tolotta-Label veröffentliche, seit 2003 vergriffene
Nachfolger „Howls From The Hills“ eine Neuauflage. Wa¬
ren DEAD MEADOW schon auf dem Debüt in Sachen Psy-
chedelicrock eine Klasse für sich, wirkt „Howls From The
Hills“ noch viel stärker wie aus einem Guss. Ein mächti¬
ger Brocken hypnotischen Rocks, dem die ummittelba¬
re Live-Atmosphäre - die Platte wurde in einer Scheune
aufgenommen — gut bekommt und die Qualitäten dieser
Band bestens zur Geltung bringt, deren Songs der Spagat
zwischen 70er Bluesrock und Psychedelic noch wesentlich
besser und atmosphärischer gelingt, wie etwa beim gro߬
artigen letzten Track „The breeze always blows“. Für Psy¬
chedelic-Puristen mag das vielleicht fast schon wieder et¬
was zu konventionell rockig sein, verhindert aber, dass sich
„Howls From The Hills“ allzu sehr in den Stereotypen des
Genres verbeißt, was ja auch die späteren Platten der Band
auszeichnet. Auch hier gibt es wieder ein Live-Video von
2001 als Bonus dazu, aber auch ohne das kann man diese
Platte Freunden droneigen Rocks nur wärmstens an Herz
legen. (9) Thomas Kerpen
DISCHARGE
Why CD
Never Again CD
Hear Nothing See Nothing Say Nothing CD
captainoi.com /Cargo | Eine der seltsamsten Modeer¬
scheinungen der letzten Zeit ist die inflationäre Verwen¬
dung des Begriffes „D-Beat“. Ich kann mich beim besten
Willen nicht daran erin¬
nern, dass bis vor weni¬
gen Jahren jemand von
DISCHARGE, ANTI-CI-
MEX oderVARUKERS als
„D-Beat“-Bands gespro¬
chen hätte - das wurde
einfach Crust-, Hardco¬
re-, Anarcho- oder Pea-
cepunk genannt, zu¬
mindest im deutschen
Sprachraum. Seit einer
Weile nun spricht je¬
der nur noch von D-Beat
(was seinen Ursprung in einem bestimmten Schlagzeug-
Rhythmus hat, der angeblich auf die BUZZCOCKS zurück¬
geht - das „D" steht aber natürlich für DISCHARGE). Zu¬
mindest dass DISCHARGE die Urväter dieses Sounds sind,
ist gar keine Frage - und Legion sind die Bands, die sich
seitdem in Verehrung ihrer Vorbilder einen mit DIS- be¬
ginnenden Namen gegeben haben. DISCHARGE stammen
aus einer Zeit, da niemand einen Zweifel daran hegte, dass
Hardcore gegen Militarismus und Krieg, gegen konserva¬
tive Regierungen, gegen organisierte Religion, gegen das
„System“ ist, als niemand auf die Idee gekommen wäre,
als CDU-Mitglied ein Hardcore-Label zu betreiben (Grüße
an Dead Serious Records!), als die Welt also noch in Ord¬
nung und ungefähr so schwarz und weiß war w'ie die Plat¬
tencover jener Zeit und speziell die von DISCHARGE. Be¬
reits 1977 gegründet, kam die große Zeit von DISCHAR¬
GE erst ab 1980. „Realities OfWar“, die erste 7“-EP, wur¬
de in diesem Jahr veröffentlicht, zwei weitere folgten, und
1981 kam dann die „Why“-12“, auf deren Cover tote Zivi¬
listen zu sehen sind, dazu die Feststellung „In order to sa-
tisfy their mania for conquest lives are squandered“. Die
„Why“-12“ wurde von Captain Oi! nun zum Hauptmedi¬
um gewählt, die zehn Songs des Mini-Albums machen den
OX-FANZINE 71
REVIEWS
HELLSONGS
Lounge MCD
Lovely/Rough Trade | Was die drei Schweden Harriet
Ohlsson, Johan Bringhed und Kalle Karlsson mit Stim¬
me, Keyboard, Gitarre und Banjo anstellen, ist schon gro¬
ße Klasse. Sie selbst nennen ihre Musik „Lounge Metal“.
Unterstützt von Gästen an Kontrabass und Violine werden
mit METALLICA („Seek ans destroy“), BLACK SABBATH
(„Paranoid“), JUDAS PRIEST („Breaking the law“), IRON
MAIDEN („Run to the hüls“), VAN HALEN („Jump“) und
MOTÖRHEAD („Orgasmatron“) leider nur sechs Hard¬
rock/Metal-Klassiker ganz neu interpretiert. Sie klin¬
gen komplett verwandelt und sind fast nicht wieder zu er¬
kennen: ruhig, zart, ja schon fest weich und zuweilen auch
melancholisch. Die Stücke werden sozusagen neu erfun¬
den. Keine Spin von ausgelassener Bierseligkeit ä la HAY-
SEED DIXIES, sondern eher schwermütige Balladen zwi¬
schen Björk und Folk. Diese Interpretationen werden si¬
cherlich einige Nur-Metal-Fans erst einmal vor den Kopf
stoßen, aber wer seine Ohren auch für andere Klänge of¬
fen hat, wird hoffentlich genauso begeistert sein wie ich.
(24:59) (9) Kay Wedel
KARL HLAMKIN
Da CD
snegiri.ru | Karl Hlamkin ist schon fest ein Urgestein in
der russischen Musikszene. In den Achtziger Jahren war er
als Schlagzeuger in Sachen Hardrock (ZEMENT) und Punk
(KARL-BLANCHE) aktiv, daneben nahm er auch den Pin¬
sel zu Hand und betätigte sich als Maler. Seit den Neunzi¬
ger Jahren widmet er sich nun seinen Soloprojekten. Die
Begleitgruppe setzt sich unter anderem aus ehemaligen
Mitgliedern der russischen Bands LENINGRAD und MES¬
SER FÜR FRAU MÜLLER zusammen. Mit so schönen Na¬
men wie „Karl geht nach Israel“, „Pastor Karl Band“, „Karl
Hlamkin und die Alkoholiker für Jesus“ oder „Karl Hlam¬
kin und das Lassunsaufen-Orchester“ veröffentlichte er di¬
verse Kassettenalben. Es heißt, dass er jeden Monat den Na¬
men seiner Band ändert. Mit dem Album „Da“ wurde beim
Moskauer Label Snegiri schließlich sogar eine richtige CD
veröffentlicht und enthält eine bunte Mischung aus La¬
tin, Karibik, Ska, Klezmer, Disco und russischen Chansons.
Über allen thront die unnachahmliche „Drei-Schachteln-
Zigaretten-am-Tag“-Stimme von Karl Hlamkin und ver¬
leiht dieser heiter beschwingten Musik ein kratzbürstige
Note. Das finde ich sehr sympathisch. Aber Achtung, bis auf
die oben genannte Internetadresse sind alle Angaben auf
der CD in kyrillischen Buchstaben. (50:5 5) (8) Kay Wedel
HAWAII MUD BOMBERS
Mondo Primo CD
WickedCool | Ein absolut fantastisches Album der Schwe¬
den, das allerdings eigentlich schon 2004 erschienen ist.
Wicked Cool veröffentlicht „Mondo Primo“ nun mit zu¬
sätzlichen zwei Videos neu, und da der Sommer ansteht,
verteile ich sogar einen Punkt mehr als Kollege Joachim
Hiller bei seinem Review im Ox #57. Ansonsten traf die
damalige Besprechung aber natürlich den Nagel auf den
Kopf: „Dreizehn neue Songs der schwedischen Meister
des BEACH BOYS-beeinflussten Pop-Punks, die sich auch
hier wieder zwischen Helden wie RAMONES, REZILLOS
und UNDERTONES tummeln und längst die verstummten
PSYCHOTICYOUTH beerbt haben, ja mit denTRAVOLTAS
um den Titel der besten und eingängigsten europäischen
Punk-Popper kämpfen und wo bei manchen Songs schon
beinahe die Eingängigkeit der FOUNTAINS OF WAYNE er¬
reicht wird. Bei „Wölfin’ the lamb“ gibt’s sogar (ausgelie¬
hene) „female vocals“, was den Schlammbombern auch
sehr gut zu Gesicht steht. Komisch und unverständlich ist
dabei mal wieder, dass diese Band in Europa kaum bekannt
ist, in Japan dagegen umso mehr. Bestens übrigens auch die
Produktion - so crisp, klar und druckvoll, wie man das von
einer solchen Platte erwartet.“ (36:47) (9) Bernd Fischer
HEARTACHES
Too Cool For School CD
Swami | Die Schlagzahl ist hoch: 15 kurze und straffe
Rock’n’Roll-Punk-Granaten feuert das Quartett um den
Profi-Skater Kristian Svitak in einer guten halben Stunde
ab. Das bedeutet 15 Mal
klassischer 70s Punk-
rock mit gutem Schuss
Cro-Magnon- Sensibi¬
lität. Kann man sich so
vorstellen wie eine Mi¬
schung aus allen rele¬
vanten Inspirationsquel¬
len, die Bands von die¬
sem Schlage gerne für
sich in Anspruch neh¬
men: SAINTS, RAMO¬
NES, VICTIMS, PSYCHO
SURGEONS, HEART-
BREAKERS, DEVIL DOGS. Ist also alles überhaupt nicht
neu, vielleicht auch gewaltig ausgelutscht, aber rocken tut
es einfach wie Sau. (7) Gereon Helmer
HOUSTON SWING ENGINE
Entre Hommes CD
Headstrong | Hier gibt es auf die Fresse. Und zwar ab¬
wechslungsreich, rhythmisch versiert und mit der einen
oder anderen Harmonie versehen. Die vier Jungs wissen,
wo es lang geht. Hardcore, der auf den Tellerrand einfach
drauf tritt, und gleich zwei Hände voller Einflüsse mit sich
bringt. Wenn man sich anguckt, mit wem die Schweizer
unter anderem schon die Bühne teilen durften (als da wä¬
ren: QOTSA, HELMET.THERAPY? ,THE BELLRAYS, McLUS-
KY, GWAR...), wundert es nicht, wie abgeklärt HOUSTON
SWING ENGINE wirken. „Entre Hommes“ ist die inzwi¬
schen vierte Veröffentlichung und bietet eine knappe Stun¬
de Völlbedienung. Es ist schon beeindruckend, wie es die
Band schafft, den Hörer vierzehn Stücke lang bei der Stan¬
ge zu halten, ohne dabei auf irgendwelche Bauerntricks
zurückzugreifen. Denn seien wir mal ehrlich, die meisten
Hardcore-Alben mit einer solchen Spielzeit kann man ge¬
trost in der Pfeife rauchen. Produziert wurde übrigens von
Santi Garcia, der hatte seine Finger auch schon bei STAND
STILL, FAVEZ oder ONE MAN AND HIS DROID im Spiel.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Band es auch endlich mal auf
eine deutsche Bühne schafft. Nicht auszudenken was pas¬
siert, wenn die live umsetzten können, was diese Aufnahme
verspricht. (57:14) (8) Lars Koch
HOW TO LOOTBRAZIL
Autto Fister CD
myspace.com/howtolootbrazil | Eine Indie-Band, die
ihr Album selbstveröffentlicht und nicht einfach hofft auf
schlechten Band-Contests vom Trendscout des Abends ent¬
deckt zu werden? Sympathisch. Und dann noch aus ei¬
ner Stadt, die man nur kennt, weil man an ihr vorbeifährt,
wenn man dann doch mal ins Sauerland fahren sollte.
Tanzbarer Wave-Punk im 4/4-Takt, mit leicht verstimm¬
ten Gitarren, ein paar Keyboardsounds und relativ eingän¬
gigen Hooklines ist sicher nichts Neues, aber es kann auch
ohne PR-Management funktionieren und Spaß machen.
Die Band haut auch nicht komplett um, aber die Erkennt¬
nis, dass sie „für die U-Musik das sind, was B-Movies für
die Filmkunst sind“ zeigt, das man selber weiß, was los ist.
Der kleinste gemeinsame Nenner bei den Einflüssen sollen
THE NOTWIST, FORWARD RUSSIA.THE SMITHS, IDEAL
aber auch ABBA und die MELVINS sein und das verwirrt
dann schon was. Trotzdem höre ich das Album jetzt schon
zum mindestens dritten Mal und muss immer wieder mit¬
wippen. An guter Laune liegt es sicherlich nicht, da die mir
gerade abhanden gekommen ist, daher räume ich HOW
TO LOOT BRAZIL ein paar Bonuspunkte ein und hoffe,
dass es in Zukunft nicht so abwegig ist, das kleine Mädchen
mit Pony und Pünktchenkleid ihren Hintern auch mal zu
Bands bewegen, die nicht aus dem Königreich kommen.
Timbo Jones
HEX DISPENSERS
s/t MLP/CD
aliensnatch.com | Knackige Mini-LP aus dem Hause Alien
Snatch, das ein erstaunlich gutes Händchen für aufregende
neue Bands hat und zu einer ernsthaften Konkurrenz der
Platzhirsche wie In The
Red wird. Zehn Songs,
allesamt hitverdächti¬
ge Kracher, die mit einer
Lockerheit aus dem Är¬
mel geschüttelt klingen,
wie ich es seit langem in
dieser Sparte nicht mehr
unter die Ohrmuscheln
bekommen habe. Flotter
eingängiger Bluespunk
mit einem ansteckend
fröhlichen Sexappeal, der
einfach Laune macht und
ähnlich zu fesseln weiß wie der erste Streich der GHETTO
WAYS, nur eben wesentlich melodischer und einfach ham¬
mergeil. Die Wiederverwertung des ELO-Riffs aus „Don’t
bring me down“ in „The crone“ ist ebenso genial umge¬
setzt wie das Gary Numan-Cover. Die Horror-Gesamtthe¬
matik, die zwischen einer Bluespunk-Umsetzung von H.P.
Lovecraft und anderen Weird-Tales-Stories angesiedelt ist,
gibt der Platte eine ganz besondere Note. Schickes Cover,
erstklassiger Sound, ich bin rundum zufrieden! Hier nicht
mit dem Arsch zu wackeln fallt, wirklich schwer, wer das
nicht kann, der kratzt sich wahrscheinlich derzeit mit ei¬
ner Stricknadel unter dem Ganzköpergips. Hit! (9)
kalle stille
HAUNTED GEORGE
Bone Howl CD
dead-beat-records.com | Da sitzt ein vereinsamter, kaput¬
ter, alter Trapper aus den Sümpfen von New Orleans in sei¬
ner Mine voller Katzengold und heult mit seinem schrot -
tigen Verstärker, einer ollen Klampfe und dem fertigen
Schlagzeug den Mond an. Einsamer Blues aus dem unters¬
ten Keller, der einzig und alleine dazu geeignet ist, verfal¬
lene Friedhöfe oder karge Sumpflandschaften zu beschal¬
len. Fröhlich klingt das nicht, vielmehr einsam, einzigar¬
tig und so LoFi, wie eine Katze, die aus einem 50 Meter tie¬
fen Brunnen herauf jault. Auf die gesamte Dauer dieser CD
vielleicht etwas lang und doch zu monoton, aber auf Sing¬
le oder in Portionen der einzig wahre Soundtrack für einen
siechenden Ghoul oder einen verlassenen Vampir, der über
das Elend seines Daseins grübelt. Sehr stränge und in klei¬
nen Dosen extrem genial. (9) kalle stille
/RE-RELEASES
Anfang und werden ergänzt um alle Tracks der drei vor¬
angegangenen Singles sowie ein Booklet mit History und
einem Teil der Texte. Im Oktober 1981 erschien dann die
„Never Again“-EP, und man ist ehrlich überrascht vom
Output der Briten aus Stoke-on-Trent, vergingen doch sei¬
nerzeit bei vielen anderen Bands teilweise Jahre zwischen
den Releases, während es hier nur Monate waren. Auch hier
gibt es reichlich Bonusmaterial, etwa die wichtige „State
Violence State Control“-EP vom Oktober 1982 sowie auch
ein paar spätere Aufnahmen, doch gerät hier die Chrono¬
logie durcheinander. Denn mit „Hear Nothing See Nothing
Say Nothing“ veröffentlichten DISCHARGE im Mai 1982
ihr erstes und wichtigstes Album, das wiederum die „Never
Again“-EP von Oktober 1981 als Bonus enthält. Ein klei¬
nes Durcheinander also, doch da es nur Sinn macht, die¬
se drei CDs im Paket zu kaufen, relativiert sich die Konfu¬
sion wieder. Das essentielle Frühwerk von DISCHARGE hat
man mit diesen Rereleases jedenfalls annähernd komplett,
und was die von diversen Ab- und Zugängen geplagte Band
dann ab Mitte der Achtziger so trieb, ist eigentlich nur noch
am Rande interessant, weil es im Vergleich zum brutalen,
rauhen und innovativen Früh werk letztlich eher konven¬
tioneller Metal war. Erst ab 2002 wurde es wieder interes¬
sant, das Comeback und das titellose Album konnten annä -
hernd an die alten Zeiten anknüpfen. (10) Joachim Hiller
D.O.A.
Punk Rock Singles 1978-99 CD
captainoi.com/Cargo | Wer bislang angesichts der Viel¬
zahl von D.O.A.-(Re-)Releases unschlüssig war, wo sich
denn ein Einstieg in das Universum der kanadischen Ur-
Punks lohnt, bekommt
eine Entscheidungshil¬
fe: diese CD, die chrono¬
logisch 21 Jahre Band¬
geschichte abdeckt, ist
. —, | der perfekte Einstieg. Er-
Punk Rock scheinen sonst alle Re-
Singles leases auf dem bandeige-
u « Jrttv« jWSÖHH f ( nen Label Sudden Death,
so wurde diese Compila¬
tion an Captain Oi! „aus¬
geliehen“ und verschafft
anhand von 26 Single-
Tracks einen exzellenten
Überblick über das Schaffen der Formation ausVancouver,
deren charismatischer Frontmann Joe „Shithead“ Keithley
einst den Begriff „Hardcore“ erstmals als Genrebezeich¬
nung gebrauchte und deren ideeller Rahmen durch den
auf dem Cover abgedruckten Claim „No God, No Country,
No Lies“ abgesteckt wird. Hier gibt es also - ganz undog¬
matisch - die reine Hardcore-Punk-Lehre, und natürlich
sind die ganzen Klassiker dabei, etwa „Disco sucks“, „World
War 3“, „Fucked up Ronnie“, „General strike“ und „Dead
men teil no tales“. Im Booklet gibt’s Abbildungen aller Sin¬
glecover sowie ausführliche Linernotes von Joe selbst - ein
Pflicht-Release für alle, die bislang noch keine Platte von
D.O.A. im Schrank stehen haben. (68:01) (9)
Joachim Hiller
DEATH VESSEL
Stay Close CD
All Tomorrows Parties | Neuauflage eines bereits 2005
veröffentlichten Albums der Country-Folk-Band, die in¬
zwischen auf Sub Pop ist und zuletzt mit LOW auf Tour
war. Nach zwei eher gequälten Folknummern zu Beginn
versöhnt dann der dritte Track etwas, bei dem endlich mal
die elektrische Gitarre zum Einsatz kommt, ebenso wie
der Track danach, wo man dann auch mal ein Schlagzeug
hört und DEATH VESSEL nach einer richtigen Country -
band klingen, die allerdings den Song durch Elektronik -
einlagen seltsam aufbrechen. Eine in Teilen nicht uninte¬
ressante Platte, vor allem wenn die Songs einen komplet¬
ten Bandsound besitzen wie beim sehr schönen, hymni¬
schen „Snow don’t fall“, die aber mit allzu viel folkigem
Lagerfeuer-Gedudel meine Geduld etwas überstrapaziert.
Am irritierendsten dürfte hier aber sein, dass Singer/ Song-
writer JoelThibodeau, der maßgeblich hinter DEATH VES¬
SEL steckt, wie ein pubertierendes Mädchen singt, so als ob
der Herr den Stimmbruch übersprungen hätte, was „Stay
Close“ allerdings auch nicht gerade überzeugender macht.
(5) Thomas Kerpen
EPILEPTICS
System Rejects CD
overgroundrecords.co.uk J Und noch mehr Anarcho-
punk-Archäologie aus dem Hause Overground: Bei den
EPILEPTICS handelt es sich um die Vörgängerband von
FLUX OF PINK INDIANS. Die wurde 1978 gegründet, im
gleichen Jahr fand ein erstes gemeinsames Konzert mit
CRASS statt, und das war der Beginn einer langen Freund¬
schaft, die auch nach dem Ende der einen Band und der
Fortführung unter neuem Namen Bestand hatte. Auf die¬
ser CD finden sich nun 28 Songs aus den Jahren 1978 und
1979, Demo-, Single- und Live-Tracks in rauher, aber
okayner Qualität, und wer Fan von FLUX OF PINK INDI¬
ANS (und CRASS) ist, sollte zugreifen, ist der stakkatohaf¬
te, typisch britische Sound jener Bands doch bereits hier in
der Frühphase dominierend. Kommt mit dickem Booklet
voller Fotos und mit ausführlicher Bandhistory. (7)
Joachim Hiller
ESCALATORS
Live In Le Havre 1983 CD
Anagram | Frontman der ESCALATORS ist Nigel Lewis.
Dieser ist, gewollt oder nicht, eine Psychobilly-Legende.
Er war Mitgründer der METEORS und neben P Paul Fen-
ech der Songwriter. Die Gründe der Trennung sind nebulös
geblieben und nie wirklich öffentlich geworden. Vergleicht
man den weiteren Weg der beiden, sind musikalische Diffe¬
renzen ein denkbarer Grund. Fenech hat mit der Entwick¬
lung des puren Psychobilly großen Anteil an der Gründung
einer ganzen Szene. Die Stücke von Lewis sind zwar sicher
auch Klassiker, aber nicht richtungsweisend. Die hier vor¬
liegenden Live-Aufnahmen seiner nächsten Bands enthal¬
ten seine METEORS-Tracks und diese sind auch eindeutig
die stärksten Songs. Der Rest bewegt sich mehr in Richtung
Wave. Da die Aufnahme leider sehr mäßig ist, ist eine besse¬
re Beurteilung des Materials nicht möglich. (43:38) (3)
Robert Noy
ELEMAE
Populär Misconceptions Of Happiness CD
Engineer/Embrace | Schon in Ox #61 stimmte ich einen
Lobgesang dieses Album betreffend an und argumentierte,
ELEMAE hätten „mit .Populär Misconceptions Of Happi-
ness’ ein wunderbares Album geschrieben, welches sie, da
hat der Promowisch recht, völlig über die üblichen Ver¬
weise stellt. ELEMAE haben wirklich zu eigener Größe ge¬
funden. Ihr Postcore ist melodisch, poetisch und ein wenig
ruhiger geworden, hat aber nichts an Eleganz und Hym-
nenhaftigkeit eingebüßt. Vergesst Schubladen und Etiket¬
ten, ELEMAE haben ein wunderschönes Album geschrie¬
ben, das teils von Melancholie, teils von Euphorie lebt, aber
immer mitreißend und beeindruckend ist. Allerdings sind
die neuen Lieder schon eher was für die ruhigeren Gemü¬
ter, denn wer Krach oder dröhnende Amps erwartet, der
wird sich hier wohl eher missverstanden fühlen, wenn er
hier auf Blues-Schemata und einfühlsame Kompositio¬
nen stößt.“ Neu sind die zwei Bonus-Songs, der fünfzehn¬
minütige Film mit diversen Clips und Interviews, sowie die
Verpackung als Digipak. Weiterhin ein absolutes Highlight
im Postcore -Bereich. (8) Thomas Eberhardt
EARTH
Hibernaculum CD+DVD
southernlord.com/Soulfood | Mit „Hibernaculum“ ist
die Verwandlung perfekt. Dass EARTH seit ihrer Wiederge¬
burt 2002 nicht die EARTH der frühen Neunziger sind, hat
ja bereits das 2005 eben¬
falls auf Southern Lord
veröffentlichte Album
„Hex; Or Printing In The
Infernal Method“ ein¬
deutig gezeigt. Master-
mind Dylan Carlson hat
Blues, Country und Ame -
ricana für sich entdeckt
und diese neuen alten
Einflüsse perfekt in den
von ihm quasi erfunde¬
nen Dronerock (oder
meinetwegen auch Dro-
ne Doom oder Drone Metal oder was auch immer) inte¬
griert. Diese neue Herangehensweise an seine (mittlerwei¬
le wieder völlig) instrumentale Ultraslow-Musik macht
es dem Hörer einfacher, sich in Carlsons Klangwelten zu¬
rechtzufinden, erinnert das doch immer wieder an das, was
Neil Young für den „Dead Man“-Soundtrack schrieb. Für
„Hibernaculum“ hat Carlson mm drei alte EARTH-Songs
aus den frühen Zeiten im aktuellen Soundgewand neu auf¬
genommen und diese Neuinterpretationen funktionieren
dann auch ganz hervorragend. Beinahe schon verträumt
und trotz aller Melancholie und dunkler Töne in keiner
Weise düster oder gar verstörend, wirkt „Hibernaculum“
eher wie ein sonniger Herbstnachmittag: Traurig, aber
schön. Perfekt dazu passend, der vierte Song „A Plague Of
Angels“, den es bisher nur auf der raren Tour-only-Split -
12“ „AngelComa“ mit SUNN O))) von 2006 gab. Ergänzt
wird „Hibernaculum“ durch eine gut einstündige DVD, die
neben Livemitschnitten von der 2006er Europatour auch
Interviews mit hauptsächlich natürlich Carlson, aber auch
mit Schlagzeugerin Adrienne Davies beinhaltet. Interes¬
sant dabei ist vor allem Carlsons Erklärung des Konzepts,
das er mit EARTH verfolgt, die er trotz aller Experimente,
dem Hang zu beinahe unerträglicher Langsamkeit und ei¬
ner dadurch resultierenden Nähe zur Avantgarde, in erster
Linie als Rockband sieht, was er auch so beibehalten will.
(9) Andre Bohnensack
EARLY HOURS
Light Guitars Action CD
offthehip.com.au | Wenn sich irgendwo auf der Welt noch
jemand an die EARLY HOURS aus einem abgelegenen Vor¬
ort von Perth, Australien erinnert, dann wohl Konzertbesu¬
cher aus Deutschland und Frankreich. Zwei Europatouren
mit der Mehrheit der Shows in diesen beiden Ländern ab¬
solvierte die 1993 gegründete Band Mitte/Ende der Neun¬
ziger, und auch wenn sie aus dem westaustralischen Gara¬
genpop-Mekka Perth kam, so existierte die Band in ihren
Anfangstagen - ich beziehe mich da auf die ausführlichen a
Linernotes von David und Julie von SpinningTop/Zip Re¬
cords - doch völlig losgelöst von der örtlichen Garage-Sze¬
ne. Im Beinahe-Niemandsland entwickelte die Band um
den hünenhaften Frontmann und Gitarrist Kirk Pohl ih¬
ren speziellen, sehr druckvollen, lauten Garage-Powerpop,
der nach der selbstveröffentlichten „Töp 10 Hits“-CD in
Mini-Auflage in Deutschland viaTwang Records auch auf
Vinyl erhältlich war, ergänzt um zwei Bonus-Songs. 1996
erschien dann auf Screaming Apple Records die „f m Drai-
ned“ - 7“, und ein Jahr später das zweite Album „Evolution“
(in Europa auf dem französischen Hellfire Club-Label als
Doppel-7“). 1998 tourten die EARLY HOURS dann noch
einmal, spielten 45 Shows in 60Tagen, doch zurück in Aus¬
tralien war dann Mitte 1999 alles vorbei, und die Band-
mitglieder zerstreuten sich in alle Welt. Dank Mickster von
Off The Hip allerdings wird das hörenswerte Vermächtnis
der Nachwelt erhalten, denn auf dieser CD gibt’s alle Al¬
bum- und 7“-Tracks in geballter Form. Ich sage: zugreifen!
(71:02) (8) Joachim Hiller
F-SPACE
Preliminary Impact Record CD
mobilization.com | Aus dem Jahre 2003 stammt das Al¬
bum von F-SPACE, der weitgehend instrumentalen Zweit-
band von Ethan James von SAVAGE REPUBLIC, der auch das
Mobilization-Label betreibt, wo die SR-Rereleases erschie¬
nen sind. Sein Labelpartner Scot Jenerik ist ebenfalls in der
Band, neben CHROME-Drummer Aleph Kali und teilwei¬
se Joel Connell von MAN IS THE BASTARD. Die Obsessi¬
on der Band: mächtige Percussion, an Glenn Branca erin¬
nernde Gitarren-Soundwände - und Feuer. Zu den Live-
Shows der „Industrial Pyro Punks“ gehören beeindru¬
ckende Feuerspuck-Aktivitäten, und zusammen mit der
schon aus der Konserve betörenden, drohenden, ja beängs¬
tigenden Musik ergibt das laut Augen- und Ohrenzeugen
ein oft als „apokalyptisch“ beschriebenes Erlebnis. Die Pa¬
rallelen zu SAVAGE REPUBLIC sind dabei unübersehbar,
wobei jene eher tribalistisch und kleinteilig arbeiten, wäh¬
rend hier die großen, monumentalen Klangbögen vorherr¬
schen, man den Spacerock von CHROME ebenso heraus¬
hören kann wie die breitwandigen Noisewände von NEU-
ROSIS, ISIS und Co. Auf jeden Fall die Entdeckung wert!
(63:42) (8) Joachim Hiller
GUANA BATZ
GetAround CD
Anagram | GUANA BATZ gehören eindeutig zu den gro¬
ßen Bands der Psychobilly-Szene. Musikalisch hatte die
Band um Sänger Pip aber bereits seit Mitte der Achtziger
nicht viel Neues zu bieten. Aus dieser Zeit stammen ihre
Hits, die sie heute immer noch als Headliner auf Festivals
live hervorragend rüber bringen. Immer sehenswert, kei¬
ne Frage. „Get around“ ist 1993 veröffentlicht worden und
enthält keine Hits. Hier wird harmloser, etwas schnellerer
Rockabilly ohne Schwung geboten. Die schwache Abmi¬
schung, mit einer leisen Stimme, gibt den Songs den Rest.
Überflüssige Platte und vielleicht der Grund, warum sie
seit dem nichts mehr Neues veröffentlich haben. Ihre Kre¬
ativität ist schon vor langer Zeit ausgereizt worden. Zur
OX-FANZINE 72
REVIEWS
HIRNSÄULE
I Sweat Me Death CD-R
Umsturz | Und wieder ein Protagonist zum Aufräumen
schon fast schimmelnder Klischees. Wie der Titel dieser CD
es schon anmuten lässt, HIRNSÄULE aus Osnabrück ma¬
chen keinen schrömmeligen Deutschpunk. Sie machen
schrammeligen Hardcore, das richtig amtlich und auch
schon seit 1998. Teils auf Englisch, Deutsch und Spanisch
untermalen sie ihre Songs, ja ja, damit man auch mal un¬
terwegs zwischendurch die Urlaubskasse aufbessem kann.
Wozu Punkrock nicht alles gut ist. Treffenderweise stam¬
men auch Teile dieser Aufnahmen von ihrer letzten „Spa¬
nien-Tour“, was den Thrash-Faktor, nicht nur in Punkto
Sound noch um ein Vielfaches in die Höhe treibt. Schön
rotzig, schnell und direkt - eben wie guter Hardcore/ Punk
der alten Schule sein soll. Warum die Jungs noch kein rich¬
tiges Label gefunden haben, ist mir schleierhaft. Ob es am
Namen liegt? Keine Ahnung. Ihr fast richtiges D.I.Y.-Label
Umsturz Records brennt, ähm, presst ihre CD auf Anfra¬
ge. Das nenn ich doch Dienst am Kunden. Sie touren dem¬
nächst wieder durch die Gegend. Checkt sie aus! (42:16)
(8) JeNnY Kracht
HELL CRAB CITY
Nicotine Blues CD
myspace.com/hellcrabcity | Man sieht sich immer zwei¬
mal: Kopf der aus Sydney stammenden HELL CRAB CITY
ist Alan Creed, und der war nicht nur mal Gitarrist der
NEW CHRISTS, son¬
dern auch bei den PA-
NADOLLS, was eine lei¬
se Erinnerung wachruft.
Einmal das Ox-Online-
Archiv befragt, und sie¬
he da, in Ox #35 hat¬
te ich deren Album be¬
sprochen, ihren klassi¬
schen Oz-Rock mit RA¬
DIO BIRDMAN, ASTE¬
ROID B-612 und POW-
DER MONKEYS vergli¬
chen. Erstaunlicherwei¬
se hat sich der bevorzugte Sound von Gitarrist Al seitdem
nicht verändert, denn HELL CRAB CITY spielen ebenfalls
genau diesen mächtigen, schmutzigen, druckvollen, mich
rundum begeisternden Sound, und wer BORED!, BROT-
HER BRICK, COSMIC PSYCHOS und die oben erwähn¬
ten Bands liebt, der wird hier bestens bedient. Neben dem
mitreißenden „Hey mate“, das auf der Ox-CD zu hören ist,
begeistert mich das 5:04 laufende „Death song“, eine me¬
lancholische Ballade, die es aber trotzdem nicht an Druck
und Intensität mangeln lässt. Ein echter Geheimtip, diese
Band - und warum zur Hölle findet sich nicht eine Band in
Deutschland, die sich mal soundmäßig an sowas versucht?
Stattdessen immer dieser klischeebeladene Schmierlapp-
Rock, den ich nie wieder hören will... (46:09) (9)
Joachim Hiller
► Auf der Ox-CD zu hören.
HELP SHE CANTSWIM
The Death Of Nightlife LP/CD
fantasticplasticrecords.com/Rough Trade | Spätestens
seid den SUGARCUBES von zweigeschlechtlichem Ge¬
sang fasziniert, zieht mich das neue Album „The Death Of
Nighdife“ von HELP SHE CAN’T SWIM sofort in seinen
Bann. Singen Tom Denney und Leesey Frances gleichzeitig,
fühlt man sich wie in einem hypnotischen Sog, und wech¬
seln sie sich ab, fahrt man regelrecht Achterbahn, da zu¬
sätzlich das Tempo in den einzelnen Songs extrem vari¬
iert. Wirkt das neue Album dieser Art-Punks im Gegen¬
satz zu ihrem Debüt „Fashionista Super Dance Troupe“ von
2004 anfänglich fast gezähmt, zeigen die seit vier Jahren
als Band existierenden Southamptoner aber sehr schnell,
dass sie Meister des organisierten Soundchaos sind. Über¬
wiegen im Opener „Pass the hat around“ noch die melo¬
dischen Parts, wird spätestens ab dem achten Song, „Box
of delights“, dem Krach gehuldigt. Doch ähnlich wie bei
FORWARD RUSSIA wird das größte Geschrei immer wie¬
der durch melodiösen Gesang aufgelöst. Mehr Abwechs¬
lung geht nicht. (35:20) (8) Nina Maenz
HELL WITHIN
Shadows Of Vanity CD
Lifeforce/ Soulfood | HELL WITHIN sind ein typisches
Signing auf Lifeforce Records. Neben RAUNCHY und BY
NIGHT reihen sie sich mit ihrem melodischen Metal, der
immer wieder Thrash-Einlagen einbindet, nahtlos ein in
die Reihe der Bands, die das Label eigentlich auszeichnen.
Mit ihr em dritten Album wollen es HW nun also wissen
und gehen in meinen Augen, im Gegensatz zu den genann¬
ten Labelmates, durchweg auf Nummer sicher in Sachen
Songwriting. Und da beginnt das Problem, denn alle Songs
sind im Aufbau sehr ähnlich, was für diejenigen, die den
Sound mögen, natürlich gut ist, für alle Anderen, die etwas
mehr Abwechslung wollen, aber eher abschreckend wirkt.
Hinzu kommt die sehr sterile Produktion, die man eher
im Bereich Metalcore der Marke CALIBAN gewohnt ist. Ich
persönlich mag es lieber ein wenig rauher und druckvol¬
ler. Für mi ch ist „Shadows OfVanity“ zwar keinesfalls ein
schlechtes Album, aber mehr als oberer Durchschnitt eben
auch nicht. (33:52) (6) Tobias Emst
HATESPHERE
Serpent Smiles And Killer Eyes CD
Steamhammer/SPV | HATESPHERE veröffentlichen mit
„Serpent Smiles ..." ihr bereits fünftes Album in sechs Jah¬
ren und bestätigen ihren Ruf als Thrash Metal-Ikonen. Es
gibt die gewohnte Mischung aus High-Speed-Attacken
und getragenen Midtempo-Songs, wobei auf diesem Al¬
bum Letztere, wie zum Beispiel „Drinking with the king
of the dead“, teilweise die Nase vorn haben und zu mei¬
nen Favoriten gehören. Eben genannter Track beginnt fast
Country-mäßig mit Mundharmonika und entsprechen¬
den Melodiebögen, tun dann in eine großartige Nummer
mit Riffs zu münden, die ins Ohr gehen und mich tatsäch¬
lich emotional treffen, zudem perfekt mit dem Gesang
harmonieren. Hammer! Auch „The stain“ hält fünf pa¬
ckende, groovende Minuten parat, ohne auf das Gaspedal
zu drücken. Und das mir als definitivem „Fast-Forward“-
Liebhaber. „Who had that ge-thought“, würde mein alter
Freund Macke sagen ... Fünf der neun Songs auf der Plat¬
te walzen allerdings speedmäßig alles nieder, was sich ih¬
nen in den Weg stellt. Anspieltip: „Forever war“. Einige
Male wechselt Sänger Jacob Bredahl von seinem eh schon
enorm aggressiven Gesang in Death Metal-Growls ä la NA¬
PALM DEATH. Auch sonst haben schwere Riffs Vorrang vor
allzu nervigen Gitarrensolo-Parts. Die Produktion ist abso¬
lut auf der Höhe und somit ist HATESPHERE eine beein¬
druckende, abwechslungsreiche Metal-Scheibe mit gehö¬
rigem „Hardcore-Faktor“ gelungen. (40:51) (8)
Zahni Müller
HANGIN’ OUT
In Common Solitudes CD
kickassrecords.org | Das Debütalbum der 1999 gegründe¬
ten HANGIN’ OUT „In Common Solitudes“ ist in Belgien
und Frankreich bereits erschienen, während das Quintett
damit in Deutschland derzeit noch hausieren geht. Hof¬
fen wir, dass es nicht mehr lange so bleibt und die Band
ein Label findet. Denn sie spielt einen energisch-melo¬
dischen Sound, für den sie sich zwar einiges bei diversen
amerikanischen Vorbildern abgeguckt hat, in den sie aber
auch eigene Ideen einbringt. So rauht die Band melodi¬
sche Parts gekonnt durch kantige Breaks und ungeschlif¬
fene Gitarrenparts auf. Sie spielt catchy Refrains, ist da¬
bei aber nicht zu glatt, sondern balanciert Ungeschliffen¬
heit und Griffigkeit gelungen aus, so dass schöne Faust-in-
die-Luft-Refrains entstehen. All dies erinnert sehr an frühe
RISE AGAINST, deren erstes Album einen mit „In Common
Solitudes“ vergleichbaren, sympathischen rauhen Gesamt¬
sound hat. Jeder, der auf energische Vereinigung von Melo¬
dien und Energien steht, ist bei den Belgiern genau richtig.
(34:06) (7) LauriWessel
CHIP HANNA AND THE BERLIN THREE
s/t CD/LP
peoplelikeyourecords.com/SPV | Chip Hanna ist Ex-
Drummer der U.S. BOMBS und ONE MAN ARMY, hat sich
aber bereits 2005 mit einer selbst produzierten Country-
CD als durchaus fähiger Akustiksong-Schreiber profiliert.
Nim hat der Texaner mit den MAD SIN-Mitgliedern Tex
Morton, Valle und Andy Laaf drei alte Bekannte rekrutiert
und firmierend unter CHIP HANNA AND THE BERLIN
THREE ein en weiteren musikalischen Gehversuch gewagt.
Und ganz ehrlich gesagt, vielleicht bin ich zu jung, aber das
erste Album dieses interessant besetzten Gespanns versetzt
mich nicht in solche Begeisterung wie Hannas selbst pro¬
duzierte CD, denn die Band spielt sehr HonkyTonk- und
Rockabilly-betonte Songs. Dies wiederum geht zu Lasten
einer melancholisch-schönen Atmosphäre der Stücke und
lässt sie eher im typischen 50er Jahre-Gewand erschei¬
nen. Zwar kann man dies durchaus drei, vier Mal hören,
aber um ein herausragend gutes Soloprojekt daraus zu ma¬
chen, dafür mangelt es der Platte an Lagerfeuer-Flair und
Springsteen-Romantik. Von daher: ganz netter, typischer
Country, aber kein Meilenstein. (31:22) (6) Lauri Wessel
► Auf der Ox-CD zu hören.
TERRY LEE HALE
Shotgun Pillowcase CD
Borderdreams/Broken Silence | Terry Lee Haie macht
schon seit Anfang der 90er Musik und die hierzulan¬
de bei Normal, Glitterhouse und Blue Rose erschienenen
Platten des Texaners sind nicht imbedingt das Schlech¬
teste, was man im Singer/Songwriter-Genre erwischen
kann. Und auch mit seiner neusten Platte empfiehlt sich
Haie als Produzent atmosphärischer, dichter Songs zwi¬
schen Rock, Blues, Country und Folk, mal straight rockend
wie bei „Work song“, aber überwiegend im halbakusti¬
schen Midtempo-Bereich angesiedelt. Darunter Cover¬
versionen von Chris Eckman von den WALKABOUTS, der
die Platte produziert hat und auch bei den meisten Songs
mitspielt, und BLUR („No distance left to run“), die sich
aber gut ins Gesamtbild einfügen. „Shotgun Pillowcase“
erzeugt durch Haies eindringlichen Gesang und die redu¬
zierte, aber pointierte wie effektive Instrumentierung ein
Höchstmaß an Atmosphäre, ohne das Genre zu revolutio¬
nieren, auch wenn der Einsatz von Elektronik und eher un¬
gewohnter Instrumente wie Klarinette der Platte den indi¬
viduellen Touch verleiht, die dessen Platten schon immer
ausgezeichnet haben. Insofern kann man „Shotgun Pillow¬
case“ durchaus mal wieder als echtes Highlight im äußerst
durchwachsenen Singer/Songwriter-Bereich bezeichnen.
(8) Thomas Kerpen
Original-Version sind noch drei Bonus-Live-Tracks hin¬
zugefügt worden. Diese zeigen das Live-Potential der Band.
(56:26) (4) Robert Noy
GREENLAND WHALEFISHERS
Amazing Space CD
deadlambrecords.com | Wer Barney McKenna und seine
silberlockigen Konsorten von den DUBLINERS schon ein¬
mal live erleben durfte, der versteht, weshalb eine ganze
Generation von Musikern den Iren huldigen und nur noch
eines wollen: genauso werden wie sie. Vor 13 Jahren hatten
eine Hand voll Norweger exakt diesen Wunsch, und wäh¬
rend Folkpunk a la FLOGGING MOLLY und BLOOD OR
WHISKEY langsam populärer wurde, konnten GREEN¬
LAND WHALEFISHERS nur in Großbritannien und - no-
body knows why - in Japan wirklich Fuß fassen. Nun ist
es an der Zeit, den umfangreichen Backkatalog der Band
auf die besten Stücke abzuklopfen, durch unveröffentlich¬
te Aufnahmen der Japantour zu ergänzen und eine genia¬
le Compilation zu gestalten. 17 absolut mitreißende Stü¬
cke, in denen sowohl Dynamik und Texte als auch die In¬
strumente sofort an die wohlig-gemütliche, düster-ver¬
soffene Atmosphäre irischer Pubs erinnern. Bleibt mir nur
noch, den Norwegern die gleiche Ausdauer wie ihren iri¬
schen Vorbildern zu wünschen - auf die nächsten 30 Jahre!
(55:53) (7) Katrin Schneider
GALLON DRUNK
Tonite-The Singles Bar (1988-91) CD
You, The Night... And The Music CD
From The Heart Of Town CD
Sartorial/Cargo | Löblich: Das gesamte Frühwerk der fa¬
mosen GALLON DRUNK wurde neu aufbereitet rereleaset.
Der Londoner Vierer gründete sich 1990 und veröffent¬
lichte zunächst in Eigenregie diverse Singles, die sämtlich
von der britischen Musikpresse gefeiert wurden. All jene
frühen Aufnahmen wurden auf „Tonite - The Singles Bar“
zusammengefasst und werden ergänzt um acht Live-Tracks
aus dem Jahre 1993, die in Chicago mitgeschnitten wur¬
den und bislang unveröffentlicht waren. Und schon die
frühe Aufnahmen machen mit ihrem hypnotischen Beat,
dem halligen Gesang, ihrem dramatischen Aufbau und ei¬
nem Stilmix aus Americana und SUICIDE, aus Elvis und
THE FALL, aus Tom Waits und BIRTHDAY PARTY klar, wo¬
hin die Reise durch die Nacht geht: Durch abgerockte Spe¬
lunken, durch verdreckte Straßenschluchten, an den Ab¬
gründen des menschlichen Daseins entlang Richtung Mor¬
gengrauen, das man freilich nicht mehr mitbekommt, weil
man mal wieder sturzbetrunken irgendwo auf einem Sofa
eingeschlafen ist und erst gegen Mittag voll bekleidet wie¬
der aufwacht. Frontmann James Johnston war (und ist!)
die treibende Kraft hinter all dem, ein Mann, den Nick
Cave später in seine Tourband holen sollte, und ab dem ers¬
ten Album „You, The Night... And The Music“ von 1992
trommelte ein gewisser Max Decharhe, der dann später
den Sound von GALLON DRUNK in modifizierter Form
mit den FLÄMING STARS aufbereiten zu begann - und von
der Trommlerposition an die des Frontmannes wechselte.
Parallel dazu erschien dann eine erste Auflage der eben er¬
wähnten Singles-Compilation, und GALLON DRUNK wa¬
ren zu so einer angesagten Band geworden, dass Warner sie
unter Vertrag nahm, für die sie 1993 „From The Heart Of
Town“ veröffentlichten. Keine kluge Entscheidung, ob¬
wohl die Platte gut ankam, denn die Vertragsstreitigkeiten
führten dazu, dass GALLON DRUNK erst 1995 ein neu¬
es Lebenszeichen geben konnten in Form der selbstveröf¬
fentlichten „The Traitor’s Gate“-EP - ihr nächstes Album
„In The Long Still Night“, ihr nach Meinung vieler bestens,
kam erst 1996 via City Slang. Immerhin, trotz gewisser
Hindernisse sind GALLON DRUNK bis heute aktiv, 2002
erschien mit „Fire Music“ ihr letzter Longplayer,und wie
man so hört steht ein neues Album unmittelbar bevor. (8)
Joachim Hiller
HEFNER
MaidaVale CD
Belka/Cargo j Ich oute mich zwar ungern als Fanboy, aber
im Fall von HEFNER tue ich das eigentlich doch ganz ger¬
ne, zumal Darren Hayman einer der großartigsten Song¬
writer ist, den England in den letzten 20 Jahren hervor¬
gebracht hat. Nachdem sein ehemaliges Label Too Pure
Hayman wohl die Rechte an den HEFNER-Songs überlas¬
sen hat, bringt der auf seinem eigenen Label Belka unver¬
öffentlichte Schätze seiner alten Band heraus. In diesem
Fall eine Peel-Session aus dem Jahr 2000, also zu Zeiten des
„We LoveThe City“-Albums. Ungewöhnlich daran ist, dass
es sich um eine der wenigen Gelegenheiten handelt, HEF¬
NER als achtköpfige Band zu erleben, was den zehn Songs
durch die Bläsersektion einen sehr schönen orchestralen,
BEATLES-esken Touch verleiht, darunter auch mit „The
greedy ugly people“ oder „The day thatThatcher dies“ gro¬
ße Klassiker des Hayman’schen Songwritings. Was soll man
sagen, wer die Band liebt, kommt an dieser Platte schlecht
vorbei, wer HEFNER nicht kennt, sollte das mal dringend
nachholen, denn englischer Indiepop hat in den letzten
Jahren selten so gut geklungen wie auf deren Alben. (9)
Thomas Kerpen
HERESY
20 Reasons To End It All CD
bosstunage.com/Cargo | Mit„20ReasonsToEndItAll“ist
die Aufarbeitung der Geschichte HERESYs abgeschlossen.
Zusammen mit den ersten beiden Teilen „1985 - ’87“ und
„Face Up To It!“ (siehe dazu Ox #64 und #68) ist somit
das Gesamtwerk der Nottinghamer von Boss Tüneage Re¬
cords nicht nur für Spät-
geborene endlich wieder
in vernünftiger Form er¬
hältlich gemacht wor¬
den. Nachdem HERESY
Anfang 1988 ihre einzige
LP „Face Up To It!“ ver¬
öffentlicht hatten, folg¬
te eine halbjährige Pause,
bevor sie im Herbst eine
Handvoll Einzelkonzer¬
te sowie eine kurze En¬
glandtour mit den Japa¬
nern ROSE ROSE bestrit¬
ten. Gegen Ende dieser Tour verkündete Gitarrist Baz (der
nebenbei auch bei RIPCORD spielte) seinen Ausstieg, wor¬
aufhin HERESY beschlossen, die Band direkt komplett auf¬
zulösen. Neben der Unlust, einen neuen Gitarristen „an¬
zulernen“, hatte man eh das Gefühl, das Maximum aus der
Band herausgeholt zu haben. Musikalisch hatten sich HE¬
RESY zu diesem Zeitpunkt vom Knüppel-Sound ihrer An¬
fangszeit entfernt und sich mehr in Richtung eines eher
„klassischen“ Hardcores entwickelt. Was nicht bedeu¬
tet, dass sie nicht immer noch verflucht schnell spielten.
Am 14. Dezember gaben HERESY in Leeds ihr Abschieds¬
konzert, kurz darauf spielten sie noch die „Whose Genera¬
tion“-?“ für InYour Face Records ein und nahmen im Ja¬
nuar 1989 noch eine dritte Peel-Session auf. Diese sechs
Songs wurden dann Ende 1989 zusammen mit den sie¬
ben Tracks ihrer zweiten Peel-Session unter dem Namen
„ 13 Rocking Anthems“ wiederum bei InYour Face Records
veröffentlicht. Danach war es dann endgültig vorbei mit
HERESY, die Bandmitglieder spielten in den Folgejahren in
diversen anderen Bands wie MEATFLY, FORCE FED oder X-
RAYS (Bassist Kalv und Drummer Steve haben aktuell mit
GERIATRIC UNIT eine neue Band, die erst kürzlich eine EP
via Plastic Bomb veröffentlicht haben). Auf „20 Reasons To
End It All“ sind nun alle diese letzten HERESY-Aufnahmen
versammelt, ergänzt um drei Songs vom Abschiedskonzert
(die auch schon mal 1993 als Single veröffentlicht wur¬
den) und begleitet von ausführlichen Linernotes von Bas¬
sist Kalv sowie beinahe allen Texten. Essentielle Hardcore -
Geschichte, die man im Schrank haben sollte. (9)
Andre Bohnensack
HOLD STEADY
Almost Killed Me CD
Frenchkiss/Fulltime Hobby/PIAS | Zwar war das De¬
büt-Album von THE HOLD STEADY seit seinem Erschei¬
nen vor über drei Jahren permanent via Frenhkiss erhält¬
lich, aber nun gut, jetzt ist es nach Meinung des englischen
Lizenznehmers „released for the first time in Europe“ - lei¬
der ohne jedes Bonusmaterial. Und das schrieb ich in Ox
#56: Eine Band aus New York City, die nicht als „New York
City band“ bezeichnet werden will, die der Meinung ist, die
ganze Disco-Punk-Szene sei „the silliest and most predic-
table musical movement since the third wave Ska revival
of the late 90s“. Nun, da kann man nicht widersprechen,
und das impliziert, dass HOLD STEADY auf der richtigen,
der guten Seite stehen. Das tun sie auf jeden Fall, wenn man
LIFTER PULLER mochte, die vorherige Band von Front-
mann Craig Finn und Bassist Tad Kubier, die sich zwei
neue Mitstreiter gesucht haben, wobei ich deren Ex-Bands
PUNCHDRUNK, KOESTER und VERBENA nicht kenne.
HOLD STEADY spielen auf ihrem Debüt schön unspekta¬
kuläre Rockmusik, trocken und erdig, ohne Schnörkel und
Rockismen, was „Almost Killed Me“ zu einer Platte macht,
die Ende der Achtziger auf SST hätte erscheinen können.
Und verblüffenderweise erinnern sie mich immer wieder
an HEAL!, die Band, die Steven Taylor von den FALSE PRO-
PHETS in den Neunzigern mal kurzzeitig hatte. Gastmusi¬
ker gibts auch, Franz und Peter von THE WORLD/INFER¬
NO FRIENDSHIP SOCIETY, was wiederum ein Hinweis auf
den Hintergrund von HOLD STEADY ist. Ein schönes, un¬
spektakuläres Album, das denkbar weit von hippem Disco¬
punk entfernt ist. (42:48) (7) Joachim Hiller
JAMES CHANCE & THE CONTORTIONS
Soul Exorcism Redux CD
roir-usa.com/Cargo | James Chance war eine der inter¬
essantesten Figuren der New Yorker Punk- und No-Wave-
Szene der späten Siebziger. Nachdem er mit Lydia Lunch
bei TEENAGE JESUS & THE JERKS gespielt hatte, gründe¬
te er JAMES CHANCE & THE CONTORTIONS und gebär¬
dete sich wie die Wiedergeburt von James Brown, kombi¬
nierte er dessen schweißtreibenden Funk mit der Wildheit
des Punk. 1980 führte es das Orchester nach Rotterdam,
der Auftritt wurde mitgeschnitten und ein Jahr später als
MC auf dem legendären New Yorker Tape-Label Roir veröf¬
fentlicht. Jetzt ist dieses mitreißende Zeitdokument als CD
im Digipak neu aufgelegt worden, ergänzt um drei Demo-
Tracks aus dem Jahr 1987 und Linernotes von Mr. Chance
persönlich. (79:10) (7) Joachim Hiller
KOMMUNITY FK
The Vision And The Voice CD
mobilization.com | „The Vision & the Voice: Beginnings of
American Deathrock“ ist der Text von KOMMUNITY FK-
Gründer Patrik Mata im Booklet dieser CD überschrie¬
ben und gibt damit bereits ein wichtiges Stichwort für die
Einordnung dieser lange in Vergessenheit geratenen L.A.-
Band, die seit einiger Zeit wieder aktiv ist. Zusammen mit
RECORDS
PROUDLY PRESENTS
WAY OUT WEST
Revolution
CD * KK-CD 101
They are back! Fünf Männer,
Drei Gitarren nnd jede
Menge heiße Melodien. 2007
ist das perfekte Jahr für
diese Rennion, 10 Jahre
Kamikaze Records, 10 Jahre
Evolution und 13 Jahre WOW! Das neue/alte Album enthält
die kompletten Aufnahmen des Evolution Albums, drei wei¬
tere Tracks aus der Evolution Session, alle Aufnahmen der
King Session, Best of Motorhula und die letzten Aufnahmen
der Band ans 2001. Insgesamt 11 bisher unveröffentlichte
Tracks. Drei weitere gab es bisher nur auf Tinyl und sogar
ein Tocal-Track ist mit dabei. Insgesamt 80 Minuten Surf
Musik vom feinsten. Alle Aufnahmen wurden von EROC
Remastert nnd was er ans den Bändern gezaubert hat, hat
mich wirklich vom Stuhl gehauen. So haben WOW noch nie
geklnngen, klar, brillant, frisch - einfach geil!
RICHIE HUNTER
Gun Gone Baby
CD • KK-CD 041
Five guys from Ibbenbüren
put this outstanding record
out, that even makes your
dog tap his feet.This debut
album offers a varied Collec¬
tion of mid-tempo songs and
tunes. Classic rock’n’roll and early 70’s rock
inflnence their arrangements as well as a meaning dose
of punkrock. The gimmik of this CD is an additional video
track to the song „Girl with a gun“.
geniales
THE BÄHAREEBÄS
Last Night I Saved
The Universe
CD • KK-CD 043
Das neue Album! The simple
riffology that was surf in
the sixties is the basis here,
and the writing is excellent.
They have arranged these
/. It’s hard not to grin and
bounce while listening.Tocals on this CD inclnde the eerie
and way fun „Vampire Beach“, „Lollipop Whore“, „Safran“ &
„Don’t Steal My Show“.
THE SPACE
RANGERS
Ready To Take Off!
CD • KK-CD 040
Die Space Rangers sind
startbereit und haben die
Erde im Visier. Die jungen
Löwen mit den qualmenden
Gitarren liefern das Surf-
Highlight des Jahres: 13 brandneue Eigenkompositionen, die
nicht nnr Freunde klassischer Surftunes bedienen.
BARNEY’S
BOOGIE TRAIN
Hot Rails
CD * KK-CD 038
Rockabilly Alarm! Statt Elec-
trobeat und Bürstenschnitt
geht’s hier nm Rock'n'Roll,
um schwere Lederjacken, alte
Blue-Jeans, grobe Bikerboots,
monströse Tollen und natürlich Chicks und Sex. Das
deutsche Trio hat sich in der klassischen Besetzung Gitarre,
Bass und Schlagzeug ganz dem straighten, schnörkellosen
Sonnd der swingin’ und rocking’ Fifties im neuen modernen
Gewand verschrieben.
THE HAWAI LAN S
Hula On Mars
CD • KK-CD 042
Ta da!!! Die neue Scheibe
der PopPunk Heros aus
Germany! nach dem Riesen¬
erfolg Ihres Erstlings geht
es nun volle Kante weiter.
17 famose Tracks und ein
vom Kollegen Fritte. A must have!
OX-FANZINE 73
REVIEWS
HELL IS FOR HEROES
s/t CD
golfrecords.co.uk | Das kann kein gutes Zeichen sein! Da
erscheint ein neues Album dieser feinen englischen Indie¬
rocker und kein Mensch weiß davon?! Ungewiss scheint
gar, in welcher Form das
dritte und selbst beti¬
telte Album der fünf aus
London hierzulande er¬
scheinen wird, da bisher
nur bekannt ist, dass es
in England Mitte Juni auf
dem englischen Golf Re¬
cords-Label erscheinen
soll. Nun ja, hoffen wir,
dass sich eines der größe¬
ren europäischen Indies
wieder für HELL IS FOR
HEROES erwärmen kann
und Kontinentaleuropa das neue Album der Band um Sän¬
ger Justin Schlosberg zugänglich machen wird. Denn die
neue Platte ist nach dem 2005er „Transmit Disrupt“, für
das sich damals Burning Heart erwärmen ließ, ein kleines
Meisterwerk geworden, auf dem sich die Band in Melan¬
cholie einwickelt und dem Hörer dabei einen ergreifenden
Song nach dem anderen präsentiert. Seien es Gitarrenwän¬
de, die sich in THURSDAY-Manier aufbauen und in tief¬
traurigen Refrains gipfeln. Seien es die ruhigen Momente
des Albums, die HIFH nutzen, um den Hörer langsam aber
sicher an introvertiert-dunkle Songstrecken heranzufüh¬
ren und ihm mit Midtempo-Drums, fast dramatischen Ge¬
sangbögen und ausdauernden Gitarren zeigen, wie sich in
elf Songs Nachdenklichkeit auf ganz hohem Niveau Um¬
setzen lässt. Diese Band darf nicht mehr länger ein Ge¬
heimtip bleiben, denn die Emotionen, die HIFH hier frei-
setzen, sind subtiler als alles, was die Band bisher gemacht
hat. Mehr denn je fesselt die Band den Hörer und liefert ei¬
nes der schönsten Alben des Jahres ab, ohne auch nur an ei¬
ner Stelle nach Emo oder sonstigen Modelabels zu klingen.
Groß! (42:58) (9) Lauri Wessel
HANDSOMEFURS
Plague Park CD
Sub Pop/Cargo | Eine feine kleine Platte: Dan Boeckner,
sonst Frontmann von WOLF PARADE, überzeugte letzten
Winter seine Partnerin Alexei Perry von der Notwendig¬
keit, zusammen Musik zu machen. Ein Drummer war in
Form einer Maschine schnell gefunden, Gitarre und Ge¬
sang kein Problem, und so entstand dieses minimalistische
Album, irgendwo zwischen dem eigenwilligen Folk von
WOLF PARADE, SUICIDE und Springsteen-Balladen. Mehr
kann und will ich zu diesem seltsam faszinierenden, unter
die Haut gehenden Album nicht schreiben - ausprobieren
und angetan sein. (36:31) (7) Joachim Hiller
HOMER
Swan Songs For Broken Voices CD
fimtimerecords.com | Es ist so eine Sache mit Bandna¬
men, denn sie vermitteln dem Hörer noch vor dem Hö¬
ren einen ersten Eindruck von dem, was ihn erwartet und
die Bildung von Vorurteilen ist hier alles andere als ausge¬
schlossen. Entsprechend erwartete ich von einer Band, die
sich nach des Deutschen liebsten Comic-Familienvaters
nennt, recht banalen Melodycore. Und nicht das, was die
Belgier hier spielen. HOMER widerlegen alle Erwartungen
an ihren Sound. Sicher, es gibt melodische Punkrock-Mo¬
mente, aber eben mir Momente, die sich in den ansons¬
ten sehr ideenreichen Hardcore-Punkrock-Mix einfü-
gen. Dieser erinnert durch metallische Parts und entspre¬
chende Soli mal an DEATH BY STEREO, aber nur um we¬
nig später mit geradlinigen Hardcore- Parts SICK OF IT ALL
zu zitieren und dann wieder durch gelungene Melodiebö¬
gen die Parallele zu amerikanischem Punkrock zu ziehen.
Dieses Album hat wirklich sehr viele Überraschungsmo¬
mente. Tempowechsel, in denen die Rhythmussektion von
Geradlinigkeit auf Stakkato umschaltet. Gitarrenlinien, die
aus Melodien in metallische Wände gleiten und einen Sän¬
ger, der sowohl gekonnt schreien als auch singen kann. Ein
beeindruckend energisches Stück Musik mit Aussage und
Feuer! (34:27) (8) LauriWessel
HAPPY BASTARDS
Box Of Hard Knocks CD
profaneexistence.com | Ist das die JEFFERSON AIRPLA¬
NE-Sängerin? Über Hardcore-Hippie-Flower-Power in
Eugene, Oregon die Vorliebe zum Hardcore-Punk ent¬
deckt? Sängerin (Anti-)Christy, auch Kolumnistin bei Pro¬
fane Existence, geht mir mit ihrem Geschrei auf einer Fre¬
quenz total auf die Nerven. Musikalisch ist das ansatzwei¬
se düster-wüster, melancholischer Hardcore, der oftmals
zu langatmig ist. Weder die Songs sind sonderlich ausge¬
feilt, noch finde ich die musikalische Umsetzung gelungen.
Untere Mittelklasse aus dem D.I.Y.-Anarcho-Crust-Hard-
core-Umfeld des Hauses Profane Existence. (35:31) (5)
Simon Brunner
HERO DISHONEST
When The Shit Hits The Man LP/CD
combatrockindustry.com | Ein sehr schöner Albumtitel,
den die Finnen sich für ihr viertes Album ausgesucht ha¬
ben, und auf dem Foto auf der Booklet-Rückseite sehen sie
auch beinahe so aus: total verschwitzt und abgerockt nach
einem Auftritt, irgendwo im Backstageraum. 21 Songs in
knapp über 25 Minuten sprechen auch hier wieder eine
deutliche Sprache: Gefangene werden nicht gemacht, nach
einer Minute sollte eine Nummer eigentlich durch sein.
Und wer DEEP WOUND covert („Saw it“) beweist sowie¬
so Geschmack und Stil. 1999 gegründet, verschrieben sich
HERO DISHONEST seitdem kompromisslos dem Hardco¬
re, thrashen fast ausnahmslos („Road to the arctic ocean“
ist so eine) ohne Gefangene zu machen ihre Songs runter,
treten das Erbe der leider aufgelösten WRANGLER BRUTES
an und kicken mindestens so geil wie die frühen BLACK
FLAG, wie D.R.I. zu „Dealing With It“-Zeiten und haben
dabei die Wucht von POISON IDEAs „Feel The Darkness“.
Angenehm auch die große Fähigkeit zur Variation, zu kom¬
plexer Rhythmik, denn das in gerade mal +- 60 Sekunden
hinzubekommen, zeugt von erheblichem Können. Und
Humor haben sie obendrein. Jetzt endlich entdecken! (8)
Joachim Hiller
m
I KNEW IT: HURRAY
New Hits: Hurray! LP
iknewit.de | Zu Beginn ein kurzer Exkurs zu dem Band-
namen: Der Wille, mit dem Bandnamen gleich etwas viel
Umfassenderes auszudrücken als der Combo einfach nur
einen Namen zu verpassen, scheint in letzter Zeit Kon¬
junktur zu haben. Dass dabei etwas so Angenehmes wie
„Ich wusste es, juhu!“ herauskommt und nicht „Ich wusste
es: Beeilung!“, wie ich beim ersten Hinschauen las, ist doch
sehr schön. Und der Plattentitel nimmt auch noch Bezug
auf den Bandnamen, hier geht man also mit einem Kon¬
zept zur Sache. Hinter jenem steckt leicht trashiger, vor¬
antreibender Neopunk bis -core, verspielt und abwechs¬
lungsreich mit deutschem Gesang, der wechselweise weib¬
lich oder männlich vorgetragen wird. Nicht nur musika¬
lisch haben die Trierer Gemeinsamkeiten mit den Spani¬
ern IT’S NOT NOT, denn auch diese drei Jungs und das eine
Mädel spielen in diversen anderen Vereinigungen. Genau¬
so hört man Elemente, die man aus dem höheren Norden
kennt: verdrehte Texte, teils gesprochen, teils geschrieen,
mit Schrammelgitarre und vielen Laut-leise-Teilen. Al¬
lerdings fehlt stellenweise noch etwas die Energie, die die¬
se Art Musik ausmacht. Aber dank 16-Spur-Bandmaschine
ein der Musik angepasst rotziges Debütalbum. (29:31) (6)
Christoph Schulz
INSTANT ASSHOLE
Straight Edge Failure CD
Tankcrimes | Laut, hart, rotzig und schnell, so muss ge¬
scheiter Hardcore-Punk sein, sonst ist das nix. Es scheint
auch noch Bands zu geben, die dieses Prinzip von Grund
auf verstanden haben. Guter handgemachter thrashiger
80er Jahre Hardcore, das pinkeln INSTANT ASSHOLE
förmlich gegen den Wind. Diese CD wurde bereits 2005
auf Tankcrimes Records veröffentlicht, warum habe ich
dieses Prachtstück erst jetzt in die Finger bekommen? John
The Baker brüllt die Songs so fantastisch aggressiv-dreckig
ins Mikro, dass man schon in den ersten Sekunden beim
Hören dieser CD im heimischen Wohnzimmer beginnt, das
Sitzmöbel aus der Zimmermitte zu rücken, um mit Vollgas
einen Moshpit zu eröffnen. DEAD KENNEDYS, MDC und
die guten alten DIRTY ROTTEN IMBECILES tanzen dar¬
auf einen beinharten Ringehein, das steht fest. Zu dem liegt
auch hier in der Kürze die Würze, 16 Songs in 16 Minuten
und zwei Sekunden, wobei „Satan“ mit 1 Minute und 37
Sekunden schon fast eine epische Länge aufweist und sich
regehecht im Ohr fest beißt. Fantastisch! (16:02) (9)
JeNnY Kracht
ICARUS LINE
Black Lives At The Golden Coast CD
v2music.com | Mit ihrem zweiten Album „Penance Soi¬
ree“ von 2005 hatten THE ICARUS LINE einen verblüffen¬
den Soundwechsel vollzogen, waren komplexer und viel¬
fältiger, aber auch düste¬
rer geworden und stell¬
ten ihren feurigen, ag¬
gressiven Live-Shows
endlich auch das passen¬
de Album zur Seite. Es¬
sentieller Teil der Band,
so schien es, war Gitar¬
rist Aaron North, seines
Zeichens auch Teilhaber
von Buddyhead Records
und für seine rotznasige
Attitüde bekannt. Doch
North ist seit 2005 raus,
wechselte zu NINE INCH NAILS - und man konnte ge¬
spannt sein, inwiefern sich sein Abgang auf den Sound von
THE ICARUS LINE auswirken würde. Nun, auf jeden Fall
hat sich hier nichts zum Schlechteren gewendet, erweist
sich die neue Besetzung unter Führung von Frontmann Joe
Cardamone als genauso mitreißend, ist „Black Lives..." ein
feuriges, düsteres Noiserock-Album, das durch seine Viel¬
schichtigkeit begeistert. Kein Song gleicht hier dem ande¬
ren, die Struktur der Stücke ist komplex, erinnert biswei¬
len sogar an THE MARS VOLTA, ohne jedoch deren durch¬
aus nervende Progrockigkeit nachzuahmen. Stattdes-
sen treffen hier JESUS LIZARD aufTHE JESUS AND MARY
CHAIN, Hardcore auf Psychedelic Rock, Aggressivität auf
samtige Relaxtheit („Victory gardens“), und ich denke, die
Band hat den Abgang Norths nicht nur gut verkraftet, son¬
dern sich auch noch gesteigert. Ein kleines Meisterwerk.
(43:52) (8) Joachim Hiller
INSENSE
The Silent Epidemie CD
Black Balloon/Soulfood | Die Norweger haben mitun¬
ter die Tendenz, alles ein wenig weiter zu treiben, als ande¬
re das vielleicht machen würden, und INSENSE, die zu ih¬
ren SLIPKNOT- und PANTERA-Riffs auch noch theatrali¬
schen Gesang bieten, denken gar nicht daran die Neunziger
ruhen zu lassen. Brachial, aber recht einfallslos. Textlich ist
mir das Album zu viel zu prollig, da fehlt mir die Raffines¬
se und schlichtweg der gemeinsame Nenner. (48:35) (4)
Thomas Eberhardt
INNER CONFLICT
Schiffbruch im Rahmenprogramm CD
twisted-chords.de | Aus irgendeinem Grunde, an den ich
mich nicht mehr erinnere, hatte ich INNER CONFLICT in
meinem Hinterkopf als eher miese Band abgespeichert.
Aber warum, kann ich echt nicht nachvollziehen, denn
zumindest das neue Album „Schiffbruch im Rahmenpro¬
gramm“ ist - auch wenn der Titel doch arg an schlechten
Hamburger Studenten-Emo erinnert - ziemlich groß. Von
vorne bis hinten gibt es melodischen, melancholischen,
aber dennoch schnellen und harten Punkrock mit abwech¬
selnd weiblichem und männlichem Gesang, der eine Stirn-
muilg verbreitet, die mich stark an „Club Matuchek“ der
BAMBIX erinnert. Auch die durchgehend deutschen Texte
sind sehr gelungen, und mit „Letzte Rettung“, „Sturmfrei“,
„En vogue“, „Restposten“ und „Kühlhauseffekt“ ist direkt
eine ganze Hand voll Ohrwurmhits auf der CD, die übri¬
gens im ansprechend gestalteten Digipak kommt. Schönes
Ding. (33:11) (8) JanEckhoff
ILEGALITY
Sami Proti Sebe... CD
phr.cz | Sehr kurzweiliger, rauher und rockiger Punk mit
einem leichten Hang zum Hardcore. ILEGALITY selbst se¬
hen sich in der Tradition slowakischer Bands wie OST-
ROV P oder DO NOT X-RAY. Das müssen keine schlech¬
ten Bands sein, angesichts der enormen Energie und der
coolen Arrangements, die ILEGALITY hier an den Tag le¬
gen. Trotz eingängiger Drei-Akkord-Mechanismen sind
die Songs selten berechenbar und behalten den angenehm
permanenten Druck nach vorne, wenn auch manchmal zu
langatmig. Aggressiv, düster und schnell zerren ILEGALITY
dreißig Minuten an den Nerven und hinterlassen ein ma¬
nisches Grinsen. (31:04) (7) Simon Brunner
ION DISSONANCE
Minus The Herd CD
centurymedia.com | Der Einfluss der schwedischen Cha-
os-Thrasher MESHUGGAH wird bei den kanadischen Dea-
thcorelern ION DISSONANCE überdeutlich. Im Gegensatz
zu genreverwandten Konsorten bedient man sich jedoch
eher bei den Blaupausen und ist hörbar bemüht, sich nicht
in vertrackten Rifffolgen zu verlieren sondern durch Tem¬
powechsel eine gewisse Eigenständigkeit zu erzeugen, was
erfreulicherweise auch gelingt. Zwar dürfte eingeschwore¬
nen Metallern dieser Mix wohl zu „Hardcore“ sein, und ich
wette, live dürften sich ziemlich viele Moshpit-Spastis bei
den Herren eher wohler fühlen als bei dem großen schwe¬
dischen Aushängeschild, mir gefällt „Minus The Herd“
dennoch ganz gut. Trotz allem Stakkato nachvollziehba-
/RE-RELEASES
45 GRAVE und CHRISTIAN DEATH waren sie in den frü¬
hen Achtzigern Teil der südkalifornischen Deathrock/Go-
thpunk-Szene, beeinflusst von britischen Bands wie BAU¬
HAUS, KILLING JOKE und JOY DIVISION, ergänzt um ge¬
wisse Industrial-Einflüsse, die sie stellenweise in die Nähe
von SAVAGE REPUBLIC rücken - und auf deren bandeige¬
nem Label Independent Project war ihr jüngst neu aufge¬
legtes Debütalbum ja auch erschienen. Wie viel stärker das
Coverartwork im LP-Format wirkt, kann man hier sehen:
In voller Größe war das Motiv sicher sehr beeindruckend,
so geht eine Menge Details verloren. Mata hatte in Colla¬
gentechnik vor einer Schweizer Bergkulisse einen riesigen
roten Penis auf eine Almwiese montiert, um diesen her¬
um kopulierende Paare. Nicht der Stoff also, aus dem Hit¬
platten werden ...Wer immer ein Faible hat für den druck¬
vollen, düsteren Post-Punk/Wave-Rock jener Zeit, soll¬
te sich dieses auch heute noch soundmäßig überzeugende
Album imbedingt anhören. Kommt mit Live-Bonustracks
aus dem Jahre 1983 sowie ausführlichen Linernotes von
Patrik Mata. (61:37) (8) Joachim Hiller
KO AND THE KNOCKOUTS
s/t CD
wickedcoolrecords.com | Bereits vor fünf Jahren erschien
das titellose Debütalbum der Detroiter Kapelle KO & THE
KNOCKOUTS, nun ist es auf Wicked Cool Records erneut
veröffentlicht worden. Und das ist auch gut so. Denn das
charmante Trio mit der niedlichen Ko am Bass spielt ein¬
fach zuckersüßen Girl-Group-lästigen Powerpop, der sei¬
nesgleichen allenfalls bei den Kollegen von den DETRO¬
IT COBRAS findet. Gitarrenmäßig klingt hier einiges ähn¬
lich wie bei den Cobras, doch der Gesang ist doch um ei¬
niges frischer als bei der ständig genervt und gelangweilt
wirkenden Edelzicke Rachel Nagy. Außerdem können die
KNOCKOUTS den Cobras ein paar linke Haken dadurch
verpassen, dass sie einfach sehr viel gutes eigenes Songma¬
terial haben, das ist bei den Cobras ja immer schon Man¬
gelware gewesen. Also ein Sieg nach Punkten für KO. (8)
Gereon Helmer
MERZ
s/t 2CD
Grönland/Sony | Lange sieben Jahre hatte Conrad Lam¬
bert sich Zeit genommen, um den letztjährigen Nachfolger
zum selbstbetitelten Debüt einzuspielen. 1999 als „engli¬
scher Beck“ das nächste dicke Ding zu sein, hatte an ihm
genagt und zuletzt fand er sich sogar auf dem Arbeitsamt
wieder. Bis in diesem Jahr sein neues Album erscheint,
kann man sich mit eben jenem Erstling die Zeit vertreiben,
der seinerzeit - glaubt man damaligen Reviews - die Lat¬
te so hoch legte. In der Herangehensweise BADLY DRAWN
BOY nicht unähnlich bediente er sich bei den einzelnen
Songs bei verschiedensten Quellen - hier lässt er die Strei¬
cher flirren, dort baut er seinen Songs um Sequencer-Beats
herum auf und spart nicht an akustischer Gitarrenbeglei¬
tung. Im besten Fall gelingt ihm ein Song wie „Lotus“, bei
dem sich die Elemente (ein zurückhaltendes Piano, zaghaf¬
te Homer und Drum’n’Bass-Elektronik) wunderbar er¬
gänzen. Oft kaschieren diese hörenswerten Verbindungen
jedoch nicht, dass die Songs selbst nicht eindeutig zün¬
den wollen. Einen mediokren Song kann auch der buntes¬
te Schmuck nicht verbessern - womit wir ganz nebenbei
wieder bei besagtem Beck wären. Da gilt das Gleiche wie
für den Zweitling: Interessant, aber soundtechnisch dann
vollkommen der Jahrtausendwende verpflichtet, wird das
Ganze auf der Bonus-CD, wo es in Form von Remixen ein
Wiedersehen unter anderem mit House und 2-Step gibt -
das ist dann schon richtig unterhaltsam. Der MOUSE ON
MARS-Remix von besagtem „Lotus“ zeigt dann einmal
mehr, dass auch durch Remixe Zeitloses entstehen kann
und im Falle vom neu arrangierten Albumtrack „Blues be-
came“ wird klar, dass eine klassische Band MERZ sehr gut
tun könnte. (52:42) (6) Christian Maiwald
MONKS
Demo Tapes 1965 CD
playloud.org | Aus dem gleichen Hause wie der MONKS -
Film kommt mm ein weiteres exzellentes Dokument über
die Musikgeschichte schreibenden Tonsurträger. Das heißt,
als diese Demo-Auf¬
nahmen 1965 in Lud-
mSfi&i wigsburg nahe Stutt-
gart entstanden, waren
w V* die MONKS noch lang-
> haarig und eben erst aus
#1 'WSk den FIVE TORQUAYS
JT f jJnB hervorgegangen. Zu-
¥ , 1 y sammen mit ihren „Er-
k J Andern“ und Produzen-
j ten Niemann und Remy
MK 8 I KT M|^B entstanden erste Versi-
MK Jf l iBBI BBBI onen der ein Jahr spä¬
ter auf dem „Black Monk
Time“ perfektionierten Songs, zwei Tracks, die hier noch
enthalten sind („Pretty Suzanne“ und „Hushie pushie“),
verschwinden wieder aus dem Repertoire, zwei ande¬
re („Complication“ und „Shut up“) sind noch nicht da¬
bei. doch die Qualität ist alles andere als rumpliger Kel¬
lersound, sondern faszinierend frisch und crisp - deutsche
Toningenieurskunst bei der Arbeit. Eine ausführliche Wür¬
digung der MONKS fand ja bereits in Ox #69 statt, des¬
halb der Hinweis auf den Artikel dort, den Dokumentar¬
film „Monks -TheTransatlantic Feedback“ sowie die aus¬
führlichen Linernotes im zwölfseitigen Booklet. Als Bonus
gibts noch zwei Songs der FIVE TORQUAYS. Die perfekte
Ergänzung zum „Black Monk Time“-Album. (38:34) (8)
Joachim Hiller
GARY NUMAN
The Complete John Peel Sessions CD
MaidaVale/CookingVinyl | Gleich zweimal innerhalb ei¬
nes halben Jahres kam Gary Numan zur Ehre einer Peel-
Session: Am 16 Januar, drei Monate vor dem Release des
zweiten TUBEWAY ARMY- Albums „Replicas“, spielte man
in den Heiligen Hallen der BBC „Me I disconnect from
you“, „Down in the park“ und „I nearly married a human“
ein, und kurz nach dem Release des epochalen Longplayers
mit dem Dauerhit „Cars“ dann vier weitere Songs, darunter
eine interessante Version von „Cars“. 22 Jahre später kehrte
Numan dann zurück, und so entstanden im Juli 2001, pas¬
send zum just erschienenen „Pure“-Album, neun weitere
Aufnahmen, und neben neuen Songs finden sich hier auch
wieder „Cars“ und „Down in the park“, die auch in ihrem
neuen, mit sehr metallischer Gitarre versehenen Sound
überzeugen. Durchaus eine lohnenswerte Ergänzung, so¬
fern man bereits im Besitz der ersten beiden Gary Numan/
TUBEWAY ARMY-Alben ist. Kommt mit ausführlichen Li-
nemotes im Booklet. (76:5 7) (7) Joachim Hiller
OUTCASTS
The Punk Singles Collection CD
cherryred.co.uk | Eine Neuauflage der bereits vor ein
paar Jahren erschienenen Quasi-Best-Of-Zusammenstel-
Iung der OUTCASTS, die zusammen mit den STIFF LITTLE
FINGERS einst die wich¬
tigste nordirische Punk-
band waren. Zwei Alben
veröffentlichte die 1979
von den Brüdern Martin,
Colin und Greg Cowan
gegründete Band bis zur
Trennung 1985 (das De¬
büt „Seif Conscious Over
You“ ist via Captain Oi!
erhältlich), und hier fin¬
den sich alle Tracks der
neun Singles. Los geht’s
mit „Frustration“ ,„Justa
nother teenage rebel“ und „Seif conscious over you“, einer
perfekten Verbindung aus aggressiver Rotzigkeit und grö-
lig-poppigen Melodien. In der zweiten Hälfte ihrer Karri¬
ere wurden die OUTCASTS dann rocknrolliger, hatten sie
schon mit dem grandiosen „Magnum force“ einen gewis¬
sen CLASH-Touch bekommen und schreckten auch vor
bissigen Rock-Riffs nicht zurück, was sich auf dem 1983
auf New Rose erschienenen Album „Blood & Thunder“ so¬
wie der Abschieds-12“ „Seven Deadly Sins“ fortsetzte. Da
wie hier ist das eigenwillige „Nowhere left to run“ ent¬
halten, die exzellente Coverversion „Ruby“, das psychobil-
lyhafte „Seven deadly sins“ sowie eine gelungene Neuein-
spielung von „ 1969“. Bis heute ist mir unverständlich, wa¬
rum die OUTCASTS immer ein Außenseiterdasein friste¬
ten (Lag es am Ende am Fluch des Namens ...?), sind sie
doch eine musikalisch vielschichtige, rundum mitreißen¬
de Band, die es heute noch verdient hat entdeckt zu werden
- am besten mit dieser Zusammenstellung, für die Mark
„Captain Oi!“ Brennan die Linernotes geschrieben hat.
(76:52) (9) Joachim Hiller
RODDY RADIATION’S SKABILLY REBELS
Blues Attack CD
roddyradiation.com | Vom Meister Roddy Byers persön¬
lich zugesandt, schneite mir kürzlich diese Vorabversion
der kommenden neuen SKABILLY REBELS-Kompilati¬
on „Blues Attack“ ins Haus. Für die, denen der Name kein
Begriff ist: der Mann war Originalmitglied der legendären
Englischen 2Tone-BandTHE SPECIALS und hat für die ei¬
nige meiner persönlichen Lieblings-SPECIALS-Songs aller
Zeiten geschrieben, so zum Beispiel „Concrete jungle“ und
„Hey little rieh girl“. Und mit den SKABILLY REBELS hat er
es geschafft, seine Leidenschaft für Ska oder besser gesagt
2Tone und Rockabilly zu verbinden. Und außer ihm und
den LONG TALL TEXANS, die das auf einigen Alben auch
gekonnt mixen, scheint das sonst keiner hinzubekommen.
Dafür kann Roddy Byers, der darüber hinaus noch ein aus¬
gesprochener Sympath ist, das um so besser. Und so kann
ich auch einige der Songs der SKABILLY REBELS, die jetzt
in Neuaufnahme auf der neuen Zusammenstellung er¬
scheinen werden, jetzt schon guten Gewissens als Hits be¬
zeichnen, allen voran natürlich „Blues attack“, „Black Zo-
diac“ und „Doldrums“. Ich hatte schon mal das Vergnü¬
gen Roddy und seine Kollegen live zu sehen und hoffe, dass
man in Deutschland bald wieder in den Genuss kommt.
Claudia Luck
RIVALS
... IfOnly CD
Binliner/detour-records.co.uk | Binliner Records hat
es sich zur Aufgabe gemacht, (beinahe) vergessene frühe
Punkbands wieder zurück ins Licht zu bringen, und dieses^
noble Ansinnen Meß man nun den kurzlebigen RIVALS aus
dem Londoner Umland angedeihen, die zwischen 1976
und 1981 existierten und es auf nicht mehr als zwei Singles
brachten. Immerhin bringt es diese CD dann aber doch auf
20 Titel, und auch wenn die RIVALS selbst kaum jeman¬
dem bekannt sein dürften, so haben es doch zwei Leute aus
ihrem Umfeld zu Bekanntheit gebracht: Ihr Drummer Paul
Daley wurde später mit LEFTFIELD bekannt, und ihr Kum¬
pel Roi gründete mit LAST RESORT eine eigene, später we¬
sentlich bekanntere Band, die sich bei den RIVALS deren
Song „Rose of England“ liehen und bekannt machten. Jener
Song wie das exzellente „Future rights" sind hier enthal¬
ten, und wer angesichts der Bandgeschichte hier rumplige
Demo-Songs erwartet, dem kann ich Entwarnung geben:
Fast alle Tracks beeindrucken durch einen messerscharfen,
klaren Sound, und die hochmelodiösen, durch einen trei¬
benden Gitarrensound geprägten Songs erinnern mich im¬
mer wieder an die exzellenten OUTCASTS aus Nordirland.
Alles in allem ein lohnenswerter Release für Fans klassische
UK-Punks, der sich labeltypisch durch ein dickes Booklet
mit allen wichtigen Informationen auszeichnet. Auch nach
20 Jahren noch ein Geheimtip. (55:39) (7) Joachim Hiller
SAVAGE REPUBLIC
Tragic Figures CD
Ceremonial + Trudge CD
Jamahirya CD
Customs CD
mobilization.com | So lange es Releases wie diese gibt,
so lange wird der Datentrack auf einer Computer-Fest¬
platte das Medium der Dummen bleiben, das Medium je¬
ner, die Tiefkühlkost ei¬
nem selbstgekochten
Menü vorziehen, eine
DVD einem Kinobesuch,
den Computerchat dem
Kneipengespräch. In Ko¬
operation der beiden SA¬
VAGE REPUBLIC-Grün-
der Mark Erskine (Be¬
treiber des Labels Mo-
bilization Recordings)
und Bruce Licher (heu¬
te nicht mehr aktiver Teil
der Band, aber als Kopf
von Independent Project Records seit frühen Bandtagen
verantwortlich für LP- und CD-Verpackungen) wurden
jüngst die klassischen SAVAGE REPUBLIC-Releases aus den
Achtzigern in wunderschöner Aufmachung (handgemach¬
te Karton-Wrap-Booklets mit Prägedruck) neu aufgelegt.
Die Ursprünge von SAVAGE REPUBLIC gehen zurück auf
die Punk- und Hardcore-Szene des Los Angeles der frü¬
hen Achtziger, als Bruce Licher, Mark Erskine und Jack¬
son Del Rey die Band AFRICA CORPS gründeten und spä¬
ter, nach dem Einstieg von Jeff Long von WASTED YOUTH,
den Namen in SAVAGE REPUBLIC änderten. „Tragic Figu¬
res“ hieß das erste Album, es folgten diverse Besetzungs¬
wechsel: Ende 1983 holte Bruce Licher drei neue Mitglie¬
der in die Band, Greg Grunke,Thom Fuhrmann und Ethan
Port, und bis zur Auflösung 1989 spielte und nahm man
OX-FANZINE 74
REVIEWS
re Strukturen und präziser Einsatz von Blastparts lockern
den Gesamtsound auf und sorgen somit fiir die nötige Ab¬
wechslung, ohne sich den Stempel einer bloßen Import¬
kopie auf die Stirn drücken zu müssen. Kann man durch¬
aus weiterempfehlen, das. Uwe Kubassa
IMOGENE
s/t CD
intrepidsoimds.com | „IMOGENE has also had promo
posters posted up in various spots on the set of ,The OC‘ te-
levision series.“ Kann mir jemand von euch verraten, von
welcher Fernsehserie da im Infoblatt geschrieben wird? Im
Gegenzug erzähle ich euch dann, was für Musik IMOGENE
spielen. Es handelt sich um ein Quartett mit folgender In¬
strumentierung: Piano/Orgel, Schlagzeug, viersaitiger Bass
und ein verzerrter achtsaitiger Bass. Steht auch alles im
Info. Ich kann euch sagen, interessant ist das nicht. Übelste
Drogenmusik mit ganz, ganz schlimmem Gesang. Hoffent¬
lich klappt es vor dem nächsten Album mit der Überdosis.
(48:48) (1) Lars Koch
IT PREVAILS
The Inspiration CD
Golf/Rise/Phd | Aus Portland, Oregon kommt das aktu¬
elle Signing von Rise Records und Golf hat sich auch die¬
ses Album lizenzieren lassen, was eine gute Idee war, denn
IT PREVAILS haben durchaus ihre Stärken, vor allem die
Leadgitarre, die stark an SHAI HULUD erinnert, weiß zu
gefallen. Auch bei den Vocals hält man sich an die Dune-
Fans und so stellt sich eben die Frage, wie notwendig die¬
se Veröffentlichung ist. Nim, durch die bombastische Pro¬
duktion von Kris Crummet, der schon DROP DEAD GOR-
GEOUS und FEAR BEFORETHE MARCH OFTHE FLAMES
zum richtigen Sound verhalf, ist „The Inspiration“ durch¬
aus zu empfehlen, denn die Zeit steht schließlich nicht still
und gerade bei einer so klanglich dichten Veröffentlichun¬
gen profitiert der geneigte Hörer von der einwandfreien
Produktion. (29:5S) (7) Thomas Eberhardt
IN THIS MOMENT
Beautiful Tragedy CD
Century Media | INTHIS MOMENT haben den Exotenbo¬
nus wegen ihrer Sängerin Maria, verdienen sich aber den¬
noch keinen Innovationspreis. Dass Sängerin nicht gleich
drucklos heißt, wissen wir nicht erst seit WALLS OF JERI¬
CHO und auch auf „Beautiful Tragedy“ hinterlässt eigent¬
lich nur der Gesang oder besser: das Geschrei einen blei¬
benden Eindruck. Musikalisch klingt die Band nicht für ei¬
nen Cent anders als HAND TO HAND oder andere Bands,
die Metalcore mit Geschrei in der Strophe oder pathe¬
tischem Gesang in Refrain verwenden. Wer HAND TO
HAND kennt, wird auch noch eine weitere Gemeinsamkeit
feststellen: Die beiden Vokalisten hören sich exakt gleich
an. Witzig ist nur, dass der eine ein Mann ist und die ande¬
re eben eine Frau. Ganz schön gewaltig, dafür aber wandelt
die Band eben auf ausgetretenen Pfaden. Wie immer tech¬
nisch auf höchstem Niveau, dafür aber nicht mehr interes¬
sant. (6) Sebastian Wahle
m
JETS OVERHEAD
Bridges CD
Sweet Nothing/Cargo | Ich finde es immer wieder ver¬
wirrend, wenn das Presseinfo einer Band nur aus ver¬
meintlichen Erfolgsgeschichten besteht, welche Plätze in
welchen Collegeradio-Charts belegt wurden, und so wei-
in dieser Besetzung drei weitere Alben („Customs“ ist ein
während der Europatom - in Griechenland eingespieltes Al¬
bum) auf. 2002 dann die Reunion, Fuhrmann, Grunke und
Port sind wieder dabei, aber auch Val Haller, der einst mit
Jayne/Wayne County spielte, und im März 2007 fand 19
Jahre nach dem ersten Deutschlandbesuch auch eine zwei¬
te Tour statt und man brachte eine auf 1.200 Stück limi¬
tierte 5-Song-EP mit, die in Kooperation mit Neurot Re-
cordings veröffentlicht wurde, wo im Oktober 2007 auch
ein neues Album erscheinen soll. Einfach war die Mu¬
sik von SAVAGE REPUBLIC noch nie, auf Neurot Recor-
dings passen sie allerdings hervorragend, ist ihr eigenwil¬
liger, über weite Strecken instrumentaler Sound doch ein
Zusammenspiel von Industrial-Drones, dubbigen Rhyth¬
men, düsterem Postpunk und komplexer Percussion, der
mit den Schlagworten „JOY DIVISION meets EINSTÜR¬
ZENDE NEUBAUTEN“ (in einer Konzertankündigung war
das so zu lesen) allerdings nur sehr rudimentär umschrie¬
ben ist. Eine spannende Band abseits der üblichen Hörge¬
wohnheiten, die sich Dank der Rereleases der alten Platten
auch heute noch neu entdecken lässt und die bei genauerer
Beschäftigung nur halb so schwierig ist wie man bei ober¬
flächlicher Betrachtung meinen möchte Und live sind sie
sowieso ein extrem beeindruckendes Erlebnis, auch heute
noch. (9) Joachim Hiller
SCHWARZE KANAL
Leipzig LP
majorlabel.de | Zu Beginn eine kurze Geschichtsstunde.
Es war das Jahr 1989 und die Wendezeit wurde eingeläutet.
Genau zu diesem Zeitpunkt gründete sich DER SCHWAR¬
ZE KANAL, hervorgegangen aus der DDR-Punkband
L’ATTENTAT. Leider bestand die Band nur wenige Jahre, so
dass man sich 1991 wieder trennte. Das Gute jedoch ist,
dass die Band trotzdem noch aktiv ist und ab und zu einige
Auftritte spielt. Lange Rede, wenig Sinn, diese Platte ist ein
Sammelwerk aller in der kurzen Zeit ihrer Existenz ent¬
standenen Werke, und da man damals kein Album produ¬
zierte, wurden sie kurzerhand neu eingespielt. Die politi¬
schen Texte handeln hauptsächlich Probleme vor und um
diese Zeit ab, welche sich natürlich kritisch gegen die da¬
malige Verhältnisse in der „Ostzone“ richteten. Aber auch
immer noch aktuelle Themen, wie der Titel „Faschismus“
schon sagt, kommen zur Sprache. Es stehen eindeutig die
Texte im Vordergrund, welche mit schnellen und schnör¬
kellosen Gitarrensound präsentiert werden. Da es sich bei
der Platte um ein Dankeschön an die Fans handelt, ist die¬
se auf 400 Stück limitiert - und eine Neuauflage des ei¬
gentlich schon 2003 erschienenen Albums. (40:00) (6)
Sven Grumbach
TWO GALLANTS
TheThroes MCD
alive-totalenergy.com/Cargo | Bislang war diese EP von
2004 via Saddle Creek zu bekommen, jetzt gibt es eine
Neuauflage auf Alive. Und das schrieben wir in Ox #63:
Wow, wieso habe ich noch nie von dieser Band gehört?
TWO GALLANTS machen modernen Americana, und er¬
innern, obwohl sie im Grunde vollkommen eigenstän¬
dig sind, ein wenig an die OLD CANES, dem viel zu un¬
terschätzten Nebenprojekt von APPLESEED CAST-Sänger
Chris Crisci. Allerdings sind TWO GALLANTS nicht ganz
so traditionell, und obwohl Adam Stephens und Tyson Vö¬
gel auch althergebrachte Instrumente wie Mundharmo¬
nika einsetzen, orientieren sie sich doch viel an Punk. Bei
„Crow Jane“ greifen sie zwar etwas zu tief in die Cowboy -
und Westernkiste, und „Fail hard to regain“ erinnert mich
fast an eine Folkpunk-Band, aber was soll’s. Jeder darf mal
den einen oder anderen Ausrutscher haben. Ansonsten ist
ter. Über die Musik, den Anspruch, den Hintergrund wird
dagegen kein Wort verloren - und das hat was von „Mein
Haus, mein Auto, meine Yacht!“. Aber okay, wollen wir das
Imponiergehabe ihres Managers nicht gegen die Band ver¬
wenden, denn die aus Victora, British Columbia, Kanada
stammenden JETS OVERHEAD haben mit ihrem ersten Al¬
bum, das in Kanada schon 2005 erschienen ist, ein rund¬
um gefälliges Werk geschaffen, das überhaupt nicht klingt
wie ein Jet im direkten Überflug, sondern eher was von der
meditativen Ruhe einer Ballonfahrt hat. „Trance Rock“ hat
das mal jemand genannt, und so lassen hier THE SOUND¬
TRACK OF OUR LIVES grüßen, es sprießen zartgrüne Brit-
pop-Sprossen, man nähert sich auch mal MERCURY REV
oder SPIRITUALIZED an, hat kein Problem mit Fünfminü-
tern und ist insgesamt sehr angenehm plüschig, ohne sich
jedoch hippiesk zu verzetteln. Unterm Strich ist dann eben
doch wieder alles Rock’n’Roll, kann man hier und da die
beanspruchte THE WHO- Verehrung nachvollziehen, und
so komme ich letztlich zu dem Schluss, „Bridges“ allen
TSOOL-Fans ans Herz zu legen. (68:26) (7) Joachim Hiller
JOHNNY JOKER & THE TWILIGHT KIDS
Somewhere Far Away CD
crazyloverecords.de | Die Wurzeln des seit 2004 bestehen¬
den Töginger Trios liegen ganz klar im Rockabilly. Rocka-
billy im weitesten Sinne, denn das Soundspektrum ist um
einiges weiter. JOHNNY
JOKER &THETWILIGHT
KIDS versammeln auf
„Somewhere Far Away“
dreizehn Hymnen an den
Rock’n’Roll-Lifestyle.
Ein solch wilder Mix aus
Psychobilly, Punk und
Rockabilly kann nur als
Aufforderung verstanden
werden, den imaginären
Hotrod aufzupolieren
und den Highway bezie¬
hungsweise die Autobahn
unsicher zu machen. JOHNNY JOKER & THE TWILIGHT
KIDS rocken mal düster wie bei „Sin city sinners“, mal läs¬
sig wie bei „Walking through the corridor“. Mein persön¬
licher Höhepunkt des Albums ist allerdings der Titeltrack
„Somewhere far away“, wo die Jungs gesanglich in großar¬
tiger Weise von weiblicher Seite unterstützt werden. Text¬
lich werden sämtliche Rock’n’Roll-Klischees verbraten, an
die man nur denken kann. Aber mal ehrlich, an Songtex¬
ten wie „Born to lose, live to win“ kann man sich doch
eigentlich gar nicht satt hören. Zumindest ich nicht. Dass
JOHNNY JOKER &THETWILIGHT KIDS schon für unzäh¬
lige Szenegrößen wie zum Beispiel DEMENTED ARE GO!,
KLINGONZ, KINGS OF NUTHIN’, QUAKES oder BATMO-
BILE als Support gespielt haben, sei hier nur am Rande er¬
wähnt. Definitive Empfehlung an alle Greaser, Psychos und
Rockabilly-Gals unter euch. (33:53) (8)Robert Buchmann
JETSAIDREADY
Bite The Bullet CD
jetsetready.de | Es ist schon interessant, was aus neu¬
en Bands wird, wenn man ein paar Jahre nichts von ihnen
hört. Nun, die meisten gibt es dann einfach nicht mehr, was
manchmal auch besser ist. Andere sieht man plötzlich auf
der Bühne und ist überrascht, dass sie immer noch exakt
den gleichen Sound spielen wie fünf Jahre zuvor- und nur
etwas älter geworden sind. Und dann gibt es noch Bands
wie JETSAIDREADY. Die Münchner spielten vor Jahren
eine angenehme Mischung aus Punkrock und rotzigem
diese Band der ultimative Missing Link zwischen 90er-Jah-
re-Emo ä la CAP’N’JAZZ und modernem Americana. Und
manchmal meint man sogar auch die Einflüsse von Bands
wie WILCO oder Bob Dylan heraushören zu können. (8)
Julia Gudzent
JOHNNY THUNDERS & PATTI PALLADIN
CopyCats CD
jungle-records.com | 1987 waren die HEARTBREAKERS
seit Jahren Geschichte, aber Ex-NEW YORK DOLLS-Gi-
tarrist Johnny Thunders hatte trotz chronischer Heroin-
abhängigkeit über all die Jahre bewiesen, was für ein ex¬
zellenter Musiker, Sänger und Songwriter er ist. 1987 er¬
schien dann „Copy Cats“, eine Kooperation mit Patty Palla-
din (einst Teil des New Yorker Girl-Punk-Duos SNATCH),
die auf eine erste gemeinsame Single aus dem Jahre 1984
zurückging. Zwölf Klassiker aus den Fünfzigern und Sech¬
zigern hatte sich das Duo für dieses Album ausgesucht und
neu eingespielt, mal sang Johnny, mal Patti, mal beide, und
den Anfang machte das famose „Can’t seem to make you
mine“ von den SEEDS, gefolgt vom SHIRELLES-Hit „Baby
it’s you“, „She wants to mambo“ von den CHANTERS, Elvis’
„Crawfish", „Alligator wine“ von Screaming Jay Hawkins,
„He cried“ von den SHANGRI-LAS und ein paar anderen,
und auch wenn das mit den Dolls und den HEARTBREA¬
KERS nichts mehr zu tun hat, so entfalten die Songs doch
sämtlich einen besonderen Reiz, haben teilweise eine fins¬
tere Tiefe, die einen bisweilen glauben macht, hier wäre
auch noch Meister Cave mit von der Partie. (39:15) (7)
Joachim Hiller
VANILLA CHAINSAWS
When Liberty Smiles 2CD
simonchainsaw.com | Ich wusste doch, da war was ... Ir¬
gendwoher kannte ich den Namen der Band, als mich
Sänger und Gitarrist Simon „Chainsaw“ Drew anschrieb.
Und siehe, tief in der Vinylsammlung versteckt fand sich
die „Thousand“-6-Song-12“, 1989 auf Glitterhouse er¬
schienen, ein früher und exzellenter Release der 1986 in
Sydney gegründeten Band, die immer einen guten Draht
nach Europa hatte und sich 1996 auflöste. Simon Drew ist
auch heute noch regelmäßig in Europa, lebt aber in Bra¬
silien, und dort erschien bereits vor ein paar Jahren diese
32-Track-Doppel-CD, auf der sich die besten und wich¬
tigsten Songs der Band finden lassen, von ganz frühen Auf¬
nahmen bis zu den letzten Sessions von 1996, als man sich
ohne großen Erfolg um einen etwas moderneren Sound
bemühte. Mir allerdings gefallen gerade die früheren Auf¬
nahmen sehr gut, als die laut eigener Beschreibung ,,80’s
Aussie Post-Punk/Pre-Grunge HüskerDü-TSOL sty¬
le“ spielenden VANILLA CHAINSAW noch sehr relaxten,
mich auch wohltuend an THE CHURCH erinnernden Gi¬
tarrenrock spielten. Sowieso waren VC weniger der bra¬
chialen Rockerfraktion unter den Aussie-Bands zuzuord¬
nen, sondern hatten immer so einen gewissen Sixties-Psy-
chedelic-Twang, aber auch einen verträumten, flirrenden
Früh-Achtziger-Wave-Einschlag, und ich bin wirklich be¬
geistert, wie frisch und mitreißend die Aufnahmen nach all
den Jahren wirken. Eine Band, die es wiederzuentdecken
gilt - idealerweis mit diesem Release, der über die Website
von Simon erhältlich ist. Kommt mit einem dicken Book¬
let mit reichlich Hintergrundinfos. (8) Joachim Hiller
WAY OUT WEST
Revolution CD
kamikazerecords.de | Das haben die Surfer von WAY OUT
WEST so ziemlich alles zusammengetragen, was sie zu bie¬
ten haben, und eine Mischung aus Best-Of und Rerelease
zusammengestellt. Neben dem kompletten remasterten
Hardcore, die eine Menge Energie mitbrachte und dabei
eine leichte Affinität zu harter Gitarrenbearbeitung nicht
verleugnen konnte. Jetzt, mit ihrem ersten Album, spielen
sie noch beinahe in der gleichen Besetzung - aber haben
das klassische Punk/HC-Lager musikalisch verlassen. Statt -
dessen widmen sie sich inzwischen einem Rock’n’Roll-
Brett, wie man es etwa von Bands wie den HELLACOP-
TERS kennt. Das ist okay, weil Weiterentwicklung meis¬
tens ein gutes Zeichen für eine Band ist. Und auch, weil sie
ihren Job gut machen, straighten Rock mit zwischendrin
beinahe etwas fiesen Gitarrenlinien und druckvollem Ge¬
sang kombinieren - und dabei trotzdem hier und da noch
ein wenig ihre musikalische Vorgeschichte durchdrückt.
Trotzdem: Insgesamt könnte die ganze Sache bei diesem
Stil schon noch eine etwas fettere Produktion vertragen.
Ansonsten: Hinter den neun Songs versteckt sich noch ein
nettes Musikvideo, gefilmt im Proberaum und auf offen¬
sichtlich guten Konzerten. (29:10) (6) Alex von Streit
JENNIFER GENTLE
The Midnight Room CD
Sub Pop | Nach ihrem Sub Pop-Debüt „Valende“ haben
die Italiener mit „The Midnight Room“ nun den Nachfol¬
ger vorgelegt, ihr mittlerweile sechstes Album, allerdings
genau genommen hat der Kopf der Band, Marco Fasolo,
das Werk im Alleingang geschrieben und aufgenommen.
Den Bandnamen haben JENNIFER GENTLE feiner Wei¬
se von dem PINK FLOYD/Syd Barrett-Song „Lucifer Sam“
entliehen und geben damit auch schon selbst die Rich¬
tung vor: Mit spärlicher, weil behutsamer Instrumentie¬
rung, einigen experimentellen Klängen und einer außer¬
gewöhnlichen Stimme hat der Kopf der Band ein psyche¬
delisches Pop-Album beziehungsweise ein poppiges Psy-
chedelic-Album eingespielt, bei dem nicht nur die frühen
PINK FLOYD, sondern auch die späten BEACH BOYS Pate
standen. Trotzdem klingt „The Midnight Room“ nie nach
Vergangenem, zu sehr hat Marco den Avantgarde-Gedan¬
ken seiner Vorbilder verinnerlicht, baut in zehn Songs nicht
nur einen Klangraum, sondern ein ganzes weit verzweigtes
Gebäude, ein Märchenschloss, in dem sagenhafte Melodien
gegen die böse Welt das draußen entstehen. Melodien wie
aus einem Traum, in dem Syd Barrett und Brian Wilson aus
ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden. (37:03) (8)
Chris Wilpert
JOHNIE3
Hang The DJ CD
rallyrecords.com | JOHNIE 3 kommen aus Youngstown
in Ohio, nahe dem Zentrum des (ehemaligen) Stahlgür¬
tels der USA in Pittsburgh gelegen. Der Name des Trios ist
angelehnt an Robot Johnie 5 aus „Nr. 5 lebt!“ („Short Cir¬
cuit“, USA 1985, Regie: John Badham). Ihren RAMONES-
Core/Pop-Punk begleitet ein starker Hang zu den HARD-
ONS, während eines der zwölf Lieder sehr auffällig von den
APERS ausgeborgt wurde, mit denen JOHNIE 3 diesseits
wie jenseits des Teiches auf Konzertreise waren. Die rest¬
lichen Lieder bestechen, das Titellied ausgenommen, eben¬
falls weniger durch ihre Originalität als durch ihre Verve.
(23:55) (7) Walmaul
JONATHAN INC.
Things Done And Left Undone CD
arcticrodeorecordings.com/Alive | Es fällt mir schwer,
diese CD musikalisch einzuordnen. Eigentlich klingt sie
ganz in Ordnung, aber doch wie der Soundtrack einer die¬
ser so erfolgreichen neuen US-Serien-Generation aufVöx -
eine Musik, die nicht Gefahr laufen würde, von irgendwel¬
chen Bildern abzulenken. Zu diesem Gesamteindruck passt
„Evolution“-Album von 1997 nebst „Evolution“-Session-
Tracks das Beste vom „Motorhula“ - Album sowie elf bislang
imveröffentlichte Titel. Wer sich einen Überblick über das
Werk einer der besseren deutschen Surf-Bands verschaffen
will möge hier zugreifen, wer „Evolution“ und/oder „Mo¬
torhula“ bereits zu Hause stehen hat, wird wohl ein gro¬
ßer Fan sein müssen, um „Revolution“ auch noch daneben
zu stellen. Geboten wird jedenfalls das, was ich als deut¬
schen Surf zu bezeichnen wage (so es das gibt): nicht allzu
schnell, mit dezenten Ausflügen ins Spacige oder Soft-Sex¬
film-Soundtrackige, aber doch Rock’n’Roll. (78:42) (8)
Simon Loidl
WEATHERMEN
This Is The Last Communique From The Wea-
thermen (1985-2006) CD
pias.com | Als sich in den Achtzigern elektronische Mu¬
sik daran machte, in den Mainstream durchzubrechen, wa¬
ren neben allgemein bekannten EBM-Protagonisten wie
FRONT 242 und NITZER EBB auch eine Menge etwas we¬
niger bekannter Bands aktiv - so auch die WEATHERMEN.
Gegründet wurden die 1985 in Belgien von TUXEDO-
MOONs Bruce Geduldig und Jean-Marc Lederman, und
die Legende w'ill es, dass sie ihr Label PIAS mit der Sto¬
ry angingen, eine obskure US-Band zu sein, die mit dem
Ziel antrete, die europäische Musikszene zu erobern. Iro¬
nie und Satire waren und blieben Elemente des Duos, als es
in den folgenden Jahren mit einer poppigen Variante von
EBM moderaten Erfolg hatte, und mit „Poison“ hatten die
WEATHERMEN 1987 sogar sowas wie einen Hit, doch ir¬
gendwann war dann Anfang der Neunziger der Ofen aus.
Seit ein paar Jahren sind die WEATHERMEN nun wieder
aktiv, und so finden sich auf dieser 17-Song-CD neben al¬
ten Klassikern (darunter „Poison“) auch vier neue Tracks.
Durchaus eine (Wieder-)Entdeckung wert, aber zu den
ganz Großen des Genres gehörten die WEATHERMEN da¬
mals nicht imd so bleiben sie für mich auch heute in der
zweiten Reihe. (70:18) (6) Joachim Hiller
JAMES YORKSTON
Roaring The Gospel CD
Domino/Rough TVade | Nach seinem eher drögen letzt¬
jährigen Album „The Year OfThe Leopard“ gibt es vom
schottischen Musiker James Yorkston mit „Roaring The
Gospel“ eine schöne Zusammenstellung mit Non-Album-
Tracks und anderen Raritäten. Natürlich werden auch die
von Yorkstons reduziertem Umgang mit Folk bestimmt,
aber das Songmaterial ist immer angenehm melodisch
und besitzt durch die minimalistische, aber effektive In¬
strumentierung eine Lebendigkeit, die auch dessen 2002er
Platte „Moving Up Country“ auszeichnete. Dafür dass es
sich nur um eine Zusammenstellung handelt, entwickelt
„Roaring The Gospel“ fast mehr Charme und Abwechs¬
lungsreichtum als Yorkstons reguläre Platten, zumindest
hat man das Gefühl, als ob sich dessen tatsächliches Kön¬
nen in diesen, keinem Albumkonzept untergeordneten
Songs wesentlich besser widerspiegeln würde, was man
werten kann, wie man will.
Ich persönlich werde sicher
eher noch mal „Roaring
The Gospel“ als Yorks¬
tons andere Platten auf-
legen, wenn mir der
Sinn nach angenehmen
Folksounds schottischer
Prägung stehen sollte.
(8) Thomas Kerpen
auch der mit teilweise sehr schmachtender Stimme vorge¬
tragene Gesang. „Things Done And Left Undone“ ist, und
das ist nicht abwertend gemeint, sicher ein gutes Album
für jemanden, der beispielsweise die „Dawson’s Creek“-
Soundtracks mochte, doch für meinem Geschmack pas¬
siert hier aber einfach zu wenig. (42:24) MyronTsakas
JEFFREY JAMES & THE IDIOTS
Hotsy-Totsy MCD
trashcanrecords.com | Aus den tiefsten Sümpfen von
Finnland kommt dieser wüst groovende Blues-Punk-Bas-
tard, angeführt von einem gewissen H. Anttilainen, der sei¬
nen nicht gerade rocknrolligen Namen abgelegt hat für das
eindeutig coolere Pseudonym Jeffrey James. „Hotsy-Tot¬
sy“ ist die Debüt-4-Song-EP des Vierers, dessen Mitglie¬
der schon bei LARRY AND THE LEFTHANDED, PHANTOM
409 und 20 MINUTERS aktiv waren, und mir gefällt der
animalis ch groovende Garage-Twang. Sowieso kann je¬
mand, der so kompetent Lee Hazlewoods „A cheat“ co¬
vert, kein schlechter Mensch sein, und wäre das alles noch
eine Spur schärfer und lauter vorgetragen, ich würde mich
noch mehr an ZEN GUERILLA erinnert fühlen. Produziert
hat übrigens Meister Hendlmeier. (9:55) (7)
Joachim Hiller
JOSIAH
No Time CD
elektrohasch.de | Gerader Rock wird hier aus Großbri¬
tannien geliefert, nicht Psychedelic, auch nicht wirklich
Stoner, sondern einfach schnelle Riffs und 7 Oer-Jahre-
BLACK-SABBATH-Vocals. Für Freundinnen experimen¬
teller musikalischer Ausflüge ist der dritte Longplayer von
JOSIAH wohl nicht geeignet, für Rocker allemal. JOSIAH
schaffen es, sehr stark an klassischen Riff-Rock anzuknüp¬
fen, ohne allzu retro zu wirken, allerdings auch ohne wirk¬
lich umzuhauen. (53:56) (6) Simon Loidl
JOYSIDE
Booze At Neptune’s Dawn CD
fly-fast-records.com | Parallel zur Veröffentlichung dieser
Platte läuft in ausgesuchten Kinos der Film „Beijing Bub¬
bles“, in dem JOYSIDE eine Hauptrolle spielen. In dieser
Dokumentation über die Pekinger Punkszene findet zum
Beispiel auch die Tatsache Erwähnung, dass die chinesische
Rockgeschichte bisher nur etwa 20 Jahre umfasst. Grob
umgerechnet hieße das: in China haben wir, was Rock¬
musik betrifft, gerade die späten Siebziger und wenn man
„Booze At Neptune’s Dawn“ hört, möchte man so kru¬
den Gedankenspielen fast Glauben schenken. Ganz so ein¬
fach ist es dann aber doch nicht, denn natürlich erfinden
auch JOYSIDE den Punk nicht neu, sondern knüpfen an das
Schaffen diverser Vorbilder an. Zu nennen wären in die¬
sem Zusammenhang die SEX PISTOLS, die STOOGES und
DEAD MOON. Was sie dennoch von westlichen Retro- und
Retortenbands unterscheidet, ist, dass sie mit ähnlicher
Herangehensweise, Einstellung und Ästhetik innerhalb ih¬
res Umfeldes tatsächlich die Außenseiter sind, die andere
nur sein wollen. Ob man das hört? Nein, nicht im Detail.
Was man aber zu hören bekommt, ist eine gute, auf unge¬
wohnte Weise altmodische Punkplatte. (7) Ferdinand Praxi
JUPITER JONES
Entweder geht diese scheußliche
Tapete - oder ich. CD
brokensilence.biz | JUPITER JONES, vor einigen Jahren
ein paar Mal live gesehen, und dann irgendwie aus den Au¬
gen verloren, melden sich mit einem neuen Album zurück,
für dessen Titel man sie schon küssen müsste. „Entweder
geht diese scheußliche Tapete - oder ich“, im diesem Sin¬
ne geht es quer durch 12 schöne Popsongs über Abschied,
Einsamkeit und Trauer, Vergebung und ein kleines Fünk¬
chen Hoffnung. Mit einem deutlich melancholischen,
aber nicht imbedingt weinerlichen Unterton werden die¬
se - im Booklet nachlesbaren - fragmentarischen Kurzge¬
schichten auf die unvermeidliche „Du“-Person projiziert.
Dabei schwingt aber immer eine gewisse herbstliche Re¬
signation mit, als ob man gegen all das emotionale Übel
nichts tun könne. „Leben sind und Leben enden“ - der ein¬
same Beobachter ist machtlos, oder will er sich gar nicht
einmischen, weil es sowieso keinen Sinn macht? Musika¬
lisch wird weiterhin der zum Glück nicht mehr so schma¬
le Grenzweg zwischen nachdenklichem Singer/Songwri-
ter-Pop und neu-deutschem Punkrock beschritten, mit
gelegentlichem Einsatz von Bläsern und Cello sowie eini¬
gen Backgroundgesängen. „Und immer muss es weiterge¬
hen, mein Freund“: mit diesem doch positiven Schluss en¬
det dieses überhaupt nicht Sommerhit-gefährdete Album
in Hoffnung auf das Nächste - oder erstmal wieder auf ein
paar schöne Live-Erlebnisse. (42:50) (7) Christoph Schulz
► Auf der Ox-CD zu hören.
JOHNNY CASINO AND THE SECRETS
GetSome CD
offthehip.com.au | Aus alter Gewohnheit hatte ich schon
den Bandnamen JOHNNY CASINO’S EASY ACTION ge¬
tippt, als ich feststellte, dass Mr. Spittles diesmal mit einer
etwas anderen Besetzung als sonst aufgenommen hat und
ein Album kurz bevor steht. Auf dieser CD finden sich zwei
Songs vorab, es soll wohl sowas wie eine Single sein, aber
weil OffThe Hip das Prinzip „value for money“ beherzigt,
bekommt, man mal eben neun Bonus-Songs on top: ver¬
schiedene Nummern von erwähnten EASY ACTION (einer
von einer längst ausverkauften Corduroy-7“) sowie auch
noch ein paar Tracks seiner exzellenten früheren Band AS¬
TEROID B612. Den Sound der alten Sachen kennt man, die
neuen Nummer präsentieren Johnny Casino weniger pu¬
brockig, sondern etwas melodiöser und softer - ich bin auf
das Album gespannt. (5 3:15) (7) Joachim Hiller
JACKPOT
Turning Point LP/CD
littleteddy.net/Broken Silence | Die vier Manchestera-
ner von THE JACKPOT sind nach jeder Menge äusverkauf-
ter Konzerte in zahlreichen Clubs rund um ihre Heimat¬
stadt, Support-Shows für BROMHEADS JACKET und MA-
XIMO PARK und einem Auftritt auf Pete Dohertys Ge¬
burtstagsparty nun endlich mit einem Minialbum namens
„Turning Point“ in unseren Landen angekommen.Von ein¬
schlägigen englischen Radiomoderatoren wie John Ken¬
nedy und Zane Lowe in ihren Sendungen auf Dauerrotati-
on gesetzt, werden sie auch hier baldigst die Tanzflächen in
den Clubs füllen und mit ihren sehr lebhaften und eingän¬
gigen Songs nicht mehr aus unseren Köpfen verschwinden.
(17:14) (8) NinaMaenz
JCHURCH
The Horror Of Life CD
noidearecords.com | Lance Hahn ist unermüdlich: Seit
sich 1992 seine vorzügliche Bay Area-Band CRINGER auf¬
löste (deren Album übrigens unbedingt jedem Freund
von melodiösem Pop-Punk mit Frauengesang empfohlen
sei), veröffentlichte er mit den verschiedensten Besetzun¬
gen unzählige Platten auf zig Labels, unter anderem Dama-
ged Goods, Fat Wreck, und auf Honey Bear, seinem eigenen.
Und auch Umzüge, eine Tour als Gitarrist von Beck, Woh¬
nungsbrände und beinahe tödliche Krankheiten konnten
ihn von seinem Tun nur kurzfristig abbringen. Mit Chris
Pfeffer (unter anderem SEVERED HEAD OF STATE und
STORMTHETOWER) am Drumset und Ben White (Zeich¬
ner der „Snakepit“-Comics) hat er seit einer Weile in Aus-
OX-FANZINE 75
REVIEWS
STRICTLY LIMITED 180ß VINYL OUT!
tin wieder eine feste Besetzung, und diese spielte auch das
neue Album „The Horror Of Life“ ein, dessen wunderba¬
rer Titel womöglich sogar autobiografische Bedeutung hat,
auf dem sich gleich 16 neue Songs finden, die sich durch
Lance’ charakteristische Stimme und sein Gitarrenspiel
sofort und eindeutig als J CHURCH identifizieren lassen.
HÜSKER DÜ sehe Schwermütigkeit trifft hier einmal mehr
auf überschwängliche Punk-Pop-Songs, scharfzüngige
Texte („We play secular music“) auf subtilen Humor, und
besser als auf No Idea, dem Spezialistenlabel für rauh-me¬
lodiösen Punkrock, könnten sie nicht untergebracht sein.
(39:55) (7) Joachim Hiller
JAKOB
Solace CD
Midium/Cargo | An klassischen Songs orientierte Bands
haben gegenüber freier arbeitenden den Vorteil, dass man
ihre Musik schon beim Nebenbeihören irgendwie gut fin¬
det. Man kennt es und mag es - richtig zuhören muss man
da nicht einmal, tut nicht weh. Wenn Musik aber vom Hö¬
rer fordert sich darauf einzulassen und, wie im Fall von JA¬
KOB, viel mit Atmosphären arbeitet, muss man sich schon
ins Zeug legen, um nicht beliebig zu klingen - das fallt dann
auf und meistens auch störend. Genau das trifft leider auch
auf das Neuseeländer Trio zu, dessen an GODSPEEDYOU!
BLACK EMPEROR und EXPLOSIONS IN THE SKY geschul¬
te instrumentale Rockmusik irgendwie schon okay ist, aber
gerade bei der Fülle an Veröffentlichungen, die diese Art
Postrock beackern, fehlt es JAKOB doch an vordergrün¬
diger Eigenständigkeit. Nicht, dass sich ihre aufwallenden
und abebbenden Epen nach Imitation anhören würden -
es fehlen nur individuelle Einfälle. Eine eigene Richtung ist
nicht so recht erkennbar, außer sie verfolgen ganz bewusst
eine Vision von beiläufigem Rock-Ambient. Mir ist das al¬
lerdings zu wenig. (51:56) (6) Christian Maiwald
JOHNNY BOY
s/t CD
Johnny Boy/Alive | Mal wieder ein neues „next big thing“
aus England und durch die Singles „Johnny Boy Theme“
und „You Are The Generation That Bought More Shoes
AndYou Get What You Deserve“ mit reichlich Vorschuss¬
lorbeeren bedacht, die ebenfalls auf dem Album anzutref¬
fen sind. JOHNNY BOY sind ähnlich wieTHE GO!TEAM so
ein postmodernes Pop-Ding, wo alles Mögliche wie Soul,
Clubsounds und Indiepop in einen Topf geworfen wurde.
Was bei THE GO! TEAM aufgrund deren knallbunter Über-
drehtheit auch wunderbar klappte, köchelt bei JOHN¬
NY BOY auf kleiner Flamme herum, eher mal ein Knall¬
frosch mit Ladehemmung als eine wirklich innovati¬
ve Popband, da helfen auch Produzenten wie James Dean
Bradfield (MANIC STREET PREACHERS) und Liam Watson
nicht. Zugegeben, die beiden Singles wissen durchaus zu
gefallen, ebenso etwas rockigere Songs wie „Formaldehy¬
de“ oder „ 15 minutes“, aber ein durchgängig gutes Album
mit durchweg hochklassigen Songs ist JOHNNY BOY hier
nicht gelungen, auch wenn manche Leute mit Phil Spec¬
tor-Vergleichen um sich werfen, denn dafür ist das alles zu
plump zusammengeklaut, bei den PRIMITIVES, Billy Idol,
CLASH und zig anderen. (4) Thomas Kerpen
KKK
KREFTICH
Stillos CD
nix-gut.de | Alex K., ein Superstar, war letzte Woche noch
nicht da - KREFTICH schon. Seit 11 Jahren besteht die¬
se Punk-Kapelle und veröffentlichte mm ihr drittes Al¬
bum, welches den Namen „Stillos“ trägt. KREFTICH besin¬
gen auf der Platte nicht nur Möchtegern Musiker der Ka¬
tegorie des Herrn Alex. K, sondern thematisieren auch vie¬
le Dinge aus dem alltäglichen Leben. Den Musikstil könn¬
te man scherzhaft auch stillos nennen, denn zu den pun-
kigen Nummern gesellen sich auch Ska- und Emo-lastige.
Aus dieser Mischung ergibt sich dadurch eine schöne An¬
sammlung an Punk-Songs. Nicht zu hart und auch nicht zu
schnell, die eingängigen Refrains gelangen trotzdem in die
Gehörgänge. Ein schönes abwechslungsreiches Album, mit
dem ihr euren Ohren auf jeden Fall nicht schaden werdet.
(45:14) (8) SvenGrumbach
KING KHAN & THE SHRINES
What ls?! CD
Hazelwood | Watt is?! Arschwackeln ist wieder angesagt,
mit 14 neuen Songs von unser aller Lieblingsweirdo King
Khan! Nachdem vor kurzem ja noch eine neue Scheibe zu¬
sammen mit BBQ raus¬
kam, huldigt er nun zu¬
sammen mit den SHRI¬
NES wieder dem Voo-
doo-Boogaloo, oder wie
auch immer man die¬
ses verrückte Gebräu aus
Soul, R&B und Wahnsinn
bezeichnen möchte. Da¬
bei machen die SHRINES
musikalisch wie auch
produktionstechnisch
vom teilweise leicht 70s-
Funk-orientierten Vor¬
gängeralbum „Mr. Supernatural“ wieder die Wende zu¬
rück in die Sixties-Garage in der auch schon die „Three
Hairs“-LP beheimatet war. Der Sound mag dadurch nicht
mehr ganz so massenkompatibel sein, doch ein Fazit kann
ich trotzdem schon ziehen: Der King und seine SHRINES
haben’s immer noch absolut drauf. Vom Tanzflächenfe¬
ger bis zum psychedelisch angehauchten Drogensong ge¬
ben sich abwechslungsreiche Song-Highlights die Klinke
in die Hand. Aber was anderes war ja auch, ehrlich gesagt,
kaum zu erwarten. Die CD hätte zwar etwas schöner auf¬
gemacht sein können, aber ein 20-minütigesVideo und ein
extrem geiles Pressefoto entschädigen dieses kleine Manko
ganz gut. Hut ab, Daumen hoch! (50:00) (9) Bernd Fischer
KING KONG
Buncha Beans CD
Drag City/RoughTrade | KING KONG waren schon im¬
mer eine extrem unterbewertete Band aus dem Umfeld
der Musikszene von Louisville, KY, die auch der Postrock-
Boom Mitte der 90er nicht wirklich populärer machen
konnte, auch wenn hier mit Ethan Buckler der ehemali¬
ge Bassist von SLINT das Sagen hat. Nachdem ich ihre letz¬
te Platte „The Big Bang“ von 2002 irgendwie verschlafen
hatte, gibt es mit „Buncha Beans“ ein neues Lebenszeichen
dieser skurrilen Truppe, wo bereits das aus Bohnen ge¬
staltete Cover auf den eigenwilligen Humor von Bucklers
Songwriting hinweist. Im Mittelpunkt steht nach wie vor
Bucklers spröder, fast rappender Sprechgesang, dazu gibt es
den gewohnt kantigen, poppigen Funkrock, der definitiv
eine „Love or hate“-Angelegenheit ist. Wer aber in der Ver¬
gangenheit von Platten wie „The Old Man OnThe Bridge“
und „Funny Farm“ einmal angefixt worden war, wird auch
bei „Buncha Beans“ sicher wieder dem Charme dieser ei¬
genwilligen Truppe erliegen, die diesmal im ersten Mo¬
ment übermäßig vertrackt klingen mag, aber abseits von
Bucklers üblichen textlichen Eskapaden musikalisch im¬
mer noch überraschen kann und deren markanter, swin¬
gender Sound auch mal in dichte, fast krautrockige Instru¬
mentalparts ausufert. KING KONG produzieren nach wie
vor die seltsamste Tanzmusik dieses Planeten und stehen
damit in gewisserWeise in der Tradition der frühen TAL-
KING HEADS, was ja nicht schlecht sein kann, haben sich
aber ihren sympathisch provinziellen Sound bewahrt, der
auf „Buncha Beans“ eventuell noch gewöhnungsbedürfti¬
ger als sonst ausgefallen ist. (8) Thomas Kerpen
KTL
2 CD
editionsmego.com/Groove Attack | Auch die zweite aus
der Zusammenarbeit des Klangkünstlers und Experimen¬
tal-Elektronikers Peter Rehberg und Stephen O’Malley
(SUNN O))), KHANATE)
■ unter dem Namen KTL
resultierende Veröffent¬
lichung ist in Auszügen
in dem im März 2007
uraufgefuhrten Theater¬
stück „Kindertotenlie-
der“ von Gisele Vienne
und des Schriftstellers
Dennis Cooper verwen¬
det worden. Aber wie der
erst Ende des letzten Jah¬
res veröffentlichte Vor¬
gänger funktioniert auch
„2“ ohne diese Umgebung. Im direkten Vergleich der bei¬
den Platten fällt auf dass O’Malley und Rehberg trotz der
Harmönie, die die beiden schon beim ersten Mal entwi¬
ckelten, auf „2“ musikalisch noch enger zusammen ge¬
rückt sind, ihre ganz eigenen Herangehensweisen noch
besser miteinander kombiniert und dadurch eine noch be -
eindruckendere Fusion ihrer Musiken erwirkt haben. Et¬
was sanfter als das streckenweise zermalmende „KTL“
scheint „2“ dann auch geworden zu sein. O’Malleys Gi¬
tarrenwände sind etwas in den Hintergrund getreten, was
aber nicht heißt, dass das Ganze weniger intensiv gewor¬
den, oder dem Mann seine Liebe zu niederfrequenten Dro-
nes verloren gegangen ist. Gerade beim für mich das Kern¬
stück des Albums darstellenden, knapp halbstündigen und
von einer brillanten Dynamik lebenden „Theme“ bauen
Rehberg und O’Malley eine zwar minimalistisch erschei¬
nende, aber genial durchdachte und komponierte Atmos¬
phäre auf, die den Song kaum ertragen lässt, dessen Anzie¬
hungskraft man sich aber dennoch nicht entziehen kann.
Einfach fantastisch. Aufgenommen wurden die insgesamt
knapp über siebzig Minuten laufenden vier Tracks dieses
Mal zum Teil in einem ehemaligen Schlachthaus im fran¬
zösischen Angers und auf einem Landgut aus dem 16. Jahr¬
hundert im Westen Frankreichs, während „KTL“ ja noch
teils während eines Sturms in einer südfranzösischen Fes¬
tung und teils in einem sonnigen Wintergarten in Grenob¬
le entstand. Es sei dahingestellt, inwieweit die Umgebung
Einfluss auf die Musik hatte, letzteres zeigt auf sympathi¬
sche Weise, dass Rehberg und O’Malley trotz der Ernsthaf¬
tigkeit, mit der sie ihre Musik angehen, sich selbst nicht so
ernst nehmen, wie es die Kretins gerne hätten, die immer
dann hellhörig werden, wenn etwas nach „Kunst“ riecht,
gute Musik aber nur auf Befehl gut finden. (10)
Andre Bohnensack
KIELTOLAKI
s/t MCD
Totaalisen Tuhon Huominen MCD
moocowrecords.com/combatrockindustry.net | 3-
Track-Debüt der Finnen, die so klingen, wie finnischer
Hardcore zu klingen hat: schnell, aggressiv und dreckig.
Abwärts - Rom Ip/cd . V\ - / / * 1 V i2,50/15,-/7 - Muff Potter - Steady Fremdkörper Ip/cd
Asta Kask - En för alla inqen för nan Ip / /. ... . .\ ' 10 ,-; Mumm Ra - These things move in threes cd
Battles - Mirrored 2xlp/cd ’’jj v / 7 18,00/15,001 Pissed Jeans - Hope for Men Ip/cd •• ' U
Beat Beat Beat J Don‘t teil me now 7“/. '*>/. / • V . 5,50 \ Porters>The - Anywhere but home Ip/cd \ •
Black Lips' The’- Cold hands 1 bzw. ! 2 7“es \ je 4,50 \. Queens Of The Stone Age - 3s & 7s 1 bzw. 2
Brimstone Howl - Guts of Steel Ip/cd/ i ’ 13,50/13,50 • \ Queens Of The Stone Age - Sick sick sick (0
Channel 3 - One more'pic7‘y/ fl • \ •• . K ■ 7,- Queens OfThe Stone Age - Era vulgaris cd'
Charlotte Hatherley - The Deep Blue Ip/cd \ 16,-/14,50 Red Dons Escaping Amman 7“// j
Coffinshakers,The -s/t Ip/cd > j \ / 19,-/17,- Rhino39 - Discography 2xcd // : ‘ /
Dayglo Abortions - Here today.Ip oder andere Reissue Ips; je 11,50, yshellac - Excellent italian greyhound Ip/c
Detroit Cobras, The 1 Tied & true cd \ 13,50 Shocks, The - Brace./. Brace Ip/cd j ,
Digital Leather - She had a cameltoe 7“. . . 4,75 Shout Out Louds - Our ill will Ip/cd / j
Findlay Brown- Sepärated by the sea Ip/cd • 14,-/14,50 Staggers. The - Live,7“ f f '
Generators; The - Welcome to the end Ip/cd / vll ,50/13,50. Statues, .The New People make us nervous
Hubble Bubble -' s/t Ip \ \ 16,50 T.S.O.L. - Thouqhts’of yesterdav Ip
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M.O.T.O. - Turn your head and cough Ip \ V ' 11,50 V/A 1 Flattery / Radio Birdman Tribute Vol: 3 1
Malajube - Trompe 1‘oeil 2xlp/cd : ■ j- J ..... 18,50/14,50 Volt -s/t Ip/cd \ V ,\ .
Mark Sultan - Sultanic verses Ip/cd \ /' 12,-/14,-. .,Voxtrot Vs/t Ip/cd y . ; ; \
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OX-FANZINE 76
REVIEWS
Leider kann ich zum Inhalt nicht viel sagen, da ich des Fin¬
nischen nicht mal im Ansatz mächtig bin und keine an¬
derssprachigen Hinweise weiterhelfen. Nur was der Band-
name bedeutet, hab ich herausgefunden: das zwischen
1919 und 1932 in Finnland herrschende totale Alkohol¬
verbot ... Und auch die sechs Tracks der zweiten EP hau¬
en ordentlich rein imd gemahnen an bekannte finnische
Bands des Genres. Auch hier geht es wiederum mutma߬
lich politisch zu, schließlich betonen die vier aus Tur¬
ku, „no fuckin’ emo crap“ zu sein; folgerichtig gibts rau¬
hen HC-Punk, dem man die alten Vorbilder anhört und der
die Punkrock-Welt auch gar nicht neu erfinden will. Mu¬
sik für Herz und Seele. (8/ 8) Simon Loidl
KILL KIM NOVAK
03:05 CD
Alveran | Endlich gibt es nach zwei Jahren was Neues von
den vier Jungs aus Soest. Die Wartezeit wurde mir aller¬
dings durch einen verdammt guten Auftritt in der Rock-
city No. 1 Solingen versüßt, wo ich mich gleichzeitig von
dem Kickertalent der Band überzeugen konnte. „03:05“
ist eine remasterte Version der beiden EPs „Kopfleuch¬
ten“ und „Kaskaden“ und enthält 12 krachige Songs, teils
auf Deutsch, teils auf Englisch. Das Ganze ist eine gute Mi¬
schung aus Geffickel und Hardcore beziehungsweise Scre-
amo, gepaart mit schönen, melodischen Passagen. Im Intro
erfahrt man, dass ein „Kopfleuchten“ Klarheit bedeutet. Da
hab ich doch schon wieder was gelernt. Also Jungs, da habt
ihr mal wieder fast alles richtig gemacht, ich freu mich auf
das nächste Album mit vielen neuen Songs. Und bei dem
nächsten Auftritt in Solingen schieß ich gerne wieder gna¬
denlos die Kickerbälle in euerTor. (9) Christin Pausch
KAMERA
Ressurection CD
Ultracrome/Rough Trade | Ich muss gestehen, Grup¬
pen wie COMSAT ANGELS oder MODERN ENGLISH ha¬
ben mich immer fasziniert, weil sie sich eben trotz aller
Pop-Elemente eine gewisse Düsternis, ich nenne es mal des
den JOY DIVISON-Effekt, bewahrt haben. Die 5-köpfige
schwedische Band KAMERA lässt auf „Ressurection“ den
80er Jahre Wave-Pop wieder aufleben. Im Stile der oben
genannten Bands fängt es ganz gut an, aber spätestens der
grässliche Synthie-Pop von „Talk about“ und „I lost cont-
rol“ vereint eigentlich alles, warum ich damals radiotaug¬
liche Gruppen wie DURAN DURAN und OMD gehasst
habe. Schluss mit lustig. Für ein gutes Minialbum hätte es
gereicht. (40:39) (4) Kay Wedel
LLL
LILIAN
A Pitchfork Nightmare And Other Selected Ta¬
les CD
theelephantfactory/Rebeat | LILLIAN ist Dom Bollow.
Er spielt Gitarre, Klavier, Banjo und Mundharmonika. Der
Berliner erzählt uns in seinen Stücken Geschichten aus der
anonymen Stadt („Stranded in this overcrowded city full of
drug addicts and alcoholics“), Detailaufhahmen aus einer
kranken Welt („In the ruins of my memory I never see who
I am“), irgendwo zwischen Bob Dylan und - ja, ein wenig
erinnert mich die leichte Reibeisenstimme auch an - Rod
Stewart. In den elf Songs auf „A Pitchfork Nightmare And
Other Selected Tales“ finden sich keine Antworten auf ir¬
gendwelche Fragen, sondern wie heißt es so schön im Pres¬
setext: „Er ist Beobachter, Kritiker des Alltags, seine Songs
ein Zeugnis, um diese persönlichen Erfahrungen mit sei¬
nen Hörern zu teilen ... er freut sich über jeden, der ihm
dabei zuhören möchte.“ Nim ja, über mich darf er sich je¬
denfalls freuen. (45:09) (7) Kay Wedel
LARRIKIN LOVE
The Freedom Spark CD
warnermusic.de/Soulfood | Puh, da will man sich einer
Platte freundlich nähern und zum Dank erschlägt sie ei¬
nen erstmal mit einem Wust aus sehr „selbstbewussten“
Referenzen, überkandideltem Layout und ach so hohen
Ambitionen. Hat man sich da allerdings erstmal durch¬
gewühlt, findet man ein ganz nettes, typisch britisches Al¬
bum. Alles klingt ein wenig gehetzt, aber mit etwas gu¬
tem Willen könnte man darin Hyperaktivität im MAXI-
MO PARK sehen, also tendenziell positiven, Sinne erken¬
nen. Man versucht sich an einem Mix aus Ska, Folk, Ca¬
baret und Indierock, was erstmal sehr konzipiert klingen
mag, aber praktisch tatsächlich stimmig umgesetzt wird.
Der Konflikt zwischen einer eigentlich guten Band und
dem ganzen aufgeblasenen Gedöns um sie herum findet
dann doch noch ein Happy End: Die Band hat sich jüngst
überraschend aufgelöst und - schwupps - entgeht man ei¬
nem würdelosen Tod als NME-Schlachtsau und rettet sich
in das ehrenvollere Schlummerdasein eines wenig bekann¬
ten Kleinods. (6) Ferdinand Praxi
LOUIS LINGG AND THE BOMBS
Conspiracy CD
les-independants.com | Ein Album wie ein Tequila Sun-
rise mit zuviel Grenadine: Irgendwie unausgegoren und
viel zu süß. Die französische Band selbst bezeichnet sich
als „punk-rock-garage-pop-anarcho-fanatics“ und die¬
se Mischung funktioniert für mich auf „Conspiracy“ leider
überhaupt nicht. Ist der erste Song noch ein cooler Punk-
rocker mit schnoddrigem Gesang und 77-Spirit, weiß
die Band danach scheinbar nicht mehr so recht, in wel¬
che Richtung die Reise gehen soll. Die Texte klingen ständig
wie französische Kinderreime, die Musik ist mal mitrei¬
ßender Punkrock und plätschert dann wieder leicht struk¬
turlos dahin, Lied Nummer 7 ist dann plötzlich eine ver¬
tonte über 21-minütige Rede des namensgebenden US-
Anarchisten Louis Lingg und am Ende muss ich feststellen,
dass mir das Songwriting der Band bis auf wenige Ausnah¬
men gar nichts gibt. Da hilft auch die scheinbar korrekte
Einstellung der Gruppe nichts. (39:09) (4) Alex Strücken
LESBIANS ON ECSTASY
We Know You Know LP/CD
Alien 8 | Die „Lezzies“ haben sich zum Ziel gemacht, eine
Brücke zwischen Elektro/Techno und Punkrock zu schaf¬
fen. Waren sie mir im Jahre 2005 noch (insbesondere) live
viel zu elektronisch, gefallt mir das, was ich jetzt auf „We
Know You Know“ höre, schon weitaus besser. Der Elektro-
anteil ist immer noch extrem hoch, aber abgesehen von der
Tatsache, dass die Damen damit ja im aktuellen Trend lie¬
gen, macht er Spaß und passt wie Faust aufs Auge. Weniger
gefallt mir der Hang zum Techno, ich hörte, es gäbe in die¬
sen Musikrichtungen Unterschiede, und die meine ich nun
auch zu erkennen. Ich plädiere deshalb für mehr Punk¬
rock! Der geht meines Erachtens nach eher unter, wenn
man von dem Eingangssong „Sisters in struggle“ einmal
absieht. Die Schwestern im Kampfe sind aber auf jeden Fall
und hundertprozentig textlich und in Bezug auf ihre Aus¬
sagen unterstützenswert. (41:04) (7) Sarah Shokouhbeen
AUSTIN LUCAS
The Common Cold CD
sabotagerecords.net/X-mist | Diese CD beginnt sehr viel
versprechend mit ruhigen und sehr melodischen Coun-
try-Klängen, und man denkt „jetzt bloß keinen Fehler ma¬
chen und mit schlechtem Gesang dieses zarte Pflänzchen
im Keim ersticken.“ Und den Fehler macht Austin Lucas
in der Tat nicht. Ganz im Gegenteil, schon die ersten Zeilen
- „I’d stayed indoors less you count the front porch, eaten
little save for cigarette and beer“ - sind so großartig vor¬
getragen, dass man weiß, dass dies ein gutes Album wer¬
den wird. Es ist schwierig, dieses an einem Stück durch¬
zuhören, denn alleine die ersten drei Titel sind jeweils so
gut, dass man sie immer wieder anspielen muss. Von dem
formidablen Opener „Dead factories“ über das banjolastige
„Pigeon father“ („You re the meanest twist of fate, you’re
the hand and you’re the back and you’re the knive“) bis
zum melancholischen, traurigen „Last song for a sweet-
heart“ gelingt es Austin Lucas in jedem Lied, sowohl mu¬
sikalisch als auch textlich die entsprechenden Emotionen
hervorzurufen. Das ist selten, und das ist richtig, richtig gut.
„The Common Cold“ ist eines der erfreulichsten Alben, die
ich in diesem - zugegeben noch jungen -Jahr gehört habe,
was die Tatsache, dass es nur neun Lieder enthält, nur noch
bedauerlicher macht. (31:26) MyronTsakas
LAST DAYSOF JESUS
Dead Machines Revolution CD
strobelight-records.com | Auf dem sympathischen ös¬
terreichischen Goth-Punk-Label Strobelight Records
ist das neue Album der aus Slowakien stammenden Dea-
throck- Formation THE
LAST DAYSOF JESUS er¬
schienen, und ich glau¬
be, am besten gefällt mir
an dieser zur Kostümie¬
rung neigenden Truppe,
dass sie sowohl viel Hu¬
mor hat wie auch smar¬
te, kritische Lyrics - und
obendrein musikalisch
sehr eigenwillig vorgeht.
Hier gibts keinen bier¬
ernsten Schmink-Wett-
kampf, kein verkrampf¬
tes Evil-Gepose, sondern eine höchst unterhaltsame Mi¬
schung aus burleskem Gothpunk, klassischem Früh-Acht-
ziger-Deathrock, Tasteninstrumentspielereien und eigen¬
williger, martialischer Rhythmik. Ich schätze mal die Her¬
kunft der Band, die Vielzahl der Einflüsse und die Fähigkeit
zur Selbstironie sind hier eine wirklich eigenwillige Kom¬
bination eingegangen, die einfach Spaß macht, und die lie¬
bevolle Aufmachung des Booklets, die echt scary Fotos zei¬
gen, dass man es hier mit einer außergewöhnlichen Band
zu tun hat. Ich finde, das wären passende Partner für eine
Tour mit den EPOXIES und NAZIS FROM MARS. (36:12)
(8) Joachim Hiller
LA FA CONNECTED
Urban CD
lafaconnected.com | LFC kommen aus Luxemburg und
haben sich für ihr erstes Album gleich prominente Leute
mit an Bord geholt. Gemastert hat Keule Collenbusch aus
dem bluNoise-Umfeld, und musikalisch ist das Quartett
dort nicht völlig fehl am Platze. Die Band selbst sieht sich
beeinflusst vom DC-Sound, und zumindest, was die Gitar¬
renarbeit angeht, mag man ihr zustimmen. Die Songs ver¬
breiten eine aufgeregte Stimmung, was natürlich vor al¬
lem an den Gitarren liegt, die gekonnt zwischen Lärm und
Geffickel variieren. Einen großen Teil trägt aber auch Sän¬
ger Simone Ramos dazu bei, dessen Stimme sich eher in
hohen Tonlagen bewegt und der seine Botschaften eupho¬
risch in den Lärm ruft. Ein paar richtig gute Songs sind auf
„Urban" schon zu hören, viele aber klingen für meine Oh¬
ren noch nicht abgeklärt genug. Da warten wir am besten
noch ein paar Jahre Bandentwicklung ab und hoffen drauf,
dass sich die Aufregung legt. (41:48) (6) Christian Meiners
LUCIEN
s/t CD
deadlambrecords.com | Dass einige dieser rockenden
Schweden mit mehr als einem Bein im Black/Death-Be-
reich gestanden haben, das sieht man zumindest noch
dem Artwork des vorliegenden Debütalbums von LUCI¬
EN an (Schwarz/weiß-Optik, Totenschädel, Posieren ne¬
ben einem Engel etc.), musikalisch steht man aber ganz
klar in der Turborock-Tradition. Und das macht man
ganz ordentlich: schnell und rotzig und voll Energie. Man
hört, dass hier nicht Notenzupfer am Werk sind, sondern
Rock’n’Roller, die Freude am Spielen haben und zu allem
Überfluss ihre Instrumente auch beherrschen (auch das
ein Hinweis auf ihre Metal-Vergangenheit?). Sollte man im
Auge behalten und sich live geben, so es sie mal in unsere
Regionen verschlägt. (30:29) (8) Simon Loidl
LES CLOCHARDS DU MONDE
s/t LP
majorlabel.de | „Wenn jeder Unglückliche, jeder Gepei¬
nigte auch nur ein Atom seiner Gefühle hinterließe, wenn
solcherart das Erbe von Generationen anwüchse, wenn
auch nur ein Fünkchen von einem Menschen zum anderen
überspringen könnte, wäre die Welt erfüllt von einem mit
Macht sich den Därmen entreißenden Schmerzgebrüll.“
Diese Worte von Stanislav Lern sind aus der „Die Stimme
des Herrn“-Ausgabe des Verlages Volk und Welt geklaut,
und ebenso wie jeder Leser von den Werken Lems angetan
ist, sind auch LES CLOCHARDS DU MONDE sowohl von
diesem Werk als auch von einem darin zitierten Gedicht
Algeron Swinburns so sehr begeistert, dass sie es vertont
haben (der Höhepunkt der Platte!). Auch wenn die Fünf
aus Thüringen es bestimmt öfters, aber nicht gerne hören,
erinnert ihr melancholischer Post-Punk mit dem tiefen
(Sprech-)Gesang doch ein wenig an die Früh-90er-Pha-
se von EA 80. Aber natürlich greift dieser Vergleich viel zu
kurz, denn obwohl LES CLOCHARDS DU MONDE live zu¬
sammen mit SERENE FALL auftreten und entsprechend ein
ähnliches Publikum bedienen, kommen sie doch sehr ei¬
genständig daher, packen einerseits für feinfühlige Arran¬
gements eine Klarinette aus, bestechen andererseits durch
die nötige Härte und den nötigen Druck (dafür wurde das
Line-Up gegenüber dem 10“-Debüt von 2005 eigens um
einen zweiten Gitarristen erweitert). Und nicht zuletzt
sind die Texte in deutsch, englisch und französisch, bieten
also ein weiteres Maß an Abwechslung, auch wenn es da¬
rin fast immer um von der Zeit und Schmerzen zerfressene
Menschen geht. (28:51) (7) Chris Wilpert
LA SEGA DEL CANTO
Light Metal Music CD
humppa-records.de | Die Finnen haben den Schalk im
Nacken, von wegen „The great collection of finnish de-
pressions“, es wird munter drauflos musiziert. Die Her¬
ren J.J. Calo und Mr. Pulp
haben auf ihrem zweiten
Album „Light Metal Mu¬
sic“ 13 Songs eingespielt.
Mit minimalsten Mit¬
teln wird eine unglaub¬
liche Virtuosität erzeugt.
Neben Gitarre und Har¬
monium kommt vor al¬
lem die „singende Säge“,
in Form eines Original-
Fuchsschwanzes, zum
Einsatz und die hat es
wir kl ich in sich. Mit ei¬
nem Cellobogen gespielt, entstehen so die unglaublichsten
Töne und Melodien. Ein wunderbares Album, etwas ver¬
rückt, ruhig, romantisch - einfach imverwechselbar. Ganz
besonders bleibt bei mir die finnische Version von Marilyn
Monroes „I wanna be loved by you“ mit einem unglaubli¬
chen Säge-Solo hängen-poohpoohbeedo! (39:19) (8)
Kay Wedel
LASSARD
Making Out On Satellites 2CD
Life Digital | Bei der Band LASSARD handelt es sich um
einen ganz schlauen Haufen: Statt eine altmodische Schall¬
platte zu veröffentlichen, holen sie sich ihre Street Credi-
bility, indem sie ihrer Achtung gegenüber der guten, al¬
ten Platte mit einem Trick Ausdruck verleihen. Sie brin¬
gen eine Doppel-CD heraus, die einfach aussieht wie eine
Schallplatte. Die CD-Oberfläche ist grafisch wie die Ril¬
len im Vinyl gestaltet. Allerdings hätten LASSARD den Auf¬
wand nicht unbedingt nötig. Auf „Making Out On Satelli¬
tes“ findet sich klassischer amerikanischer College-Rock.
Man fühlt sich an straighte Pop-Bands aus dem amerika¬
nischen Hinterland wie zum Beispiel BRANDTSON oder
KOUFAX erinnert. LASSARD sind zwar nicht die eigen¬
ständigste Band der Welt, doch befinden sie sich auf dem
richtigen Weg direkt in die College-Rock-Ruhmeshalle.
(6) Julia Gudzent
LABASHEEDA
CharityBox CD
Southern | Das Dreiergespann aus den Niederlanden fällt
zuallererst erst ob des irgendwie seltsam klingenden Na¬
mens auf. Die Musik ist recht anspruchsvoll, insbeson¬
dere der Gesang von Sängerin Saskia ist einprägsam. Ver¬
gleiche mit SONIC YOUTH oder PIXIES halte ich für an¬
gebracht, stellenweise erinnern mich einige Songs auch
an ältere Truppen aus dem frühen Riot Grrrl-Umfeld ä la
LOIS. „Charity Box“ bietet alles, von der langsamen Ballade
über Midtempo bis hin zu treibenden Songs wie zum Bei¬
spiel „Black blood“. Insgesamt ein schönes, abwechslungs¬
reiches Album. (31:00) (7) Sarah Shokouhbeen
LITMUS
Planetfall CD
Rise Above/Soulfood | „Spacerock has been left to the
hippies for far too long, and we’ve come to take it back“,
behaupten LITMUS. Und auch wenn ich dem nicht so ganz
zustimmen kann - Ich habe nichts gegen Hippies und ihre
zum Teil auch heute noch schöne Musik - anhand ihres
zweiten Albums „Planetfall“ kann ich den Ansatz der Eng¬
länder aber nachvollziehen. Ihre Musik ist zwar Space-
rock pur, wird von LITMUS aber mit viel Schmackes ge¬
spielt. Natürlich sind HAWKWIND hier permanent hör-
und spürbar, „Planetfall“ erinnert aber über weite Stre¬
cken vor allem an MONSTER MAGNET und deren von ih¬
nen nie übertroffenes Meisterwerk „Dopes To Infinity“:
Vom Mellotron stark geprägte epische Songs, die meist in
einem mehrminütigen Gitarrensolo gipfeln und in denen
die Genreklassiker gerne schamlos zitiert werden, ohne da¬
bei aber ein bloßes Plagiat zu sein. Energie ist eben das, was
gute psychedelische Rockmusik von ödem Gedudel unter¬
scheidet. Und das ist wohl genau das, was LITMUS mein¬
ten. (8) Andre Bohnensack
LOWLIFE
Train To Hell MCD
Heartbeatmedia | Es ist nicht immer einfach, ein Album
beziehungsweise eine MCD als durchschnittlich anzuse¬
hen, wenn man den Sound der Band eigentlich mag. Im
aktuellen Fall von LOWLIFE fällt es mir auch echt schwer,
aber wenn man ehrlich ist, sind die vier neuen Songs ein¬
fach nicht mehr oder weniger als genannter Durchschnitt.
WOLVES
THF MIRACIF
übt just words
ABEL IS ÖYING
nazinq from the abyss
mrir-i
FM8RÄCE THE EfÜ)
THE END ÖFfiOOÖ YEARS
.1 LIFE RECORDS www.stitlHferecords.com www.myspace.com/stjlliiferecofds
PORI< PIE
The Spirit Of Ska
TUE VALKYRANS
HIGH&MIGHTY
Diese grossartige Band aus
Finnland klingt nach jamaika¬
nischen Early Reggae.
Rocksteady und britischem 2 Tone.
THE VALKYRIANS verbinden das alles zu ihrem eigenen,
frisch und authentisch klingenden Style. Endlich mal wie¬
der eine Band, die in der Lage ist. wirklich grosse eigene
Songs zu schreiben wie auch Klassiker stilsicher zu
covern.
DALLAX
Core Color + Bonus
Das neue Album der japani¬
schen Kamikaze-Uberflieger
in Sachen Ska. Die Fachwelt
ist sich jetzt schon einig:
"...Wirkung wie Clint Eastwood: knallt alles nieder!”
"...grossartiger, kraftvoller und schneller Ska..."
Die Pork Pie Edition kommt mit einer fetten Bonus-
Section der 11 besten Dallax Songs. VÖ 27.4.2007
SKAOS / SILVER
Jubilee Edition +
Free Bonus CD
Seit 1981 versorgen SKAOS
die Ska-Welt immer wieder
mit Songs, die inzwischen bei
keiner Ska-Party mehr fehlen dürfen und zu weltweiten
Klassikern gereift sind. 23 ihrer besten Songs wurden
sorgfältig von alten Masterbändern restauriert und vom
allseits bekannten Ska-DJ Ras Meyer zu einem Album
zusammengestellt. Limited Edition!
von Fussball-Songs.
VA/SKANDAL No.
5 Football Edition
Zehn Jahre nach dem letz¬
ten SKANDAL-Sampler prä¬
sentieren 18 Bands eine
abwechlungsreiche Palette
PORK PIE empfiehl
YELLOW UMBRELLA
Little Planet
{Rain Records)
Um musikalische Schubladen
haben sich die Germaikaner
aus Dresden noch nie geküm¬
mert. . Auf ihrem neuen Album "Littte Planet" wird der
Platz fast schon eng angesichts der enormen musikali¬
schen Vielfalt, die im Orbit des bewährten YELLOW
UMBRELLA Universums aus Reggae- Ska- und
Rocksteady-Materie einschlägt Im Handel ab 11.5.2007
www.porkpieska.com
OX-FANZINE 77
REVIEWS
Um richtig zu punkten, fehlt es den Songs, die im Midtem-
po-Hardcore-Bereich anzusiedeln sind und immer einen
leichten Hang zum Metal haben, einfach an Eigenständig¬
keit und Durchschlagskraft. Obendrein sind sie allesamt in
meinen Augen einfach zu gleich gestrickt, um lange hän¬
gen zu bleiben. So ist die Halbwertszeit dieser MCD einfach
zu kurz. (13:24) (6) Tobias Ernst
L.A.K.
Verdammtes Leben CD
nix-gut.de |. „Verdammtes Leben“ heißt das in diesem
Jahr erschienende neue Album von LUST AUF KUNST aka
L.A.K. Der Albumtitel hat einen melancholischen Touch,
den auch einige Songs mittragen („Warum“, „Trauer Wut
Enttäuschung“). Aber wie im wahren Leben gibt es neben
Tiefen auch Höhen und daher gesellen sich auf dieser Plat¬
te auch schöne vor Lebensenergie strotzende Titel hinzu.
Dabei stechen vor allem die ohrwurmverdächtigen Bei¬
träge „Damals warst du still“ sowie die Liebeserklärung an
den Punkrock „Mehr als Musik“ hervor. L.A.K. spielen gu¬
ten soliden Punk im Stil von DDP und SUSPEKT. Die mas¬
sentauglichen und ab und zu mit einem Saxophon verfei¬
nerten Stücke laden euch recht herzlich zu deren Konsu¬
mierung ein. (39:04) (7) Sven Grumbach
LEIF ERICSSON
s/t CD
bombedout.com | Punkrock ist eine schöne Sache. Screa-
mo, Metalcore, Neocrust, Skapunk, Discomosh, Bolloedge-
twostep, Emopopcorn, Doppelkorncore, und so weiter. All
das ging beziehungsweise geht früher oder später vorbei,
man kann die Uhr danach stellen. Ehrliche Punkrock/HC
Bands, die ihre Nase nicht nach jedem lauwarmen Hype-
Furz drehen, wird es immer geben. THE LEIF ERICSSON
aus England spielen rauhen, ungebügelten Nieselregen¬
punk, der Freunden von LEATHERFACE und SNUFF ein
Lächeln in das von Millionen von Bieren leicht verzogene
Gesicht zaubern wird. Einer von denen spielt auch zusam¬
men mit Duncan (SNUFF) bei BILLY NO MATES, das passt.
THE LEIF ERICSSON haben sich 2001 gegründet und seit¬
dem hat man auf diversen Labels ein paar Split-Platten ver¬
öffentlicht. Zum Beispiel auf In At The Deep End Records,
im Ox- Büro auch „In Den Arsch Records“ genannt (wenn
ich mich recht entsinne). Das hier ist ihr Debütalbum und
es sind elf Songs vertreten. Einer davon trägt den Namen
„Göttingen“ und ist wohl nicht gerade als Huldigung an
die sympathische Studentenstadt gedacht („I won’t go back
to the city with the dots on the I’s and the dots on the O’s" -
haha). Melancholische Gitarren weben den typischen En¬
gland-Sound, der sich gewohnt nüchtern und irgendwie
schroff gibt, sich dabei aber mit schönen Melodien und
teilweise hymnischem Gesang in die Ohren bohrt. Nicht
außergewöhnlich, nur halt echt gut. Cheers. (34:55) (8)
Renke Ehmcke
LEADFINGER
The Floating Life CD
bang-records.net/Munster | LEADFINGER heißt mit bür¬
gerlichem Namen Stewy Cunningham und kommt aus
Sydney, „Leadfinger“ ist aber seit 16 Jahren sein einem
Gitarristen angemessener Künstlername. Er spielte bei
BROTHER BRICK, ASTEROID B-612,THE PROTON ENER¬
GY PIUS, THE YES MEN und CHALLENGER-7, doch erst
jetzt wagt er sich allein aus der Deckung und hat mit „The
Floating Life“ ein Solo-Album veröffentlicht. Eingespielt
in seinem Kellerstudio, ist das Solo-Debüt ein eher ruhi¬
ges Werk, auf dem Cunningham alle Instrumente selbst ge¬
spielt hat, und das inspiriert wurde von einem Gedicht des
australischen Dichters John Forbes. Seine Vorbilder? All die
großen Männer des Rock’n’Rolls, etwa Paul Westerberg,
Alex Chilton oder Ed Kuepper, die den Schmerz kennen,
aber auch wissen, dass ein paar Flaschen Bier, eine Gitar¬
re und ein Mikrofon dagegen helfen können. Gewidmet ist
das Album dem erst kürzlich aus Guantänamo entlassenen
„australischen Taliban“ David Hicks, und ich schätze, das
ist keine gute Voraussetzung, tun in nächster Zeit eine US-
Tour ins Auge zu fassen ... Eine durchaus okayne, aber auch
etwas unspektakuläre Platte. (42:12) (6) Joachim Hiller
LIGHTS OUT
s/t MC
myspace.com/lightsoutpunk | Haben diesen momenta¬
nen Hype um 80er Punk DEAN DIRG ausgelöst? Schei߬
egal, mir soll es jedenfalls recht sein. Mir war es eh immer
schleierhaft, warum es „Punkbands“ gibt, die völlig unmo¬
tiviert auf der Bühne stehen und versuchen, komplizierten
Frickelcore oder dergleichen zu spielen, statt sich mal ein
REAGANYOUTH-, BLACK FLAG- oder CIRCLE JERKS-Vi-
deo reinzupfeifen und einfach mal wild zu sein. Punk ist so
einfach, und das wissen auch LIGHTS OUT aus Stuttgart.
Elf Mal auf die Fresse in geschätzten 10 Minuten. So soll es
sein - nix Neues, aber geil. Out Out Out! (7) MarioTuriaux
LODGER
Grown-Ups CD
noisedeluxe.de/Broken Silence | Schön, dass es auch in
Zeiten dieser unzählig vielen neuen Bands von der bri¬
tischen Inseln noch Bands wie THE LODGER aus Leeds
gibt, die anscheinend auch mal ihren Vorreitem aus den
1990ern ein Ohr leihen. So hört man auf ihrem Debüt
„Grown-Ups“ vor allem im Gesang von Sänger/Gitarrist
Ben Einflüss e von Bands wie MY LIFE STORY, BELLE AND
SEBASTIAN oder auch IDLEWILD. Das Trio wird durch
den Bassisten Joe und Katie am Schlagzeug ergänzt und
beherrscht perfekt diese wunderbare Mischung aus leicht
melancholischen, von Bläsern untermalten Melodien und
beschwingten Parts, die von optimistischen Texten unter¬
strichen werden. Sehr raffiniert ist es, mit „Many thanks for
your honest opinion“ das Album zu beginnen. Die in Eng¬
land längst vergriffene, hervorragende Single ist einer der
stärksten Songs auf der Platte und kann kaum eingängi¬
ger sein. In „Kicking sand“ beteuern sie dann sehr ehrlich:
„We’re no superstars“ - hört man sich aber „Watching“ an,
bin ich mir sicher, dass uns noch einiges von THE LODGER
aus Leeds zu Ohren kommen wird und wir ihnen auch in
Zukunft gerne unsere Aufmerksamkeit schenken. (36:09)
(8) Nina Maenz
LICHENS
Omns CD
Kranky/Cargo | Hinter LICHENS verbirgt sich Robert
Lowe von den von mir hoch geschätzten 90 DAY MEN, der
mit „Omns“ nach „The Psychic Nature Of Being“ von 2005
sein zweites Album aufgenommen hat. An der grundsätz¬
lichen Herangehensweise hat sich nichts geändert, auch
hier verbindet Lowe improvisiertes Gitarrespiel mit sphä¬
rischen Elektronikklängen. Und auch wenn es sich um vier
voneinander getrennte Stücke handelt, entsteht eine Ge¬
samtatmosphäre, deren hypnotischer wie beschwörender
Charakter durchaus seinen Reiz hat. Insofern ist „Omns“
eine angenehmere Erfahrung als „The Psychic Nature Of
Being“, auch wenn Lowe hier nicht unbedingt Neuland
betritt. So erinnern die ersten beiden eher Ambient-mäßi¬
gen Tracks doch schwer an das, was David Sylvian und Hol-
ger Czukay bereits Ende der 80er auf Platten wie „Plight
And Premonition“ und „Flux + Mutability“ gemacht ha¬
ben. Und Track 3, „Bune“, mit seinen verzerrten Gitarren-
riffs scheint dann eine doomigere Fortführung von Neil
Youngs „Dead Man“-Soundtrack zu sein. Mit „Omns“ ist
Lowe aber auf jeden Fall eine wesentlich überzeugendere,
vielschichtigere und vor allem weniger monotone Platte
gelungen, deren musikalischen Visionen man gerne folgt,
weil sein Ambient-Folk diesmal wesentlich angenehme¬
re Assoziationen auslöst, als es auf dem Debüt der Fall war.
Als Bonus gibt es noch eine DVD mit einem 30-minütigen
Live-Auftritt von Lowe dazu, wo man das Gefühl hat, dass
das Ganze auch auf einer Bühne sehr gut funktioniert. (8)
Thomas Kerpen
MMM
MUMM-RA
These Things Move In Threes CD
columbia.co.uk/RoughTrade | Aus „Abneigung gegen die
Schinderei“ und um der Langeweile in ihrem kleinen, ehe¬
mals sehr beliebten Badeort Bexhill in der englischen Graf¬
schaft Essex zu entfliehen, haben MUMM-RA schon mit
vierzehn Jahren beschlossen, eine Band zu gründen. Nun
erscheint, nach einer EP und einer Tour mit den KAISER
CHIEFS im letzten Jahr, ihr Debütalbum „These Things
Move In Threes“. Die ausschweifenden, üppigen Popsongs
ordnen MUMM-RA selbst zwischen den BEACH BOYS, der
BETA BAND und SIGUR RÖS an. Der Gesang des Sängers
Noo erinnert ein wenig an die finnische Band THE CRASH
und ihre schönen, melancholischen Melodien spiegeln
die Ambivalenz zwischen der idyllischen Natur der briti¬
schen Südküste und des verlassenen Badeorts voller altern¬
der Menschen wieder. Ein gelungenes Album, das beschau¬
liche Sommerstunden untermalen wird. (44:21) (8)
Nina Maenz
MAINLINERS
s/t CD
crusherrecords.com | Das zweite Album der Schwe¬
den erscheint da, wo auch schon die dem Debüt auf Get
Hip vorangehende Single veröffentlicht wurde: auf Crus¬
her Records aus Stockholm. Das laut Selbstdarstellung um
die Verbreitung von „great psychedelic garage rock’n’roll
sounds“ bemühte Label hat auf jeden Fall gut daran getan,
die MAINLINERS wieder in den eigenen Stall zu locken,
denn deren Sixties-lastiger Rock’n’Roll mit Einflüssen aus
Proto-Punk, Psychedelic und Garage sowie einer latenten
Stones-Verehrung hebt sich erneut ab vom üblichen Fuzz-
Rock-Standard, und gerade das Orgelspiel kann da immer
wieder interessante Akzente setzen, etwa bei „Saint’s march
in sunrise“. Die mittlerweile als Sextett auftretende Band
hat jedenfalls das an Substanz, was MANDO DIAO abgeht,
und der hier und da zu Tage tretende Roky Erickson-Ein-
fluss zusammen mit der Fähigkeit, richtig gute Popsongs zu
schreiben (siehe „Running the streets“), sollte der Band ei¬
gentlich ein paar Fans mehr als die üblichen Szenegänger
bescheren. Rundum gelungen! (41:50) (8) Joachim Hiller
MISSING SHADOWS
Western Waste LP
P.Trash/ Matula/Drugcontrol | Nach dem exzellenten
Demo auf My Ruin Records legen die MISSING SHADOWS
jetzt auf ihrem Debütalbum zwölf nicht minder genia¬
le Songs nach (leider fehlt mein Favorit „Ace in a day“).
Neben P.Trash-Labelkollegen wie den TOYOTAS sind die
fünf Osnabrücker (unter anderem Ehemalige von COLT
SEAVERS, SUBKUTAN und SKORBUT) natürlich sehr gut
aufgehoben, wobei die SHADOWS irgendwie ihr ganz ei¬
genes eigenwilliges Soundsüppchen kochen. Durch ein
leicht hektisches Oldschool Westcoast-Punk-Grundmus-
ter schimmern immer mal wieder Gitarrenmelodien ä la
WIPERS durch, garniert mit der wirklich markanten Stim¬
me von Sänger Ansi (übrigens der große Bruder von DUE-
SENJAEGER/GRIZZLY ADAMS BAND-Gitarrist Jan). Ich
bin mir auch gar nicht sicher, ob diese Umschreibung jetzt
den Nagel auf den Kopf getroffen hat, deshalb sollte mal
schleunigst jeder der an wirklich gutem Punkrock inter¬
essiert ist, die MISSING SHADOWS antesten, um sein eige¬
nes Urteil zu bilden. Auf jeden Fall spielen sie absolut in der
ersten Liga der deutschen Retro-KBD-Punkrock-Bands,
und wer den „Tanz der Vampire“-Soundtrack als Songin -
tro benutzt, ist sowieso mein Freund! (8) Bernd Fischer
MGR VS. SIRDSS
Impromptu CD
Neurot/Cargo | Auch auf die Gefahr hin, mich zu wie¬
derholen, aber hinter der Abkürzung MGR verbirgt sich
der Name MUSTARD, GAS & ROSES, das Soloprojekt von
Mike Gallagher von ISIS,
was ich bereits anlässlich
von dessen Platte „Nova
Lux“ schrieb, ebenfalls
auf Neurot erschienen.
Der hat sich hier mit
David Scott Stone, frü¬
her mal bei GET HUS¬
TLE, zusammen getan,
tun Sounds zu produ¬
zieren, die nicht weit von
den Ambient-Drone-In-
strumentals seiner Platte
„Nova Lux“ entfernt sind.
Ebenfalls vier Stücke, die es auf 43 Minuten bringen, aller¬
dings eine weniger meditativ-atmosphärische Angelegen¬
heit sind, sondern eher um bedrohliche Vibes bemüht und
dabei an einen V ulkan erinnernd, der kurz vor dem Aus¬
bruch steht. Diese Eruption bleibt allerdings aus, was nicht
heißt, dass Gallagher und Stone hier nicht einen ziemlich
imposanten Wall Of Sound schaffen würden, bestehend aus
nicht weit von den Soloplatten von SteveVönTills entfern¬
ten Gitarrenklängen und düsterem elektronischen Noise.
Angesichts dieses abstrakten Gesamtkonzepts kommt unter
dem Strich eine erstaunlich stimmige, mächtig Eindruck
machende Platte heraus, die innerhalb des vielschichtigen
künstlerischen NEUROSIS-Universums absolut Sinn er¬
gibt und sogar eine irritierende Eingängigkeit besitzt. (9)
Thomas Kerpen
MONSTRANCE
s/t 2CD
Ape House/Alive | Wenn Andy Partridge (XTC) zusam¬
men mit dem alten XTC-Keyboarder Barry Andrews und
dessen SHRIEKBACK-Mitmusiker Martyn Barker nach Ur¬
zeiten eine Platte zusammen aufhimmt, könnte man even¬
tuell die Hoffnung hegen, das Ganze wäre so eine Mischung
aus beiden Bands - sozusagen das Beste aus beiden Wel¬
ten -, allerdings wäre dieses Projekt unter dieser Prämis¬
se gar nicht erst zustande gekommen und würde wohl-
möglich auch gar nicht funktionieren. Nein, das Gegen¬
teil ist der Fall, denn MONSTRANCE ist ein tiefer Griff in
die Kiste der Improvisationsmusik-Geschichte, insgesamt
12 auf zwei CDs verteilte, um musikalische Offenheit be¬
mühte, zwischen 4 und 17 Minuten lange Kompositionen,
wo man weder SHRIEKBACK noch XTC konkret raushören
kann, aber die einzelnen Musiker-Egos durchaus spürt. Als
Bezugspunkte helfen einem da CAN und KING CRIMSON
/SÄMPLER & COMPILÄTIONS
V.A. 6 Mighty Shots CD
myspace.com/bangbangnancy | Bang! Bang! Records
ist das neue Label von King Automatic und seinem Lon¬
doner Kumpel Rieh und „6 Mighty Shots“ sozusagen ihre
Einstiegscompilation. Darauf enthalten sind neben den
beiden Labelmachern themselves noch vier andere Mu¬
siker/Bands, bei denen sich die Mitwirkenden allerdings
teilweise überschneiden, als da wären THUNDERCRACK,
HOT NUTS, Monsieur Verdun und die BANG BANG OR¬
GANIZATION. Und wenn ich mir die sechs Songs anhö¬
re, bin ich gespannt, was da noch so kommen mag, denn
der dargebotene Mix aus One-Man-Band-Krach, Garage¬
punk, durch den Fleischwolf gedrehten Motown Sounds,
französischem Weirdo-Country mit Cajun-Anklängen und
einem fast schon wieder tanzbaren LoFi-Song mit Farsifa
und Beatbox klingt verdammt spannend und bringt eini¬
ges an Freude in die Bude. Also: Ein toller Einstieg und noch
viel mehr. (16:44) (8) Alex Strücken
V.A. Beijing Bubbles CD
fly-fast-records.com | „A Soundtrack and a trip to China’s
Underground“ lautet der Untertitel dieser Compilation,
die sowas wie den Soundtrack zum Film „Beijing Bub¬
bles - Punk and Rock in
Chinas Capital“ darstellt,
der dieser Tage in den Ki¬
nos läuft und die Musiks¬
zene der chinesischen
Hauptstadt Peking/Bei¬
jing dokumentiert. Zu¬
sammengestellt und auf
dem dafür gegründeten
eigenen Label veröffent¬
licht wurde die Com¬
pilation von den bei¬
den Machern des Films,
Susanne Messmer und
George Lindt, die neben den fünf im Film dokumentier¬
ten Bands noch eine ganze Reihe anderer einem westlichen
Publikum nahe bringen wollen. Bemerkenswert ist an die¬
ser Compilation, den Bands, dem Film zweierlei: Es scheint
sowas wie universelle Rock’n’Roll-Werte zu geben, ja, auch
im vom Konsumrausch wie vom Konformismus gebeutel¬
ten China gibt es Aussteiger, und das ist ermutigend, zeigt es
doch, dass bei allen kulturellen Unterschieden auch ver¬
dammt viel Einigendes existiert, man überall auf der Welt
auf Gleichgesinnte stoßen kann. Zum anderen macht diese
Compilation aber auch klar, dass China in Sachen wirklich
innovativer Musik noch ein Entwicklungsland ist: Kaum
eine der Bands hier, die statt nur zu kopieren aus westli¬
chem Rock’n’Roll und chinesischer Kultur einen wirk¬
lich eigenen, neuen Sound zu zaubern weiß. Und so kön¬
nen mich nach Abzug eines gewissen Exotenbonus' nur ein
paar Bands etwas begeistern, einzig beiT9, SILENT G und
WANG FAN kann ich interessante Elemente entdecken. So
ist diese Compilation phänomenologisch interessanter als
musikalisch - die Innovationskraft des chinesischen Un¬
dergrounds bleibt noch zu beweisen. Sehr schön ist das di¬
cke, dreisprachige Booklet mit erläuternden Texten zu je¬
der Band. (62:09) (7) Joachim Hiller
V.A. Death ProofOST CD
Warner | Es gibt Soundtracks, die keiner braucht und die
nur als billiges Marketingvehikel dienen, deren Songs bes¬
tenfalls im Abspann abtauchen - und es gibt Soundtracks,
bei denen sich der Regisseur was gedacht hat oder er zu¬
mindest schlau beraten wurde, wo die Musik auch im Film
eine Rolle spielt. Ein solcher Fall ist QuentinTarantino, und
ohne seine Filme würde sicher keiner TITO &TARANTU-
LA kennen, wäre Dick Dale längst verarmt, und die 5.6.7.8’s
müssten sich nicht als „die Band aus Kill Bill“ vermarkten
lassen. Tarantinos neuester Streich ist „Death Proof“, und
auf dessen Soundtrack finden sich unter anderem Morri-
cones „Paranoia prime", T.REX mit „Jeepster“, „Down in
Mexico“ von den COASTERS, „Hold tight“ von den unaus¬
sprechlichen DAVE DEE, DOZY, BEAKY, MICK &TICH und
Willy DeVilles „It’s so easy“. Durchaus interessant und un¬
terhaltsam, aber bei weitem nicht so interessant wie der le¬
gendäre „Pulp Fiction“- Soundtrack. (6) Joachim Hiller
V.A. Deep Elm - Cover Your Tracks CD
deepelm.com | Das sympathische Indielabel Deep Elm
bietet mit „Cover Your Tracks“ eine Compilation der et¬
was anderen Art. Das Konzept ist schnell erklärt. Auf „Co¬
ver Your Tracks“ covern neuere Deep Elm-Acts ihre schon
länger dienenden Label-Kollegen. So werden hier Stücke
von Bands wie LAST DAYS OF APRIL oder BRANDTSON,
um nur die bekanntesten Deep Elm-Bands zu nennen,
von neuen Hoffnungsträgern wie FIGHTSTAR oder LOCK
AND KEY neu interpretiert. Dieses „Newschool Deep Elm
meets Oldschool Deep Elm“-Konzept geht auch voll auf.
Für alle, die nichts mit Deep Elm verbinden, bietet „Cover
Your Tracks“ eine wirklich gelungene Möglichkeit, tun sich
dem weit gefächerten musikalischen Angebot des Labels zu
näheren, dass von Post-Hardcore über Emo bis zu Indie-
rock reicht. Als Bonus gibt es einen bisher unveröffentlich¬
ten Track der schwedischen SOUNDS LIKE VIOLENCE, die
gerade mit ihrem großartigen Album „With Blood On My
Hands“ für Furore sorgen. (49:34) (7) Robert Buchmann
V.A. FUNERAL FOR A FRIEND:
Back To The Bus CD
DMC/RoughTrade [ Eigentlich eine gute Idee: Eine mehr
oder weniger angesagte Band darf ihr ultimatives Bandbus-
Mixtape zusammenstellen, und eine Plattenfirma küm¬
mert sich dann darum, die Songfreigaben von den Labels
zu bekommen, um das Ganze auf CD zu pressen. So eine
Songauswahl kann viel über den Musikgeschmack der be¬
treffenden Formation verraten, sowohl erhellend wie be-
stürzend sein. FUNERAL FORA FRIEND lassen ihren Bus¬
mix mit QUEENs „Don’t stop me now“ beginnen, graben
DUB WAR wieder aus, schätzen EARTHTONE 9, FAITH NO
MORE („Midlife crisis“) und FILTER, konnten es nicht las¬
sen, BOSTONS Gruselhymne „More than a feeling“ zu ex¬
humieren und schieben gleich noch VAN HALENs „Ain’t
talking about love“ hinterher (immerhin nicht „Jump“),
lassen FAR, MEGADETH („Holy wars“),THE HAUNTED,
PANTERA, BLACK SABBATH, LONGVIEW und zuletzt
Johnny Cash („Folsom Prison Blues“) folgen. Nun, es hät¬
te sc hlimm er kommen können - ob einem die Band jetzt
sympathischer ist, muss jeder selbst entscheiden, und auch,
ob man sich diese doch recht durchwachsene Compilation
gleich in den Schrank stellen muss. (6) Joachim Hiller
V.A. Gruß aus Köln am Rhein MCD
nix-gut.de | Kleines musikalisches Intermezzo (vier
Bands, je ein Lied) aus Köln. Kurz und knackig, kommt we¬
gen der Thematik (Kult um Köln & Karneval) wahrschein¬
lich vor allem bei Kölnern gut an. Die ersten drei Lieder
bieten soliden Punkrock: INNER CONFLICT mit Frauen¬
gesang, 2LHUD legen mit einem hymnenhaften Mitsing¬
chorus nach, SUPERNICHTS sind gewohnt rotzig und
textlich leicht prollig mit einem Augenzwinkern. RAFF-
DAT fand ich zuerst etwas gewöhnungsbedürftig mit ihrem
HipHop-Reggae, aber nach ein paar Mal Hören bleibt ei¬
nem auch deren Beitrag als Ohrwurm erhalten. (8:43) (7)
Tobias Weber
V.A. Here Comes Trouble Vol. 1 CD
tv-eye.de | Frank Popp, Düsseldorfer DJ-Ikone, Hit-Pro¬
duzent und Betreiber von Unique Records, hat mit TV Eye
Records ein neues Label gegründet, das sich mehr dem
Rock’n’Roll als dem Soul widmet. Und passend zu einer
DJ-Tour des Chefs, die Mitte Mai startete, erschien die¬
se Compilation mit der Katalognummer TVI003, auf der
seltsamerweise aber nicht mal ein Track der beiden bis¬
her einzigen TV Eye-Releases Louis Lament und REDON-
DO BEAT zu finden ist. Stattdessen gibt es 21 geschmack¬
voll zusammengestellte Nummern von den CHECKS, BLUE
VAN, BLACK KEYS,TFIE GOSSIP, NERVES, DRAGONTEARS,
BLACK HOLLIES, GIRL TROUBLE. DINOSAUR JR („The
lung“), SIGHTS, DIRTBOMBS, FLÄMING SIDEBURNS und
MYSTERY GIRLS. Keine exklusiven Tracks, soweit ich das
überblicken kann, aber auf jeden Fall eine okayne Com¬
pilation zur Einstimmung auf einen langen Abend in der
Rock’n’Roll-Kaschemme deiner Wahl. Und Doppel-Vinyl
gibt’s auch noch. (62:47) (7) Joachim Hiller
V.A. In Goth Daze CD+DVD
cherryred.co.uk | Im Rahmen der von Cherry Red neu ge¬
schaffenen „Goth Collector Series“ erscheint diese aus ei¬
ner CD und einer DVD bestehende Compilation. Nun sind
im Laufe der letzten Jahre schon einige Sampler erschie¬
nen, die sich um eine
Darstellung der Wave-
und Goth-Szene bemü¬
hen. Die nahm zu Be¬
ginn der Achtziger ih¬
ren Anfang, erlebte Mitte
des Jahrzehnts einen kre¬
ativen Höhepunkt und
ist seit den Neunzigern
wieder allein im Unter¬
grund aktiv, erschöpft
sich aber kreativ fast nur
noch im Aufbereiten von
Klischees. „In Goth Daze“
nimmt sich der Vielschichtigkeit des uneinheitlichen Gen¬
res an, wie es sich Mitte der Achtziger darstellte, und so fin¬
den sich auf der CD Songs von SPECIMEN, ALIEN SEX FI-
END, 39 CLOCKS, BONE ORCHARD, IN EXCELSIS, PLAY
DEAD, RED LORRY YELLOW LORRY, SKELETAL FAMILY,
BAUHAUS und anderen, treffen allgemein bekannte Gro¬
ße des Genres auf nicht weniger gute Bands aus der zwei¬
ten Reihe. Auf der DVD dann das gleiche Spiel mit Video¬
clips: „Ignore the machine“, der ewige ALIEN SEX FIEND-
Klassiker, eröffnet den Reigen, wird gefolgt vom grandio¬
sen DANSE SOCIETY-Cover „2000 light years from home“,
INCA BABIES, Nico, FLESH FOR LULU, Andi Sexgang, VIR¬
GIN PRUNES, SKELETAL FAMILY, PLAY DEAD, MALARIA,
GHOST DANCE und RED LORRY YELLOW LORRY, so dass
der DVD-Part hier auf jeden Fall den reizvolleren Teil dar¬
stellt, bekommt man die Videos doch sonst kaum irgendwo
zu sehen. Kommt in DVD-ähnlichem Softcover-Case mit
dickem Booklet und Linernotes. (8) Joachim Hiller
V.A. Joe Strummer -
The Future Is Unwritten CD
Sony BMG | Die CD zum neuen Julien Temple über den
THE CLASH-Frontmann Joe Strummer ist weniger ein
klassischer Soundtrack als vielmehr eine sehr schöne be¬
gleitende Compilation
zum Film. Aufgelockert
durch O-Töne aus dem
Film findet sich hier so¬
wohl Strummers eige¬
ne Musik wie eine Do¬
kumentation seiner Ein¬
flüsse. Klar, der CLASH-
Ultra wird hier nichts
Neues entdecken, aber
für alle anderen ist die
Sache durchaus lohnens¬
wert. Zu hören sind ne¬
ben den CLASH-Origi¬
nalen „White riot“, „I’m so bored with the U.S.A.“, „Ar-
magideon time“ und „In the pouring rain“ ein Song
von Strummers alter Band THE 101ERS, welche von sei¬
ner letzten Formation THE MESCALEROS, aber auch MC5
(„Kick out the jams“), Elvis Presley, U-ROY, Eddie Cochra-
ne, Woody Guthrie, Bob Dylan und LATINO ROCKABIL-
LY WAR. Eine schöne Ergänzung zur unlängst erschienenen
Zusammenstellung „Revolution Rock“ mit den Originalen
der von THE CLASH gecoverten Songs, und Julien Temple
selbst war an der Zusammenstellung beteiligt, schrieb die
Linernotes und erläutert, dass hier nur ein Bruchteil dessen
zu hören sei von dem, was Strummer zwischen 1999 und
2002 in seiner BBC-Radioshow an Musik spielte. (75:50)
(8) Joachim Hiller
V.A. Jonny Greenwood Is The Controller CD
trojanrecords.com | Der RADIOHEAD-Gitarrist Jon¬
ny Greenwood durfte anlässlich des 40. Geburtstages des
Trojan-Labels in den Trojan-Archiven wühlen und seine
persönliche Best-Of zusammenstellen und mit Linerno¬
tes versehen. Herausgekommen ist eine solide Compilati¬
on mit 17 Titeln aus den Jahren 1967 bis 1982. Namen wie
Desmond Dekker („Beautiful and dangerous“), Lee Per-
ry („Bionic rats“, „Black panta“, „Dreader locks“), Derrick
Harriott („Let me down baby“) oder Delroy Wilson („This
life makes me wonder“) dürfen hier natürlich nicht feh¬
len. Musikalisch bewegen sich die meisten Songs zwischen
Dub und Reggae. Sehr interessant ist die 1978er 12“-Ver¬
sion des Alton Ellis-Stückes „I’m still in love“ aus dem Jahr
1967, gesungen von Marcia Aitken. Im selben Jahr wurde
dieser Song als „Uptown top ranking“, gesungen von Al-
thea & Donna, ein UK Number One Hit. (69:23) (7)
Kay Wedel
V.A. Kong Tiki Records CD
kongtiM.com | Das Label hat gleich zwei Sitze: Oslo in
Norwegen und Stamfort in den USA. Einziges Kriterium
für die Aufnahme in den Katalog scheint aber die norwe¬
gische Herkunft zu sein, denn ein bestimmter Musikstil als
Richtlinie lässt sich nicht ausmachen. Von ganz üblem Nu-
Metal (TORCH) über flotten Retrorock (MOVING OOS)
bis Depripop (POPIUM) und noch vieles mehr ist eigent¬
lich für fast jeden etwas dabei. Weitere Namen sind PEKKA
VOLT, ISRAELVIS oder CADILLAC, die alle mit einem Song
vertreten sind. Vielleicht hat jemand schon mal von denen
OX-FÄNZINE 78
REVIEWS
sicher weiter, die hier durchaus ihre Spuren hinterlassen
haben. Dankenswerterweise handelt es sich bei MONST-
RANCE aber nicht um so ein diffus verwaschenes Expe¬
rimentalding, wo jeder vor sich hin beziehungsweise an¬
einander vorbei musiziert - obwohl die Platte live einge¬
spielt wurde -, denn Partridge, Andrews und Barker erzeu¬
gen einen dichten, oft konkret rockenden, facettenreichen
Sound mit rotem Faden, auch wenn der ein hohes Abstrak-
tionslevel besitzt, der mal mehr, mal weniger atonal aus¬
fallt. Was MONSTRANCE eigentlich genau ist, kann man
gar nicht so genau sagen, dafür verschieben sich die Ko¬
ordinaten der Musik zu oft und das in einem fließenden
homogenen Prozess, aber man hat erstaunlicherweise da¬
bei das Gefühl, es immer noch mit einer relativ norma¬
len Rockband zu tun zu haben, was das Trio vielleicht sogar
zu einer der spannendesten Neudefinitionen von Rock seit
KING CRIMSON macht. (9) Thomas Kerpen
M ELT-BAN ANA
Bambi’s Dilemma CD
a-zap.com/Cargo | Mit jedem Album überraschen mich
MELT-BANANA aufs Neue, und so ist auch ihr neuer Long-
player, wie alle Platten der letzten Zeit auf dem bandei¬
genen A-Zap-Label er¬
schienen, bemerkens¬
wert. Erneut schafft es die
Band ausTokyo, extremen
Noise mit großer Struk-
turiertheit zu verbinden,
sich nicht zu wiederho¬
len und das Lärmen nicht
zum Selbstzweck ver¬
kommen zu lassen. Und
irgendwie sind sie zwar
auch nicht gerade alters¬
milde geworden, doch
kommt mir mittlerwei¬
le jeder neue Release zugänglicher vor als der davor. Ist das
also wirklich so, oder ist nur meine Schmerztoleranz über
die Jahre kontinuierlich gewachsen? Ein Rätsel, dessen Lö¬
sung ich mich in einer freien Minute mal ausführlich wid¬
men werde. Bis dahin genieße ich den immer wieder er¬
freulichen brachialen Punkrock-Ansatz dieser Lärmmeis¬
ter/innen mit wachsendem Vergnügen, und bei 18 Songs
in gerade mal 35 Minuten fühlt man sich wie an einem
surrealen akustischen Sushi-Karussell - huch, ist das alles
schön bunt hier! Und worin genau Bambis Dilemma be¬
steht, ist mir dann auch irgendwann egal. Großes Kino, im¬
mer wieder! (9) Joachim Hiller
MOANERS
Blackwing Yalobusha CD
YepRoc/Cargo | „Daunenwahl“, tönt es aus den Lautspre¬
chern. Hoffnungsvoll recken die Herren die Hälse nach
oben, es wird tief eingeatmet, der Bauch eingezogen und
ein gewinnendes Lächeln aufgesetzt. Ich sitze zusammen-
gesunken, in einer etwas zu düsteren Ecke, tun wirklich be -
merkt zu werden, mein Atem riecht nach Whisky und ich
bemerke einen dezenten Schweißgeruch, der unglückli¬
cherweise von mir selbst ausgeht. Aus den stinkenden Ta¬
bakschwaden, die den Raum füllen, kommen zwei Göt¬
tinnen auf mich zu. Die eine hat einen Gitarrengurt um
den Hals, während die andere Schlagzeugstöcke zwischen
den Fingern kreisen lässt. „Hey man“, sagt die eine, „Piss
off, we must pass throu to get on stage“. Wenige Augenbli¬
cke später donnert gewaltiger Mississippi Blues Trash bis in
die hinterste Ecke der Garage und ich bestelle mir noch ei¬
nen Whisky. (40:22) (7) ClausWittwer
gehört. Ausnahmestatus haben offenbar THE SCHOOL, die
zwei Songs beisteuern durften. Und zufällig ist es auch die -
se Band, die mit ihrem zackigen Punkrock zu Beginn und
am Schluss des Samplers für die Höhepunkte sorgt. Des¬
halb fällt es mir schwer, eine Empfehlung auszusprechen.
Es sollte jeder mal reinhören, der seinen Musikgeschmack
für erlesen und grenzenlos hält. Die Mutter von allem heißt
immerhin Rock, ansonsten gibt es keinerlei Beschränkun¬
gen. (41:29) Christian Meiners
V.A. Let The Bombs Fall CD
True Rebel j Auf ihrem ersten Labelsampler stellen True
Rebel Records aus Hamburg vier ihrer bombigsten Oi!/
Streetpunk-Bands vor. Und für all jene, denen „Doitsch“-
Oi! immer noch grundsätzlich suspekt ist: „Wir has¬
sen alle Neonazis“ lautet gleich die erste Textzeile des ers¬
ten Songs, „Das Germania-Haus brennt“. Aber mehr noch
können die EIGHT BALLS aus HH mich mit ihrem Hass-
lied (auf die) „Musikindustrie“ erwärmen.stellt sie alle
an die Wand“ singen sie da - zu einer gar schönen Melodei.
Ebenfalls aus Hamburg kommen SMALL TOWN RIOT, der
Name stammt aber vermutlich noch aus ihrer Zeit in Bux¬
tehude, und sie machen Streetpunk, Punkt. Auf ein hoche¬
motionales Bekenntnis zur „Working dass“ folgt der Track
„Fuck those who go untried“, der auch auf der Ox-CD zu
hören ist. Und mm zum Phänomen JESUS SKINS, die, weiß
der Teufel, als einzige Christenband beim Ox nicht vom
Bann getroffen wird - dabei sind sie mindestens so gläubig
wieTURBONEGRO schwul... Aber ihr Kreuzzug ins Glück
scheint auch schon Prüfung genug: „Gehasst und boykot¬
tiert“ heißt einer ihrer neuen Grölchoräle, Oi! weh. Doch
die Hymne vom Hooligan-Heaven, wo es in „Gottes Sta¬
dion“ für alle auf die Fresse gibt, lässt wieder hoffen. Gro¬
ße Hoffnungen, zum Beispiel auf ihr erstes Album, machen
sich mit Sicherheit auch THE DETECTORS, drei junge Bur¬
schen aus Neumünster. Ein Label für ihren ziemlich sor¬
tenreinen Streetpunk mit englischen Texten haben sie ja
nun gefunden. (45:08) Ute Borchardt
► Auf der Ox-CD zu hören.
V.A. Lambination 2 CD
deadlambrecords.com | Auf 21 Tracks werden hier wei¬
testgehend oder tatsächlich vollkommen unbekannte
Bands gefeaturet. Dead Lamb Records sind in Irland be¬
heimatet. Die Bands auf diesem Sampler kommen aus
Schweden, England, Norwegen, Irland, USA, Ungarn, Ka¬
nada und Deutschland. Hier geht es „quer durch den Gar¬
ten“, soll heißen von Tracks, die an frühen 80er-Hardco-
re erinnern, über Midtempo - England - Style - Punkrock bis
hin zu schnellen, melodischen Punksongs, ist hier die ge¬
samte Breite des Underground vertreten. Eine gute Gele¬
genheit, mal wieder „Neuland“ zu betreten. Sicherlich He¬
gen manche Songs unter dem so genannten „Standard“,
was zum Beispiel den Sound der Aufnahme betrifft, trotz¬
dem kommt der Sampler absolut schlüssig, kraftvoll und
kompakt rüber - aber darum geht es auch gar nicht. Den
vertretenen Bands wird eine Plattform geboten, auf der
auch mal etwas trashigere Übungsraumaufnahmen ih¬
ren Platz finden. Und dennoch scheint jede einzelne Com¬
bo ihre eigene Website zu besitzen, alle Adressen sind im
Booklet aufgeführt. Wer also Interesse hat, weitere Infos zu
sammeln, wird hier bestens bedient. Einzelne Songs aufzu-
führen, macht keinen Sinn, selbst besorgen und reinhören.
(54:37) (7) Zahni Müller
V.A. Lieder und Gesänge Vol. 1 2CD
rockingape.de/CMS | Sie wollen kein Geld zählen, son¬
dern Schätze heben. Zumindest bei Letztgenanntem wird
Rockingape Records mit dem ersten Teil der Samplerrei-
MURDER BYGUITAR
On Parade LP
sotmdsofsubterrania.com | Die LOCOMOTIONS sind ja
seit Ende 2005 Geschichte, aber aus ihrer Asche erhob sich
nicht allzu bald danach eine neue geschmeidige Garage-
Formation, MURDER BY GUITAR. Und sie sind etwas wei¬
ter entfernt von den konventionellen Songstrukturen der
Vorgängerband, mehr an zivilisationskranke nervöse New
Yorker oder Bostoner Bands der Vergangenheit wie VELVET
UNDERGROUND, MODERN LOVERS oder Richard Helles
VOIDOOIDS angelehnt. Und nach ihrer ersten 7“ „Rock
Bottom“ auf Alien Snatch waren schon bald genug span¬
nende neue Songs geschrieben, um die erste LP damit ein¬
zuspielen. Den Zuschlag bekam das Erfolgslabel Sounds Of
Subterrania, und die Pressen konnten angeworfen werden.
Nun ist die LP fertig, und sie klingt (für eine Band ohne
Bassgitarrenbegleitung) ziemlich passabel. Unkonventi-
oneUe Schrabbelpunk-Songs, manchmal gen Soul schie¬
lend, manchmal schön moody, manchmal einfach kaputt,
das Spektrum der Emotionen und Stilrichtungen ist breit.
Aber dennoch vereint die Gruppe bei aller Vielfalt alles un¬
ter einer eigenständigen Herangehensweise, zeigt ihren
völlig eigenen Stil. Schöne Songs, prima Album! (8)
Gereon Helmer
MONSTER SQUAD
FireTheFaith CD
punkcore.com | Zuallererst fällt mir das schicke Coverart-
work auf, das es im Booklet noch mal als Miniposter gibt.
Ansonsten rasen die fünf Nordamerikaner in einem musi¬
kalischen Panzer an einem vorbei. Catchy Melodien, trei¬
bende Drums und aggressiver Gesang, noch und nöcher.
1A Streetpunk, nicht eintönig wie so viele andere Vertre¬
ter dieses Genres. Die auf Punkcore gesignten MONSTER
SQUAD waren gerade auf Europatour und haben bleiben¬
den Eindruck hinterlassen. (31:15) (8) Dennis Bruns
ME AND MY ASSHOLE
Rock As Fuck CD
vinyl-junkies-rec.de/matularecords.de | Die Arschlöcher,
ausgekackt aus den Vorgängerbands FIFTY MILLION FIN¬
GERS und BLUTSÄGE DES TODES, sind viel damit beschäf¬
tigt, zu betonen, dass ihnen alles scheißegal ist. Nun gut,
in Zeiten, in denen Konzerte oft zur Modenschau avan¬
cieren und p.c.-Faschisten die eigene Szene kaputt reden,
sollen sie das von mir aus nochmal aussprechen. Die Mu¬
sik für sich sprechen zu lassen, reicht allerdings auch. Ein
konkreter Stil lässt sich hier nicht festmachen. Jeder darf
mal singen, mal auf Deutsch, größtenteils auf Englisch, mal
kommt ihr offensichtliches Faible für MOTÖRHEAD zum
Vorschein, mal bedient man sich der Elemente alter Hard-
core-Größen wie MINUTEMEN oder HÜSKER DÜ ... Ein
Kessel Buntes also, mit viel Spaß und wenig Klischees vor¬
getragen, eine Rock’n’Roll-Platte mit vielen Höhen und
auch Tiefen. (35:58) Mario lüriaux
► Auf der Ox-CD zu hören.
MY DEFENSE
God Damn Those Hardcore Junkies CD
strivingfortogetherness.com | Ja nun, was erwartet man
von einer Platte, auf deren Cover im Hintergrund fast alle
Standardwerke einer Hardcore-Vinylsammlung aus den
80ern hängen, von UNIFORM CHOICE und MDC über
SICK OF IT ALL und TOKEN ENTRY bis D.I. und BLACK
FLAG!? Na, wer hätte das gedacht, hier spielen die GORIL¬
LA BISCUITS des neuen Jahrhunderts auf. Leider 25 Jah¬
re zu spät, um noch wirklich zu fesseln, und sicherlich
auch mit weniger Hitpotenzial als die New Yorker Vör-
he „Lieder und Gesänge“ Erfolg haben. Die Doppel-CD in
schickem Digipak vereint 46 Bands aus allen Spielarten des
Rock, von Punk bis Heavy ist alles dabei. Vor den Karren
mit den vielen unbekannten Gruppen werden klangvolle
Namen wie ZSK und TURBO AC’S als Zugpferde gespannt.
Ein Konzept, das hoffentlich aufgeht. Denn selten hat man
sich so liebevoll um den musikalischen Untergrund ge¬
kümmert wie auf dieser Compilation. „Lieder und Gesän¬
ge“ ist aber nicht ausschließlich als Sprungbrett zu verste¬
hen, das angesichts des kleinen Labels ohnehin nicht be¬
sonders hoch sein kann; vielmehr handelt es sich um eine
Liebeserklärung an eine Musikszene, die mit Hingabe täg¬
lich die allerkleinsten Lokalitäten Europas zum Kochen
bringt. Geld spielt dabei keine Rolle. So viel Leidenschaft
ist unbezahlbar, deshalb hält die Homepage den gesamten
Sampler auch zum kostenlosen Download bereit. Support
your local Underground! (8) ArneKoepke
V.A. Move Against G8 CD/DVD
Skycap/Rough Trade | Henning Obsen legt sich fest. Die
Gruppe der Acht (G8), die sieben führenden Industrielän¬
der und Russland, ist „Teil des Problems“ und nicht die Lö¬
sung für die wichtigsten Fragen der Welt. Obsen ist Pres¬
sesprecher des Bündnisses „Move Against G8“ aus globa¬
lisierungskritischen Organisationen, anderen Zusammen¬
schlüssen (unter anderem Attac, Antifas) und Künstlern.
Im Vorfeld des G8-Treffens in HeiMgendamm hat „Move
Against G8“ schon reichlich Presse bekommen. Weil sich
„Move Against G8“ als das lockere Bündnis, das es ist, sich
nicht im Namen aller seiner Aktivisten ausdrücklich von
Gewalt distanzieren wollte, gab es böse Schlagzeilen. Öf¬
fentliche Aufmerksamkeit - ob aus Sympathie oder Angst
vor „Mnkem Terror“ - ist also vorhanden. Fehlt nur noch
Geld für Kulturveranstaltungen während der Tagung. Ein
Teil davon soll mit diesem hochkarätig besetzten Soli-
Sampler eingespielt werden. Gegen den selbst ernannten
Club der Reichen engagieren sich unter anderem DIE TO¬
TEN HOSEN, KETTCAR, WIR SIND HELDEN, TOMTE und
Jan Delay. Das ist doch die Gelegenheit, sich bei guter Musik
mal wieder für Politik zu interessieren. (10) Arne Koepke
V.A. Our Impact Will Be Feit -
A Tribute To SICK OF IT ALL CD
Century | Schon 20 Jahre sind SOIA eine Institution in Sa¬
chen Hardcore und haben unzählige Bands inspiriert und
Fans auf der ganzen Welt glücklich gemacht. Nach ihrem
Labelwechsel zu Centu¬
ry Media und ihrem Ju¬
biläumsalbum „Death
To Tyrants“ ist es nun an
der Zeit, unser aller Hel¬
den angemessen zu ehren
und so erscheint als et¬
was verspätete Geburts¬
tagsgeschenk an die New
Yorker eines der besten
Tribute-Alben, das die
Hardcore-Welt je gehört
hat. 20 Bands aus der
Hardcore- und Metal -
Szene, unter anderem HATEBREED, MADBALL, UNEARTH,
SEPULTURA, NAPALM DEATH, IGNITE, BANE und FIRST
BLOOD, haben sich jeweils einen der Klassiker der Band
vorgenommen und alle schaffen es, den Spirit der Songs, zu
denen wir alle schon mal durch den Pit gelaufen sind, auf¬
recht zu erhalten und bringen doch ihre eigene Note ein.
Absolute Highlights sind „Built to last“ von RISE AGAINST,
das eindrucksvoll zeigt, wie hymnisch die New Yorker sein
können, und das wuchtige „Scratch the surface“ von SE-
bilder. Aber so sympathisch, wie die fünf Kölner die Sa¬
che angehen, wird sie das nicht weiter stören. Standard¬
texte, permanente Back-up-Vocals zu immer gleich klin¬
genden Songs und jede Menge ehrliche Energie. Dass sie auf
dem Hardcore der 80er hängen geblieben sind, kaufe ich
denen wirkhch ab. Das wird, wie gesagt, nicht reichen, um
irgendwie aufzufallen, aber sicherlich für ein paar spaßige
Konzerte im lokalen Hardcore-Club sorgen. (30:49) (6)
Mario Tliriaux
METEORS
Hymns For The Hellbound CD
peopleHkeyou.de | Er ist schon ein Phänomen, der P Paul
Fenech. Seit fast 30 Jahren macht er nun Musik, hauptsäch¬
lich als Kopf und Frontman der METEORS. Aber stets auch
solo, mit dem Materi¬
al, das er nicht als ME-
TEORS-Songs einord¬
net. METEORS-Lieder
tragen die Kennzeich¬
nung „purer Psychobil-
ly“. Dies ist die Abgren¬
zung zum anderen Mate¬
rial. Auch Filmmusik un¬
ter Pseudonym gehören
zu seiner Spielwiese. Mit
fortschreitendem Alter
werden die erkennba¬
ren Pausen immer kür¬
zer. Erst ein halbes Jahr ist die Veröffentlichung des letzten
Soloalbums „The F Word“ her und schon beglückt er die
zahlreichen Fans mit der nächsten METEORS-CD. Irgend¬
wann muss der sich doch im Kreis drehen und musikalisch
stagnieren. Weit gefehlt. Mit „Hymns For The Hellbound“
wird wieder deutlich, wie gut Psychobilly sein kann: In¬
teressant, abwechselungsreich, ohne die Notwendigkeit zu
viel Härte. Geradezu filigran sind die Songs auf das Wesent¬
liche konzentriert. Kein Ausfall, nur beste Unterhaltung.
Das exzelleente Gitarrenspiel, mit hervorragenden Soli und
immer mit Bezug zu den Wurzeln der Billy-Musik, dazu
ein treibender Slapbass mit viel Druck und schnörkeUo-
se Drums sind Teil des Erfolgsrezeptes. Bei Songs wie „We
wanna wreck here“ oder „Queen of the wild wild west“
könnte ich ins Schwärmen geraten. Beide sind umgehend
in meine METEORS-Best-Of-Liste aufgenommen worden.
Unfassbar, dass immer noch gilt, die nächste Platte ist die
beste. Dieses Mal mehr denn je. (38:17) (9) Robert Noy
MAN MUST DIE
The Human Condition CD
relapse.com | Konnten unsere Inselnachbarn beim Euro¬
pean Song Contest noch knapp einer Blamage entgehen,
schicken sich die vier Schotten mit ihrem Relapse-Debüt
an, aller Welt zu zeigen, wo der Metalhammer hängt. Sou¬
verän vorgetragener thrashiger Death Metal der auch die
Melodie nicht vermissen lässt wird hier aus voller Inbrunst
serviert. Kann zwar nicht unbedingt den Standard der La¬
belkollegen halten, bietet jedoch recht kurzweilige Unter¬
haltung. Nicht mehr und nicht weniger! Uwe Kubassa
MONDO GUZZI
Little Beast CD
rookierecords.de/Cargo | Die vier Mitglieder von MON¬
DO GUZZI aus Mannheim sind schon seit den Achtzigern
in der Hardcore-Szene aktiv, die Musik auf „Little Beast“
klin gt aber deswegen keinesfalls altbacken. Die Einflüsse
der Band erstrecken sich über „Klassiker“ wie BLACK FLAG
und MOTÖRHEAD bis zu den FOO FIGHTERS und GLUE-
PULTURA, um nur mal eben die Hits zu nennen. Ein abso¬
lutes Highlight in diesem Jahr, auf dem sich die einzelnen
Bands fast selbst übertroffen haben. (45:08) (10)
Tobias Ernst
V.A. Pop Punk Loves You 3 CD
Wynona | Das Fazit vorweg: Nicht überaU wo Pop-Punk
draufsteht, ist auch Pop-Punk drin! Denn Pop-Punk steht
in meinem musikalischen Kosmos für energiegelade¬
ne, simple Drei-Akkord-Musik amerikanischer Prägung
(Stichwort: RAMONES) mit augenzwinkernden Teena-
ge-Retard-Texten. AUerdings habe ich den Begriff „Neo-
Pop-Punk“ in letzter Zeit schon öfter in Zusammenhang
mit Bands wie FALL OUT BOY oder MY CHEMICAL RO-
MANCE gelesen. Laut meiner bescheidenen Auffassung
wäre dieser „Neo-Pop-Punk“ aber wohl eher mit Begriffen
wie „Mainstream -Emopop“ oder ähnlichem umschrieben.
Technisch perfekte, vollkommen sterile Jammer musik, zu-
geschnitten auf trendige und konsumfreudige Mittelklas¬
sekids. Um endlich den Bogen zum mir hier vorliegenden
Sampler zu schlagen: es sind darauf gerade mal zwei klassi¬
sche Pop-Punk-Bands (LILLINGTONS und QUEERS) ver¬
treten, während der Rest irgendwo zwischen oben genann¬
tem Emopop und Melodycore pendelt. In ihrem Genre
schlagen sich dabei alle 24 Bands beachtlich, aber Fakt ist:
circa 80 Prozent der Gruppen spielen keinen Pop-Punk!
Wenn STRENGTH APPROACH mit schmissigem Uptem-
po-Hardcore antreten und THE ORDINARY ME Screamo-
Parts einbauen, frage ich mich ernsthaft, was die Leute von
Wynona Records sich bei der ZusammensteUung dieser
Compilation gedacht haben... (74:5 5) Bernd Fischer
V.A. Psycho Killer CD
Anagram | Nahe Hegend! Ein Sampler mit Songs über Psy-
cho-Killer, mit Psychobilly-Bands.Thematisch ist das Gen¬
re dem Horror in allen Formen sehr nahe und so bleibt es
nicht aus, dass viele Songs über Massenmörder entstanden
sind. Seien sie nun leider aus der realen Welt oder der Fik¬
tion in Comics und Filmen entsprungen. Von Ed Gein bis
Jack the Ripper und von Norman Bates bis Michael Myers
sind die bekanntesten Figuren dieser traurigen Geschich¬
ten vertreten. Die Bands sind übliche Bekannte der Sze¬
ne, plus ein paar neue. Vertreten sind natürlich unter an¬
derem THE METEORS und DEMENTED ARE GO!. Einziger
Ausfall ist NECK-VALVE, die musikalisch mit ihrem starken
Metal-Einfluss aus dem Rahmen fallen. Bei der Auswahl
hatte Alan Wilson die Finger drin. SHARKS und FRAN-
TIC FLINTSTONES sind dadurch vielleicht etwas überre¬
präsentiert vertreten. Die Songs entstammen ohnehin nur
aus dem Fundus von Anagram, und eine Auswahl der bes¬
ten Psycho-Killer-Songs aUer PsychobiUy-Bands wäre si¬
cher noch interessanter. (72:53) (6) Robert Noy
V.A. Rocking At The Take 2 - Vol. 1 & 2 CD
Anagram | Neben dem Klub Foot, waren diese beiden
Live-Sampler die zweite Serie, mit Aufnahmen aus einem
bestimmten, legendären Club aus der Zeit. Das Take 2 im
Norden Englands war Schauplatz vieler Psychobilly-Kon-
zerte, und ein großer Teil ist für Live-Aufnahmen verwen¬
det worden. Von fast allen Bands dieses Samplers gibt es
auch eigene Aufnahmen aus diesem Club. Die Auswahl der
Bands ist durch die Tätigkeit von Chuck Harvey, Frontman
der FRANTIC FLINTSTONES .geprägt. Dieser war als Scout
tätig und hat einige Bands ans Tageslicht geholt. Das war
meisten zwar nicht von Dauer, aber was soU’s. Wer kann
schon von sich behaupten, überhaupt je eine gute Platte
gemacht zu haben. Schade war es trotzdem, dass die Bands
nicht versucht haben, weiter zu machen und ihren Sound
zu verbessern. Besonders die SUGAR PUFF DEMONS oder
CIFER. In dieser Schnittmenge Hegen auch die zwölf Kom¬
positionen. Herausstechend sind das schleppende „Re-
ceive“ mit seinen QOTSA-artigen Harmonien und „Hate
you“, das an KYUSS erinnert. Bei diesem kommen vor al¬
lem die doppeUäufigen Blues-Licks gut. Auch das wüten¬
de „What are friends for“ fünzt direkt. Die anderen Stü¬
cke sind leider ein wenig zähflüssig und brauchen Zeit, tun
zu wirken, was auch ein wenig an dem harmlosen Sound
Hegt. Aber affe, die auf relaxten Stoner-Rock stehen und
auf humorvoUe Texte über Sexberatung und den amerika¬
nischen Präsidenten gewartet haben, sollten hier durchaus
mal reinhören. (44:16) (6) Arndt Aldenhoven
MAD CADDIES
KeepItGoing CD
fatwreck.de | Wer hätte gedacht, dass die MAD CADDIES
noch mal ein Album raushauen, das mir gefällt. Ehrlich ge¬
sagt, ging mir die Band, mit allem was nach „Duck And Co¬
ver“ kam, immer gehörig auf den Sack. Zu ausgelutscht
und oberflächlich - berechenbare Partymusik die höchs¬
tens noch auf den biergetränkten Shows funktionierte.
„Keep It Going“ hingegen überzeugt mit einer musikali¬
schen Tiefe, die man den fünf Musikern gar nicht mehr zu-
getraut hätte. Was vieUeicht auch an der Zusammenarbeit
mit Produzent Wayne Jobson (unter anderem NO DOU-
BT undTOOTS &THE MAYTALS) Hegen könnte. In jedem
Fall entfernen sich Stücke wie „State of mind“ oder „Ba¬
ckyard“ auf eine angenehme Art und Weise vom gewohn¬
ten Mischmasch aus Punkrock und Bläsersätzen. Die Songs
kommen in einem zurückgelehnten Tempo daher, das die¬
ser Musik wesentlich besser steht als die genretypische
Hetzjagd von Note zu Note. Halt mehr Reggae als Ska, man
kann ja auch mal langsam tanzen. Natürlich sind es immer
noch die MAD CADDIES, allein aufgrund der immer wie¬
der auftauchenden Dixieland-Elemente, werden sich die
Fans auch auf dem fünften Album der Kalifornier bestens
zurecht finden. (49:15) (7) Lars Koch
MR. SYMARIP
The Skinheads Dem A Come CD
Hquidatormusic.com | Bereits in Ox #68 beschrieben,
geht es hier um Roy Ellis aka Mr. Symarip, der 1969 mit der
Skinhead-Reggae-Band SYMARIP die beiden Traditions¬
alben „The Pyramids“ sowie „Skinhead Moonstomp“ ge¬
schrieben hat: „The Skinheads Dem A Come“ ist neueres
Material mit Gospel-Einfluss. Er bleibt seinen Wurzeln und
seiner authentischen Linie treu. Für mich ist es nach wie
vor zu traditionell, volkstümhch und irgendwie schlager¬
artig. Legende mit guter Backing-Band hin oder her, mal
abgesehen von wenigen Ausnahmen, kann mich dieses Al¬
bum nur bedingt begeistern. (51:5 7) (6) Simon Brunner
MIT
Was war es MCD
Haute Areal | „Hype!“ Ein Wort, bei dem sich mir die Na¬
ckenhaare aufstellen. Wie viele Bands, die „das neue Ding
mit großer Zukunft“ werden sollten, hat man schon kom¬
men und gehen sehen, und wie oft kam man sich verarscht
vor, weil das Wort unberechtigt war. Wie viele Leute schaf¬
fen es immer, wieder dem Wort zu folgen und outen sich
als bornierte Konsumenten, die alles schlucken, was ihnen
vorher passiert wird. MIT sind eine Band, bei der das Wort
sehr gut passt. Sie wollen definitiv, trotz oder gerade we¬
gen des jungen Alters der Mitglieder, hoch hinaus und ha¬
ben, was das Rockstarleben angeht, sicher schon Blut ge¬
leckt (Man träumt bereits vom Major-Deal). Man wurde
vom Berliner Label Haute Areal mit zwei großartigen Sin¬
gles, nämlich „Deine Eltern“ und „Good Book“, angefixt,
THE RADICAS fallen auf so einem Sampler einfach positiv
auf. Neben diesen Bands und unter anderem STAGE FRI-
TE, TAILGATORS und BATFINKS wurden auch ein paar
Zugpferde aufgenommen. Diese waren wahrscheinlich die
Headliner: DEMENTED ARE GO!, COFFIN NAILS, DELTAS
oder FRANTIC FLINTSTONES. (73:05) (7) Robert Noy
V.A. Trojan Rockers Box Set 3CD
trojanrecords.com | Wenn ich es nicht extra nachgele¬
sen hätte, dann wüsste ich auch nicht, dass „Rockers“ ei¬
nen bestimmten Schlagzeugstil im Reggae bezeichnet. John
Holt mit „Up park camp“ undTapper Zukie mit „Rockers“,
galten nicht nur als Pioniere dieses neuen Schlagzeugstils,
sondern gaben ihm auch den Namen Normalerweise be¬
tont das Schlagzeug den dritten Takt mit der Bassdrum, die
anderen Takte werden durch einen Rieselschlag auf dem
Hi-Hat betont. Beim Rockers-Stil werden hingegen alle
vier Takte mit der Bassdrum betont und der dritte Takt zu¬
sätzlich noch mit der Snaredrum. Dieser Stil entstand Mit¬
te der 70er Jahre und wurde beeinflusst durch die aufkom¬
mende Discomusik Beim Hören fallt mir dies jedoch nicht
auf. Einige der SOTitel aus den Jahren 1975 bis 1979 klin¬
gen zwar irgendwie etwas poppiger, aber meistens bew'egt
sich doch alles zwischen Roots, Rocksteady und Dub. Ne¬
ben Errol Dunkley, Juinor Murvin, Sugar Minott oder Ju¬
nior Delgado sind auch INNER CIRCLE mit dabei. Ja ge¬
nau, das sind die, die uns viele Jahre später mit dem blöden
„Sweat (a-la-la-la-la-long)“ nervten, aber das ist eine an¬
dere Geschichte. (72:00/66:19/67:30) (6) Kay Wedel
V.A. Upsetters Selection -
A Lee Perry Jukebox 2CD
trojanrecords.com | Ob als Sänger oder Produzent, die
musikalische Biografie von Lee Perry umfasst mehr als 45
Jahre und wird hier natürHch nur Ausschnittsweise doku¬
mentiert. Durch Lee „Scratch“ Perry wurde das Studio zu
einem Instrument. Von ganz frühen Ska-Aufnahmen mit
Lee Perry am Mikrofon, wie zum Beispiel „Give me ju-
stice“ aus dem Jahr 1966 geht es über Klassiker wie „Re¬
turn of Django“ von dem UPSETTERS bis hin zu neueren
Perry-Stücken wie „Jamaican E.T.“ aus dem Jahr 2003. Die
insgesamt 45 Titel umfassende Compilation liest sich wie
ein „Who is Who“ der Reggaemusik, Lee Perry hat mit al¬
len zusammengearbeitet: Bob Marley, U Roy, Dave Barker,
Dillinger, Susan Cadogan, Max Romeo oder Junior Delga¬
do. Wie bei Trojan üblich gibt es dazu ein sehr ausführli¬
ches Booklet mit Linernotes zu den einzelnen Aufnahmen.
(78:06/78:09) (8) Kay Wedel
OX-FÄNZINE 79
REVIEWS
www^.demdal-(mfi/ne. de
*BEN SHERMAN * FRED PERRY *
* DI< KI ES * LONSDALE LONDON *
(Mim^.dmidal~(eriäiw. de
(pjffarndtr/ Gft#eefwm-r- 0««m ofaAfc /9, O9o W ■ l/itf’f/wy
* CONVERSE * VANS * DR.MARTENS *
* NEW BALANCE * BOOTS <fc BRACES
iem/p. do/ndal-eidine. de
rnn dann, statt ein Album folgen zu lassen, wieder eine Sin¬
gle zu veröffentlichen. Bei all dem faden Beigeschmack des
„Wortes“ ist es aber Fakt, dass MIT einfach großartige Mu¬
sik machen. Bass und Gesang, Synthesizer und ein Schlag¬
zeug. Mehr wird hier nicht gebraucht um einen komplet¬
ten Hit zu landen. „Was es ist“ interessiert in Zukunft keine
Sau mehr, denn die Frage „Was war es“ wird viel interes¬
santer. Neben drei Songs gibt es noch drei sehr gute Remixe
des Titeltracks unter anderem vonThies Mynther (SUPER ¬
PUNK, STELLA) und ASCII.DISCO. Man muss tanzen, man
muss schreien und trotzdem hat man die Frage im Hinter¬
kopf, wer jetzt Benjamin Ruth einen geblasen hat, damit
die Band auf so ziemlich jeder Vice-Party auftritt. Absolu¬
ter Hit. Szeneapplaus... Jetzt! Timbo Jones
MULES
Save Your Face CD
Organ Grinder/Kartel/RoughTrade | The Mules sind ein
5 -köpfiges Kollektiv aus Oxford, die mit ihrem Album im
Vereinigten Königreich bereits für mächtigen Wirbel sorg¬
ten. Die einschlägige Presse überschlägt sich, Radioaufle¬
ger wie John Kennedy feiern schon. Auf ihrem Debüt fusi¬
onieren die Jungs Elemente aus Post-Punk, Funk, Ska, Dis¬
co, Blues, Jazz, Zirkusmusik, Country und Rock miteinan¬
der. Ein Kessel Buntes also: Verrücktheiten ä la WEEN, Pop
im Stile vonTHEY MIGHT BE GIANTS. Wilde Ausbrüche
wechseln mit ruhigen Passagen. Auch die zusätzliche In¬
strumentierung mit Klavier, Geigen, Klarinetten lässt kei¬
ne Wünsche offen, funky Gitarren, teils leicht affektier¬
ter Gesang, ein arty-farty Post-Punk-Misch-Masch to the
max! Rock-Traditionalisten dürften hier verzweifeln, ich
brauchte auch etwas länger, um den Zugang zu finden, ist
mir aber insgesamt zu konstruiert. (3 7:46) (6)
Jürgen Schattner
MUCKY FEET
All About The Lösers CD
mucky-feet.de | Die ersten zwei Lieder sind recht viel ver¬
sprechend - zwar Pop-Punk, aber schöner Pop-Punk. Da¬
nach wird es leider etwas flauer. Es gibt Ausflüge in ver¬
schiedene angrenzende Stilrichtungen, die ganze Ge¬
schichte bleibt aber leider etwas seicht, weil sowohl die
Musik als auch die Texte einfach zu lieb und zu brav sind.
Auch ist die Stimme des Sängers für meinen Geschmack
zu glatt und zu hoch. Musikalisch ist die Band gut, aber für
eine Punkband klingt sie zu sehr nach einer Musikschul-
band. Im Prinzip ist das aber alles ganz annehmbar - bis
auf den Ska. Zuletzt mein Hauptkritikpunkt: Ich möchte
nicht bestreiten, dass auch ich manchmal bei McDonalds
esse, aber denen im Booklet zu danken geht doch ein Biss¬
chen zu weit. (30:22) (S) Tobias Weber
MELTDOWN
Demolition & Demo CD
Dead Serious | Die US-HC-Band MELTDOWN kommt
von der Ostküste und hat bereits letztes Jahr mit einem
überdurchschnittlichen Demo auf sich aufmerksam ma¬
chen können, auf dem sie vier Oldschool HC-Songs ge¬
konnt präsentierten. Auch damals waren ihre Songs mit ei¬
nem guten Schuss Metal angereichert, was aber wegen des
rauhen Straßensounds nicht weiter auffiel beziehungswei¬
se störte. Durch die klare Produktion ändert sich das auf
„Demolition“, ihrem Europadebüt, gewaltig. Aber egal, ob
Produktion, Cover, Bandschriftzug,Texte oder Musik. Die¬
se CD könnte genauso gut im Metal/Thrash-Regal stehen,
obwohl, man mag es kaum glauben, hier Leute der HC/
SE-Größen VERSE und LEARN ihre Finger im Spiel haben.
Die scheinen auf „Demolition“ neben ihrer großen Vorlie¬
be für die 80er Thrash-Band EXODUS vor allem den Me¬
tal-Heroen schlechthin huldigen zu wollen: SLAYER. An¬
ders lässt sich das mehr als offensichtliche Zitieren kom¬
pletter Songstrukturen besagter Bands nicht erklären. „In
search of ‘ zum Beispiel heißt bei Araya und Co. eben „Hell
awaits“, jedoch zaubert das dazugehörige Zitteraalgitar¬
rensolo ursprünglich Kerry King aus seiner BC Rieh. Und
das wesentlich gekonnter. Und obwohl „Demolition“ mit¬
unter brauchbare Strukturen aufweist, reißt mich bei die¬
sem Release eigentlich nur eins vom Hocker: Die Demo¬
songs, die nach einem unverständlichen zehnminütigen (!)
Leerlauf noch relativ lieblos an die ersten fünf angehängt
wurden. Bodo Unbroken
MATULA
Kuddel LP
zeitstrafe.de | MATULA begeistern mit ihrer ersten lan¬
gen Platte und zeigen, dass trotz oder gerade wegen ausge¬
dehnter Tourneen durch deutschsprachige Lande und plat¬
ten Reifen am Bandbus
die Kreativität nicht lei¬
den musste und es wie¬
der neue Geschich¬
ten aus dem jugendli¬
chen Alltag zu erzäh¬
len gibt. Der Hörer wird
in die Person des (Anti-
) Helden „Kuddel“ ver¬
setzt und erlebt mit ihm
Klein- und Großstadtat¬
mosphären, Heim- und
Fernweh, Resignation
und Tatendrang, Einsam¬
keit und Freundschaft. Musikalisch schließt dieser aufWeiß
gepresste Handschmeichler natürlich an die ersten vier
Lebenszeichen der „Gute Sache aber ohne mich“-7“ von
2004 an, doch besser produziert entsteht der Gesamtein¬
druck einer wohlbedachten Platte, die trotz alledem weder
Rotz noch Gashebel vergisst. Sicher, von lyrischem Punk-
rock aus dem Norden hat man schonmal gehört und man
ist der festen Überzeugung, ihn zu kennen. Doch die Ent¬
wicklung hatte auch nach der Erfindung der Dampfma¬
schine noch etwas zu bieten. So hört man sich durch 10
perfekte Alltagsbegleiter, sei es der heißeste April seit Jahr¬
zehnten oder wieder einmal ein verregneter Sonntag im
Herbst. Wenn jedoch auch dieses Album in der Mitte eine
kleine Talphase der Wiederholung durchschreitet, der Pfad
nach oben ist nicht steinig und fuhrt geradewegs zum Ziel,
das - wie könnte es bei kreativen jungen deutschen Men¬
schen auch anders sein - natürlich keineswegs ein Happy
End beschreibt: „Ein Planet ohne Sinn dreht sich um die
Sonne“. Das Karussell wird nicht stehen bleiben. Gratulati¬
on! (27:12) (8) Christoph Schulz
► Auf der Ox-CD zu hören.
MUSTASCH
Latest Version Of The Truth CD
regainrecords.com | Eine EP, fünf Alben und einen ganzen
Haufen Singles in sieben Jahren - die vier Schweden legen
Tempo vor, so schnell, dass ich von den beiden Vorgängern
dieses Albums gar nichts mitbekommen habe, somit also
auch nur mit den Anfangstagen vergleichen kann. Und das
bekommt der „Latest Version OfTheTruth“ nicht so unbe¬
dingt gut. Teilweise findet sich zwar noch der Sound von
Bands wie ORANGE QOBLIN, MONSTER MAGNET oder
auch der SPIRITUAL BEGGARS wieder, aber für meinen
Geschmack bewegen sich MUSTASCH doch mittlerwei¬
le viel zu sehr weg von Doom und Stoner hin zu schmie¬
rigem, von triefendem Pathos durchsetztem Stadion-Me-
tal. Und Hits gibt es gar nicht. Eine CD, die alles in allem
zwar wenige gute, dafür aber einige schlechte und ansons¬
ten langweilige, mittelmäßige Songs enthält und somit un¬
ter dem Strich - wohlwollend betrachtet - allerhöchstem
unteres Mittelmaß ist. (48:56) (3) Jan Eckhoff
STEVEN MARK
Racing Grey
Basset | In dem Song „Paris Hilton Generation“ versucht
sich Singer/ Songwriter Steven Mark an Gesellschaftskritik.
„You live in your x-box / American dream / You log onto
myspace / and you don’t know who you re going to be to-
day“ heißt es da. Es ist etwas gewagt, MySpace zu kritisie¬
ren, wenn man in seiner Bio eine Webadresse von genau
dieser Community verlinkt. Allerdings muss man ihm zu¬
gute halten, dass er den Burt-Bacharach-Klassiker „Always
something there to remind me“ zu einem Song mit seinem
ganz eigenen Sound ummodelt - wüsste man nicht, um
welchen Song es sich handelt, könnte Mark den Song auch
genauso gut selbst geschrieben haben.Trotzdem: trotz aller
Versuche eigenständige Ideen zu verarbeiten, geht „Racing
Grey“ spurlos an einem vorbei. (4) Julia Gudzent
MAYHEM
Ordo Ad Chao CD
seasons-of-mist.com | Haben MAYHEM es so bitter nötig,
dem Black Metal-Underground zu beweisen, dass sie keine
Sell-out-Band sind? Was auch immer die Norweger dazu
getrieben haben mag, ihrem neuen Album „Ordo Ad Chao“
so einen unterirdischen Keller-Sound zu verpassen, eine
kluge Entscheidung war das nicht. Sicher, den völlig über¬
produzierten, klinischen Sound von „Grand Declaration Of
War“ will man kein zweites Mal hören, aber auf dem letz¬
ten Werk „Chimera“ von 2004 haben MAYHEM doch ge¬
zeigt, dass man gleichzeitig Black Metal-typisch, aber auch
kraftvoll klingen kann. Die rumpelige und undifferenzier¬
te Produktion sowie die mal wieder völlig übertrieben zur
Schau gestellte „Evilness“ mögen einen unbedarften Hörer
dazu verleiten, „Ordo Ad Chao“ zu belächeln und dann zu
vergessen. Hat man sich aber erst an den Soundmatsch ge¬
wöhnt, wird abermals deutlich, dass MAYHEM ihren Sta¬
tus in der Black Metal-Szene zu Recht besitzen und hier
nicht nur von einer mehr als fragwürdigen Vergangenheit
gezehrt wird. Nicht nur durch das völlig geisteskranke Ge¬
krächze, Geheule, Geflüster und Geschrei vom neuen alten
„Sänger“ Attila Csihar (der die Band 1994 nach „De Mys-
teriis Dom Sathanas“ verließ und 2004 zurückkehrte) ent¬
wickelt „Ordo Ad Chao“ eine Atmosphäre, die strecken¬
weise wirklich bösartig und verstörend ist. Ausgewogener
und packender kann man eine Mischung aus der genrety¬
pischen Raserei und langsameren, ernsthaft düsteren Mo¬
menten kaum umsetzen. Wenn doch nur dem Sound die¬
selbe Aufmerksamkeit gewidmet worden wäre... (8)
Andre Bohnensack
MOTORAMA DIRT TRACK SPECIALIST
s/t CD
Last Change | Auf meine Intuition ist Verlass. Alleine beim
Anblick des Covers zum Debütalbum von MOTORAMA
DIRT TRACK SPECIALIST wusste ich, dass ich es mit ei¬
nem guten, jedoch nicht überragenden Album zu tun ha¬
ben werde. Das Frontcover ziert ein gewisses, finster bli¬
ckendes Ungeheuer, dass eine Kreuzung aus Hund, Fleder¬
maus, Drachen und Luzifer persönlich vermuten lässt. Auf
dem Backcover veranschaulichen zwei Motorcrossräder
mit den Startnummern 666 und 13 den Namen der Band.
Fotos lassen erkennen, dass sich die Bandmitglieder wäh¬
rend ihrer Shows auch ganz gerne mal hinter fiesen Wrest-
ling-Masken verstecken. Naja, sowas kennt man alles und
hat es schon tausendfach gesehen. Fernab von dieser visu¬
ellen Klischeeanhäufung überrascht die Musik von MO¬
TORAMA DIRT TRACK SPECIALIST dann aber dennoch.
Der zu erwartende Rock’n’Roll ist hier natürlich nicht von
der Hand zu weisen, doch wenn die Band zu ihren Einflüs¬
sen neben MOTORHEAD und AC/DC auch BAD BRAINS
und BLACK FLAG angeben, dann glaube ich ihnen das ger¬
ne. Früh-Achtziger Punkrock gibt hier eindeutig den Ton
an - das gefallt. Ecken und Kanten sind vorhanden, eben¬
so ausreichend Power und kurze Ruhestrecken, die vor
Eintönigkeit bewahren und die Spannung aufrecht hal¬
ten. Wenn ich nun einen Vergleich mit STEAKKNIFE wa¬
gen würde, bekäme ich von manchem Zeitgenossen wohl
zu Recht eine Ohrfeige verpasst. Diesen sind MDTS dann
nämlich doch nicht gewachsen. Nichtsdestotrotz ein gutes
Album, dass sich seine Daseinsberechtigung verdient hat.
(7) Alex Gräbeldinger
MUFF
HornAttack CD
Wolverine/Soulfood | Das Konzept ist einfach und
scheint auch gut aufzugehen. Man nehme drei Jungs, die
allesamt Recht fit an ihren Instrumenten sind, lasse diese
gefälligen Punkrock mit
viel Melodie und genü¬
gend Pop-Attitüde spie¬
len und stellt ihnen zwei
attraktive Punk-Mä-
dels am Mikro dazu. Da
kann der Nachwuchs
eine Menge reininter¬
pretieren. Ach, was sage
ich, nicht nur der Nach¬
wuchs, auch alte Säcke
fangen da sicher mal ger¬
ne an zu träumen und
denken an früher, als sie
selber noch so machen Aufriss zustande brachten. Wie dem
auch sei, so funktionieren MUFF aus Hannover. Das Geld
für die Studiokosten haben die fünf bei einem Wettbe¬
werb von Radio FFN gewonnen. Und was soll ich sagen? So
klingt es auch ein wenig. Alles sehr glatt und gefällig. Fröh¬
liche Melodien treffen auf spätpubertäre Auflehnungstexte
im Stile von „I am not a school girl, don t try to teach me“.
Das versprüht ein wenig den Charme der seligen SWOONS,
rauscht aber dann doch zu unbekümmert an mir vorbei.
Da helfen gelegentliche Metal-Ausflüge auch nicht - im
Gegenteil. Auch hier scheint mir die Massenkompatibi¬
lität zu sehr im Vörgrund. Das Debüt „Horn Attack“ geht
in Ordnung, vielleicht wurde einfach ein bisschen zu sehr
versucht, alles richtig zu machen. Beim nächsten Mal gerne
ein wenig mehr Gift und Galle. (32:38) (6) Abel Gebhardt
► Auf der Ox-CD zu hören.
MAINTAIN
With A Vengeance CD
Swell Creek/Soulfood | MAINTAIN machen vieles richtig
und doch auch einiges falsch. Angefangen von der, für mich
zwar wenig relevanten, in diesem Fall aber recht nervigen
Bandinfo, die immens darauf pocht, wie anders doch die
Band aus Norddeutschland sei. Außerdem ist dieses Album
nach eigener Aussage so konzipiert, unbedingt Erfolg damit
zu haben beziehungsweise jetzt sofort den großen Durch¬
bruch zu schaffen. Das ist nicht verwerflich, aber im Metal -
core ungefähr fünf Jahre zu spät. Obendrein werden sich
MAINTAIN mit ihrer Aussage der „Andersartigkeit“ ge¬
fallen lassen müssen, dass man sie an ihrem Sound misst.
MAINTAIN klingen gut, da besteht kein Zweifel, aber lei¬
der haben diesen Sound in den letzten Jahren schon so vie¬
le andere gemacht, dass es schwer werden dürfte, jetzt noch
die große „Andersartigkeit“, die propagiert wird, auch um¬
zusetzen. Das ist schade, denn Songs wie „Too many fück-
wits“ machen echt Spaß, aber ich bleibe bei meiner Mei¬
nung, dass dieses Album hätte 2002 erscheinen müssen, um
groß zu werden. (39:38) (7) Tobias Ernst
MONTAG
Going Places CD
Carpark/Cargo | Grundsätzlich gibt es genug Gründe, ver-
spulte Elektromusik zu mögen. Für offene Ohren eröff¬
nen sich hier immer wieder neue Türen und Hörerleb¬
nisse, und auch wie sich die Szene organisiert und bestän¬
dig in Bewegung bleibt, macht es immer wieder interes- t
sant, einen Blick über den Rock-Tellerrand hinauszuwa¬
gen. Und mit HERBERT kommen wir dem Ganzen auch
politisch bei - man darf ja hoffen ... Jetzt also MONTAG:
Ein scheinbar gut vernetzter Franko-Kanadier, der sich für
seine mit kindlicher Freude in billigen Synthiesounds ver-
daddelnden Popsongs eine namhafte Schar von Gästen ins
Heimstudio geholt hat: AU REVOIR SIMONE, Owen Pal-
lett von FINAL FANTASY, ISAN und Amy Millan der guten
STARS sind nur einige der Gäste. Dem Album mag man sei¬
ne perlenden Momente auch nicht absprechen, wenn sich
zum Beispiel das Schlafzimmer-psychedelische „Mechani-
cal kids“ plötzlich dem großen 60s-Pop öffnet. Wie es bei
vielen Musikerkollegen - ADEM, UZI & ARI und auch FI-
jstore.com
Musik direkt’beim Label kaufen
www.cifyslang.com
MALAJUBE
TROMPE-L’OEIL
O’DEATH
HEAD HOME
"This New York band draws from the starkness and
spiritual purity of Appalachian folk, the noisemongering
of punk and the rowdy theatricality of Tom Waits. With
quiet pluckings of banjo and angry, anarchic hols, its songs
jumble the sacred and profane." New York Times
Album anhören unter: www.cityslang.com/ecards/odeath
„Bleiben The Police bei der Verwandlung zu
At The Drive-In in der Telefonzelle stecken:
Postpunk-Apokalypse auf Dub, hui!" Visions
Album anhören unter:
www.cityslang.com/ecards/thejaialaisavant
„Fünf Kanadier machen die spektakulärste, überschwäng¬
lichste Rockplatte des Frühjahrs (...) freigeistige Rock¬
musik, die Ohren bluten lassen kann." Visions
Album anhören unter:
www.cityslang.com/ecards/ malajube Cray
04.08. Haldern Festival, 06.08. Frankfurt - Cookys
OX-FANZINE 80
REVIEWS
NAL FANTASY fallen da ein - aber auch der Fall ist, schafft
MONTAG es auch nicht, auf Albumlänge zu fesseln. Ein¬
zeleindrücke überwiegen, nette spleenige Pop-Momente,
aber keine überzeugende Gesamtheit. (41:49) (6)
Christian Maiwald
MOORE & SONS
Us Fools CD
triumphantsotmd.co.uk | Seit dem Gig zum 25. Geburts¬
tag von Touch & Go Records spielen NEGATIVE APPROACH
wieder einige Konzerte in Originalbesetzung - und Chris
„O.P.“ Moore, der bei MOORE & SONS singt und Gitar¬
re spielt, und bis zur finalen Auflösung bei NA trommel¬
te, wurde von John Brannon auserwählt, auch dem neuen
NA-Line-up anzugehören. Moore freilicht hatte die letzten
20 Jahre mit Hardcore zumindest musikalisch nicht mehr
viel zu tun, spielte bei CROSSED WIRE eher Alternative
Rock und ist seit geraumer Zeit unter dem Namen MOORE
& SONS aktiv. Vier Alben wurden veröffentlicht, und auch
auf dem aktuellen Werk „Us Fools“ (bei Großschreibung
von US gewinnt der Titel eine ganz andere Bedeutung, da
allerdings alle Lettern Großbuchstaben sind, kann man
sich der Bedeutung nicht so ganz sicher sein) sind keiner¬
lei HC-Einflüsse festzustellen - stattdessen gibt es hier ek¬
lektischen Indiepop mit Unterstützung von Dennis Cronin
(unter anderem LAMBCHOP, CALEXICO undYO LA TEN -
GO) und Einflüssen aus Jazz, Folk und Country. „Us Fools“
ist ein facettenreiches, angenehm unspektakuläres Singer/
Songwriter-Album, das mich hier und da an die SHINS er¬
innert — wer auch immer sich in seinem Musikgeschmack
ähnlich open-minded weiterentwickelt wie Moore, sollte
mal einen Versuch wagen. (46:52) (6) Joachim Hiller
MISFIT SOCIETY
s/t LP
misfitsociety.com | Das Hagener Powerhouse MISFIT SO¬
CIETY legt mit dieser gleichnamigen LP diese Tage seinen
Zweitling vor. Im Song „Hate me“ heißt es lakonisch „I’ll
do anything to make you hate me“ und MISFIT SOCIETY
würden mich sicher hassen, wenn ich hier einfach das Re¬
view ihrer ersten CD „No Discounts On Large Amounts “
wiederholen würde, aber im Grunde wäre das schon okay.
Einerseits nichts Neues im Hause MISFIT SOCIETY, ande¬
rerseits aber wieder ein Album, das locker ins obere Drittel
der Veröffentlichungen der letzten Monate gehört. Kraft¬
voller US-Oldschool-Hardcore, ja richtig gelesen: Hardco¬
re, kein Metal, der als solcher verkauft wird, sondern kurze
schnelle Songs, frei von Gitarrengefidel und Pathos. Es wird
glücklicherweise mehr Wert auf Rohheit und Wut gelegt, so
dass die Songs oft an MINOR THREAT und Konsorten er¬
innern, wobei aber auch der eine oder andere richtige Th -
rasher sich unter die Songs mischt, was der Platte die nö¬
tige Abwechslung verleiht. Auch wenn diese Platte definitiv
zu den Guten gehört, muss ich der Band unterstellen, dass
sie noch nicht bei 100 Prozent angekommen ist, ich den¬
ke da vor allen Dingen an die Produktion, die für Hardcore
schon sehr glatt ist. Wenn sie ich mitThrashern wie BONES
BRIGADE vergleiche, haben diese ungleich mehr Energie
durch ihren ungeschliffenen, natürlichen Sound, wo nichts
mit Kompressoren bis zum Abwinken plattgedrückt wird,
sondern die einzelnen Instrumente noch voller Leben ste¬
cken. Dieses aber nur als kleiner Kritikpunkt an einer vor¬
züglichen Platte. Ich mische euch auch die Nächste. (8)
Ollie Fröhlich
MOLTON
s/t CD
Ono Mato Pop/Cargo | MOLTON wollen zurück zu den
Dingen, die wichtig sind. Sie spielen ihre Musik für sich
selbst, nicht für den Dancefloor. So ganz mag man es ih¬
nen nicht glauben, angesichts der Qualität der acht Songs.
Mit Komplikationen beim Hören ist trotzdem zu rechnen,
das Songwriting bricht mit den gängigen Schemata des ak¬
tuellen Indierocks. Durchgängige Beats sind nicht das, was
MOLTON anzubieten haben. Dafür ruhige, manchmal
sphärische Tracks, die über weite Strecken auch ohne Ge¬
sang auskommen. Das hier ist ein eigener Stil. MOLTONs
Musik ist nichts für imgeduldige Menschen, sondern zum
Zelebrieren des Wochenendkaters. Leider habe ich so selten
einen. Für Fans von KARATE und Intro-Leser. (40:50) (7)
Arne Koepke
NNN
NOMATRIX
Ugly CD
deadlambrecords.com | Ungestüm ballern NOMATRIX
los. Der Sound klingt stumpf, die Rhythmusgruppe agiert
nicht immer sicher, aber immer schnell. Der Gesang liegt
oft neben der Spur. Das ist Punk, da müssen drei Akkorde
reichen. Mit „Ugly“ bringt die irische Band das Genre zu¬
rück zu den Wurzeln. Wild und schwitzend, hässlich und
unrasiert. Da darf auf Konzerten eine ordentliche Bierdu¬
sche nicht fehlen. Diese 16 Songs sind ein klarer Fall für
Puristen. (32:03) (4) Arne Koepke
NESSERIA / GRIZZLY TWISTER
Dead Rodeo Stars CD
Krawa Productions/Overcome Distribution | Die His¬
torie von NESSERIA aus Frankreich beginnt im Jahr 2000
und nach zwei Demos legt die Band jetzt ihr Split-Debüt
mit THE GRIZZLY TWISTER aus Schweden vor. Ein bom¬
bastischer Einstieg, die tiefer gestimmten Gitarren über¬
rollen den Lärmsüchtigen geradezu und werden von in¬
fernalem Gekreische begleitet, so dass man geneigt ist, in
Hektik auszubrechen. Auf Wohlklang legt die Band keinen
besonderen Wert, Dissonanzen liegen ihr mehr am Herzen
und so dürften die Songs was für Leute sein, die ihre helle
Freude an älteren CONVERGE haben.THE GRIZZLYTWIS-
TER aus Gävle hatten mit ihrem Debüt „KillThe Autopilot“
einigen Eindruck hinterlassen und ihre krude Mischung
aus WHITE ZOMBIE und den BLOOD BROTHERS hat si¬
cherlich Fans gefunden. Drei ihrer sechs Tracks sind aber
leider bereits auf der Split mit THE PLAGUE SERMON er¬
schienen. (30:02) (6) Thomas Eberhardt
NEIN NEIN NEIN / KAPUT KRAUTS
Bombing Your Kleinstadt CD
twisted-chords.de | Seit ihrer Debütplatte „Deine Szene
ist ein Zombie" sind NEIN NEIN NEIN aus Mönchenglad -
bach und Duisburg ja zu Recht bekannt und haben ordent¬
lich Wirbel gemacht. Auf
„Bombing Your Klein¬
stadt“ gibt es sieben neue
Eigenkompositionen von
ihnen zu hören, dazu drei
Coversongs. Die Erstge¬
nannten gefallen mir so¬
gar noch eine Ecke besser
als der bereits erwähn¬
te Longplayer des Trios.
Rotziger (Deutsch) Punk,
nicht blöd und mit der
genau richtigen Dosis
Wut plus genug Clever¬
ness, tun sie in keinerlei Stumpfheiten ausarten zu lassen.
Diese Band ist definitiv würdig, EA 80 zu covern und ver¬
brät deren „Häuser“ auch ganz vortrefflich. Man teilt sich
diese CD (eine LP-Version ist schon länger draußen - Au¬
gen auf beim Tonträgerkauf) mit den KAPUT KRAUTS, de¬
ren erster Track „Die Würfelspiele des Herrn Zebaoth“ ei¬
nen sofort auf seine Seite zieht. Was ein Hit! Melodische
Deutschpunkpower ä la MUFF POTTER zu „Schrei wenn
du brennst“-Zeiten. Macht richtig Spaß. Insgesamt haben
KAPUT KRAUTS sieben Songs im Gepäck (inklusive eines
NEIN NEIN NEIN-Covers), die mich alle absolut positiv
überrascht haben. Man merkt der Band richtig ihren Bock
auf den Scheiß an. Die Gitarren packen, immer wenn sich
die Gelegenheit bietet, catchy Melodiezeugs rein und die
Texte sind auch gut. Schöne Platte in ebenso schöner Auf¬
machung. (37:12) (8) Renke Ehmcke
NO HEAD ON MY SHOULDER
Caution Overload CD
remedy-records.com | Verdammt, da sitze ich gera¬
de in einem heruntergekommenen Internetcafe im Nor¬
den Salzburgs und erfahre, dass just in diesem Moment
NO HEAD ON MY SHOULDER im Rockhaus am ande¬
ren Ende der Stadt auf der Bühne stehen. Die Sache ist ge¬
laufen, schade, dabei möchte ich endlich einmal wissen,
wie viele Musiker und Musikerinnen mittlerweile für den
Sound der Ska-Combo verantwortlich sind. Meinem Ge¬
fühl nach müssen es Hunderte sein, denn der dichte Klang¬
teppich von „Caution Overload“ überfällt mich regelrecht.
Wäre ich ein Musik-Messie und hätte sämtliche Musikstile
der letzten fünf Jahre gesammelt, „Caution Overload“ wäre
mein Einrichtungsberater. Harte Schnitte, ein Neben- und
Übereinander sämtlicher Stile, Tempowechsel bis zum Er¬
brechen und Sprachschnipsel - schwerverdaulich und an¬
spruchsvoll ist die Platte gewiss. Bei vielen Stücken kann
ich nicht einmal hören, wo sie anfangen, geschweige denn
enden. Aber: endlich wieder ein Sound, der aus dem Sumpf
belangloser Ska-Semianfänger heraussticht! (49:49) (8)
Katrin Schneider
NATIONAL
Boxer CD
Beggars Banquet/Indigo | Nach dem mehrmaligen Hö¬
ren des neuen EDITORS-Albums und dessen erneut ziem¬
lich mitreißenden emotionalen Inputs fallt es ehrlich ge¬
sagt schwer, in THE NATIONAL und ihrem vierten Album
mehr zu sehen als okayen Indierock, der sich hier mit recht
überladenen Arrangements schmückt. Bei THE NATIONAL
wurden bisher immer die TINDERSTICKS als Vergleich ins
Spiel gebracht, was sicherlich ihrer eher düsteren Grund-
Stimmung entspricht, trotz der sie letztendlich aber doch
überwiegend Popsongs produzieren, und die sind gar nicht
mal schlecht. Zumindest bemüht man sich, die bereits be¬
kannten Indierock-Pfade nicht weiter auszulatschen, und
versucht auch mal origineller zu klingen als die sonstigen
Vertreter von klassischer Gitarrenmusik. Leider fehlt THE
NATIONAL dazu aber ein wirklich guter Sänger und vor
allem durchgängig überzeugende Songs, die mehr zu bie¬
ten haben als ein paar nette Spielereien innerhalb der Ar¬
rangements. Leider muss man sagen, um mal ein Zitat des
Waschzettels aufzugreifen, dass R.E.M. selbst in ihrem mo¬
mentanen desolaten Zustand immer noch eine prägnan¬
tere Band sind, als es THE NATIONAL jemals sein werden.
Song Nr. 2, „Mistaken for strangers“, hat aber dennoch gro¬
ße Chancen, mal auf einer Mixkassette zu landen. (5)
Thomas Kerpen
NOSHAME
White Of Hope Gone Black CD
Fullsteam | Mancher mag denken, dass es genügend fin¬
nische Streetpunk-Bands mit JAWBREAKER-Einschlag
und hymnischen Refrains gibt; au contraire, für NO SHA-
ME müssen die anderen
eben noch etwas zusam¬
menrücken, denn neben
MANIFESTO JUKEBOX,
THE PHOENIX FOUN¬
DATION und I WALK
THE LINE ist bestimmt
noch Platz im Tourbus.
Das vierte Album die¬
ses Quartetts ist nämlich
nicht einfach ein wei¬
teres Album aus Finn¬
land, sondern NO SHA-
ME hauen derart auf den
Putz, dass man meint, die Achtziger seien wieder zurück-
gekehrt. Die Melodik von Punk trifft auf die brutalen Riffs
der frühen Hardcore-Gruppen, ergänzt wird dieses nar¬
rensichere Konzept durch fantastische Bassiines, die selbst
Matt Freeman neidisch machen würden. Der Song „Arma¬
geddon now!“ ist nur ein Bespiel dafür, welch glückliches
Händchen NO SHAME mit ihrem aktuellen Album hatten,
ein Hit, den man in Endlosschleife hören muss, und damit
es nicht eintönig wird, haben sie davon gleich elf Stück ge¬
schrieben. (32:07) (8) Thomas Eberhardt
► Auf der Ox-CD zu hören.
NYMPHOMANIACS
Eleven Sharp Cuts CD
the-nymphomaniacs.com | Schon seit acht Jahren be¬
treibt das Bielefelder Punkrock-Urgestein Bernd Hövel¬
meyer die NYMPHOMANIACS beziehungsweise hat in den
Anfangstagen dort sogar in Homerecording-Manier alles
selbst eingespielt. Mittlerweile ist aber ein festes Line-up
gefunden, so dass die NYMPHOMANIACS nun auch live zu
bewundern sind. Musikalisch pendeln die Stücke auf dieser
Scheibe dabei irgendwo zwischen den Polen STOOGES und
Stones, hier und da mal mit echt rotzigem Punkrockein¬
schlag, aber auch durchaus mal ganz relaxt zurückgelehnt
und bluesig. Zwar ist nicht jeder der 11 Songs ein Volltref¬
fer, aber bei so viel Do-It-Yourself-Aktionismus kann ich
gar nicht anders als meine tiefste Sympathie zu bekun¬
den. Schön dass es zwischen all den blutjungen Emopop-
Klonbands heutzutage noch gute alte Rock’n’Roller wie die
NYMPHOMANIACS gibt. (42:5 8) Bernd Fischer
NERDS
Murder Is Now CD
chorusofonerecords.it | Ich bin großer Fan vom Gesamt¬
kunstwerk GG Allin, Scumpunk und all seinen höchst kon¬
troversen Ansichten und Auftritten. Der junge Mann ist
nun aber tot, und da ich grundsätzlich nicht gerade auf
Mord, Vergewaltigung und Sexismus stehe, hat es sich da¬
mit für mich auch ausgejunkt. Passenderweise läuft die CD
bei mir im Player sowieso nicht. Im Vergleich zu Allin se¬
hen die NERDS alt aus. Bilder von ermordeten Frauen sind
eine alberne Art zu provozieren. Wer das anders sieht, dürf¬
te den NERDS einiges abgewinnen können, denn musika¬
lisch legten sie seit 1997 eine souveräne Karriere hin, ar¬
beiteten des öfteren mit Jeff Clayton und Gerry Atric von
ANTISEEN zusammen, tourten einige Fleckchen dieser
Erde, veröffentlichten zahlreiche Splits und Singles auf di¬
versen Labels und der nun vorliegende dritte Longplayer
strotzt wieder vor brutalem Punk Marke Dampfwalze. (5)
Mario Türiaux
NUDE PUBE BANGLERS
NewWave Of Norwegian Hard Rock CD
myspace.com/chorusofonerecords | Aha. Norwegen, das
Land der Berge und Fjorde, wird hier dargestellt als Land
ohne Rock’n’Roll-Szene. Hm, irgendwie ist es mir noch
durch was anderes außer Reiseführern mit Trachten drauf
ein Begriff... Egal, laut Bandinfo jedenfalls sind die NUDE
PUBE BANGLERS der neue Geheimtip! Die erste Band aus
diesen kalten Gefilden, die Hardrock und Punk mit jeder
Menge Testosteron, Schweiß und Alkohol mixt, die „real
heroes of the Norwegian music scene“. Und tatsächlich ge¬
lingt dem Fünfer aus Oslo (Oslo? Ich werde den Gedan¬
ken nicht los, das schon mal eine recht erfolgreiche Band
aus Oslo solch einen Sound etabliert hat ...) ein superfet¬
tes Hardrock’n’Roll-Brett mit ungezählten Arschloch-
Soli, dickem Sound und eingängigen Riffs. Ich finde, „Dea-
thpunk“ wäre ein geeigneter Begriff für diese Spielart des
Rock. Gute Band jedenfalls, doch findet sich schon die eine
oder andere ähnlich klingende Platte in meinem Regal.
(33:20) (6) MarioTuriaux
OOP
ORANGE GOBLIN
Healing Through Fire CD
sanctuaryrecords.co.uk | Mit „Healing Through Fire“ er¬
reicht uns bereits das sechste Album der britischen Doo-
mer, und es ist ein Konzeptalbum geworden, dessen Auf-
OX-EANZINE 81
REVIEWS
hänger die 1665 in England wütende Pest sowie die Lon¬
doner Feuersbrunst von 1666 sind. Leider liegen mir die
Texte nicht vor, sonst würde ich den historischen Gehalt
des Albums näher unter die Lupe nehmen. Musikalisch ro¬
cken ORANGE GOBLIN gewohnt dahin, ohne allzu gro¬
ße Verwunderung auszulösen: ein gutes Stück Riff-Rock,
nicht mehr und nicht weniger. (43:46) (6) Simon Loidl
O’DEATH
Head Home CD
cityslang.com | Wer sagt denn, dass urbane Musik aus ei¬
nem Großstadtmoloch kommen muss und folkyTunes aus
einer staubigen Scheune am Arsch der Welt? Die Wahr¬
scheinlichkeitsrech¬
nung? Okay, stimmt, die
Chance, dass Banjo, Fie¬
del, Ukulele, Schellen¬
kranz und Co. eher von
eher von bärtigen Latz¬
hosenträgern eingesetzt
werden als von schnie¬
ken Latte macchiato-
Trinkern aus Brooklyn
mit Powerbook in der
Umhängetasche, ist un¬
gleich größer, aber im
Falle von O’DEATH ist
es genau so: Aus der Nachbarschaft von THE WORLD/IN¬
FERNO FRIENDSHIP SOCIETY und GOGOL BORDELLO
kommt ein Fünfer, der auf „Head Home“ auf sehr ange¬
nehme Weise und total unfakeig ein großstädtisches Coun-
try-Folk -Album eingespielt hat, das Nick Cave mit den VI¬
OLENT FEMMES, Shane MacGowan mit NeilYoung, Punk-
rock mit Polka verbindet. Mag ja sein, dass die Idee nicht
neu, die Kombination auf der Hand liegend ist, doch die
Umsetzung macht’s, und die ist hier so frisch und mitrei¬
ßend, wie ich es schon lange nicht mehr gehört habe. Al¬
les weitere ist wohl eine Sache des persönlichen Erlebens
- Musik jenes Kalibers lebt von der Menge Bier, die man
am einem Wochenende anlässlich eines Konzertes in ei¬
nem gemütlichen Club (der nicht notwendigerweise mit
Stroh ausgestreut sein muss) in sich rein kippt. (44:18) (8)
Joachim Hiller
ONE STARVING DAY
Broken Wings Lead Arms To The Sun CD
Planaria | Großartiges Material aus Italien! Fünf wun¬
derbar komponierte, sehr lange Stücke. Songs wie Magma:
langsam, bedrohlich, erbarmungslos. Tief in der Hardco-
re-Szene verwurzelt, wandelt die Band mittlerweile, mu¬
sikalisch gereift, auf Post-Rock-, Doom- und Ambient-
Pfaden. Düster-meditativ werden mit Streichern, Gitar¬
re, Bass, Synthesizer, Soundeffekten, Schlagwerk und rarem
Stimmeinsatz dichte, repitative, oft hypnotische Soundge¬
webe geknüpft. Die Wucht von ISIS, die Trägheit und Tie¬
fe von GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR, die Fragili¬
tät von NEIL ON IMPRESSION ohne direkte Assoziatio¬
nen an die genannten auszulösen, wissen OSD irgendwo in
dieser Schnittmenge zu überzeugen. Auch tolles Artwork.
Sehr, sehr gelungenes Gesamtwerk. Definitiv eine der auf¬
regendsten Bands dieser Richtung derzeit. (47:29)
Konstantin Hanke
ODD PROJECT
Lovers, Fighters, Sinners, Saints CD
Indianola | Irgendwie wird’s immer schwieriger, etwas
über Alben zu schreiben, die zwar sehr gut gemacht sind,
einen aber nicht vom Hocker reißen. Soll ich schreiben,
DINOSAUR JR.
Live In The Middle East DVD
SonyBMG | J Mascis’ Schwager, der Berliner Filmemacher
Philipp Virus, ergriff nach der Reunion von DINOSAUR JR
die Gelegenheit, eine Live-Doku über die Familienband(e)
zu drehen. Und so wur¬
den im Dezember 2005
im heimischen Bos¬
ton der Auftritt im „The
Middle East“ (daher der
Titel; nein, J, Lou und
Murph waren nicht in
Arabien auf Tour) sowie
der im New Yorker Ir¬
ving Plaza gefilmt, und
was soll ich sagen, so als
Fan, die DVD ist über¬
wältigend. Philipp Vi¬
rus und seinem Film ist
es durch nah an der Band
dranbleibende Kame¬
ras und einen exzellen¬
ten Tonmann gelungen,
den unfassbar brachia¬
len Livesound von DINOSAUR JR lebensnah einzufangen,
so dass man ein ums andere Mal vor seiner Glotze hängt
und denkt „Fuck, was für eine unglaubliche Band, was für
ein monströser, pervers lauter Gitarrensound!“. Mit „Gar-
goyle" geht es los, „Forget the swan“, „The wagon“, „Freak
scene“, „Repulsion“, „Just like heaven“ und viele andere
folgen, die Hits sind alle dabei, und so lässt einen diese DVD
sehr glücklich zurück, ist sie quasi ein Best Of mit Bildern,
und im Bonusteil gibt es dann unter anderem noch Inter¬
viewparts, wo etwa Kim Gordon, Mike Watt, Steve Albini
oder Matt Dillon über ihr Verhältnis zu Mascis und Co. er¬
zählen. Höhepunkt ist aber auf jeden Fall Thurston Moores
Beschreibung seines ersten DINOSAUR JR-Konzertes, bei
dem sich die Besucher eines New Yorker Konzertes von den
anfangs leisen Tönen der Band täuschen ließen und von
Mascis erster Gitarrenattacke dann beinahe von den Füßen
gerissen, ja sprachlos zurückgelassen winden. Sehr schön.
(9) Joachim Hiller
DESTROY ALL MONSTERS
Grow Live Monsters DVD
mvdvisual.com | Durch das Interview mit Ron Asheton
von den STOOGES stieß ich mal wieder auf den Namen
dieser mysteriösen Formation, die 1973 von Frontfrau Ni¬
agara gegründet wurde und bei der Ron Asheton nach den
STOOGES nicht nur eine Weile spielte, nein, er war auch
mit Niagara liiert. Und interessante’rweise war auch Mi¬
chael Davis von der anderen wichtigen Proto-Punkband
MC5 eine Zeit lang bei DAM. Die schafften es in den Jahren
ihrer Existenz von 1973 bis 1985 (1995 gab es eine Reimi¬
on) nicht, eine einzige LP aufzunehmen, erst Jahre später
wurde ihr Schaffen von Thurston Moore auf seinem Label
mittels einer Dreier-CD-Box dokumentiert. Diese DVD ist
nun sowas wie die visuelle Ergänzung der CD-Box und ist
in Teilen eine Neuveröffentlichung eines Mitte der Neun¬
ziger erschienenen VHS-Tapes - und mitnichten Materi¬
al für Leute, die hierüber die wirklich vorzügliche Psy-
chedelic-Noiserock-Band mit betörender Sängerin ken¬
nen lernen wollen. DAM waren wohl immer auch eine Art
Künstlerkollektiv, drehten reihenweise No-Budget-Filme
mit 8- und 16mm-Material und wirrer Monster-Thema-
dass die Musik eigentlich langweilig ist? Werde ich da den
Musikern gerecht, die ihr Herzblut in ihre Songs stecken?
Schwierig, schwierig. Diesen Monat hat es ODD PROJECT
erwischt, die in letzter Zeit wohl sehr viel AVENGED SE-
VENFOLD und UNEARTH gehört haben müssen. Ihr Al¬
bum „Lovers, Fighters, Sinners, Saints“ das auf dem Chris¬
tenlabel Indianola erschienen ist, hat fast alles, was die Al¬
ben von oben genannten Bands auch haben: Schnelle Th-
rashriffs, heftige Breaks und einen keifenden Sänger. Die¬
ser ist es auch, der beim durchgängigen Hören von „Lovers,
Fighters, Sinners, Saints“ mit seiner Stimme gehörig auf die
Nerven geht. Das war zu viel Axl Rose für mich... Mal ganz
abgesehen vom religiösen Hintergrund. Sebastian Wahle
PPP
PENITRAITORS
Operation Rape CD
ehcrecords.blogspot.com | Nein, hier handelt es sich nicht
um die PENETRATORS, weder die New Yorker Protopunks
noch die Surf-Kapelle aus Atlanta, und auch nicht, wie ich
ja zuerst dachte, um die PENETRAITORS, die Streetpunks
aus Erlangen. Nein, hier geht es um die PENITRAITORS -
mit zweimal I wie Inselreich. Zu Hause in den West Mid-
lands des Vereinigten Königreichs, sind sie dem lokalen
Underground zutiefst verbunden. In den sechs Jahren seit
Gründung der Band spielten sie dort Hunderte Gigs, ihre
bisher einzige Tour führte sie für drei Shows nach Nord-Ir¬
land. „Operation Rape“ ist bereits ihr zweites Full-Length-
Album, aufgenommen in der Wohnung ihres Sängers, was
man leider auch hören kann. Trotzdem oder vielleicht
auch deshalb besitzt ihre Mischung aus Oldschool-Punk,
Ska und Metal jede Menge Charme, Energie - und Ohr¬
wurmqualitäten: Irgendwann erwische ich mich nämlich,
wie ich ihren Refrain „Let’s Start a war / Let’s Start a war!“
vor mich hinsinge, na hoffentlich nimmt mich jetzt keiner
beim Wort... (32:08) Ute Borchardt
PURE SOUND
Submarine CD
euphoniumrecords.com | „Submarine“ ist nach „Yu¬
kon“ das zweite Werk des Ambient/Experimental-Projek-
tes PURE SOUND, das sich unter der Leitung von Bassist
Vince Hunt daran gemacht hat, atmosphärische Sounds zu
einem bestimmten Thema zu erzeugen, über die (teils his¬
torische Aufnahmen von) Spoken-Word-Passagen gelegt
werden. Dabei ist das Konzept eigentlich schön angelegt:
Die Vertonung von Texten, die alle um U-Boote kreisen,
soll natürlich im Kopf die entsprechenden Bilder erzeu¬
gen, das viel beschworene Kopfkino. Nun gelingt das die¬
ses Mal wesentlich besser als im ersten Teil, auch wenn ich
immer noch finde, dass bei diesem Hybrid aus Soundtrack
und Hörspiel Musik und Text nicht wirklich gut harmo¬
nieren, für eine reine Instrumentalplatte ist die Musik aber
auch zu unaufregend, obwohl man merkt, dass die Musiker
es schon drauf hätten. Irgendwie wirkt das einfach reiflich
unausgegoren. (28:07) (4) Chris Wilpert
PERFECT RAT
Endangered Languages CD
Alone/Cargo | Die Zeiten, wo man versucht war, Musiker-
Konstellationen von Leuten wie Greg Ginn und Jack Bre¬
wer als „Supergroup“ zu bezeichnen, dürften schon lange
vorbei sein, es sei denn man ist unverbesserlicher SST-Nos-
talgiker. Die beiden haben sich hier mit drei Leuten von
TEN EAST und BAZOOKA-SaxophonistTony Atherton zu-
sammengetan und man ist nicht wirklich überrascht, dass
tik, und diese sind hier dokumentiert, untermalt von dro-
nigen Soundscapes. Ergänzt wird das Ganze durch diverse
Bildergalerien und andere Extras, für ausgesprochen Fans
also eine Fundgrube, für die Mehrheit jedoch sollte es bei
dieser Band Audiomaterial tun. Joachim Hiller
MENTORS
El Duce Vita DVD
mvdvisual.com | Vor ein paar Ausgaben frischte Dave Dic-
tor von M.D.C. die Erinnerung an El Duce und die MEN¬
TORS durch eine nette Anekdote auf, und wer damals
auf die 1977 in Los An¬
geles gegründete Band
stieß und sich bislang
nicht so recht vorstel¬
len kann, was es mit die¬
sen Meistern des Scum-
Rocks so auf sich hat,
der ist hier genau rich¬
tig - wie auch alle al¬
ten Fans des schmutzigen
Mannes, gegen den die
Phantasien eine Charles
Bukowski von blüten-
weißer Reinheit waren.
Die MENTORS, das wa¬
ren Gitarrist Sickie Wif-
ebeater, Bassist Dr. Hea-
then Scum (in den letz¬
ten Jahre zusammen mit
KILL ALLEN WRENCH in ähnlicher Mission unterwegs)
und Sänger Eldon Hoke alias El Duce. Die MENTORS waren
vor GG Allin, DWARVES, KILL ALLEN WRENCH und GWAR
die schmuddeligste Perversion der Rockmusik, die je exis¬
tierte, und auch nach dem Betrachten dieser DVD (ich bin
so *froh, dass ausnahmsweise mal die Post den Umschlag
nicht geöffnet hat ...) ist man nicht ganz sicher, wie sich
hier echtes Asitum und ironisches Spiel mit Klischees pro¬
portional verhalten. Ganz klar: Das hier ist nichts für Men¬
schen unter 18. Und statt des vom Label angegebenen Gen¬
res „Rock/Metal“ sollte da besser stehen „Rock/Mental“.
Über die Hälfte der rund 50 Minuten laufenden DVD wird
ausgemacht von einer Art Doku (in mieser NTSC-Quali¬
tät) über die MENTORS, faktisch einer Aneinanderreihung
von trashigen Videoclips mit schmuddeligen Überleitun¬
gen und jeder Menge nackter Frauen und kleinschwän-
ziger Männer. Wer die sexistischen Sprüche der Band, die
Gewaltphantasien freilich bierernst nimmt, ist selbst ein
Schwein, denn so derb El Duce in echt wohl drauf war, so
ist/war diese Band (Punkrock!) ein mit Blut, Sperma und
Kot verschmierter Spiegel der Gesellschaft, und wer ange¬
sichts von El Duces Name und seinem KKK-Spitzhut ei¬
nen Nazi-Verdacht aufwärmen will, hat sicher sonst keine
Probleme. Und sowieso ist El Duce längst tot: Vor 10 Jahren
besoffen vom Zug überfahren, angeblich zum Schweigen
gebracht, weil er der von Courtney Love gedungene Mör¬
der ihres Gatten war... Als Bonus gibt’s neben den Clips zu
Songs wie „Golden showers“ und „All women are insane“
noch Live-Schnipsel. (8) Joachim Hiller
QUEERS
Are Here DVD
mvdvisual.com | Es ist inzwischen zwanzig Jahre her, dass
die QUEERS ihre erste Single veröffentlichten. Es folgten in
den Jahren darauf Unmengen an Plattenveröffentlichun-
das Endergebnis an die späten, vertrackten BLACK FLAG
oder Ginns Solo-Projekte beziehungsweise den sperrigen
Jazzrock von Brewers Band SACCHARINE TRUST erin¬
nert. Schön, mal wieder was von Ginn und Brewer zu hö¬
ren, die hier rauhen Improvisationsrock mit starken Jazz-
Anleihen spielen, wo Brewer seinen markanten Sprechge¬
sang beisteuert. Wer nicht zum ersten Mal etwas von Bre¬
wer und Ginn hört und bereits Platten dieser Herren sein
Eigen nennt, bekommt hier nichts wirklich Neues geboten,
wobei THE PERFECT RAT diese Art von Sound gekonnt auf
den Punkt bringen. „Endangered Languages“ erinnert an¬
genehm an Zeiten, in denen der Ruf von SST noch weniger
von den Querelen mit ihren Bands überschattet war, wobei
der Platte nichts wirklich Nostalgisches anhaftet, denn die¬
ser Form von Jazzrock besitzt etwas Zeitloses und lässt sich
nach wie gut goutieren, und kommt dem Gedanken von
Punk immer noch weitaus näher, als so vieles andere, was
einem heutzutage unter diesem Etikett verkauft wird. (7)
Thomas Kerpen
PIG DESTROYER
Phantom Limb CD
relapse.com | Das Trio Infernale kehrt zurück und be¬
schert der frenetischen Krachgemeinde mit einem neu¬
en Strauß an kranken Melodien und kuriosen, vokali-
schen Ergüssen. PIG DE¬
STROYER sind sich ih¬
rem doch recht einzigar¬
tigen Sound treu geblie¬
ben, wobei man sich hier
doch ein wenig mehr in
eher rockigere Gefilde
gerne zu verirren scheint,
was den Sound an sich
aber keinen Abbruch tut,
sondern für eine will¬
kommene Abwechslung
sorgt. Wo PIG DESTRO¬
YER draufsteht, ist nun
mal auch PIG DESTROYER drin, und mit „Phantom Limb“
stellen die Herren erneut ihren Ausnahmestatus im Wust
der Grind-/Noise-Kapellen eindrucksvoll unter Beweis.
Für mich die Platte dieser Ausgabe! Uwe Kubassa
PINK TURNS BLUE
Ghost CD
Stroblight/Alive | PINK TURNS BLUE - benannt nach
dem HÜSKER DÜ-Song „Pink turns to blue“ - schaffen
es seit geraumer Zeit ihren an britischen Postpunk-Bands
wie THE CHAMELEONS undTHE SOUND angelehnten Stil
auf hohem Niveau zu kultivieren, ohne Gefahr-zu laufen
als simple Kopisten stigmatisiert werden: das eint sie un¬
ter anderem mit IKON. „Ghost“ ist in vielerlei Hinsicht ak¬
tuellen Bands wie den EDITORS (unter anderem bei „Li-
ving your life“, „Break it“) oder INTERPOL („Ghosts“)
nicht unähnlich, jedoch mit dem zentralen Unterschied,
dass sich PINK TURNS BLUE die markante Ursprünglich¬
keit mit dem immer wieder durchblitzenden schneiden¬
den Gitarren-Sound der erst genannten frühen Achtziger-
Jahre-Bands bewahrt haben und auf jedwede zeitgemäße
Glättung und Verwässerung verzichtet haben. Das unter¬
scheidet sie extrem positiv vom teilweise überelaborierten
Sound des neuen EDITORS Album. „Ghost“ ist eine schöne
Mischung aus Balladen, ohne in die sonst übliche groteske
und plakative Düstertristesse vieler Gothic-Bands zu ver¬
fallen, und sehr geradlinigen Rocksongs. Allerdings wird
man einen hymnischen Song wie ihr großartiges „Wal-
king on both sides“ vermissen. Das Album überspringt den
gen und noch mehr Tourneen und Konzerte, die QUEERS
wurden einer der besten und populärsten Pop-Punk-
Bands der Welt. Nun ist es an der Zeit, Jubiläum zu feiern.
Und heutzutage macht man das gerne mal mit einer DVD,
zumal es eine solche bisher von der Band noch gar nicht
gab. So haben Joe Queer und seine Mitstreiter ihre Archive
durchwühlt und Konzertmitschnitte aus den Jahren 1993-
2005 zusammengetragen, das Ganze mit einigen Inter¬
view- und Backstage-Sequenzen garniert sowie ihre bishe¬
rigen Videoclips mit eingestreut. Herausgekommen ist ein
guter Überblick über das Schaffen dieser Band. Zu bemän¬
geln ist aber die arg schwankende Bild- und Tonqualität,
die bei einigen Stücken nur noch erahnen lässt, um wel¬
ches Lied es sich im Endeffekt gerade handelt. Doch Fans
der Band, und für diese ist die DVD hier ja nun einmal auch
gedacht, werden damit keine Probleme haben und kön¬
nen sich somit an Hits wie „Hi Mom, it is me“, Dont back
down“, „Granola head“ oder „Sidewalk surfer girl“ erfreu¬
en. (7) Abel Gebhardt
SIOUXSIE
Dreamshow DVD
Warner | Für Siouxsie Sioux erfüllte sich ein Traum: Un¬
terstützt von dem 15-köpfigen Orchester Millennia En¬
semble, trat sie am 15. und 16. Oktober 2004 zusammen
mit alten Weggefährten wie Ehemann und Schlagzeuger
Budgie, dem BANSHEES-Gitarristen Knox Chandler sowie
dem japanischenTaiko-Drummer Leonard Eto in der Roy¬
al Festival Hall auf. Musikalisch ging es durch die fast drei¬
ßig Jahre Bandgeschichte BANSHEES, inklusive der CRE-
ATURES. Neben den üblichen Verdächtigen wie „Christi¬
ne“ (zum Ende mit einem etwas merkwürdig anmutenden
Orgeleinsatz) „Dear Prudence“, „Happy house“ und „Cities
in dust“ wird auch, wie schon erwähnt, den CREATURES
etwa mit „Seven years“, „Godzilla!“, „2nd floor“ oder „Miss
the girl“ ausgiebig Tribut gezollt. Lediglich die Kamera¬
führung wirkt etwas distanziert und steril, aber schlie߬
lich spielte Siouxsie seit je her mit dem Bild der unerreich¬
baren Diva. Leider stehen die Streicher etwas im Hinter¬
grund und dadurch entfalten die Songs nicht die Tiefe wie
auf der EP „The Thorn“. Stimmlich hat Siousxie über die
Jahre sicherlich auch einiges eingebüßt und nach über zwei
Stunden Spieldauer hält sich meine Begeisterung in Gren¬
zen. Es bleibt eher die stille Freude darüber, dass sich jetzt
für Siouxsie ein so alter Wunsch erfüllt hat. Etwas mehr At¬
mosphäre entwickeln da die drei Warm-up-Auftritte, ohne
Orchester, einige Tage vorher im legendären 100 Club. Fünf
Tracks wurden als Bonus auf die DVD gepackt, natürlich
auch „Hongkong Garden“. Noch persönlicher ward es im
angehängten Interview mit Siouxsie und Budgie. Mit Kon¬
zert und den Extras (Interview, Soundcheck, Rehearsal, Gig
im 100 Club) kommt die DVD so auf 187 Minuten Spiel¬
dauer, ist aber doch eher den echten Fans zu empfehlen.
(7) Kay Wedel
TÜREN
Krieg der Dialektik DVD
Staatsakt | Manchmal braucht es ein wenig Distanz, um die
Dinge in ihrer richtigen Qualität zu erkennen. Keine große
Weisheit, könnte aber stimmen. Mitten in den Aufnahmen
zur dritten Platte haben sich die TÜREN zur Festplattenbe¬
sichtigung getroffen, um das Material von der letzten Sessi¬
on zu sichten. Zwei Jahre ist das her und anscheinend sind
die Songs, die damals nicht „Unterwegs mit Mother Earth“
waren, doch so okay, um sie der Welt nicht vorzuenthal-
Sommer problemlos und leitet den Herbst in Moll ein -
all jenen empfohlen, denen das neue Album der EDITORS
vielleicht zu glatt ist. (46:17) (9) Markus Kolodziej
PALM SPRINGS
No Hurt Like A Broken Heart CD
Randomacts/Cargo | In den Augen vieler Leute waren
GALAXIE 500 eine extrem langweilige Band, was die wohl
über PALM SPRINGS denken mögen, die mit ihrem halba¬
kustischen „Dreampop“ durchaus in eine ähnliche Ker¬
be schlagen. „No Hurt Like A Broken Heart“ ist jeden¬
falls eine dieser Platten, der man durchaus bescheinigen
kann, an sich sehr schöne atmosphärische Popmusik eng¬
lischer Prägung zu beinhalten, etwa wie AIR mit stärkerem
Indierock-Bezug, ohne dass die Songs allerdings ihre et¬
was behäbige Nettigkeit überwinden könnten. Sieht man
mal vom etwas markanteren vierten Song „Softly to fallen“
ab, bleibt es bei allzu neutralem lautmalerischen Wöhl-
klang, dem allerdings etwas irgendwie Sympathisches an¬
haftet, ohne dass man das genauer benennen könnte. Viel¬
leicht würde PALM SPRINGS auch einfach nur eine gehö¬
rige Prise Exzentrizität ä la FLÄMING LIPS gut tun, um sie
aus der Durchschnittlichkeit herauszukatapultieren. (6)
Thomas Kerpen
ANDREW PEKLER
Cue CD
Kranky/Cargo | Nach Platten auf Scape und Staubgold das
erste Album von Andrew Pekler auf Kranky, der in Projek¬
ten wie SAD ROCKETS, BERGHEIM34 und MUCUS2 ak¬
tiv ist? Der in Usbekistan geborene, in Kalifornien aufge¬
wachsene und nun in Berlin lebende Multi-Instrumen-
talist produziert hier ebenfalls in Home Recording-Tra-
dition instrumentale Elektronik-Landschaften, die ana¬
loges mit digitalem Feeling verbinden, denn die Gitarre
spielt hier nach wie vor eine große Rolle, und die sich da¬
mit noch irgendwie in eine Schublade wie Postrock stop¬
fen lassen. „Cue“ ist dabei ein sehr chilliges, abwechslungs¬
reiches Album zwischen Elektronik und Independent ge¬
worden, bei dem Pekler trotz eines experimentellen Ansat¬
zes erstaunlich poppige Klänge erzeugt, die sich innerhalb
der vibrierenden, verspielten Arrangements finden lassen.
Das ist letztendlich nicht weit davon entfernt, was in den
70ern deutsche Bands wie ASH RA TEMPEL, TANGERINE
DREAM, NEU!, CLUSTER oder HARMONIA im Kontext
von Krautrock aus ihren analogen Synthesizern heraus- /
holten, was „Cue“ aber nicht zu einer weniger charmanter!
Angelegenheit macht. Das liegt sicher auch an dem gründe
sätzlich lockeren, wenig kopflastigen Umgang von Pekler
mit dieser Art von Musik, die einen nicht mit einem ver¬
krampften akademischen Anspruch von ihrer Cleverness
überzeugen will, sondern, wie schon gesagt, vor allem eines
ist: Popmusik der etwas anderen Art. (9) Thomas Kerpen
POTTY UMBRELLA
Forte Furioso CD
Wet Music | POTTY UMBRELLA tourten kürzlich mit
NOMEANSNO durch Polen, Deutschland und die Nieder¬
lande. Dabei reihen sie sich fabelhaft in die Riege der gro¬
ßen instrumentalen Support-Bands der Hardcore-Kana¬
dier ein, denn schon REMOVAL, ebenfalls aus Kanada, und
ZU aus Italien hatten das Vergnügen die Bühne mit NMN
für einige Auftritte zu teilen. Sawek Szudrowicz an der Gi¬
tarre, Maciej Szymborski für Elekro-Piano und andere
elektronische Klänge verantwortlich, Artur Makowiak am
Keyboard, Lukasz Przycki am Bass, sowie Piotr Waliszewski
am Schlagzeug waren vorher mit den Bands SOMETHING
LIKE ELVIS und TISSURA ANI unterwegs (der Split-CD
/DVDS
ten. Damit das Ganze nicht wie ein Restposten von Staats¬
akts Resterampe aussieht, wurde ein buntes Spiel-Spaß-
Spannungspaket zusammengeschnürt, samt ausführlichen
Linernotes, Memory zum Seiberbasteln und natürlich mit
den bisher unveröffentlichten Schätzen aus der TÜREN- e
Schatzkammer. 12 Songs sind drauf, als normale Sound-
dateien und als Videos, und fast klingt es, als hätten sich die
GOLDENEN ZITRONEN mit BRUCE & BONGO zur Dada-
Disco getroffen. Natürlich gibt es bei den Songs teilweise
dicke qualitative Unterschiede und fast verwette ich mei¬
ne F.R.-David-Sonnenbrille darauf, dass sich das auch in
der Aufteilung der Tracks niederschlägt. Die Songs in den
Kapiteln „Haushalt“ und „Trickkiste;“ hätten eigentlich
auch auf den normalen TÜREN-Alben ihren Platz finden
können - „Kein Kopf’, „Ja zur Affirmation“ und „Gucken
macht Spaß“ sind echte Hits, auch optisch. In der Abtei¬
lung „LoFi-Zen“ findet man dann noch einige kleine, sehr
seltsame Video/Songminiaturen, die teilweise nicht zu
Unrecht unter den Tisch gefallen sind. Macht aber insge¬
samt nichts, „Krieg der Dialektik“ ist trotzdem eine gute
Zusammenstellung hübscher absurd-bunter Videos. Und
wer keinen Bock drauf hat, soll bitteschön Memory spie¬
len gehen. Tim Kegler
V.A. Back To Future Festival -
Freaks On Parade 2006 DVD
Schellemedia/Broken Silence | Seit einigen Jahren wird
im tiefen Osten Deutschlands, in Glaubitz, das Zwei-Tage-
Festival in Sachen Punk, Oi!, Psychobilly und Ska, „Back To
Future“, durchgeführt - mit wachsendem Erfolg. Fast drei¬
ßig Bands werden vorgestellt. Knappe drei Stunden be¬
kommt man einen Einblick vor, auf und hinter die Festival-
bühne 2006. Wimi vom Label Vinyl Junkies führt über das
Festivalgelände. Dabei werden in erster Linie die beteilig¬
ten Bands interviewt, bevor oder nachdem ein (Live-)Bei¬
trag vom Festivalauftritt erfolgt. Leider ist Wimi selten gut
auf eine Band vorbereitet, zu spontan erscheint das Ganze,
so dass leider immer wieder die gleichen Fragen und dem¬
entsprechend auch ähnliche (belanglose) Antworten auf¬
tauchen. Die Festivalimpressionen mit musikalischer Un¬
termalung sind ganz amüsant, allerdings langweilen ir¬
gendwann die besoffenen Fressen und vor allem deren
doofes Gequatsche. Reduziert auf das Wesentliche, würden
knackig-kompakte zwei Stunden daraus werden. Unterm
Strich denke ich, dass diese DVD für die gut 2.000 Besu¬
cher des Festivals produziert wurde und für seine Hard-
core-Fans, die es 2006 verpasst haben. Ansonsten empfeh¬
le ich allen Trinkfesten unter euch, „Back To Future“ 2007
nicht zu verpassen, auf die Gefahr hin, dass ihr euch trotz¬
dem nicht mehr daran erinnern werdet, was letztendlich
bedeutet, dass es ein geiles Wochenende war mit viel Alko¬
hol, noch mehr Punk, Oi!, Psychobilly, Rock’n’Roll und Ska
und vielleicht etwas Sex. (17 7:00) Simon Brunner
V.A. Metal’s Darkside II DVD
magickrecords.com | Nachdem die erste DVD schon
mit untergrundmäßigen Interviews von Jasmin St. Clai-
re für biergetränkte Unterhaltung sorgte, wappnete ich
mich vorsichtshalber vor dem Einlegen der zweiten Ausga¬
be mit genügend Gerstensaft, um mein Niveau schon mal
erheblich runter zu saufen. Extrem trashig und ein wenig
fremdschämend geht Miss Gangbang auch wieder an In¬
terviews mit unter anderem SHADOWS FALL, EXODUS,
BLACK DAHLIA MURDER, ARCH ENEMY und SUFFOCA-
TION ran. Sehr kurzweilig und definitiv nicht nüchtern
OX-FANZINE 82
REVIEWS
vonTISSURA ANI mit PIATA STRONA SWIATA hatten wir
ja auch schon in Ausgabe #34 einige Zeilen gewidmet).
2003 rockten sie zuerst als ELECTRIC BLUES MUTANTS,
benannten sich aber später um zu POTTY UMBRELLA. Ih¬
rem ersten Album, „AllYou Know Is Wrong“, leihen noch
Sawek und Piotr ihre Stimme. Atmosphärisch, rein instru¬
mental sollten sie den Nachfolger Forte Furioso produzie¬
ren. Eine furiose Mixtur aus allen erdenklich Rocksparten,
Psychedelic, einer Prise Blues, Punk, Noise und ein klitze¬
kleinwenig Jazz. Das Ganze erinnert gleichermaßen an THE
WHO, JESUS LIZARD und SONICYOUTH. Eine sehr ange¬
nehme Mischung aus Elektro-Sound und Rock, ohne an¬
strengend zu sein. (60:11) (9) JeNnY Kracht
PRISTINE
Hands Up! Hands Up! CD
Planet Pristine/Broken Silence | Vier Mädels aus der
Dortmunder Nordstadt spielen Garagepunk. Das bedeu¬
tet, hier wird an den Instrumenten malocht und richtig
angepackt. Nicht so die
9 «CTim verspielte, Kleine-Mäd-
chen-Nummer, sondern
Arsch hoch und losge¬
rockt. Das macht eine
Menge Dampf, was sicher
nicht zuletzt an der - zu¬
mindest für eine Gara¬
genband - ziemlich fet¬
ten Produktion von Gui¬
do Lucas liegt. Dem ein
oder anderen mag da¬
durch die Authentizität
und der damit verbunde¬
ne Charme hier etwas abhanden gekommen sein, anderen
wird genau das gefallen. Und die Stücke selbst sind dann
auch regelrechte Stampfer, die zum Mitmachen animieren.
Lediglich der Gesang ist auf Dauer etwas anstrengend, da
doch mehr geschrieen als gesungen wird. Und nach vier,
fünf Liedern tut das etwas weh im Ohr. Aber das soll es ja
vielleicht auch. Schließlich wird der Käufer der CD gleich
von allen vier Bandmitgliedern im Booklet mit einer Pis¬
tole bedroht. Da bleibt kein Platz für kuschelige Gefühls¬
duseleien. Image ist halt doch alles. (37:57) (6)
Abel Gebhardt
PBHCLUB
Audio Transmitted Holiday CD
remedy-records.com | Von wegen „sweet ska music frorn
vienna“, die 6 Clubmitglieder haben fest die österreichi¬
sche Ska-Punk-Suite gebucht. Im Zickzackkurs geht es
zwischen Dampfhammer und Gute-Laune-Ska mit Pop-
Appeal hin und her. Als Vergleich bieten sich die wie so oft
in diesem Metier genannten MIGHTY MIGHTY BOSSTO¬
NES an und vielleicht auch ein wenig Farin Urlaub - dies
gilt zumindest für die beiden Stücke mit dem deutschspra¬
chigen Text. Überhaupt stelle ich mir so den Soundtrack
für den So mm er vor. Wie die 13 Songs dann im Winter
klingen, soll uns vorerst egal sein. (47:15) (7) Kay Wedel
PROTEST
Leben und Leben lassen CD
pukemusic.de | Hammer! Das erste vollständige Album
der Rügener ballert ohne Ende. Auch wenn „Leben und Le¬
ben lassen“ - kurz L.U.L.L. - eine dänische Hardcore-Band
in den 80ern waren, sei hier über den Titelklau mal hin-
weg gegangen, da damals die fünf Jungs bestenfalls um den
Apfelbaum getobt sind. Oder war es ein Kirschbaum? Egal.
Genau das macht diese Band so speziell: Junge Typen, die
zu ertragen, zieht sie dennoch ihre zwei Aushängeschil¬
der durch die Interviews, und ich kann es, ehrlich gesagt,
kaum erwarten, die dritte Ausgabe endlich in Händen zu
halten, da der Trailer schon mal ebenso niveauvolle Unter¬
haltung verspricht. Aufgelockert wird die zweite Ausgabe
durch paar Videoclips und Jasmins Leserbriefecke, wo sie
die Fragen verliebter Metaller geduldig beantwortet Ohne
Frage: Jasmin St. Claire ist die Verona Feldbusch des Metal!
Uwe Kubassa
V.A. Punk And Disorderly - The Final Solu¬
tion 3DVD
cherryred.co.uk | Obacht: Wer bereits den ersten tmd
zweiten Teil der „Punk And Disorderly“-DVD-Serie im
Schrank stehen hat, kann sich diese Triple-DVD-Box
schenken, enthält die doch Teil 1 und 2, allerdings er¬
gänzt um eine Bonus-DVD, auf der sich (Live-)Clips von
SLAUGHTER & THE DOGS, EATER, THE BUSINESS, TV
Smith, Jayne County, SPIZZENERGI und RED ALERT fin¬
den, dazu diverse Interviewausschnitte. Im regulären Teil
gibt’s (Live-)Clips von BUSINESS, G.B.H, PETER & THE
TEST TUBE BABIES, VICE SQUAD, U.K. SUBS, EXPLOITED,
SHAM 69, CHELSEA, LURKERS und zig anderen mehr, in
höchst unterschiedlicher Bild- und Tonqualität (von gut
bis mies ist alles dabei) und meist aus den Achtzigern und
frühen Neunzigern, aufgelockert durch Interviewschnip¬
sel mit Punk-Kids von der Straße. Auch die Bonus-DVD
und das Repackaging machen aus dieser Box keine liebe¬
voll zusammengestellte Doku, doch hier macht s die Masse:
Über 200 Minuten Punkrock sind ein überzeugendes Ar¬
gument. (6) Joachim Hiller
V.A. Punk Rock Splatter Massacre DVD
sunnybastards.de | Genau der gleiche Film wurde schon in
Ox #68 besprochen, hieß da aber noch „Punk Rock Holo¬
caust. Punks Not Dead... But It’s About To Be“. Meiner Mei¬
nung nach der schönere Titel, aber ihr wisst schon, die Sa¬
che mit Völkermord und so ... Geändert hat sich auf jeden
Fall nichts, außer dass Sunny Bastards das Ganze jetzt als
deutsche Fassung mit einer Bonus-DVD rausbringt. Diese
DVD enthält neben zwölf Videoclips von Bands, die auch
im Film (genau dort sind auch die Clips selbst angesiedelt)
mitspielen, auch noch massig anderes Material rund um
dieses zweifelhafte Meisterwerk. Sagen wir es mal so: Wenn
sich Bierkonsum tmd Kunstblut litertechnisch die Waage
halten, kann es durch aus interessant sein, den ein oder an¬
deren gemochten/gehassten Musiker während der Warped
Tour ins Gras beißen zu sehen. Nicht mehr, nicht weniger.
Lars Koch
V.A. Twisted TV DVD
gokartrecords.de | Der „TwistedTV“-Sampler besteht aus
31 Musikvideos von Bands wie AMBER PACIFIC, DAN-
KO JONES, PLANES MISTAKEN FOR STARS und SATA-
NIC SURFERS, und von Szenegrößen bis zu aufstreben¬
den Bands ist so einiges aus den Bereichen Punk, Hardcore,
Metal und Indie vertreten. Dazu kommen noch acht Kurz¬
filme, einer davon mit bisher unveröffentlichtem Foota-
ge der RAMONES. Allerdings ist die Aufmachung der DVD
auf das Allemötigste reduziert. Wer
sich aber allein für die Musik¬
videos und Kurzfilme interes¬
siert und nicht für das Drum¬
herum, für dessen DVD-Re-
gal ist die „Twisted TV“-DVD
eine echte Bereicherung. Hin¬
zu kommt noch ein unschlag¬
bar niedriger Preis. (7)
Christin Pausch
unbekümmert ein fettes Brett amerikanischen Moshcores
hinlegen, mit allem, was dazugehört: Doublebass, runter¬
gestimmte Gitarren und grandiose Moshparts und Break-
downs, New York Großstadtdschungel meets Rügener
Kreidefelsen. Dazu geshoutete deutsche Texte, die über den
üblichen Macho-Bullshit weit hinausgehen, sondern ei¬
nerseits nachdenklich, andererseits kämpferisch sind und
sich sicher als hervorragende Hymnen gegen den bevorste¬
henden G8-Gipfel eignen würden. Einziger kleiner Kritik¬
punkt ist das getriggerte Schlagzeug, das den Sound etwas
tot wirken lässt. Super Scheibe! (39:47) (9) Ollie Fröhlich
PARDON MS. ARDEN
I Bet You’re Pardon Ms. Arden CD
I Hate Music | Der umfangreiche und blumig-wortge¬
waltige Waschzettel zieht eine Schublade zwischen OA-
SIS tmd MANDO DIAO auf, was schon mehr als gewagt ist.
Die drei Bayern spielen auf ihrem Debüt eingängige Indie-
rock-Pop-Musik mit netten Melodien, eher englisch denn
amerikanisch beeinflusst, abwechslungsreich tmd für das
jugendliche Alter recht kompakt arrangiert und gut in¬
strumentiert. Bei aller Professionalität - teils aufgenom¬
men von Chris Hoek im Telstar Studio - tmd recht gro¬
ßem Mitsing-Potenzial, fehlen mir persönlich die Über¬
raschungsmomente. Das ist alles recht vorhersehbar, die
CD fliegt nur so an mir vorbei, auch im dritten Durchlauf
verweile ich nur bei Track #2 („Disco queen“) ein wenig.
Schlimm wird’s beim Mundharmonika-Einsatz auf Track
#6 („She“), auch auf das Wortspiel im Titel gehen wir nicht
näher ein, es bleibt insgesamt Luft nach oben. (36:59) (5)
Jürgen Schattner
PSYCHIC TV/PTV3
Hell Is Invisible ... Heaven Is Her/E CD
Sweet Nothing/Cargo | Wie nähert man sich dem angeb¬
lich neuesten Album seiner Lieblingsband, die einem soviel
gegeben hat, einen magisch geprägt hat und der man be¬
dingungslos gefolgt ist? Verklärt man die Erinnerung und
sucht in diesem Album nach dem verlorenen Glauben?
Betrachtet man das Album wohlwollend mit der Weisheit
tmd Abgeklärtheit des Alters? Nichts von dem: Man schaut
als Erstes auf das Cover tmd weiß: Das ist kein PTV-Co-
ver, sondern eine Auftragsarbeit, die versucht sich früherer
Symbolik zu bedienen und dabei wirkt wie eine schlechte
Karikatur. Keine guten Voraussetzungen für die Musik. Un¬
wohlsein steigt in meinem Körper auf und ich habe eigent¬
lich keine Lust die Play-Taste zu drücken. Erinnerungen
schießen mir durch den Kopf. Schon wieder nur Erinne¬
rungen!? Aktuelle Erinnerungen an ein bizarres Konzert in
dieser Besetzung in Köln, das auch nicht gerade sehr über¬
zeugend war, fast komplett aus alten Songs bestand und
eher der lächerlichen Präsentation der Brüste und Gold-
zähne von dem Wesen diente, das früher den Namen Ge¬
nesis P.-Orridge trug. Vergessen wir mal den ganzen Berg an
Mythen und Sagen, die sich um diese Band ranken. Verges¬
sen wir auch diesen ganzen „Thee Majesty“-Kram. Versu¬
chen wir uns der Musik hinzugeben. Erster Hördurchlauf:
Ich tendiere dazu den Lautstärkeregler bis hinten hin auf¬
zureißen und durch die Wohnung zu tanzen. Wie früher!
Zweiter Durchlauf im Rausch der Begeisterung. Plötzlich
fallen mir zu jedem Song direkt mehrere alte PTV-Songs
ein, die um Klassen besser sind und die gleichen Elemen¬
te 1:1 enthalten. Ich höre auf zu tanzen und setze mich. Die
CD wird auf stumm geschaltet und der Plattenspieler läuft
an. Direkter Hörvergleich. Wirklich! Original nachgespielt!
Ich werde so langsam richtig böse und trete fluchend vor
das Plattenregal. Was für eine Scheiße ... Nun ja, dieses Al¬
bum lehnt sich wirklich mächtig böse an den Hyperdelic-
Releases an und spielt „Allegory And Seif“ mehr schlecht
als recht nach. Zerstörung. PTV haben sicher musikalisch
belanglosere Alben herausgebracht, die dann aber bewusst
und ich würde dieses Album damit eher im seichten Mit¬
telfeld einsortieren. Das ist kein Neuanfang, dieses Album
ist eher der Beweis, dass die Zeit von PTV endgültig vorbei
ist und GPO ein nostalgisch veranlagtes „ES“ ist. (7)
Carsten Vollmer
PISSED JEANS
Hope For Men CD
subpop.com/Cargo | Eine Single und eine LP später sind
die vollgepissten Beinkleider immer noch so herrlich ka¬
putt und zynisch wie auf den Vorgängern. Schwere Noise-
Geschütze treffen auf alt¬
bewährte BLACK SAB-
BATH-Gitarrenriffs,
dazwischen zieht ein
schleppendes Schlagzeug
seine wuchtigen Krei¬
se, unterstützt von ei¬
nem richtig dicken Bass,
und ein Bekloppter mel¬
det sich in bester Yow-
Manier zu Wort. Ganz
klar hätte es für so et¬
was vor ein paar Jahren
noch eindeutigere Label
als Sub Pop gegeben, aber wenn den Job sonst keiner über¬
nimmt, warum nicht? Sludge-Doom-Noise-Rock mit ei¬
ner Überdosis Punk, da gibt es viele Vorgänger, die ähnli¬
che Pfade beschritten haben, aber bisher keine Band, die
das mit solch dicken Stiefeln und so breiter Brust zeleb¬
riert hat. Was den Unterschied — und damit für mich den
Genussfaktor — zwischen einer Band wie dieser und den
verffickelten kopflastigen Studentenkombos ausmacht,
die Kaputtheit mit zerfahrenen Songstrukturen und end¬
losen, kantigen Soloeinlagen verwechseln, ist einerseits der
Humor, den diese Band offensichtlich hat (alleine der Ti¬
tel passt zum Sound wie eine Kuh aufs Dach), andererseits
die Tatsache, dass man immer wieder etwas findet, an dem
man sich festhalten kann. Der Wille zur Trägheit und das
richtige Gespür, wie man auch ohne Hektik zu verbreiten
gehörig nerven kann (indem man wie ein Klotz am Bein
hängt und jeden Schritt wie auch das Denken verlang¬
samt), können gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Zu guter Letzt haben die Jungs auch die nötige Gewalt im
Gepäck, um einen dauerhaft fesseln zu können. (9)
kalle stille
PROPAGANDA NETWORK
Parole, Parole, Parole! CD
nix-gut.de | PROPAGANDA NETWORK machen ziem¬
lich rockigen Deutschpunk, der zwar nicht sonderlich ab¬
wechslungsreich ist, aber dafür musikalisch gut gespielt
und eingängig. Die Texte sind inhaltlich zwar ansprechend,
aber bei manchen (nicht allen!) Texten frage ich mich, ob
es denn wirklich sein muss, dass sich Deutschpunk immer
und immer wieder um die gleichen Themen dreht? Was
man schon in 100 anderen Liedern hört, muss doch nicht
immer wieder gesungen werden. Ansonsten gibt es nichts
zu meckern, und vor allem die Stimme des Sängers gefällt
mir gut. (35:00) (6) Tobias Weber
PLENTY ENUFF
Random Walk CD
plentyenuff.ch | Verkehrte Welt in der Schweiz. Da ent¬
wickelt sich die Ska- und Reggaeband PLENTY ENUFF
»
www.nordic-notes.de
infoßnordic-notes.de
Das braucht man für
den Sommer!
...and Daddy named
this child Action¬
blues
Die Party Scheibe aus dem kühlen
Norden! Musik für den echten
Rock and Roller!
» Best. Nr.: 2909 NN009
HYPNOMEN
DREAMiNGOFTHE
NEW DAWN
I y| Das fünfte Album der
Instrumental Psyche
delic 60's Pop Rock Band. Auch
wieder mit Gastsänger wie auf
dem Vorgänger Album. Pflicht für
jede Sommerzeit!
»Best. Nr.: 02910 NN010
Die Ska Reggae Band
aus Helsinki. Wenn
Finnen schon solch
eine heiße Musik erschaffen, wun¬
dert es kaum mit der Problematik
des Klimawandels.
»Best. Nr.: 02907 NN007
NORDIC NOTES von
* J!
LZ
19 BANDS ZUM
SONDERPREIS
«notes
vi.i 1
Mit Bands aus
Schweden, Däne
mark, Norwegen, Finnland, Island
und Estland
»Best. Nr.: 02903 NNG03
I IM VERTRIEB DER BROKEN SILENCE
DISTRIBUTION GMBH
ODER BESTELLEN UNTER WWW.KI0SKI.PE
SYDAN SYDAN
AU
Pop trifft Primus. Ein
außergewöhnliches
Album einer außer
gewöhnlichen jungen Band.
»Best. Nr.: 02908 NN0Q8
nordic notes
HIDRIA SPACEFOLK
ULPA
ATTEMPTED FLIGHT
BY A WINGED MEN
DADDY GILJ0TEEN
0NCETHEY CALLED
ME A PR0DIGY
EVILS0NS
C00KING WITH...
OX-EÄNZINE 83
REVIEWS
durch Umbesetzungen zu einem echten Hörgenuss, er¬
scheint dieses Album allerdings nicht mehr bei Leech, son¬
dern in Eigenregie!? Eine neue Ära hat begonnen. Den Ge¬
sang teilen sich jetzt der einstige Gitarrist Philipp Albrecht
und Jessica Falk. Endlich singen PLENTY ENUFF auch so
gut, wie sie spielen. Eine hundertprozentige Steigerung.Vor
allem der Northern Soul-Einschlag steht ihnen exzellent.
Vorbei die Zeit der peinlichen deutschen Texte, und ich
hoffe, dass das unterirdische Debüt „Schauermärchen“ an¬
gesichts dieses hervorragenden Albums bald vergessen sein
wird. Wie sehr freut mich diese Weiterentwicklung. PLEN¬
TY ENUFF können sich jetzt vorbehaltlos einreihen bei
Bands wie THE MOOD, SKA TREK oder THE ADJUSTERS.
Sie sind ihren Vorbildern THE SLACKERS ein gutes Stück
näher gekommen. (35:44) (8) Simon Brunner
PIERCES
Thirteen Tales Of Love And Revenge CD
Lizard Kind/Rough Trade | Zwei recht ansehnliche Da¬
men aus den USA versuchen sich hier im extravagantem
Duett, enden aber leider bei belanglosem Pop. Auch das
Drumherum, soll heißen: die originelle Geschichte um
das Geschwisterduo, macht das Musikalische nicht bes¬
ser. Mit Sicherheit sind die Damen begabt, nur leider ohne
Wiedererkennungswert. Bei hippen Studenten und/oder
New Yorker Yuppies sind THE PIERCES aber hundertpro¬
zentig angesagt - dann genau ein solches Publikum muss¬
te ich nämlich vom ersten Moment an denken. Gleichwohl
muss ich den Mädels eine gewisse romantische musikali¬
sche Verspieltheit zugestehen, die „Thirteen Tales Of Love
And Revenge“ in manchen Momenten bestimmt zu einem
wunderbaren Album machen. Insgesamt fühle ich mich
stark an Künstlerinnen wie JEWEL erinnert. (47:20) (6)
Sarah Shokouhbeen
. RRR
REDSCHOX
What The Hell CD
Talentia | Sagt ein Cover manchmal alles? Nein, nicht bei
den REDSCHOX. Schreckt das Cover mit minimaler Ten¬
denz zu 80er-Jahre-Fehlgriffen erstmal ab, gibt es musi¬
kalisch eine Überraschung: Das ist ja richtig gut. Das Duo
bietet klassischen Punkrock, teils mit rockigen Elementen.
Insbesondere wenn die Dame an den Drums mal den Ge¬
sang übernimmt, macht es Spaß. Insgesamt ein gutes, kurz¬
weiliges Release der Hamburger. 12 Songs, keine Lange¬
weile und gute, recht persönliche Texte. Anhören! (33:40)
(7) Sarah Shokouhbeen
RABIES
... Test Your Might CD
Sorry State | Bonus-Pack mit der aktuellen LP, einem
Samplertrack und der „Disease Core“-EP als Bündle. Nun
bin ich mitunter ein Freund von gut gemachtem Retro-
sound, muss aber auch ab und an den Kopf schütteln, wie
eben bei den RABIES, die 2007 etwas in einem Topf ver¬
rühren, das Anfang der 80er exakt so schon bis zur Perfek¬
tion ausgereizt wurde. Zu nennen wären hier gut 50 Pro¬
zent der Oxnard-Bands wie ILL REPUTE und das Mystic-
Klientel, BLACK FLAG aus der „Everything Went Black“-
Phase ,JFA, AGRESSION und einige Bands mehr, deren Plat¬
ten ja nicht unsichtbar sind. Klar klingt das einigermaßen
frisch, aber es ist nicht originär und fiigt dem Bekannten
keine eigene Note hinzu. Wie so oft: Da hör ich mir lieber
die Originale an und hol mir auf BLACK FLAG aus der Cha-
vo/Dez-Ära einen runter, da sind wenigstens die Gitarren¬
riffs rotziger. Pushead-Rip-off-Cover habe ich auch schon
weitaus Bessere gesehen. (5) kalle stille
RIPPERS
Nomelec’s Revenge CD
Rock On | THE RIPPERS sind ein spanisches Quartett, wel¬
ches 1995 gegründet wurde. Ausgestattet mit zwei Gitar¬
ren, spielt die Band auf dieser neuen Scheibe krachigen
Midtempo-Rock (and Roll), kombiniert mit einer Portion
Punk. Die elf Songs auf dieser Platte sind extrem schnör¬
kellos, werden entsprechend heruntergerockt und zeich¬
nen sich außerdem durch einen kratzigen und straighten
Gesang aus, welcher sich hervorragend in die Musik ein-
fugt. Überhaupt erinnert die Kombination von Musik und
Vocals an die genialen MURDER CITY DEVILS (ohne Key¬
board). Das Album startet mit den besten Songs, „Come
down with me“ zum Beispiel groovet ohne Ende, mit
obercoolen Slide-Gitarren und leichtem Stoner-Touch,
auch „One blue circle“ haut mich um, die Melodiegitar¬
ren im Chorus sind ziemlich genial. Danach folgt eine klei¬
ne Schwächeperiode in der Mitte des Albums, wo es die
Jungs ab und zu mit sich hinziehenden (Instrumental)-
Parts übertreiben und nicht so richtig auf den Punkt kom¬
men. Aber spätestens bei „Who do you dance for?“ ist wie¬
der alles im Lot. Klasse Platte, laut hören, Lederjacke anzie-
hen und rocken. (31:29) (8) Zahni Müller
JON RAUHOUSE
Steel Guitar Heart Attack CD
Bloodshot/Indigo | Jon Rauhouse ist so eine Art Hausgi¬
tarrist des Alt Country-Labels Bioodshot und taucht auf di¬
versen ihrer Releases auf und war bereits mit Sally Timms,
Kelly Hogan und Neko Case aufTour. Eigene Platten nimmt
der begnadete Gitarrist auch noch auf und „Steel Guitar
Heart Attack“ ist bereits seine dritte, wo sich Rauhouse als
eine Art Alt-Country-David Lindley präsentiert, der mit
seinem quirligen Gitarrespiel den Bogen zwischen Coun¬
try, Bigband-Jazz, Swing und Hawaii-Sounds spannt, nicht
weit von der Überdrehtheit der Musik der „SpongeBob
SquarePants"-Serie entfernt. Die Damen Timms, Hogan
und Case tauchen auf dieser Platte auch als Gastsängerin¬
nen auf, was einen schönen Kontrast bildet zu den schrä¬
gen Instrumentalnummern von Rauhouse, darunter einige
Coverversionen, eine sogar das Thema der „Mannix“-TV-
Serie aus den 60ern von Lalo Schifrin. Und Joey Burns und
John Convertino von CALEXICO legen ebenfalls bei vier
Stücken mit Hand an. Auch wenn „Steel Guitar Heart At¬
tack“ stilistisch nicht hundertprozentig meinen Nerv trifft
- am überzeugendsten sind sicherlich die Country-lastige-
ren Nummern -, ist Rauhouse eine der bestgelaunten Plat¬
ten gelungen, die ich in letzter Zeit gehört habe, was ihr
schon mal eine längere Halbwertzeit in meinem CD-Play¬
er beschert. Und sei es nur wegen der wundervollen Versi¬
on von Marty Robbins’ „Big iron“ mit Hogan als Sängerin,
einen Song, den man auch auf der Vinylversion von Johnny
Cashs „American IV:The Man Comes Around“- Album fin¬
den kann oder auf „UnderThe Influences“ von Mike Ness.
(8) . Thomas Kerpen
ROTHKO
Eleven Stages Of Intervention CD
bip-hop.com | Laut Info soll es sich hier bereits tun das
elfte Album dieser in London ansässigen Band handeln,
die, auch wenn es vielleicht eintönig klingen mag, elektro¬
nisch geprägten, rein instrumentalen Postrock spielen, der
aufgrund seiner Konzentration auf den Bass an eine redu¬
zierte Version von UI erinnert. Apropos eintönig, das sind
ROTHKO leider auch sehr schnell, denn ihr elektronisches
Kammerorchester erzeugt überwiegend düster-bedrohli¬
che Sounds, die zwar kunstvoll gemacht sind, aber den Hö¬
rer in einem lauwarmen, emotional wenig erquicklichen
Regenschauer stehen lassen, auf den jeder wohl individu¬
ell anders reagiert, der mir aber einfach zu trübsinnig da¬
herkommt. Handwerklich vollendet, aber leider gerade im
falschen Gefühlsspektrum agierend. (5) Thomas Kerpen
RICHIE HUNTER
Gun Gone Baby CD
Kamikaze | Es ist schon eine Weile her, da habe ich RICHIE
HUNTER aus Ibbenbüren mal als Support der SUPERSU-
CKERS gesehen und muss sagen, dass sie da ganz gut ins
Programm passten. Auch eine gewisse Nähe zu BOOZED ist
sowohl musikalisch als auch geografisch zu belegen, wo¬
bei ich RICHIE HUNTER aber für die etwas coolere und
zurückgelehntere Variante halte. Zwölf Songs (und ein äu¬
ßerst granatiges Video) haben die Jungs nun auf ihr Debüt-
album gepackt, die allesamt gutes Midtempo-Punk’n’Roll-
Entertainment mit gelegentlichen schönen AC/DC-An-
leihen bieten. Speziell hervorheben möchte ich an die¬
ser Stelle aber die unglaublich räudige Stimme von Sänger
Richard, das ist echt ein unglaubliches Organ! Trotz allerlei
ausgetretener Klischeepfade macht mir das Album durch¬
aus Spaß und ich will es mal vor allen Dingen allen BO-
NES-Fans und Turbojugendlichen ans Herz legen. Behaltet
die Band auf dem Radar! (36:20) (7) Bernd Fischer
CHUCK RAGAN
Loz Feliz CD
sideonedtmuny.de/Cargo | Chuck who? Na, Chuck von
HOT WATER MUSIC. Alles klar? Seit dem Ende von HWM
ist der Ex-Frontmann mit der Reibeisenstimme solo unter¬
wegs, ein Mann und sei¬
ne Akustik-Gitarre (und
auch mal Mundharmo¬
nika), und klampft mit
großem Nachdruck zu
Herzen gehende Lager¬
feuer-Punksongs. Über
30 Lieder hat er ge¬
schrieben, und bevor
im September sein ers¬
tes richtiges Solo-Album
erscheint, gibt’s schon
mal einen Appetizer in
Form eines Livemit¬
schnitts, der im Februar 2007 in Kalifornien entstand und
bei dem Chuck von Ted Hutt mit der Mandoline und John
Gaunt mit der Geige begleitet wurde. Scheint die Art von
Konzert gewesen zu sein, wo sich die Leute nach und nach
auf den Boden setzen, tun dann andächtig zu lauschen, und
wenn mich der Eindruck nicht trügt, dann wird Ragans
Solo-Album einen deutlichen Folk-Einschlag haben, denn
„Dream of a miner’s child“ etwa klingt nach einer Akustik¬
version von FLOGGING MOLLY - jener Band, deren Grün-
dungsmitgliedTed Hutt einst war... Bleibt festzuhalten: Das
Erbe von HWM verwalten THE DRAFT, Chuck dagegen hat
sich zu neuen Ufern aufgemacht. (43:54) (7)
Joachim Hiller
XAVIER RUDD
White Moth CD
Anti/SPV | Down under ist Singer/Songwriter und Mul-
ti-Instrumentalist Xavier Rudd schon länger ein populärer
Künstler, der jede Menge Platten absetzen kann. Außerhalb
Australiens dürfte er den meisten wohl erst durch sein im
letzten Jahr via Anti veröffentlichtes drittes Album „Food
In The Belly“ untergekommen sein, wo sich der Surfer-
Dude mit intelligenten Texten und der Einbeziehung spe¬
zieller folkloristischer Sounds Australiens als interessanter
wie eigenwilliger Songwriter empfahl. „White Moth“ ist
BLACK FRIDAY ’29 Demo 2007 CD-R
blackfriday29.com | BLACK FRIDAY ’29 melden sich, geschätz¬
te drei Jahre nach der LP und nach einem riesigen Haufen Shows,
nun erstmal mit einer 3-Song-CD-R zurück. Zunächst sollten
hiervon wohl nur 50 Stück gebrannt werden, ob das Demo also
noch erhältlich ist, kann ich nicht sagen. Musikalisch ist hier al¬
les wie gehabt und geliebt, einfach nur guter Hardcore, wobei
die Produktion leider recht beschissen ist, und die Songs so nicht
recht zur Geltung zu kommen scheinen. Nichtsdestotrotz: jeder,
der der Band bisher etwas abgewinnen konnte (und das sind ja
nun wirklich nicht wenige), sollte sich dieses Demo besorgen,
wenn es denn noch geht. (07:34) (7) Fabian Dünkelmann
BEERNOISE Rock’n’Roll Suicide CD-R
beernoise.de | Mit ihrem ersten Demo stellen sich BEERNOISE
aus Berlin vor. Rauh, hart und direkt - mitten ins Gesicht. Punk
halt. So wie er in den 80er Jahren in der Mauerstadt noch Gang
und Gäbe war. Na ja, zumindest in Kreuzberg. Gesungen wird auf
Deutsch und Englisch über die persönliche Einstellung zur Po¬
litik und Rassismus. Alles ganz ordentlich umgesetzt und ver¬
dammt ehrlich. Für den nächsten Schritt fehlt aber noch etwas
die eigene Note, welche BEERNOISE aus ihrem Proberaum hi¬
naus hebt. Mal sehen, vielleicht hilft es ja schon auf den Reim
„saufen - laufen“ zu verzichten... (10:10) Abel Gebhardt
BETRUNKEN IM KLAPPSTUHL
Am Strand CD-R
betrunkenimklappstuhl.de.vu | Wie der Name schon verrät, ist
die Lieblingsbeschäftigung dieser Dortmunder Combo das Ver¬
nichten von alkoholhaltigen Getränken. Textlich, zumindest auf
dem Demo, behandeln alle Titel zu fast 90 Prozent die schöne
Betätigung Saufen. Ein unrhythmischer, aber zur Band passender
Gesang erinnert etwas an den von DIE KASSIERER-Frontmann
Wölfi. Der Sound ist auch ähnlich, aber noch liegen Welten zwi¬
schen ihnen und Wölfi und Co. Das Demo enthält sechs ein- bis
zweiminüüge leichtverdauliche Titel, welche schnell ins Ohr ge¬
hen, aber auch genauso schnell wieder aus selbigen entschwin¬
den. (08:56) (3) SvenGrumbach
CAPTAIN VOLLEYBALL
Long Term Solution CD-R
captainvolieyball.de | Einen lustigen Namen hat sich die Band
aus Homburg und Zweibrücken da ausgesucht. Das Trio gibt es
seit dem letzten Jahr, dies hier sind die ersten Aufnahmen. Die
fünf Songs auf schwanken zwischen gefälligem Indie- und bie¬
derem Proberaumrock, nicht unbedingt melodisch, dafür aber
mit modisch angeschrägten Akkorden von wegen „Post“ und
so weiter. Man kann nicht sagen, die Band hätte ihren Stil noch
nicht gefunden, an der Durchschlagskraft sollte sie aber arbeiten.
Die Songs sind nicht schlecht, aber es passiert darin zu wenig, an
das man sich nachher noch erinnert. Nun gilt cs, aus den positi-
venAnsätzen mehr zu machen. (18:00) (5) Christian Meiners
DERBYDOLLS Demo MC
myspace.com/thederbydolls | Ein echt starkes Tape dieses
Quartetts aus Tübingen! Das markanteste Merkmal der ohnehin
schon gut kickenden fünf Punkrock-Songs, dürfte dabei sicher¬
lich der unglaublich starke Gesang von Frontfrau Helen sein. Ich
fühle mich auf jeden Fall permanent an eine schräge und rotzi¬
ge Variante der ROTTEN APPLES, oder an andere großartige Girl -
fronted-Bands wieTILT oder THE GITS erinnert. Testet die Band
bei MySpace an und besorgt euch das Tape! Ich find’s gut, nein,
ich find’s sogar sehr gut. Bernd Fischer
GARTENTERRORISTEN Kein Zurück CD-R
gartenterroristen.de | Liebe Nachbarn seid auf der Hut, denn
dieses Album könnten euren Frieden stören. Zwar enthält das
durchaus würdiger Nachfolger dieser sehr schönen Platte,
wo Rudd erneut Folk, Reggae und Weltmusik (Peter Gabri¬
el und Paul Simon kommen einem da in den Sinn) auf sei¬
ne charakteristische Art in den 14 Songs verarbeitet. Viel¬
leicht hegt es daran, dass der Überraschungsmoment von
„Food In The Belly“ etwas verflogen ist, aber seine neue
Platte macht einen weniger homogenen Eindruck, zumal
ich als Bob Marley-Verächter extrem mit drei allzu plaka¬
tiven Reggae-Nummern zu kämpfen habe, die allerdings
origineller als gewohnt angelegt sind, aber dennoch die¬
ses „No woman no cry“-Feeling haben, was wahre Surfer
eventuell ganz toll finden. Andererseits hat „White Moth“
immer noch genug sehr beeindruckende Songs zu bieten,
wie das extrem rhythmische „Footprint“, sicher das High¬
light der Platte, wo Rudd fast schon John Frusciante-like
zur Sache geht. Ebenfalls sehr spannend, „Message stick“,
ein Stück, das zeigt, dass man Weltmusik auch auf höchst
unpeinliche Art umsetzen kann, ohne dass direkt der gan¬
ze Negerstamm durchs Zimmer tanzen muss. Wobei sich
gerade in den stilleren, folkigen Momenten Rudds wirkli¬
che Qualitäten zeigen, der immer dann am besten ist, wenn
er auf allzu offensichtliche Surfer- Klischees verzichtet und
mit minimalistischer Instrumentierung eine mitreißen¬
de Emotionalität produziert wie bei der tollen, abschlie¬
ßenden Bluegrass-Nummer „Come back“. Wer „Food In
The Belly“ mochte, kann auch hier bedenkenlos zugreifen,
auch wenn einige Stücke dieser Platte die Gesamtatmos¬
phäre erheblich stören. (7) Thomas Kerpen
RITUAL
Wolves MCD
stillliferecords.com | Also, die EP enthält quasi beide 7“
der immer noch jungen Band und einen Coversong („An¬
chor“ von CHOKEHOLD). Es rockt und es ist immer noch
Hardcore und es ist gut so, wie es ist. Kein verzerrter Gesang
mehr und live sowieso immer noch Bombe. Waren jüngst
mit HAVE HEART und ANCHOR unterwegs und tou¬
ren diesen Sommer wieder fleißig. Also erst die EP kaufen,
dann Texte auswendig lernen und das machen, was nerdy
Hardcore-Kids am liebsten tun: Supporten und Merch leer
kaufen. Klar?! (17:57) (8) Katrin Hacheney
RAKETENHUND
Walking On Zahnfleisch LP
Plastic Bomb /Cargo | Knapp vier Jahre ist es her, dass DER
RAKETENHUND seine erste Platte veröffentlichten: „Raus
aus Gartenstadt“. Sträflich unterbewertet von den meisten,
fand diese Platte leider wenig Erwähnung in den einschlä¬
gigen Fanzines. Jetzt veröffentlichten sie, in Zusammenar¬
beit mit Plastic Bomb und Omnidor, ihr zweites Werk mit
dem Namen „Walking On Zahnfleisch“. Alter! Schon der
Name ist Gold und verdient einen Orden. Denn ob auf
dem Weg von einer miesen Party gen Heimat, weil das eine
Loch im Kopf mal wieder nicht gereicht hat, oder wenn die
Arschlochwochen mal wieder kein Ende nehmen wollen
und der nächste Schlafexpress noch Stunden auf sich war¬
ten lässt... Sänger Jan bringt in jedem der Songs rüber, was
man sich auch schon oft gedacht, aber niemals so formu¬
liert hat: I’m walking on Zahnfleisch eben. Diese Platte ist
wie gemacht für all die Momente, in denen man irgend¬
wo herumsitzt, den Mund voller Zähne, aber nix zu fressen
hat, oder sich fühlt wie ein Gebrauchtwagen. Nicht wissen,
wohin mit sich, und außerdem: Wer entscheidet das alles
eigentlich? In all diesen Momenten bitte ab sofort beher¬
zigen: DER RAKETENHUND los, komm kuscheln! Musi¬
kalisch bewegen sich die drei Jungs und das Mädel am Bass
auf altbewährten Pfaden. Irgendwo zwischen all den gro¬
ßen Namen, die schon so oft gefallen sind. Die immer fal-
Demo nur vier Titel des neuen GARTENTERRORISTEN -Albums,
jedoch sind schon diese Garanten für spätere Ruhestörungse¬
xesse. Die Deutschpunk-Songs überzeugen vor allem durch ihre
Vielseitigkeit. Flier klingt nicht einTitel wie der andere, doch ei -
nes haben sie gemeinsam und zwar mindestens einen Hauch an
Melodie. Vier Titel, die Lust auf mehr machen, und ich denke,
dass der Rest der Platte genau so überzeugen kann. Dass die GAR¬
TENTERRORISTEN schon mit Größen wie DRITTE WAHL zu¬
sammenspielten zeigt, dass hier schon Punk der qualitativeren
Sorte erwartet werden darf. (13:48) (5) Sven Grumbach
JETLEGS Alright! Let’s Go! CD-R
myspace.com/thejetlegs | Ist dieser Bandname nicht schon lan¬
ge weg? THE JETLEGS das klingt vertraut, als habe man schon
viel von dieser Gruppe gehört: Ja, kenne ich, vom Namen her. Ist
doch eine amerikanische Indieband aus den Neunzigern? - Nein,
Herr Experte, es gibt ein neues Punk’n’Roll-Trio aus Nürn¬
berg. Brandaktuell. THE JETLEGS - übrigens mit Wortspiel und
„E“ - legen los. One, two three four: Let’s go! Mit ihrem zweiten
Demo geht die Band in die Vollen und spielt fünf Songs energisch
runter. Die Musik bedient sich bei Bewährtem, Rock’n’Roll hat
schließlich schon viele Bands gesehen. Doch exzellente Gitarren¬
arbeit und treibende Beats lassen das mittlere JETLEGS-Tempo
knackfrisch erscheinen und kaschieren die wenigen Schwach¬
stellen im Gesang. Kommt gut. (17:02) (9) Arne Koepke
KILL CARTEL Demo CD-R
myspace.com/killcartel | Vor über drei Jahren erschien auf dem
mittlerweile aufgelösten Japan-Vinyllabel das Debütalbum der
ROOLETTES, doch was viel versprechend begonnen hatte, war
dann recht bald wieder vorbei, die Band Geschichte. Mit KILL
CARTEL meldet sich jetzt ein Teil der ROOLETTES mittels eines
4-Song-Demos wieder zurück, und am Sound hat sich nichts
verändert: der ist immer noch angenehm griffiger, schnörkel-
loser, kickender Rock, für den sich jeder begeistern dürfte, der
TURBO AC’S, BOOZED, THE CULT und ähnliche Grenzgänger
zwischen Riffrock und Punkrotz mag. (10:29) (7) Joachim Hiller
ME AND MY BLACKMETALFRIENDS
Demo CD-R
myspace.com/mamb | Wer seine Band nach einem ATOM 8 1
HIS-PACKAGE Stück benennt, kann nur cool sein. Außerdem
lautet die Kontaktadresse der drei Musiker takewarning@gmx.
net Beides Tatsachen, die für eine ordentliche musikalische So¬
zialisation sprechen. Umso erfreulicher, dass diese Vermutung
durch die enthaltenen Stücke bestätigt wird. Dreimal deutsch¬
sprachiger Skapunk, der sich dafür, dass er in einem norddeut¬
schen Schuppen aufgenommen worden ist, verdammt gut an¬
hört. Nicht aufgesetzt und sehr eingängig, so muss das. Hoch¬
achtung auch für die Textzeile „Ich weiß nicht, was wir uns da¬
bei dachten, als wir das kleine Mädchen mit der Zahnspange
auslachten“ Als Letztes muss ich noch erwähnen, dass auch die
Aufmachung des Demos gelungen ist. Weißer Pappschuber mit
schwarzem Filzstift beschriftet, das zeugt von einem gewissen
Understatement. Volle Punktzahl! (11:02) Lars Koch
NO ONE’S CHOICE
Waiting For Summer CD-R
no-ones-choice.de | Warum haben die eigentlich keinen Plat-
tenvertrag? Seit bestimmt sechs Jahren machen Marius Jab-
lonski, Paul Hoetten, Tim Asch und Dominik Sutor schon ex¬
zellenten Punkrock auf technisch und melodisch höchstem Ni¬
veau. Nach zwei Alben und einer Split-CD mit den 5BUGS aus
Berlin wird mit „Waiting For Summer“ und vor allem dem Hit
„Wake up, break up“ der neue Angriff auf die heimlichen Hit¬
paraden gestartet. Mittlerweile sind die Songs zwar etwa emo-
iastiger aber dafür auch noch ein Stück eingängiger. Für Leute,
len, sobald der textliche Horizont einer Band über das hin¬
ausgeht, was einem in diesem Genre so gerne geboten wird.
Indie Richtung soll es gehen. Sehr melodisch und eingän¬
gig, aber mit Rotznase spielt man sich hier in knapp 40 Mi¬
nuten durch 12 Songs. Durchaus tanzbar. Intellektuellen -
Punk, wie der Nietenkaiser zu grölen pflegt, sobald et¬
was ohne das mehr oder weniger übliche Klischeegedre-
sche auskommt. Der Soundtrack of the verarschte Studen-
ten/Arbeiter/Hartz4 dass. Es gibt Dinge, die müssen ein¬
fach gesagt werden. RAKETENHUND machen das auf eine
unaufdringliche Art und Weise, ohne übertriebenen Tief¬
sinn, aber eben auch nicht Wattenmeerplatt. Keine Sauflie¬
der, aber auch kein Himgewichse. Eigentlich müsste man
pausenlos auf die Pauke hauen und mit dieser Platte mis¬
sionieren gehen. Ja, Silvesterraketen zünden, eine nach der
anderen. Für jeden Hit eine. Und das sind einige.
Jörkk Mechenbier
RENTOKILL
Antichorus CD
Rüde/ ruderecorz.com | Was macht ein gutes Punkrock-
Album aus? Vor allem Leidenschaft und Herzblut. Soviel
ist sicher, „Antichorus“ hat beides. Es sind erst wenige Tage
vergangen, seit mir ein
sympathischer junger
Herr mit blauen Haaren
das neue Album seiner
bereits seit 1996 beste¬
henden Punkrock-For-
mation RENTOKILL in
die Hand drückte. Schon
jetzt kann ich sagen, „An¬
tichorus“ hat mich mehr
als überzeugt. Fünfzehn
großartige emotiona¬
le, politische Fast-For-
ward-Punkrock-Hym-
nen, beeinflusst durch Bands wie STRIKE ANYWHE-
RE oder PROPAGANDHI, die Mut machen, zu hinterfra¬
gen und Dinge selbst in die Hand zu nehmen. „Anticho¬
rus“ bietet aber weitaus mehr. Hinter cleveren Texten, rau¬
hem Gesang, hochmelodischen Singalongs und hymnen-
haften Background-Vöcals steht eine ehrliche und aufrich¬
tige Attitüde, welche die Durchschlagskraft jedes einzelnen
Songs noch erhöht. Eine echte Message zu haben, ist dieser
Tage nicht selbstverständlich. In Zeiten, in denen wir mit
eintönigen Styling-Bands überschwemmt werden, sind es
Bands wie RENTOKILL, die die Fackel hochhalten uftid uns
darin erinnern, worum es beim Punkrock eigentlich geht.
Als Anspieltip empfehle ich „Step over the wall“. (36:36)
(8) Robert Buchmann
► Auf der Ox-CD zu hören.
RADAR
Rollsplitt CD
Sweet Home/Poor Dog | Energisch eingetreten, kurz
Luft geholt und alles überrollt. Keine falsche Bescheiden¬
heit beim Opener dieser Platte und damit das essentiel¬
le Schmiermittel jeglicher rein instrumental werkelnder
Musik gleich literweise ausgegossen: Energie. Pure Ener¬
gie, denn keine Stimme vermag der lahmarschigen, lang¬
weiligen Musik noch ein wenig Aufmerksamkeit herbei¬
zuträllern. Ungestüm sind darum auch die großen Meis¬
ter dieses Faches, von TORTOISE bis MOGWAI. Deren Ni¬
veau erreichen die Chemnitzer noch nicht, haben aber ein
Album fabriziert, bei dem man mehr als Aufhorchen sollte,
nämlich sich mitreißen lassen. Mitreißend bleibt es näm¬
lich auch, wenn nicht eine rockende Gitarre mit einem
/DEMOS
die NEW FOUND GLORY stark finden und sich für gut gemachte
und originelle Musik interessieren, führt kein Weg an NO ONE’S
CHOICE vorbei. Sebastian Wahle
REJOUISSANCE EP II CD-R
timetooperate.com | Ein bisschen Bildung zu Beginn: Rejouis-^
sance bezeichnet in der klassischen Musik einen schnellen, heite¬
ren Satz einer Suite. Sollte ich das einzige Bandmitglied, Jim Hef-
fernan, mal treffen, werde ich den Typen fragen, was ihn zu der
Wahl dieses Namens bewogen hat. Von Heiterkeit keine Spur. Es
ist vielmehr eine merkwürdige Stimmung, die in den fünf Songs
herrscht. Musik wie diese müsste mit derbe verzerrten Gitar¬
ren gespielt werden das Schlagzeug scheppert, die Texte bei¬
nahe gegrölt —, aber die Gitarren sind clean. Akustischer Stoner-
rock? Folk-Metal? Keine Ahnung, wie man es nennen soll, aber
seinen Reiz hat es. Vor allem die dezenten Gitarrensoli sorgen für
ordentliche Farbtupfer. Einzig das Verhältnis zwischen Idee der
Musik und ihrer Lautstärke verwirrt etwas. (18:00) (6)
Christian Meiners
RÜDES Time To Scrabble CD-R
the-rudes.com | Kennt eigentlich noch jemand THE BA-
TES? Diese sind nämlich neben GLUECIFER und THE WHO die
Haupteinflüsse von THE RÜDES aus Niederbayern. Und so ähn¬
lich kann man sich die „Musi“ der jungen Leute - die fünf sind
zwischen 18 und 21 und machen seit drei Jahren Musik - vor¬
stellen: Ein Mix aus traurig-schönem Punk und einer Prise Rock
plus hier und da ein Akustik-Song. Der Sound ist nicht perfekt,
geht aber in Ordnung und die Band zeigt auf den zehn Tracks,
dass sie ihre Instrumente allemal beherrscht. Das Album wurde
ohne Labelunterstützung professionell aufgenommen und ge¬
staltet. Dafür auf jeden Fall Hut ab! Leider fehlt den Nummern
aber das gewisse Etwas. „Time To Scrabble“ ist anhörbar und
langweilt nicht, sticht aber nicht richtig heraus. Aber Potenzial
ist hier allemal zu erkennen und ich bin auf die weitere Entwick¬
lung der Band gespannt. (32:56) (6) Arndt Aldenhoven
WITH OPEN ARMS Demo CD-R
withopenarms.de | Mit ihrer selbst betitelten fünf Song starken
Demo-CD geben die Münchener Newcomer ein erstes Lebens¬
zeichen von sich. Beeinflusst von Hardcore-Bands der 90er Jah¬
re, eifert man Szenegrößen wie STRIFE nach und die Grenze zum
Tough-Guy-Hardcore ist auch nicht weit. So weit, so gut, könn¬
te man jetzt denken, was aber auf die Dauer echt nervt, ist die ge¬
quält klingende Stimme des Sängers, die immer gegen die oh¬
nehin nicht innovative Rhythmusfraktion anzukämpfen scheint.
Somit leider nur Mittelmaß und auf jeden Fall überholungsbe¬
dürftig. (16:17) (5) Tobias Ernst
ZODIACS Girl CD-R
info(« thezodiacs.de | Erst mit einiger Verspätung hat dieses be¬
reits 2004 aufgenommene Demo der ZODIACS aus der Nähe
von Heilbronn den Weg zu uns gefunden. Ich muss leider sagen,
dass ich auch eigentlich hätte verzichten können. Diese Art von
Rock ist einfach nicht mein Ding. Es ist halt kein Punkrock, oder
Rock'n’Roll. Nur Rock. Kann ich nicht mal wirklich detaillierter
beschreiben, und so muss ich dann doch die Band selbst bemü¬
hen. die sich von den RED HOT CHILI PEPPERS, LED ZEPPELIN,
den STRASSENJUNGS und den DIRE STRAITS beeinflusst fühlt.
Ja, also Rock. Sag ich doch. Wie gesagt, ich mag’s nicht, aber wer
sich gerne mal in der Richtung umhört, für den sind die ZODI¬
ACS vielleicht ganz interessant. Für mich leider überhaupt nicht.
Lediglich einige vereinzelte Funk-Elemente sind hier und da
ganz interessant, zum Beispiel beim Opener „Gir!“. Das ist dann
wohl der RHCP-Einfluss. Das war’s aber auch schon. (27:46) (4)
Claudia Luck
OX-FANZINE 84
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Independent
Punk Ska O»
Anarcho-HC
Girl-Pop-Punk
Wave Gothic
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Noise-Pop Industrial '
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tanzbaren, treibenden Beat zusammenschraubt wird, wie
beim ersten Track. RADAR verlieren aber nicht an Ener¬
gie, sie bändigen sie nur, lassen sie eruptiv wieder empor¬
schießen und fahren auch bei filigranen Parts ihre Höllen¬
maschine nie gegen die Wand. Post-Rock nennt sich so et¬
was, auch wenn die Band den Begriff von sich weist. Doch
wie bei jedem guten Album, verlassen auch sie diese Gen¬
regrenzen. Psychedelisieren mit Orgel und Metallophon
ins Kraut. Akzentuierte, äußerst klare Gitarren, nur selten
mal ein Riff spielend, als harmonisierender Gegenpart. Ge¬
legentlich verliert man sich dabei in Klangfarbenspiele¬
reien, plätschert ein wenig umher. Doch mit der nächsten
tanzbaren Wendung findet man den Weg zurück, womit es
immer nur ein fast unbemerkter Schlenker bleibt. Also ein
Abstrich? Ja, ein kleiner, aber so imbedeutend wie die Her¬
kunftsstadt von RADAR. (44:20) (8) Simon Brüggemann
RICH ANDKOOL
Back To You CD/LP
noisolution.de/Indigo | Überraschung macht sich
breit: Es gibt ja doch mal wieder eine deutsche Band, die
es schafft, sich von der uninspirierten, kopierenden Mas¬
se abzuheben. Die Berliner RICH AND KOOL überzeu¬
gen auf ihrem 15 Songs starken Debüt „Back To You“ mit
einem sehr abwechslungsreichen Stilmix aus Electro und
Indie mit zum Teil schrillen englischen Gesangparts in der
Stimmlage von MEDIENGRUPPE TELEKOMMANDER. Auf
„Tous comptes faits“ wird’s sogar französisch, etwas Euro-
Trash klingt auch mal durch und „Nothing but TV“ erin¬
nert von der Rhythmik her an THE ROBOCOP KRAUS, die
Band aus unseren Landen, die schon seit Jahren unsere mu¬
sikalische Ehre rettet. (56:29) (8) Nina Maenz
ROCKET UPPERCUT
This Be a jtiful Tragedy CD
Modern Noise/Cargo | Endlich das Debüt der derzeit de¬
finitiv interessantesten Indieband aus Süddeutschland.
Wusste man bei ihrer ersten EP „The First Takes“ noch
nicht genau, in welche Richtung es gehen sollte, wurde mit
dem Wechsel an der Gitarre der Grundstein für den heu¬
tigen Sound gelegt. Dieser ganz besondere Britpop- Char¬
me, gepaart mit Genresprenkeln aus 77er Punk, Garage,
Indie, Noise, Sixties und Wave, ist genau die richtige Mi¬
schung, die ich bei so vielen Bands vermisse: das Gespür
für Arrangements und Melodien, die poppig und eingän¬
gig sind, allerdings ohne diesen penetranten Schonwasch¬
gang. ROCKET UPPERCUT können auch ruhig und melan¬
cholisch, wie die leider längst verblichenen Bands ERIC’S
TRIP, FATAL CHARMS oder THE MOTHERS. „This Beauti-
fül Tragedy“ beinhaltet, neben einigen brandneuen Songs,
weitere zum Teil neu eingespielte Highlights der bisheri¬
gen zwei Jahre, die jedoch nur auf ihrer Demo-EP oder auf
der in England erschienenen Split-Single mit THE SPELLS
erschienen waren. „Cinderella“, im Original von THE SO-
NICS, ist im ROCKET UPPERCUT-Format ist sehr gelun¬
gen. Die unverwechselbare Stimme von Bianca, die ex¬
trem hart, aber auch butterweich sein kann, nebst pop¬
pigen Background-Vocal-Arrangements verpassen „This
Beautifül Tragedy“ das gewisse Extra mit sofortigem Wie¬
dererkennungswert. Ein Debüt, das kaum noch zu toppen
ist und mit dem das gemischte Doppel von ROCKET UP¬
PERCUT seine Messlatte selbst ziemlich hoch legt. (37:57)
(9) Simon Brunner
sss
SANDSACKS
Folk Show CD
rabazco.de | Früher ausschließlich als mittelalterliche
Spielleute unterwegs, sind die Musiker aus Berlin und Hal¬
le seit vier Jahren auch mit irischem Programm unterwegs.
Nicht unklug, schließlich gibt es Parallelen im Instrumen¬
tarium der irischen und mittelalterlichen Musik. Das Pu¬
blikum scheint mit den verwandten Klängen bestens klar
zu kommen. Zwischendurch sind THE SANDSACKS ganz
angenehm, Traditionais wie „Drunken sailor“ haben einen
langen Bart, aber das gemeine Volk will es denn wohl so. Ei¬
genes Repertoire ist interessanter. Irische Stimmungsmu¬
sik, wie sie THE SANDSACKS präsentieren, ist für mich sy¬
nonym für einen verrauchten Pub, in dem das Bier in Strö¬
men fließt. Alles zu seiner Zeit. (42:44) (6) Simon Brunner
SILVER SHINE
Don’t Trust The Girl With The Chainsaw CD
Crazy Love | Ein weiterer Kracher aus Ungarn. Mit ihrem
zweiten Longplayer sind SILVER SHINE aus Budapest ei¬
nen großen Schritt nach vorne gegangen. Ihr Mix aus Psy-
chobilly und Punkrock muss sich nicht hinter etablier¬
ten Bands wie MAD SIN oder NEKROMANTIX verstecken.
Nachdem GORILLA, bester Newcomer der späten Neun¬
ziger, nicht mehr aktiv sind, bleibt es bei den dreien, die
Fahne des zeitgenössischen Psychobilly in Ungarn hoch zu
halten. Schnell sind sie an manchen Stellen, dem Slapbas-
sisten wird keine Pause gegönnt. Die Vocals leiden etwas an
Tiefe, aber durch den pointierten Einsatz von BackingVö-
cals wird auch diese Schwäche ausgeglichen. 15 Tracks mit
allen, was für Stimmung und gute Laune sorgt. Texte? Egal,
geht um nichts Wichtiges. Hauptsache es klingt gut und
macht Spaß. (50:21) (7) Robert Noy
SANTERIA & THE PORN HORNS
Rocksteady Telegraph CD
Soulfire Artists/Rough Trade | Hoffnung glomm auf, dass
die Flaute des deutschen Ska nun endlich zu Ende ist, da im
ersten Drittel dieses Albums ein schwungvoller Mix aus LI¬
BERATOR, Johnny Socko und PORKERS zu hören ist, der
Überhit: „Höher, schneller, weiter“. Leider nehmen nach
etwa der Hälfte der Spielzeit die schwerfälligen Reggae
Roots überhand und das Blatt wendet sich. Meine Tanzlau¬
ne endet beim unsäglichen David Hasselhoff-Chart-Hit-
Cover „Looking for freedom“. Am Boden der Tatsachen an-
gekommen, stelle ich erneut fest, dass es trotz einer Reihe
begnadeter Musiker noch viel in Deutschland zu tun gibt,
um dem alten Haudegen Ska wieder auf die Beine zu hel¬
fen. (59:51) (6) Simon Brunner
SGT. SUNSHINE
Black Hole CD
elektrohasch.de | In Schweden scheint sich im Stoner-,
und Psychedelic-Rock-Sektor derzeit einiges zu tun, und
SGT. SUNSHINE legen alles andere als ein weiteres plat¬
tes Riff-Rock-Album vor. Auf „Black Hole“ wird geff ickelt,
was das Zeug hält, und man tut sich schwer, die vielen Tra¬
ditionen auseinanderzuhören, an welche das Trio um Edu-
ardo Fernandez anknüpft. Viel 60er-Jahre-Psychedelisches
findet sich hier (frühe PINK FLOYD), aber auch Avancier¬
tes aus den 90ern hat deutliche Spuren hinterlassen (PRI¬
MUS kennen die drei Schweden sicher gut) und insgesamt
läuft das Ganze für mich auf nichts so recht hinaus, das
heißt, man bewegt sich zwischen den Vorbildern hin und
her, ohne wirklich was Überzeugendes dabei zu kreieren;
aber mit pseudo-avantgardistischer Drogenmusik hab ich
halt noch nie so recht was anfangen können. (50:58) (6)
Simon Loidl
SCARROTS
The Sound Of Being Lost CD
funtimerecords.com | Belgien überrascht seit ein paar
Jahren mit äußerst kreativen Bands wie zum Beispiel
SOULWAX oder neuerdings auch GOOSE, die einen hohen
Wiedererkennungswert besitzen und etwas Eigenes ent¬
stehen lassen. Das Sextett SCARROTS aus Leuven setzt eher
auf klassische Rock-Attitüden und hat sich amerikani¬
sche College-Rock ä la WEEZER und JIMMY EAT WORLD
zum Vorbild genommen. In Belgien haben sie schon auf
den auch hierzulande bekannten Festivals wie Pukkelpop
oder RockTernat gespielt und live macht die seit zehn Jah¬
ren bestehende Band mit Sicherheit Spaß. Doch auf ihrem
neuen Album „The Sound Of Being Lost“ bleiben sie eher
belanglos und schaffen es nicht, sich eine eigene Note zu
geben. (35:52) (5) Nina Maenz
SHADOW REICHENSTEIN
It’s Monster Rock CD
fiendforce.de/ Cargo | Ob wohl jemand auf die Idee kam,
die aus Dallas, Texas stammenden Deathrocker anlässlich
ihres Auftrittes beim Solinger Fiendforce-Festival zwecks
Fotoaufnahmen an die
dortige Bushaltestel¬
le „Werwolf zu führen?
Gepasst hätte das ja wie
die Faust aufs Auge, denn
die Band des Herrn Rei¬
chenstein (lustigerwei¬
se ist das auch der Name
eines Ford-Autohauses
in meiner Heimatstadt,
was die Sache für mich
ein gutes Stück weni¬
ger evil macht...) ist ent¬
sprechender Symbolik
und Thematik von jeher verpflichtet, ist zudem durchaus
germanophil, was sich an Bandname, Eisernes Kreuz-Logo
und so weiter erkennen lässt, zum Glück aber nicht auf die
Musik abgefärbt hat. Stumpfes RAMMSTEIN-Stampfen
oder Polka-Punk sind nicht gefragt, stattdessen lässt sich
der Monster-Rock als Mischung aus dem Goth-Rock von
BAUHAUS, der Intensität der frühen CHRISTIAN DEATH,
Dick Dale sehen Surfgitarrenläufen, spooky Orgelparts und
TIGER ARMY-likem MISFITSbilly beschreiben, und da die
Produktion des dritten Longplayers so glasklar und druck¬
voll ist, kann man auch von einer massiven Steigerung ge¬
genüber dem schon nicht schlechten, aber letztlich noch
etwas konventionellen Vorgänger „Werewolf Order“ spre¬
chen. Ein ausgesprochen gutes Album, das zwar mit reich¬
lich Horror-Klischees beladen daherkommt, aber letztlich
durch die exzellente musikalische Umsetzung besticht.
(47:26) (8) Joachim Hiller
STUERTZ
So lang es ohne Luftholen geht CD
sopot-reCords.com/Alive | Komischer Name für eine
Band, STUERTZ, oder nicht? Hinter STUERTZ steckt ein
Mann, nämlich Sebastian Stuertz, der seine Musik mit ei¬
ner nach ihm benannten Band vorträgt. Na gut, für Namen
kann ja niemand etwas. „So lange es ohne Luftholen geht“
enthält elf pfiffige und wortgewandte Lieder über Leben
und Liebe, Schweden und Pferde und das unbekannte Du.
STUERTZ gehören zur „neuen" Generation intelligen¬
ter deutscher Künstler wie KETTCAR, Olli Schulz, TOM-
TE, MADSEN, Max Schröder und wie sie alle heißen. Da ist
es wenig verwunderlich, dass auch die Produktionskory¬
phäe der deutschen Popmusik, Chris von Rautenkranz, am
Entstehungsprozess dieser Platte beteiligt war. „So lange es
ohne Luftholen geht“ ist neues Futter für alle diejenigen,
die sich für die Musik der oben genannten Künstler begeis¬
tern können. Ich bin schon satt, und deshalb wird es für
mich noch lange ohne STUERTZ gehen. (42:28) (6)
Arne Koepke
SIDEBURN
The Sun CD
Buzzville/Pirate Smile | Bis zum Schluss habe ich diese
CD nicht in meinen Player eingelegt, befürchtete ich doch
allzu sehr, rein aufgrund der Optik der vier Herren aus
Schweden, mir erneut von zähflüssigem Stoner-Rock den
Tag versauen lassen zu müssen. Wenngleich ich nicht unbe¬
dingt vollkommen konform mit dem gehe, was SIDEBURN
hier abliefern, haben sich meine Befürchtungen nicht voll¬
kommen bewahrheitet. Alles dreht sich hier vielmehr um
dreckigen Hardrock, der natürlich nicht ohne die üblichen
Klischees auskommt, der aber näher an den besseren Bands
der 70er Epoche dran ist, als die meisten anderen. Aber
schön aufpassen, dass sich die Haare und Bärte nicht in den
Instrumenten verfangen... (63:55) (5) Claus Wittwer
BORIS SUJDOVIC
Fuzz Machine MCD
bang-records.net/Munster | Boris Sujdovic ist Bassist und
kommt aus Australien. Und so hat er in den vergangen Jah¬
ren bei den SCIENTISTS, BEASTS OF BOURBON und den
DUBROVNIKS gespielt, aber für sein Solo-Album die Vier-
saitige gar nicht in die Hand genommen, sondern eine bra¬
chiale Fuzz-Gitarrenorgie zelebriert. Dazu gibt’s kernigen,
sich aber eher im Hintergrund haltenden Gesang und et¬
was monotones, aber druckvolles Drumming aus einem
kleinen Kasten mit Knöpfen dran. Klingt für mich wie eine
Mischung aus JESUS & MARY CHAIN und COSMIC PSY-
CHOS - und ist laut Boris die perfekte Musik, um - richtig
laut gespielt - morgens um drei die hippen Nachbarn, die
den ganzen Tag mit Emo-Shit nerven, mal in Sachen guter
Musik zu unterweisen. Das kann ich nur unterschreiben,
und wer derben Aussie-Rock liebt, der hat an dieser prin¬
zipiell aber recht unspektakulären EP sicher seinen Spaß.
(20:05) (6) Joachim Hiller
SEE YOU NEXT TUESDAY
Parasite CD
ferretstyle.com | Das Info nennt die Musik auf SEE YOU
NEXT TUESDAYs „Parasite“-CD Stresscore. Ich würde sa¬
gen: Stresscore to the max. Auch wenn der Vierer aus Mi¬
chigan sich erst vor zweieinhalb Jahren zusammentat,
nicht ohne zu Beginn die Instrumente zu tauschen, haben
SEE YOU NEXT TUESDAY doch ein hohes Level an Perfek¬
tion erreicht und spielen in derselben Liga wie THE RED
CHORD oder CONVERGE, an die sie mich doch einige
Male erinnern. Die Songs sind wie eine Achterbahnfahrt
auf LSD, nehme ich zumindest mal an. Wirre, wilde Gitar-
renriffs, die aus Prinzip nicht zweimal pro Song gespielt
werden, komplexes Drumming und gekreischt/ gegrowl-
ter Gesang, wobei die Texte wohl eher zu den Lustigen ge¬
hören, oder wer denkt sich Songtitel wie: „Baby, you make
me wish I had three hands“ aus? Coole Scheibe mit stylis-
hem Cover für seelisch gefestigte Zeitgenossen. (18:53) (7)
Ollie Fröhlich
SACRED COWBOYS
Cold Harvest LP/CD
bang-records.net/Cargo | Die Rückkehr einer weiteren
alten Aussie-Band. Frontmann Garry Gray gründete die
SACRED COWBOYS schon 1982, hatte aber zuvor schon
mit THE REALS (1975-76) und THE NEGATIVES (1977-
79) Musik gemacht. 1982 dann begann er mit seiner neu¬
en Formation durch die Clubs und Bars von Melbourne zu
ziehen, man nahm bis zum ersten Split 1985 zwei Singles,
eine EP sowie ein Album für New Rose auf, und zwei Jah¬
re später war Gray mit einem neuen Line-up zurück, das
bis 1996 durchhielt und in dieser Zeit die CD-EP „Black
City“ veröffentlichte sowie das zweite Album „The Things
To Come“, 1996 erschienen. Seit August 2006 sind die
SACRED COWBOYS nun wieder aktiv, mit einem gewissen
Spencer P. Jones an der einen Gitarre (yep, der Herr von
den BEASTS OF BOURBON) und Penny Ikinger an der an¬
deren. „Cold Harvest“ ist der erste Release der reaktivierten
Band, und wer immer sich als Fan australischer Rockmu¬
sik bezeichnet, wird hieran seine Freude haben. „Cold Har¬
vest“ erinnert mich in seiner relaxten Eleganz an eine Mi¬
schung aus VELVET UNDERGROUND und THE CHURCH,
ergänzt um die Wärme der CELIBATE RIFLES und die
Knarzigkeit der BEASTS OF BOURBON, doch eigentlich
ist es vermessen, eine so altgediente Aussie-Band mit ande¬
ren Bands aus jener Zeit zu vergleichen. „Cold Harvest“ ist
jedenfalls ein rundum begeisterndes, urwüchsiges Album,
dessen LP-Version. mit „Trouble from Providence“ einen
Bonus-Song enthält - das erneut eingespielte Alex Chil-
ton-Cover „Bangkok“ ist auf beiden Formaten enthalten.
(38:48) (8) Joachim Hiller
STATU ES
New People Make Us Nervous 12“
ptrashrecords.com | Was machen eigentlich die BRIEFS?
Lange nichts mehr gehört von den geschätzten Pop-Punk-
Meistern. Nun, bis es neue Lebenszeichen aus Nordwest
gibt, greifen wir auch
mal gerne zu den STA-
TUES aus Sudbury, Ka¬
nada. Die hatten vor zwei
Jahren schon ein beach¬
tenswertes Debüt na¬
mens „Aux.“ via Pelado
veröffentlicht und mit
gleich 15 Power-Pop-
Punk-Perlen begeistert,
die erstaunlich britisch
klangen. Zwei Kleinfor¬
mate später erscheint
nun in Zusammenarbeit
von Radio 81 Records aus Montreal und P.Trash aus Bie¬
lefeld die neue 8-Song-12“, die schon alleine durch ihre
Verpackung gefällt, ein neongelb bedrucktes Siebdruck¬
cover. Exzellente Produktion, druckvolles Schlagzeugspiel,
herrliche Melodien, das klingt nach einer Mischung aus
THE JAM,Ted Leo, BRIEFS und RIFLES, ist allerbeste Gute-
Laune-Musik und findet seinen Höhepunkt im auf der ak¬
tuellen Ox-CD zu hörenden „Living in lines“. Perfekt! (9)
Joachim Hiller
► Auf der Ox-CD zu hören.
SOUL INVADERS
A Kiss So Sweet CD
soul-invaders.de | „Raw Power Rock nach alter Väter Sit¬
te“, nennen die SOUL INVADERS selbst ihren Sound, und
die Papas der Hagener sind unüberhörbar Keith Morris,
Glenn Danzig und Mr. Biafara - auch wenn ein detaillier¬
ter Vaterschaftstest wohl ans Licht bringen würde, dass da
noch manch anderer seine Gene zu diesem gut gelunge¬
nen Bastard beigesteuert hat. Es gibt also düsteren, aggressi¬
ven Psycho-Rock mir reichlich Ohoho-Chören, der Ami-
Hardcore und -Punk ältester Schule zugeneigt ist, gerne
auch Angst einflößend irre wird (man nehme als Beispiel
nur mal Songtitel wie „Bloodred soul in a bleeding age“)
und sich einen feuchten Dreck darum schert, was in den
letzten Jahren aktuell war oder es momentan ist. Ich wage
sogar zu bezweifeln, dass überhaupt einer der SOUL IN¬
VADERS sich seit 1986 noch neue Platten in den Schrank
gestellt hat. Aber das ist auch gut so, denn es funktioniert
hervorragend! Angst einflößend finde ich aber auch die in
Schlangenoptik gehaltene Verpackung des Digipaks, denn
im direkten Vergleich zur hebevoll gemachten, mundge¬
küssten und limitierten LP-Version auf farbigem Vinyl ist
die CD irgendwie abartig hässlich. Aber hat auch was, vor
allem wegen des Inside-Out-Drucks (die lackierte Sei¬
te der Verpackung ist innen, die unbeschichtete Pappe au¬
ßen), wodurch sie sich sehr geschmeidig anfasst. (36:03)
(9) Jan Eckhoff
SCUT
This Is How It Feels When You Stumble CD
alison-records.de/Cargo | Und ewig leidet die Emoband.
Doch das ist Selbstzweck, SCUT schwelgen eben lieber in
Melancholie als wütend auf die Pauke zu hauen. Dabei be¬
sitzt das Wiesbadener Quartett durchaus das Know-how,
um druckvolle Songs zu spielen. Sie sind ein Fallbeispiel für
Emocore der späten Neunziger, für Absolventen der JIM¬
MY EAT WORLD-Schule. Schrammelpop, der sich schi¬
er endlos steigert und doch nie ankommt im unkontrol¬
lierten Ausbruch. Lange Instrumental-Passagen, immer die
gleiche Kombination aus dick geschichteten Gitarren und
bittersüßen Intervallen. Das ewige Crescendo. Unbestrit¬
ten sind SCUT gut eingespielt, technisch ist an ihrer Platte
nichts auszusetzen, innerhalb des engen Korsetts ist sie so¬
gar abwechslungsreich. Leider kommen SCUT aber viel zu
spät. Inzwischen haben sich viele Bands schon wieder auf¬
gelöst, die um die Jahrtausendwende im Emo-Zug führen
- auf dem Trittbrett. Und während ich den Resteaufguss ei¬
nes totgespielten Genres höre, überwältigen mich meine
Gefühle. Emo 2007: Das ist zum Heulen. (40:19) (3)
Arne Koepke
SE SICHELZECKEN
Was soll das sein, eine Generation? CD
katzeplatten.de | Der Plan der Köln-Mühlheimer Rocker¬
legende BIONIC ELBOWS ist zu 50 Prozent aufgegangen:
Eine beschissene Doitschpank-Band mit einem noch be¬
schissenerem Namen zu machen. Nach einem Live-Tape
und dem selbstgerösteten „Affenmann“-Demo, das sich
unter der Ladentheke mehrere Million Mal verkauft haben
soll, liegt nun also der erste Full-Length Wahnsinn zum Ve-
riss bereit. Und obwohl Plattenverreißen eine meiner we¬
nigen Stärken ist, fallt mir hier verdammt noch mal kein
Manko auf: Diese Platte gehört in den Himmel gelobt! Ein
Geniestreich jagt den nächsten. Kein einziger schwacher
Song weit und breit. Anspieltip: Lied 1 bis 14. Klar erinnert
der respektlos schiefe Gesang und auch der Humor schwer
an Claus KNOCHENFABRIK, und der ist bekanntlich un¬
antastbar. Aber wer sich diese verrückte Kacke aus dem Är¬
mel geschüttelt hat, braucht sich wirklich nicht zu verste¬
cken. Man munkelt, dass das Grillenwesen, Oile Lachpan¬
sen (übrigens ein kleines kiffendes Männlein, das hyper¬
aktiv das D.I.Y.-Ding pusht, unter anderem verantwortlich
für Katze Platten), Kiba Kalkei, der Gilb und das Phantom
auch live einiges hermachen sollen. Noch ein Tipp, be¬
vor ich die Tastatur vollejakuliere: Geh zum Plattenhänd¬
ler deines Vertrauens, leg fünf Oiro auf die Theke und finde
deinen Weg ins Doitschpunk-Nirvana. Jetzt! (45:52) (10)
Mario Turiaux
SECOND FROM THE SURFACE
The Streets Have Eyes CD
thisdarkreign.com | Ich liebe innovativen Crust, Grind,
Powerviolence, Thrash, Metal - aggressive Musik. Würden
alle Songs wie „Black vomit“ ausfallen, wäre „The Streets
Have Eyes“ eine richtig geile Hardcoreplatte mit einem ge¬
hörigen Schuss Metal. Musikalisch-technisch gesehen erste
Sahne, aber richtig gute Songs gehen auch ins Ohr, was lei¬
der nur bei besagter Ausnahme der Fall ist. Was hier fehlt, ist
Dynamik. ASFTS prügeln einem zehn Songs vor die Füße,
und alle sind aus dem gleichen Holz geschnitzt. Trotz kur¬
zer Gesamtspielzeit anstrengend und langweilig. (20:00)
(4) Simon Brunner
VÄMPISOUL-NEWS!
Saludos Amigos! Der Verano kann kommen - und man
muss bei dem Klimawandel ja gar nicht mehr imbedingt
auf die Iberische Halbinsel, um bei den neusten Vampi-
soul-Releases aus Madrid ins Schwitzen zu kommen. Bei
fast 30 Grad schon im Primavera geht das auch in Berlin
oder Köln.
Dabei kommt der Sampler „Gözalo! - Bugalü Tropi-
cal Vol. 1“ eher aus noch heißeren Ecken aus den tro¬
pischen 60s Südamerikas! Da das Boogaloo Fever, eine Art
Northern Soul Südamerikas, nun auch die unterkühlten
Nordländer erreicht hat, ist dieses Teil ein echtes Must un¬
ter den Chicos und Chulos in den Barrios von Kreuzberg
bis Chorweiler (ähem). Namen wie MARIO ALLISON Y
SU COMBO mit der Tanzaufforderung „Uno- dos-tres“
gehen mächtig in die Piernas, Charlie Palomares gibt
mit „Push push push“ die Stilrichtung dieses Sommers an,
und LOS HILTON’S sorgen gar mit der Retro-Nummer
„Hilton’s descarga“ bei Paris H. für mächtigen Sex-Appeal
beim Boogaloo - auch Cumbias und verschärfter Latino
Soul sind dabei.
Wem das wie mir nach einem Langstreckenflug von Lima
via Caracas nach Madrid wegen des miesen Bordservices
der Iberia Airlines zu viel wird, kann sich auch bei gepfleg¬
ten Jazz Bossas und Easy ListeningTunes des Peruaners Nilo
Espinosa und dem Release „Shaken, Not Stirred“ in
der Bar des Circulo de Bellas Artes in Madrid einige Cai-
pirinhas wegnippen. Coole Coverversions von unter ande¬
rem „El bueno, el feo y el malo“ aka „The good, the bad and
the ugly“ von Ennio Morricone oder gar „Light my fire“
kommen latinisch, jazzig, und die Dame nebenan wird ei¬
nen gepflegten Macho doch nicht abservieren!
Wem das alles jetzt wie großes Kino vorkommt, der könn -
te auch an dem Soundtrack des Kultfilms „El Emajador
Y Yo“ gefallen finden, wo jener leichte Swing der 60s vor¬
herrscht, als wäre das Frühstück bei Tiffany’s einfach ein
Desayuno im Cafe del Parque auf Ibiza. Aber auch „Sexy
surf' oder „The ciimate“ lassen auf heiße Tage auf der In¬
sel hoffen - alles komponiert von einem gewissen Jaime
Delgado Aparicio - ein Meister des gehobenen Easy Lis-
tenings.
Wenn die Noche naht, dann sollte man sich bewegen, zum
Beispiel ins Lolas, wo eine soulige Funky Session aus den
frühen Jahren des Detroit Souls mit Leuten wie Dennys
Coffey oder Nathaniel Mayer beginnt, dann mit Latin
Soul-Legenden wie Willle Bobo weitergeht und schlie߬
lich mit einem gewissen Che aus Brasilien endet - al¬
les zu hören auf der erstklassigen Cheapo-CD-Compila¬
tion „Movers“, die nur als Doppelyinyl teurer zu stehen
kommt. Ähnlich verhält es sich mit der 2CD „Sensaci-
onal Soul“ - nicht weniger als 37 spanische Soul-Com¬
bos aus den späten 60ern bis Mitte der 70er lassen unsere
Piernas nun im El Grial Club swingen, egal ob sie nun LOS
BUENOS heißen, oder ein Frank Miller & seine HIS-
PANIA SOUL -Combo dem „Melenas club“ einheizen.
Grundsätzlich muss man sagen, dies ist wohl die umfas¬
sendste Raritäten-Sammlung in Sachen spanischen Souls
ever - nicht nur eine Bereicherung für alle, die sonst gerne
Northern Soul hören.
Auch nicht von schlechten Latino-Eltern ist die Compi¬
lation „Explosivos - Deep Soul From The Latin“,
bei der jene atemberaubende Mischung aus afrokubani-
schen Rhythmen und schwarzen Detroit Soul auf diver¬
sen 7“s aus den guten alten 60ern gerettet wurden, um nun
Menschen wie mir den definitiven Chulo-Sound zu mi¬
xen. Mehr als nur retro und auch als schicke Vinylausgabe
zu bekommen, explodieren dabei nicht nur Fans aus dem
Süden - auch wenn es hier etwas weniger Latin beionte
Nummern gibt.
Auch nichts für all jene Spezialisten, die meinen, pu¬
ren Northern Soul, Early R&B oder gar Funk dürfte man
nicht auf eüie Compilation bringen, ist „Crash Of The
Thunder“ - der aber prächtig auf der Fähre „Botafoc“ an ¬
kommt. NYC-DJ Mr. Fine Wine weiß halt, wo der Hammer
hängt, wenn er alte rare Perlen aneinanderreiht, wie PRE-
SIDENTS’ Version von Otis Redings „Nobody’s fault but
mine“ - oder Wayne Chocran als Funksoulbrother.
Zum Abschluss jagen wir dann noch rüber nach Alican¬
te, um im angesagten Club Desden gegen 5 Uhr morgens
noch die Session der SOUL SEARCHERS zu erleben:
„Blow Your Whistle“ ist heißer Afro Soul Funk der frü¬
hen 70s, angereichert mit ein paar brandneuen Tracks die¬
ser Legenden um Chuck Brown, der nach dem Tod von Ja¬
mes Brown nun fast allein im weiten Feld der noch aktiven
frühen Soulstars steht und dessen Musik ein Beispiel für
zeitlose Grooves und Oldschool-Breakbeats ist. Los Roots
sozusagen.
Danach genehmige ich mir die Alte Lady des bluesigen
Souls, die schon immer wusste, dass „Black Is Brown,
Brown“ ist, und die mit intensiver Stimme wie der ge¬
krönte Absacker kommt - Deep Soul mit Blues von Ruth
Brown eben! Und was, por favor, soll ich jetzt um 8 Uhr
morgens an der Playa ten Bossa hören? Am besten einfach
das Meeresrauschen im Arm einer unbekannten Chica,
denn die nächste Vampisoul-Nacht kommt bestimmt! Sa¬
ludos, hasta pronto.
Frank Castro, Aachen/Madrid vampisoul.com
OX-FANZINE 85
REVIEWS
SCRAPS OF TAPE
This Is A Copy Is This A Copy CD
Tender Version | Für dieses Album braucht man Zeit. Zeit,
in der man sich es bequem macht und sich einfach nur der
Musik hingeben kann. Denn die junge Band aus Schweden,
die hier zum ersten Mal auf sich aufmerksam macht, ver¬
langt, dass man sich mit all seinen Sinnen auf ihre Songs
konzentriert. Dazu haben sie fast komplett auf den Gesang
verzichtet - wer braucht schon Texte, die eh nur ablen¬
ken würden? Für Leute, die FROM MONUMENT TO MAS-
SES, BLACK HEART PROCESSION und ISIS gut finden, ist
SCRAPS OF TAPE vielleicht nichts Neues mehr, aber wie
viel ist Innovation gegenüber der kompletten Entspannung
schon wert? Es ist wirklich schön, wie sehr man sich als
Hörer in der Musik der Malmöer verlieren kann und dabei
seine eigene Traumwelt aufbaut. Wie gesagt, dass Ganze ist
nicht vollkommen neu und gegen Mitte der zehn Songs ein
bisschen langatmig, aber dafür auch immer wieder schön.
(7) Sebastian Wahle
SPOOKSHOW
Psychosexual Chapter 2 CD
Wolverine/Soulfood | Der zweite Longplayer der sym¬
pathischen Horror-Schweden um Sängerin Miss Behave
schlägt eindeutig in die gleiche Kerbe wie schon sein Vor¬
gänger „Psychosexual Chapter 1 “. Streckenweise weiß man
gar nicht, welches Lied von welcher CD gerade läuft, was
natürlich nicht gerade für Abwechslungsreichtum spricht,
doch wer schon das Debüt der SPOOKSHOWs mochte,
wird hier ebenso glücklich.Vierzehn poppige Bubblegum -
Punkrock-Nummern der Marke „Saturday night“ (MIS-
FITS) oder auch „Merry christmas“ (RAMONES) werden
hier zum Besten gegeben, mal schneller und mal im Mid-
tempo-Bereich, jedoch immer einfach gestrickt und mit
vielen Ohhhs und Ahhhs bestückt. Als Anspieltips wür¬
de ich vielleicht „I can but I won’t“, „Talk about the living
dead“ und auch „So lonely I could die“ vorschlagen. Man
darf auch auf die wenigen Deutschland-Shows (zum Bei¬
spiel in Essen) Ende August gespannt sein. (31:10) (7)
Ross Feratu
SCHOOL
Espionage CD
Kong Tiki/ Indigo | THE SCHOOL sind Methadon für die
melodiöse New Wave-Fraktion, die einerseits ihr Herz
an DEVO, die frühen XTC und die TALKING HEADS ver¬
schwendet hat, anderer¬
seits aber auch einer for¬
schen Rock’n’Roll-Liai-
son mit den HIVES und
QOTSA aufgeschlossen
gegenübersteht. Die Band
geht extrem frisch und
unverbraucht ans Werk
und die Handschrift des
Produzenten John Fry-
er (NIN, HIM, DEPECHE
MODE) nimmt man als
nicht wirklich prägend
wahr. Allerdings schleift
sich soviel ungehemmter Frohsinn und Partysound relativ
schnell ab und lässt das Album auf kompletter Distanz et¬
was facettenlos zurück, obgleich es nicht langweilig wird -
dennoch: spätestens nach dem fünften Song wünscht man
sich einen Rhythmuswechsel. Was bleibt ist ein solides Al¬
bum für Nostalgiker, und in Norwegen ist „Espionage“ im¬
merhin gut für eine Grammy-Nominierung in der Kate¬
gorie „Bestes Rockalbum". Anspieltip: das hymnische „100
miles“. (37:37) (7) MarkusKolodziej
SYDÄN SYDÄN
Au CD
nordic-notes.de/Broken Silence | Finnischer Crossover,
hier treffen komplexe Songstrukturen auf popähnliche
Harmonien. Im internationalen Vergleich drängen sich vor
allem NOMEANSNO und BOB HUND auf, national wä¬
ren KOMETA und DEEP TURTLE zu nennen. Neben bra¬
chialen Gitarrenwänden und nervösen Geff ickel haben die
vier von SYDÄN SYDÄN auch genügend humorvolle Ein¬
fälle, wie zum Beispiel kurze Ausflüge in den Off-Beat bei
„Koira“ oder eine fünky Einlage in „Muurahainen“. Die 14
Songs auf „Au“ sind nicht immer wohlgefällig, aber dafür
sehr abwechslungsreich. (48:26) (6) Kay Wedel
SMELLY CAPS
s/t CD
smellycaps.com/Amöbenklang | Drei jahre nach dem ers¬
ten Demo kommt nun das Debütalbum der SMELLY CAPS.
Aber wer schon soviel erlebt hat, wie die fünf Hannove¬
raner, der hat auch keine Eile mehr, sondern lässt die Al¬
terweisheit walten. Und einiges auf dem Buckel haben die
Bandmitglieder in der Tat schon, spielten sie doch bereits
in so illustren Kapellen wie den ABSTÜRZENDEN BRIEF¬
TAUBEN oder den BOSKOPS und haben somit ja praktisch
den Punk seinerzeit in Hannover mit eingeführt. Aber wie
das nun mal so ist, ganz aufhören kann und will man dann
auch noch nicht. So lange die morschen Knochen da noch
mitmachen, geht das ja auch noch. Und jetzt gibt es also
das erste Album der SMELLY CAPS. Zwölf Stücke schmis¬
siger Punkrock mit vielen Überraschungen und eingängi¬
gem Songwriting. Parallelen gibt es viele, direkte Vergleiche
schenke ich mir. Nur sei mal die Hamburger Band NOI-
SE ANNOYS erwähnt, denn an die werde ich ob des präg¬
nanten Gesangs immer wieder erinnert. Musikalisch sind
die SMELLY CAPS allerdings etwas rotziger und direkter.
Schön wenn die alte Garde mal wieder hochkommt und
dem Nachwuchs zeigt, wie Punkrock funktioniert. (34:55)
(7) Abel Gebhardt
SIX FEETUNDER
Commandment CD
metalblade.de | Schon seit geraumer Zeit habe ich das
Schaffen um Grunz-Ikone Chris Barnes und seinen Man¬
nen nicht mehr mitverfolgt, da außer unsäglichen Cover¬
platten und stumpf-monotonen regulären Alben nichts
dabei rausgekommen ist, was mich auch nur annährend
interessiert hätte. Jetzt also muss ich mir doch mal wie¬
der eine Platte der Todesmetaller geben, und ich bin ehrlich
überrascht. SIX FEET UNDER scheinen sich wieder auf ihre
Stärken zu besinnen und grooven mit gedrosseltem Tempo
durch ihre goreigen Songs. Wer seit „Maximum Violence“
immer vergebens in eine SIX FEET UNDER-Platte reinhör¬
te, sollte sich durchaus mal trauen, hier ein oder zwei Oh¬
ren zu riskieren. Endlich wieder ein Album ohne fehlge¬
schlagene Coversongs und musikalischen Entgleisungen.
Gefällt! Uwe Kubassa
SYNONYMENSCH
Sinnbild im Nichts CD
majorabel.de | TON STEINE SCHERBEN spielen wie¬
der zusammen und imvergessen bleibt derjenige Musiker,
der nicht mehr dabei sein kann: Rio Reiser. Dennoch ist er
noch omnipotent, und in den Hinterhöfen von Greiz ver¬
sucht man, an seine Genialität heranzureichen. SYNONY¬
MENSCH aus dem besagten Dörfchen in Thüringen probt
das gleich mehrgleisig, klaut vom Punkrock den Rock und
dem Singer/Songwriter die kritischen, nachdenklich-po¬
etischen Texte. Wunderbar ist das Ergebnis, und erst nach¬
dem ich das Stück „Duft deiner Kleider“ gehört hatte, war
mir klar, dass bis dahin etwas in meinem Leben gefehlt hat.
Wow. Der rote Faden der Platte? „Deutsche Texte, leicht
verständlich, aber schwer zu glauben.“ Erstaunlich ist die
Wandelbarkeit der Band:Tiefsinnige Grübeleien verschlin¬
gen sich mit balladesken Liebeslieder, im nächsten Mo¬
ment malträtieren Schlagzeuger und Bassgitarrist ihre In¬
strumente und die starke Stimme des Sängers Thomas Sta-
ege schaltet um: von ruhig-nachdenklich auf rotzig-pro¬
vokant. Insgesamt eine Platte, die wirkt - und nachwirkt.
(53:13) (8) Katrin Schneider
STOLEN CARS
Can’t Stop Thee CD
ammoniarecords.it | Vier adrette Herren, in feinen Zwirn
gewandet, mit Abschlepper-Sonnenbrillen und eigenar¬
tigen Kinnbärtchen ausgestattet, musizieren nun schon
seit bald zwanzig Jahren miteinander im sonnigen Flo¬
renz. Begannen sie als reine Garage-Truppe, nicht unähn¬
lich dem, was ihre Landsmänner von SICK ROSE produ¬
zierten, so zeigen sie sich heutzutage, mit ihrem ersten Al¬
bum nach einer ewig langen Schaffenspause, etwas vielsei¬
tiger. Inspirationsquellen liegen im weiten Feld zwischen
KINKS, amerikanischen 6Os-Garage-Bands der 80er (vor
allem späte MIRACLE WORKERS) und Powerpop im Stil
der REAL KIDS oder auch CHEAP TRICK. Dabei spielen sie
recht laute elektrische Gitarren durch noch lautere Verstär¬
keranlagen, schreien beim Gesang, wenn es sein muss, auch
mal ordentlich und hinterlassen auf ihrem Ritt durch elf
eigene Songs und ein Cover („Hey little bird“) verbrannte
Erde. Ein schönes schnelles und wildes Album, wenn’s mal
nicht so sehr auf die Feinheiten ankommen soll. (7)
Gereon Helmer
SALEM
Necessary Evil CD
Season Of Mist | Bitte nicht mit SALEM auf Fiddler Re¬
cords verwechseln, denn hier handelt es sich um die israe¬
lische Metal-Band, die seit 1985 aktiv ist und deren Album
„Kaddish“ für eine Diskussion im israelischen Parlament
sorgte, ob Metal-Bands über den Holocaust schreiben dür¬
fen. Ich glaube, da gibt es einen Präzedenzfall namens „An¬
gel Of Death“, aber lassen wir das. Das Promosheet ver¬
spricht mir, dass „Necessary Evil“ jedem „Jihadisten ein
,Bei Jesus*“ entlocken soll, was gut möglich ist, denn für
ihr fortgeschrittenes Alter hat sich die Band gut gehalten
und lässt so manche Metalcore-Band ziemlich blass aus-
sehen. Meine anfängliche Skepsis wich nach und nach der
Überzeugung, dass SALEM durchaus Klasse haben, da hier
röhrende SEPULTURA-Riffs aufVocals treffen, die wie in
„Strife“ an frühe DEATH erinnern, und zwischendurch in¬
tegrieren SALEM die eine oder andere SLAYER-Adaption.
Wirklich interessant wird diese brilliante Kopie, wenn ori¬
entalische Gesangslinien und Gitarrenläufe in den Songs
auftauchen. Das ist eben nicht alltäglich und die technische
Perfektion der Musiker spricht für sich. Ein absolutes Muss
für Metal-Fans der alten Schule. (62:22) (7)
Thomas Eberhardt
MARK SULTAN
The Sultanic Verses CD
intheredrecords.com | Wer jemals das Vergnügen hatte,
Mark Sultan ganz solo oder im Rahmen eines Duo-Auftrit¬
tes mit King Khan live zu sehen, wird mir zustimmen, dass
der da als BBQ auftreten¬
de Kanadier und Wahl-
Berliner, Ex-Drum-
mer der LES SEXAREE-
NOS und Ex-Singer der
SPACESHITS, einer der
begnadetsten Solo-Per¬
former des Garage-Un¬
dergrounds ist. Seine Lie¬
der sind ergreifende klei¬
ne Pop-Songs, irgendwo
zwischen R’n’B, Gara¬
ge, Soul und Rock’n’Roll,
und konsequenterwei¬
se hat Mr. Sultan sein Soloalbum auch fast alleine einge¬
spielt, nur hier .und da hat mal ein Freund geholfen. Frei¬
lich - und darauf weist Mark im Booklet hin - ist das Ganze
keine lupenreine One-Man-Show, kommen doch auch ein
paar Studiotricksereien zum Einsatz, und gemastert wurde
das Werk von Jay Reatard. Mit den in letzter Zeit überhand
nehmenden und meist todlangweiligen Soloplatten von
unglücklichen Ex-Frontmännern irgendwelcher Hardco-
re- imd Emo-Bands hat das hier rein gar nichts zu tun, das
ist kein belangloses Lagerfeuer-Wandergitarren-Geklamp-
fe, sondern die pure Essenz des Rock’n’Rolls, und wenn es
derzeit einen legitimen Nachfolger des viel zu jung ver¬
storbenen Eddie Cochran gibt, dann ist das Mark Sultan. Er¬
greifend großartig! (29:24) (9) Joachim Hiller
SABOTEUR / MOCKINGBIRD NIGHTMARE /
RED LIGHT GREEN LIGHT
Split CD
Engineer | SABOTEUR aus Dallas, Texas, bilden den Auf¬
takt dieser SpUtveröffentlichimg im Digipak und können
schon beim zweiten Song etliche Bonuspunkte auf ihrem
Konto verbuchen. Sie spielen krachigen Postcore mit eu¬
phorischen Refrains, werden nie weinerlich, sondern set¬
zen auf Uptempo-Passagen, Reibeisen-Vöcals und ein ge¬
sundes Maß an Wiedererkennungsmerkmalen. THE MO¬
CKINGBIRD NIGHTMARE aus England sind verspielter,
setzen auf die Leadgitarre, halten aber das Tempo der Amis.
Beim Songwriting regiert Chaos und ergänzt wird dieses
mit atmosphärischen Momenten. So begegnen sich die
zwei Bands auf Augenhöhe und machen neugierig auf RED
LIGHT GREEN LIGHT, die etwas mehr aus dem Rahmen
fallen, denn New Wave-Keyboards treffen bei dem, erneut
aus Amerika stammenden, Quintett auf Power-Violence,
Helium-Vocals und Tanzbarkeit. Mit RED LIGHT GREEN
LIGHT katapultiert sich die Split dann aus dem Mittelfeld
heraus und wird vielleicht mal zum Sammlerobjekt. Hört
euch diese Irren unbedingt an, ihre vier Songs sind wirk¬
lich überzeugend. (7) Thomas Eberhardt
SHARKSOUP
Back To The B-Sides CD
msml279.com | Entgegen allen Erwartungen handelt
es sich hier natürlich nicht um Flipsides von irgendwel¬
chen Singles, oder unveröffentlichtes Material von SHARK
SOUP aus Erlangen, sondern tun Songs aus ihrer Phase als
THE B-SIDES. Da die Lieder nie auf einem Album erschie¬
nen sind, aber durchaus das Format dazu haben, hat das
Trio die zwölfTracks neu eingespielt und vom ehemaligen
OXYMORON-Bassisten Arne Marenda aufnehmen lassen.
Herausgekommen sind etliche Rock’n’Roll-Hymnen, die
mich am ehesten an SOCIAL DISTORTION erinnern. An¬
fangs schienen mir die Songs ein wenig zu eingängig, aber
spätestens nach dem dritten Durchlauf ist man süchtig und
die anfängliche Skepsis ob des Pop-Appeals erübrigt sich
schnell. Wirklich ein kleiner Geniestreich. (31:37) (8)
Thomas Eberhardt
SPITTING OFF TALL BUILDINGS
Good Night And Good Luck CD
Exile On Mainstream | Normalerweise stehe ich ja gar
nicht so auf Schrammelrock. Aber SPITTING OFF TALL
BUILDINGS aus Berlin haben es mir echt angetan. Die
Band hat vor zwei Jahren ihr selbstbetiteltes Debüt auf
Sanctuary aufgenommen. „Good Night And Good Luck“
erscheint mm auf Exile on Mainstream, meiner Meinung
nach das beste Indielabel Deutschlands. Frontfrau ist die
attraktive Schauspielerin Jana Pallaske, die man aus „En¬
gel 8t Joe“ kennt. Und im Gegensatz zu vielen anderen mu¬
sizierenden Schauspielkollegen versteht sie etwas von ih¬
rem Metier. Mit prägnanter Stimme gibt sie ihre Gefühls¬
welt preis, wirkt dabei oft zuckersüß, manchmal angepisst
und bitterböse. Dabei wird sie von vier tollen Musikern be -
gleitet, die eine Melange aus poppigem Indierock und dre¬
ckigem Noise herbeizaubern und damit Assoziationen zu
SONICYOUTH, den PIXIES, aber auch MADE OUT OF BA-
BIES bei mir hervorrufen. Ein großer Teil der Klasse dieses
Albums geht auch auf das Konto der Produktion von Ste¬
ve Albini, die sich durch einen düsteren, atmosphärischen
Gesamtsound, einen dreckigen Bass und das stampfende,
erdige Schlagzeug auszeichnet. Der Band-Devise, die Mu¬
sik müsse „nicht perfekt, aber lebendig klingen“, konn¬
ten SOTB somit mehr als gut gerecht werden. Das Album
wird aufgrund seines Pop-Appeals zwar nicht jedem ge¬
fallen, aber für mich ist es eins der Highlights dieses Jahres.
(34:08) (9) Arndt Aldenhoven
STYRENES
CityOfWoman CD
Rent A Dog/Alive | Zwar kann ich nicht behaupten, hier
durchzublicken, aber das spielt auch eigentlich keine Rol¬
le. Fast alle Songs des Albums sind von einem Tom Wamick
geschrieben, der aber selbst nicht Mitglied der STYRENES
ist, somit handelt es sich, auch laut Bandleader Paul Ma-
rotta, eigentlich um ein Coveralbum, nur dass niemand
die Originalstücke kennt. Das dazu. Fakt ist, die Platte ist
klasse, egal wie sich die Originale anhören mögen. Vor al¬
lem ist die Platte eigen, und mit einer ordentlichen Porti¬
on Punk-Spirit, der Verschrobenheit eines Mike Watt und
einem kratzigem Gesangsstil, geht es in Richtung ... ja wo¬
hin eigentlich? Rock? Nun ja, im weitesten Sinne. Dreckig,
laut, schnell, auch mal langsam. Definitiv erwachsen und
sich nicht an gängige Statements haltend. Ich würde ger¬
ne Rock’n’Roll sagen, aber dann geht der Zug auch in die
falsche Richtung und wenn ich Punk schreibe, dann wenig
von dem, was in diesem Heft sonst als solcher gefeiert wird.
Aber von all dem viel und gut. Und wenn in diesem Kon¬
zept auch noch „When I was young“ von ERIC BURDON 8:
THE ANIM ALS auftauchen darf und ein Riff von Screaming
Lord Sutch geklaut wird, dann ist auch das schlüssig. Rein¬
hören. (36:31) (8) Claus Wittwer
► Auf der Ox-CD zu hören.
SLAGS
Run Free CD
Slag/Alive | Nun schwappt das Reunion-Fieber auch
schon auf weniger bekannte Bands über. Nun, immerhin
waren die SLAGS aus Frankfurt Anfang der Neunziger so
etwas wie der Prototyp einer reinen Frauenrockband in
Deutschland. Mit rotzig-charmanten Liedern, provokan¬
tem Auftreten und Streitereien mit dem ihrem Label Sony
und MTV konnte man sogar einen gewissen Bekanntheits¬
grad erlangen. Soviel Punk-Spirit und Streitlust sucht man
nun beim Comebackversuch „Run Free“ leider vergeb¬
lich. Gemächlich dümpelt das Album vor sich hin, beson¬
dere Höhe- oder Tiefpunkte sind nicht auszumachen. Ab
und an blitzt vielleicht mal eine nette Gitarrenmelodie auf,
der Rest ist latent schwermütiger Einheitsbrei im mittleren
Tempo, dem nicht einmal Produzentenlegende Guido Lu-
cas einen Hauch Frische einhauchen konnte. Handelte es
sich bei den SLAGS nicht tun Frauen, würde ich „Rim Free“
glatt als Altherrenrock bezeichnen. (42:33) (4)
Ingo Rothkehl
MARNIE STERN
In Advance Of The Broken Arm CD
killrockstars.com | Ein schlechter Witz vorweg: Kein Wun¬
der, dass die Sängerin und Gitarristin Marnie Stern den ge¬
brochenen Arm in den Titel ihres Debütalbums packt, wer
so wild Gitarre spielt, muss mit derartigen Nebeneffek¬
ten rechnen. Und ich habe auch kein schlechtes Gewis¬
sen mehr, dass ich nicht mal annähernd halb so gut Gi¬
tarre spiele, denn wenn man dafür mindestens drei Stun¬
den am Tag üben muss, spare ich mir gerne die Mühe. Am
Schlagzeug wird Marnie Stern dabei von Zach Hill „beglei¬
tet“ - tatsächlich ist die Gitarre durchgängig so dominant
und frickelig, dass der restliche Noise im Hintergrund fast
verblasst. Erstaunlich ist auch, dass, obwohl dieses Album *
eben nicht umsonst schwer nach HELLA klingt, es bei al¬
ler Hektik und Kakophonie gar nicht sooo anstrengend ist.
Vielleicht liegt das daran, dass die Frickel-Gitarre sich ir¬
gendwann ins Gehirn frisst und dort wie selbstverständ¬
lich klingt und großartige Melodien zum Vorschein bringt.
Vielleicht bricht das Ganze auch der helle Gesang von Mar¬
nie, der die Stücke fast zu Pop-Perlen macht und mich ein
ums andere Mal an die ehemaligen Labelkollegen und lei¬
der vergangen SLEATER-KINNEY erinnert. Vielleicht ste¬
he ich, wenn ich diese CD später zwischen DEERHOOF und
ORTHRELM ins Regal steÜe, mit meiner Definition „gar
nicht sooo anstrengend“ auch alleine da... (44:41) (8)
Chris Wilpert
A LESSON IN THE ABUSE OF INFORMATION TECHNOLOGY
Rauer, energiegeladener
"Faust-in-die-Hohe-streck'
Punkrock aus den USA!
Urt»*' 09,
mW
lasst'.'.'-
jwww.GoKartRecords.de
Feinster Pop-Punk ala BLINK 182 , NOFX, RISE AGAINST, BAD RELIGION
Kommt mit 2 unterschiedlichen Covern!
Produziert von GOLDFINGER!
OX-FANZINE 86
REVIEWS
SHITFUCKERSDICK
& THE BURNING ASSHOLES
Kill Rock’n’Roll LP
Sonic Ballroom | Kein Weg weiter als der von Köln nach
Düsseldorf. Könnte man meinen, denn gut ein Jahr ist ver¬
gangen, seit die Release-Party für das zweite Album von
SHITFUCKERS DICK & THE BURNING ASSHOLES im
Kölner Sonic Ballroom gefeiert wurde, dessen Hausband
sie gewissermaßen sind, ist Sänger Roman doch zugleich
Wirt besagten Etablissements (nebenbei auch einer meiner
liebsten Live-Clubs). Seit 1999 also touren die fünf Her¬
ren Shitfückers durch den Großraum Köln mit ihrer, wie
sie es nennen, „Mischung aus US-8Oer-HC, straightem
Drecks-Punk aller Jahrzehnte und Punk’n’Roll“. Dicks on
Speed, um es kurz zu sagen, denn es sind allesamt gestan¬
dene Punkrocker, die richtig Gas geben können, und man
riecht beinahe den Schweiß, der von der Decke tropft. Al¬
lein wovon die halb gegrunzten, halb gegrölten und ver¬
mutlich englischen Texte handeln, darüber vermag ich lei¬
der keine verlässliche Aussage zu machen. Ein Textblatt liegt
der LP wohl bei, aber was steht drauf: „lyrics? shit off, hip-
pie!“ Scheißeficker also, und doch gar nicht so prollig, wie
der Bandname befurchten lässt. Klar, das hier ist Punkrock
mit hohem Asi-Faktor. Aber: Asi mit Niveau. Kölner halt.
Ute Borchardt
SEVERED HEAD OF STATE
Power Hazard E.P. CD
havocrex.com | Auf dem aktuellsten Release der teils aus
Austin, teils aus Portland stammenden SHOS finden sich
acht neue Songs allerbesten Crustpunks, und wer statt
zur 12“ zum uncoolen
CD-Format greift, be¬
kommt zur Entschädi¬
gung noch die insgesamt
neun Tracks der „Charge
Ahead“-7“ von 2004 und
der „Fucking Butchery“-
7" von 2005 als Bonus.
Die Tracks der letzteren
beiden wurden übri¬
gens auf Mallorca im So¬
nic Temple-Studio ein¬
gespielt, in dem ja auch
TRAGEDY, die Haupt¬
band von Gitarrist Todd Burdette, gerne aufiiimmt. Wer die
schnörkellos ihre wütenden Brecher abspulende Formati¬
on, die sich 1999 gründete, bislang verpasst hat, sei an die¬
ser Stelle über ihre Zusammensetzung informiert: Sänger
Jack Control ist auch noch in WORLD BURNSTO DEATH
und war bei SCORCHED EARTH POLICY.Todd spielte einst
auch bei HIS HERO IS GONE, Bassist Kelly Halliburton war
unter anderem bei MURDER DISCO X, RESIST und DEFI-
ANCE, und Drummer Chris Pfeffer trommelt sonst unter
anderem bei STORM THE TOWER und J CHURCH. Macht
verdammt viel geballte musikalische Kompetenz, und dar¬
aus resultiert ein mit beeindruckender Durchschlagskraft
ausgestatteter, satter Sound, der einerseits zwar die seit den
frühen Achtziger ausgesteckten Grenzen des Genres nicht
verlässt, aber so sauber und perfekt ausgeführt ist, dass hier
keine Wünsche offen bleiben. Auch textlich geht’s in die
Vollen: Hier ist Hardcore noch Hardcore und nicht Tum¬
melplatz für patridiotische, christliche Hinterwäldler.
Mächtig gut. (31:10) (8) Joachim Hiller
SCARAMANGA SIX
The Dance Of Death
Wrath | Beim Cover und dem Namen des Albums hat man
schlimmstenfalls Metalcore erwartet, aber nein, die fünf
Briten liefern auf ihrem bereits vierten Album abwechs¬
lungsreichen Partyrock ab, bei dem ihre stilistische Offen¬
heit immer wieder für Überraschungen sorgt. Mal über¬
dreht, angeglamt, mal 60s-rockend, Riffs schwingend oder
gniedelnd, zeigen sie sich spielffeudig wie die späten LIBE¬
RATOR in diesem Fall mit einem nicht zu überhörenden
WORLD INFERNO-Einschlag. Auch, wenn sich das Grund¬
gerüst mancher Songs etwas angestaubt anhört, so macht
der hörbare Spaß an der Sache jeden Zweifel wieder wett
und ich verzeihe ihnen gerne die zwei, drei Saxophonsoli.
Die machen Spaß - live sicher noch tausendmal mehr. Ein
Lied über die Helvetica-Schrift (dieses Jahr 50 Jahre alt) zu
machen, ist dabei natürlich ganz nach meinem Geschmack.
(44:29) (7) Christian Maiwald
SPEAKING SILENCES
Open Eyes CD
Cardio Club/myspace.com/songsfromnowhere | Inmit¬
ten von (Ex-)Stoiber-Land geht etwas vor sich, was dem
König von Bayern mit Sicherheit überhaupt nicht gefallen
würde - der Cardio Club. In Passau hat sich eine Gruppe
von Jungs zusammengetan, die sich zum Ziel gesetzt ha¬
ben, ihre Heimatstadt auf die Schedules so einiger Touren
zu setzen. Und aufgrund des unbändigen Tatendrangs der
Team-Player im Cardio Club geriet das Ganze irgendwie
außer Kontrolle und inzwischen gibt es ein Fanzine, die
Konzertgruppe und außerdem noch ein Label. „Open Eyes“
ist das erste Release der Jungs. Und man kann sagen, dass
sie ihr Handwerk verstehen. Hinter SPEAKING SILENCES
versteckt sich der Singer/Songwriter Benjamin Block.
Der trägt auf „Open Eyes“ allein mit seiner Gitarre wun¬
derschön melancholische Popsongs vor. Einziges Problem:
Block sollte noch ein wenig an seiner englischen Ausspra¬
che arbeiten. Denn irgendwie hört man, dass er aus Bayern
kommt.Trotzdem schön. (7) Julia Gudzent
SATURDAYNIGHT HEROES
s/t CD
saturdaynightheroes.com | Nachdem die Helden der
Samstagnacht nun schon zwei Jahre lang unzählige Skate¬
parks, Bars und Clubs in Kanada unsicher gemacht haben,
veröffentlichen sie nun endlich ihr Full-Length-Album.
Zehn zuckersüße melodische Pop-Punk-Hymnen ma¬
chen aus jeder langweiligen Highschool-Party eine wil¬
de Knutschorgie. Und das trotz Zahnspange. Warum mir
das gefällt? Weil sich der SATURDAY NIGHT HEROES-
Sound trotz aller Eingängigkeit und Liebäugelei mit dem
massentauglichen Musikformat kaum bei dem kommer¬
ziellen Emocore-Trend anbiedert. Brandon, Mark, Ryan
und Callum spielen nämlich schnelle und doch melan¬
cholische Songs in einer ungestümen und herzerfrischen¬
den Weise, die mich an die frühen Tage des kalifornischen
Skate - Melody - Pop - Punks (PULLEY sind für mich immer
noch die Größten in diesem Genre) erinnert. Und die hatte
ich schon fast vergessen. Wunderschön sind den Jungs auch
die herrlich hymnischen Backing-Vocals gelungen. An¬
ders ausgedrückt: Man nehme die frühen SAVES THE DAY
und die GET UP KIDS zu ihren besten Zeiten und werfe
sie in einen massenkompatiblen Pop-Punk-Mixer. Ergeb¬
nis könnte der SATURDAYNIGHT HEROES-Sound sein.
Mich haben die Kanadier jedenfalls überzeugt. (33:13) (7)
Robert Buchmann
SOULGATE’S DAWN
Deathtrap To Escape CD
burningseasonrecords.com | „It was rumored that with
SOULGATE’S DAWN a new generation of metal was born.“,
lese ich im Pressetext. Nun, dieses Gerücht ist wohl an mir
vorbeigegangen. „DeathtrapTo Escape“ ist das bereits zwei¬
te Album der deutschen Metalcore-Truppe, die neben ei¬
ner US-Tour und zig Shows mit zum Beispiel NAPALM
DEATH, NAERA oder DEADLOCK schon einiges an Büh¬
nenerfahrung gesammelt hat. Stilistisch erinnert mich
„Deathtrap To Escape“ zeitweise an die jeweils ersten Al¬
ben von ATREYU und AVENGED SEVENFOLD (und das ist
durchaus nicht negativ zu sehen), bevor diese sich gänz¬
lich dem kommerziellen Eyeliner-Emocore hingegeben
haben. Diesen Eindruck verstärken auch das düster-dämo-
nisch-vampireske Artwork und Songtitel wie „Last bloo-
dy kiss“ oder „Broken angels“. SOULGATE’S DAWN spie¬
len auf „Deathtrap To Escape“ düsteren, hymnischen Me¬
talcore mit zeitweise gesungenen emotionalen Parts und
haben technisch längst das Niveau von Kalibern wie HEA-
VEN SHALL BURN oder CALIBAN erreicht. Vor meinem
geistigen Auge sehe ich Legionen von schwarz gekleideten,
schattenboxenden Großstadtjugendlichen im künstlichen
Nebel der heimischen Alternative-Diskotheken versinken
... (46:51) (6) Robert Buchmann
SHORTWARNING
Safety In Numbers CD
golfrecords.co.uk | Diese vier Engländer haben alles, um
auf ihrer Heimatinsel zu einer ganz großen Band zu wer¬
den. Denn während hierzulande Bands wie FALL OUT
BOY oder NEWFOUNDGLORY gemessen am Mainstream,
ich sage mal, moderaten Erfolg haben, sind sie in Großbri¬
tannien Mainstream, das Ding, das die Hallen voll macht,
die dort über Bandschicksale richtende Musikpresse ju¬
beln lässt und die Kids in orgiastische Begeisterungsstür¬
me versetzt. An diesen Bands und ihresgleichen orientieren
sich SHORTWARNING aus London und machen ihre Sa¬
che nicht schlecht. Denn eingängige Refrains und treiben¬
de Melodien kombinieren sie mit einigen eigenen Ideen.
Da werden mal Hardcore-mäßige Shouts eingebaut und
an anderer Stelle Oldschool-Metal-Soli gespielt. So fin¬
den sich hier immer wieder überraschende Momente, die
„Safety In Numbers“ abwechslungsreich machen. Für den
Sommer genau richtig und ein Extrapunkt für den Ideen¬
reichtum. Hoffen wir, dass der NME und seinesgleichen es
genauso sehen. (34:22) (7) Lauri Wessel
SMALL STATE
Pirates In Stereo CD
anstreet.de/Radar | Diese vier sympathischen Jungs haben
sich seit ihrer Gründung 2000 Mühe gegeben, haben em¬
sig in lokalen Saarbrücker Clubs gespielt, Demos und Alben
in Eigenregie aufgenommen und verzückten Anstreet Re¬
cords schließlich derart, dass man SMALL STATE signte und
nur ihr zweites Album heraus bringt. Und selbiges ist - mit
Abstrichen - gar nicht schlecht. Die Band spielt recht klas¬
sischen Popcore, versüßt treibende Gitarrenparts und die
zuweilen vorpreschende Rhythmussektionen mit hoch¬
melodischen Soli, deren Verspieltheit an BLINK 182 oder
späte NEWFOUNDGLORY erinnern. Zu bemängeln gibt
es eigentlich nur, dass die Band musikalisch wenig pro¬
biert. Sie verlässt sich aufs bekannte Korsett des amerikani¬
schen Sounds und reproduziert ihn in brauchbarer Quali¬
tät. Dennoch: Für den Sommer ist auch das ganz nett. Und
hey, für ein zweites Album ist „Pirates In Stereo“ sowieso
ein solides Stück Melodypunk. (32:41) (6) Lauri Wessel
SMOOTH LEE
Take Me... CD
uebersee-records.com/Alive | Ganz ordentlich, wie die¬
se acht Belgier das verstaubte Ska - Punkrock - Genre auf¬
wirbeln. Zwar träten einem zu Beginn des Albums die Blä¬
ser ein wenig penetrant entgegen, die Befürchtung, die fol¬
genden zwölf Songs plus Hidden Track würden mit allzu
viel Gute -Laune-Offbeats quälen, lösen SMOOTH LEE aber
recht schnell auf. Denn die Band ist vielseitig. Mal spielt sie
schnellen, hektischen Ska-Punkrock, in dem sich hicksen-
de Offbeats mit dreckig-verzerrten Gitarren abwechseln.
Mal geht sie es ganz ruhig an und wickelt den Hörer mit
entspannten, Reggae-lästigen, teils gar nur instrumenta¬
len Stücken um den Finger. Und wenn der rauhe Gesang
von Sänger/Gitarrist Luck Mostmans einsetzt, dann sind
zuweilen auch vorsichtige Vergleiche mit den MIGHTY
MIGHTY BOSSTONES gerechtfertigt. Ein solides und sehr
vielseitiges Album, auf dem eine mir bisher unbekannte
Band Ska, Reggae und Punkrock sehr gelungen mischt. Das
europäische Pendant zum neuen MAD CADDIES-Albums?
(39:23) (7) LauriWessel
SELF-EVIDENT
s/t CD
doubleplusgoodrecords.com | Erstaunlich, was der Wech¬
sel eines einzigen Musikers von einem Album zum nächs¬
ten ausmachen kann. In diesem Falle war es der Schlag¬
zeuger Brian Heitzman, der nach neun Jahren durch Ben
Johnston (CLAIRE DE LUNE) ersetzt wurde. SELF-EVI¬
DENT gehören seit einem Jahrzehnt zu den Bands, die ger¬
ne mal Fünfe gerade sein lassen - was den Takt betrifft! Ge¬
mütliches Kopfnicken ist da nicht angesagt, vielmehr kann
man sich nie sicher sein, welche Wendung ein Riff oder gar
ein Song nehmen können. Die Wurzeln liegen im Hardco¬
re, bei den Vorsilben allerdings hat man sich große Mühe
gegeben: Jazz-, Post-, Math-, Noise- etc. Im Gegensatz zu
vielen anderen modernen Vertretern dieser Zünfte ist die
Musik des Trios frei von jeglichem Snobismus - es geht
schlicht um die Songs, nicht um aufeinander abgestimm¬
te Frisuren und Garderobe. Ging es aber früher mitunter
recht wüst und technisch zu, gibt Ben mit seiner Spieltech¬
nik den kniffligen Songs des Trios einen beruhigenden An¬
strich. Das erzeugt einen Widerspruch, der interessant ist,
leider aber auch ein wenig die Spannung torpediert, die
vorher entstanden ist. Trotzdem ist das hier ein gutes Al¬
bum, das eben seinen neuen, eigenen Reiz hat. (34:22) (7)
Christian Meiners
SIOEN
A Potion CD
universabnusic.be | In Belgien ist er schon einer der Gro¬
ßen, hierzulande treibt sich Frederic Sioen noch als Ge¬
heimtip in kleinen Clubs herum - und das, obwohl sein
Vorgängeralbum „Ease Your Mind“ sehr viel Wohlwollen
geerntet hat. Nun der nächste Versuch. Frederic hat dies¬
mal den jugendlichen Übermut abgelegt und präsentiert
sich heuer als gereifter Mittzwanziger. Er bevorzugt mehr
denn je die leisen Töne und baut seine nachdenklichen
Songs um ein unprätentiöses Piano. Wenn man mag, dann
kann man auch das neue Werk des Multi-Instrumentalis -
ten als ein Songwriter-Album ansehen, allerdings wäre
das ein Kompliment für dieses Genre. Die Dramatik eines
Songs wie „What I fail to understand“ oder eine solch um¬
werfende Klavierlinie wie in „Ready for your love“ findet
man bei den selbstmitleidigen Gitarrensolisten nur selten.
Die Eigenwilligkeit der Songs und die dezenten Jazz-An¬
leihen bringen Sioen vielmehr in die angenehme Situati¬
on, dass seine Musik nicht einzuordnen ist und somit eines
der höchsten Prädikate verdient: zeitlose Rockmusik. Mal
sehen, vielleicht klappt es ja diesmal mit dem Ruhm auch
außerhalb der Heimat - vorausgesetzt, die Zeit ist reif für
ein bisschen Extravaganz. (48:25) (8) Christian Meiners
SPEAKER BITE ME
Action Painting CD
morningsiderecords.dk/Cargo | Dänemark ist so ein klei¬
nes Land, aber eine Veröffentlichung nach der anderen aus
diesem Land zeigt, dass die Zahl derer ziemlich hoch ist,
die im positiven Sinn eine Macke haben. Formal sind SBM
eine ganz normale Band, deren ungewöhnlichstes Instru¬
ment ein Keyboard ist, aber der Sound spricht eine ande¬
re Sprache. Experimentelle Musik ist das hier. Und elektro¬
nische, wobei vieles auch noch handgemacht ist, aber nicht
immer so klingt. Knisternde Beats und knarzige Synthie-
bässe prägen das Bild, die Stimmung schwankt von düs¬
ter bis manisch. Zwischen dem avantgardistischen Gescho-
cke verbergen sich hin und wieder brillante Fragmente
mit hinreißenden Gesangslinien („Teach me tiger“) oder
Songs mit einer formidablen Dramaturgie („Bongo bizar¬
re“), aber meistens schlägt einem der gewollt geleierte und
genölte Gesang von Frontfrau und -mann übel aufs Ge¬
müt. „Action Painting“ ist ein anstrengendes Album, dessen
Schönheit sich nicht aufdrängt. Es gilt sie erst zu entdecken.
(50:17) (6) Christian Meiners
SHOCKS
Brace... Brace... CD
Dirty Faces/Broken Silence | An Selbstvertrauen mangelt
es den Berufshektikern aus Berlin nicht, es wird wie im¬
mer grob herumgekotzt und jedem, der dafür bereit ist,
die Meinung ins Gesicht
geschrieen. Das Außen¬
seiter tum wird hier ge¬
konnt gepflegt und zur
perfekten Attitüde stili¬
siert. Das sind im wah¬
ren Leben bestimmt sehr
nette Menschen, die ei¬
ner Schwangeren ihren
Platz in der Straßenbahn
anbieten und auch al¬
ten Omas über die Stra¬
ße helfen. Simple Musik
mit hoher Durchschlags¬
kraft oder einfacher gesagt: rotzige und frische Punkmu¬
sik mit frechen deutschen Texten. Wenn sich das mm liest,
wie eine Besprechung aus den ersten Fanzines, die Anfang
der 80er erschienen, habt ihr es verstanden, was ich meine,
denn genau dahin wollte ich euch gefühlsmäßig bringen.
THE SHOCKS verkörpern einfach wie keine andere aktu¬
elle deutsche Band einen (Retro)Stil, den man als zeitlos
bezeichnen könnte. (8) Carsten Vollmer
SEPTEMBER COLLECTIVE
All The Birds Were Anarchists CD
mosz.org | Hinter SEPTEMBER COLLECTIVE verbergen
sich Stefan Schneider (TO ROCOCO ROT, MAPSTATION),
Barbara Morgenstern und ein gewisser Paul Wirkus, die be¬
reits 2004 eine Platte zusammen aufnahmen. SEPTEMBER
COLLECTIVE hat dabei aber sicher mehr mit TO ROCOCO
ROT als den Platten von Barbara Morgenstern zu tun, denn
auf „All The Birds Were Anarchists“ befinden sich vor al¬
lem improvisiert wirkende, instrumentale Elektronik¬
sounds, denen aber ein durchaus humanoider Touch inne¬
wohnt, und sei es nur durch die warmen Pianotupfer von
Frau Morgenstern. Eine angenehm entspannte Angelegen¬
heit mit zurückhaltenden Beats, aber letztendlich wieder
zu unruhig, tun als waschechte Ambientplatte durchzuge¬
hen. Wer seine Elektronik gerne et¬
was abstrakter, aber dennoch gut
zugänglich mag, bekommt mit
„All The Birds Were Anarchists“
eine schöne Sammlung in sich
ruhender Soundscapes gelie¬
fert, bei der sich Atonalität und
Melodiosität in einem angeneh¬
men Gleichgewicht befinden. (8)
Thomas Kerpen
TIED AND TICKLED TRIO
Aelita CD
Morr/Indigo | Das neue NOTWIST-Album lässt noch auf
sich warten, dafür kann man sich an einer neuen Platte des
Acher-Brüder-Nebenprojekts TIED AND TICKLED TRIO
erfreuen, die auf „Aelita“ erfrischend anders klingen. Wa¬
ren bisherige Platten von Jazz und dem Einsatz von Blä¬
sern geprägt, wirkenTIED ANDTICKLEDTRIO hier so, also
ob sie quasi die instrumentalen Parts von NOTWIST iso¬
liert hätten, eine Mischung aus analogen und digitalen
Sounds, was durchaus noch in den Bereich von Ambient¬
musik fallt, auch wenn es bei „Tamaghis“ einen markanten
Dub-Rhythmus gibt.Trotz des gewohnten Improvisations-
charakters und fehlenden konventionellen Songelemen¬
ten entstehen hier erstaunlich konkrete, melancholische
Melodie-Strukturen, die mehr an klassische Soundtracks
aus den 60ern und 70ern erinnern-die analogen Synthie-
sounds vonTANGERINE DREAM sind allerdings auch nicht
weit - als an irgendwelche Laptop-Künstler oder andere
Knöpfchendreher dieses Jahrtausends. Ich habe die Platten
von TIED AND TICKLED TRIO zwar immer gemocht, bin
aber versucht zu sagen, dass „Aelita“ wirklich das Beste ist,
was ich bisher aus dem speziellen musikalischen Weilhei-
mer/Münchner-Mikrokosmos gehört habe, ein wunder¬
schöner, sphärischer und zeitloser Trip, der eine unglaub¬
liche innere Ruhe und Wärme ausstrahlt und wo sich der
Hörer in einem individuellen Raum-Zeit-Kontinuum be¬
findet, So bald die erstenTöne dieser höchst eigenständigen
Platte erklingen. (10) Thomas Kerpen
TODD ANDERSON
Wenn die Botenstoffe streiken CD
myfavouritetoy.com/Alive | Dass es in Marburg Schu¬
len gibt, war mir bekannt, dass es aber auch im Hardco¬
re die Marburger Schule gibt, ist neu. Die selbstbewuss¬
ten Mitbegründer dieser Spielart, TODD ANDERSON, de¬
finieren diesen Sound nach eigenen Angaben als deutsch¬
sprachigen „Denkerstim-Hardcore“. Was heißt das? Melo¬
die gepaart mit brutalen Gitarren und viel Geschrei. Kom¬
plexes Songwriting und extreme Rhythmuswechsel dürfen
da nicht fehlen. TODD ANDERSON legen sich mächtig ins
Zeug, und ganz sicher tim sie live das, was man unter „ab-
gehen“ versteht. Bei ihrer Version von modernem Hardco¬
re bevorzugen sie eine ähnliche Herangehensweise wie die
wilden Do-It-Yourself-Kollegen von LT.MOSH (Münster-
Schule). Ebenso wie diese haben auch TODD ANDERSSON
neben persönlichen Texten so manche politische Ansage zu
machen. Doch Vorsicht: Eine laut herausgeschrieene Bin¬
senweisheit wie „Geld regiert und lenkt die Massen“ kann
einen dieser Tage ganz schnell ins Sammelgefangnis von
Heiligendamm bringen. (43:42) (8) Arne Koepke
DAVID TOOP
Sound Body CD
Samadhisound/Galileo MC | DavidToop ist schon seit den
1970ern aktiv, hat mit Derek Bailey, John Zorn oder Bri¬
an Eno zusammengearbeitet und vor allem durch seinen
Umgang mit Ambientmusik über die Jahre Beachtung ge¬
funden. Nach Platten von Harold Budd und Derek Bailey
erscheint mit „Sound Body“ auf David Sylvians Label Sa¬
madhisound ein neues Album des Briten, das wie bei Bai¬
ley und Budd ebenfalls in der Tradition minimalistischer
Experimentalmusik steht. Wo sich Bailey auf seine Gitar¬
re beschränkt und Budd sich an klassischen Kompositio¬
nen orientiert, stehen beiToop abstrakte Sounds im Mittel-
DAMBUSTEH
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OX-FANZINE 87
REVIEWS
punkt, die sich keinem konventionellen Songkonzept un¬
terordnen. Digital Noise, der scheinbar aus Momenten to¬
taler Stille entsteht, die es ja nicht gibt, weshalb Toop qua¬
si Umgebungsgeräusche in Musik übersetzt hat, eine Philo¬
sophie von Sound, die man etwa auch beiTRIBES OF NEU -
ROT finden kann. „Sound Body“ ist eine dieser Platten, auf
die man sich wirklich voll und ganz einlassen muss, an¬
sonsten macht eine Auseinandersetzung damit keinerlei
Sinn und es entgehen einem die Spannungsbögen, die trotz
aller vermeintlicher Monotonie auch bei Toop entste¬
hen, aber ein hohes Maß an Konzentration erfordern be¬
ziehungsweise den Willen komplett einzutauchen in diese
Welt hörbar gemachter Stille. Das ist sicher mehr Kunst als
Musik, was aber nicht heißt, dass „Sound Body“ eine unter¬
kühlte Angelegenheit wäre, denn Toops Ensemble erzeugt
mit Hilfe von Harfe, Violine, zerrissenem Papier, Gummi¬
bändern, Steinen und Wasserflaschen einen interessanten
Kontrast zu den elektronisch verfremdeten Bestandteilen
der fünf faszinierenden wie komplexen Kompositionen.
(8) Thomas Kerpen
TER HAAR
s/t 10“
sinnbus.de/Alive | Das Berliner Sinnbus-Label hat einen
leicht schizophrenen Musikgeschmack. Gestartet ist es als
reines Gitarrenlabel, mittlerweile halten sich elektronische
und rockige Releases die Waage. TER HAAR gehören ein¬
deutig in die zweite Kategorie, und ganz penibel sei ange¬
merkt: ganz ähnliche Bands haben schon auf Sinnbus ver¬
öffentlicht. TORCHOUS kommen mir in den Sinn, BARRA
HEAD, vor allem aber SEIDENMATT. Instrumentale, samtig
weiche, aber fr ickelige Gitarrenmusik ist das hier, in vier
mundgerechten Happen dargeboten von drei sehr jun¬
gen Debütanten. Wunderbar leichtfüßig kombinieren sie
Pop und Mathematik miteinander. Dabei gehen sie sym¬
pathisch, gekonnt und äußerst entspannt zu Werke, sodass
man ihnen auch gerne nachsieht, dass ihre Musik Einge¬
weihten wenig Neues bietet. Zugute halten kann man der
Band wiederum, dass man ihre Musik nur selten viel besser
gehört hat. Jetzt sag ich „cool“, feilen TER HAAR bis zum
nächsten Mal noch dran, dann werde ich rufen „mehr da¬
von!“ (18:17) (7) Christian Meiners
TRACK A TIGER
We Moved Like Ghosts CD
deepehn.com | Wer hat eigentlich Deep Elm immer als
Emo-Label beschimpft? Die letzten Vorurteile sollte dieses
Album hier beseitigen. Es ist das zweite Werk der Band aus
Chicago, aber das erste auf Deep Elm. Der Vorgänger kam
übrigens auf Future Appletree heraus, und die haben mit
TENKI und anderen ganz ähnliche Releases im Sortiment.
Basierend auf akustischen oder zumindest unverzerrten
Gitarren bastelt das Kollektiv um Jim Vallet wunderbar
schwebende Popmusik. Insgesamt dreizehn Musiker haben
an „We Moved Like Ghosts“ mitgearbeitet, und diese Mu¬
sikerfülle hört man deutlich heraus. Der Sound ist dicht
und warm und durchsetzt mit allerlei Spielereien - ein so
genanntes Kopfhöreralbum. Jim und Gastsängerin Kristina
Castaneda hauen die schönsten Harmonien heraus, wobei
beide sehr leise singen. Auch die anderen Musiker werden
selten laut, und so säuseln einem zehn Songs verführerisch
ins Ohr, manchmal leicht hypnotisch, aber immer sehr at¬
mosphärisch. Trotz aller Lässigkeit schaffen es TRACK A TI¬
GER zum Glück auch, die Spannung über die volle Album-
distanz auffechtzuerhalten. Ein schönes Stimmungsalbum
für Fans von YO LA TENGO oder IRON & WINE. Und kein
Stück Emo. (34:28) (7) Christian Meiners
mein sich hier zwei Musiker vonYAWNING MAN an den
Gitarren, der Schlagzeuger des CHUCK DUKOWSKI SEX-
TET und Brant Bjork himself am Bass, um einen Ausflug
auf dem überirdischen Highway zu unternehmen. Ihr Weg
ist steinig und schwer, wenn auch Anhänger des Stoner-
Rock eher schwer enttäuscht sein dürften, stattdessen ar¬
beiten die vier mit viel Echo und zähen Strukturen an einer
Fusion von 80er-Jahre Gitarrenrock, Psychedelic und Jazz.
Wie das so ist mit Highways, die durch die Wüste führen,
sie führen lange geradeaus und man sieht immer das Glei¬
che, und das trifft diese Platte leider sehr gut. (59:12) (5)
Chris Wilpert
TURBONEGRO
Retox CD
Edel | Wenn man diese Platte besprechen will, muss man
erstmal seine eigenen Erwartungen hinterffagen: Hat man
seit der Reunion von 2003 wirklich geglaubt, es würde je¬
mals wieder so wer¬
den wie zu Zeiten von
„Ass Cobra“ (1996) und
„Apocalypse Dudes“
(1998)? Dass die Stim¬
mung eines verschwitz¬
ten Konzerts in der So¬
linger Prollkneipe Em
Kotten sich Jahre später
einfach würde reprodu¬
zieren lassen? Eine ro¬
mantische Vorstellung,
aber mit dem Abschieds¬
konzert im Dezember
1998 in Oslo ging eine Ära zu Ende, die vonTURBONEGRO
I. Was danach kam, ist TURBONEGRO II. Ein anderes Jahr¬
zehnt, Jahrhundert, Jahrtausend, und alles, was zuvor bei
TURBONEGRO einen gewissen anarchischen Touch hatte,
erschien nun geplant, neu, und vor allem auch irgendwie
inszeniert. Das hat was mit Nostalgie zu tun, kaum etwas
mit perfider Verschwörung, und mit Erwartungen: Denen
der Band an sich selbst, der Wunsch alles noch besser und
grandioser zu machen als früher, denen der Fans, die neu
hinzugekommen sind und die „alten“ TURBONEGRO nur
aus Berichten anderer kennen, und denen der alten Fans,
die alles wieder so haben wollen wie vor dem 18.12.1998.
„Retox“ ist nun das dritte Album jener TURBONEGRO II,
die nicht mehr bei Burning Heart unter Vertrag sipd, son¬
dern beim gesichtslosen (aber unabhängigen) Medienkon¬
zern Edel, und ich stehe der Platte reichlich indifferent ge¬
genüber: Ja, das sind TURBONEGRO, Euroboy lässt sich zu
unglaublicher Gitarrenarbeit hinreißen, Hanks Gesang ist
wirklich gut, und die Songs, ja die Songs sind perfekt pro¬
duzierte Rocknummern, die wie gewohnt von Anspielun¬
gen und Zitaten nur so strotzen. Doch es fehlt etwas: Die
Gefahr, die Mystik, die Magie. Ist dazu irgendwem ein Vor¬
wurf zu machen? Nein. Die Band hat das Recht so lange
weiterzumachen, wie sie will, und der Fan hat das Recht zu
sagen „Früher fand ich sie besser, die neue Scheibe muss ich
nicht haben“, und am besten trifft es wohl die Band selbst,
die sich — nur leicht größenwahnsinnig — mit den RAMO-
NES und MOTÖRHEAD vergleicht, und denen würde ja
auch nicht der Vorwurf gemacht, immer wieder die glei¬
chen Platten gemacht zu haben beziehungsweise zu ma¬
chen. Und genau das ist der Punkt: Also, Erwartungen run¬
terschrauben, TURBONEGRO are here to stay, und irgend¬
wie wäre es ohne sie auch langweilig. Und wer weiß, was in
den irren Hirnen der Norweger noch für grandiose Ideen
gären... (39:54) (7) Joachim Hiller
TEN EAST
Extraterrestrial Highway CD
Alone/Cargo | Ich hab das Gefühl, um diese Platte sin¬
nig einordnen zu können, müsste ich die zahlreichen In¬
strumental-Bands wie ACROSSTHE RIVER oder SORT OF
QUARTET kennen, die in den 80ern auf SST ihr Unwe¬
sen trieben. Tu ich aber nicht (nicht zuletzt weil der SST-
Backkatalog nur aus circa drei Bands besteht!). Also versu¬
che ich es halt von der anderen Seite: Aus den Wurzeln die¬
ser Instrumentalrocker, aus denen sich die Mitglieder von
TEN EAST rekrutieren, ging auch der schwere Wüstenrock
von Bands wie KYUSS oder hervor, namentlich versam-
AVEY TARE & KRIA BREKKAN
Pullhair Rubeye LP/CD
paw-tracks.com/Cargo | ANIMAL COLLECTIVE sind ein
guter Beweis dafür, dass eine gute Band eben mehr ist als
die Summe der einzelnen Teile: Zwar ist das letzte Soloal¬
bum von PANDA BEAR mit seinem fantastischem Pop-Ap¬
peal und seinem dreisten Eklektizismus wirklich großartig,
trotzdem fehlt ihm etwas von der Genialität des Kollektivs.
Und auch das andere, einzige feste Bandmitglied, AveyTare
aka Dave Porter lässt in seiner Kollaboration mit der ehe¬
maligen MUM-Musikerin Kria Brekkan aka Kristin Anna
Valtysdottier etwas von dem tierischen Esprit vermissen.
Dafür erkennt man in den Solowerken, wo wessen Stär¬
ke liegt: Während PANDA BEAR mit seinem an Syd Barrett
erinnernden Gesang für die unübertrefflichen Melodien
der Band zuständig ist, ist AVEYTARE wohl eher der Meis¬
ter der versponnenen Loops. Von der Gitarre und dem Kla¬
vier, mit denen die beiden dieses Album eingespielt haben
wollen, ist hier nicht mehr viel zu erkennen, und auch der
Gesang klingt eher geisterhaft. Alles in allem hat man den
Eindruck, die Aufnahmen wären ganz im Sinne des hip¬
piehaften Experimentierens rückwärts abgespielt worden.
Dabei entsteht eine bedrohliche Stimmung, die Hippies so
vermutlich aber wahnsinnig machen würde. (31:38) (7)
Chris Wilpert
THIS ET AL
Baby Machine CD
Strange Ways | Ich tue mich ein bisschen schwer dabei
THIS ET AL richtig einzuordnen. Sind sie wieder so ein
„next big thing“ oder doch einfach nur eine Band, die es
verstanden hat, sich das Beste aus mehreren Genres zu¬
sammen zu klauben und ihren eigenen Stil zu entwickeln?
Auf „Baby Machine“ wird alles abgedeckt, was in den letz¬
ten Jahren wirklich angesagt war und es eigentlich immer
noch ist - weil es gut ist: Da sind zum Beispiel die leich¬
ten Popsongs, die an BLOC PARTY erinnern oder an MUSE.
Feststeht, dass „He shoots presidents“ und „Wardens“ gro¬
ße Indie- Songs sind, die es verdient haben, dass man das
Tanzbein zu ihnen schwingt. Die Band kommt übrigens aus
dem Hardcore und ist schon seit 2002 zumindest in En¬
gland sehr beliebt. Um es kurz zu fassen: „Baby Machine“
kann ein Hit-Album werden — es braucht aber definitiv ein
bisschen mehr Zeit, tun sich richtig zu entwickeln. (8)
Sebastian Wahle
TINYYSON
Embracing Uncertainty CD
Record Of The Year | Obwohl ich anfangs eher abgeneigt
war, haben mich TINY Y SON schon während des ersten
Hörens ihrer Debüt-CD „Embracing Uncertainty“ an die,
wenn nicht sogar durch die Wand geblasen. So explosiv
und melodiös wie die Band aus Bremervörde ist seit DAYS
IN GRIEF und STRIKE ANYWHERE keine Band mehr an
schnellen Hardcore herangegangen. Obwohl das Album
fünfzehn Songs aufweist, die sich stiltechnisch nicht groß
von einander unterscheiden, langweilt „Embracing Un¬
certainty“ zu keiner Sekunde. Die fünf haben ein dickes
Lob für ihren Erstling verdient, der sich irgendwie euro¬
päisch anhört ...TINYY SON haben diese „typische“ Her¬
angehensweise an ihre Songs, die sie erfreulicherweise vom
Gros der amerikanischen Bands und vor allem von unispi-
riertem Emocore, von dem man zur Zeit förmlich über¬
schwemmt wird, abhebt. Allein Songs wie „Bleary-eyed“
oder „The uranium-issue of dogmalovers“ sind nur zwei
Beispiele tun zu zeigen, wie man intelligente Texte über
Politik und Umweltpolitik mit schnellen Songs und star¬
ken Melodien verbindet. Die Empfehlung des Monats! (9)
Sebastian Wahle
TROUBLE
Simple Mind Condition CD
Escapi Music/Soulfood | Die 1979 in Chicago gegründe¬
ten TROUBLE waren für mich schon eh und je die Antipo¬
de zu den Kaliforniern SAINT VITUS. Obwohl musikalisch
durchaus verwandt, standen Letztere für eine böse und
schmutzige Variante des Dooms, TROUBLE dagegen waren
eher sauber und nett. Zu nett beinahe für eine Band, die
mit ihrem düsteren Sound und melancholischen Songs auf
ihren frühen Alben prägend für den Doom der Achtziger
war. Wofür auch die offensive christliche Einstellung der
Band verantwortlich gewesen sein mag.Von der verabschie¬
deten sie sich zwar im Laufe der Jahre, um sich musikalisch
als auch textlich in Richtung Psychedelic zu orientieren,
so ganz sind sie das „White Metal“-Label aber nie losge¬
worden. „Simple Mind Condition“ ist das erste TROUBLE-
Album seit der Auflösung 1995, beinahe in Originalbeset-
zung eingespielt und musikalisch knüpft man dort wieder
an: Klassischer Siebziger-Rock mit leichtem Psychedelic -
Touch und nur wenig von dem Doom, der sie einst legen¬
där machte. Das ist zwar prinzipiell vollkommen in Ord¬
nung, aber in den letzten Jahren hat es in diesem Bereich
zu viele neue und frischere Bands gegeben, so dass ich be¬
fürchte, dass für TROUBLE heute keine tragende Rolle in
dem von ihnen so stark beeinflussten Genre mehr vorgese¬
hen ist. (6) Andre Bohnensack
TERMINALS
Forget About Never LP
dead-beat-records.com | Wow, das ist mal räudig und wild
durchgehackter Garagen-Trash mit voll aufgedrehten Reg¬
lern und einer Orgel, die zusammen mit dem Schlagzeug
die Wüste rulet. 60s-Beat vereint sich hier in einem feuch¬
ten Kohlenkeller zu einer Krachorgie, die man in etwa ex¬
akt so wahrnimmt, wenn man den halben Konzertabend
direkt vor den Boxen verbracht hat. LoFi mit Gewalt, Sex¬
appeal und einem atemberaubenden Tempo. Klingt verbo¬
ten und gefährlich, ich glaube, so war es auch gemeint. De¬
finitiv nicht das, was man mit Drogen kombinieren sollte,
jedenfalls nicht dann, wenn man über dem fünften Stock
wohnt. Andererseits hervorragend geeignet, um nächtliche
Verfolgungsjagden zu vertonen oder mit voll aufgedrehten
Kopfhörern blutrünstige Computerspiele zu zocken. Ver¬
dammt heiß. (9) kalle stille
TEENAGE PANZERKORPS (DER TPK)
Harmful Emotions LP
siltbreeze.com | Was es alles für wunderbare Termini gibt:
Zu DER TPK finde ich die schöne Bezeichnung „lo-fi post-
modern punk“, und ihr neuer Release auf dem für außer¬
gewöhnliche Kleinauflagen bekannten Siltbreeze-Label
aus Philadelphia ist einmal mehr harter Stoff. Die Band,
eine transkontinentale Zusammenarbeit zwischen Musi¬
kern/Sängern aus Aachen, Berlin und San Francisco - an¬
geblich ist hier ein gewisser Jason H alias „Bunker Wolf* in¬
volviert, der einst allenthalben für soziale Unruhen verant¬
wortlich war - mit Verbindungen zum Experimental-Kol¬
lektiv Jewelled Antier aus Kalifornien, steckt bis zum Hals
im Freistil-Post-Punk der späten Siebziger: No-Wave trifft
hier auf das lakonische Geschrammel von Mark E Smiths
THE FALL, der wütende LoFi-Sound eines Billy Childish
auf die eigenwilligen Nebenprojekte von EA80-Junge, mal
wird auf Deutsch, mal auf Englisch gesungen. Höchst ei¬
genwillige Minderheitenmusik mit ganz speziellem Char¬
me, im handgemachten Copy-Art-Cover und teuflisch li¬
mitiert. (7) Joachim Hiller
TWO COW GARAGE
Three CD
Sonic Rendezvous/Cargo | Die dritte Platte, der omi¬
nöse „Make it or break it“-Faktor. Apropos brechen: fast
zerbrochen wären TWO COW GAGAGE auf dem Weg
zu diesem Album auch, wenn man zwischen den Zeilen
liest. Also „Three“. Reifer, besser, immer noch zwischen
Westerberg’scher Wucht (zum Beispiel „Cameo jacket“)
und Mould’scher Melancholie (zum Beispiel „No shame“)
pendelnd, wird hier der große Song zelebriert. Etwas we¬
niger ungestüm cowpunkig als in der Vergangenheit viel¬
leicht, auch wenn Micha Schnabels Stimme natürlich je¬
dem LEATHERFACE-Fan vor Begeisterung das Wasser in die
Augen treibt. Brent Best (SLOBBERBONE) hat wieder pro¬
duziert und wieder gelingt TCG das Kunststück, ein Album
hinzulegen, das mich sprachlos zurück lässt. Ganz groß.
Und jetzt bitte, bitte ganz schnell noch mal nach Europa
kommen. Klassischer Titel, super dritte Platte. (48:38) (9)
Tom Küppers
TWO GALLANTS
The Scenery Of Farewell
Saddle Creek | Mit „Cassadaga“ ist Conor Oberst ange¬
passt und langweilig geworden. Mit der Unterschrift bei
einem Majorlabel hat Obersts Musik an Ungestüm verlo¬
ren. Der BRIGHT-EYES-Mastermind ist nur noch ein rot¬
weingetränkter Schatten seiner selbst. Inzwischen ist die
Band überflüssig geworden, zu einem weiteren Massen-
produkt. Doch die nächste Generation an Jungen Wil¬
den rückt schon nach: TWO GALLANTS stehen ganz vor¬
ne in der Schlange, um den Intellektuellen-Indie-Thron
von Oberst zu besteigen. Das Duo aus San Francisco ist so
wild und ungestüm wie der alternde Rebell zu seinen bes¬
ten Zeiten. Die beiden suhlen sich in literarischen Referen¬
zen, der Bandname etwa stammt von einer Kurzgeschichte e
WILLKOMMEN IN DER ELEKTRISCHEN ZONE
Noch nie fand ich einen Albumtitel so passend, wie „Ex¬
zessexpress“ (Audiolith/Broken Silence) von PLEMO,
denn dieser elektrische Einzelkämpfer treibt es wirklich
grenzenlos. Very Phunky, tief in den 80em wühlend und
extrem smart, schafft er es, zeitgemäße, deutschsprachi¬
ge Popmusik aus Strom zu produzieren, die wirklich hör¬
bar ist. zu allem Überfluss anspruchsvoll produziert wur¬
de und überhaupt keine Abnutzungserscheinungen auch
nach mehreren Durchläufen aufweist. Einige Sounds und
assimilierte Melodien werden dem älteren Publikum mehr
als bekannt Vorkommen und die jüngeren Zuhörer in ab¬
solutes Staunen versetzten, denn was gab es doch für coo¬
le Musik schon vor ihrer Geburt. Wem Namen wie Tom¬
my Boy Records, ALPHAVLLLE, Mike Mareen oder AFTER
THE FIRE noch etwas sagen, der sollte sich nicht ab wenden,
sondern von PLEMO lernen, wie man die Erinnerung an
die E-Pioniere mit einem selbstironischen Augenzwinkern
auch heute noch aufrecht erhalten kann, ohne auf peinli¬
chen Ü-Irgendwas-Partys abzuhängen und zu verschim¬
meln. Früher war die Welt nur bunt, heute ist sie auch noch
schnell. (8)
Vollkommen schmerzfrei sind TEXT OF LIGHT. ,.Un
Pranzo Favoloso/A Fabulous Lunch“ (Finalmuzik.com) ist
eine Live-Konzert-Improvisation zu diversen Filmen von
Stan Brakhage. Ohne Konzert/Live-Atmosphäre und den
dazugehörigen Bildern wirkt dieses über eine Stunde dau¬
ernde Werk eher wie eine zähe Masse, die sich aus den Bo¬
xen quält und nicht so recht weiß, wohin sie flüchten soll.
Geräuschwelten unterschiedlichster Prägung und Intensi¬
tät werden hier ohne Vorwarnung auf den geneigten Hö¬
rer losgelassen. Ohne Richtung. Ohne Zusammenhang. Ich
will keine Drogen nehmen, nur um so etwas ertragen zu
können! (1)
Nein, ich brauche auch keine weiteren Drogen, um mir
KK NULL anzuhören. Bei Kazuyuki Kishino, der als einer
der extremsten japanischen Noise-Artists begonnen und
sich dann immer weiter der experimentellen Musik geöff¬
net hat, weiß man trotzdem nie, was einen erwartet. Das
baut schon von Beginn an eine gewisse Spannting auf. Die
Frage ist immer: Dreht er jetzt noch fhal richtig durch oder
bleibt es ruhig und fließend? Natürlich wird einen kei¬
ne reine Noise-Orgie mehr erschrecken, aber die harshe-
ren Zwischentöne sind immer noch für die meisten Zeit¬
genossen sehr verstörend. „Fertile" (Touch/Cargo) ist ein
eher nettes Album vom Gesamtkonzept her, welches dann
auch mehr von seiner ungewöhnlichen Klangzusammen¬
stellung als einer direkten Konfrontation mit dem Hörer
lebt. Hier treffen unbearbeitete Naturgeräusche (Field Re-
cordings aus Australien) auf unfertige Studiosounds und
zusammen gehen sie eine sehr geschmack- und kraftvol¬
le Klangsymbiose ein. (7)
Für den Noise dürfte in dieser Ausgabe Kevin Drumm
mit dem Rerelease seines Klassikers „Sheer Hellish Mias¬
ma“ (Ed. Mego/Groove Attack) zuständig sein. Erweitert
um einen Bonustrack, der witzigerweise an den Anfang
gestellt wurde und absolut untypisch ist für das ihm fol¬
gende Inferno, denn hier kann sich jeder eine Lehrstun¬
de abholen, wie weit Mann wirklich in ein Feedback ab-
tauchen kann! Tiefer, immer tiefer wird man hineingeso¬
gen in ein Kratzen, Schaben, Stöhnen, Kreischen, Fauchen
... Das ganze Zimmer ist erfüllt von einem einzigen Fre¬
quenzmoloch, aus dem sich jeder einzelne Ton unter Qua¬
len herauswinden muss. Sich behaupten muss. Um gleich
wieder vom nächsten, stärkeren Ton überlagert, zurückge¬
stoßen und verdrängt zu werden. Die Ursuppe. Das Rau¬
schen. Alles. Die tonale Steigerung. Der nur noch die Stil¬
le folgen kann... (9)
Okay; wem ein durchgeknallter Knöpfchenverdreher nicht
genügt, der kann sich direkt im Anschluss Dan Deacon
buchen, dann hat er zwei, einen für jedes Ohr sozusagen.
Der Herr hier ist eigentlich ein richtig ausgebildeter Kom¬
ponist, der auch schon diverse ernsthafte Platten produ¬
ziert haben soll. Aber, wie es immer ist, Ernsthaftigkeit be¬
deutet manchmal Langeweile oder konkreter. Genie und
Wahnsinn liegen hier verdammt nahe beieinander. An das
kompositorische Werk von Dan Deacon wird sich in ein
paar Jahren niemand mehr erinnern, von „Spiderman Of
The Rings“ (Carpark/Cargo) wird man noch in Genera¬
tionen sprechen. Das Album ist sozusagen die Essenz sei¬
ner durchgeknallten Live-Auftritte. Extrem durchdach¬
te und klassisch-klar strukturierte Minimal-Music kolla-
boriert mit Electro-Psychedelica. wird durch einen Trash-
Mixer in eine kosmische Endlosschleife gesendet und mit
geheimen Effekten aus dem Kinderzimmer bombardiert.
Die Synapsen springen lustig umher und der lachende Zu¬
fallsgenerator macht Überstunden. Eine leichte Melancho¬
lie durchzieht alle Songs, die dieses Album spürbar veredelt
und ihm den gewissen, außergewöhnlichen Reiz gibt.TAL-
KING HEADS auf LSD. oder: Wie ich das Geräusch einer er¬
kälteten Mikrowelle zu lieben lernte. (10)
Wofür und warum braucht man im digitalen Zeitalter, wo
alles immer und für jeden verfügbar ist, eine, die perfek¬
te Kopie? THE DANCE INC. sind Marc Almond. Punkt!
So einfach könnte man es sich machen, aber „Legs & Arms“
(Audiolith Rec./Broken Silence) ist dafür schon wieder zu
perfekt in allen Belangen, tun nur als billige Kopie durch¬
gewunken zu werden. Unwirklich und zeitlos wirkt die¬
ser Edel-Pop auf einen, vielleicht ein bisschen zu glatt pro¬
duziert und zu nahe am Kitsch, aber das soll wohl so sein.
Dass solche Musik auch noch heute funktioniert, jun¬
ge Menschen anspricht und dann sogar noch als komplet¬
te Live-Band dargeboten wird, ist umso erstaunlicher. Es
lässt in mir die Hoffnung aufkeimen, dass Popmusik lebt
und noch nicht vollständig in den Händen gesichtsloser
Computerproduzenten verkümmert ist. Eine wirklich fei¬
ne Platte! (7)
„Future Rock“ (Kranky/Cargo) nennt sich etwas mehr
als übertrieben die neuste Veröffentlichung von STRÄT-
EGY. Wenn das rocken soll, dann habe ich wirklich was
nicht verstanden, oder wenn das der Rock der Zukunft sein
soll, dann lebe ich lieber in der Vergangenheit. Hoffentlich
darf ich mir das in der Zukunft noch aussuchen! ? Diese Art
von hyperrelaxten und smoothen Klängen ist eher was für
den fortgeschrittenen Abend in der Chiliout- oder Lounge
Zone. Gut für Tischgespräche mit eingeschlafenen Füßen
und einer Partnerin, die eh keine Lust mehr auf schmut¬
zigen Sex hat und lieber am Strohhalm ihres Cocktails nu¬
ckelt. Es gibt schon genügend grässlich langweilige Leute,
die trendy sein müssen. (4)
Krautrock meets Blues und schon wieder hat man eine
einfache Formel erfunden, wo sich Interessierte die Hände
reiben und andere Menschen sofort aufhören weiterzule¬
sen. Und deshalb landet so ein Crossover auch in der „Elek¬
trischen Zone“ und wird nicht untergehen zwischen den
normalen Reviews, denn ich habe immer noch den An¬
spruch, Leute, die noch offen für neue Klänge sind, für et¬
was zu begeistern, was sich musikalisch irgendwo im Nie¬
mandsland bewegt. EMBRYO, das heißt Cristian Burch-
ard in Personalunion, trifft die NO-NECK BLUES
BAND aus New York und das in Köln. Was liegt da näher,
als „Embryonnck“ dann auch auf Staubgold zu veröffent¬
lichen? Musikalisch ist es eine weltoffene und schöne Im¬
provisation, wobei ich finde, dass der embryonale Anteil
mit seinem arabisch/ethnogeprägten Sound ein bisschen
zu hoch ist.Trotzdem ist eine wunderbar schwebende, hel¬
le und - darf man das heutzutage überhaupt noch schrei¬
ben? „kosmische“ Platte entstanden. (7)
Köln geht immer weiter! MAN VS. NÄTURE sprengen
mal wieder alle Grenzen und erfinden den klassischen In-
dierock neu, tun ihn im selben Augenblick wieder durch
ihren Maschinenpark zu hetzten. „MouldoMouth“ (Saft-
kugler) bedeutet nie Stillstand, immer im eigenen Univer¬
sum unterwegs, aber wenn, dann bitte mit einer angeneh¬
men Bodenhaftung und Beständigkeit. Frei, ungezwungen
und irgendwie mit einem gewissen Konzept zum Überle¬
ben. Einen solchen eigenständigen Sound findet man heut¬
zutage leider immer seltener, denn zu starr sind die Genre¬
grenzen und die Akzeptanz für freie Musik ist auf ein Mini -
mum reduziert. Vielfalt würde Auseinandersetzung bedeu¬
ten und das w'äre eine zu zeitintensive Investition in dieser,
unseren schnelllebigen Gesellschaft. (8)
Vollkommen weltfremd und stilistisch totales Freidenker-
tum ist auch „Brombron 12: Six Strings“ (kormplastics.nl)
von Greg Malcolm & Tetuzi Akiyama. Bormbron ist
das Studio einer Musikinitiative in Nijmegen, das Musi¬
kern kostenlos zur Verfügung gestellt wird, damit sie ihre
Vorstellungen, die sie schon jahrelang mit sich herumtra¬
gen, endlich mal verwirklichen können. Meistens handelt
es sich dabei um experimentelle Bands oder Projekte aus
dem elektronischen Bereich. Dieses Mal blieben aber alle
Maschinen aus und nur mit zwei Akustikgitarren schaf¬
fen es Greg Malcolm & Tetuzi Akiyama, eine wirklich fi¬
ligrane Klanglandschaft zu erzeugen, die jenseits aller üb¬
lichen Hörgewohnheiten und -gesetzte zu stehen scheint.
Wer jetzt glaubt, hier gäbe es Folk, Blues, Singer/Songw'ri-
ter oder ähnliches „Gezupfe“ zu hören, der ist total weit
entfernt von den unvorstellbaren Klangmöglichkeiten ei¬
ner Akustikgitarre. Auch die Menschen, die jetzt denken,
hier würden die Gitarren zersägt tmd mit allen möglichen
Werkzeugen oder Effekten bis zur Unkenntlichkeit bear¬
beitet, denken in die falsche Richtung. Hier spielen wirk -
lieh nur zwei Menschen und das ganz normal ihre Akus¬
tikgitarren. Vorausgesetzt man mag diesen Klang und lässt
sich auf die fast meditativen Stücke ein, wird man von den
wunderbaren und offenen Melodiebögen weit fortgetra¬
gen. Eingeschmeichelt von fließenden, surrenden und zar¬
ten Tönen denkt man an erholsame Wanderungen, Augen¬
blicke der stillen Erkenntnis oder einfach nur an Momen¬
te vollkommener Glückseligkeit. Nur keine Hektik. Nimm
einen tiefen Atemzug und begib dich auf diese wundersa¬
me Reise! Minimal Music for Strings. (10)
Ebenfalls der „Macht der Saiten“ bedienen sich SPACE-
HEADS AND MAX EASTLEY auf ,.A Very Long Way
From Anywhere Else“ (Bip-Hop/Target). Allerdings wur¬
den diese von Max Eastley in Holzskulpturen verarbeitet
und dann gespielt, beziehungsweise zum Schwingen ge¬
bracht. Dazu mixten die beiden Spaceheads A. Diagram und
R. Harrison ambiente Dub-Sounds, die eine ruhige Platt¬
form für diese knarzigen und eher kratzenden Geräusche
bieten. Nettes Konzept, befriedigende Ausführung, aber auf
die Dauer doch recht eintönig und ermüden^. (6)
Ein waschechter „Kassetten-Täter“ aus Überzeugung ist
Franz No. Jedenfalls hätte man so früher einen solchen
Eigenbrödler genannt, der sich zu Hause vor seinem 4-
Spur-Gerät austobt. „Berlin EP“ (franzno.paradoxal.org) ist
auch soundtechnisch ein Kind dieser Vergangenheit. NDW
as Fuck! Mit allen Vor- und Nachteilen. Wer diese Zeit und
ihren naiven Klang mag, wird an Franz No Spaß haben,
schade finde ich nur, dass so etwas nicht stilecht auf einer
Vinylsingle veröffentlicht wird. (7)
Braucht die Welt ein weiteres Italian-Elekkktro-Spasm-
Industrial-Album? Braucht die Welt ein weiteres PAN-
KOW-Album? Ich bin ja immer sehr skeptisch, wenn auf
einmal wie aus dem Nichts ein neues Album, einer so ge¬
nannten „Legende“ auftaucht. „Great Minds AgainstThem-
selves” (Wheesht/Cargo) hört und fühlt sich an wie da¬
mals, wie immer, vertraut... Ich bin mir jetzt gar nicht si¬
cher, ob ich „großartig“ anfügen solL Wahrscheinlich war
diese Band einfach nur so extrem stilprägend, dass man im¬
mer alle ihr folgenden Bands mit ihr verglich, aber bei ei¬
ner Besprechung der neuen Tonträger nun einfach nur kei -
ne Referenz mehr hat. Einerseits ist es komisch, dass die¬
ser spezielle Sound immer noch so unglaublich gut funk¬
tioniert und man seine Kraft scheinbar spürt. Andererseits
muss man PANKOW wirklich fragen, ob sie die musika¬
lische Entwicklung der letzten Jahre total verschlafen ha¬
ben oder einfach großartigerweise ignorieren? Hoffent¬
lich werden PANKOW auch w ieder Live-Konzerte spielen,
denn die waren einmalige Orgien. (8) Carsten Vollmer
OX-FANZINE 88
REVIEWS
von James Joyce. Ihre Songs erzählen Geschichten in bes¬
ter Harper-Lee-Manier und ihr Sound ist räudig und un¬
gehobelt. Der Nachwuchs der 68er-Generation aus Hip¬
pie-Frisco ist bereit, die Welt auf ihre eigene Weise zu er¬
klären. Man hört gespannt zu, was sie zu sagen haben. (8)
Julia Gudzent
FRANK TURNER
Sleep Is For The Week
xtramilerecordings.com/Pias | Man kann ja sagen, dass
das erste Lied eines Albums so etwas wie dessen Visitenkar¬
te ist. Bei „The real damage“ ist das jedoch so eine Sache
- tun es gleich vorweg
zu nehmen: es ist fantas¬
tisch, wie das ganze Al¬
bum. Der Tag des Ich-Er¬
zählers beginnt, als er un¬
ter lauter fremden Men¬
schen aufwacht, wobei
sich der Refrain im Laufe
des Lieds vom reflektier¬
ten „through the best ye-
ars of my life“ zu einem
nihilistischen „I realized
I was half-way through
the first day of the week“
wandelt. Doch auf dieses eher heitere Lied folgen bald me¬
lancholischere Töne, die ihren Höhepunkt (und damit
Stimmungstiefpunkt) in „Worse things happen at sea“ fin¬
den, bei dem auch ein paar Streichinstrumente hervorra¬
gend eingesetzt werden. Manchmal muss ich hier ein we¬
nig an die Bands des Grand Hotel van Cleef oder auch OA-
SIS denken - mit Letzteren hat Frank Türner auf jeden Fall
den englischen Akzent gemeinsam. Das Album geht dann
ein wenig abrupt mit „Back in the day“ wieder in Richtung
Country, bevor sich Turner in „Once we were anarchists“
fragt, ob der Kampf, nur motiviert durch „a sense that
something’s wrong“, es wirklich wert ist, gekämpft zu wer¬
den. Seine Antwort ist eindeutig: „If the revolution doesn’t
want me, I don’t give a shit.“ Jedes Lied wäre es wert, hier
vorgestellt zu werden, denn nur dies würde der Vielseitig¬
keit und der hohen Qualitätsdichte dieses Albums gerecht,
das mit der Solo-Live-Aufnahme der „Ballad of me and my
friends“ zu einem würdigen und angemessenen Abschluss
kommt: „We re definetly going to hell, but we’ll have all the
best stories to teil“ - das gilt auf jeden Fall für Frank Turner.
(47:17) MyronTsakas
TARENTATEC
Baracke 5 MCD
12pylonsrecords.com | TARENTATEC sind ein schwie¬
riger Fall, denn es kommt immer anders als man denkt.
So ist dieses Kurzalbum ein Musikbeispiel der gebroche¬
nen Erwartungen, was heißen soll, dass es jedes Mal, wenn
man meint, den Song durchschaut zu haben, ganz anders
kommt. So ist das erste Stück unerwartet instrumental,
obwohl man in der festen Überzeugung ist, das gleich ei¬
ner losschreien wird. Der erwartete Sänger kommt dann
im zweiten Stück, aber mit einer eher Rock’n’Roll-artigen
Stimme, die auf den ersten Anschein irgendwie überhaupt
nicht ins Bild passen will. Denn im Großen und Ganzen
verbindet die Stücke vor allem eine sehr düstere Grund¬
stimmung, die, wenn man das Tempo etwas drosseln wür¬
de, auch in der Umgebung von NEUROSIS bis ISIS zu fin¬
den wäre. Doch anstatt in lautes extatisches Getöse aus¬
zubrechen, überraschen TARENTATEC plötzlich wieder
mit einem verspielt lockeren Gitarrenpart oder einiger
Zeit sphärischer Ruhe. Nach anfänglichem Kopfschütteln
macht das nach dem Ilmenauer Jugendzentrum, Probe-
raum und Tonstudio „Baracke 5“ benannte Album irgend¬
wie Spaß, aber es findet nicht so richtig seinen Weg. Der
Hörer findet nur schwer auf die Ebene des Kompromisses
zwischen Verständnis und dem bewussten Bruch mit den
Hörgewohnheiten, was aber auch funktionieren kann, wie
etliche Math-Bands schon bewiesen haben.Trotzdem sehr
interessant. (29:39) (6) Christoph Schulz
TYPE O NEGATIVE
Dead Again CD
Steamhammer/SPV | Vier Jahre sind seit dem Erschei¬
nen des letzten TYPE O NEGATIVE-Albums „Life Is Kil-
ling Me“ vergangen und sogar schon elf Jahre, seitdem ich
mich das letzte Mal eingehender mit den NewYorkem be¬
schäftigt habe. Der Fachpresse war zu entnehmen, dass das
neue Album „Dead Again“ recht wenig Material für klei¬
ne Gothic-Girlies beinhalte. Nim bin ich nicht mal annä¬
hernd so etwas wie ein Gothic-Girlie, aber ein paar die¬
ser Klientel wohl sehr gefallenden Songs wie „Black No. 1“
oder „Christian woman“ die halfen, das 93er Werk „Bloo-
dy Kisses“ zu dem Düsterrock-Meilenstein zu machen, das
es nun mal ist, hätten „Dead Again“ nicht schlecht getan.
Stattdessen verlieren sich TYPE O NEGATIVE in imver¬
schämt offensichtlichen Selbstzitaten, jeden Part scheint
man schon mal von ihnen gehört zu haben Bei einer Drei-
Akkorde-Band wie den RAMONES mochte das in Ord¬
nung sein, aber von einer Platte, deren Songs im Schnitt
um die sieben Minuten laufen, von einer sich selbst pro¬
gressiv gebenden Band, die in sechzehn Jahren gerade mal
sechs Alben gemacht hat, kann man schon mehr erwarten.
Da kommt schon nach zwei Songs eine Langeweile auf, die
selbst durch ein paar noch folgende, durchaus gelungene
Momente nicht mehr weichen will. (4) Andre Bohnensack
TOUCHERS
The Underwater Fascist CD
touchers.com | Josh Vanek von Wäntage Records hat den
befreundeten TOUCHERS ihr Info geschrieben, doch ei¬
gentlich ist es eine Liebeserklärung an Ben Spanglers Band,
der mit dieser Albumbesetzung bereits zwei Longplay-
er veröffentlicht hat, dieser Besetzung aber unlängst ver¬
lustig ging, da sie sich nicht in der Lage sah seinen ausge¬
dehnten Tourplänen nachzukommen, die TOUCHERS
kommen aus Bozeman, Montana, einem Wintersportort,
in dem der eine Teil der Bevölkerung aus SUV-fahrenden
Kotzbrocken besteht, der andere aus Niedrigstlohnsklaven
der Tourismusindustrie - und es fallt nicht schwer zu erra¬
ten, zu welchem Teil die TOUCHERS und ihr Umfeld zäh¬
len. Wer noch zweifelt, dem sei das Emma Goldman-Zi-
tat aus dem Booklet mitgegeben: „If I can’t dance I don’t
want to be part of your revolution.“ Was nun die Musik der
Landeier hier betrifft, so bezeichnet Josh die TOUCHERS
als Verwandte der COUNTRY TEASERS, aber ich würde das
höchstens in Sachen Spleenigkeit gelten lassen, musika¬
lisch ist das für mich eher Cowbilly-Punk, der mit Whiskey
gegurgelt hat. Freunde von AGAINST ME! dürften hieran
jedenfalls Gefallen finden, sollten aber auf noisy Ausflüge
vorbereitet sein, und die Band selbst zählt JESUS LIZARD,
PIXIES, FUGAZI, BLACK FLAG und NATION OF ULYSSES
gleichermaßen zu ihren Einflüssen. Eine eigenwillige, aber
deswegen nicht uneingängige Mischung, für deren Pro¬
duktion Jack Endino verantwortlich zeichnet. (28:14) (7)
Joachim Hiller
THEE MORE SHALLOWS
Book Of Bad Breaks CD
Anticon | Manchmal braucht es etwas. Zum Beispiel, um
zu realisieren, dass es sich hier um die THEE MORE SHAL¬
LOWS handelt, deren vorheriges Album einen Platz weit
vorne im Plattenregal einnimmt. Also nun alles ganz anders
bei Album Nummer drei? Nein, denn weiterhin harmo¬
nieren hier minimalistische Klänge in orchestraler Insze¬
nierung, der glasklare Gesang steuert zielsicher durch den
wabernden Soundäther und hat den Mut, sich gekonnt in
diesem zu verlieren. Es rauscht, knarrt, knistert, knackt, kli-
ckert - Casio- und Atari-Klänge scheppern umher. Elek¬
tronische Soundcollagen lösen die vormals immer noch
durchschimmernden Indie/Slowcore Songstrukturen ab,
doch THEE MORE SHALLOWS wechseln nicht die Schub¬
laden, sie bauen an, bauen aus und reißen dann doch al¬
les ein. Hier weht der Wind so frisch, er bringt erst ein¬
mal alles durcheinander - das Trio beweist sich erneut als
grandiose Soundtüftler. Passend dazu kommt der Wech¬
sel zum Avantgarde-HipHop-Label Anticon von der West¬
küste, welche sich bereits seit Jahren dem Abbau von Gen¬
regrenzen widmen und ähnlich wie Def Jux Records aus
New York wirkliche Bewegung in die starren Musikgenres
bringen. Dass eine Band, die das kleine Indie-Gerüst ver¬
lässt, elektronische Sounds und Beats einbaut, dazu spacige
David Bowie-Refrains erklingen lässt, nun bei Anticon ver¬
öffentlicht, sagt wohl mehr über die zumeist stockkonser¬
vative Indieszene aus, als all die repetierenden Alben, die
allmonatlich veröffentlicht werden. (36:39) (9)
Simon Brüggemann
TWILIGHT SAD
Fourteen Autumns & Fifteen Winters CD
Fat Cat/Rough Trade | Schotten könnten mir aus dem Te¬
lefonbuch vorlesen und ich wäre verzückt - ein großarti¬
ger Klang, den die Sprache im Dialekt entwickelt. Da ist es
schon fast ein Mehrwert, dass die vier Glasgower ein De¬
bütalbum aufgenommen haben, dass nicht nur vom Sän¬
ger so vorgetragen wird sondern sich zusätzlich unnach¬
giebig in die Gehörgänge schraubt. Pop trifft auf breitwan-
digen Postrock und es wird die Lücke ausgefüllt, die man
zwischen COLDPLAY und MOGWAI gar nicht gesehen hat.
„And she would darken the memory“ zum Beispiel beginnt
hallend und hymnenhaft, der Bass setzt alsbald ein, und
auch wenn es einem ganz bewusst ist, dass es ein Taschen¬
spielertrick ist, jagt es einem einen Schauer über den Rü¬
cken. Dazu gesellt sich das auf dem Album immer wieder
auftauchende Akkordeon, das sich einmal mehr für häu¬
figere Anwendung in der Rockmusik empfiehlt, und ehe
man sich versieht, schrammein sich THE TWILIGHT SAD
Richtung White Noise, ohne zu aufdringlich auf die Inten¬
sitätstube zu drücken. Hammer. In unterschiedlichen Ma¬
ßen treffen diese unterschiedlichen Zutaten in den neun
Songs aufeinander. Dabei ist das Songwriting okay, die Um¬
setzung macht hier aber den Unterschied zu den zig ande¬
ren Bands, die sich derzeit an einer Art hingebungsvollem
Stadionrocks probieren. (44:37) (8) Christian Maiwald
TUCO’S LOUNGE
Crazy Love CD
devilduckrecords.de/Indigo | Dass man einer Band ihre
Herkunft anhört, ist von der Aussagekraft jener Bauernre¬
gel, die da lautet: „Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert
sich das Wetter oder es bleibt wie es ist.“ Würde es also
nach der Musik gehen, müssten TUCO’S LOUNGE irgend¬
wo in den wüsten Weiten von Arizona oder New Mexico
zu Hause sein, kommen in echt aber aus der norwegischen
Musikhauptstadt Bergen. „Crazy Love“ ist ihr zweites Al¬
bum (das Debüt von 2005 hieß „Wide Load", wurde hier¬
zulande aber leicht verändert als „Attitüde Adjuster“ ver¬
kauft) , und damals wie heute gefallen sie durch eine coun-
tryeske Mischung aus MADRUGADA, 16 HORESEPOWER
und BOTANICA, und wo sie laut und zupackend werden,
sind auch die SUPERSUCKERS mal nicht weit. Doch be¬
vor ein falscher Eindruck entsteht: Das hier ist eher Lounge
als Saloon, Staub und Schmutz sieht auf solch schmucken
Cowboy-Anzügen nicht gut aus. Alles in allem ein wirklich
schönes Album, das aber hier und da etwas mehr Dunkel¬
heit und Verruchtheit hätte vertragen können. (46:29) (7)
Joachim Hiller
uuu
UGLY BEATS
Take A Stand CD
gethip.com | Texas hat mehr zu bieten als Rib-Eye-Steaks,
Rodeos, Ölfelder und geldgeile Potentaten. Es war schon
immer auch die Wiege einiger der talentiertesten Gara¬
ge-Bands. So auch der UGLY BEATS, deren Debüt vor zwei
Jahren ja schon einen wunderbar frischen Wind in ein oft¬
mals recht muffig riechendes Genre geblasen hatte. Mit an¬
genehm poppigen, stellenweise vom Merseybeat inspirier¬
ten Harmonien, einer schön schmalzigen Farfisa und gele¬
gentlichen Fuzz-Bombardements schraubten die fünf ein
Album zusammen, das so richtig schön perlt. Und mit dem
Nachfolge-Werk, das nun vorliegt, ist es fast noch schöner.
Die Bandbreite ist noch etwas weiter, ab und zu kommen
sogar akustische Gitarren zum Einsatz, und dann klingt
es schon sehr nach BEAU BRUMMELS, etwa beim Moll-
Wundersong „Million Dollar Man“. Es gibt drei feine Co¬
versongs („Action plus“ von den VENTURES, „You’re the
one“ von NIKKI &THE CORVETTES sowie den REMAINS-
Kracher „Let me through“, dazu neun hochkarätige, origi¬
nelle und eigenständige Songs. Und in der Summe sind das
zwölf Beatperlen, die in einer knappen halben Stunde die
Füße keine Minute zum Stillstand kommen lassen. (8)
Gereon Helmer
fymmio*« 10 .
UNKNOWN INSTRUCTORS
The Master’s Voice CD
smogveil.com | Was ich in meiner Besprechung zu THE
PERFECT RAT in dieser Ausgabe geschrieben habe, trifft in
gewisser Weise auch auf UNKNOWN INSTRUCTORS zu,
eine Punk-Jazz-Rock-
Exper imental - Super¬
group aus SST-Zeiten mit
textlichen Ausflügen ins
Beat Generation-Lager,
bestehend aus Mike Watt
und George Hurley von
flREHOSE und den MI¬
NUTEMEN, Joe Baiza von
SACCHARINE TRUST
und UNIVERSAL CON-
GRESS OF und einem ge¬
wissen Dan McGuire, der
als Gründer der Band gilt.
Zusätzliche Vocals steuern hier Künstler Raymond Petti-
bon und David Thomas von PERE UBU bei. In Sachen Ein¬
gängigkeit tun sich beide Bands nichts, allerdings wirkt der
sperrige, behäbige Freestyle-Rock der UNKNOWN IN¬
STRUCTORS etwas fokussierter als der von THE PERFECT
RAT, was an der besonderen Betonung der Rhythmusfrak¬
tion in Gestalt von Watts Bass und Hurleys Schlagzeugspiel
liegen mag, easy listening ist auch diese Platte nicht und
zerrt teilweise ganz schön an den Nerven. Ansonsten eine
faszinierende wie intensive Angelegenheit, wenn man sich
von dieser Form atonaler Freisetzung von Energie in den
Bann ziehen lässt, die sicher mehr mit der Freakyness von
Zappa und Sun Ra zu tun hat als dem schrägen Punk der
MINUTEMEN, aber dennoch eine Tradition von Rock in
seiner offensten und imangepasstesten Form weiterführt,
wofür SST und seine Bands bis Mitte der 80er mal die erste
Adresse waren. (9) Thomas Kerpen
ÜBERDOSISNICHTS
... Scheune Auterwitz Live CD
nix-gut.de | Punk ist Livemusik, und Punk ist immer be¬
sonders toll, wenn er auch in dieser Form in unser Ge¬
hör dringen darf. Das dachten sich die Jungs von ÜBER¬
DOSISNICHTS auch und pressten als neueste Veröffentli¬
chung ein Konzert auf CD. Aufgenommen wurde das am
26.08.06 gegebene Konzert in der Heimat der Band, näm¬
lich in Auterwitz. Ganze 18 energiegeladene, oftmals sozi¬
alkritische Songs, sind auf dem Live-Album enthalten. Ne¬
ben vielen schnellen deutschen Titeln („Mit dem Rücken
an der Wand“, „Die Zeit“) gesellen sich auch einige eng¬
lische („Hey girl“) hinzu. Der Sound von ÜBERDOSIS-
NICHTS lässt sich als brachial, aber tanzbar bezeichnen.
Bedeutet: Pogotauglichkeit ä la HAUSVABOT. Das Album
kann durchweg überzeugen. Die Aufnahmequalität ist top
und eine geballte Ladung Punk prasselt unentwegt auf ei¬
nen ein. Einziges Manko vielleicht, es fehlen die musikali¬
schen Ausreißer nach ganz oben. Nämlich genau das, was
einen von der breiten Masse guter vorhandener Punkbands
abheben würde. (48:14) (7) Sven Grumbach
VW
VON SPAR
s/t CD
Tomlab/Indigo | Die Kölner hatte ich vor allem als et¬
was überbewertete Elektro-Dance-Punk-Truppe auf dem
/FANZINES
ABDITUSVULTUS #4
A4, 72 S.3,50 Euro, abditus-vultus.com | Der gemeine
Metalhead ist langhaarig, stumpf und intolerant. Da ich
mich selber bei Bedarf zu dieser Subspezies der Menschheit
zähle, darf ich das natürlich mit Fug und Recht behaup¬
ten. Um so verwunderlicher, dass es das D.I.Y.-lästige Me-
talfänzine ABDITUS VULTUS bis zu Nummer 4 geschafft
hat, die hier nun vorliegt. Rein optisch macht es einen sehr
professionellen Eindruck: guter s/w-Druck, insgesamt er¬
innert das Layout etwas an die geschätzten Kollegen vom
LEGACY, nur dass das ABDITUSVULTUS in seiner musika¬
lischen Vielfalt doch einiges mehr zu bieten hat, was ich
aber auch als Problem ansehen, weil: Welcher Blackmetal¬
ler mag schon was über eher rockige Bands lesen oder um¬
gekehrt? Geboten wird hier alles übliche wie Interviews
mit immerhin HELHEIM, TODTGELICHTER, SUDDEN
DEATH, COLDWORKER, PROTEST, 7IEBEN, SUFFERAGE
und diversen anderen eher unbekannten Bands, dazu Re¬
views, Live-Berichte und eine 2 Song Promo-DVD der Me-
talcoreler SHATTER. Das ganze Teil ist in einem angenehm
humorvollen Unterton gehalten ohne ins Peinliche abzu¬
gleiten. Wer das ABDITUSVULTUS mal antesten will, sollte
die Homepage besuchen, wo es die alten Ausgaben zum he¬
runterladen gibt. Lohnt für den Überdentellerrandgucker.
Rene, nimm es bitte nicht persönlich, aber in einer Straße
namens „Weg zur frohen Zukunft“ zu wohnen, hat absolu¬
ten Kultfaktor. Ollie Fröhlich
EXOT #4 & #5
A5, ca. 80 S., 5 Euro, exot-magazin.de | In schönem ge¬
bundenen Outfit kommt diese Zeitschrift aus Bonn da¬
her, die sich der komischen Literatur verschrieben hat und
scheinbar auszuloten versucht: Was ist komisch?! War ich
anfangs eher skeptisch, da ich konsequent und kollektiv ir¬
gendwelche Slam-Platitüden erwartet hatte, lasse ich mich
gerne eines besseren belehren. Besagtes gibt es hier zwar
auch, allerdings reißen es andere tragischkomische Texte
auch wieder so richtig raus, so dass die Mischung ausge¬
wogen genug bleibt, dass ich weiterlese. Zu nennen wäre da
bspw. Nadja Schlüters irgendwie rührender Text über die
Liebe in der #4, Katinka Buddenkottes richtig schön fie¬
se Geschichte über eine Hippie-Streetworkerin oderTil-
man Birrs „Studentenpartygespräch“ (beide #5), in dem
sich so einige Leute wiederfinden werden, die es allerdings
auch nicht anders verdienen. Ergänzt werden die Texte
durch coole Illustrationen und Zeichnungen. Ihr merkt,
der EXOT ist für mich eine zweischneidige Angelegenheit
aus Überblättern und im Zug vor Lachen vom Platz fallen,
aber alle mal eine mehr als interessante Zeitschrift, beson¬
ders für alle, die gerne (tragisch-) komische oder satirische
Literatur lesen bzw. sich vor den Lesebühnen der Repub¬
lik rum treiben. Toll übrigens, dass Karsten Hotter aka Dir¬
ty Slim der leider verblichenen ODDBALLS BAND wenigs¬
tens noch immer aktiv in Sachen Illustration ist, denn der
Kerl ist einfach ein Könner, dessen Homepage hier mal ein¬
fach empfohlen sein soll (hottercomix.de). Alex Strücken
MOLOKO PLUS #31
64 S., 2,50 Euro, moloko-plus.de | Lecker! Hat sich der
jungen Mann vom Cover Marmelade auf die Hand und
den Bass geschmiert oder ist das Blut und Wundwasser? Is-
mirschlecht... Leckerer dann das lange Interview mit Halb
7 Records aus Dessau, sehr interessant. Die YOUNG ONES
dürfen sich auch äußern, ein Artikel über den von U2 einst
besungenen „Bloody Sunday“ gibt’s, der Rock’n’Roll/Kus-
tom-Art-Macher David Vicente wird portraitiert, mit
STRONGBOW ein paar Cider getrunken, und mein klei¬
ner Höhepunkt ist das Interview mit dem Ex-Drummer
der LORDS OFTHE NEW CHURCH, einem gewissen Dan¬
ny Fury aus der Schweiz. Verstört reagiere ich auf die BAY
CITY ROLLERS-History, SPRINGTOIFEL werden von An¬
fang bis Ende portraitiert, die neue Veteranenband SMEL-
LY CAPS bekommt reichlich Platz eingeräumt, den CRIM-
SON GHOSTS und GOLDBLADE etwas weniger, und zum
Abschied fabuliert sich Opa (Punker) Knack (er) noch sei¬
nen idealen Tag als Fanzinemacher zusammen und stellt
die These auf, das Ox habe „ein meinungsbildendes Mo¬
nopol ohne Gegenwind“ errichtet. Ich sage mal: Schön
wär’s, haha, aber soweit kommt es sicher erst, wenn ich Kö¬
nig von Deutschland werde. Eines Tages ... Ich wiederho¬
le mich, aber es stimmt: Das Moloko Plus ist immer wieder
qualitativ hochwertiger Lesespaß. Lies das, Punk!
Joachim Hiller
MONITOR #29
A4,8 S., apabiz.de | Der Monitor fallt im Rahmen der Fan¬
zine-Sektion immer etwas heraus, tut dies allerdings eher
im Sinne einer willkommenen Ergänzung. Hier findet man
etwas, das auch in stark politisch geprägten Fanzines zwi¬
schen persönlichen Betrachtungen und Einschätzungen
kaum Platz findet: Harte Fakten über rechtsextreme Akti¬
vitäten. In dieser (mittlerweile schon nicht mehr aktuel¬
len) Ausgabe geht es u.a. um Schnittstellen zwischen Esote¬
rik imd Rechtsextremismus, sowie den Anstieg rechter Ge¬
walt in Berlin; generell geht es viel um Berlin und die dor¬
tigen Verhältnisse. Eine Meldung aus dem Monitor #29, die
hier nochmal gesondert Erwähnung finden soll: V-PUNK
sind endgültig am rechten Rand angekommen. Den bes¬
ten Beleg dafür liefert die Band meines Erachtens dankens¬
werterweise selbst, durch die Art und Weise, wie sie auf ih¬
rer Homepage mit dieser Feststellung umgeht. Der Monitor
wird allen Fördermitgliedern des apabiz e.V. kostenlos zu-
gesandt. Ferdinand Praxi
PLASTIC BOMB #59 + CD
A4, 80 S., 3,50 Euro, plastic-bomb.de | Auch in dieser
Ausgabe gibt’s wüeder ein Interview mit alten „Deutsch-
punk-Helden“, heute: CANALTERROR. Tommy und Be¬
nedikt erzählen von den den Anfängen des Punk in Bonn,
vom legendären DEAD KENNEDYS-Konzert 1982 und ih¬
ren ersten eigenen Konzerten, den Aufnahmen für Aggres¬
sive Rockproduktionen und ihrer Zeit bei MOLOTOW
SODA, von Abzocke und Reunions, Ärger in der Schule und
Randale in der Straßenbahn - was eben so passiert in ei¬
nem Vierteljahrhundert Punk ... Noch etwas weiter zu¬
rück reicht die Geschichte der Bands DISCHARGE und THE
RUTS, die jedoch beide am Rande des diesjährigen Berliner
Punk & Disorderly-Festivals schon wieder Zukunftspläne
schmiedeten. Außerdem in der Bombe: GASMASK TER¬
ROR, ZSK, PORTERS, EL PIROMANOS DEL RITMO sowie
ein Bericht vom 2007er Stuttgarter Osterdosensuchen. In
die „wunderbare Welt der Propaganda“ sollten unbedingt
alle mal reinschauen, die ihr Leben ändern wollen, und na¬
türlich in die „Herstory of Punk“, diesmal aus Bayern mit
Kim vom Vegan Wonderland - Versand. U te Borchardt
RAZORCAKE #37
A4,112 S., $4.00, razorcake.org | Das Razorcake stellt sich
schon auf der ersten Seite als „only official non-profit mu-
sic magazine in America dedicated to supporting indepen¬
dent music culture“ vor, mit dem Ergebnis, dass alles, was
übrig bleibt, wieder in das Heft reinvestiert w'ird. Die Fol¬
ge: Spenden an das Heft sind in den USA als gemeinnüt¬
zig anerkannt und damit steuerlich absetzbar. Eine schö¬
ne Sache, was aber nicht bedeutet, dass Todd, der Vereins-
vorsizende, auf Anzeigen verzichtet. Vorne im Heft erstmal
ein paar Bilder vom alljährlichen PunkrockBowling-Con-
test, den BYO Records organisieren, gefolgt von unzähligen
langen Kolumnen und den paar Interviews: ABI YOYOS,
THE VICIOUS, YOUNG PEOPLE WITH FACES, THE TRAS -
HIES.THE BRAT und STRESSFACE. Der Höhepunkt ist aber
auf jeden Fall Nardwuars Interview mit Joan Jett, und die
üppige, kompetente Reviewstrecke ist bekannter Standard.
Ein sehr sympathisches Heft, mir mittlerweile lieber als das
MRR, weil eine klarere Linie und mehr Liebe zum Detail
erkennbar ist. Joachim Hiller
REALROCKER #19
A4, 56S., 3 Euro, realrocker.net | Das REALROCKER aus
der Schweiz geht in die 19. Runde. Einband in Farbe, der
Rest in s/w. Die Titelstory featured STRIKE ANYWHERE,
welche, ebenso wie das umfangreiche Interview mit NO
FUN AT ALL, sehr interessant ist. Muss ich doch in diesem
Mag erfahren, dass die alten Schweden seit ein paar Jah¬
ren hier und dort mal wieder spielen, unter anderem in
Schweiz, ... Dazu folgen mehr oder weniger umfangrei¬
che Einblicke in das Dasein von denTURBO AC’s, PALE,THE
LOVED ONES und FAREWELL TO WORDS. Der Rest des
Heftes ist gefüllt mit lokalen Bands. Das macht das Zine in¬
teressant, auch wenn manche Bandstorys sehr kurz ausfal-
len. Außerdem ist das Layout auf Dauer ein wenig öde. Was
am Schluß wieder Spaß macht, ist der umfangreiche Plat-
ten-Review-Teil. Unterm Strich okay, aber für den Preis
und die Seitenzahl zu wenig Infos. Zahni Müller
THREECHORDS #9
A4, 132 S., three-chords.de | Geiles Cover: Florian Bert-
mer, der auch interviewt wird, hat den SxE-Fanziner-Kol¬
legen aus Münster ein schick buntes Tattoo-Cover gesto¬
chen, das aber eher nach Drogenkonsum als giftfreier Ju¬
gend aussieht. Im mit 132 Seiten echt fetten Heft finden
sich neben diversen Kolumnen reichlich Interview, unter
anderem mit DAMNATION AD, THE SPITS, FUCKED UP,
Reaper Records, John Joseph (CRO-MAGS), THE EXPLO¬
SION und Jordan Cooper von Revelation (sehr lang und
ausführlich). Dazu kommt ein feines Special zum Thema
„Hardcore über 30“, für das unter anderem Markus „Per
Koro“ Haas, Marc von MAD Booking und „unser“ Kal¬
le Stille interviewt wurden. Cooles Heft, wer’s nicht kennt
sollte es unbedingt mal bestellen. Joachim Hiller
TRUST#123
A4,68 S., trust-zine.de | Schönes Cover: Die auch im Ox
interviewten FUCKHEAD geben die ganzkörper tätowier¬
ten Seite 1 -Luder. Drinnen dann ein Interview' dazu, ein
langes Gespräch mit Flo von Heartfirst und früher auch
Bonzen-Fanzine und SQUANDERED MESSAGE, der sich
allerdings bei viel Wahrem, das er sagt, unterm Strich doch
auch als meckernder alter Mann nach dem Schema „Frü¬
her war alles besser“ erweist. Klar Flo, ich bin sicher, dei¬
ne Meinung wird jemand, der heute 22 ist, mit Sicherheit
beeindrucken. Gut: Das Interview mit Aaron vom Comet-
bus-Fanzine von Daniel. Bei den Fanzinereviews wunde¬
re ich mich, dass man für so ein Scheissheft wie das Vice
auch nur eine Zeile verschwendet, und verblüffenderw'eise
gibt’s mal eine echt nette Ox-Rezension - Danke! Es folgen
noch ein paar Interviews (DIAVOLO ROSSO. ANNIHILA-
TIONTIME) sowie die Reviews und das war’s. Ich sag mal:
Solider Standard. Joachim Hiller
TURBOJUGEND MAGAZIN #2
A5, 78 S., 3 Euro, turbojugcnd-magazin.de | Es war nur
eine Frage der Zeit, bis die Turbojugend - eines der ein¬
drucksvollsten Fanclubphänomene und Kundenbindungs¬
instrumente- ein eigenes Magazin hervor bringen würde.
Dieses nett aufgemachte schwarz-weiß-Heft mit farbigem
Umschlag sollte dem geneigten Turbojünger mit allen In¬
fos über den Sound versorgen, der auf die eine oder an¬
dere Weise TURBONEGRO affin ist. Da gibt es - natürlich
- ein Interview mit Happy Tom. Ferner ein Gespräch mit
den BACKYARD BABIES und interessante Hinter-den-Ku¬
lissen-Interviews mit Mutti, Gründer und Chefbooker der
Agentur Muttis Booking, undWölverine Records-Kopf Sa¬
scha Wolff. Bemerkenswert bei all den Artikeln ist, dass sie
interessante Hintergrundinfos liefern und gerade das Ge¬
spräch mit Happy Tom einen netten und sehr persönlichen
Einblick bietet. Abgerundet wird all dies durch Konzertbe¬
richte von unter anderem der PETER PAN SPEEDROCK-
Dvd-Release Party und einer Schar Albumreviews, die
freudig erregten Kuttenträgern schließlich noch das neu¬
este aus Deathpunk und Co. vorstellen. Lauri Wessel
OX-FANZINE 89
REVIEWS
Schirm, die vergleichbaren Bands wie URLAUB IN PO¬
LEN, DIE TÜREN oder GOLDENEN ZITRONEN nachei¬
ferte, ohne dabei allerdings wirklich eigenes Profil zu ent¬
wickeln, auch wenn das Ganze als Parodie gemeint gewe¬
sen sein soll. Mit dieser Platte und den darauf enthalte¬
nen zwei 20-minütigen(!) Stücken haben sie vieles über
Bord geworfen, was an „Die imeingeschränkte Freiheit der
privaten Initiative“ erinnern könnte. Stattdessen bedient
man sich beim Krautrock der 70er in Gestalt von CAN
oder NEU! oder bei Elektronik-Pionieren wie TANGERI¬
NE DREAM oder KRAFTWERK, gepaart mit der Klangäs¬
thetik von NEUROSIS. Herausgekommen ist eine durchaus
atmosphärische Platte, die immer dann am spannendsten
ist, wenn VON SPAR sich einfach treiben lassen und nor¬
male Songstrukturen hinter sich lassen. Das Problem ist
dabei, dass man das alles schon mal irgendwo gehört hat,
auch wenn VON SPAR auf jeden Fall ihr Handwerk verste¬
hen und mehr als nur allzu verkopfte Kunstmusik produ¬
zieren. Der etwas zwiespältige Eindruck ihrer ersten Plat¬
te bleibt auch hier in gewisser Weise erhalten, auch wenn
man ihnen zugute halten muss, nicht den einfachen Weg
gewählt zu haben, denn eine Anbiederung an den Massen¬
geschmack oder sonstige kommerzielle Tendenzen kann
man ihnen nun wirklich nicht unterstellen. Aber wenn
ich NEU! oder NEUROSIS hören will, höre ich NEU! und
NEUROSIS und eben nicht VON SPAR. (6) Thomas Kerpen
VON SÜDENFED
Tromatic Reflexxions CD
Domino/Rough Trade | Eine Idee, die auf dem Papier
durchaus interessant klingt: Andi Torna und Jan St. Wer¬
ner von Deutschlands Vorzeige-Elektronikband MOUSE
ON MARS tun sich mit Musikerikone Mark E Smith zu¬
sammen, der mit THE FALL ein einflussreiches wie durch¬
wachsenes Gesamtwerk vorzuweisen hat. Nach „Varcharz“,
ihrer anspruchsvoll vertrackten letzten Platte für Ipecac,
besinnen sich MOM hier auf eher straightere Sounds und
so ist das zweite Stück „The rhinohead“ ein durchaus ge¬
lungener Popsong geworden, sicher das Highlight der Plat¬
te, wo man Smith auch nicht wirklich raushört. Und das
ist auch ein wenig das Problem der anderen Songs, denn
der kantige, charakteristische Sprechgesang des FALL-Sän¬
gers will sich nicht wirklich mit dem wie immer cleveren,
verspielten MOM-Umgang mit Clubsounds verbinden, so
als ob Torna und Werner eine Spoken Wörd-Performance
von Smith mit Musik unterlegt hätten, ohne dass beide Tei¬
le wirklich miteinander korrespondieren würden. Zu den
unterhaltsamsten Momenten der Platte gehört dann noch
eine schräge „Blues“-Nummer gegen Ende, die tatsächlich
von einer FALL-Platte stammen könnte. Aber ansonsten
wirkt Smith in der Disco eher fehl am Platze. Insofern lässt
einen „Tromatic Reflexxions“ mit einem eher zwiespälti¬
gen Gefühl zurück, denn als funktionierende, homogene
Einheit nimmt man die Platte nur selten wahr, und falls es
VON SÜDENFED gerade auf die Betonung dieser Gegen¬
sätze abgesehen hatten, ist das Experiment ja geglückt, mir
wäre das Ganze als reine MOM-Platte ohne Gesang aller¬
dings wesentlich lieber gewesen. (5) Thomas Kerpen
VAN NA
Curses CD
Epitaph | Die neuesten Schützlinge von Brett Gurewitz
wurden aufgrund ihres Demos und ihrer soliden Live-Dar-
bietung von Epitaph unter Vertrag genommen und veröf¬
fentlichten dann die MCD „The Search Party Never Came“.
Wenn man „Curses“ auflegt, klingt das Album ebenso be¬
liebig wie zig andere Screamo-Platten, keinesfalls schlecht,
aber mich persönlich stört, dass gerade Epitaph mal ei¬
nen charakteristischen Sound hatte und jetzt hört man nur
noch wenig davon. Die minimalistische Präsentation die¬
ses Albums unterstützt die These, dassVANNA austauschbar
sind, denn Inhalte werden nicht erwähnt. DaVANNA sich
stilistisch auf Gruppen berufen, die zum Teil bis heute aktiv
sind, sehe ich auch keinen Grund auf solche Epigonen zu¬
rückzugreifen. Vielleicht wär’s vor fünf Jahren noch origi¬
nell gewesen, heute klingt es nur nach Fließbandprodukti¬
on. (37:39) (4) Thomas Eberhardt
VORTEX
Und was wollt ihr? CD
randale-records.de | Das ist immer eine gute Frage! Als
Erstes Gesundheit, denn die kann man sich nicht kaufen,
und dann noch einen Sack voller Geld, der nie leer wird.
Allerdings möchte ich keine Bands wie VORTEX mehr hö¬
ren. Das mag jetzt zwar hart klingen, aber VORTEX verkör¬
pern alles, was eine mittelmäßige Band ausmacht: Sie kön¬
nen ihre Instrumente spielen und ziehen ihr persönliches
Ding konsequent und unpeinlich durch. Da ist nichts, was
mich anspricht, da ist nichts, was mich aufhören lassen
würde, das ist simpler Oi!/Streetpunk im Vorprogramm.
Schön, dass es euch gibt, möchte ich ihnen vollkommen
unzynisch zurufen, und lasst euch von mir nicht entmuti¬
gen; macht das, was euch immer Spaß gemacht hat: Musik!
(5) Carsten Vollmer
VALET
Blood Is Clean CD
kranky.net/Cargo | „My blood is clean / But the devil’s in
me“, so eine der berührendesten Zeilen, die Honey Owens
aka VALET auf „Blood Is Clean“ singt. Dass die Experimen-
talmusikerin und Sängerin in grauer Vorzeit für das Maxi¬
mum RocknRoll schrieb, hört man ihrer Musik nicht im
Mindesten an. Jedenfalls hat die Entdeckung „spannende-
rer“Töne jenseits von Punk und Hardcore sie scheinbar so¬
weit von rockistischen Vorstellungen entfremdet, wie nur
irgend möglich. Auf ihrem Debütalbum formt sie zarte und
zugleich bedrohliche Soundminiaturen, als hätte man SI-
GUR RÖS durch eine Geisterbahn gejagt. Ihre düsteren und
eindringlichen elektro-akustischen Songs bewegen sich in
einem Spannungsfeld von sirrender Elektronik, eindringli¬
chem Ambient und psychedelischem Industrial. Entfrem¬
dung herrscht auf allen Ebenen: Die Musik wird wie durch
einen Schleier übertragen, die Blues-Jams, aus denen die
Songs hervorgegangen sind, werden ins Unerträgliche ver¬
zerrt und die Naturgeräusche, die man zu hören meint,
ins Unsägliche verstümmelt. Der Kritiker Mike McGonig-
al schreibt zu Recht, dass nach dem Gitarrensolo im Titel-
track jedes weitere Gitarrensolo unnötig ist. (52:13) (6)
Chris Wilpert
VOXTROT
s/t CD
playloudrecordings.com/Indigo | Obwohl fast alle fünf
Bandmitglieder von VOXTROT aus Texas mal Musikwissen¬
schaften studiert haben, ist ihr selbstbetiteltes Debüt alles
andere als kopflastig. Wohl auch ein Grund, weshalb Front-
mann Ramesh Srivastava das Handtuch warf und für drei
Jahre in Glasgow Literatur studierte. Dies erklärt wieder¬
um den britischen Einschlag, der ein wenig an BELLE AND
SEBASTIAN oder ARAB STRAB erinnert. VOXTROT könn¬
te man, aufgrund ihrer Fähigkeit wunderschöne Melodien
ins Leben zu rufen, schon regelrecht als Magier bezeichnen.
Dieses Album lässt einem das Herz aufgehen: Mal aufwän¬
dig instrumentiert, mal ganz ungeschliffen und mit dem
sehr eindringlichen, gefühlvollen Gesang von Ramesch in
Kombination, liegt hier ein Meisterwerk vor. (43:57) (9)
Nina Maenz
VINDICATOR
On And On ... CD
Streetjustice/New Music Distribution | 10 Jahre sind
die Hamburger nun schon am Start und geben mit ihrem
aktuellen Album wieder mal ordentlich Gas. Schon der
Opener „No warning“ geht ohne Vorwarnung in die Vol¬
len. Ein kurzer, knapp eineinhalb Minuten langer Brecher
dröhnt aus den Boxen und gibt so das Tempo und die Mar¬
schrichtung für den Rest des Albums vor. Rauher Hardco¬
re, der manchmal entfernt an die RYKER’S erinnert, aber
sich immer eine Hintertür offen hält, für eine ordentli¬
che Rock’n’Roll-Einlage. „KillThe King“ ist so ein Song, in
dem Shouter Uwe verdammt stark nach MOTÖRHEAD-
Frontsau Lemmy klingt. Auf jeden Fall einer der außerge¬
wöhnlichsten Songs des Albums, der richtig zünden würde,
wenn man die Gesangsparts der Frau zwischendurch weg¬
gelassen hätte. „Awake 4 hours“ macht dann auch mal Platz
für gesprochene Parts, bevor der Lemmy wieder in Sänger
Uwe fährt und sich im Titelsong „On and on“ entlädt und
so geht es nahtlos weiter. VINDICATOR brettern durch ihr
16 Song starkes Set, immer mit kleinen Höhen und Tiefen.
Alles in allem aber ein rundes Album im oberen Mittelfeld,
das nicht ungehört bleiben sollte. (31:39) (7) Tobias Ernst
VENDETTA
Ultraumatic CD
Street Justice | Nach ihrer „Demolition“-EP im letzten
Winter gibt es jetzt ein Album des italienischen VierersTHE
VENDETTA. „Ultraumatic“ ist auf Street Justice Records als
schickes Digipak mit acht Bonustracks der „Terror Nation“
EP veröffentlicht worden. Das heißt auf gut Deutsch: 19
Mal auf die Fresse! Die ehemaligen THE BLOODLINE spie¬
len nach eigenem Erachten „Punk Rock fueled Speedrock“,
was eine recht treffende Umschreibung ist. Hier und da
schillern ein paar 80er Speed - undThrash Metal Einflüs¬
se durch, und zwar ganz deutlich bei den Leads und Gangs-
houts. Da kann man sich selbst Geschwindigkeiten im obe¬
ren Bereich zusammenreimen, die aber nicht in Gebolze
auszuartet. Das Ganze erinnert mich immer noch an alte
WHIPLASH meets MOTÖRHEAD. Die EP klingt aufgrund
ihres dreckigen Sounds noch ein wenig kompromissloser
als das vorhergehende Album. Lasst uns dem Gott der Mo¬
notonie huldigen und ordentlich abmoshen! (51:00) (7)
Arndt Aldenhoven
RAINER VON VIELEN
s/t CD
Ebenso-Musik | Naja, wenn man die nackten Fakten be¬
trachtet, spricht ja nicht gerade viel für den guten Rai¬
ner. Seine Musik läuft unter der Genrebezeichnung Hip¬
Hop, der Herr gewann, mit dem auch auf dieser CD en-
haltenen Song „Sandbürger“, 2005 den „Protestsong-Con-
test“ - ausgerichtet vom österreichische Radiosender FM
4 und tourte dann gleich unter dessen Fittiche durch Ös¬
terreich. Solo oder nicht, eine Band reicht dem Tausend¬
sassa nicht aus, bei Anne Clark sorgt er für die elektroni¬
schen Komponenten bei ihren Live-Auftritten, bei ORAN¬
GE gliedert er sich ein, macht Filme und gleich die passen¬
de Musik dazu. Ein HipHop-Überflieger. Wunderbar. Wäre
er nicht mit seiner Live-Band KAUZ von der coolsten In¬
strumental-Bands dieser Region, GUTS PIE EARSHOT,
supportet worden, Rainer wäre mir wahrscheinlich nicht
wirklich bewusst begegnet. Zugegeben, wenn mich Gitar¬
rist, Kumpel und Manager Michael Schönmetzer aka Mitch
Öko an diesem Abend nicht zum Bleiben überredet hät¬
te, wäre mir auch nie in den Sinn gekommen, mir diesen
I
i
/COMICS
Christoph Heuer & Gerlinde Althoff
KLAUS KORDONS DER ERSTE FRÜHLING
ca. AS, 240 S., s/w, SC 14,90 EUR, carlsen.de | In Carlsens
neuer Graphic Novel-Reihe erscheint mit diesem Buch
eine erste Literatur-Adaptation, die das umfangreiche Buch
Kordons in Comicform
zu bringen versucht.
Das habe ich jetzt be¬
wusst vorsichtig formu¬
liert, denn wenn etwas
nach der Lektüre fest¬
steht, dann dass das Ori¬
ginal sicher die bessere
Wahl gewesen wäre. Er¬
zählt wird die Geschichte
der zwölfjährigen Änne
und wie sie die letzten
Kriegstage, die Befreiung
durch die Rote Armee
und die ersten Nach¬
kriegstage im bombar¬
dierten Berlin erlebt. Um
sie herum scharen sich
eine Reihe von Verwand¬
ten und Nachbarn, deren Schicksal ebenfalls beleuchtet
wird. Da verdichten sich verschiedene Perspektiven (Nazi,
Kommunist, Juden, etc.) und bekannte Motive (Angst vor
den Russen, Kindersoldaten, etc.) derart, dass man sich oft
nicht davor wehren kann, dem Buch mehr Pädagogik als
Lust an einer spannenden Geschichte zu unterstellen, denn
die ächzt merkbar unter dem Willen, möglichst viel in die
sicher nicht wenigen Seiten zu quetschen. Aber die Vorlage
selbst hat schon ungefähr doppelten Umfang und die Ver¬
kürzung merkt man vielen Szenen an, wenn die Ereignis¬
se abrupt aufeinander folgen. Da wäre weniger mehr ge¬
wesen, allein um dasTempo besser zu temperieren. Die Ge¬
staltung beruhigt das auch wenig, wenn in die Seiten im¬
mer ein wenig zu viel Dynamik als nötig gelegt wird - auch
in ruhige Szenen. Um Kids das Thema Nationalsozialismus
näher zu bringen ist das Buch vielleicht ein guter Köder,
aber für sich genommen ist KLAUS KORDONS DER ERS¬
TE FRÜHLING nicht der große Wurf. Dass sich ein histori¬
sches Thema mit einer spannend erzählten Geschichte bes¬
tens verbinden lässt, zeigt Jason Lutes mit dem thematisch
benachbarten BERLIN. Christian Maiwald
Katz & Goldt
DER GLOBUS IST UNSER PONY
ca. A5, 96 S., farbig, HC, 18 EUR, editionmoderne.de,
katzundgoldt.de | ... DER KOSMOS UNSER RICHTIGES
PFERD. Der Titel des Buches ist natürlich ein Knaller. Auch
die dazugehörige Werbung auf der Website des bekann¬
ten Duos ist begnadet, wie dort beiläufig und clever mög¬
lichst viele Werbemethoden aus Korn genommen werden.
Die in diesem Buch gesammelten Geschichten - die meis¬
ten aus der „Zeit" - zeigen das Team auch auf kreativem
Höhenflug: Auch wenn ich zwischenzeitlich arge Proble¬
me mit den fiktiven Reiseberichten, gebrochenen Kalau¬
ern und Cartoons habe, ich kann nicht anders als die Qua¬
lität und Größe anzuerkennen. Wie bei Picasso - ein gro¬
ßer Geist, aber das meiste, was er damit anstellte, geht an
meinem Geschmack einfach vorbei. Woran liegt es also,
dass mich DER GLOBUS IST UNSER PONY... so wenig an¬
spricht? Wie auch bei Goldts Büchern sind die einzelnen
Episoden kunstvoll und anspielungsreich erzählt und man
muss zum Teil schon eine gewisse Grundbildung mitbrin¬
gen, um den Geschichten folgen zu können. Dabei macht
er aber auch vor Platitüden nicht halt, die sich allerdings
nahtlos in die Cleverness einfügen. So wird durchgehend
der Eindruck eines vollkommen durchgeistigten, durch-
kontrollierten Erzählkosmos’ geweckt, was auf Kosten der
Lebhaftigkeit geht - es wirkt durchgehend steril und klei¬
nere Brüche eben durch Plattitüden oder Flachwitze er¬
scheinen genauso kalkuliert wie die geschickt konstruier¬
ten Zusammenhänge. Das ist insgesamt absurd und witzig,
aber über weite Strecken sehr kühl. Dazu passen die Zeich¬
nungen von Katz: sehr klare Linien, blasse Farben, hübsch,
aber distanziert. Katz und Goldt haben sich ihren eigenen
Humorkosmos geschaffen, der von cleveren Beobachtun¬
gen und Bezügen lebt, und dabei ein erstaunlich hohes Ni¬
veau erreicht. Bemüht oder aufdringlich wirkt hier nichts,
aber im selbst gesteckten Rahmen variieren sie zu wenig,
um die distanzierte Cleverness zu kaschieren. Wer’s mag.
Christian Maiwald
Flix
HELDENTAGE
ca. A5, 380 S., s/w, SC, 18 EUR, carlsen.de, der-flix.de |
Wer sich mal wieder einige Stunden im Internet vertreiben
möchte, sollte sich ins Meer der Toonblogger stürzen, die
tagtäglich ihre Strips online stellen und nicht selten gro߬
artige Comics in unter¬
schiedlichster Form da¬
bei präsentieren. Ob ge¬
kritzelt oder ausgear¬
beitet, nur am Compu¬
ter oder auch per Hand,
sich bewusst wiederho¬
lend oder immer wie¬
der neu - da gibt es Ei¬
niges zu entdecken. Ja¬
mes Kochalka stellt nun
schon seit einigen Jah¬
ren seine autobiografi¬
schen AMERICAN ELF-
Strips auf seine Seite,
(von denen im Übrigen gerade eine zweite umfangreiche
Sammelausgabe in Buchform erschienen ist), Leo Leowald
dokumentiert mit seinem Alter Ego ZWARWALD ebenfalls
die Absurditäten des Alltags. Und neben der Arbeit an sei¬
nem aktuellen Buch MÄDCHEN hatte nun auch der Ber¬
liner Flix schon vor einiger Zeit begonnen, täglich einen
kleinen Strip auf seine Website zu stellen. Das erste Jahr
dieser Strips liegt nun in einem handlichen Klotz mit hüb¬
schem Pappcover vor. Wenn man die meistens aus drei bis
vier Panels bestehenden Strips online verfolgt, kommen sie
einem recht dünn vor - zu banal die Beobachtungen und
wenig gebrochen die Scherze (ohne auch Schenkelklop¬
fer zu sein). Dabei gibt es immer wieder Ausnahmen, wenn
Flix’ Alltagsbeobachtungen etwas auf den Punkt bringen,
er mit der Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und
Außendarstellung spielt oder seine Selbstzweifel und Pro¬
bleme beim Machen des MÄDCHEN-Buchs dokumentiert.
Gerade auf Jahreslänge, wenn Erzählstränge deutlicher
werden als in Tagesdosen, treten diese Stärken in den Vor¬
dergrund. Kaschiert werden damit aber nicht die Schwä¬
chen und regelrecht nervenden Seiten von HELDENTAGE:
Man muss keine (gefühlten) hundert Strips darüber ma¬
chen, wie sehr man seine Freundin liebt. Diese Aufdring¬
lichkeit, das in den Vordergrund zu stellen, wirkt schon fast
DEMO
verdächtig, weil sie erzählerisch nichts Neues bieten. Und
wie einige andere Strips auch durchweht sie eine Art Pony¬
posterbeschaulichkeit, dass selbst mir Popper ganz blüme¬
rant wird. Aber das soll nicht davon ablenken, dass sich das
Buch in einem Rutsch gut lesen lässt, ohne vom Leser viel
zu fordern - Strandlektüre. Christian Maiwald
Brian Wood & Becky Cloonan
DEMO Band 1
ca. A5, 184 S., s/w, SC, 15,90 EUR, modern-tales.de | Su-
perhelden-Storys etwas Neues abzugewinnen ist inzwi¬
schen ja auch zu einem eigenen Subgenre geworden, aus¬
gehend von DOOM PA-
TROL oder WATCHMEN
(oder noch einigen an¬
deren Genre - Klassikern),
die bewusst mit altherge -
brachten Erzählstruktu¬
ren zu brechen versuch¬
ten. Inzwischen gibt es
eine ganze Reihe von Se¬
rien und Büchern, in de¬
nen Superkräfte weniger
als Aufhänger für rasan¬
te Action benutzt wer¬
den, sondern als erzähle¬
risches Stilmittel in den
Mittelpunkt treten, um
den Charakteren näher
zu kommen. Gut, Comics
wie SPIDERMAN funkti¬
onierten im Prinzip von Anfang än auch so, sind aber doch
anders gelagert als zum Beispiel das vorliegende DEMO von
Brian Wood (CHANNEL ZERO) und Becky Cloonan. In den
sechs Kurzgeschichten erzählen sie von ebenso vielen Teen¬
agern, die auf unterschiedliche Art als Außenseiter mit ih¬
ren unterdrückten Superkräften hadern - sofern sie von
ihnen wissen - und aus ihrem Umfeld und der Norma¬
lität ausbrechen. Im Hintergrund schwingt dabei immer
mit, dass eben diese Superkräfte in der Öffentlichkeit per
se als gefährlich angesehen und geächtet werden. Marie aus
der ersten Geschichte „NYC“ steht somit permanent unter
Medikamenten, die ihre Fähigkeiten unterdrücken. Mit ih¬
rem Freund Mike beschließt sie, durchzubrennen und auf
die Medikamente zu verzichten, wobei sie in Kauf nimmt,
dass sie ihre fulminanten Kräfte nicht ganz unter Kontrol¬
le halten kann. Auch in den folgenden Geschichten stehen
Frustration, Ausbruch und körperliche Veränderungen im
Mittelpunkt der Geschichten, was die Superkräfte nur als
Stilmittel zum Erzählen von Coming-of-Age-Episoden er¬
kennbar macht - vergleichbar mit Charles Bums BLACK
HOLE. Und umgesetzt sind sie von Cloonan in verschie¬
denen Manga-beeinflussten, kontrastreichen Schwarz¬
weiß-Stilen, die jeweils sehr gut die Stimmungen der Ge¬
schichten unterstützen. Was auffällt, ist nur, dass viele Epi¬
soden sich jeweils wie ein Anfang lesen und nicht wie run¬
de Kurzgeschichten. Durch das Konzept unterscheiden sie
sich nicht allzu sehr voneinander und mehr als einmal
beschlich mich das Gefühl, dass da noch etwas kommen
müsse, vielleicht ein Treffen aller Protagonisten oder Ähn¬
liches. Aber das wird wohl nicht passieren, was mich leicht
unbefriedigt hinterlässt. Dass mich DEMO von meiner Su¬
perhelden-Abstinenz ein wenig gelöst hat, darf aber als Lob
gesehen werden. Christian Maiwald
Calle Claus
FINDRELLA
ca.A5,144 S.,s/w/mint, 14EUR, edition52.de | Das neue
Buch des bekannten Hamburger Independent-Zeichners
mag auf dem ersten Blick sehr gefallen - handlich, schö¬
ne Aufmachung, schicke Farben. Doch beim Lesen wird
schnell klar, dass die wortlose Unterwassergeschichte eher
etwas für Mädchen ist. Junge Mädchen, um genau zu sein.
Die werden an der Geschichte der namensgebenden Nixe
Findrella und ihrem Traum davon, demTraumtypen zu ge¬
fallen, durchaus angetan sein. Dieser als eine Art Märchen
schlüssig erzählte Band, in dem die Kommunikation und
Darstellung der Charaktere und ihrer Motive beim Fehlen
von Worten kunstvoll umgesetzt ist, wird für erwachsene
Leser zu sehr an der sprichwörtlichen Oberfläche bleiben,
als dass er wirklich fasziniert und hinabzieht in die hüb¬
sche Unterwasserwelt. Für Zehnjährige wunderbar.
Christian Maiwald
Blanquet
LA VENENEUSE AUX DEUX EPERONS
A5+, 224 S., s/w, 22 EUR, cornelius.fr | Wortlos ist der e
neue Band des französischen Vielzeichners Blanquet, der
hier eine Art Märchen erzählt, allerdings eines, das auf kei¬
nen Fall für Kinder ge¬
eignet ist. In Scheren¬
schnitt-ähnlichen Bil¬
dern erzählt er auf mit¬
einander verwobenen
Zeitebenen eine von ver¬
schiedensten Grausam¬
keiten und viel Ekelhaf¬
tem durchzogene Schau¬
ermärchenversion, bei
der sich Motive wie er¬
wachende Sexualität,
Entführung, Tod und ver¬
schiedenartige Abhän¬
gigkeiten zu einem von
verschiedensten Kör¬
perflüssigkeiten durch -
tränktem Gruselpanoptikum verbinden, dessen klare, be¬
dachte und dadurch auch ruhige Umsetzung die schaurige
Stimmung unterstützt. Auch wenn sich das Buch erst nach
mehrmaliger Lektüre erschließt, ist es ein Gruselt(r)ip für
die weniger Zartbesaiteten. Christian Maiwald
Anna Sommer
DIE WAHRHEIT UND
ANDERE ERFINDUNGEN
ca. A4, 64 S., s/w, 14,80 EUR, editionmoderne.de | Jetzt
also auch ein autobiografisches Buch von Anna Sommer,
die bisher vor allem für ihre aus verschiedenfarbigen Pa¬
pierlagen komponierten Bilder bekannt ist. Es ist vor allem
der Erzählton, der ihr Buch von den inzwischen zahlrei¬
chen Comic-Autobiografien absetzL Eine Schweizer Nei¬
gung zur Zurückhaltung, die auch in ihren Episoden mit-
schwingt, überbrückt sie durch einen sehr nahen Blick auf
das Geschehen: Sie erzählt weniger von der Position der in¬
zwischen allwissenden Erzählerin, sondern bleibt immer
sehr nah an der Erfahrung der Zeit. Die Zeichnungen bie¬
dern sich dabei nicht zu sehr an, wollen die Stimmungen
nicht zu sehr unterstreichen - hervor tritt eine angenehme
Ehrlichkeit und Direktheit, die das Buch sehr sympathisch
machen. Christian Maiwald
Comics +++ Bücher +++ Bilder +++ Comics +++ Bücher +++ Bilder +++ Comics +++ Bücher +++ Bilder
www.packwahn.de fii§
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Portofrei für OX-leser — schreibe „OX“ ins Anmerkungsfeld!
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WE RE DIFFERENT
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REVIEWS
Typen genauer anzuhören. So warf ich feierlich mein Kli¬
scheedenken über Bord. Ein gerapptes Kauderwelsch schä¬
kert gleich zu Beginn dieser CD erfolgreich mit jenen übrig
gebliebenen Schema-Fs in meinem Kopf. Aber so einfach
hat man es nicht, mit den vielen Schublädchen. Ein Meister
des „Beatboxing“ ist er, Percussion, auch das wummernde
Didgeridoo macht er selbst. Ein imgewohnt cleverer Ragga-
Elektro-Folk-Punk-HipHop, gespickt mit Sound Samp-
les, erheiternden, messerscharf kritischen Texten, eng um¬
schlungen von einem unglaublichen Vibrato. „Use the me-
dia, confuse the media /Nutzt die Medien, verschmutzt die
Medien.“, so stopft er hoffentlich noch sehr lange seine Ge¬
danken in Worthülsen und feuert sie gen Himmel. Möge
dir das daraus resultierende Feuerwerk den Weg bunt aus¬
leuchten, auf dem schlammigen Pfad des schwachsinnigen
Alltags. Amen. (10) JeNnY Kracht
VORKUTA
Into The Chasms Of Lunacy CD
paragonrecords.net | Braucht man 2007 wirklich noch
eine weitere Band, die DARKTHRONE, die frühen BATHO-
RY, CELTIC FROST und diese Ein-Mann-Band, deren Na¬
men ich nicht nennen werde, weil da nur ein blöder Nazi
hinter steckt, zu ihren größten Einflüssen zählt, es aber
nicht mal ansatzweise schafft, deren Niveau zu erreichen?
Eine innovative Bereicherung des Genres mag man ja gar
nicht erst erwarten, aber die Ungarn VORKUTA hängen auf
ihrem Debütalbum einfach alle musikalischen Klischees
aneinander, die der Black Metal zu bieten hat, ohne eige¬
ne Akzente zu setzen oder zumindest mit ein paar guten
Ideen zu überzeugen. Das ist zu wenig, da hilft auch kein
mit zwei Fingern auf dem Rechner erstelltes, ödes Drone-
Stück mehr. (4) Andre Bohnensack
WWW
FRIEDEMANN WEISE
s/t MCD
Comic Shop | Das hohe Singer/Songwriter-Aufkommen
der letzten Jahre hat das Genre und die Nerven der Zuhörer
gehörig strapaziert. Zu oft ging es um die innere Leere, die
die unrasierten Herren mit Akustikgitarre vertonten und
auf CD brannten. Traurigkeit, das Nichtfertigwerden mit
dieser schrecklich kalten Welt oder der letzten zerbroche¬
nen Beziehung. Zuviel davon tut auch dem Publikum weh.
Heute tritt wieder einer an, der Titanic-Autor Friedemann
Weise, und er macht es anders. Zwar hat auch er nur seine
Gitarre, er bekommt etwas Rückendeckung vom Schlag¬
zeug. Den wahren Unterschied aber macht die Leichtig¬
keit, mit der er seine Geschichten vorträgt. Sein Humor ist
bissig, Selbstironie für ihn kein Fremdwort. Lieber mal ein
Bier trinken und einen Song drüber schreiben. Mit Lori-
ot ist er auch noch verwandt. Nicht schlecht. (13:37) (7)
Arne Koepke
WINTERS
Black Clouds In Twin Galaxies CD
riseaboverecords.com | Der Titel des Debüt-Longplay-
ers sagt wohl schon recht deutlich, wo wir uns hier befin¬
den: im schwer drogenverseuchten Space-Rock. Wo hier
„Post-Mod-Rock“ zu hören ist, wie im Pressetext verkün¬
det, weiß ich nicht, das Ganze klingt mir wie IRON BUT¬
TERFLY auf Doom getrimmt, sprich gaaanz langsame Riffs
und darüber so typische Sixties-Psychedelic-Vocals.Tja, in
dem Punkt hat der Beipackzettel wohl recht: die WINTERS
brauchen sehr offene Ohren unter Sludge-, Doom- oder
Stoner-Freundlnnen, denn so richtig passen sie da nirgends
rein, und so richtig überzeugt mich ihr Ausflug in die Sech¬
ziger nicht.Too füzzy. (41:14) (6) Simon Loidl
WOGGLES
Rock And Roll Backlash LP/CD
wickedcoolrecords.com | Der Wechsel zu Little Stevens
(of E STREET BAND fame) Übel Wicked Cool hat den in
Deutschland gerne und oft gesehenen WOGGLES erstmal
einen Rückschlag beschert: Obwohl ihr Album seit Mo¬
naten raus ist, ist es derzeit wohl nur via Soundflat zu be¬
kommen - da muss am Vertrieb wohl noch gearbeitet wer¬
den. Aufmerksamkeit verdient haben die WOGGLES jeden¬
falls auch diesmal wieder, ist der Nachfolger des 2003 er¬
schienenen „Ragged But Right“-Albums (noch mit dem
kurz darauf verstorbenen Gitarristen Montague einge¬
spielt) doch erneut ein vor allem und zuerst nach den
WOGGLES selbst klingendes Rock’n’Roll-Manifest. Auch
das wurde wieder von Rick Miller aufgenommen, Mighty
Manfreds Stimme ist so prägnant wie eh und je, und Flesh
Hammer, der neue Mann an der Gitarre, macht seine Sa¬
che ausgesprochen gut. Was jedoch auffallt: Die WOGGLES
klingen 2007 eine Spin - bedächtiger, nicht mehr so vorbe¬
haltlos partytauglich wie zu „Ramadan romance“-Zeiten,
doch hat man sich daran erstmal gewöhnt, gewinnt auch
ein iberisch anmutender Schmuser wie „El toro“ mit je¬
dem Hören. „Sayonara blues“ hingegen macht dann wie¬
der alles klar, dazu schüttelt man gerne Haar und Hin¬
tern, und gecovert wird auch: „The world is falling“ von
den (deutschen) LORDS wurde auserkoren (und exzellent
umgesetzt), sowie „I gotta go now“ von Rex Garvin. Alles
in allem also ein weiteres feines Album einer Sympathen-
band, das hier und da aber etwas mehr Feuer haben könn¬
te. (38:48) (7) Joachim Hiller
WAXY
s/t MCD
Your Mom’s/Radar | Bei WAXY handelt es sich um vier
Typen aus Palm Desert. Und was fällt einem natürlich bei
Palm Desert ein? Genau, KYUSS, QOTSA und die Stoner/
Desert Rock-Szene, und genau zu der zählen sich auch
WAXY. Damit ist klar, wie der Hase läuft und durch wel¬
che Musik WAXY beeinflusst wurden. Jedoch handelt es
sich bei WAXY mitnichten um eine Reproduktion von De¬
sert Rock-Klischees, vielmehr hat die Band lediglich de¬
ren trockenen Groove übernommen und mit Anleihen
aus klassischem Rock’n’Roll kombiniert. Uptempo-Stü-
cke sucht man hier vergeblich, aber schöne Melodien und
die stark an QOTSA erinnernde Stimme von Sänger Robert
Owen wissen zu überzeugen. Zu bemängeln ist an dieser
Stelle allerdings, dass dies alles dazu beiträgt, dass WAXY
den Queens teilweise zum Verwechseln ähnlich ist, oft je¬
doch ohne an deren Abwechslungsreichtum heranzurei¬
chen (schön ist allerdings das Panflötensolo in „What we
were“). Generell ist „Waxy“ eine gute EP, bleibt nun ab¬
zuwarten, ob das nächste Album noch etwas eigenständi¬
ger daherkommt oder ob die Band doch in Belanglosigkeit
versinken wird. (17:36) (7) Nadine Maas
SHANNON WRIGHT
Let In The Light CD
Unter Schafen/Alive | Shannon Wright erinnert an PJ
Harvey und Tori Arnos. Sie schreibt ruhige, zurückhalten¬
de Songs mit Piano und pointiert eingesetzter E-Gitarre,
die in den richtigen Momenten explodieren. Jedoch ist
Wright nur die Light-Version der genannten Künstlerin¬
nen. Die Frau kann nicht halb so abgefückt wie Arnos oder
PJ Harvey sein. Leider wirkt sich das nachteilig auf ihre
Musik aus. Nach einer Weile nervt das unzusammenhän¬
gende Geklimper ohne rechte Struktur ein wenig. Dann
sucht man sich seine alten Tori - Amos - Alben heraus und
hört lieber die. (4) Julia Gudzent
W.A.S.P.
Dominator CD
demohtionrecords.com/Soulfood | Bisher dachte ich,
Blackie Lawless sei eine auftoupierte und -gedunsene
Transe, die seit schätzungsweise 25 Jahren einfaltige Hea¬
vy Metal-Freaks mit pathetischem Gesülze und rohem
Fleisch bewirft. Seit gestern hingegen weiß ich, dass es für
Lawless und seine Band WA.S.P. noch eine Zukunft gibt:
Abgesehen von der Sache mit dem rohen Fleisch hätten sie
mit den oben genannten lügenden das Potenzial, den Eu¬
rovision Song Contest locker für sich zu entscheiden. Die
Veranstaltung zeigte es: schlechte Kostüme, wallende Mäh¬
nen und seichter, gefühlsduseliger Heavy Rock hegen voll
im europäischen Trend. Zu dumm, dass der gute Blackie
kein Deutscher ist. Der hätte tatsächlich das Zeug, den ost¬
europäischen Riegel zu durchbrechen. Schließlich ist Hea¬
vy Metal der einzige musikalische Exportschlager Deutsch¬
lands in die Staaten jenseits der Oder-Neiße-Grenze. Viel¬
leicht sollte man mal über eine Einbürgerung verhandeln.
Dann würde es auch wieder mit der Vorherrschaft über
Europa klappen. Und „Dominator" trüge seinen Titel zu
Recht. (43:28) Ingo Rothkehl
WILDHEARTS
s/t CD
Round/Cargo | Letztens hatte ich noch eine Soloplatte des
WILDHEARTS-Frontmannes Ginger verschmäht, da flat¬
tert mir eine neue Platte dieser Institution britischen Hea¬
vy Rocks auf den Tisch, und für viele knüpft diese Plat¬
te souverän an die früheren Glanzzeiten der Band an. An
FROM RUSSIÄ WITH LOVE
Wirklich fett tmd sauber produziert wurde das Debütal¬
bum „Poslednaja Voina/Last War“ (ANR) der Mos¬
kauer Streetpunk-Band WHAT WE FEEL. Da gibt es
wirklich nix zu meckern und die Band braucht den inter¬
nationalen Vergleich überhaupt nicht zu scheuen. Mit ihrer
rohen Wut und kompromisslosen Kraft blasen sie 90 Pro¬
zent aller Mittelstands-Hardcore-Bands weg, aber wahr¬
scheinlich wird sich wieder niemand dafür interessieren,
weil sie russisch singen. Das sollte aber auch kein Hinde¬
rungsgrund sein, denn im Booklet findet man die engli¬
schen Übersetzungen. Ich bin ja immer ein wenig konser¬
vativ, was russische Musik angeht, und der einzige Abstrich,
den ich bei WHAT WE FEEL mache, ist, dass sie mir persön¬
lich schon zu „verwestlich“ klingen.
Wesentlich traditioneller im russischen Punkrock ver¬
wurzelt sind PHENIX (phenixl998@ rambler.ru). Leider
habe ich nicht viel mehr Infos über diese Band, da sich die
Kontaktaufhahme sehr schwierig gestaltete, was ein allge¬
mein russisches Problem ist. Neben der Sprache, Englisch
ist Ausnahme, ist das russische Internet absolut konfus und
die Adressen wechseln ständig, weil die Betreiber und Be¬
sitzer alles andere als zuverlässig sind. Zumindest, was die
kostenlosen Anbieter angeht, das aber nur nebenbei. PHE¬
NIX spielen superschnellen Punkrock mit hörbar viel Spaß
dabei, ohne dabei jemals in die Hardcore-Schiene abzu¬
gleiten. Teilweise hört sich das an wie absolut überdrehter
77er-Style, und beim nächsten Mal werden sie wieder tief¬
traurig tmd verbreiten diese herzzerreißende Melancholie,
die ich so mag.
Fest zum russischen Underground gehören auch die di¬
versen Folk-Bands, und PLETEN (wattle.narod.ru/
anshukoffi« mail.ru) ist eine davon. Sie haben sich nach
diversen akustischen Aufnahmen dazu entschlossen, auch
elektrische Instrumente zu benutzten, und neben den tra¬
ditionellen Liedern aus Russland, Finnland und Irland
(Alle auf Russisch gesungen!) haben sie angefangen, eige¬
ne Lieder zu komponieren. Meistens handelt es sich dabei
um sehr getragene Songs, aber beseelt vom Wodka, artet das
dann doch wesentlich Öfter zu einem konstruktiven Chaos
aus, wie es auch ELÄKELÄISET pflegen.
Wer diese kleine Kolumne regelmäßig verfolgt, dem wer¬
den THE PAUKI (pauki.nm.ru/ the _pauki@mail.ru)
keine Unbekannten mehr sein! Es gibt wieder Neuigkeiten
aus St. Petersburg, denn Sasha hat zwei neue Zusammen¬
stellungen herausgebracht. Auf „a.r.e. freundschaft“
findet man neben den aktuellen THE PAUKI-Aufnahmen
noch Songs von SICK OF SOCIETY aus Amerika tmd
THE VENDETTA aus Italien. Allesamt stehen sie für die
härtere Gangart des derben Oi!/Streetpunk. Wobei ich fin¬
de, dassTHE PAUKI eindeutig gewinnen, weil sie am besten
produziert sind und auch die besten Songideen haben.
„Punk Occupation“ geht in die 13. Runde, und dieses
Mal sind auch Gäste aus anderen Ländern vertreten, doch
den größtenTeil bestreiten wie immer russische Bands. Ge¬
boten wird ein repräsentativer Querschnitt von Hardcore,
Oi!, 77er Punk und anderen, teilweise sehr obskuren, aber
immer sehr interessanten Musikrichtungen. Wenn ihr ei¬
nen sehr guten Überblick über die aktuelle russische Szene
haben wollt, dann ist hier ein Abo unerlässlich, denn näher
heran kommt ihr nie!
PLJUSCHI (plushiw: list.ru), was übersetzt „Die Efeu¬
pflanzen“ heißt, kommen aus Irkutsk und haben es nach
sechs Jahren Bandexistenz geschafft, ihre erste selbstbeti¬
telte CD aufzunehmen. Warum? Weil sie eben alles wirk¬
lich selber machen wollten und es so lange gedauert hat
die Technik zu beherrschen. Abgesehen von den wirklich
schrecklichsten Gitarrensoli, aber nur in den ersten Songs,
die ich je gehört habe spielen PLJUSCHI sehr abwechs-
lungsreichen und kritischen Punkrock. Die CD enthält
auch eine englischsprachige Bandhistorie.
Etwas hippiesker sind VERBA (karandash38@mail.ru),
was soviel wie „Frühlingserwachen“ bedeutet tmd den da¬
mit beginnenden Aufbruch, das Hervorbrechen des Lebens
meint. Dabei entwickeln sie aber eine Energie, die dem
Punk nicht unähnlich ist. Alternative Rock oder Postpunk
können dabei auch nur als grobe Richtung dienen, denn
die Songs sind sehr gut strukturiert und lassen Freiräume
für die einzelnen Stilrichtungen und Stimmungen. Ins¬
gesamt ein sehr abwechslungsreiches Album, das sich ge¬
schickt einer Kategorisierung entzieht.
Vollkommen anders und vollkommen der DJ.Y.-Philoso-
phie verschrieben haben sich VEGATIV. Derbe grunzend,
dumpf und wirklich sehr kurzweilig bolzt die Band ihre
Songs unspektakulär und extrem lustlos herunter. Sehr in¬
teressant ist, dass neben dem normalen Schlagzeug auch
noch Stahl oder etwas Ähnliches zur Rhythmuserzeugung
eingesetzt wird. Crust aus dem Schuhkarton.
Hervorragend dagegen sind TUSHKA (independent-
sounds.ru) aus Moskau produziert. Der moderne Nu-Punk
dieses Quartetts klingt zwar verdächtig nach MTV-Alter-
native-Charts, aber alleine die Songtitel würden schon
ausreichen, um alle westlichen Kids zu schocken, und „Ich
habe jedes Pferd gefickt“ ist da noch einer von der harm¬
losen Sorte. Die Jungs scheinen wirklich einen ausgespro¬
chen angenehmen Humor zu haben und auch musikalisch
sind sie absolut am Puls der Zeit, denn lässig integrieren sie
Metal- und HipHop-Elemente in ihren Sound.Perfekt!
Carsten Vollmer
dem grundsätzlichen Rezept der WILDHEARTS, fetten
Riff-Rock auf süßliche CHEAP TRICK-Harmonien tref¬
fen zu lassen, hat sich indes nichts geändert, allerdings ist
das neunminütige Opus „Rooting for the bad guy“ direkt
zu Beginn ein durchaus beeindruckender Opener, „The
sweetest song“ danach erscheint allerdings eher wie eine
reichlich schwache, kürzere Kopie. In Sachen Energie und
Melodienreichtum machen wohl nur wenige Bands den
WILDHEARTS etwas vor, allerdings kann man ihre allzu
geradlinige Vörgehensweise auf dem neuen Album auch
recht schnell als etwas langweilig und eintönig empfin¬
den, tmd so machen die Einzelstücke oft mehr Spaß, als
alle zwölf Tracks am Stück zu hören. Richtig gut sind die
WILDHEARTS vor allem bei den unverschämt ausgewalz¬
ten Songs mit ihren virtuosen Prog-Hardrock-Instrumen-
talparts wie bei dem bereits angesprochenen Opener, dem
ebenfalls knapp neunjninütigen „Slaughtered authors“,
wo man sich ein wenig bei der Basslinie von John Carpen-
ters „Assault On Precinct 13“-Titelthema bedient hat, dem
wuchtigen „The hard way“ und „Destroy all monsters“ am
Schluss, das mit seiner Reduzierung auf Breaks und kno¬
chentrockene Riffs fast schon was von den MELVINS hat.
Wem nach hemdsärmeligem, aber nicht doofem In-Your-
Face-Rock ist, der ist bei den WILDHEARTS generell an der
richtigen Adresse, tmd das gilt insbesondere für dieses neue
Album. (7) Thomas Kerpen
WATCHERS
Vampire Driver CD
gernblandsten.com | Lange hat es gedauert, bis mir ein¬
gefallen ist, an wen mich die WATCHERS auf ihrem zwei¬
ten Album erinnern. Man nehme nur mal den Opener na¬
mens „Chess Champion“: dünne, schranzige Gitarren, ein
knackiges, penetrantes Schlagzeug, ungeahnt auftauchende
Melodiefetzen, der Gesang mehr ein Gesprech - klar! Die
von mir sehr geschätzten BEEHIVE & THE BARRACUDAS
sind es, die hier womöglich Pate standen. Die Ähnlichkei¬
ten im Sound liegen auf der Hand. Darüber hinaus haben
beide gemein, dass man ihre Songs als sparsame, ansonsten
aber normale Rocksongs missverstehen kann. Weit gefehlt:
Da lauert etwas zwischen den Akkorden. Es sind die Klei¬
nigkeiten im Sound, die Parts oder Riffs, die einmal zu oft
wiederholt werden, die den Wahnsinn aufflackern lassen.
Bei B&TB war ich mir sicher, dass die Jungs und das Ma¬
del bewusstseinserweiternde beziehungsweise verstand¬
lähmende Mittelchen zu sich genommen haben. Den Ein¬
druck habe ich hier nicht so stark, aber vielleicht ist nur
die Dosis nicht so hoch. Törichterweise werden die WAT¬
CHERS immer wieder mit dem Neo-No-Wave in Verbin¬
dung gebracht, aber zum Glück ist das nicht so. Das hier ist
viel cooler, Hipsters! (40:06) (8) Christian Meiners
WINDMILL
Puddle City Racing Lights CD
Groenland | WINDMILL ist keine Band, sondern der So¬
lokünstler Matthew Thomas Dillon, der sich vor allem am
Piano hervortut. Die Songs sind ein Gemisch aus Folk und
Indie, durchaus nett anzuhören. Über den Gesang kann
man streiten. Die einen werden ihn lieben, zu den ande¬
ren gehöre ich. Der ist nicht nur schräg, sondern auch noch
hoch, tmd damit wird das Album für mich komplett un¬
hörbar, ohne Diskussion. Kennt jemand Daniel Johnston?
Das ist ungefähr die gleiche Liga, nur dass Herr Dillon nicht
auch noch lispelt. Mensch, da muss man doch was machen
können. Man kann doch seine schönen Songideen nicht so
leichtfertig wegschenken. (45:53) (4) Christian Meiners
WE ARE SOLDIERS WE HAVE GUNS
To Meet Is Murder CD
Stereo Test Kit | Diese Namen! Pustekuchen, das sind nur
falsche Fährten - weder das neuste, heiße, Indie-Ding,
noch Screamo, sondern fünf lupenreine, behutsam in¬
strumentierte LoFi-Indie-Pop-Perlen bietet einem die¬
ses Mini-Album des Göteborger Duos. Unterlegt mit Pia¬
no, sanftem Schlagzeug, Tremolo-Gitarren oder auch mal
„drums on a coffee mug with pencils", werden die Songs
vor allem von der klaren, lieblichen Stimme von Sängerin
Malin Dahlberg getragen. Der sehr ausdrucksstarke Gesang
sorgt für Intimität bei den Stücken, bindet den Hörer, lässt
einen wohl fühlen und zugleich in Abgründe blicken. Man
kann auf das Debütalbum gespannt sein, denn das sind kei¬
ne „Songs that no one will hear.“ Eher: Musik für alle Jah¬
reszeiten. (17:55) (8) Kevin Goonewardena
JEREMYWARMSLEY
The Art Of Fiction CD
Transgressive | Jeremy Warmsley kommt aus England und
hat französische Wurzeln. Vielleicht ist gerade das eine, ich
sag mal, zu kuriose Mischung, wenn man sich als Singer/
Songwriter versuchen will. Im Gegensatz zu anderen, die
in dieser Sparte tätig sind, fehlt mir hier in vielen Stücken
die Melodie. Ab und zu fallen die Instrumente mitten im
Lied aus, was ja nicht so extraordinär ist, aber der alleini¬
ge Gesang, der dann im Vordergrund steht, bietet meist ei¬
nen sehr faden, nichts sagenden Eindruck. Dieses Bild ver¬
schärft sich noch mehr, wenn man sich die Texte im fein
säuberlich gestalteten Booklet durchliest. Ich schätze mal,
dass der Typ jetzt Mitte 20 ist, trotzdem finde ich die meis-
tenTexte sehr jungenhaft. Kann ich das so stehen lassen? Ich
möchte damit sagen, dass mir viele Textzeilen zu verspielt
sind und man sich noch teeniehafter fühlt, wenn man sie
sich ins Deutsche übersetzt. Untermalt werden diese Zeilen
von einer Gitarre oder auch mal von einer Ukulele. Daraus
könnte man durchaus viel machen, aber irgendwie gehen
die Instrumente völlig ihren eigenen Weg. Abgesehen da¬
von, sind Alle Lieder sehr, sehr langsam. So langsam, dass
man selber anfängt zu flüstern. Eine sehr komisch zusam¬
mengemixte Platte, ich frage mich, wie da Stimmung bei
seinem Konzert aufkommt. Ziemlich experimentell, ein
Chemiebaukasten sozusagen. Vielleicht ist das Album auch
fantastisch tmd ich hab es nicht erkannt, weil mir die Freu¬
de tmd der „Booaaaaahhhhh“-Moment fehlt. Na ja. (6)
Martha Biadun
XXX
XBXRX
Wars CD
polyvinylrecords.com/Cargo | Sollte irgendwer XBX¬
RX (angeblich der Name eines chinesischen Herstellers
von Zahnarztbohrern) für ein kurzlebiges Novelty-Phä-
nomen gehalten haben, so ist dieser Verdacht wohl schon
seit dem letzten Album, vor zwei Jahren ebenfalls auf Po¬
lyvinyl erschienen, ausgeräumt. Davor hatte die 1998 ge¬
gründete Formation unter anderem auf 5RC und GSL ver¬
öffentlicht und war, oh wilde Flegeljahre, in der Tat noch
etwas mehr out of control als heute. Der Gesang ist kla¬
rer und nicht mehr das stimmliche Äquivalent zu einer
Maschinengewehrsalve, aber das als angepasst zu bezeich¬
nen, würde bedeuten, Alec Empire Popmusik zu unterstel¬
len, tmd die Band selbst lässt vermelden: „Never wishing
to repeat themselves, the band has made a conscious effort
to move beyond the non-stop blastbeat/screaming assault
of prjvious releases“. Und das hört man. Ist „Wars“ also
eine gezähmte Version von XBXRX, haben sie sich weich-
gespiel/spült? Mitnichten. Die Shock-Effekte, die Lärm-
Attacken, die verquer-komplexe Rhythmik sind geblieben,
aber mittlerweile hat das alles mehr Struktur, ist griffiger
und zumindest für XBXRX-Verhältnisse auch zugängli¬
cher. Freunde von NOMEANSNO, Alec Empire, MELT-BA-
NANA und TOMAHAWK sollten spätestens jetzt zusteigen,
nächster Halt ist Nirgendwo. (27:13) (7) Joachim Hiller
YOUNOGODIE
s/t CD
stxessedrecords.co.uk/BrokenSilence | Käme dieser Vie¬
rer nicht aus Derby in England, ich hätte sie umgehend in
meine Noise-Rock-aus-Deutschland-Kiste gepackt, die
nur geöffnet wird, um etwas hineinzutun. So also ein neu¬
er Ansatz: Die Band würde gern mit Post-Punk-Vorbil¬
dern in Verbindung gebracht, ist dafür aber nicht raffiniert
genug. Im Gegenteil verbreitet sie viele der Klischees, die
mich an den Bands aus meiner Kiste so langweilen - das
Schlagzeug zu hampelig, der Gesang zu leidend, die Riffs zu
stumpf. Nervt. (68:26) (4) Christian Meiners
YYY
YELLOW UMBRELLA
Little Planet CD
myspace.com/rainrecordsev | Sehr spannend wäre eine
groß angelegte Umfrage nach der besten deutschen Ska-
Band. Meiner Vermutung nach würden YELLOW UM¬
BRELLA nur knapp hinter den BUSTERS in der Spitzen¬
gruppe landen. Warum das zumindest wünschenswert und
nachvollziehbar wäre, lässt sich an der neuen Platte sehr
einfach (vielleicht besser als an allen vorherigen) aufzei¬
gen. Viel Pop-Appeal wird da aufgefahren, während YEL¬
LOW UMBRELLA gleichzeitig gegen die Gefahr, dass aus
Eingängigkeit Eintönigkeit werden könnte, ihre bewähr¬
ten Waffen in Stellung bringen. Als da wären: 1. Das richti¬
ge Verhältnis von Ska- zu Rocksteady- und Reggae-Num¬
mern. 2. Ein Hauch von Melancholie 3. Angenehm um-
gesetzte osteuropäische Einflüsse 4. Gut gewählte Cover.
5. Kritische Texte, die vermuten lassen, dass sich in Dres¬
den wohl ein paar Stirne runzeln dürften, wenn ich so un¬
passend martialisch von „Waffen“ rede, um „Little Planet“
zu loben. P.S. Ob man erwähnen sollte, dass Dr. Ring-Ding
bei einem Song mitgewirkt hat, oder ist es mittlerweile ge¬
raten (durchaus auch international) eher die Ska-Plat¬
ten hervorzuheben, an deren Entstehung er nicht beteiligt
war? (8) Ferdinand Praxi
zzz
ZOMBIE GHOST TRAIN
Dealing The Death Card CD
fiendforce.de/Cargo | Ist Mika Kaurismäki in Australien
bekannt? Haben sich ZOMBIE GHOST TRAIN womöglich
nach seinem Film „Zombie And The Ghost Train“ benannt?
Die Band aus Sydney hat nach einer EP auf Crazy Love und
dem erst vor ein paar Monate hierzulande veröffentlichten
Debüt „Glad Rags & Body Bags“ nun den neuen Longplay-
er am Start, und auch der gefällt wieder ausgesprochen gut:
Psychobilly trifft auf MISFITS-liken Punkrock und coo¬
len Greaser-Rock’n’Roll, tmd irgendwie erinnert mich das
hier an eine sehr gelungene Kombination ausTURBO AC’S,
STRAY CATS („Teddy boy boogie“) und TIGER ARMY. Die
Thematik der Texte ist dabei überschaubar: Wolfsfrauen,
Fledermäuse, Monster und Untote sind hier allgegenwär¬
tig, doch mit einem Augenzwinkern macht das gleich noch
mehr Spaß. Exzellent auch diesmal wieder die Produkti¬
on und die handwerkliche Umsetzung - ich werde mir bei
dem Skelett mit der Schaffnermütze da drüben gleich mal
eine Fahrkarte für einen kleinen Deathride im Zombiezug
kaufen. (40:08) (8) Joachim Hiller
► Auf der Ox-CD zu hören.
12.05. BREMERHAVEN
Nacht der Kulturen
24.05. ROSTOCK
MS Stübnitz
25.05. BERLIN
Linse
26.05. NEUBRANDENBURG
Zebra
27.05. DRESDEN
Chemiefabrik
16.06. FREE FOR ALL
Stapelmoor (Ostfr.)
23.06. ELEKTRISCH VERSTairKT
Stavenhagen
14.07. NEUENKIRCHENER OPEN AIR
Neuenkirchen
21.07. FONSSTOCK OPEN AIR
Nordenham
28.07. OMAS TEICH Z
Grossefehn
04.08. SEEED & BEATSTEAKS Open Air Pier 2 ^
Bremen
10.08. NIGHT FESTIVAL
Wiefelstede bei Oldenburg
11.08. STAATSFORSTEN Open Air
Bakum / Büschel /|
11.08. ROCK DEN LUKAS
Tarmstedt (|
i
riäsl
OX-FANZINE 92
REVIEWS
SHERLOCK HOLMES COLLECTION - TEIL 2
Koch Media | Bereits im letzten Jahr war bei Koch die
SHERLOCK HOLMES COLLECTION - TEIL 1 erschie¬
nen, die auf vier DVDs in erstaunlich guter Qualität und
mit informativem Booklet versehen die ersten vier von
20th Century Fox und später dann von Universal produ¬
zierten Sherlock-Holmes-Schwarzweiß-Filme mit Basil
Rathbone enthielt - DER HUND VON BASKERVILLE, DIE
ABENTEUER DES SHERLOCK HOLMES, DIE STIMME DES
TERRORS und DIE GEHEIMWAFFE der den von Sir Ar¬
thur Conan Doyle geschaffenen Meisterdetektiv zwischen
1939 und 1946 verkörperte, an seiner Seite Nigel Bruce
als gewohnt begriffsstutziger Dr. Watson. Eine durchaus at¬
mosphärische, wenn auch etwas geschwätzige Angelegen¬
heit, denn schließlich hatte Hohnes kaum mehr als 60 Mi¬
nuten Zeit, um seine Fälle zu lösen. DER HUND VON BAS¬
KERVILLE hält sich dabei am stärksten am Original von Ar¬
thur Conan Doyle, ansonsten muss sich Holmes mit seinem
Erzfeind Professor Moriarty und den Nazis herumschlagen,
und wird so in den 40er Jahren ebenfalls zum Opfer auf¬
dringlicher Kriegspropaganda, wie das auch Kollegen wie
Superman und Daffy Duck widerfuhr. Insgesamt nach wie
vor spannende, intelligente Krimikost mit Film Noir-An¬
klängen, wobei mir nicht so recht behagt, wie Sherlock
Holmes vom viktorianischen Zeitalter in die Gegenwart
verfrachtet wurde, wo in gewisser Weise etwas von der At¬
mosphäre der Romane verloren geht. Die aktuell erschie¬
nene zweite Box enthält nur drei Abenteuer aus den Jahren
1943 und 1944, VERHÄNGNISVOLLE REISE, GESPENSTER
IM SCHLOSS und DAS SPINNENNEST, die in Sachen Bild-
und Tonqualität den Standard der ersten Box halten kön¬
nen, allerdings ebenfalls diese unangenehmen Moderni¬
sierungstendenzen aufweisen. Jagt Holmes in DAS SPIN¬
NENNEST einer Femme Fatale hinterher, ist GESPENSTER
IM SCHLOSS eine Rückkehr zum Holmes der Romane, der
es hier mit einem Serienmörder in einem schönen alten
Schloss zu tun bekommt. Was überhaupt nicht funktio¬
niert, ist Holmes in die USA fliegen zu lassen, um dort in
VERHÄNGNISVOLLE REISE Geheimagenten und brisante
Dokumente aufzuspüren, was in der danach entstandenen
Episode GESPENSTER IM SCHLOSS ja wieder korrigiert
wurde. Auch wenn mir bisher die klassisch gehaltene Fol¬
ge DER HUND VON BASKERVILLE am besten gefallen hat,
ist Basil Rathbone sicher eine der überzeugendsten Verkör¬
perungen von Holmes gelungen, was aber auch für Nigel
Bruce als Watson gilt. Für Fans nostalgisch angehauchter
Krimikost definitiv eine schöne Sache, alleine schon durch
die Ausstattung der Boxen, die natürlich den Originalton
beinhalten oder auch nette Extras wie ein langes Interview
mit dem Synchronsprecher von Holmes. Und Teil 3 steht
auch schon in den Startlöchern.
HIGHWAY 61
Kanada 1991, Shadow Shows | Spät nachts kann man
manchmal das Glück haben, Bruce McDonalds 1989 ge¬
drehtes Filmdebüt ROADKILL zu sehen, ein wunderschö¬
nes Band-Roadmovie, und das war es dann auch, das mich
ins Kino laufen ließ, als HIGHWAY 61 gezeigt wurde, der
jetzt erstmals (in den USA bzw. Kanada) auf DVD veröf¬
fentlicht wurde. Die Story: Pokey Jones (gespielt von Don
McKellar, war auch schon in ROÄDKILL zu sehen und aus-
sieht wie ein Mitt-Achtziger Goth-Punk) fuhrt in einem
Kaff irgendwo am kanadischen Teil des Highway 61 einen
Friseursalon, den ihm seine Eltern hinterlassen haben. Ei¬
nes Morgens findet er in seinem Hinterhof einen gefrore¬
nen Körper, von dem die kurz darauf auftauchende Jackie
behauptet, er sei ihr Bruder. Auf dem Dach des seit Jahren
unbewegten Autos seiner Eltern soll der Tote in seinem Sarg
nach New Orleans überfuhrt werden, immer den schon
von Bob Dylan besungenen Highway 61 entlang - und ver¬
folgt von einem Aushilfssatan namens Mr. Skin, der dem
Toten einst seine Seele abgekauft hat und jetzt den Körper
haben will... Logischerweise ergeben sich auf der Fahrt di¬
verse Verwicklungen, etwa bei der Einreise in die USA (den
Zollbeamten spielt Jello Biafra, an anderer Stelle taucht
Tav Falco in einer kleinen Rolle auf), und alles in allem
ist HIGHWAY 61 ein sehr schönes, skurriles Roadmovie
mit beachtenswerten Details und reichlich Rock’n’Roll -
Zitaten und -Anspielungen, und auch wenn ROADKILL,
HIGHWAY 61 und HARD CORE LOGO von 1996 von der
Handlung her in keiner Verbindung stehen, so sind sie doch
Teil einer Trilogie. Sehenswert! Joachim Hiller
CHILDREN OF MEN
Japan/UK/USA 2006, Universal | Auch wenn es diese Ka¬
tegorie auf dieser Seite eigentlich nicht gibt, aber CHILD¬
REN OF MEN ist meine persönliche Enttäuschung die¬
ser Ausgabe. Nach den ganzen überschwänglichen Kri¬
tiken hätte ich ein wirklich mitreißendes Endzeitszena¬
rio mit Grips erwartet, Regisseur Alfonso Cuarön (Y TU
MAMÄ TAMBIEN, HARRY POTTER AND THE PRISONER
OF AZKABAN) beschränkt sich allerdings leider auf rei¬
ne Schauwerte und einen hübschen Look, auf der Stre¬
cke bleiben wie so oft eine wirklich schlüssige Geschichte
und interessante, lebensnahe tharaktere. Vor allem, was für
ein ach so schlimmes Endzeitszenario soll das bitteschön
sein? Denn in CHILDREN OF MEN ist die Menschheit un¬
fruchtbar geworden und ist dabei auszusterben, was einen
aber eher mal freuen sollte, denn dann hätte dieser Planet
vielleicht noch eine Chance. Für Misanthropen also eher
mal Komödienstoff. Dazu packt Cuarön dann als Kulisse
die üblichen Zutaten solcher Endzeitszenarien, denn auch
hier gerät eine funktionierende Gesellschaftsordnung un¬
ter die Räder, was zu Anarchie und staatlicher Unterdrü¬
ckung führt, inklusive irgendwelcher Separatistengruppen,
die mit Gewalt eine Neuordnung des Systems herbeifiih-
ren wollen. In dieses Chaos gerät der Ex-PolitaktivistTheo
(den Clive Owen durchaus kompetent darstellt), der ein
schwangeres schwarzes Mädchen auf einer Odyssee zu ei¬
nem geheimnisvollen Human Project begleitet, denn die
Schwangerschaft des Mädchens soll offenbar einem höhe¬
ren Zweck dienen. Orwell bekommt hier eine offenkun¬
dig biblische Dimension, denn man muss doch unweiger¬
lich an die Flucht Josephs mit der schwangeren Maria den¬
ken, und so erwartet man auch in CHILDREN OF MEN auf
die Ankunft eines neuen Messias’, der in diesem Fall aber
weiblichen Geschlechts ist. Das wäre auch alles gut und
VON THOMAS KERPEN
schön, wenn uns Cuarön auch noch ein paar Antworten
darauf geliefert hätte, warum Frauen nicht mehr schwan¬
ger werden können, was die Regierung eigentlich über¬
haupt so treibwund wogegen diese komischen Revolutio¬
näre konkret kämpfen? CHILDREN OF MEN ist dermaßen
diffus-schwammig, dass man sich angesichts der Lobeshy¬
men über den Film fragt, ob manche Leute eigentlich nicht
mehr wissen, was ein gutes Drehbuch ist. Und wenn dann
beim Auftauchen der Endcredits Kindergeschrei ertönt, ist
ganz bestimmt der Höhepunkt der Lächerlichkeit erreicht.
Ich kann nur empfehlen, sich lieber noch mal 1984, BRA-
ZIL oderTWELVE MONKEYS anzuschauen und diese sub¬
stanzlose filmische Luftblase einfach zu ignorieren, wo Mi¬
chael Caine als kiffender Alt-Hippie zu den wenigen ech¬
ten Höhepunkten gehört.
SHORTBUS
USA 2006, Autobahn/Senator | John Cameron Mitchells
SHORTBUS ist nicht der erste Nicht-Porno, der sich mit
pornografischen Szenen schmückt, allerdings ist er auch
nicht der erste Film, der einem das Gefühl gibt, dass die¬
se Szenen höchst selbstzweckhaft in Szene gesetzt win¬
den. Denn nach einem furiosen wie amüsanten Start, wo
jemand versucht sich selbst einen zu blasen, ein Pärchen
in akrobatischer Manier den Geschlechtsakt vollzieht und
eine Domina es ordentlich einem Kunden besorgt, ver¬
sumpft SHORTBUS trotz seiner eher durchschnittlichen
Spielzeit von 97 Minuten in einem öden Neurosenzirkus,
wo man mit einem suizidalen Homosexuellen, einer Sex-
therapeutin, die keinen Orgasmus kriegen kann, und einer
seltsamen Domina konfrontiert wird, deren Wege sich im
titelgebenden hippen Swingerclub kreuzen, geleitet von
einer fürchterlich klischeehaften Tunte im Fummel. Hät¬
te sich Mitchell weiterhin mit den Sexualpraktiken sei¬
ner Charaktere beschäftigt, wäre SHORTBUS sicher eine
nett provokante Komödie über Lust und Liebe geworden,
stattdessen muss er aber in der zweiten Hälfte deren Psy-
choproblemchen in unerträglicher Form auswalzen, wozu
aber wirklich lebendige und glaubhafte Figuren nötig ge¬
wesen wären. Spätestens dann denkt man wehmütig an die
Zeiten zurück, als Woody Allen auf seine wundervoll intel¬
lektuelle und subtil komische Art die Neurosen von Gro߬
stadtmenschen sezierte, ohne dabei auf irgendwelche For¬
men billiger Effekthascherei zurückgreifen zu müssen. Der
deutschen DVD liegt auch noch der komplette Soundtrack
auf CD bei, darunter Azure Ray.Yo La Tengo, Animal Collec-
tive und andere schöne Indie-Pop-Songs, der einem we¬
sentlich mehr Freude bereitet als der dazugehörige Film.
CANDY
Australien 2006, Concorde | Regisseur Neil Armfield
macht nichts, wenn man den nicht kennt — schildert in
CANDY basierend auf dem Buch von Luke Davies eine wei¬
tere Variation des Themas „Junkie romance“ inklusive kal¬
tem Entzug und sozialer Abwärtsspirale. Erst mal ist CAN¬
DY natürlich ein reichlich doofer Titel, da denkt man doch
eher an 70er-Pornos. Der passt allerdings doch wieder ganz
gut, denn trotz der unschönen Darstellung des bekannten
Drogen-Abhängigkeitsverhältnisses eines jungen Pärchens
besitzt Armfields Film eine Zuckrigkeit in Bezug auf sei¬
ne im Mittelpunkt stehende, komplizierte Lovestory, die
CANDY nicht immer wirklich glaubhaft erscheinen lässt.
Das hat man alles in Filmen wie CHRISTIANE F., REQUI¬
EM FOR A DREAM, DRUGSTORE COWBOY und vor allem
THE PANIC IN NEEDLE PARK schon wesentlich besser und
überzeugender gesehen. Seltsamerweise ist CANDY im¬
mer dann am besten, wenn er sein ernstes Thema von ei¬
ner humorvolleren Seite zeigt, denn das eigentlich statt¬
findende Drama ist die große Schwäche des Films, da man
Abbie Cornish und Heath Ledger ihre Figuren nicht wirk¬
lich abnimmt, trotz grundsätzlich guter Darstellerleistun¬
gen, denn die beiden sehen selbst im Zustand größter Ver¬
elendung immer noch viel zu hübsch aus und haben viel
zu viel Spaß miteinander. Geradezu lächerlich sind dann
die vermeintlich schockierenden Sequenzen, etwa wenn
Candy ihrem Freund Dan offenbart, dass sie schwanger
ist, später dann im Krankenhaus ihre tote Fehlgeburt wie
ein lebendiges Baby an sich presst und nicht mehr herge¬
ben will oder Dan gegen Ende seinen Mentor/Dealer Cas-
per (Geoffrey Rush) nach der unumgänglichen Überdo-
sis tot auffindet, was alles recht vorhersehbar ist. Zu die¬
ser emotionalen Unehrlichkeit passt auch das vermeint¬
lich unkonventionelle Happy End des Films, der für sei¬
ne Hauptfiguren zwar keine gemeinsame Zukunft bereit-
hält, aber zumindest überhaupt eine Zukunft. CANDY ist
sicher kein wirklich schlechter Film, aber er kann seinem
Thema nicht genügend neue und interessante Seiten abge¬
winnen, die seine ständig schwächelnde Dramaturgie aus-
gleichen und ihm so eine tatsächliche Daseinsberechtigung
verschaffen würden.
NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT
Spanien/Deutschland/Italien/Liechtenstein 1970,
Kinowelt | Im auf der aktuellen Doppel-DVD dieses Films
enthaltenen Interview erzählt Viel- und Schmuddelfil¬
mer Jess Franco stolz, dass er ja lange vor Coppola derje¬
nige gewesen sei, der als Erster Bram Stokers Grusellitera¬
tur-Klassiker „Dracula“ originalgetreu verfilmt hätte. Wie
so oft klaffen bei Franco Anspruch und Realität weit aus¬
einander, denn spätestens im zweiten Drittel von NACHTS,
WENN DRACULA ERWACHT, wenn Franco aus Budget-
gründen sämtliche Charaktere von Stoker Buch zusammen
in einer Heilanstalt zusammengepfercht hat, hat es sich
auch schon wieder mit der Originaltreue. Im ersten Mo¬
ment kann der Film vielleicht noch durch die Anwesenheit
von Christopher Lee als Dracula punkten, der tatsächlich
so aussieht, wie ihn Stoker beschrieben hat und im Ver¬
lauf der Handlung immer jünger wird, oder durch Herbert
Lom als Professor Van Heising (dem man nach den „Pink
Panther“-Filmen ernste Rollen immer schwer abnimmt)
und Klaus Kinski als Insekten fressenden Renfield, der hier
allerdings weniger wahnsinnig als in seinen anderen Fil¬
men wirkt. Aber wenn einem Franco dann deutsche Schä¬
ferhunde als Wölfe verkaufen will - ganz zu schweigen von
den an Drähten hängenden lächerlichen Fledermäusen -
und sein fehlendes Talent als Regisseur durch die üblichen
holprigen Schwenks und unmotivierten Zooms unter Be¬
weis stellt, wird NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT
zu einer immer unerträglicheren Angelegenheit, da hilft
dann auch der recht actionreiche Schluss nichts mehr, der
durchaus Parallelen zu Coppolas Version aufweist. Eine im
doppelten Sinne höchst blutleere Angelegenheit - und das
bei Franco, der ja eigentlich für seine sleazigen Entgleisun¬
gen berühmt-berüchtigt ist -, aus der man mit mehr Bud¬
get und vor allem einem besseren Regisseur vielleicht noch
was hätte machen können. Die Kinowelt-DVD ist zum ers¬
ten Mal ungeschnitten, besitzt allerdings eine sehr durch¬
wachsene Bildqualität, die das niedrige Niveau dieser Bil¬
ligproduktion noch betont. Franco-Fans und Stoker-Inte¬
ressierte dürfen hier mal einen Blick riskieren, ansonsten
muss man leider abraten.
LAST DAYS
USA 2005, Pierrot Le Fou | Okay, wir wissen Bescheid, Gus
Van Sants LAST DAYS ist kein Film über Kurt Cobain und
Grunge, sondern zeigt nur zufällig einen Musiker, der ge¬
nauso wie unser allerliebster Rock’n’roll-Märtyrer aus¬
sieht, und am Ende des Films Selbstmord begeht - aller¬
dings im Off. Dieser von Michael Pitt (BULLY, THE VILLA-
GE) gespielte Cobain-Verschnitt läuft während der 90 Mi¬
nuten des Fihqs - die gefühlten 180 Minuten entsprechen
- desorientiert in einem Haus und dessen Umgebung he¬
rum, brabbelt unverständliches Zeug vor sich hin und hat
skurrile wie redundante Begegnungen mit seinen eben¬
falls im Haus abhängenden Bandmitgliedern und ande¬
ren Menschen, darunter Kim Gordon als seine Managerin.
Selbst die Anwesenheit von Asia Argento in Unterwäsche
macht einem in diesem Zusammenhang nicht allzu viel
Freude. Seit GERRY und ELEPHANT weiß man zwar um
die Vorliebe von Van Sant für eine eher meditative Erzähl¬
weise, aber wo ELEPHANT noch eine echte Spannungs-
kurve und einen thematischen Rückhalt besaß, ist LAST
DAYS eine ziellose Aneinanderreihung von hübsch ge¬
filmten Bildern mit quasi-religiösem Anstrich, so wie sich
Pitt hier auf seinen persönlichen Kreuzweg begibt. Man tut
LAST DAYS nicht unbedingt Unrecht, wenn man ihn als
hohl und prätentiös bezeichnet, zwar ist bestimmte Fra¬
gen nicht zu beantworten durchaus lobenswert und appel¬
liert an die Intelligenz des Zuschauers, allerdings muss man
sie dazu erst mal gestellt haben. LAST DAYS kommt in die¬
ser Hinsicht einer Verhöhnung des Publikums gleich, denn
dieses Fragment besitzt weder eine Geschichte noch wirk¬
liche Figuren, und enthält nichts, was man in irgendeiner
Form als interessant oder mysteriös empfinden könnte.
Diesen sogenannten Film tatsächlich jemandem als Meis¬
terwerk verkaufen zu wollen, hat schon etwas verbreche¬
risches an sich, es sei denn man ist ein ausgesprochener
Freund belangloser Kunstfilm-Flatulenzen, die in eine äs¬
thetische wie inhaltliche Sackgasse führen. Großartig auch
das Zitat der Berliner Zeitung, die darin „einen der bes¬
ten Filme über Pop’n’Rock, den es je gab“ sahen, jetzt wür¬
de ich doch mal zu gerne wissen, was die mit „Pop’n’Rock“
eigentlich genau meinen.
BUBBA HO-TEP
USA2002,e-m-s | Eine wesentlich erfreulichere Verarbei¬
tung der Mythen der Popkultur kann man dagegen in Don
Coscarellis BUBBA HO-TEP begutachten, der endlich auch
mal in Deutschland erscheint. Eigentlich völlig unver¬
ständlich, warum das so lange gedauert hat, handelt es sich
doch um eine der originellsten Genre-Parodien der letz¬
ten Jahre, wenn man das denn so nennen möchte. Cosca-
relli schätze ich vor allem wegen seines End-70er Horror¬
films PHANTASM, der unter dem Titel DAS BÖSE doch al¬
len Ernstes nach wie vor in Deutschland wegen Gewaltver¬
herrlichung beschlagnahmt ist, eines der herausragends-
ten Beispiele für die Dummheit und Ignoranz deutscher
Staatsanwälte. Danach verhedderte sich Coscarelli leider
etwas im üblichen Franchise-Getümmel und drehte noch
PHANTASM II-IV, aber erst mit BUBBA HO-TEP gelang
dem Mann erneut ein wirklich eigenständiger Genrefilm.
Sicher auch bedingt durch die Zusammenarbeit mit Au¬
tor Joe R. Lansdale, auf dessen Kurzgeschichte der Film ba¬
siert, und der Coscarelli auch den Stoff für seinen gelunge¬
nen „Masters of Horror“-Beitrag INCIDENT ON AND OFF
A MOUNTAIN ROAD lieferte. Was BUBBA HO-TEP genau
ist, lässt sich schwer sagen, denn ähnlich wie bei Lynchs
STRAIGHT STORY handelt es sich um eine melancholi¬
sche Reflexion über das Älterwerden, gleichzeitig spielt
er mit Elementen des Horrorfilms und den schon ange¬
sprochenen Mythen der Popkultur, und unter dem Strich
kommt dabei ein sehr witziger wie cleverer Film heraus,
der dem Zuschauer seine unglaubwürdige Geschichte ex¬
zellent verkaufen kann. Darin werden ein Elvis-Imitator
namens Sebastian Haff, mit gebrochener Hüfte und Ge¬
schwür am Penis, und ein Schwarzer, der sich für JFK hält,
in einem Altersheim mit einer zum Leben erwachten 3000
Jahre alten Mumie in Cowboystiefeln konfrontiert, die es
auf die Seelen der Bewohner abgesehen hat. Dabei ist der
Kampf mit der Mumie vielleicht noch der uninteressan¬
teste Teil, dafür liefert Bruce Campbell (EVIL DEAD 1-3)
eine der Glanzleistungen seiner Karriere ab und erweckt
den King of Rock’n’roll mit lakonischem Humor zu neu¬
em Leben, was aber nur in der englischen Originalversi-
on wirklich funktioniert. Ein wunderbarer Film - wo auch
Reggie Bannister aus den PHANTASM-Filmen in einer Ne¬
benrolle auftaucht -, zwar ohne Elvis-Musik, dafür aber
mit einem schönen Score von Brian Tyler, den e-m-s jetzt
mit den reichhaltigen Extras der bereits 2004 erschienenen
US-DVD veröffentlicht hat, zusätzlich gibt es ein amüsan¬
tes Vorwort von Campbell, was dort noch nicht enthalten
war. Für 2008 ist ein Prequel namens BUBBA NOSFERATU
AND THE CURSE OF THE SHE-VAMPIRES angekündigt,
und man kann nur hoffen, dass Coscarelli aus seinen Erfah¬
rungen mit den PHANTASM-Filmen etwas gelernt hat.
ADAMSÄPFEL
Dänemark/Deutschland 2005, Delphi Filmverleih | An¬
ders Thomas Jensens letzter Film DÄNISCHE DELIKATES¬
SEN (DE GROInInc öLAGTERE) scheiterte bei dem Versuch
relativ kläglich, eine schwarze Komödie noch irgendwie
MOVIES
auf das Niveau eines ernsthaften Dramas zu hieven. Eine
herbe Enttäuschung, hatte Jensen doch die Drehbücher für
Filme wie OLD MEN IN NEW CARS, IN CHINA ESSEN SIE
HUNDE oder OPEN HEARTS verfasst. Sein neuester Film
heißt ADAMS ÄPFEL und die schlechte Nachricht ist, dass
Jensens tranige Botschaft dabei lautet: In jedem Menschen
schlummert etwas Gutes, man muss es nur zutage fördern.
Die positive Nachricht ist, dass es ihm gelungen ist, die¬
se in einen wundervollen Film zu verpacken, der vielleicht
nicht perfekt ist, aber über dessen Schwächen man locker
hinwegsehen kann. Der im dänischen Kino allgegenwär¬
tige Mads Mikkelsen spielt einen skurrilen Pfarrer na¬
mens Ivan, der in seiner Kirche ein Resozialisierungspro¬
gramm leitet, wo ihm ein unverbesserlicher Neonazi zu¬
geteilt wird, der in seinem Zimmer erst mal ein Bild vom
Führer aufhängt, was für einen netten Running Gag sorgt.
Ivan, dessen persönliche Stigmata sich im Verlauf des Films
als blutende Ohren offenbaren, verfährt dabei nach der
gleichnishaften Weisung im Neuen Testament vom Hin¬
halten der anderen Wange, wodurch er den Neonazi Adam
fast zur Verzweiflung bringt, aber nur fast, denn Adam ent¬
deckt irgendwann Ivans Schwachstelle und bringt seinen
unverwüstlichen Glauben ins Wanken ... Jensen ist mit
ADAMS ÄPFEL eine schwarzhumorige, politisch gar nicht
korrekte, aber dennoch erstaunlich nachdenkliche Komö¬
die gelungen, die gekonnt die Waage zwischen Humor und
Drama hält und vor allem von der Interaktion der beteilig¬
ten, allesamt nicht ganz normalen Charaktere lebt, darun¬
ter ein kleptomanischer Triebtäter und ein Immigrant aus
Afghanistan mit terroristischen Neigungen. Dabei gelingen
Jensen einige wirklich unglaublich abgedrehte, zum Brül¬
len komische Szenen, die zwar im ersten Moment oft recht
derbe wirken, aber die man in dieser Form auf jeden Fall
noch nicht gesehen hat. Und obwohl er dabei die Macken
seiner Figuren brutal ans Licht zerrt, ist es nicht reiner Zy¬
nismus, der bei deren Charakterisierung mitschwingt, son¬
dern echte Empathie, auch wenn viele der Gags des Films
etwas von aus dem Ruder gelaufenen Dummen-Jungen-
Streichen haben. ADAMS ÄPFEL ist Jensens bisher beste Ar¬
beit als Regisseur, eine absurde Komödie über den Kampf
zwischen Gut imd Böse und den sinnstiftenden Nutzen ei¬
nes Apfelkuchens, und in dieser Hinsicht einer der besten
Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe, auch wenn Jen¬
sens Humor vielleicht nicht jedermanns Sache sein dürfte.
EXIT
Galileo Medien AG | Peter Lindmarks EXIT zeigt Mads
Mikkelsen dagegen von einer ganz anderen Seite, was
durchaus für die Vielseitigkeit des Dänen spricht. In dem
düsteren wie etwas überkomplizierten Old-School-Thril-
ler spielt Mikkelsen den GeschäftsmannThomas Skepphult,
mit schöner junger Frau, Kind und großem Haus gesegnet,
der allerdings einige Leichen im Keller hat. Seine unrühm¬
liche Vergangenheit holt ihn ein, als sein Geschäftspart¬
ner tot aufgefunden wird und ein wichtiger Deal mit ei¬
ner russischen Firma platzt. Für die Polizei ist Skepphult
der Hauptverdächtige, und der ist fortan auf der Flucht, um
seine Unschuld zu beweisen bzw. den Drahtzieher dieses
Komplotts gegen ihn aufzuspüren. Aus dieser etwas uno-
riginellen Ausgangssituation entwickelt Lindmarks nicht e
immer wirklich realistischer Film über 100 Minuten doch
noch einen erstaunlichen Drive, was sicherlich auch daran
hegt, dass die Grenze zwischen Gut und Böse ständig ver¬
schwimmt, und selbst die Hauptfigur eine mysteriöse Am¬
bivalenz besitzt, durch die sie aber niemals die Sympathi¬
en des Zuschauers verliert. EXIT erfindet den Thriller zwar
nicht neu, ist aber aufgrund einer sich immer weiter an¬
ziehenden Spannungsschraube und einer stimmigen Ins¬
zenierung absolut sehenswert, und eine gute Alternative zu
amerikanischen Produktionen dieser Art, die sich viel häu¬
figer in den üblichen Klischees des Genres verstricken. Ein
großer Pluspunkt ist natürlich auch die Präsenz von Mik¬
kelsen, der hier übrigens amüsanterweise in einer ähnli¬
chen Foltersequenz wie in CASINO ROYALE zu sehen ist,
nur diesmal mit vertauschten Rollen, denn diesmal ist er
das Opfer. Worauf man allerdings gut hätte verzichten kön¬
nen, ist der Alternativerock-Nachspannsong der Schwedin
Ana Johnsson, irgend so eine Casting-Show-Gewinnerin,
die auch schon mal was für den Soundtrack von SPIDER -
MAN 2 trällern durfte.
BERÜHRE NICHT DIE WEISSE FRAU
Frankreich/Italien 1974, Arthaus | Ein Anachronismus
ist bekanntlich, wenn Dinge fälschlicherweise einer Epo¬
che zugehörig dargestellt werden, in der sie nicht mehr
oder noch nicht existieren. Marco Ferreri, der Enfant ter-
rible des europäischen Kinos der 60er und 70er, hat daraus
direkt einen kompletten Film gemacht, und mit Marcel-
lo Mastroianni, UgoTognazzi, Michel Piccoli und Philippe
Noiret noch mal die Traumbesetzung seines im Jahr zuvor
entstandenen Meisterwerks DAS GROSSE FRESSEN ver¬
eint. TOUCHE PAS Ä LA FEMME BLANCHE erreicht zwar
nicht ganz die Klasse des Vorgängers LA GRANDE BOUF-
FE, ist aber eine köstliche intellektuelle Farce, die sowohl
scharfsinniger politischer Kommentar, als auch einfach
nur völlig plemplem ist, und in den USA niemals offizi¬
ell erschienen ist. Warum, liegt auf der Hand, denn Ferre-
ris „Western“ beschäftigt sich mit General Custers Nieder¬
lage in der Schlacht am Little Bighorn im Jahr 1876, was
er mit Verweisen auf Richard Nixon - dessen Bild ständig
irgendwo im Hintergrund auftaucht - und den Vietnam-
Krieg vermischt. Seine als Soldaten und Indianer verklei-
OX-FANZINE 93
REVIEWS
deten Schauspieler lässt er diesen ironischen, oft aber ein¬
fach nur albernen Angriff auf die Historie der USA inmit¬
ten der Watergate-Ära auf einer riesigen Baustelle inmitten
von Paris nachspielen, während um sie herum das alltäg¬
liche Leben der französischen Großstadt weiterläuft. Mar-
cello Mastroianni als Custer und Michel Piccoli als Buffalo
Bill dürfen sich herrlich exzentrisch austoben, wobei auch
Tognazzi als ständig erniedrigter indianischer Sidekick von
Custer zu großer Form aufläuft und von diesem ständig den
titelgebenden Satz zu hören bekommt: Fass die weiße Frau
nicht an! Zusammen mit DAS WIEGENLIED VOM TOT¬
SCHLAG und LITTLE BIG MAN kann man mit BERÜH¬
RE NICHT DIE WEISSE FRAU auf jeden Fall einen wun¬
derbaren Abend mit Themenschwerpunkt Vietnamkrieg
undVernichtung der amerikanischen Ureinwohner gestal¬
ten, zumal auch Ferreris Film mit einem schönen Schluss¬
massaker aufwartet. Die Arthaus-DVD ist tadellos und auch
die deutsche Synchro kann man sich gut geben, im Gegen¬
satz zu DAS GROSSE FRESSEN, wo Rainer Brandt in Sachen
ordinärer Sprüche alle Register zog. Und das wunderba¬
re alte Filmplakat, das die DVD schmückt, wnrde übrigens
von Moebius bzw. Jean Giraud gestaltet.
PETROLEUM MIEZEN
Frankreich/Großbritannien/Italien/Spanien 1971,
e-m-s | PETROLEUM MIEZEN (LES PETROLEUSES) ist
ebenfalls der etwas andere Versuch, das Western-Genre auf
europäische Weise zu parodieren - wo es Ferreri um Pro¬
vokation ging, ist Christian-Jaques und Guy Casarils Film
aber von reinem Eskapismus geprägt. Man denkt bei dem
Titel zwar eher an einen Film mit heißen Motorradbräuten
als an einen Western, aber der macht durchaus Sinn, denn
Brigitte Bardot und Claudia Cardinale veranstalten hier
eine Art Zickenkrieg um ein Grundstück mit einer angeb¬
lichen Ölquelle, das allerdings ganz jemand anders gehört.
Aufgrund der Besetzung eigentlich ein feuchter Traum für
Liebhaber des Euro-Kinos, aber Christian-Jaque - der ja
auch den tollen FANFAN, DER HUSAR gedreht hat - und
Casaril verlieren sich überwiegend in Albernheiten und
plattem Klamauk, wodurch es ihnen weder gelingt, eine
echte Westernparodie zu drehen, noch eine gescheite Ko¬
mödie. Da helfen auch die Reize der Bardot und Cardina¬
le nicht viel, die sich eh überwiegend bedeckt halten. Da¬
für ist der Film auf DVD jetzt das erste Mal ungeschnitten
erschienen und präsentiert sich in guter Qualität, besser
macht das diese maue Westernfarce mit ihren nervigen Ge¬
sangsnummern auch nicht, wo halt zur Abwechslung die
Frauen die Hosen anhaben.
DER FREIE WILLE
Deutschland 2006, Arthaus | Ich bin sicher nicht der Ein¬
zige, der gefragt nach dem besten deutschen Schauspieler,
„Jürgen Vogel“ antworten würde. Eigentlich komisch, der
Typ hat schiefe Zähne, schütteres Haar und sieht nun wirk¬
lich nicht wie Tom Cruise aus. Aber vielleicht ist es genau
das, denn Vögel ist Vögel, so wie Robert De Niro Robert De
Niro ist, und das kann er in Matthias Glasners filmischer
Tour de force eindrucksvoll unter Beweis stellen, einer der
besten und kompromisslosesten deutschen Filme der letz¬
ten Jahre, wenn nicht sogar ein absolutes Meisterwerk. Von
ursprünglich sechs Stunden wurde der Film erst auf drei¬
einhalb und dann auf 164 Minuten heruntergeschnitten,
um ihn noch halbwegs Kino-kompatibel zu machen. Ein
langer Film, aber seinem Thema durchaus angemessen,
und gerade seine Länge macht die Intensität des gemein¬
samen Babys von Vögel und Glasner aus, ein emotiona¬
les Jammertal, das niemand unbeeindruckt durchschrei¬
ten dürfte. Vogel spielt darin den Serienvergewaltiger Theo,
der nach neun Jahren aus dem Knast entlassen wird und
nun den Wiedereinstieg in die Gesellschaft versucht, nach¬
dem ihm während der Haft Medikamente bei der Blockie¬
rung seiner Triebe geholfen hatten. Jetzt hilft ihm nur noch
sein eigener Wille, der aber den Widerständen des alltäg¬
lichen Lebens nicht gewachsen zu sein scheint. Seine Ver¬
suche, ein normales Verhältnis zu Frauen aufzubauen, sind
von wenig Erfolg gekrönt, bis er auf Netti trifft, die Toch¬
ter seines Chefs in der Druckerei, wo er arbeitet, die auf
ihre Art eine ähnliche zerrissene Persönlichkeit wie Theo
besitzt, der Täter und Opfer zugleich ist. DER FREIE WIL¬
LE läuft im Gegensatz zum ähnlich gelagerten, positiveren
THE WOODSMAN mit Kevin Bacon (da war es ein Kin¬
derschänder) auf den ernüchternden Schluss hinaus, dass
es für Theo keine wirkliche Hoffnung gibt, aber bis dahin
hat er eine der bewegendsten wie verstörendsten Liebes¬
geschichten des deutschen Kinos erzählt, in dem sich die
großartigen Hauptdarsteller einem bemerkenswerten See¬
lenstriptease unterziehen. Glasner und Vögel, der auch am
Drehbuch beteiligt war, bohren sich förmlich in ihre Fi¬
guren hinein, kehren ihr Innerstes nach Außen, und die¬
se chaotische Emotionalität geht unter die Haut. Aber
auch sonst spart DER FREIE WILLE nicht mit schockieren¬
den Szenen, wie schon die Vergewaltigung zu Beginn zeigt,
die um Realismus bemüht ist, im Gegensatz zu der distan¬
zierten Ästhetisierung in Gaspar Noes sinnentleertem IR¬
REVERSIBLE. In Glasners Film liegen Brutalität und Zärt¬
lichkeit nah beieinander, was für viele Zuschauer schwer
zu schlucken sein dürfte, ebenso wie die Form von Erlö¬
sung, die f)ER FREIE WILLE für seine Hauptfiguren bereit¬
hält. Es geht hier nicht um Analysen oder Lösungen, son¬
dern um die Darstellung individueller menschlicher Kon¬
flikte, wodurch der Zuschauer selbst letztendlich gefor¬
dert ist, was er aus dem Dargestellten macht. Ein verdammt
mutiger Film, mit dem sich Glasner nach SEXY SADIE und
FANDANGO erneut als einer der vielleicht interessantes¬
ten Regisseure Deutschlands empfiehlt. Und nach 164 Mi¬
nuten verspürt man beinahe Lust, sich dem Film noch mal
mit dem Audiokommentar von Glasner und Vögel auszu-
setzen, um mehr über diese faszinierende und mitreißende
Produktion zu erfahren, die Arthaus jetzt als Doppel-DVD
mit informativem Bonus-Material veröffentlicht hat.
EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN
Polen 1987, MORE/Alive | Bereits 1987 hatte der Pole Kr-
zysztof Kieslowski mit EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖ¬
TEN einen formal wie inhaltlich interessanten Film über
menschliche Schuld und Sühne gedreht. Zugegeben, ich
bin kein großer Fan von Kieslowski, vor allem seine „Drei
Farben"-Trilogie ist ein Programmkinostinker reins¬
ten Wassers, aber seine Anklage gegen die Todesstrafe kann
durchaus überzeugen, auch wenn der Film zum Beispiel im
Vergleich zu DEAD MAN WALKING alles andere als perfekt
ist. Vor allem der erste Teil des Films ist wirklich sehr stark,
wo Kieslowski in nüchternen, fast dokumentarischen Bil¬
dern - innovativ gefilmt von Slawomir Idziak (GATTACA)
- beobachtet, wie es zu einem Mord an einem Taxifahrer
kommt, dabei wird der Prozess des Tötens grausam in die
Länge gezogen. Der Täter ist ein junger Mann, dessen Ver¬
haftung und Verurteilung ausgespart wird, der Zuschau¬
er wird nur mit dem Ergebnis konfrontiert und der zwei¬
ten brutalen Szene des Films, seiner Hinrichtung, womit es
zu einer interessanten Gegenüberstellung von verbotenem
und legitimiertem staatlichen Töten kommt. Allerdings ist
EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN keine rundum ge¬
lungene Angelegenheit, denn nachdem sich Kieslowski zu
Beginn mit Wertungen jedweder Art zurückgehalten hat
- nur der Taxifahrer wird erstaunlich negativ dargestellt,
selbst innerhalb der Tristesse der polnischen Alltagsrealität
-, beginnt er im zweiten Teil Erklärungen für die Tat zu su¬
chen und lässt den Täter kurz vor der Hinrichtung ein un¬
angenehm rührseliges Gespräch mit seinem Anwalt füh¬
ren, ein ziemlich schwacher Versuch, noch Sympathien für
ihn zu erzeugen. Etwas schwach ist auch, dass die deutsche
DVD uns nur die deutsche Tonspur anbietet und einen et¬
was konfüsen Bonusmaterial-Teil, darunter auch ein In¬
terview mit Kameramann Idziak. Ansonsten durchaus se¬
henswert, falls man nicht schon mal im Fernsehen über ihn
gestolpert sein sollte.
MUSA-DER KRIEGER
China/Südkorea 2001, e-m-s | Schon seltsam, dass ich
MUSA - DER KRIEGER bisher immer ignoriert hatte,
stammt er doch Kim Sung-Su, dessen mitreißendes Teen¬
agerdrama BEAT von 1997 so eine Art Initiationsritus in
Sachen Korea-Kino für mich war und der komischerwei¬
se nie in Deutschland veröffentlicht wurde. Mit MUSA war
Kim Sung-Su dann vier Jahre später in echten Blockbus¬
ter-Regionen angekommen, denn sein gut 150-minüti¬
ges Schlachtenepos konnte sich durchaus mit US-Filmen
wie BRAVEHEART messen. Angesiedelt Ende des 14. Jahr¬
hunderts schildert Kim Sung-Su die Odyssee eine Gruppe
koreanischer Diplomaten und Soldaten, die in China den
neuen Herrschern ihre Aufwartung machen wollen, aber
plötzlich zu Gejagten werden, die sich den Angriffen einer
Mongolen-Horde ausgesetzt sehen und sich ohne Nahrung
und Wasser durch die Wüste kämpfen müssen, um irgend¬
wie wieder nach Hause zu kommen. Ein ziemlich aus¬
sichtsloses Unterfangen, bei dem ein Großteil der Gruppe
auf der Strecke bleibt, darunter auch die beiden Hauptpro¬
tagonisten, der General der Soldaten und ein ehemaliger
Sldave (Wöo-sung Jung aus BEAT), der sich als erstaunli¬
cher Kämpfer erweist, und die um die Gunst der mit ihnen
reisenden jungen Mingprinzessin streiten, von ZiYi Zhang
(CROUCHING TIGER, HIDDEN DRAGON) wunderbar als
verhätschelte mädchenhafte Aristokratin dargestellt. Si¬
cher nicht viel inhaltliche Substanz für diese Lauflän¬
ge, aber Kim Sung-Sus straffe, bildgewaltige Inszenierung,
die eleganten Kämpfe, die eher hart-realistisch als überäs-
thetisiert sind, und die generelle Hoffnungslosigkeit dieser
brutalen Odyssee machen MUSA zu großem, mitreißen¬
dem Actionkino, das sich durch Originalität und Kompro¬
misslosigkeit deutlich von amerikanischen Blockbustern
abhebt, auch wenn die Charaktere oft etwas flach erschei¬
nen. Man muss MUSA nur mal mit imerträglichem Rotz
wie Antoine Fuquas TEARS OF THE SUN vergleichen, da
weiß man dann Bescheid. Auch wenn MUSA eine gute hal¬
be Stunde braucht, um richtig in Fahrt zu kommen, gehört
er sicher zu den besten Filmen, die in den letzten Jahren
in Südkorea produziert wurden. Die inzwischen erhältli¬
che deutsche DVD enthält die komplette Fassung des Films
- die 16er-Freigabe ist aufgrund des Härtelevels schon et¬
was überraschend - und besitzt auch noch den obligatori¬
schen Bonus-Kram auf einer Extra-Disc, aber der Film al¬
leine spricht eigentlich schon für sich selbst.
APOCALYPTO
USA 2006, Constantin Film | Man kann über den Men¬
schen Mel Gibson, ein konservativer Republikaner, An¬
hänger der Todesstrafe und „wiedergeborener“ Christ, der
zuletzt in der Öffentlichkeit vor allem als rumpöbelnder
Alkoholiker von sich Reden machen konnte, aber eben¬
so mit seinem exzessiven Jesus-Film THE PASSION OF
THE CHRIST von 2004, denken, was man will, aber Gib¬
son ist immer noch einer der Big Player in Hollywood
und offenbar auch jemand mit echten Visionen als Regis¬
seur. Das konnte man bei THE PASSION OF THE CHRIST
sehen, sicherlich eine der interessantesten Auseinander¬
setzungen mit diesem Thema, und auch bei seinem neus¬
ten Film APOCALYPTO - eine Art 1492: THE PREQUEL -
, der klassisches Abenteuerkino in dieses Jahrtausend be¬
fördert. Wie schon bei THE PASSION OFTHE CHRIST er¬
laubt er sich den Gimmick, den Film nicht auf englisch zu
drehen, sondern in diesem Fall komplett in einem nur un¬
tertitelten Maya-Akzent. Bevor ich den Film sehen konn¬
te, wurde ich allerdings mit einer der berühmt-berüchtig¬
ten Besprechungen von Hans-Ulrich Pönack konfrontiert,
dem „Terminator der Filmkritik“, wie ihn das Sat.l -Früh¬
stücksfernsehen getauft hat, wo er seinen geistigen Unrat
unter anderem verbreiten darf. Pönack ist der Fleisch ge¬
wordene Stammtisch-Filmkritiker, der sich in choleri¬
schen Hasstiraden ergeht, wenn ein Film in seinen Augen
gewaltverherrlichender Müll ist, wie eben auch APOCA¬
LYPTO, wo er Gibson mal wieder eine pathologische Ge¬
waltverliebtheit unterstellt - aber auch Paul Verhoeven er¬
geht es bei dem Spinner nicht anders. Dummerweise hatte
Pönack dabei übersehen, dass Gibson auch noch eine ech¬
te Geschichte zu erzählen hat, wo es um Liebe geht, der ei¬
gentliche Motor für den blutigen Überlebenskampf eines
jungen Maya, der zusammen mit anderen Mitgliedern sei¬
nes Volkes von einem anderen kriegerischen Stamm ver¬
schleppt wird, um als Menschenopfer zu dienen, aber vor¬
her noch Frau und Kind in einem Erdloch verstecken kann,
aus dem die sich aber nicht aus eigener Kraft befreien kön¬
nen, was zu einem gut getimeten Showdown führt. APO¬
CALYPTO ist sicher kein lehrreicher Film über das Aus¬
sterben der Maja-Kultur und deren kulturellen Errungen¬
schaften, sondern brutales und rasantes Actionkino mit bi¬
blischer Auge um Auge-Logik vor der lebensfeindlichen
Dschungel-Kulisse Mittelamerikas, das Gibson über zwei¬
einhalb Stunden zu einer wahren Achterbahnfahrt für den
Zuschauer werden lässt, umgesetzt mit fantastisch realisti¬
schen Bildern, die das Medium Digital Video voll und ganz
für sich nutzen können. Nicht mehr und nicht weniger
ist APOCALYPTO und in dieser Hinsicht funktioniert er
wirklich prächtig, allerdings nimmt man Gibson durchaus
ab, dass der Film eine Parabel auf die derzeitige amerika¬
nische Gesellschaft sei, was man aber nicht überbewerten
sollte. Im Gegensatz zum weichgespülten sonstigen Holly¬
wood-Unterhaltungskino ist APOCALYPTO ein kompro¬
missloser wie konsequenter Actionfilm mit Rückgrat, auf¬
grund dessen Qualitäten ich über Bedenken bezüglich der
Person Gibson gerne hinwegsehe, zumal der Mann auch
noch ein begnadeter Schauspieler ist, was er zum Beispiel
in Filmen wie PAYBACK in den letzten Jahren immer wie¬
der unter Beweis stellen konnte.
BIG BANG LOVE, JUVENILE A
Japan 2006, REM | Takashi Miike entwickelt sich leider
immer mehr von einem der großen Hoflhungsträger des
japanischen Kinos zu einem ermüdenden Kunstfilmer,
dem offenbar die Resonanz auf seine Werke im Ausland zu
Kopfe gestiegen, der allerdings auch Genre-Kino verlernt
hat, wie man das an seinem „Masters of Horror“-Beitrag
IMPRINT sehen konnte. BIG BANG LOVE, JUVENILE A ist
einer seiner letzten Filme und wird wie auch schon IZO
und das „Theaterstück“ DEMON POND von Rapid Eye Mo¬
vies veröffentlicht, und hat mit diesen beiden Werken si¬
cher mehr gemein als mit ICHITHE KILLER oder AUDITI¬
ON. Ein stilisierter Knastfilm, der zwischen verschiedenen
Handlungs- und Erzählebenen hin- und her springt und
sich nicht wirklich einordnen lässt. Darin geht es um das
homoerotische Verhältnis zweier Häftlinge und den mys¬
teriösen Tod des Einen von beiden, ein überwiegend stil¬
les Schwulendrama, angesiedelt in einer minimalistischen
bühnenhaften Szenerie ä la DOGVILLE, ergänzt durch
computergenerierte Außenlandschaften und einige weni¬
ger artifiziell wirkende Rückblenden. Zwischen der unter-
kühl»en, brutalen Atmosphäre eines GHOSTS OFTHE CI¬
VIL DEAD und der Poesie von Nagisa Oshimas GOHATTO
(an den man unweigerlich durch die Anwesenheit des an-
drogyn wirkenden Hauptdarstellers Ryuhei Matsuda den¬
ken muss, der dort ebenfalls zum Objekt männlicher Be¬
gierde wurde) entwickelt sich ein durchaus faszinierender
Film, der aber Leute enttäuschen wird, die Miike bisher vor
allem als Sex & Gewalt-Zampano wahrgenommen haben.
Denn BIG BANG LOVE, JUVENILE A ist ein fantasievoll
umgesetztes kunsthandwerkliches Mysterium, ein krypti¬
scher Diskurs über Leben und Tod mit symbolschwange¬
ren Bildkompositionen, und dementsprechend eine etwas
zähe, labyrinthisch konstruierte Angelegenheit, die auf jeg¬
lichen Unterhaltungsanspruch verzichtet. Und vielleicht
hätte dem Film etwas mehr Zugänglichkeit ganz gut getan,
denn so wird er einen Großteil seines potentiellen Publi¬
kums eher verschrecken, was nichts an seinen grundsätzli¬
chen Qualitäten ändert.
MARIE ANTOINETTE
USA/Frankreich/Japan 2006, Sony Pictures Home En¬
tertainment | Die Geschichte der Erzherzogin von Ös¬
terreich und Königin von Frankreich, Marie Antoinette,
die 1793 auf dem Höhepunkt der Französischen Revolu¬
tion hingerichtet wurde, ist durchaus faszinierend, denn
die kam als 14-jährige zum französischen Hof und mach¬
te sich dort durch ihre noch unterentwickelten Charak¬
tereigenschaften wenig Freunde. Wie auch später als Köni¬
gin, wo man ihr unreflektierte Verschwendungssucht vor¬
warf angesichts ihres hungernden Volkes, und ihr, als man
ihr vorhielt, dass die Armen sich kein Brot kaufen könn¬
ten, den legendären Satz in den Mund legte: Dann sollen
sie Kuchen essen! Deshalb gilt Marie Antoinette auch als
Opfer schlechter PR, was ihr schließlich den Kopf koste¬
te. Sofia Coppola hält sich in ihrem Film durchaus eng an
die Fakten, dazu kommt der Dreh an Originalschauplätzen,
also das Schloss von Versailles, ist aber letztendlich eher an
der Darstellung der Königin als überdrehte Teenager in in¬
teressiert, die verzweifelt versucht, mit ihrem Gatten den
Beischlaf zu vollziehen, um einen Thronfolger zu zeugen,
als an einem ernsthaften Historienfilm. Insofern ist MA¬
RIE ANTOINETTE in erster Linie ein etwas infantiler wie
oberflächlicher klassischer Kostümfilm mit bonbonfarbe-
nem Look geworden, bei dem sich Coppola einige modi¬
sche Mätzchen erlaubt wie einen schicken Soundtrack mit
Bands wie The Cure, New Order, The Strokes oder Air. Am
interessantesten ist in dieser Hinsicht noch die mit Sioux-
sie & The Banshees-Musik unterlegte Ballszene, allerdings
war der Effekt dieser Form von Anachronismus in PLUN-
KETT & MACLEANE überzeugender. Ansonsten gehört
der Film voll und ganz Kirsten Dunst - Jason Schwartz- a
man als Louis XVI bleibt seltsam farblos -, die Marie An¬
toinette auf eigenwillige und erfrischende Art zum Leben
erweckt, ein normales Mädchen, das sich zur falschen Zeit
am falschen Ort befindet. Insofern ist es schade, dass Cop¬
pola gerade deren letzte Lebensjahre ausspart und ihrem
Film nicht mehr historische Tiefe und Ernsthaftigkeit ver-
jspis
Destiny 126
www.destiny-tourbooking.com
7" Single "Reduziert"
Vinyl / LP
i RR 049 / Cargo
) www.rookierecords.de RooKie ReCS RR 048
DER SOUNDTRACK
FÜR UNTERHUNDE!
"ICH SCHLAFE AUF DEM FLUR DER ARBEITSAGENTUR,
ICH SUCHE ROCK'N'ROLL DOCH ICH FINDE NUR PLASTIK"
AB 25. MAI ‘07
OX-FANZINE 94
REVIEWS
passt hat, der dadurch eine Unreife ausstrahlt, die auch auf
die Filmemacherin zurückfällt, die hier trotz schöner Aus¬
stattung nur an der Oberfläche kratzt. Die verspielte, hu¬
morvolle Performance von Dunst macht den Film letzt¬
endlich sehenswerter, als es die träge, selbstverliebte Insze¬
nierung verdient hat.
DIE WILDGÄNSE KOMMEN
Großbritannien 1978, e-m-s | Der Söldnerfilm an sich
ist ja nicht gerade ein Ausbund an Political Correctness,
eine Ausnahme stellt vielleicht noch Andrew V. McLag-
lens DIE WILDGÄNSE KOMMEN dar, der auch heutzuta¬
ge als Actionfilm noch solide Unterhaltung bietet und mit
einer hochkarätigen Darstellerriege gesegnet ist, darun¬
ter Richard Burton, Roger Moore, Richard Harris, Hardy
Krüger und Stewart Granger. McLaglens Film wirkt zwar
heute eher wie ein B-Film und weniger wie ein tatsächli¬
cher Vertreter des klassischen Starkinos ä la DIE KANONEN
VON NAVARONE, ist aber noch um einiges anspruchsvol¬
ler als die sieben Jahre später entstandene dusselige Fort¬
setzung. Die Grundidee ist nicht allzu originell: Der Milli¬
onär Sir Edward Matherson beauftragt einen gewissen Co¬
lonel Faulkner (Burton), eine Söldnertruppe zusammen¬
zustellen, um in Afrika durch die Befreiung eines Opposi¬
tionsführers einen afrikanischen Diktator zu entmachten.
Ein Himmelfahrtskommando, bei dem es nicht um politi¬
sche Ziele geht, sondern um Geld, und wo der nette Millio¬
när schließlich noch die Truppe ans Messer liefert, tun de¬
ren Bezahlung einzusparen. Bevor es nach Afrika geht, gibt
es noch die üblichen Drill-Sequenzen - gut 120 Minu¬
ten müssen ja irgendwie gefüllt werden -, bei denen ech¬
te Ex-Söldner als Berater engagiert wurden. Die Charak¬
tere sind klischeehaft, aber immer noch halbwegs glaub¬
haft gezeichnet, aber dafür wirkt die Action manchmal
doch etwas arg unrealistisch, und besondere Härten darf
man hier auch nicht erwarten. Positiv fallt bei DIE WILD-
GÄNSE KOMMEN in jedem Fall auf, dass er mit seinem
Personal recht gnadenlos umgeht und einige Sympathie-
träger über die Klinge springen lässt, wodurch eventuel¬
le romantisierte Heldenverehrung einem nüchternen Ni¬
hilismus weicht. DIE WILDGÄNSE KOMMEN ist tatsäch¬
lich so eine Art Mutter aller Söldnerfilme, aber wenn man
sich den Mist ansieht, der in Folge den Videomarkt über¬
flutete, hätte man sich gewünscht, dass diese Mutter mit
Unfruchtbarkeit gestraft gewesen wäre. Ansonsten kann
man sich McLaglens Film immer noch besser anschauen als
den Großteil aktueller Actionfilme, trotz eines verkorksten
Weltbildes, vor allem auf der aktuellen, qualitativ optima¬
len und ungeschnittenen DVD von e-m-s, die neben Ori¬
ginalton und richtigem Bildformat auch nette Extras bie¬
tet wie Trailer, Making Of und eine amüsante 62-minüti¬
ge Super 8-Fassung.
PAUL VERHOEVEN KLASSIKER EDITION
EuroVideo | Nach langer Kinoabstinenz hat sich PaulVer-
hoeven mit BLACK BOOK durchaus überzeugend zurück¬
gemeldet, sogar mit einer europäischen Produktion, da er
wohl nach HOLLOW MAN von Hollywood die Nase voll
hatte. Ein guter Zeitpunkt also, sein Frühwerk auch hierzu¬
lande mal auf DVD zu veröffentlichen, das geprägt ist von
der Zusammenarbeit mit Darsteller Rutger Hauer, Produ¬
zent Rob Houwer und den beiden Kameramännern Jan de
Bont und Jost Vacano. Fangen wir mal mit der schlechten
Nachricht an, denn die in der Box enthaltenen vier Filme
verzichten auf den Originalton, es sei denn, es handelt sich
um wieder eingefügte geschnittene Szenen, die nur deutsch
untertitelt wurden. Dafür gibt es aber den Audiokommen-
tar vonVerhoeven, der auch auf den Anchor Bay-Versionen
der Filme enthalten ist. Die andere schlechte Nachricht ist,
dass Euro Video die 16er-Freigabe der Box nicht gefährden
wollte und DER VIERTE MANN nur in der geschnittenen
Fassung veröffentlicht hat, das heißt zwei kleine Splatters-
zenen fehlen. Eigentlich schade, denn sowohl die FSK 18-
Freigabe als auch die Indizierung des Films entsprechen
nicht mehr wirklich aktuellen Bewertungsmaßstäben, aber
da waren wirtschaftliche Erwägungen wohl wichtiger als
eine erneute Prüfung des Films. Zumindest bekommt man
TÜRKISCHE FRÜCHTE (1973), DAS MÄDCHEN KEETJE
TIPPEL (1975) und DER SOLDAT VON ORANIEN (1977)
erstmals in ungeschnittenen Fassungen zu Gesicht, denn
gerade letzterer war in fast schon absurder Weise vom
deutschen Verleih verstümmelt worden. DER SOLDATVON
ORANIEN ist quasi ein Vorläufer von BLACK BOOK, in
dem es um sechs Studenten geht, die auf unterschiedliche
Weise mit dem Einmarsch deutscher Truppen in die Nie -
derlande im Jahr 1940 konfrontiert werden und sich zum
Teil dem niederländischen Widerstand anschließen. Ver-
hoeven mischt hier sehr schön knackiges Actionkino, das er
wie gewohnt ordentlich mit Sex & Violence würzt, mit ei¬
ner historisch akkuraten Aufarbeitung der damaligen Ge¬
schehnisse, unter dem Strich kommt ein mit 156 Minuten
zwar epischer, aber immer unterhaltsamer Film heraus, in
dem Rutger Hauer und Jeroen Krabbe auch echte darstel¬
lerische Akzente setzen können. Übrigens die erste Zusam¬
menarbeit mit Jost Vacano.
Jeroen Krabbe spielte dann auch in DER VIERTE MANN
von 1983 die Hauptrolle, wo sich Verhoeven und Produ¬
zent Houwer noch mal zusammenrauften, bevor Verhoe¬
ven zwei Jahre später mit FLESH+BLOOD quasi halb in
Amerika angekommen war. DER VIERTE MANN könnte
man als Vorläufer von BASIC INSTINCT ansehen, denn da¬
rin wird ein Schriftsteller mit Alkoholproblem zum Op¬
fer einer mörderischen Femme Fatale, worauf schon der
schön gefilmte Anfang verweist, wo man sieht, wie eine
Spinne ihr Opfer einwickelt, amüsanterweise hat sie ihr
Netz an einem Lattengustl gespannt. Verhoeven gelang da¬
mit ein zwar nicht immer subtiler, aber angenehm surrea-
ler Thriller, irgendwo zwischen Hitchcock und dem Sleaze
von Brian De Palma. Wesentlich europäischer sind dagegen
noch TÜRKISCHE FRÜCHTE und DAS MÄDCHEN KEETJE
TIPPEL, beide mit Rutger Hauer und Monique van de Ven
in der Hauptrolle. TÜRKISCHE FRÜCHTE ist eine exzes¬
sive wie tragische Liebesgeschichte, so eine Art holländi¬
scher LAST TANGO IN PARIS, wo Verhoeven in ausschwei¬
fenden Sexszenen schwelgt, womit er sich ebenfalls früh
für BASIC INSTINCT empfahl. Sehenswert, aber manch¬
mal auch etwas nervig, denn das Extremverhalten der bei¬
den Hauptfiguren artet in einem ziemlichen Psychozir-
kus aus. Da gefällt mir DAS MÄDCHEN KEETJETIPPEL we¬
sentlich besser, wo Monique van de Ven besagte Keetje Tip¬
pei spielt, die sich im Amsterdam Ende des 18. Jahrhun¬
derts aus ärmlichen Verhältnissen zu befreien versucht und
ähnlich wie die Hauptdarstellerin aus BLACK BOOK eini¬
ge harte Rückschläge zu erleiden hat, inklusive eines Inter¬
mezzos als Prostituierte.
Gemein ist auch schon den Frühwerken vonVerhoeven ein
erfrischend respektloser Umgang mit den „Dos and Don’ts“
der Political Correctness und den Gegebenheiten von Gen-
rekino, wodurch selbst seine thematisch problematische¬
ren Filme immer unterhaltsam bleiben, was nicht heißt,
dass sie ohne Tiefgang wären. Wie gesagt, die DVD-Box
von Euro Video ist alles andere als perfekt, aber wem die
deutschen Fassungen reichen, kann angesichts des niedri¬
gen Preises durchaus zugreifen, denn die US- und UK-Fas-
sungen sind doch deutlich teurer, und Bild und Ton gehen
auch in Ordnung. Na ja, und DER VIERTE MANN kann man
sich dann immer noch mal im Ausland besorgen.
LADY SNOWBLOOD 2:
LOVE SONG OF VENGEANCE
Japan 1974, REM | Kürzlich erschien bei Rapid Eye Mo¬
vies auch endlich mal die Fortsetzung von Toshiya Fuji-
tas LADY SNOWBLOOD, basierend auf der Manga-Vorlage
von Kazuo Koike, dem Schöpfer der „Okami“ bzw. „Lone
Wolf & Cub“-Reihe, in dem erneut die wundervolle Meiko
Kaji die blässliche RächerinYuki spielt. Die wird zu Beginn
festgenommen und zum Tode verurteilt, wegen der Mor¬
de, die sie im ersten Teil begangen hatte, um ihre Familie zu
rächen. Allerdings macht man ihr das Angebot, sie zu be¬
gnadigen, wenn sie im Auftrag der Regierung Beweise zur
Uberföhrung eines politischen Aktivisten und Anarchisten
beschafft. Aber Yuki, die für diesen in Folge als Magd arbei¬
tet, muss feststellen, dass der durchaus sein Land liebt und
die Vaterlandsverräter ganz woanders sitzen, die den Re¬
volutionär schließlich mit der Beulenpest infizieren, wo¬
ran er elendig verreckt. Also wird sie erneut zur verbitter¬
ten Rächerin, wodurch auch in diesem Film der rote Le¬
benssaft in ästhetisch veredelter Form reichhaltig über die
Leinwand spritzt und sich Körperteile verselbstständigen.
Ähnlich wie SHAFT IN AFRICA, der dritte Teil der „Shaft“-
Reihe, gefiel mir auch LADY SNOWBLOOD 2 immer bes¬
ser als der Vorläufer, da es sich nicht nur um gut gemach¬
te Exploitation handelt, sondern gerade zu Beginn um ei¬
nen ernstzunehmenden politischen Thriller, der ein Japan
zeigt, dessen Gesellschaft sich im Umbruch befindet. Noch
stärker als im ersten Teil werden die sich verändernden so¬
zialen und kulturellen Veränderungen in Japan Anfang des
20. Jahrhunderts thematisiert, und die man nicht unbe¬
dingt als Segen wahmimmt. LADY SNOWBLOOD 2 besitzt
im Gegensatz zum Comic-Style des ersten Films einen düs¬
teren Realismus, der das Einsetzen der Moderne zeigt und
die Auflösung des bisherigen Samurai-Klassensystems, und
entwickelt eine Eigenständigkeit, die nicht viele Fortset¬
zungen besitzen. Wem der erste Teil gefiel, kommt auch an
diesem Film nicht vorbei, der sicher zu den Highlights des
klassischen japanischen Samurai-Kinos gehört und zwi¬
schen Drama, historischer Relevanz und exzessivem Ader¬
lass einen guten Mittelweg findet. Allerdings scheint das
Ganze für manche Menschen da draußen schon wieder zu
komplex und subtil gewesen zu sein, wenn man sich be¬
stimmte Kommentare über den Film durchliest. Auch die
DVD von REM kann wieder überzeugen, die doch tatsäch¬
lich in ungeschnittener Form eine FSK 16 bekommen hat.
SEVERANCE
Großbritannien/Deutschland 2006, Splendid | An die¬
ser Stelle ein kurzer Blick auf aktuelle Metzelfilme, die seit
SAW so in Mode gekommen sind. Christopher Smiths SE¬
VERANCE (der zuvor CREEP gedreht hatte) ist dabei eine
intelligentere Variante von HOSTEL und TURISTAS, und
verstellt sich eher als eine Mischung aus Horror und Hu¬
mor wie etwa SHAUN OF THE DEAD. Britischer Humor
trifft hier auf teils recht derbe Effekte, als der Betriebsaus¬
flug derVerkaufsabteilung eines Waffenkonzerns nach Ost¬
europa zum blutigen Survival- Wochenende wird. Letzt¬
endlich ist SEVERANCE zwar nicht anders konstruiert als
HOSTEL oder TURISTAS, nimmt sich allerdings über wei¬
te Strecken nicht ganz ernst und wirkt wie die Splatter-
Version von „The Office“. Leider vergisst Smith im Ver¬
lauf des Films immer mehr seinen komödiantischen An¬
satz und ergibt sich den Konventionen des Backwoods-
Genres, was unter dem Strich immer noch einen gut ge¬
machten, unterhaltsamen Film ergibt, aus dem man sicher
mehr hätte machen können, aber Müll wie HOSTEL oder
WOLF CREEK wirklich vorzuziehen ist. Innovative Genre-
kost sieht allerdings aus.
BROKEN
Großbritannien 2006, MIG/EuroVideo | Adam Masons
und Simon Boyes’ BROKEN stammt ebenfalls aus Großbri¬
tannien und wird auf dem Cover bereits als „SAW meets
HOSTEL“ angepriesen, was die Erwartungshaltung erst
mal senkt. Die Erwartungshaltung steigert, dass BROKEN
um einiges härter sein sollte, was ja schon mal was wäre,
wenn es schon inhaltlich keine großen Neuerungen gibt.
Allerdings verwundert das „Keine Jugendfreigabe“ Etikett
der FSK dann doch, wo doch Filme wie SEE NO EVIL, SAW
3 und TCM: THE BEGINNING gerade erhebliche Proble¬
me hatten, selbst durch die JK-Prüföng ungeschnitten zu
kommen. Ich zitiere an dieser Stelle jetzt mal stellvertre¬
tend die Video Woche, die zu dem Film einen wunderbaren
Verkaufstext verfasst hat: „BROKEN ist brutaler und gemei¬
ner als HOSTEL und SAW zusammen, ein Low-Budget-
Film, der dem Zuschauer nicht nur nichts erspart, sondern
seine maximale Belastbarkeit mit immer neuen, atembe¬
raubend sadistischen Ungeheuerlichkeiten auf die Pro¬
be stellt. Für solch eine Leistung bedarf es natürlich keines
schrillen Trashfilms, sondern eines dichten, stimmungsvol¬
len, glänzend gespielten Dramas voll realistisch vermittel¬
tem Schrecken, und das ist BROKEN eben auch. Eine pro¬
grammierte Kontroverse, die Aufsehen erregen und ihr Pu¬
blikum wie eine Axt spalten wird.“ Mag sein, aber mehr
Sinn als die gern ins Feld geführten beiden Filme macht
auch BROKEN nicht, der für eine Low-Budget-Produktion
tatsächlich sehr atmosphärisch ausgefallen ist, aber dessen
Härte sich mehr im Kopf des Betrachters abspielt. Ansons¬
ten bleibt BROKEN eine recht blasse Angelegenheit, in dem
ein komischer Waldschrat - der aussieht, als sei er DUST
DEVIL entsprungen - auf makabere Brautschau geht und
unattraktive englische Frauen im Wald einem eigenwilli¬
gen Survivaltraining unterzieht. BROKEN bemüht sich um
einen ähnlich fiesen Schluss wie seine Vorbilder, aber bie¬
tet einem inhaltlich nur ziemlich imbefriedigende Ant¬
worten an.
SEE NO EVIL
USA 2006, Kinowelt | Da ist einem ein komplett hirnto¬
ter Slasher wie SEE NO EVIL fast schon wieder lieber, aber
auch nur fast. Darin darf der WWE-Superstar Kane als psy¬
chopathischer Killer Jacob Goodnight in einem abbruch¬
reifen Hotel ein paar jugendliche Straftäter auf möglichst
kreative Art abmurksen und man fragt sich mal wieder, wa¬
rum die zu blöd sind, irgendwie aus diesem riesigen Hotel
zu fliehen. Selbst der schlechteste Slasher der 80er hat noch
mehr Qualitäten als SEE NO EVIL, der wirklich komplett
pointless und auch noch schrecklich langweilig ist. Äber
es gibt ja genug unverbesserliche Gorebauern, die selbst
so was noch gut finden. Jedenfalls hat ihn Kinowelt nicht
ungeschnitten durch die JK-Prüftmg bekommen, weshalb
eine kurze, wenig spektakuläre Sequenz fehlt, in der Kane
einem Mädel das Handy in den Hals stopft. Manchen Re¬
gisseuren möchte man ja empfehlen, ihr Heil besser im
Porno-Business zu suchen, würde damit aber bei Gregory
Dark offeneTüren einrennen, denn genau da kommt er her
und hatte uns mal den vermeintlichen Kult-Porno NEW
WAVE HOOKERS beschert, der in künstlerischer Hinsicht
sicherlich immer noch wertvoller als ein No-Brainer wie
SEE NO EVIL ist. Und für Britney Spears hatte der Mann
auch schon als Videoregisseur gearbeitet, bis die dumme
Kuh hinter seinen eigentlichen Background kam und ihn
wieder rausschmiss. Wie schade!
VAMPIRE GEGEN HERAKLES
Italien 1961, Kinowelt | VAMPIRE GEGEN HERAKLES ist
Mario Bavas erster Farbfilm, eine Gemeinschaftsproduk¬
tion mit Franco Prosperi und mit seinen Gothic-Hor¬
ror-Einflüssen sicher einer der ungewöhnlichsten Vertre¬
ter des Sandalengenres, wo beherzt die griechische Mytho¬
logie durch den Wölf gedreht wurde. Bavas Film mag Trash
sein, aber definitiv Trash der charmanten Sorte, der sich
alleine schon durch seine visuelle Seite - wo schon vie¬
les an die surreale Ausleuchtung des vier Jahre später ent¬
standenen PLANET DER VAMPIRE erinnert - von sonstigen
Bodybuilder-Epen der damaligen Zeit abhebt. Auch Bavas
Herkules ist ein aufgepumpter, unsympathischer Muskel-
berg, der unbeholfen durch die Szenerie wankt, Steine und
Heuwagen durch die Luft schleudert, aber komischerwei¬
se im Kampf Mann gegen Mann äußerst schwächlich wirkt.
An seiner Seite ein noch imerträglicherer blonder Depp als
Theseus, mit dem er in die Unterwelt hinabsteigen muss,
um seine Liebste zu retten. Wie gesagt, die griechische My¬
thologie wird hier gnadenlos geplündert, und es sind Bavas
Inszenierungskünste, die verhindern, dass VAMPIRE GE¬
GEN HERAKLES trotz seines offensichtlich geringen Bud¬
gets zu einer völligen Lachnummer wird. Wo sich andere
Filme dieser Art oft unerträglich in die Länge ziehen, fühlt
man sich hier immer prächtig unterhalten, wenn man sich
an den Gedanken gewöhnt hat, keinen tiefschürfenden
Filmklassiker vor sich zu haben, sondern eher minderbe¬
mitteltes Unterhaltungskino der 60er Jahre. Und es sind
vor allem Bavas Effekte und sein Gespür für stilistische Ex¬
travaganzen, die den Darstellern oft die Schau stehlen, sieht
man mal von Christopher Lee ab, dessen diabolische Per¬
formance auch die einzige ernstzunehmende des ganzen
Films ist. Ein großer Spaß, besonders in der deutschen Syn¬
chro, die vor albernem Pathos fast zu platzen scheint. Und
die Kinowelt-DVD mit ihren satten Farbtönen wird den vi¬
suellen Qualitäten von Bavas kleiner Trashperle qualitativ
mehr als gerecht. Zwar kein Klassiker wie DIE STUNDE,
WENN DRACULA KOMMT, aber immer noch ein deutli¬
cher Beweis für Bavas Qualitäten als Regisseur.
VERLOSUNG
Diesmal haben wir je zwei DVDs von APOCALYPTO (Con-
stamin Film) und der SHERLOCK HOLMES COLLECTION
- TEIL 2 (Koch Media) und je drei DVDs von BIG BANG
LOVE, JUVENILE A (REM) und BUBBA HO-TEP (e-m-s)
zu verlosen.
Wenn ihr bei der Verlosung dabei sein wollt, müsst ihr fol¬
gende Fragen beantworten:
• Worauf genau bezieht sich der Zusatz „Bubba“ im Titel
von Don Coscarellis Film BUBBA HO-TEP?
•Welche Geschichte von Arthur Conan Doyle dürfte das am
häufigsten verfilmte Slierlock Holmes-Abenteuer sein?
Antworten an movies@ox-fanzine.de (Adresse nicht
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das sensationelle neue Album
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24.06. Donauinsel fest,
03.07. Karlsruher Zeltival
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50 Songs, 2 CDs, 1 Muss
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THE CASUALTIES
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OX-FANZINE 95
REVIEWS
LITERATUR
STATT EINER EINLEITUNG
„And they all pretend they’re orphans, and their memory’s like a train
You can see rt gettln’ smaller as »t pulls away
And the thlngs you can’t remember teil the things you can’t forget
That history puts a saint in every dream
Well, she said she’d stick around until the bandages came off
But these mama’s boys just don’t know when to quit
And Matilda asks the sailors, ,Are those dreams or are those prayers?*
So close your eyes, son, and this won’t hurt a bit“
(„Time“, Tom Waits)
Alex Strücken (literatur@ox-fanzine.de)
Verbrecher und andere Terroristen
Bommi Baumann war der beste Freund von Georg von Rauch, der bekanntlich von Bullen erschossen wurde, und invol¬
viert in Berliner Kommunen und gewaltsamen Widerstartd. Sein „Wie alles anfing“ (167 S„ 9,90 Euro, rotbuch.de) , ein auf¬
grund von Tonbandgesprächen zusammengestelltes Buch, handelt von der Entstehung der ersten jugendlichen organisier¬
ten Protestbewegungen in den späten 60ern und vollzieht die Entwicklung vom gewaltbereiten Aktionismus bis hin zur Ab¬
sage an den bewaffneten Kampf, ln „Little Crimhnals“ (192 S.,14 Euro, edition-tiamat.de) hingegen hat sich Herausgeber
Klaus Bittermann peinlicher Verbrechen angenommen. U.a. Franz Dobler, Jan Off und Hunter S.Thompson berichten über
groben Unfug schlimmste Trunkenheit und andere Delikte krimineller Dilettanten.
Vorschläge zur Weltverbesserung
Illegale Gärten auf Brachgeländen? Kostenlose Businesskleidung für Hartz 4-Empfänger? Eine rollenden Dorfkneipe für
strukturschwache Gebiete? „Von wegen nix zu machen“ wäll anregen, mit innovativen Ideen kleine Revolutionen zu star¬
ten, die den aktuellen Entwicklungen ein Schnippchen schlagen (Jürgen Becker, Franz Meiner und Martin Stankowski, 192
S., 7.9S Euro, kiwi-koeln.de). Auch Camille de Toledo hat die Schnauze voll. In „Goodbye Tristesse“ (192 S., 18,80 Emo.
tropen-verlag.de) fordert er für Zeiten, in denen Rebellion längst ein Teil des Marktes geworden ist, eine Abkehr vom Zy¬
nismus hin zum „aufrichtigen Widerstand gegen die Zwänge des Kapitalismus“ (Verlagsinfb). Der Verlag meint ebenso: „Ein
leidenschaftliches, wütendes Buch.“ Passend zum G8-Gipfel erscheint „Wir sind überall“ (Autorenkollektiv, S SO S„ 19,90
Emo, edition-nautilus), das reich illustriert von den globalen Protestbewegungen berichtet: Ob kämpfende Bauern, Land-
besetzer oder Gartenguerillas, alles dreht sich hier um Aktionsformen für mehr direkte Demokratie, Deglobalisierung und
Pluralismus. Das Buch beinhalt et Analysen, Berichte und praktische Tipps. „Eine alternative Weltreise.“ (Verlagsinfo).
Opium fürs Volk
Nicht nur die großen Unternehmen, sonders besonders auch die Religion, allen voran die Katholische Kirche besitzen ein
breites Spektrum kommerzieller Werbestrategien, ln „Jesus wäscht weißer“ (176 S., 12,80 Euro, tropen-verlag.de) setzt
sich Bruno Ballardini mit diesen Marketingformen auseinander und deckt damit die Mechanismen kirchlicher Propagan¬
da von der Antike bis in die heutige Zeit auf. Ingo Niermann und Adriano Sack interessiert eher die Droge an sich, so dass
sie mit „Breites Wissen“ (192 S., 14,90 Emo, cichborn.de) ein Buch geschrieben haben, das mit Anekdoten, Listen und Ta¬
bellen, Kulturgeschichte und wissenschaftlichen Erkenntnissen vorurteilsfrei das komplette Drogenspektrum von Schaden
und Nutzen bis hin zu Peinlichkeiten abdeckt.
Rockfacetten
Man kann von GUNS’N'ROSES ja halten was man will, deren Axl Rose lebt aber wohl konstant und klischeehaft das Leben
eines abgehobenen, leicht gestörten Rockstars. Für Mick Wall anscheinend Grund genug, eine Biographie über diesen „psy¬
chopathischen Egomanen“ zu schreiben. Dabei stützt sich „W. Axl Rose“ (224 S., 14,90 Emo, ersch. Juni 2007, rockbuch,
de) teilweise auf exklusives Material und erforscht scheinbar nahezu alles über „den Mann, der GUNS’N’ROSES ist“ (Bn-
chimtertitel). Die MCS wären von Herrn Rose vermutlich nicht allzu begeistert gewesen. Deren Manager John Sinclair, der
auch die White Panther Party angeführt hat, dokumentiert in „Guitar Army: Rock & Revolution With MCS And The White
Panther Party“ (22,95 Dollar, akpress.org) eben diese Epoche in den USA und zeigt die Kraft der Verbindung von Rock und
Revolution auf. Die Edition des Buches beinhaltet neben Comics und Konzertflyem auch unveröffentlichte Fotos und eine
CD mit raren Aufnahmen von u.a. natürlich MCS, Allen Ginsberg, Black Panther Kommentare etc. Auch um eine Rockband
gehst es in dem Roman „Du Hebst mich, du liebst mich nicht" (256 S., 19,80 Euro, tropen -verlag.de) von Jonathan Lethem.
Hier steht allerdings weniger die Musik, als die Bandmitglieder und ihre Beziehungen, Probleme und Paradoxien im Vor¬
dergrund: Arbeit hei einer Nörgei-Holine, Entführung eines depressiven Kängurus, Schreibblockaden. Und trotzdem „Ein
subversiver Roman über Oberflächlichkeit und Tiefe in der Liebe." (Verlagsinfo).
Kunst und Kommerz
Kunst ist mittlerweile nicht nm ein Prestigeobjekt und Statussymbol, sie ist v.a. auch teuer und birgt eigene Werte und
Marktmechanismen. „Hype!“ von Piroschka Dossi (260 S., 14,50 S., dtv.de) beleuchtet Interessen und Vorgehensweise der
verschiedenen Akteure und geht der Frage nach, wie Kunst eigentlich ihren Wert erhält. Illegale Graffiti Künstler interessiert
die Sache mit dem Geld meistens eher weniger, da sie schließlich eher bezahlen, als bezahlt zu werden. Claudia Waldes „Sti¬
cker City: Graffiti Art“ (24,95 Dollar, akpress.oig) beschäftigt sich mit einer bestimmten Form von Street-Art: Schablonen
und Sticker. Dabei schlägt Walde die Brücke von den Ursprüngen, bis hin zu aktuellen Entwicklungen und einem Blick in
die Zukunft und zeigt auf, welche Masse an kreativem Potential im Untergrund brodelt.
Hendrix, Punk und Wellenreiter
Jimi Hendrix hat mit seiner Kreativität wohl einiges für die Gitarre getan. Einen etwas unbekannteren Hendrix zeigt der
Bildband „TributeToThe Jimi Hendrix Experience“ (160 S., 29,90 Euro, schwarzkopf-schwarzkopf.de), der die britische
Zeit des Musikers in über 130 Fotografien. Hier sieht man Hendrix nicht nm zusammen mit anderen Bands und Musi¬
kern, sondern auch in privaten Momenten, beim Frisieren oder als Weihnachtsmann verkleidet „Surf Beat“ (240 S., 14,90
Euro, ventil-verlag.de) nennt sich das erste deutschsprachige Nachschlagewerk der Surf- und Instromusik. Nicht nur klas¬
sische und aktuelle Protagonisten werden vorgestellt, es geht auch ufn technischen und kulturellen Hintergrund, Instru¬
mente, Filme und Fanzines. Jeglichen Zusammenhang zwischen Punk und Film thematisiert „No Focus: Punk On Film“
(Hrsg.:Jack Sargeant & Chris Barber, 19,95 Dollar, akpress.org). Es geht um Filme über Punk, von Punks und Punksploita-
tion, verschiedene Regisseure und ihre Kultfilme wie „Blank Generation“ oder „Great R’n’R Swindle" und die Geburt des
Musikvideos. „We Owe You Nothing - Punk Planet: The Collected Interviews“ (div. Hrsg., 16,95 Dollar, akpress.org) ver¬
eint die besten Interviews aus „Punk Planet“ in einem Buch: Enthalten sind u.a. Interviews mit Jello Biafra, Henry Rollins,
Bob Mould und Steve Albäni.
Incredibly Strange Music
Jens Raschke ist Soundforscher und führt den LeseT in „Disco Extravaganza“ (272 S., 13,90 Euro, ventil-verlag.de) durch
eine Welt abseits der gewöhnlichen Musik, wofür er die kuriosesten Aufnahmen der Musikgeschichte zusammengetragen.
Versprochen werden „Spott und Ergriffenheit, Stutzen und Begeisterung“ (Verlagsinfb). Klingt nach einer spannenden Sa¬
che, wie ich finde.
Lebemänner und Reisende
Der Roman „1975-Im Jahr der Weiber“ (256 S., 18 Euro, ullsteinbuchverlage.de) erzählt die Geschichte einer Jugend vol¬
ler Musik, Mädels und Rauchwaren. Nachdem ein paar Freunde kollektiv durchs Abi gefallen sind, geht’s mit einem VW-
Bus nach Frankreich ans Meer und es wird ebenso kollektiv dem Größenwahn gefrönt. Tom Hodgkinson schwebt in sei¬
nem „Die Kunst, frei zu sein“ (282 S., 17,90 Euro, rogner-bernhard.de) ein glückliches, freies Leben als Gegenentwurf ge¬
gen Langeweile, Gier, Angst und Armut vor. Auf der Grundlage von Anarchisten, Existenzialisten und mittelalterlichen Den -
kern rät er dem Leser: Fang endlich an zu leben! Einen „atemberaubenden Streifzug durch das Global Village“ (Verlagsinfo)
verspricht „21000 Kilometer oder die Kunst, sitzen zu lernen“ (256 S., 8,90 Euro, rowohlt.de). Der Autor und eine Part¬
nerin haben beschlossen, von Hamburg so weit es geht über Land zu reisen. Das bedeutet 18 Länder in 5 Monaten und eine
Menge an spannenden Begegnungen.
PS.: Florian Günther hat mal wieder 60 Gedichte zwischen zwei Buchdeckel gepackt. Das ganze heißt „11 Uhr morgens“
(ca. 94 S., 11,90 Euro, edition-luekk-noesens.de) und wird aus Gründen des Redaktionsschlusses erst im nächsten Heft
durch eine Rezension gewürdigt.
Bob and Jenna Torres
VEGAN FREAKS
Being vegan in a non-vegan world
akpress.org, veganfreaks.org, 175 S., $13,95 | „Veganer
werden in nur drei Wochen“. Was sich anhört wie das du¬
biose Versprechen einer x-beliebigen Diät, halten die Au¬
toren dieses Buches für ab¬
solut machbar und realis¬
tisch - haben sie es doch an
sich selbst erfolgreich aus-
probiert. Und schon sind wir
mittendrin: Dieses Buch ist
ein praktischer und infor¬
mativer Ratgeber für alle ve-
ganen Lebenslagen, für Vega¬
ner, die, die es werden wol¬
len und alle, die sich für die¬
ses Thema interessieren. Bob
und Jenna erzählen in die¬
sem Buch, wie sie vegan ge¬
worden sind, wie lange es ge¬
dauert hat, bis sie sich dazu
entschlossen haben und mit
welchen Unwägbarkeiten sie
zu kämpfen hatten. Dazu gehören Themen wie „Vegan sein
— und jetzt?“, „Wie ernähre ich mich gesund vegan?“, „Ar¬
gumentationshilfen für das Weihnachtsessen mit der Fa¬
milie“, „Überleben im Supermarkt“ „Veganer, die die Welt
nicht braucht“, etc. Sehr angenehm an diesem Buch ist,
dass an keiner Stelle die „Veganer sind die besseren Men¬
schen“-Attitüde auftaucht; im Gegenteil: Bob und Jenna
haben etwas gegen „Vegangelics“, selbstgerechte, missio¬
nierende Veganer. Stattdessen hat man beim Lesen eher das
Gefühl von „Ja, genau, solche Situationen kenne ich auch!“
Man fühlt sich gut aufgehoben, verstanden und bekommt
aber trotzdem (vegane) Lösungswege aufgezeigt. Charmant
an diesem Buch ist, dass Bob und Jenna viel Sinn für Hu¬
mor haben (schon mal was von „going cold tofu“ , „food
Nazis“ oder „cheesaholic“ gehört?), sich selbst nicht zu
ernst nehmen oder für unfehlbar halten , dabei aber trotz¬
dem tough und überzeugend ihr Ding durchziehen. Wenn
es nicht zu abgenudelt wäre, würde ich sagen: Prädikat pä¬
dagogisch wertvoll. Leseproben gibt es übrigens unter veg-
anfreaks.org. Zur Motivation, dieses Buch zu schreiben, er¬
zählen die beiden Autoren: „We wanted a book that spo-
ke to people like us: young, with punkish, radical leanings,
and primarly into veganism for ethics and animal rights.
We wanted an author that wasn’t afraid to be irrelevant to
say „fuck“ or to tease hippies in good firn.“ Worauf wartet
ihr noch? Lesen lohnt sich definitiv. Zu bekommen bei ak-
press.org. Uschi Herzer
Josh MacPhee, Erik Reuland
REALIZING THE IMPOSSIBLE
Art Against Authority
320 S„ $23.95; akpress.org | Revolte, politischer Aktivis¬
mus und Kunst sind oft eng verbunden, und ob man nun
Adbusters als die Bekämpfung der Werbenden mit ihren
eigenen Mitteln, Demoposter
oder Stencil-Sprayereien an
Hauswänden nimmt, Vide¬
okunst oder Punk-Platten¬
cover - die Palette von „Art
against Authority“ ist denk¬
bar breit. Die beiden US-Au-
toren Josh MacPhee und Eric
Reuland alias Erik Ruin ha¬
ben über 20 Beispiele für
„revolutionäre“ Kunstfor¬
men portraitiert, nicht nur
aus den USA und Europa, sondern auch aus Argentinien
oder Indonesien, und da die verschiedenen Artikel und In¬
terviews (darunter eines mit Gee Vaucher, die für die visu¬
elle Seite von CRASS zustöndig war) meist nur über 10-15
Seiten gehen und zudem reich bebildert sind (wenn auch
nur schwarz-weiß), hat man zum Glück nie das Gefühl, es
mit einem trockenen Kunsttheorie-Schinken zu tun zu
haben. Ein spannendes Buch über die Macht und Möglich¬
keiten der Kreativität. Joachim Hiller
Ashley Kahn
LEUCHTENDES ORANGE
UND TIEFES SCHWARZ!
Geschichte des Jazzlabels Impulse!
Rogner & Bernhard Verlag, 398 Seiten, 24,90 EUR | As¬
hley Kahn hat bereits zwei spektakuläre Bücher über die
Geschichte des Jazz vorgelegt. In „Kind of Blue“ beschäf¬
tigt er sich mit dem wohl be¬
rühmten Jazzalbum gleichen
Namens von Miles Davis. In
„A Love Supreme“ nähert er
sich den legendären Musik¬
aufnahmen von John Coltra¬
ne, die unter demselben Titel
veröffentlicht wurden. Beide
Jazzmusiker sind aus der Ge¬
schichte des Jazz nicht mehr
wegzudenken, stehen jeweils
für einen eigenen Beitrag zur
Jazzrevolution des 20 Jahr¬
hunderts.
Coltrane ist auch der An¬
knüpfungspunkt für das vor¬
liegende Buch, das die Geschichte des amerikanischen
Jazzlabels Impulse! nachzeichnet. Da darf der Titel des Bu¬
ches, „Das Label, das Coltrane erschuf* durchaus in beiden
möglichen Richtungen interpretiert werden, um den Rah¬
men zu skizzieren, in dem sich die Handlung bewegt. An¬
fang der 60er Jahre wurde das Plattenlabel Impulse! Re¬
cords als Sublabel des aufstrebenden und um Marktantei¬
le ringenden Medienkonzerns ABC gegründet - insofern
man zu diesem Zeitpunkt den Begriff „Medienkonzern“
schon benutzen kann. ABC baute seine Konzernteile sys¬
tematisch aus, hatte schon im Bereich Schlager, Pop und
Unterhaltungsmusik in den Fünfzigerjahren erfolgreich
positioniert. Die Neugründung des Labels Impulse! stand
in einem soliden Kontext und man konnte auf eine eta¬
blierte Vertrieb- und Marketingabteilung usw. zurückgrei¬
fen. Neben der Musik war es vor allem die für ein Platten¬
cover aufwändige und auffällige Gestaltung, die sich mar¬
kant von anderen Jazzlabeln wie Blue Note und Riversi-
de abhob: Die Schallplatten waren oft mit großformatigen
Photos, die die gesamte Plattevorderseite entnahmen ge¬
schmückt. Die „Buch“-Rücken und auch das gesamte Lay¬
out war immer in den Farben leuchtend Orange und Tief¬
schwarz gehalten. Vor allem diese prägnante Erscheinung
ist es, die bis heute Aufmerksamkeit anzieht - neben den
außergewöhnlichen musikalischen Qualitäten. Es war ge¬
lungen ein unverwechselbares Markendesign zu kreieren.
Jazz-Experte Kahn beschreibt in seinem packenden und
nicht nur für Jazz-Fans interessanten Buch eben die¬
se Anfänge des Labels, das zu einer Zeit gegründet wur¬
de, als der Jazz nicht nur eine unter vielen Musikrichtun¬
gen war, sondern als er die Massen ergriff und bewegte, als
der Jazz Ausdruck einer ganzen Generation werden soll¬
te. Ähnlich wie es später etwa dem HipHop gelang, nicht
nur Musik zu sein, sondern Ausdruck und Spiegel einer ge¬
sellschaftlichen Befindlichkeit und der politischer Verhält¬
nisse. Diese dichten und verwobenen Beschreibungen ge¬
lingen Kahn durch eine genau recherchierte Geschich¬
te des Labels, durch die Hinzuziehung von Archivquellen
und vor allem durch seine unzähligen Gespräche mit Mu¬
sikern, Produzenten und anderen beteiligten Zeitzeugen.
Hinzu kommt noch eine in die Geschichte des Labels ein¬
gebettete Historie der erschienenen Alben. Jeweils auf ei¬
ner Doppelseite werden, chronologisch zur fortschreiten¬
den Unternehmensgeschichte die jeweils wichtigen Alben
der Künstler des Labels vorgestellt. Dazu gehören neben Jo-
han Coltrane noch Ray Charles, Gil Evans, Oliver Nelson,
Freddie Hubbard, McCoy Tyner und Elvin Jones und na¬
türlich Alice Coltrane, Albert Ayler und Pharoah Sanders -
um nur einige zu nennen. Dabei beschränkt sich Kahn auf
die ungefähr 40 wichtigsten Publikationen des Plattenla¬
bels - und erzählt damit noch einmal - und zwar anhand
der Musik - eine Musikgeschichte des Labels und gleich¬
zeitig ein Stück Zeitgeschichte. Die sehr treffende, die ein¬
zelnen Stile, Richtungen und künstlerischen Individualitä¬
ten berücksichtigende Auswahl ist für den Leser ein exzel¬
lenter Einstieg in das Label und in die wichtigste Zeit der
Entwicklung des Jazz.
Das Label Impulse! zieht mit seiner Veröffentlichungspo¬
litik - vor allem unter der Leitung von Bob Thiele - ei¬
nerseits eine Bilanz der Entwicklung des Jazz der Fünfzi¬
ger und Anfang der Sechzigerjahre und bietet gleichzeitig
die Plattform, auf der sich innovative Musiker - allen vor¬
an John Coltrane - experimentell weiterentwickeln konn¬
ten. Letzt endlich dokumentiert die Entwicklung der Mu¬
siker des Labels die Entwicklung zum Free Jazz Ende der
Sechzigerjahre. Kahn schafft es, diesen wichtigen Entwick¬
lungsschritt in der Geschichte der modernen Musik vom
Bob und Bebop zum Free Jazz - neben der Labelgeschich¬
te - plausibel und verständlich zu machen. Mit den pro¬
fessionellen Hinweisen und Ausführungen von Kahn wird
diese Entwicklung selbst für den nicht im Jazz bewander¬
ten Leser nachvollzieh- und nachhörbar. Das diese Ausfüh¬
rungen auch dem Leser erhalten bleiben, ist auf eine her¬
vorragende, sehr gut lesbare und sich in die Vorlage einfüh¬
lende Übersetzung von Michael Hein möglich. Die fach¬
lichen Qualitäten des Buches werden in der deutschen
Übersetzung durch eine literarische Dimension ergänzt,
die das Fachbuch zu einem Ereignis im Bereich des Sach¬
buches und im Besonderen im Bereich des Musikjourna¬
lismus werden läßt. Kahn hat mit diesem Buch seine bei¬
den Klassiker über Miles Davis und John Coltrane noch
einmal über troffen und - soviel kann man jetzt schon sa¬
gen - einen Klassiker geschrieben. Mit den informativen
Anhängen - Bibliographie, Diskographie des Labels usw. -
bleiben für den Leser keine Wünsche offen. Prädikat: Sehr
empfehlenswert! PS: Begleitend zum Buch ist ein 4-CD-
Set mit einem Querschnitt der Musik des Labels erschie¬
nen (The House That Trane Built.The Story of Impulse Re¬
cords, 2006, 4 CDs). Außerdem wurden noch acht preis¬
werte Sampler aufgelegt - alles mit Linernotes von Ashley
Kahn versehen. Thomas Neumann
Päl H. Christiansen
DIE ORDNUNG DER WORTE
224 S., 14,90 Euro, rockbuch.de | In seinem Heimat¬
land Norwegen ist Christiansen scheinbar schon sehr er¬
folgreich, und auch sein neustes Buch „Die Ordnung der
Worte“ löste wohl gestei¬
gertes Medieninteresse aus -
mit vorliegendem Buch er¬
scheint allerdings zum ersten
Mal einer seiner mittlerwei¬
le fünf Romane auf deutsch.
Nun, wie so oft kann ich den
Medienrummel nicht wirk¬
lich nachvollziehen, obwohl
Geschichte und Schreibstil
durchaus unterhaltsam und
witzig sind. Christiansens
Held Hobo Highbrow ist ein
leicht größenwahnsinniger
Schriftsteller, der auf Scrab¬
ble, das norwegische Wör¬
terbuch und a-ha steht und
eigentlich nicht unbedingt
mehr viel davon mitbekommt, was um ihn rum passiert,
weil er zu sehr mit seinem Kopf beschäftigt ist. Statt sich
an den Tisch zu setzen und endlich seinen neuen Roman
zu beginnen, philosophiert er lieber über seine nicht vor¬
handene Rolle in der norwegischen Literaturlandschaft,
verliert seinen Lektorjob, bildet sich ein, dass ihn seine
Freundin betrügt und lässt sich scheinbar nach und nach
die Bude leer räumen. Auch seine beiden Lebenskünstler¬
freunde Higgins und Hagen scheinen sich immer mehr von
ihm abzuwenden. Wie weit Hobo sich mit seinem skurri¬
len Realitätssinn von der Wirklichkeit entfernt, merkt der
Leser dann im Laufe des Buches, wobei er besonders an¬
fangs ganz schön hinters Licht geführt wird. Hobo High-
brow ist jedenfalls ein kauziger, selbstgefälliger und abso¬
lut weltfremder Kerl, der mit seinem Gehabe ganz schön
nerven kann, dessen Diskrepanz zwischen der inneren und
äußeren Welt ihn aber schon wieder verschroben-sympa¬
thisch werden lässt... Nicht nur, weil’s im Verlaginfo steht:
Irgendwie ist „Die Ordnung der Worte“ ein bisschen das
norwegische Äquivalent zu „Herrn Lehmann“. Und das
wird für viele sicherlich eine Referenz sein. Alex Strücken
Rocko Schamoni
STERNSTUNDEN
DER BEDEUTUNGSLOSIGKEIT
250 S., 14,90 Euro, dumont | Der Dorfpunk ist erwachsen
geworden, lebt jetzt in Hamburg, und was Schamoni schon
bei „Dorfpunks“ so wunderbar gelungen war, ist ihm auch
hier geglückt: Das „Literari-
sieren“ eines Lebensgefühls,
das Erzählen der Geschich¬
te von einem, den man zu
keimen glaubt: Der namenlos
bleibende „Dorfpunk“ — von
einer direkten Fortsetzung
spricht keiner, aber es wür¬
de passen - ist hoch gestar¬
tet, hat große Ansprüche an
sich und die Welt, und doch
ist er eigentlich ein Verlierer.
Der Hamburger Kiez lockt
mit ständigen Saufmöglich- f
keiten, an der Uni - man
ist für Kunst eingeschrie¬
ben - sind sowieso nur Stre¬
ber, und er gefallt sich in sei¬
nem bohemehaften Rock’n’Roller-Leben, in der Zweisam¬
keit mit dem chaotischen WG-Mitbewohner, und kann ja
vor allem darauf vertrauen, nicht so abgestürzt zu sein wie
die Typen vor Lidl, Mama und Papa sei Dank. Man schlägt
sich mit Plakatekleben und als Aushilfsroadie durch, kennt
die Leute hinter der Theke oder steht selbst da, jeder Tag
ist Wochenende, doch schöne Frauen haben die anderen,
und Mia, die Schwarzhaarige aus der Wohnung gegenüber,
bleibt die idealisierte Traumpartnerin. Soll das auf ewig so
weitergehen? Beim Besuch in der Heimat (klein) Stadt nur
Verachtung für die Zurückgebliebenen, so will man nicht
enden, mit der Gesundheit ist es auch nicht weit her, es
muss sich was ändern - und es ändert sich auch was, auf
der letzten Seite, in der letzten Zeile...
Schamoni hat auch mit seinem neuen Buch wieder höchst
unterhaltsam sein Leben und, das darf man vermuten, das
von Menschen aus seiner eigenen Umgebung beobachtet,
ist verdammt nah dran am Kreativ-Prekariat - und im Ich-
Erzähler kann man durchaus auch Cahit aus Fatih Akins
„Gegen die Wand“ erkennen. Ich bin jetzt mal auf Scha-
monis nächsten Roman gespannt - ob der wohl vom Ex-
Rock’n’Roller mit Kind und Kombi in der Reihenhaus¬
siedlung am Rande Hamburgs handelt...? Joachim Hiller
Uta Heuser
GIVE ME FRICTION, BABY!
Turbonegro und die Turbojugend
subh.de, 350 S., EUR 19,80 | „Happy Tom: Ein .Turbone-
ger* ist ein großer, gut ausgestatteter, bewaffneter schwarzer
Mann, in einem schnellen Auto, aus auf Rache!“ Und wo¬
rauf sind TURBONEGRO aus? Auf Provokation. Und was
machen sie sich damit? Freunde in aller Welt! Das klingt
imlogisch, aber so funkti¬
oniert Punkrock seit jeher.
„Give Me Friction, Baby!“
(auf Deutsch etwa: „Fick
mich, Schätzchen!“) er¬
zählt erstmals die Geschich¬
te der norwegischen Punk¬
band TURBONEGRO von ih¬
ren Anfängen Mitte der 80er
in Oslo bis heute. Für ihre
Band-Biografie hat Autorin
Uta Heuser ein Jahr lang Ge¬
spräche geführt und Archive
durchforstet, sie lässt aktu¬
elle und ehemalige Mitglie¬
der der Band zu Wort kom¬
men sowie etliche Weggefährten und Fans. Auch Joachim
„Ox“ Hiller hat bisher unveröffentlichtes Material beige¬
steuert. Das Ergebnis ist so etwas wie die „extended Versi¬
on“ eines Fanzines, mit allem, was ein Fanzine ausmacht:
jährliche Auflistungen aller gespielten Gigs, Kommen¬
tare der Band zu jedem Song ihrer Alben und - natürlich
- ohne Ende Anekdoten, das Ganze ergänzt durch erklä¬
rende Fußnoten und zahlreiche, teils farbige Fotos. Aber,
OX-FANZINE 96
REVIEWS
um es mal ganz nüchtern auszudrücken, der Markt da¬
für ist ja da. Denn TURBONEGRO, die Meister der homo¬
erotischen Pose, die „Denim Demons“, verfugen über ei¬
nen weltweiten und wohl organisierten Fanclub, die Tur-
bojugend. 2.180 lokale Jugends (nicht etwaYouths oder
Jeunesses) gibt es zur Zeit, Tendenz steigend. Von St. Pauli,
der Mutter aller Jugenden, bis St. Petersburg, von der Bronx
bis Bagdad, von Jerusalem bis zur Turbojugend Jammertal,
alle erkennbar an der dunkelblauen Jeansjacke mit der auf-
gegestickten Homo-Lederkappe auf dem Rücken (turbo-
negro.com/EUR 99,-). Dabei ist dieses Buch für dieTur-
bo-Fans nur eines der Highlights 2007. Nach einer Mini-
Tour im Mai erscheint am 15. Juni auch endlich ein neues
TURBONEGRO-Album: „Retox“, siehe Review in diesem
Heft. Und siehe auch Joachims Interview mit Sänger Hank
und Bassist Happy Tom, denn die Geschichte der sympathi¬
schen Deathpunks aus No(r)way geht schon wieder weiter
Ute Borchardt
Jörg Sundermeier
DAS BUCH VOM KLAUEN
Verbrecher Verlag, 224 Seiten, 13 Euro | Ohne irgendein
Zutun kann sich so ein Stecker nicht aus der ihm zuge¬
dachten Dose lösen, hatte er aber offensichtlich doch. Lan¬
ges Sinnieren über diese Fra¬
ge bringt ihn auch nicht zu¬
rück in seine angestammte
Position, also schnell hinter
den Schrank gekrochen. Ein
unbequemes Unterfangen,
äußerst unangenehm. Enge,
die eigentlich nicht gerade
Stummeligen Arme zu kurz,
vor den Augen die zu reali¬
sierende Aufgabe; neben ei¬
nigen Staubmäusen. Flüche
schießen durch den Kopf,
kommen aber nicht über die
Lippen. Würde doch etwas zu
lächerlich wirken, hier ein¬
gequetscht zwischen Holzboden und Schrank. Irgendwann
ist er dann wieder drin, der Stecker und als Zugabe wird
ein zwar verstaubtes, aber offensichtlich noch imgelesenes
Buch hervor gefischt: Das Buch vom Klauen.
Verdammt, wie lange mag es da gelegen haben, wie konn¬
te es sich dorthin stehlen? Kaum aufgeschlagen und die
erste Kurzgeschichte gelesen, noch im Stehen neben dem
Schrank, ändert sich die Planung für den weiteren Tages-
verlauf rasch. Die folgenden Geschichten bekräftigen diese
Entscheidung. Bei weitem handeln sie nicht nur vom Klau¬
en oder vom bestohlen werden. Kommen aber natürlich
auch vor, von Bonnie & Clyde Romantik, bis hin zu pu-
bertierenden Kosmetikentwenderinnen. Wenn aber die
gemeinsame Thematik des Buches nur den Türöflher gibt,
sich andeutet oder eine Randnotiz spielt, um den dane¬
ben liegenden Geschichten, den Dramen und Komödien
Platz zu bieten, dann vergisst man rasch die Platte umzu¬
drehen, für die man gerade noch mühsam die Elektrizitäts-
KOST FÜR DIE AUGEN
Als erstes die neue SIX FEET UNDER aufgelegt und wäh¬
rend das Gebölke durchs Haus schreddert, kann ich ganz
entspannt die neuesten Bücher, Hefte etc. durch meine
grausame Hand richten. Beginnen tue ich mal mit ...
Roland Adelmann/Hermann Borgerding
DIELEICHEN WERDEN
WOHL WARTEN MUSSEN
Gedichte
undergroundpress.de, 3 Euro plus Porto | Ach, was tut das
gut mal wieder was vom alten Straßenköter Adelmann zu
lesen. 18-mal schlägt uns Roland mitten ins Gesicht, wo¬
bei lediglich ein Hieb nicht richtig sitzt (Etwas Lustiges
braucht der Mensch), was aber einerseits eher subjektiv ist
und andererseits zwischen den anderen Texten kaum auf¬
fallt. Herr Adelmann ist nicht zimperlich, drückt uns Bü¬
rokratiewahn, Kriege und die allgemeine Fernsehlethargie
so richtig rein und erklärt scheinbar nebenbei, warum Un¬
dergrounddichter auch ab und zu mit einer Ladehemmung
zu kämpfen haben. Adelmann ist laut und wütend und ge¬
nau das ist wichtig in einer Zeit in der wieder über Klassen
geredet wird, versteckt hinter dem Begriff„Schichten“ und
schon der Weg zum Kiosk eine kleine Flucht ist.
Borgerding pariert mit ebenfalls 18 Gedichten und einer
kurzen Geschichte und ergänzt mit seinen Innenansichten
die her extravertierten Texte Adelmanns. Hermann lässt die
viel zitierten Hosen bis zum Anschlag runter, macht sich
nackt und offenbart einen Balanceakt kurz vor dem Ab¬
sturz, aber immer noch die Kurve kriegend. Texte zwischen
Hoffnung, Enttäuschung, Angst und Liebe und einer (hof¬
fentlich überstandenen) Krebserkrankung. Ganz große Ly¬
rik von beiden Autoren mit einem gelungen Cover vom In-
side-Jenz.
Axel Monte und Hadayatullah Hübsch
ASPHALT DERWISCH
heinz-wohlers.de, 7.90 Euro plus Porto | Rund 70 Seiten
bietet dieses Buch, welches als eine Art Jam Session ent¬
standen ist, in dem sich beide Autoren gegenseitig Themen
vorgegeben haben. Herausgekommen sind mehrere Kapi¬
tel, die am Stück gelesen (wie ich es getan habe) fast schon
meditativen Charakter haben. Ich könnte auf Anhieb nicht
sagen, um was es wirklich geht, wo der rote Faden ist und
trotzdem hat der Text etwas eigenes, etwas was einen nicht
loslässt. Vielleicht ist es doch die Erleuchtung des Asphalts,
der einen nicht loslässt. Das Folgen der weißen Linie auf
der Straße als einzigen Fixpunkt in deinem Leben, wel¬
ches beinahe schon eine Obsession darstellt. Vielleicht lie¬
ge ich auch völlig falsch. Wer das wissen will, wird nicht
drum herum kommen, sich das Buch zu bestellen. Auf je¬
den Fall kein Fehler.
MORGANA BEAT ANTHOLOGIE NR. 1
morgana-verlag.com, 9.50 Euro | Eigentlich hatte ich das
Buch als eine „10 Jahre Härter“ Sonderausgabe in Erinne¬
rung. Also eine Antho über Frank Brökers Zine Härter, aber
das scheint sich erledigt zu haben. So gibt es jede Menge
Storys und Gedichte einmal quer durch den im weitesten
Sinne Underground. Axel Monte ist mit einem Ausschnitt
aus dem „Asphalt Derwisch“ und einer Story über Kompli¬
mente vertreten, Frank Bröker mag nicht wirklich Jazz und
Matthias Penzel suhlt sich in metallischen Erinnerungen.
Kersten Flenter, Volly Tanner, Thomas Schweisthal und Jan
Off liefern mal wieder gute Lyrik ab, und auch ansonsten
sind nur wenige Ausfälle (aber wie immer Geschmackssa¬
che) zu verzeichnen. Der Truck durch die Nacht von Nes-
ch fährt gleich zweimal durch eben diese und leider feh¬
len Infos zu den Autorinnen, was aber nicht weiter ins Ge¬
wicht fallt, da der fleißige Undergroundleser sowieso alle
kennt. Rund 155 Seiten.
So, SIX FEET UNDER sind fertig. Hm, okay, fürs näxte Heft
legen wir mal die „Big Mouth strikes again“ von den SMIT¬
HS auf und saugen uns was aus den Figern über...
2 Euro plus Porto bei Jörg Herbig, Bahnhofstr. 10963263
Neu-Isenburg, biggovicto web.de | Jörg Herbig, den meis-
zufuhr wiederhergestellt hat. Nur so herein stiehlt sich der
Diebstahl bei Leonhard Loreks „Breslau“. Armin, arbeit¬
loser Neuköllner, der sich in Schwulenbars „Hartz weg¬
poppt“ und zuhause wegkifft, kommt natürlich auch mit
dem Delikt in Kontakt. Doch die wesentliche Story ent¬
faltet sich um diese Ereignisse herum, auf die man war¬
tet wie die Katze vor dem Mauseloch auf Beute. Das titel¬
gebende Phänomen lässt sich bitten, spannt die Leser und
rückt auch schon mal in den Hintergrund, um dann doch
sich seinen Platz zu nehmen, unerwartet, in anderer Form
als erdacht und als krönender Abschluss noch dazu. Loreks
Kurzgeschichte beinhaltet das gesamte Spektrum des Bu¬
ches, banaler und abstruser Diebstahl, Vorgeschichten, Ur¬
sachen und Folgen von Diebstählen. Dabei bleibt „Das Buch
vom Klauen“ immer kurzweilig, allerdings weit davon ent¬
fernt oberflächlich zu sein. Amüsiertes Nach- und Weiter¬
denken ist erlaubt, schnell ein paar Stunden Zeit stiehlt ei¬
nem der Sammelband. Aber auf diese Weise lässt man sich
gerne bestehlen. Simon Brüggemann
G8: DIE DEUTUNG DER WELT.
KRITIK, PROTEST, WIDERSTAND
4,50 Euro | Eine gemeinsam von den Zeitschriften Analyse
& Kritik, So oder So, Fantömas und arranca herausgegebe¬
ne Broschüre zum Hypethema G8. Auf gelbem Papier an¬
sprechend nüchtern gelayoutet sollen Analysen und Hin¬
tergrundberichte an die Hand gegeben werden. Die Texte
teilen sich in drei Kategorien. Der erste Part beleuchtet die
Akteure der Globalisierung, also die G8, die EU, Weltbank,
aber auch China. Ein zweiter Teil versucht die Auswirkun¬
gen des Handelns dieser Akteure zu beleuchten, also v.a.
Energiefragen, der Privatisierung genetischer Ressour¬
cen, sowie die US-Außenpolitik. Ein dritter und letzter
Part widmet sich den Akteuren der Antiglobalisierungs-
bewegung, was sich vornehmlich in länderspezifischen
Berichten niederschlägt. Leider enden die meisten Arti¬
kel gerade dann, wenn es anfangt interessant zu werden.
Kurz und bündig bedeutet hier aber durchweg oberfläch¬
lich, Widersprüchlichkeiten schimmern nur schwach ein¬
mal durch die Texte hindurch, die Welt ist ein klar geord¬
netes Verhältnis. Am Rande wird dann zwar eingestanden,
die G8 seien vielleicht doch nicht die Weltregierung, dies
sei vielmehr eine falsche Analyse der Antiglobalisierungs-
bewegung, doch auch hier bleibt man dann schnell stehen.
Würde sonst natürlich auch den Sinn der Broschüre zwei¬
felhaft werden lassen, die sich auch als Mobilisierungsheft
versteht. Statt wirklich einem Begreifen der Welt, die eben
eine vom Kapitalismus und seinen Regeln durchdrunge¬
ne ist, behilflich zu sein und darum mal die Frage zu stel¬
len, wie viel besser denn die Welt ohne G8 aussehen wür¬
de, hat man sich entschieden altbekannte Halbwahrheiten
noch einmal aufzukochen. So wird es dann bei einer Anti-
globalisierungsbewegung bleiben, die vielleicht total bunt,
lustig und imglaublich kreativ ist, die aber den Kapitalis¬
mus in seiner gesellschaftlichen Totalität nicht zu begreifen
vermag. Unterm Strich bleibt nicht mehr als eine Lektüre
für nebenher, fast so basic, dass man sie sich sparen kann.
Simon Brüggemann
ten wahrscheinlich besser bekannt als Big, seines Zeichens
Schlagzeuger der DeutschPunkBand UNGUNST, bei der er
auch für den überwiegenden Teil der Texte zuständig ist,
was wiederum erklärt, warum UNGUNST nicht ständig
ins Phrasenschwein einzahlen müssen (manchmal schon
- da vorne fahrn die Bullen, ähm!). Aber egal, hier geht’s
es um das 44 A5 Seiten starke Heft „Stille Wasser“. Kern¬
stück ist die Geschichte über die Zeit bevor UNGUNST ge¬
gründet wurde. Big ist nichts zu peinlich und daher kom¬
men auch alle Im-Kinderzimmer-mit-Lärm-und-Hörs-
dpielen-aufgenommene-Tapes zum Vorschein. Allerdings
- sehr gut geschrieben und noch besser bei einer Lesung
vorgetragen. Ansonsten handeln seine Storys vom norma¬
len Wahnsinn Leben zwischen Kindern, die keinem beach¬
tenswert erscheinen, Sexspielchen zwischen geparkten Au¬
tos und im Hals kratzenden Glückskräutern. Bei allen Sto¬
rys scheint nichts einfach mal heruntergeschrieben, son¬
dern sehr durchdacht zu sein. Big überlegt sehr wohl, wel¬
che Worte zu welcher Stimmung passen. Trotzdem sind
seine Texte nicht kopflastig. Ein sehr interessanter Balance¬
akt. Ich finde das Heft gelungen, die Storys gut. Wenn ihr
mir folgt, wird es ein teurer Monat für Euch.
Dann will ich mich mal der „Nerve Damage“ von TRAGE¬
DY und dem nächsten Heft zuwenden:
Markus Hintzen m
WAS ICH NOCH SAGEN WOLLTE
1 Euro plus Porto, intothepit@gmx.de | Hintzen hat auf
56 A5 Seiten 54Texte zusammen getragen, die Politik, Ge¬
fühl und Härte zusammen fügen. Hier bekommt jeder sein
Fett weg. Ob selbsternannte Szenegötter, Gott selber, die
Gesellschaft und auch der Autor. Keiner wird geschont und
das ist auch gut so. Wütende (Auf-) Schreie, unterdrück¬
te Wut, die sich ihren Weg nach außen bahnt: „All unser
Schreien/gegen das Unrecht/dieser Welt/und seine Ver¬
ursacher/ wurde und wird/nicht nur/überhört, sondern/
konsequent übergangen./Doch wir werden/nicht aufhö¬
ren/zu schreien,/denn das Unrecht/brennt tiefe Löcher/
in unsere Herzen./Und wenn wir/doch irgendwann/mal
schweigen sollten,/lehnt euch ruhig/zurück und war¬
tet/darauf, dass euch/eine Bombe zerreisst,/die wir-ganz
still/und leise-/unter eure Ärsche/platziert haben!“
Und während TRAGEDY iure P unde beenden und Platz
machen für „Faith“ von THE CURE, krame ich das nächs¬
te Werk hervor:
William Cody Mäher
GEISTERSTADT
engstler-verlag.de | Ein Reisender ist dieser Mäher. Wohn¬
te und vegetierte schon überall rum. In San Francisco ge¬
boren, gehen seine Stationen über München, New York,
Zürich, Berlin und z. Zt. Heidelberg. Von Carl Weissner und
Walter Hartmann übersetzt, schlägt beim Lesen die Düs¬
ternis der Texte über den werten Leser, die Leserin, zusam¬
men und hüllt einen in ein tiefes Schwarz. Die Texte erre¬
gen keine Fröhlichkeit, auch wenn sie hier und da Licht¬
punkte zulassen, doch gleiche einem Spot verharren sie
nur kurz und verschwinden dann irgendwo da hinten,
am Ende der Textzeile, wo der Himmel sich wieder dun¬
kel färbt. Dialoge und Monologe sollen es sein, Fragmente
fände ich eine bessere Bezeichnung. Fragmente einer poe¬
tischen Eleganz, die ich so schon lange nicht mehr gelesen
habe. Große Literatur.
Und nachdem „Faith“ auch in den letzten Zügen lieget,
brauche ich nur noch eins zu tun: meinen Namen unter
die Wörter zu setzen: Jerk Götterwind
/SPOKENWORD
Bela B. Felsenheimer liest
LAST TRAIN TO MEMPHIS
Die Elvis-Biographie von Peter Guralnick
(Teil 1,1935-1958) 12CD
bear-family.de | Hat jemand vor in nächster Zeit nach
Australien zu reisen? Wenn ja, ist das hier die perfekte Rei¬
seliteratur: Die 12 CDs auf den iPod überspielt, und wenn
man in Sydney aus dem
Flieger steigt, hat man
die ersten 23 Jahre des
Lebens von Elvis Aaron
Presley im, Zeitraffer er¬
zählt bekommen. Den
Job des Vorlesers erledigt
aufs Trefflichste Bela B,
der ja bereits auf einige
Erfahrung als Hörspiel-
und Hörbuch-Stimme
zurückblicken kann und
- was im Hörbuch-Gen¬
re nicht immer selbst¬
verständlich ist - eine Affinität zum Thema besitzt, was
sich dadurch ausdrückt, dass all die amerikanischen Per¬
sonen- und Ortsnamen ordentlich ausgesprochen wer¬
den. Nichts ist schlimmer, als deutsche Schauspieler, die
ihre Rock’n’Roll-Basics nicht draufhaben ...Auch nicht zu
unterschätzen: Wo viele Hörbücher reduzierte Kurzfassun¬
gen der literarischen Vorlage sind und dadurch einiges an
Informationen verloren geht, wurde hier vom deutschen
Übersetzer Michael Widemann nur wenig gekürzt, und an¬
gesichts des Detailreichtums des hochgelobten Buches des
US-Musikjournalisten und -historikers Peter Guralnick
wäre eine Verkrüppelung auf drei, vier Stunden auch eine
Frechheit gewesen. Andererseits besteht bei einem Monu¬
mentalwerk dieses Umfangs auch die Gefahr der Langat¬
migkeit - ein Problem? Mitnichten! Der Reiz von Gural-
nicks Vorlage besteht in ihrem extremen Detailreichtum,
und so erfahrt man im ersten Teil dieser Biographie zwar
sicher nicht alles, aber doch enorm viel über die Jugend des
Kings und den Beginn seiner Karriere (der zweite Teil der
Biographie, „Careless Love: The Unmaking of Elvis Pres¬
ley“ mit den Jahren von 1958biszuPresleysTod 1977 harrt
also noch der Umsetzung in ein Hörbuch), und wie bei
der von Peter Lohmeyer gelesenen Johnny Cash-Bio „Auf
Kurs“ (ebenfalls Bear Family) wird man schon nach kur¬
zer Zeit mitgerissen von der Geschichte. Ich bin alles ande¬
re als ein großer Elvis-Fan, weiß ihn eher als Pop-Phäno-
men zu schätzen als dass ich ihn devot verehre, doch nach
dieser Biographie empfindet man großen Respekt vor die¬
ser Ikone, erkennt seine Größe, gewinnt ein Gespür für die
Intensität seines Tuns, weiß, was für ein Getriebener, Be¬
sessener der aus kleinsten Verhältnissen stammende König
des Rock’n’Rolls war. Und wenn Bela B im „Klappentext“
schreibt „Peter Guralnicks Buch gab mir das Gefühl, Elvis
näher zu sein als ich es für möglich gehalten hatte. Es war
manchmal so, als stünde ich direkt neben ihm.", dann kann
ich das nur unterschreiben. Meisterlich! (10)
Joachim Hiller
VOLLPLAYBACKTHEATER
Blackbeard und das dunkle Geheimnis CD
Wanted/SPV | Hörspiele sind akustische Impulse, die die
Phantasie zu einem ganz persönlichen Kopfkino anregen.
Deshalb liebe ich gute Hörspiele. DAS VOLLPLAYBACK¬
THEATER ist seit zehn Jahren aktiv und interpretiert auf
Bühnen bekannte Hörspiele - allen vorab die berühmten
Drei ???. Im vergangenen Jahr gab es die erste eigene Hör¬
spielgeschichte mit dem Titel „El Diablo und die Rache am
Teufelsberg“ in Anlehnung an „Die drei ??? und der Teu¬
felsberg“. DAS VOLLPLAYBACKTHEATER bedient sich da¬
bei bekannter Geschichten und fügt einen eigenständigen-
Vorspann als Hinführung, Vorgeschichte zur eigentlichen
Geschichte hinzu. Mit diesem Konzept ging das VOLL¬
PLAYBACKTHEATER auch an das zweite Hörspiel „Black¬
beard und das dunkle Geheimnis“, das in Zusammenhang
mit „Die drei ??? und der Super-Papagei“ gebracht werden
kann. So ergänzen sich die Geschichten»des VOLLPLAY¬
BACKTHEATERS mit den bereits bekannten Hörspielen
der Drei ???. So viel sei zu guter Letzt noch zur Geschich¬
te verraten: „Sie schildert die genauen Umstände vom
schrecklichen Ende des Piratenkapitäns EdwardTeach, ge¬
meinhin bekannt unter dem Namen Blackbeard. Ich habe
das Geheimnis um Blackbeard und dieses Mädchenbildes
bis in meine letzten Tage aufbewahrt. Jedoch will ich der
Nachwelt dieses größte Geheimnis der Piraterie nicht vor¬
enthalten ...“ - Am liebsten höre ich derartige Geschichten
im Bett, auch wenn ich Gefahr laufe, dabei einzuschlafen.
Hörspiele, egal welcher Art finde ich, so spannend sie auch
sein mögen, extrem entspannend. Einfach klasse. (64:18)
Simon Brunner
PATTON OSWALT
Werewolves And Lollipops CD
subpop.com/ Cargo | „Ich wusste nicht, dass man um das
Selbstverständliche bitten muss.“ „Fall tot um!“ „Wir se¬
hen uns in der Hölle!“ „Hier stinkt es ganz ekelhaft nach
Urin. Kümmere dich mal
drum, ja?“ Machen wir
uns nichts vor: Die meis¬
ten Sätze, die hier in der
Redaktion gesprochen
werden, sind Zitate aus
der amerikanischen Sit¬
com „King Of Queens“.
Zumindest wenn And¬
re und ich uns unter¬
halten. Es war also nicht
weiter außergewöhn¬
lich, dass wir mit einem
genau so erschrockenen
wie erregten „Was zur Hölle ist das?!“ reagierten, als ei¬
nes Morgens eine CD eines Mannes namens Patton Oswalt
hier ankam, der genauso aussah, wie der liebevolle Nerd,
der in unserer Welt eigentlich nur Spencer Olchin heißt
und meist „Spence“ gerufen wird. Als Fanboys, die es tat¬
sächlich fertig bringen, bei „Futurama“ zu weinen, wenn
in der einen Folge Frys Hund stirbt, brauchten wir natür¬
lich eine ganze Weile, um uns an den Gedanken zu gewöh¬
nen, dass es diesen Spence gar nicht wirklich gibt, sondern
er nur von einem Stand-Up-Comedian gespielt wird, der
mit „WerewolvesAnd Lollipops“ jetzt einen Mitschnitt sei¬
nes Bühnenprogramms veröffentlicht. Doch spätestens als
Oswalt mit Bekenntnissen wie „My geekiness is getting in
the way of my nerdiness as I grow older“ unmissverständ¬
lich signalisierte, dass in ihm auch ein kleiner „Spencena-
tor“ steckt, waren wir mit der Realität versöhnt. Und viel¬
leicht ist Oswalt ja sogar ein kleines bisschen cooler als der
unter Übergewicht, Asthma und diversen Allergien leiden¬
de Spence. Schließlich mag er FUGAZI, MINOR THRE-
AT, BAD BRAINS oder PIXIES. Oder ist mit anderen Co-
medians durch Indie-Rock-Venues getingelt, anstatt durch
die überteuerten Comedy-Clubs zu touren. Oder hat eine
Split-Seven-Inch mit den MELVINS veröffentlicht. Und er
ist vor allem weniger zurückhaltend als Spence. Egal ob es
nun um George W. Bush („If the Standard for impeachment
is covering up getting a blow r job (...) than shouldn’t Bush
been executed at this point? He should have been just be-
aten to death on the lawn of the White House.“) oder um
Paris Hilton („She’s a cunt who should die of AIDS.“) geht.
Der Dialog, der bei „King Of Queens“ zwischen Spence und
dem sechsjährigen Sohn eines Freundes stattfindet und be¬
stimmt auch schon einmal im Ox-Büro zitiert wurde, be¬
sitzt also vielleicht auch im Leben von Oswalt Patton Gül¬
tigkeit: „Spencenator, bist du der stärkste Mann der Welt?“
- „Na ja, die Welt ist verdammt groß. Aber möglich wär’s.“
Thomas Renz
OX-FANZINE 97
VON UNPOLITISCHEM Ol! ZU GERMANOPHOBEM ELEKTROPOP
ÄUDIOLITH RECORDS
Da muss ich mir von Joachim, der alten Wave-Tucke, doch tatsächlich anhören, dass ich meinen Mu¬
sikgeschmack öfter wechsle als meine Unterhosen und inzwischen ja nur noch schlechten deutschen
Dancefloor hören würde. Fakt ist, dass ich früher meinen Musikgeschmack änderte und verbohrt war,
während ich heute einfach meinen Horizont erweitere und Musik aussortiert wird, die ich für schlecht er¬
achte. Wäre das nicht so, hätte ich das Label Audiolith Records niemals kennen gelernt. Besitzer Lars
Lewerenz startete seine Karriere in diversen Punkbands und bringt jetzt Platten mit Pop- und elektroni¬
scher Musik heraus, die mich immer wieder begeistern. Ein Grund, euch den 1977 in Henstedt-Ulzburg
geborenen und nun in Hamburg-Bahrenfeld ansässigen Labelbetreiber mal vorzustellen und ihn über t
Vergangenheit und Zukunft auszuquetschen.
Du hast in den Neunzigern bei einigen Punk- und
Hardcore-Bands gespielt. Welche waren das genau?
Mein Vater hat mir eine E-Gitarre gekauft, da ich mich
geweigert habe, an der verlogenen Veranstaltung namens
Konfirmationsunterricht teilzunehmen. Mein Vater, selbst
in diversen Rockbands an der Gitarre tätig gewesen, fand
das gut und schenkte mir eine rote Yamaha und ein paar
Unterrichtsstunden bei einem alkoholabhängigen Gitar¬
renlehrer, der mir eher Bossanova beibringen wollte, mir
aber auch die ersten Powerchords zeigte. Der dicke Ver¬
stärker war auch schnell am Start und die erste Band fing
im Juz Bad Bramstedt an zu proben. Hier chronologisch
die Bands in denen ich gespielt habe: SMEGMA, MARKER
X SYNDROME, HUMAN STENCH BOMB, LINSAY, KIND-
LE, FUCK YOU - in den USA mit Steve Aoki.
Direkt mal zu SMEGMA, da gab es mal die Nachricht,
dass ihr bei einem Konzert „Immer in die Eier“ von
ENDSTUFE gecovert hättet, was vielen Leuten natür¬
lich übelst aufgestoßen ist. Das ist natürlich lange her,
aber was war denn wahr daran?
Das ist nicht nur einigen Leuten übel aufgestoßen. Es gab
direkt eine Schlägerei, an der auch Freunde von uns be¬
teiligt waren. Das Konzert fand 1992 in Wattenscheid im
Bahnhof mit einer befreundeten Punkband namens LA
CRY statt. ENDSTUFE zu covern war schon damals nicht
das Taktvollste und das wussten wir auch; ich war 15, wir
waren naiv und wir wollten provozieren. Das ist uns ge¬
lungen und hallt bis heute nach. Allerdings möchte ich
hier feststellen, dass es ein spontaner, alkoholisierter Ein¬
fall war, der einfach das betrunkene Gegröle von Kon¬
zertbesuchern aufgriff. Versuche, SMEGMA damit in die
rechte Ecke zu drängen, entbehrten jeglicher Grundlage.
Viel bemerkenswerter als diese pubertäre Episode finde
ich, dass sich 15 Jahre später Leute an die Band SMEG¬
MA erinnern und ich nach einem CLICKCLICKDECKER-
Konzert mit einem 15-jährigem Skinhead ins Gespräch
kommen kann, der mir aus dem Stehgreif: „Oi! Oi! Skin¬
head wir halten zusammen. Oi! Oi! Punk Politik macht
uns krank“ vorsingt. Für alle, die SMEGMA nicht ken¬
nen: Checkt die Singles: „Gewalt, Hass und Wut“, „Dis¬
coqueen“ und das Album „Schrammel Oi!“ auf Scum-
fuck aus. Das ist der „Skins & Punks united“-Soundtrack
der Neunziger!
Wann kam denn der Punkt, an dem Punk für dich mu¬
sikalisch nicht mehr so interessant war?
Ich bin mit Punk sozialisiert worden und hab mich auch
nie vom Punk abgewendet. Es gibt keinen Einschnitt, an
dem mein Interesse gewichen ist. Meine generelle Neu¬
gier auf Musik hat dann Punkmusik überlagert und ich
hab angefangen, mich für Hardcore und so weiter zu in¬
teressieren. Heute höre ich wahnsinnig gerne elektroni¬
sche Musik wie zum Beispiel Drum’n’Bass. Ich mag im¬
mer noch gerne Punk, solange er nicht andere Einflüsse
aussperrt. Jede Musikrichtung hat ihre spezielle Energie,
die ich mal mehr, mal weniger aufsauge.
Stelle mal deine Lieblingsacts deines Labels vor und
welche könnten denn auch verbitterten Alt-Punkern
Zusagen?
Lieblingsacts gibt es bei mir nicht. Ich find alles geil!
THE DANCE INC., JURI GAGARIN, DOS STILETTOS, IN-
NAWAY, Plemo, FIRESTARTER, RÄUBERHÖHLE, EGO-
TRONIC, AOSUKE, Miki Mikron, SAALSCHUTZ, CLICK¬
CLICKDECKER, BRATZE, DER TANTE RENATE. Haut
mich was um, bring ich es raus. Das ist mein Leid, aber
auch mein Vorteil. Ich stehe hinter dem Sound und den
Leuten, die ich meine Freunde schimpfe. Jeder Act ist in
seinem Dasein einzigartig. Vergleichen kann man den ei¬
nem nicht mit dem anderen. Vielleicht mag es sich für
verbitterte Alt-Punker alles gleich anhören, da kann ich
nur in SAALSCHUTZens Worte sagen: „Das ist nicht mein
Problem!“ Muss aber feststellen, dass ich in letzter Zeit
viele Leute, die schon lange im Punk-Business sind, tref¬
fe und die sich für den elektronischen Sound der Audio-
lith-Bands interessieren.
Du veröffentlichst ja auf Vinyl, CD und neuerdings
auch e-Singles, das heißt, du verkaufst ZIP-Ordner mit
mp3s, die es in keinem anderen Format gibt. Wie kam
es zu letztem Schritt, ist das als Joke und technische
Spielerei gedacht oder siehst du für dich darin das Me¬
dium der Zukunft?
Solange Menschen Vinyl und CDs kaufen werden, wer¬
de ich diese Formate in Zusammenarbeit mit den Künst¬
lern und Bands hersteilen. Das Album als Endprodukt
mit Cover, Texten und so weiter in jeglicher Ausführung
wird immer für Menschen attraktiv bleiben. Daran glau¬
be ich fest, aber es wäre ein Todesurteil für jedes Label
und Künstler, sich die Technik nicht zunutze zu machen.
Ich meine, wie geil ist das, wenn Leute aus Japan oder
sonst woher die mp3s ziehen können und auf den Sound
flashen können? Audiolith Records ist kein multinationa¬
ler Konzern, der global den psychischen Tonträger anbie¬
tet. Audiolith Records funktioniert in einem Netzwerk,
das sich stetig vergrößert, somit ist mein Medium der Zu¬
kunft das Label, und die Menschen.
Manche Leute würden deine Bands teilweise als „tras-
hig“ bezeichnen, da viel Humor dabei ist und mit Kli¬
schees gespielt wird. Siehst du das genauso?
Humor und Trash ist natürlich Teil der Musik und der
Bands. Jeder Konzertbesucher sieht das Endergebnis ei¬
nes mitunter langen Arbeitsprozesses. Sich als Konsu¬
ment vor die Bühne zu stellen und darüber zu richten,
ist eine denkbar komfortable Position. Für mich ist of¬
fensichtlich, dass hinter manchem Track und dem Büh¬
nenprozess viel Auseinandersetzung mit der Musik und
dem eigenen Schaffen verborgen liegt. Wenn das dem
Zuschauer Spaß macht, was das Feedback des Publi¬
kums immer wieder beweist; umso besser. Jeder könn¬
te ein schwarzes Quadrat malen, aber nur einer hat es
getan. So ist jeder Audiolith-Künstler manchmal trashig
und manchmal klischeehaft, aber auf jeden Fall einzig¬
artig und Meister seines selbst geschaffenen Faches. Die
Frage, die sich für mich stellt: Wer macht überhaupt die¬
se Zuschreibungen? Ich persönlich bin eher gelang weilt
von diesem Rockstarmuckerscheiss, den einige Bands da
draußen abziehen.
Inwiefern kannst du dich immer mit der politischen
Meinung deiner Künstler identifizieren? EGOTRONIC
zum Beispiel werden aufgrund ihrer anti-deutschen
Gesinnung nicht überall positiv angenommen und
sorgten für Diskussionen und Gig-Absagen.
Es gibt keinen Konformitätszwang politischer Art inner¬
halb des Labels. Es gibt sicherlich Meinungen, die ich
nicht akzeptieren werde und die zur Aufgabe der Zusam¬
menarbeit führen würden. Ich sehe aber bei keinem mei¬
ner Künstler die Gefahr, dass er in solche Sphären abglei¬
tet, und das, was einige als anti-deutsche Gesinnung auf¬
fassen, halte ich für eine notwendige, kritische Auseinan¬
dersetzung mit der Welt, deren Form mich als Labelma¬
cher nichts angeht.
Du bist ja bei CLICKCLICKDECKER der Live-Bassist.
Du bist also nicht der Knöpfchenschrauber geworden,
sondern immer noch bei analogen Sounds geblieben.
Warum?
Ich so zu Kevin: „Wenn du mal einen Bassisten für deine
Live-Band brauchst, lass es mich wissen. Ich wäre gerne
dabei“. Er war einfach so cool und hat mich in die Band
geholt. So einfach ist das. Hat nichts damit zu tun, dass
ich unbedingt analog Musik machen wollte. Ich hab mit
meiner Groovebox einen Track für die Stallone-Compi¬
lation von Cobretti Enterprises geschraubt. Ich finde es
wahnsinnig interessant, was auf digitaler Ebene mög¬
lich ist, und ehrlich gesagt, ist es mir egal, ob Musik nun
analog oder digital hergestellt wurde. Hauptsache, es be¬
rührt mich auf irgendeine Art und Weise.
Was beeinflusst dich heutzutage in deinem kreativen
Output, welche unbekannten Projekte und Künstler
möchtest du uns noch ans Herz legen?
Je mehr ich in diesen Veröffentlichungsdschungel ein¬
dringe, desto mehr fange ich an zu verstehen, wie der
Apparat funktioniert, desto mehr inspiriert mich die ab¬
surde Produktplatzierung der Majorfirmen. Ich lerne aus
Fehlern, die ich selbst oder andere gemacht haben. Der
Austausch mit den Menschen, die mich umgeben, ist ein
ausschlaggebender Punkt, um die Zukunft zu.gestalten.
Am Anfang hab ich Platten gepresst und bei Eintreffen
des Materials war Veröffentlichungstermin. Heute bedin¬
gen meine Situation und die der Bands, dass wir mehr
denn je an einem Strang ziehen müssen, versuchen, best¬
möglich zu koordinieren, um auf allen Ebenen am Start
zu sein. Audiolith veröffentlicht im Frühjahr drei Alben
von Künstlern, die von Anfang an dabei sind. Plemo hat
im März mit seinem zweitem Album „Exzess Express“
ein abwechslungsreiches ElektroPopRave-Album abgelie¬
fert. DER TANTE RENATE kam mit dem Zweitwerk „Sim¬
plex“ im April auf dem Rave-Olymp geritten. Die Band
um Jan Elbeshausen, THE DANCE INC., die musikalische
Initialzündung für Audiolith Records, kommt im Mai mit
ihrem Debütalbum „Legs And Arms“ raus. Diese drei Al¬
ben sind jeden Menschen, der von sich sagt, er mag Mu¬
sik, von meiner Seite aus an Herz und Ohr gelegt. Und
für den Herbst sind neue Albumveröffentlichungen von
EGOTRONIC und BRATZE geplant.
Timbo Jones audiolith.net
OX-FANZINE 98
!M MAUL DES WOLFES
MURDER BY DEATH
Mit der Musik von MURDER BY DEATH verhält es sich ähnlich wie mit ihrem Namen. Zunächst hält man
das Ganze vielleicht für übertrieben grimmig und pathetisch, aber bald darauf erkennt man, dass hier ein
doppelter Boden im Spiel ist. Benannt haben sie sich nach einer Kriminalfilmparodie von 1976, und ihr
Metier ist verschrobener Indierock, den neben Country-Einflüssen und dem Einsatz eines Cellos vor al¬
lem auszeichnet, wie perfekt Musik und Texte ineinander greifen. Sicher handeln die meisten ihrer Lieder
von wenig lebensfrohen Themen, aber es geht hier nicht um die Pflege eines möglichst düsteren Images,
sondern um das Erzählen von atmosphärisch dichten, unterhaltsamen (Grusel-)Geschichten. An einem
der ersten schönen Tage des Jahres saß mir vor dem Kölner Gebäude 9 Adam Turla gegenüber, der ganz
und gar nicht finstere Kopf der Band ...
Ihr seid zum ersten Mal in Deutschland, oder?
Ja, innerhalb von Europa waren wir bisher ausschließlich
in England. Gestern hatten wir unsere erste Deutschland-
Show in Bremen für eine Radiosendung in einer Konzert¬
halle. Das war ziemlich schick - bestuhlt, ausverkauft und
vor vielen Leuten unterschiedlichen Alters. Von der Atmos¬
phäre her ähnelte es eher einem klassischen Konzert als ei¬
ner Rockshow. Wir haben dann ein Set aus unseren langsa¬
meren Liedern gespielt; heute Abend wird es etwas mehr
Rock’n’Roll geben. Uns gefällt es in Europa bisher sehr gut,
da es so viele historische Orte gibt, die wir besichtigen
können, wenn wir etwas Freizeit haben. Wir sprechen in¬
nerhalb der Band auch einige Sprachen, so dass wir bisher
keine Probleme damit hatten, uns zu verständigen.
Euer neues Album trägt mit „In Bocca Al Lupo“ ja nun
auch einen italienischen Namen und es gibt eine ältere
Platte von euch, die „Konrad Friedrich Willhelm Zim¬
mer“ heißt. Wer ist das denn?
Es ist ziemlich lustig, dass du ausgerechnet darauf zu spre¬
chen kommst. Das war damals nur eine kleine Split-CD mit
einer befreundeten Band. Allerdings wird der Besitzer des
Labels, auf dem die Scheibe damals erschienen ist, heu¬
te Abend auch auf das Konzert kommen. Konrad Friedrich
Willhelm Zimmer war sein Großvater und er ist auch der
Mann, der auf dem Cover der Platte zu sehen. Er ist leider
während der Aufnahmen verstorben, weswegen wir ihm
dann die Platte gewidmet haben. Besagter Freund hat sein
Haus geerbt und dort wohnt er jetzt, keine 45 Minuten von
hier. Konrad Zimmer war Tierpräparator und so wird unser
Freund nachher ein paar ausgestopfte Tiere als zusätzliche
Dekoration für die Bühne mitbringen.
Wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist „In Boc¬
ca Al Lupo“ in Eigenregie erschienen; trotzdem seid ihr
auf der Suche nach einem neuen Label.
Es war gar nicht so richtig unser eigenes Label, auf dem
die Platte erschien. Warner Brothers hat uns die nötigen
Mittel zur Verfügung gestellt, um die Platte auf diese Wei¬
se herauszubringen. Es war ein Experiment, das von An¬
fang an nur für dieses eine Album geplant war. Wir wollten
etwas Neues ausprobieren und alles nach unseren eigenen
Vorstellungen angehen. Außerdem waren wir von keiner
der anderen Optionen, die sich uns damals boten, wirk¬
lich begeistert. Vieles hat sehr gut funktioniert, aber ande¬
res war auch anstrengend. Diesmal wird das sehr viel ein¬
facher, nachdem sich gleich mehrere sympathische Labels
interessiert zeigen.
Was habt ihr anders gemacht als bei den Vorgängern?
Aufgenommen haben wir diesmal in Baltimore mit J Rob-
bins als Produzent, der auch schon mit Bands wie JETS TO
BRAZIL und AGAINST ME! gearbeitet hat. Er ist wirklich
großartig. Nach den Aufnahmen bestand er darauf, nur als
Koproduzent aufgeführt zu werden, weil er unsere eige¬
nen Ideen und Anstrengungen würdigen wollte. Auch in¬
haltlich sind wir etwas anders vorgegangen. Das letzte Al¬
bum „WhoWill Survive, And What Will Be Left OfThem?“
war ein klassisches Konzeptalbum mit einer durchgehen¬
den Story. Es ging um den Teufel, der in einer Barschie¬
ßerei in einem mexikanischen Städtchen niedergeschossen
wird und sich dann bitter rächt. Das neue Album „In Boc¬
ca Al Lupo“ dagegen enthält zwölf Songs mit jeweils völlig
unterschiedlichen Geschichten und Protagonisten, die al¬
lerdings alle um die Themen „Sünde“ und „Moral“ krei¬
sen. Es gibt also keine verbindende Story, dafür aber ein ge¬
meinsames Thema.
Beim letzten Album ging es also um den Teufel und bei
diesem um „Sünde“. Du scheinst ein Faible für religiö¬
se Motive zu haben...
Stimmt! Ich habe früher Religionswissenschaft und Eng¬
lisch studiert, so lag es nahe, beides zu kombinieren, in¬
dem ich mich für meine Geschichten bei Bildern aus dem
Bereich der Religion bediene. Ich schreibe gerne Myste¬
riöses und Phantastisches, dafür stellt etwas, das so durch
und durch irrational ist wie Religion, eine gute Inspirati¬
onsquelle dar.
Dann bist du also nicht religiös?
Ich lese zwar viele religiöse Texte und bin sehr interessiert
an der Materie, aber ich bin nicht gläubig. Je mehr du dich
mit den unterschiedlichen Religionen wissenschaftlich be¬
schäftigst, desto idiotischer kommt es dir vor, eine davon
tatsächlich zu praktizieren.
Versucht ihr eigentlich auch live umzusetzen, dass viele
eurer Songs miteinander verknüpft sind?
Als „WhoWill Survive ...“ herauskam, haben wir auf Kon¬
zerten das Album von Anfang bis Ende durchgespielt und
dann die älteren Songs als Zugaben beziehungsweise als
ein zweites Set. Mit dem neuen Album variieren wir häu¬
figer. Trotzdem verwenden wir viel Zeit darauf, eine aus¬
gewogene Abfolge der Songs zu finden. Wir spielen klei¬
ne Folgen zusammenpassender Songs und versuchen so
die Stimmung im Publikum erst in die eine, dann wieder
in eine andere Richtung zu beeinflussen. Manchmal geht
man auf ein Konzert und langweilt sich, weil alles zu sehr
in die gleiche Kerbe schlägt, das wollen wir auf jeden Fall
vermeiden. *
Hast du nie das Bedürfnis, über etwas zu schreiben, das
mehr mit deiner Lebensrealität zu tun hat?
Nein, eigentlich nicht, aber ein paar der Songs haben mehr
mit meinem eigenen Leben zu tun, als man vielleicht den¬
ken würde. Ich kann nicht viel mit Songwritern anfan¬
gen, die den lieben langen Tag von sich selbst erzählen.
Für manche mag das ja ganz gut funktionieren, aber ich
persönlich bin einfach nicht so veranlagt. Ich interessie¬
re mich für Literatur und finde es wesentlich spannender,
ausgedachte Geschichten zu erzählen, schon allein, weil es
seltener gemacht wird.
Welche Art von Literatur interessiert dich denn?
Mein Lieblingsautor ist wohl Gabriel Garcia Märquez. Lei¬
der spreche ich kein Spanisch, ich würde seine Bücher ger¬
ne im Original lesen können. Er schreibt in einem Stil,
der sich „magischer Realismus“ nennt und sich dadurch
auszeichnet, dass er phantastische Elemente in ansonsten
sehr alltagsnahe Geschichten einbindet. Märquez ist si¬
cher ein großer Einfluss. Von den englischsprachigen Lite¬
raten sind mir Ernest Hemingway und John Steinbeck am
liebsten. Was ich an Hemingway mag, ist, dass es in seinen
Geschichten weder einen richtigen Anfang noch ein Ende
gibt, er versetzt dich einfach in eine bestimmte Situation,
das hat mich ebenfalls sehr geprägt.
Erzähl doch bitte etwas über die Anfänge der Band.
Die waren ziemlich unspektakulär. Wir haben einfach bei
einem gemeinsamen Besäufnis festgestellt, dass jeder von
uns ein Instrument spielt. Wenig später spielten wir bei
einem unserer ersten Auftritte in einem anarchistischen
Buchladen zusammen mitTHURSDAY vor etwa 20 Leuten.
Nach der Show fragten uns THURSDAY, ob wir nicht eine
Platte auf ihrem Label herausbringen möchten, aber wir
sagten ihnen, dass wir einfach noch nicht genügend Songs
hätten. Sechs Monate später waren THURSDAY plötzlich *
riesig, was für uns sehr überraschend kam. Diese Art von
Musik war bei uns in Indiana nicht sehr populär und ist es
auch heute noch nicht wirklich. Jedenfalls gaben sie uns
das Geld für unsere erste Platte und verhalfen uns zu etwas
Aufmerksamkeit. Wir begannen uns als eine richtige Band
zu fühlen und beschlossen, das Studium für eine Weile ru¬
hen zu lassen. Ursprünglich wollten wir damals alle noch
seriöse Jobs ergreifen. Das ist jetzt fünf, sechs Jahre her und
wir haben seither nichts anderes mehr gemacht. Wir sind
nicht überragend erfolgreich, aber nachdem wir ständig
auf Tour sind, reicht es, um davon leben zu können.
Wie war das, als ihr euch ganz am Anfang auf ein grobes
Konzept für die Band einigen musstet?
Wir haben alle ganz unterschiedliche Geschmäcker und
haben uns eigentlich gar keine Gedanken darüber ge¬
macht; wir hatten einfach Spaß daran, zusammen Musik zu
machen. Vielleicht ist die Band aber auch gerade deswegen
etwas Einzigartiges. Unsere Cellistin Sarah hört hauptsäch¬
lich klassische Musik, Soul und Rock’n’Roll. Matt, der Bas¬
sist, steht auf MOGWAI, GODSPEEDYOU! BLACK EMPER-
OR und EXPLOSIONS IN THE SKY. Ich dagegen mag Tom
Waits, die ANMIALS und ebenfalls sehr gerne Soul.
Dafür klingt eure Musik aber sehr stimmig...
Wir haben eine Weile gebraucht, um dahin zu kommen,
wo wir jetzt sind. Das allererste Album klang noch ganz an¬
ders, viel weniger einheitlich. Wir hatten ja nicht geplant,
eine Platte aufzunehmen. Wir hatten neun Songs zu dem
Zeitpunkt und sind dann eben mit denen ins Studio. Aber
es gibt Leute, die das Album trotzdem gut finden ...
Kommt ihr denn generell gut an zu Hause in Indiana?
Wir leben ja in Bloomington, einer sehr kleinen, aber auch
sehr trendbewussten Studenten-Stadt. Die Leute da ste¬
hen hauptsächlich auf obskuren Indierock und ausgewähl¬
te Americana-Bands. Für den vorherrschenden Geschmack
dort sind wir wohl etwas zu düster und ich glaube, die
meisten würden uns nicht unbedingt zu den „coolen
Kids“ rechnen. Aber unsere Konzerte in der Heimat sind
immer sehr schön und irgendwie sind die meisten wohl
auch stolz, dass wir Bloomington ein wenig in der Welt
bekannt machen.
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OX-FANZINE 99
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13.06. D DÜSSELDORF /ZAKK
14.06. D BOCHUM/BahnhofLangendreer
15.06. D KÖLN / Underground
16.06. CH INTERLAKEN / Greenfield Festival
18.06. D BERLIN / SO36
19.06. D GÖTTINGEN / Musa
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21.06. D ERLANGEN / E-Werk
22.06. D MÜNCHEN / Muffathalle
23.06. D NEUHAUSEN OB ECK / Southside Festival
24.06. D SCHEESSEL/Hurricane Festival
More Info: www.velapuerca.com
www.rockybeachclub.com
Coverbands ist die Zukunft! - by Dat Evelyn
Wie alle guten Coverbands, haben wir unseren Webmaster zur Schulung geschickt. Bewundert die neue Homepage! Ja - das Plattencover wird genau so!!! Platte zur Homepage kommt auch.. Müssen wir aber
erstmal aufnehmen! Smily Smily !!! Punkt Punkt Punkt. * . . . . - . . ,
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üJül^JiJjiJ^J jdjdüJ_ü.£jj<J-LLsJ jsJjlI—I_sJ_lJ_üJ_sJ_iJ_ 2J
BILLY TALENT haben sich mittlerweile von einer ehemaligen Supportband der BEATSTEAKS zu wah¬
ren Rockgrößen gemausert, haben dieses Jahr zwei Echos gewonnen und spielen in den richtig großen
Hallen. Das alles allein in der Zeit zwischen ihrem ersten und ihrem zweiten Album, wohlgemerkt. Sind
BILLY TALENT also jetzt, nach dem überragenden Erfolg ihres zweiten Albums, „Billy Talent II“ zu total
abgehobenen Superstars mutiert? Ich habe im Interview mit Sänger Ben und Drummer Aaron versucht,
das herauszufinden ...
Warum seid ihr schon wieder in Deutschland auf
Tour? Ihr wart ja vor fünf Monaten erst hier ...
Ben: Wir lieben Deutschland! Wir waren gerade in Kana¬
da auf Tour, jetzt sind wir in Europa unterwegs, nicht nur
in Deutschland, wir waren für ein Konzert in England,
wir haben in Österreich gespielt, wir hatten drei Shows
in Frankreich, außerdem in Dänemark, Schweden, Spani¬
en und jetzt sind wir noch einmal nach Deutschland zu¬
rückgekommen und dann geht es nach Amerika. Wir wa¬
ren also drei Monate in ganz Europa unterwegs.
Wie habt ihr so ein großartiges Album hinbekom¬
men?
Ben: Haha. Danke. Ians Songwriter-Begabung hat sich
verbessert, unsere musikalischen Fähigkeiten haben sich
verbessert und wir haben uns einfach den Arsch aufge¬
rissen. Wir haben jeden Tag viele Stunden daran gear¬
beitet, es zu dem besten Album zu machen, das wir ma¬
chen konnten. Wir haben unser Bestes gegeben und freu¬
en uns, dass es den Leuten gefällt, denn darum geht es.
Was denkt ihr, warum seid ihr schon mit eurem ersten
Album so bekannt geworden?
Ben: Ich hab keine Ahnung. Wir verstehen eigentlich
überhaupt nicht, was gerade los ist, wir schätzen es aber
sehr und versuchen, es solange zu genießen, wie es dau¬
ert.
Aaron: Ich denke, es liegt an der unglaublichen Präsenz
und dem scharfen Verstand unseres Bassisten Jon. Das ha¬
ben wir alles nur ihm zu verdanken.
Wer hat euch damals eigentlich entdeckt?
Ben: Jenn Hurst, ein Mädel, das für Warner Music in Ka¬
nada arbeitete und mit mir zusammen gewohnt hat. Sie
war die Erste, die je an uns geglaubt hat. Und ich habe nie
mit ihr geschlafen. Niemals. Nicht, dass die Leute nach¬
her denken, ich hätte mich hochgeschlafen ...
Man hört eurer Musik an, dass ihr Punkrock/Hardco-
re-Einflüsse habt. Stimmt das und inwiefern ist euch
das heute noch wichtig?
Ben: Wir lieben definitiv viele Punkbands und wir mö¬
gen viele Elemente des Hardcore. Aber andererseits mö¬
gen wir auch Reggae und HipHop und klassischen Rock.
Wir sind von so vielen verschiedenen Musikstilen beein¬
flusst worden, so dass es schwierig ist, zu sagen, dass wir
nur eine Punkrock- oder Hardcore-Band sind. Ich denke,
wir sind in erster Linie eine Rockband, die HipHop, Reg¬
gae und Punkrock wirklich sehr liebt.
Was ist euer Lieblings Punk- oder Hardcore-Album?
Aaron: „The Shape Of Punk To Come“ von REFUSED ist
etwas ganz Besonderes. „White Pony“ von den DEFTO-
NES ist mein Lieblingsalbum.
Ben: Punkrock? Mein Lieblings-Punkrock-Album? Ich
würde sagen „London Calling“ von THE CLASH, wenn
das Punkrock ist. Und mein liebstes Hardcore-Album ist
... ich würde sagen REFUSED, aber ist das Hardcore? Ist
das Punkrock? „The Shape Of Punk To Come“. Oder das
erste Album von RAGE AGAINST THE MACHINE.
In „Where is the line“ singst du: „Where is the line bet-
ween your fashion and your mind“. Geht es hier um
Modepunker? Und: denkst du nicht, dass solch ein
Trend auch euch geholfen hat, berühmt zu werden?
Ben: Es geht in dem Song nicht um Modepunker, son¬
dern um ein Magazin in Toronto, das uns niemals unter¬
stützt hat, und über die Leute, für die dieses Magazin wie
eine Bibel ist. Ich mag Mode, man sollte nur in einer be¬
stimmten Szene die Mode nicht Überhand nehmen lassen
und dabei vergessen, worum es eigentlich geht. Wenn du
ein Arschloch bist, ist es egal, was du anziehst. Ich höre
viele verschiedene Arten von Musik und mein Kleidungs¬
stil veranschaulicht nicht notwendigerweise, was für ein
Mensch ich bin.
Findest du, dass junge Leute leidenschaftlicher sein
und ihre Köpfe vielleicht für mehr als schicke Frisuren
gebrauchen sollten?
Ben: Ja, aber ich denke auch, dass es im Moment nicht
wirklich viel Inspirierendes gibt. Jugendliche haben kei¬
ne Vorbilder mehr. Es gibt keine großen Menschen, die
einen Weg aufzeigen.
Aaron: Es gibt keine Martin Luther Kings mehr.
Ben: Ja, es gibt keine Leute, die uns inspirieren und uns
zu etwas anspornen, die Jugend richtet sich mehr nach
innen und finden diese Kraft in sich selbst. Ich denke,
dass die Jugend heute so privilegiert ist, was den Zugang
zu Informationen betrifft, dass sie versuchen können,
sich selber zu erziehen und schon in einem jungen Alter
gute Menschen werden. Ich denke, das ist sehr wichtig.
Meinst du, dass sie ihre Möglichkeiten zu wenig nut¬
zen?
Ben: Ich denke, dass die Leute das vielleicht alles noch
nicht ganz begreifen. Vielleicht schätzt man das erst mit
dem Alter wirklich. Die Kids, die zu unseren Shows kom¬
men und mit denen wir manchmal nach der Show re¬
den, sind wirklich intelligente, gute Menschen. Und das
ist heutzutage wirklich wichtig.
Wie wart ihr, als ihr jung wart?
Ben: Das genaue Gegenteil!
Aaron: Ja, das stimmt. Ich bin nur mit meinem Fahrrad
rum gefahren und hab mit meinen Freunden Musik ge¬
macht. Ich hab mich eigentlich für nichts anderes inte¬
ressiert.
Ben: Ja, ich hab mich hauptsächlich für Mädchen und
Nicht-zur-Schule-gehen interessiert. Und in meiner Band
singen.
Aaron: Wenn du mein Sohn wärst, wäre ich so ent¬
täuscht ...
Ben, haben die anderen Mitglieder der Band ein Mit¬
spracherecht bei den Lyrics oder bestimmst du ganz al¬
leine, was du schreiben willst?
Ben: Aaron und Jon helfen mir oft dabei. Ich präsentie¬
re ihnen meine Ideen, rede mit ihnen darüber und dann
setze ich mich mit Ian hin und wir basteln die Songs zu¬
sammen. Im Grunde ist jeder an allem beteiligt.
Bist du schon mal mit einer Idee oder einem fertigen
Text um die Ecke gekommen, bei dem der Rest der
Band gesagt hat: Oh, Gott, nein!
Ben: Haha. Ja! Also, es ist dann mehr so, dass ich sage:
Hey, das ist doch cool! Und die anderen sagen: Nein, ist
es nicht! Und ich: Na gut ... Und dann lassen wir es.
Aaron: Wir setzen uns schon damit auseinander, aber
es ist nicht so, dass es irgendwas gibt, worüber wir Ben
nicht reden lassen würden. Es gibt zwar Sachen, die al¬
bern klingen, aber wenn sie wichtig sind, was sie eigent¬
lich immer sind ...
Ben, ich hab ein Interview mit dir auf der Homepage
von PETA2 gelesen. Findest du, dass es für eine Band
wichtig ist, politische beziehungsweise ethische Ver¬
antwortung zu übernehmen?
Ben: Ich denke nicht, dass es für jede Band zwingend
notwendig ist. Ich meine, manche Bands singen darü¬
ber, Party zu machdn und sich jeden Tag zu betrinken,
manche singen über politische Themen. Wir sind so in
der Mitte.
Ihr betrinkt euch jeden Tag und singt über Politik.
Ben: Haha, genau. Nein, aber man sollte über alles reden
können, über Politik, die Umwelt ... Im Grunde geht es
nur darum, ein guter Mensch zu sein, andere Menschen
mit Respekt zu behandeln und unsere Unterschiedlich¬
keiten zu schätzen und sich gegenseitig zuzuhören. Ich
denke, dass das sehr wichtig ist. Aber ich finde nicht, dass
es für jede Band notwendig ist, das muss jeder selbst ent¬
scheiden.
Wenn du also in einer Band wärst, die sich nicht öf¬
fentlich für solche Sachen einsetzen würde, würdest
du das als Privatperson tun?
Ben: Ich denke ... Ich dachte eigentlich immer, dass ich
mich mehr für die Gemeinschaft einsetzen und damit in
meiner Nachbarschaft anfangen sollte, aber ich hab so
wenig Zeit.
Was würdest du da machen wollen?
Ben: Oh, in meiner Nachbarschaft gibt es eine Organi¬
sation, die etwas dafür tut, dass sich die direkte Umge¬
bung, in der man lebt, verbessert. Sie unterstützen unse¬
ren kommunalen Abgeordneten und arbeiten, um Dinge
auf Bundesebene zu verändern. Da würde ich gerne mit¬
machen. Ja, ich denke, dass die Welt besser sein könn¬
te, wenn jeder ein bisschen weniger über sich selbst und
mehr über andere Menschen nachdenken würde.
Aaron: Ich denke, dass es sich immer lohnt, wenn man
sich für irgendwas einsetzt. Ich hab die letzten, mittler¬
weile anderthalb Jahre wirklich hart gearbeitet, um ei¬
nen Stipendiums-Fond für junge Leute mit MS aufzubau¬
en und vor einem Monat wurde er vorgestellt. Es ist ein
gutes Gefühl, der Gemeinschaft etwas zurückgeben zu
können.
Haben die Fans euch eigentlich dazu bewegt, „Wa-
toosh!“, das Album eurer Vorgängerband PEZZ, zu
rereleasen?
Aaron: Ja. Wir haben mitgekriegt, dass wirklich viele
Leute das Album hören wollten und wir haben uns ent¬
schlossen, es in Deutschland und auf unserer Website in
Kanada zu veröffentlichen. Es haut mich um, dass die
Leute das Album wirklich hören wollen. Etwas, das wir
vor fast acht Jahren aufgenommen haben. Es überrascht
uns, aber es ist ziemlich cool. Wir haben fünfhundert
gemacht, 420 verschenkt, vielleicht fünfzig verkauft und
dreißig verloren ...
Wie gefällt es den Fans?
Ben: Manche mögen es, andere verstehen es nicht wirk¬
lich. Das ist was ganz anderes als BILLY TALENT, es ent¬
hält viele verschiedene Musikstile. Wir wollten den Leu¬
ten zeigen, wie wir angefangen haben, so dass sie einen
Referenzpunkt haben. Wo unsere Musik einmal enden
wird, werden wir sehen.
Aaron: Manche Leute wünschen sich, dass wir Songs von
diesem Album live spielen, was wir nicht tun werden.
Aber die Leute wollen es hören.
Ben: Wir haben es nicht unter dem Namen BILLY TA¬
LENT veröffentlicht, weil es nicht wirklich BILLY TA¬
LENT ist, es sollte nicht zu viel Aufmerksamkeit auf die¬
ses Album gerichtet werden. Es ist ein Stück aus unserer
Vergangenheit, aber wir blicken jetzt in die Zukunft.
Ihr habt allerdings seitdem keinen Wechsel in der Be¬
setzung der Band gehabt.
Ben: Nein, niemals.
Wie stellt ihr euch die Zukunft vor?
Ben: Ich freu mich darauf, wieder ins Studio zu gehen
und das nächste Album aufzunehmen. Wir sind jetzt
noch fünf Monate mit diesem Album auf Tour, dann sind
wir fertig, wir waren dann für zehn Monate auf Tour. Ja,
ab ins Studio, Billy Talent III.
Das letzte Album ist ja gerade erst raus ...
Ben: Ja, lass uns ein Neues machen ... Wir fangen im Sep¬
tember an, dafür zu schreiben, und dann werden wir
weitersehen.
Nadine Maas billy-talent.de
OX-FANZINE 101
GANG GREEN/JERRY’ S KIDS
Boston ist bekannt für seine Vielzahl exzellenter Bands, die die Stadt im Laufe der Jahre hervorgebracht
hat. Eine ziemlich Berüchtigte ist mit Sicherheit GANG GREEN, die sich 1980 formierte, nach dem Re¬
lease ihrer ersten Single „Sold Out“ 1983 wieder auflösten und sich nach einem kurzen Gastspiel von
Sänger und Gitarrist Chris Doherty bei JERRY’S KIDS 1985 endgültig zusammenrauften, um ihre ganz
eigene Mischung aus Punk und Party der Welt nahe zu bringen. Drogen und Alkohol waren und sind,
neben einer nie endenden Adoleszenz, die wichtigsten Inspirationsquellen für die Band, die sich dem¬
nächst anschickt, ein neues Album einzuspielen. Keiner Wunder also, dass Chris Doherty sich mit den
Worten „Hallo, ich bin Chris. Willst du ein Bier?“ vorstellt. Und GANG GREEN würden ihrem Ruf nicht
alle Ehre machen, wenn es an diesem Samstagabend in der Lintfabrik in Belgien bei diesem einen Bier
geblieben wäre.
Kannst du etwas zu den Gründen sagen, warum die
erste Show dieser Tour in Schweinfurt ausfiel?
Tut mir Leid für alle, die uns in Schweinfurt sehen woll¬
ten, aber es gab auf der Reise gewisse Komplikationen.
Als wir die Flüge buchten, gab es keine direkte Verbin¬
dung mehr zwischen Boston und Frankfurt und so flo¬
gen wir über Detroit. Die Maschine war spät dran und
wir mussten in knapp zwanzig Minuten bei unserem
Gate sein, um den Anschlussflug nicht zu verpassen.
Nun ist aber Detroit ist die Eishockey-City schlechthin
in den USA, und auf dem Weg zum Gate sahen wir eine
Bar mit dem Namen „SlapShots“, benannt nach dem Film
mit Paul Newman, von dem auch die Bostoner Straight
Edge-Band SLAPSHOT ihren Namen hat. Obwohl wir
zeitgleich über Lautsprecher bereits ausgerufen wurden,
mussten wir da natürlich erst mal Station machen und ei¬
nen Kurzen trinken, die ich, ganz Businessman, mit mei¬
ner Kreditkarte bezahlte. Das war ein Fehler, denn ob¬
wohl wir den Flieger noch erreichten, kam, gerade als
wir uns hinsetzten, Flugbegleiter Bobbie auf mich zu und
meinte: „Sir, ein Mitglied der Crew hat einen auffälligen
Alkoholgeruch bei Ihnen feststellen können. Haben Sie
etwa schon getrunken?“ Ich gab reumütig zu, einen Te¬
quila getrunken zu haben und bekam als Antwort, dass es
als Konsequenz keinen Tropfen Alkohol mehr auf diesem
Flug geben würde. Genervt schaltete ich meinen porta¬
blen DVD-Player ein, was nicht die beste Idee war, wie
sich sogleich herausstellte, denn noch war es strengstens
verboten, elektronische Geräte an Bord zu benutzen, da
wir gerade erst abgeflogen waren. Bobbie war außer sich
und holte Verstärkung. Er und der Co-Pilot bliesen uns
gehörig den Marsch und drohten, den Flieger umgehend
zum Flughafen zurückzubringen, um uns wieder abzu¬
setzen. Schließlich dachten wir, wir hätten es geschafft,
aber nachdem wir Bobbie weiter drangsalierten, kam
plötzlich die Durchsage, dass das Flugzeug aus adminis¬
trativen Gründen nach Detroit zurückkehren müsse. Die
anderen Fluggäste waren außer sich und wir saßen dar¬
aufhin vierundzwanzig Stunden in Detroit fest. Gut, dass
wir noch einen Supermarkt auftrieben, der uns nachts
um eins noch Bier verkaufte!
Du hast eine Zeitlang auch bei JERRY’S KIDS Gitarre
gespielt, bist dann aber ausgestiegen und hast GANG
GREEN wieder ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?
Nachdem ich eine Weile für fast jede Band in Boston den
Gitarrenpart übernommen hatte, wollte ich etwas Eige¬
nes auf die Beine stellen. Ich schloss mich aber zunächst
DRUNKS AGAINST BAD MOTHERS an, wo ich Walter,
unseren jetzigen Drummer kennen lernte. Ihre Songs wa¬
ren alle schlecht. Bis auf „Alcohol“. Von dem existierte
bereits das allseits bekannte Riff, ein geeigneter Text fehl¬
te aber noch gänzlich. Eines Nachts saßen wir im Jum-
ping Jack Flash, einer Spelunke in Boston, und voll wie
wir waren, einigten wir uns kurzerhand auf den Namen
GANG GREEN und schmissen unseren Sänger raus. Alec
Peters, unser Manager und Promoter, hatte mich schon
lange davon überzeugen wollen, etwas auf die Beine zu
stellen. Zusammen mit ihm kam ich auch auf die Idee,
das Budweiser-Logo für GANG GREEN zu übernehmen,
als wir es in einer Bar auf einer Serviette entdeckten.
Aus eurer Vorliebe für Budweiser habt ihr nie einen
Hehl gemacht. Hat euch die Brauerei eigentlich jemals
Geld für eure Promotion gezahlt?
Es gab mal Gespräche mit Vertretern von Anheuser-
Busch, dem Mutterkonzern. Aber nein, Geld haben die
leider nie lockergemacht. Und dass, obwohl wir ihnen
jahrelang treu geblieben sind! Das soll sich jetzt aber än¬
dern, denn wir suchen gerade einen Biersponsor für die
A KID WILL HAVE HIS SAY
JERRY’S KIDS
JERRY’S KIDS waren einer der ersten HC-Outfits aus Boston überhaupt. Zusammen mit Bands wie SSD,
THE FREEZE oder GANG GREEN manifestierten sie Anfang der 80er einen Musikstil, der schon bald ty¬
pisch sein würde für die amerikanische Ostküste. Schnell, rauh und kompromisslos. Mit ihrem Album
„Is This My World?“, das 1983 als letztes Album überhaupt auf dem legendären Bostoner Label X-Claim
erschien, und auf dessen Cover übrigens, genau, Gitarrist Bob Cenci abgebildet ist, schufen JERRY’S
KIDS einen bis heute oft kopierten HC-Meilenstein. Grund genug, eben jenem Bob Cenci, der gerade
mit GANG GREEN ein Hand voll Shows in Europa spielte, Platz für einen persönlichen Rückblick auf die¬
se prägende Band einzuräumen. Vorhang auf. Hier nun die Geschichte von JERRY’S KIDS aus der Sicht
von Gitarrist Bob Cenci.
Ungefähr 1980 fingen Rick Jones, Chris Doherty und ich
an, Musik zu machen. Im Sommer des Jahres 81 spiel¬
ten wir dann die erste Show. Wir kommen alle aus Brain-
tree, einem kleinen Ort in Massachusetts. Unser primä¬
res Ziel war daher, eine Show in Boston, der nächstgrö¬
ßeren Stadt, zu spielen. Das war der Beginn von dem, was
später als Boston Hardcore bezeichnet werden sollte. An
der Westküste gaben zur gleichen Zeit BLACK FLAG und
CIRCLE JERKS ihre ersten Shows. Wir hörten damals aber
zunächst viel englische Musik, Bands wie G.B.H. oder DI¬
SCHARGE., die neben BLACK FLAG den wohl größten
Einfluss auf den JERRY’S KIDS-Sound hatten. Unser ur¬
sprünglicher Sänger Bryan, der Bruder von Rick Jones,
fiel während eines Showtumults so unglücklich von der
Bühne, dass er sich ein Bein brach, woraufhin Rick das
Mikro übernahm, da Bryans Eltern ihm kurzerhand ver¬
baten, in einer Punkband zu singen.
Nach den ersten Shows ging alles ziemlich schnell. Meist
spielten wir All-Ages-Konzerte, die nachmittags im Media
Workshop oder dem Gallery’s stattfanden. Es ging haupt¬
sächlich um Musik, Alkohol durfte so früh ja nicht aus¬
geschenkt werden. Straight Edge waren wir aber nicht.
Ich hatte bis dato auch noch nie davon gehört. Mir mach¬
ten diese kurzen Haare und der militante Skinhead-Look,
der sich damals in Boston ausbreitete, eher Angst. Einen
Dresscode kannten wir nicht. Wir trugen ganz normale
Turnschuhe und T-Shirts, das war’s. Bands wie SSD oder
NEGATIVE FX nahmen das Ganze da schon ernster.
In Boston gab und gibt es immer noch Newbury Comics,
einen Comicshop, der damals das Label Modern Method
ins Leben rief, um die aktuelle Bostoner Musikszene über
die Grenzen der Stadt hinaus bekannt zu machen. Ihr ers¬
tes Release war eine Single von der Band THE OUTLETS,
wo Walter, heute am Schlagzeug von GANG GREEN, mit¬
mischte, was aber eher in die Richtung Rock ging. Irgend¬
wann rief mich Chris Doherty, damals noch bei GANG
GREEN, an und spielte mir die erste BLACK FLAG-Sing-
le am Telefon vor. Nie hatten wir eine Band gehört, die
so schnell spielte! Das war unsere Herausforderung, denn
wir wollten noch schnellere Musik machen. So fing die
Rivalität zwischen Kalifornien und der Ostküste an, und
daher auch der Titel der Compilation „This Is Boston Not
L.A.“, deren Songs wir im Mai des Jahres 1982 einspiel¬
ten. Al Barile, Bassist bei SSD, war über diese Compilation
übrigens überhaupt nicht glücklich. Er hatte ein sehr ho¬
hes D.I.Y.-Ethos und wollte, dass die Bostoner Bands sich
komplett unabhängig darstellten. Einer Auffassung, der
ich bis heute großen Respekt zolle und der Grund, war¬
um er das Label X-Claim gründete, das eine Art Plattform
für Bostoner Untergrundmusik darstellen sollte. Er und
die Jungs von SSD waren der Zeit damals weit voraus. Sie
hatten bereits ein Album draußen und waren die treiben¬
de Kraft, zu der wir jüngeren Bands aufschauten.
GANG GREEN lösten sich dann irgendwann auf, als Mike
Dean, der Originaldrummer, sich bei den Marines mel¬
dete. Also heuerte Chris kurzerhand bei JERRY’S KIDS an
der Gitarre an. Vor unserem Debütalbum nahmen wir im
November des Jahres 1982 noch ein paar Sessions mit
dem Titel „Trained To Kill“ im Studio auf, die bis heu-
OX-FANZINE 102
GANG GREEN/JERRY’S KIDS/DEAD FISH
VON ALLEIN BEWEGT SICH NICHTS
DEAD FISH
Zum ersten Mal in ihrer fast 17-jährigen Bandgeschichte hat sich die brasilianische Band DEAD FISH auf
den Weg ins ferne Europa gemacht, um nicht nur für sich Werbung zu machen, sondern auch um auf die
politischen Missstände im eigenen Land hinzuweisen. Mit treibenden Punkrock-Riffs, die RISE AGAINST
nicht unähnlich sind, versuchen Alyand (Bass), Höspede (Gitarre), Nö (Schlagzeug), Philippe (Gitarre)
und Rodrigo (Gesang) nicht nur die Tanzbeine, sondern auch die Gedanken in Bewegung zu bringen. In
Brasilien schafft es die Band regelmäßig Stadien auszuverkaufen, wohingegen sie in der restlichen Welt
ein noch ziemlich unbeschriebenes Blatt sind. Vor ihrem Konzert in Berlin sprach ich mit Sänger Rodri¬
go, der schon als Anwalt gearbeitet hat (Schlagzeuger Nö praktizierte als Zahnarzt) vor allem über ein
Land, das politisch zerrüttet ist...
Band. Wer sich also angesprochen fühlt oder eine geeig¬
nete Brauerei kennt, kann sich gerne mit uns in Verbin¬
dung setzen.
Die ersten Singles erschienen dann bei Curtis Casellas
Label Taang! Wie habt ihr ihn kennen gelernt?
Eines Tages waren wir unterwegs zu einer Show und in
unserem Van saß dieser Typ, den eigentlich keiner richtig
kannte. Das sollte sich auf der Fahrt aber ändern, da sich
herausstellte, dass Curtis sowohl Ahnung von Musik als
auch von Auftrittsorten hatte. Curtis ist ein eher ruhiger
Typ, der immer in den Proberäumen rumhing und schon
damals eine riesige Plattensammlung hatte. Als ich das
erste Mal bei ihm zu Hause war, hatte er im Garten gera¬
de ein Extra-Häuschen nur für seine Schallplatten ange¬
baut! Ich habe nie verstanden, wie man so viel Geld und
Zeit in Vinyl investieren kann. Die logische Folge dieser
Sammelwut war dann, ein eigenes Label zu gründen, um
selber Platten herausbringen zu können. In den 90er Jah¬
ren zog er mit samt seinem Label und Store von Boston
nach San Diego, wo er bis heute wohnt. Er saß bis gestern
wie schon früher mit uns im Tourbus, musste aber eher
wieder zurückfliegen.
Ich habe euch 1989 zusammen mit DRI das erste Mal
gesehen. An dem Abend übernahm Spike Cassidy von
DRI das GANG GREEN-Mikro. Warum?
Das ist lange her, aber es muss die Show im Bochumer
Zwischenfall gewesen sein. Die Umstände waren etwas
traurig, denn ich flog am Tag der Show schon morgens
zurück nach Boston, da man mir mitgeteilt hatte, dass
mein Vater im Sterben lag. Es gibt jedoch Pläne für eine
Neuauflage einer gemeinsamen Europatour zusammen
mit DRI, da beide Bands dieses Jahr 25-jähriges Bestehen
feiern. Dazu wollen wir unseren alten Freund Springa,
ehemals Sänger bei SSD, mitbringen und ihm die Chance
geben, ein paar SSD-Songs live zu präsentieren. Ich weiß
zwar noch nicht, wie ich es vier Wochen mit ihm in ei¬
nem Bus aushalten soll, aber die Idee gibt es. Springa hat¬
te vor ein paar Jahren einen schweren Unfall, wovon er
sich nie ganz erholt hat. Wir wollen ihm mit dieser Geste
etwas zurückgeben, da er uns über die Jahre immer ein
guter Freund gewesen ist.
Springa ist auch in der Dokumentation „American
Hardcore“ zu sehen. Wie findest du den Film?
Wir und THE FREEZE wurden eingeladen, auf der Pre¬
miere in Boston aufzutreten und machten zusammen
mit Springa und Curtis auch ein bisschen Radiopromo¬
tion. Mann, da lag doch tatsächlich ein roter Teppich
vorm Kino, nur für uns Bands! Der Film ist wirklich gut
geworden. Mir persönlich kommt ein bisschen zu viel
BAD BRAINS drin vor. Aber nichts gegen BAD BRAINS,
das sind ebenfalls gute Freunde von uns und vor Gitar¬
rist Darryl ziehe ich immer noch meinen Hut, da er da¬
mals mehr Frauen flach gelegt hat als wir alle zusammen!
Bodo Unbroken
te aber nie veröffentlicht wurden. Als die Bostoner Band
THE FREEZE dann ins Studio ging, um die Single „Guilty
Face“ einzuspielen, wagten wir ungefähr zeitgleich eben¬
falls den Schritt, innerhalb von einer Woche ein Album
aufzunehmen.
Nach „Is This My World?“, worauf wir nach den Studi¬
osessions unseren ganz eigenen Sound gefunden hatten,
entwickelte sich ein komplexerer Musikstil, der sich in
Songs wie „Kill kill kill“ oder „Breath and fuck“ manifes¬
tierte. Das war der Anfang vom Ende, keiner wollte mehr
diese einfachen Drei-Akkorde-Songs spielen. Chris Doh-
erty schloss sich nach knapp einem Jahr bei uns erneut
GANG GREEN an, er wollte seine eigene Band und nicht
mehr nur einfach Gitarrist sein. Eine gewisse Progression
machte sich unter den Bands breit. Zu der Zeit war ME¬
TALLICA groß im kommen. Ich interessierte mich eher
für ruhigere, kompliziertere Gitarrenstrukturen. Dazu
kam, dass Rick zur Universität gehen wollte. Im Dezem¬
ber 1984 spielten wir dann unsere vorerst letzte Show
im Bostoner Paradise Club unter dem Titel „The End Of
Hardcore“. Während der Show schnappte sich Springa,
der Sänger von SSD, das Mikro und brüllte: „We startet! it
and we gonna end it! “ Den Kids ist bei diesen Worten fast
die Kinnlade runtergefallen! Wir Musiker waren einfach
schon ein bisschen weiter und wussten, dass die Hardco-
re-Phase irgendwann zu Ende gehen musste. Rick Jones
ließ aber nicht locker und 1986 standen wir unter dem
Titel „Jerry’s Kids Cured“ wieder von den Toten auf und
nahmen „Kill Kill Kill“ auf.
Curtis Casellas, Betreiber unseres Labels Taang!, wollte
damals auch, dass wir auf Tour gehen, was aber unmög¬
lich war, weil Rick arbeitstechnisch einfach zu viel um
die Ohren hatte. Um das Jahr 1990 hörten wir dann end¬
gültig auf mit JERRY’S KIDS. Letztes Jahr sollten wir auf
ein paar Festivals spielen, was aber schließlich doch nicht
geklappt hat. Mal sehen, wann wir das nächste Mal zu¬
sammen finden. Ab und zu juckt es uns allen jedenfalls
noch in den Fingern ...
Bodo Unbroken
Ihr seid eine brasilianische Band, die auch auf Por¬
tugiesisch singt. Eure Lieder haben alle einen politi¬
schen Hintergrund, der sich auf Brasilien bezieht. Wa¬
rum habt ihr da ausgerechnet einen englischen Band¬
namen gewählt?
Ursprünglich nannten wir uns STAGEDIVE, bis wir 1993
entdeckten, dass der Name schon vergeben war. In dem
Moment hatten wir aber auch keine andere konkre¬
te Idee, wie wir unsere Band von da an nennen sollten.
Also haben wir drei Seiten voll mit Bandnamen geschrie¬
ben, von denen es dann DEAD FISH geschafft hat. Am
Anfang unserer Band haben wir übrigens auf Englisch ge¬
sungen, so dass ein englischer Bandname da auch bes¬
ser gepasst hat.
Waren die Texte am Anfang eurer Karriere auch schon
so politisch wie sie jetzt sind?
Zu der Zeit waren wir sogar noch direkter. Vielleicht
hängt das damit zusammen, dass wir älter geworden sind
und dadurch eine andere Sicht der Dinge haben. Brasili¬
en hat sich dennoch nicht verbessert. Wir haben immer
wieder versucht, unsere Hoffnung in neue, nicht kor¬
rupte Politiker zu stecken, und dabei wurden wir immer
wieder enttäuscht. So um 1999, haben wir unsere Art,
Songs zu schreiben, auf eine natürliche Weise geändert.
Mittlerweile sind die Texte nihilistischer als noch zu Be¬
ginn. Dennoch sind sie immer noch politisch.
Ihr habt als international agierende Band die Möglich¬
keit, euch auch im Rest der Welt Gehör zu verschaffen.
Wäre es da nicht einfacher, auf Englisch zu singen? Da¬
mit würde man doch sicher eine größere Menge Men¬
schen erreichen.
Das stimmt, aber als wir uns 1993 umorganisiert haben,
war es uns wichtig, dass wir den Leuten in unserem Land
eine Message bringen konnten. Da nicht viele Leute in
Brasilien Englisch sprechen, schrieben wir die Songs von
da an auf Portugiesisch, damit wir auch verstanden wur¬
den. Dazu kommt, dass wir bis auf diese Tour jetzt in Eu¬
ropa noch keine große Tour außerhalb Brasiliens gemacht
haben, von Argentinien mal abgesehen. Also mussten wir
uns auch keine Gedanken darüber machen, ob man uns
außerhalb Brasiliens verstand. Wenn wir jetzt jedoch
Konzerte hier spielen, versuche ich den Leuten zu erklä¬
ren, worüber ich singe. Das ist mir sehr wichtig.
Ich denke, dass es vor allem für Leute, die sich für po¬
litischen Punkrock interessieren, wichtig ist, was
die Band zu sagen hat, die man sich gerade anschaut.
Schließlich will man nicht unbewusst eine rechte Band
unterstützen, nur weil man die Texte nicht versteht.
Ja, das ist richtig. Das Lustige ist, dass es in Brasilien nur
linksgerichtete Bands gibt...
Habt ihr in Brasilien auch Probleme mit Faschismus
oder Rassismus?
Oh ja, das sind zwei sehr große Probleme. Musikalisch
bekommt man das gar nicht mit, wenn eine Band einen
rassistischen Hintergrund hat. Die äußern das nicht — so
wie in Europa - durch die Art, wie sie sich kleiden. Das
passiert alles unterschwellig. Der Rassismus ist in Brasili¬
en sehr ausgeprägt. Wenn man überall zwischen den Zei¬
len lesen würde, könnte man diese rassistische Attitüde
sofort erkennen. Vor allem in der Mittelklasse gibt es im¬
mer noch diese Kategorisierung: weiß oder schwarz. Ob¬
wohl es nicht viele dunkelhäutige Mittelständler gibt. Die
Schwarzen sind immer noch sehr arm in Brasilien. Es ist
in Brasilien auch nicht einfach, die Einstellung der Men¬
schen zu ändern. Die sind da viel zu verbohrt.
Denkst du, dass das Schulsystem in Brasilien die Leu¬
te genug aufklärt, oder werden junge Menschen einge¬
schränkt bei dem, was sie lernen? Gibt es viele Men¬
schen, die sich keine Schulbildung leisten können?
Ein schwieriges Thema. Die Leute aus der Mittelklasse
können sich eine Schulbildung leisten, wohingegen die
Unterschichten kaum eine Chance bekommen. Ich selbst
bin auf eine katholische Privatschule ergangen, weil mei¬
ne Eltern genug gespart hatten. Die öffentlichen Schu¬
len haben kein Geld für Bücher oder vernünftige Leh¬
rer. Dennoch sind die Menschen in Brasilien intelligent,
da sie es irgendwie schaffen, ohne die Hilfe einer Regie¬
rung und Geld zu überleben. Die stecken tief in der Schei¬
ße, aber sie überleben. Es könnte sich was ändern, wenn
diejenigen, die das Geld am meisten nötig haben, es auch
bekommen würden.
Wo fließt das Geld denn hin?
Ich kann das nur kurz umschreiben: Wir haben ei¬
nen sehr korrupten Staat. Nach Jahren der Militärdikta¬
tur haben sich immer noch keine wirklich demokrati¬
schen Strukturen entwickelt. So stecken die einflussrei¬
chen Menschen sich immer noch fast das gesamte Geld
in ihre eigenen Taschen und lassen den Leuten in ihrem
Land fast nichts übrig. Deswegen ändert sich nichts beim
Gesundheitssystem, Schulsystem oder in bei der Sicher¬
heit. Es herrscht das totale Chaos. In Rio ist es wie im
Bürgerkrieg.
Eure Alben handeln dann doch bestimmt von genau
diesen Zuständen, oder?
Wie gesagt, am Anfang waren wir noch direkte? und ha¬
ben uns auch so ausgedrückt. Auf unserer neusten Platte,
„Um Homem So“, sind wir auch immer noch politisch.
Ich glaube, ich kann gar keine anderen Texte schreiben.
Zumindest so lange nicht, bis sich etwas geändert hat.
Kannst du dich noch daran erinnern, wie es war, als
ihr angefangen habt Musik zu machen?
Oh ja, das war lustig: Eigentlich konnte keiner von uns
sein Instrument spielen. Ich spielte zuerst Schlagzeug auf
einer Art Schlagzeugattrappe, welche zum größten Teil
aus Papier bestand. Irgendwann sollte ich dann singen
und hier bin ich jetzt.
Weißt du noch, wer euch am Anfang beeinflusst hat?
Auf jeden Fall BAD BRAINS, 7 SECONDS und BLACK
FLAG. Nach und nach haben wir dann Bands wie die GO¬
RILLA BISCUITS entdeckt. Wir haben uns an ihnen ori¬
entiert, sie aber dennoch nie kopiert. Ich mag auch 80er
HipHop wie PUBLIC ENEMY.
Vielen Dank für das Interview
Sebastian Wahle deadfish.com.br
OX-FANZINE 103
uumaJmp act-^£C&xd$Me
Wüster Mix aus Horrorpunk. Redneck Country und 80er Polit-Kardcore im Stil der Dead
Kennedys U Mit Ex-Musikern von Shock Tlterapy, Almighty Lumberjacks of Death und
Plasmatics. Mal hochpolitisch, mal blutrünstig....!!
"...Die Mischung hier stimmt einfach: Psychobilly trifft auf DEAD KENNEDYS, Horrorpunk
auf Cowpunk, Rocky Erikson auf NINE POUND HAMMER...die 8L00DFARMERS werden von
Song zu Song komplexer und komplizierter, steigern sich kontinuierlich und sind
definitiv ein ganz heißer Tip für jeden Fan außergewöhnlicher Rands.
OX FANZINE
"...Ich würde das mal als den Geheimtipp dieser Ausgabe einstufen ...Wer auf kranken
Humor, gewürzt mit einer ordentlichen Portion Rockabilly steht und wen eher die
Abgründe der menschlichen Spezies interessiert, der sollte nicht nur, nein der
muß hier unbedingt zugreifen..."
PLASTICBOMB
"...Der Gesang klingt in einigen Songs fast nach 1ELL0 BIAFRA in „Holiday in Cambodia"
oder in „California über alles", vor allem wenn der Sänger Country Bob (Texl mit
kläffendem Gesang und überschlagender Stimme loslegt...diese Musik weiß zu
gefallen, ohne nur in der Nähe von Durchschnitt zu sein..."
M0L0K0PIUS
"...Ganz kurz und knapp: Geil! Diese CD ballert irgendwo zwischen Punkrock im Sinne alter
Dead Kennedys, Ramones und verschiedenen weiteren Spurenelementen, die sich
der leibhaftige Rock'n'Roll Teufel himself aus dem Arsch geleiert hat!"
BEZIRK 7
SSFSSf SS-SS
Nach 10 Jahren die Reunion Scheibe von Split Image und gleichzeitig ihre beste!! 12
unangepasste Oü-Punk Songs für die ünderdogs der Gesellschaft. Die CD kommt in
edlem Klapp-Digipack, LP über Knock Out Records!
"...Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass „Tod und Teufel" eine der besten
Streetpunk Planen ist, die ich je in den Händen hielt. Das kommt auch daher, dass das
Klischee von der Drei-Akkord Musik mit unklarer Stimme nicht erfüllt wird. Im Gegenteil,
SPLIT IMAGE haben wirklich geniale Riffs in ihrem Set, die einerseits melancholisch¬
melodiös klingen, andererseits einfach nur krachen und zum Pogo anregen..."
LOUDNSICK
"...Comeback geglückt. SPLIT IMAGE haben es noch/wieder drauf. Fette Produktion.
Digipack und deutscher Punk sind kein Widerspruch. Die vier Rabauken kommen sehr
authentisch rüber und zeigen so manchen Jungspund wo s lang geht..."
BURNYOUREARS
"...Gut produziert, kräftiger, rauher Gesang, abwechslungsreiche Mucke zwischen Oi! und
.Streetrock" mit Hardrock-Einschlag und durchdachte, teils angenehm provokante
deutsche Texte...Gute Comeback-Scheibe!"
CRAZY UNITED
"...Energiestrotzend und fett produziert bewegen sich SPLIT IMAGE in meist hohen
Temporegionen, so dass man regelrecht Bock darauf bekommt, mit dem Discman
bewaffnet Straßenbahnpogo zu praktizieren..."
SCARRED FOR LIFE
im Impact Katalog bekommt ihr zu fairen Preisen CDs, LPs (immer die aktuellen Sachen von Epitaph. Fat«
Wreck, Suppenkazper, Hulk, Plastic Bomb, Mad Butcher. Knock Out DSS,Teenage Bebel Records, Captain
Oi. Dröönland. Vitaminepillen. Dirty Faces. Höhnie Becords. Weird System u.s.w.) außerdem Haarfarben.
I Directions, Aff inage, Grazy Colour 1, Nieten I Einzelnieten, Gürtel, Armbänder, Halsbänder I, Boots I Tank|
Dux, Steel, Shellys, Boots & Braces, TüK, Bonflage London I Bonflagehosen & Mini Böcke (in massig,
verschiedenen Tartanmustern, Leopard, Zebra, gestreift. woodland...],“T-Shirts^KapusYGiriies,f
Lederjacken. Stulpen, Tights & Ouerknees. St. Pauli Merchandise. Army-Kram (BW-Hosen, Ru cksäcke, j
Kampftaschen,Mützen,Zelte.JButtons,Aufnäher.Aofkleber&Spuckis...
YOUR FAVORITE GIRL GROUP IN TOWN
THE BOONARAAASÜ!
Genau, das geht ja gar nicht: Die BOONARAAASÜ! seit Jahren toll finden, ihre Platten abfeiern, und dann
kein Interview machen. Als mich Patricia ganz charmant auf diesen Sachverhalt hinwies, fühlte ich mich
natürlich bei meiner Ehre gepackt und stellte den vier Damen, die just via Sounds Of Subterrania ihr neu¬
es Album „5 Steps Ahead“ veröffentlicht haben, ein paar auf der Hand liegende Fragen. Dass der All-
Girl-Vierer aus dem Raum Wuppertal-Düsseldorf-Köln seit Jahren schon Deutschlands überzeugends¬
ter Vertreter in Sachen sugarcoated Garage-Punk ist, setze ich dabei als Allgemeinwissen voraus.
Klärt mich doch mal über die aktuelle Besetzung auf.
Und bei der Gelegenheit könnt ihr ja mal erläutern,
wer über die Jahre sonst noch so dabei war.
Patricia: Unsere aktuelle Besetzung ist insgesamt 121
Jahre alt, 6,97 Meter groß und 248 Kilogramm schwer.
Schuhgröße ist 163 und - nicht ganz unwichtig - durch¬
schnittliche Körbchengröße beträgt B. Genauer gesagt,
sind das Patricia: Bass und Gesang, Christina: Schlagzeug
und Gesang, Tine: Gitarre und Gesang, und Laura: Gitar¬
re und Gesang. Seit vier Jahren spielen wir in dieser Kon¬
stellation und das ist definitiv unsere beste Besetzung.
Und wo wir gerade dabei sind: 12 Jahre gibt es eure
Band mittlerweile. Was war seinerzeit die Motivation,
eine Band zu gründen, und warum hält man so lan¬
ge durch?
Patricia: Kirchenchor rausgeflogen, Musikhochschu¬
le abgebrochen - wohin jetzt mit unserer musikalischen
Hochbegabung? Da lag eine Garagenpunkband nahe. Die
Musik ist einfach ein fester Bestandteil unseres Lebens.
Und dabei reicht es uns nicht, Musik „nur“ zu konsumie¬
ren - wobei das natürlich auch total wichtig ist, um an¬
dere Bands zu unterstützen und vor allem bei Konzerten
jede Menge Spaß zu haben. Wir haben Bock, selber was
zu machen, auf der Bühne zu stehen, durch die Weltge¬
schichte zu reisen, andere Bands kennen zu lernen. Und
setzen natürlich immer noch darauf, mit spätestens 60
endlich den richtig großen Durchbruch zu schaffen.
Wie zur Hölle spricht man euren Namen eigentlich
aus? Und warum diese Doppelvokale und Ausrufezei¬
chen? Und wie viele Versionen des Namens habt ihr
über die Jahre gesehen?
Patricia: Für jeden, der es mal richtig ausgesprochen hö¬
ren möchte, hier der entscheidende Link: boonaraaas.de/
richtige-aussprache-lesson-one.mp3. An Schreibweisen
haben wir so ziemlich alles erlebt, was die herkömmli¬
che Legasthenie hergibt. Zu den vielen As und Os im Na¬
men kam es übrigens, als wir aus Langeweile beim Pro¬
ben Scrabble gespielt haben, weil niemand eine Idee für
neue Songs hatte und die alten Stücke schon perfekt sa¬
ßen ... Da mussten wir uns die Zeit halt anders vertrei¬
ben. Leider waren wohl schon die meisten Buchstaben
aus dem Scrabble-Spiel verloren gegangen und wir wa¬
ren gezwungen, aus A, A, A, A, B, N, O, O, R, S ein Wort
zu legen. BOONARAAAS hörte sich da irgendwie noch
am besten an.
Was macht für euch den Reiz einer Girl-Band aus?
Patricia: Bis auf Tine haben wir alle mal in „gemisch¬
ten“ Bands gespielt und das zum Teil über viele Jahre.
Musikalisch macht das eigentlich keinen großartigen Un¬
terschied, aber vielleicht laufen die Proben mit Jungs ab
und zu etwas konzentrierter ab, da weniger gequatscht
wird. Wobei man sagen muss, dass sich der Spielanteil
im Vergleich zum Redeanteil in den letzten Jahren deut¬
lich erhöht hat. Woran das liegt? Besetzungswechsel in¬
nerhalb der Band bringen natürlich im Idealfall immer
neuen „Schwung“ in die Band, neue Ideen - und so war
es auch bei uns in den letzten Jahren.
Einst wart ihr auf Thunderbaby Records, dem Düssel¬
dorfer Speziallabel für diesen Sound, heute seid ihr bei
Sounds of Subterrania. Wieso der Wechsel?
Patricia: Weil Gregor von Sounds of Subterrania einfach
besser aussieht. Damit wir uns richtig verstehen: Das ist
ein O-Ton von Gregor Samsa ... Wir haben uns auf Thun¬
derbaby immer sehr wohl gefühlt, hatten „freie Hand“,
was die Songs, Layoutgeschichten, aber auch Gimmicks
und so weiter angeht. Allerdings ist es auch nicht ver¬
kehrt, nach mehr als zehn Jahren Zusammenarbeit etwas
Neues auszuprobieren. Bei Gregor fühlen wir uns super
wohl, auch was unsere Labelkollegen angeht. Noch woh-
ler würden wir uns allerdings fühlen, wenn Gregor sich
endlich mal wieder vernünftig rasieren würde ...
Eure Gesangssprache ist fast durchweg Englisch, wie
kommt’s? Denn „Mehr von dir“ von „Go Get Goo Goo“
gefiel auch sehr gut.
Patricia: „Mehr von dir“ ist auf jeden Fall ein super
Stück, das wir auch live immer noch spielen und uns da¬
bei regelmäßig extremst verausgaben. „Mehr von dir“
ist allerdings ein Cover und wir haben einen Riesenre¬
spekt davor, akzeptable deutsche Texte zu schreiben. Aus
irgendeinem Grund fällt uns das auf Englisch leichter,
vielleicht, weil einem bestimmte Floskeln da nicht ganz
so abgedroschen Vorkommen. Vor einigen Jahren haben
wir, auf dem Weg zu einem Konzert irgendwo im Süden,
angefangen, einen deutschen Text zu schreiben: „Die Be¬
atrakete“. Das hat zunächst mal dazu geführt, dass wir
etliche Autobahnausfahrten übersehen haben. Aber: wir
fanden die ersten Strophen total genial und waren su¬
per stolz. Dann hat ein Mitglied der Band - Namen nen¬
nen wir nicht - den Zettel mit dem Text verloren, was zu
kurzfristigen Trennungsgerüchten geführt hat. Der Zet¬
tel ist nie wieder aufgetaucht, wir haben die Strophen nie
wieder zusammengekriegt und trauern seitdem der Idee
hinterher.
Was hat es mit eurer Vorliebe für BANANARAMA auf
sich? Was sind andere, weniger offensichtlich verehr¬
te Bands?
Patricia: Die Idee zu der BANANARAMA-Geschich-
te kam damals von Anouschka/Thunderbaby. Christina
und ich als Kinder der 80er waren sofort einverstanden,
der Rest der Band konnte auch schnell überzeugt werden.
Laura und Tine waren damals aber noch nicht dabei. Im
Nachhinein bereuen wir die Entscheidung - allerdings
nur bei einem Blick auf das Cover — aber ganz entschie¬
den. Es gibt aber einen Punkrocker aus Düsseldorf, der
beim Kauf der Platte zu uns sagte „Da seht ihr endlich
mal gut aus“ und das war bedauerlicherweise nicht iro¬
nisch gemeint...
Patricia: Schwer, da eine Band zu nennen. Aber unter
die Top-Favoriten gehören auf jeden Fall die SAINTS, die
MIRACLE WORKERS, PRISONERS und RADIO BIRDMAN
und die MASONICS.
Laura: Langzeitlieblinge sind zum Beispiel THE KIDS,
THE VIBRATORS, THE REMAINS, THE BRISTOLS. Mo¬
mentan hoch im Kurs: REIGNING SOUND.
Tine: Boah, das ist schwer. Ich hab so viele und das
wechselt ständig! Aber wenn ich mich entscheiden müss¬
te, dann würde ich hier und jetzt THE BOYS sagen. Oder
doch die BEATLES?... oder MANDO DIAO? Aber die RIF¬
LES sind auch sehr cool ... und MOTO finde ich gerade
toll!
Christina: RAMONES, einfach aus Tradition, auch wenn
es jede Menge andere Bands gibt, die es verdient hätten.
Aber weil die eh fast alle tot sind, vielleicht doch lieber
die MUFFS.
Früher habe ich euch in diesem „Solingen Rock City“-
Kontext wahrgenommen. Was ist davon geblieben?
Christina: Tja, wie fast immer im Leben, ist der Wandel
der Zeit auch an Solingen nicht komplett vorbeigegangen.
Die Solinger zeigen sich zwar immer noch schwerstens
empört, dass inzwischen jede drittklassige Kreisstadt den
Titel „Rock City“ für sich beansprucht, aber ...
Patricia: Hmm, ich wohne nun ja auch in Wuppertal,
aber mein Herz schlägt immer noch für scharfe Klingen
und die Union!
Auf dem Ox-Sampler haben wir den Song „Out of
sight“ präsentiert - worum geht es in dem Stück und
was bewegt euch allgemein in euren Texten?
Patricia: In „Out of sight“ machen wir einem Mädchen
Mut, sich zu wehren, wenn ihr was nicht passt. Es han¬
delt davon, dass sie in ihrer Familie von keinem ernst ge¬
nommen und in jeder Situation untergebuttert wird. Das
darf sie sich natürlich nicht gefallen lassen und sollte, an¬
statt sich zu verkriechen, ihren Willen durchsetzen.
Christina: Zu der Idee für „One one zero“ kam es, als
Laura eines Morgens todmüde einen Blick auf ihren Ra¬
diowecker warf und dort als Aufdruck „radio controlled“
lesen musste. Ein ferngesteuerter orangefarbener Aldi-
Wecker entscheidet also darüber, wann sie aufstehen
muss. Im Laufe der Zeit ist uns dann aufgefallen, dass die¬
ser Hinweis auf jedem zweiten Gegenstand stehen müss¬
te und eigentlich jeder Mensch ein Etikett mit dem Auf¬
druck „radio controlled“ tragen müsste. Ob einem da der
Notruf weiterhelfen kann, ist eine andere Frage ...
Laura: Ansonsten singen wir gerne über zu viele Men¬
schen auf einem Fleck, „45th floor“, wunderschöne klei¬
ne alte italienische Autos, „Vai vai Topolino“, und hässli¬
che grüne Autos, „Green Toyota“, die wir aber trotzdem
schön finden. Und natürlich über die Liebe, und welches
Stück könnte das besser ausdrücken als die Ballade - ei¬
gentlich ein Unwort, aber hier erlaubt! — „I’ve got that
feeling“. Da sind wir selber immer extrem romantisch
gestimmt, wenn wir das hören ...
Joachim Hiller boonaraaas.de
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OX-FANZINE 105
TESTOSTERON UND BLUMEN
FUCKHEAD
Der Name ist Programm: FUCKHEAD verschmelzen auf rabiate Weise das Vulgäre mit dem Intellektu¬
ellem. Egal ob im Sound, der von Noiserock, Industrial bis zu Grindcore und komplexer, destruktiver
Elektronik unzählige Facetten aufweist, oder in ihren Live-Shows, die man zu Recht als (Kunst-) Perfor-
mances bezeichnen kann. Auch wenn ihnen ihr extremes Spiel mit Körper, im wahrsten Sinne des Wor¬
tes mit Blut und Scheiße auf der Bühne, immer wieder den Vergleich mit dem Wiener Aktionismus einge¬
bracht hat, es ähnelt diesem nur in der maßlosen Grenzüberschreitung, vielleicht auch in der Ausdrucks¬
form, inhaltlich geht es ihnen vielmehr um Spaß, darum pathetische (Hard-)Rock-Gesten ad absurdum
zu führen. Ich habe mich vor ihrem äußerst unterhaltsamen Auftritt (Ich hatte danach einen Gesichtsmus¬
kelkater vom Lachen!) in der Maria am Ostbahnhof anlässlich der Club Transmediale mit Band-Gründer
und Sänger Dietmar Bruckmayr unterhalten.
Kannst du bitte kurz etwas zu eurer Bandgeschichte sa¬
gen?
Gegründet wurde FUCKHEAD von meinem Bruder und
mir 1988 als Industrial-Duo. Wir haben uns aber kurz
darauf um mehrere Bandmitglieder erweitert, um so
etwas wie Noiserock zu spielen, und von da an hat die
Bandgeschichte sehr wechselhafte Wege genommen. Das
aktuelle Line-up besteht jetzt aus Dieter Kern am Schlag¬
zeug, Siegmar Aigner, meinem Cousin, als Sänger, mei¬
ner Wenigkeit als Sänger und Michael Strohmann am
Bass, der Rest sind die vielen digitalen Helferlein, die wir
im Studio haben, beziehungsweise auf der Bühne, weil
wir auch sehr stark mit Projektionen arbeiten. Integrier¬
te Bandmitglieder sind noch der Tontechniker und die
Licht-Crew: mindestens ein Mann ist immer dabei, denn
Licht ist uns sehr wichtig.
Wie ist das, eine DVD zusammenzustellen, auf der man
sein komplettes Werk versammelt?
Eigenartig, aber es hat jetzt keine große Bedeutung, es
soll garantiert nicht das prätentiöse Opus Magnum sein,
für so wichtig halte ich die Arbeit nicht. Aber dadurch,
dass wir immer sehr stark visuell orientiert waren, ist
einfach vor längerer Zeit, nicht nur in unseren Köpfen,
der Wunsch entstanden, das auch visuell greifbarer zu
dokumentieren. Es hat sich über die Jahre Unmengen an
Material angesammelt von verschiedensten Leuten, und
das haben wir einfach versucht, in Form von acht Giga¬
byte auf einer DVD ultrahart zu komprimieren, wie eine
riesige Collection. Das soll dabei auch nicht linear sein,
beliebig soll es aber auch nicht sein, es soll einfach das
abbilden, was wir bisher gemacht haben. Es ist natürlich
schön, das alles mal versammelt zu haben, zumal ich kei¬
ne Platten sammle, das ist alles verloren gegangen, und
jetzt hab ich praktisch meinen eigenen Backkatalog wie¬
der.
Wenn man euer Werk so komplett überblicken kann,
fällt natürlich auch auf, -dass ihr extreme Stilverände¬
rungen durchgemacht habt, von dem sehr noiserocki-
gen Sound zu wahnsinnig abstrakten, elektronischen
Sachen.
Das liegt daran, dass uns sehr viel interessiert, und weil
in der Geschichte der Band das Line-up immer sehr hete¬
rogen war. Aber prinzipiell war von Anfang an ein Inte-’
resse an einem gewissen Maß an Abstraktion vorhanden.
Das war auch Anfang der 80er verheerend, weil wir meis¬
tens auf Hardcore- oder Punkrock-Partys gespielt haben,
und damals schon als Noiserock-Band zu unkonkret wa¬
ren, was den Schematismus anbelangt. Das war kein Pro¬
blem, ich schätze die Funktionalität von Punkrock sehr,
aber uns hat immer mehr interessiert. Als uns Elektronik
interessiert hat, war auch Grindcore wieder ein großes
Thema, und es ist immer etwas dabei gewesen, was prak¬
tisch die klare Suppe in irgendeiner Form getrübt hat. So
wird es auch weiterhin sein, wenn wieder neue Einflüsse
hinzu kommen. Jetzt geht es wieder in eine ganz andere,
sehr abstrakte Richtung, allerdings ist auch wieder sehr
viel Noise dabei. Wir werden auch wieder mehr samplen,
wir haben sehr lange sehr viele autogenerative Sounds
verwendet, und die Blastbeats werden wieder kommen,
also wird es auch wieder mehr Richtung Grindcore ge¬
hen. Der Wunsch besteht, Dinge wieder rigoros auf den
Punkt zu bringen, ohne primitiv zu sein.
Was für Einflüsse haben euch konkret geprägt?
Als ich FUCKHEAD gegründet habe, natürlich so was wie
THROBBING GRISTLE. KILLING JOKE waren immer Säu¬
lenheilige für uns, weil die durch diese rollenden Rhyth¬
men immer sehr noisig waren, und die Struktur der Stü¬
cke immer sehr offen. Dann die Langsamkeit und der
Lärm der SWANS. Und dann kam die Elektronik dazu, di¬
verse elektronische Stücke aus der Konzertmusik des 20.
Jahrhunderts, die durchaus was mit Lärm zu tun haben,
die Klarinettenkonzerte von György Ligeti, Free Jazz war
durchaus auch interessant, vor allem John Zorn bezie¬
hungsweise NAKED CITY, dann noch LAST EXIT. Eigent¬
lich stand immer der Krach im Vordergrund. Grindcore
ist insofern spannend, als die Dynamik so extrem ist, ul¬
traschnell und immer maschinenhaft durch das fast Tech-
noide. Wenn wir mit Elektronik gearbeitet haben, hat die
Elektronik eigentlich immer gegen uns gespielt. Das ist
auch heute noch oft der Fall, aber eigentlich ist es schon
eine große Erweiterung, weil die Elektronik einfach alles
Mögliche zulässt. Witzigerweise ist unser Schlagzeuger
ein Techno-DJ, der aber aus dem Jazz kommt. Techno hat
uns aber nur in den Randbereichen interessiert, was Mi¬
nimal oder Ambient betrifft beziehungsweise natürlich
wegen des Lärms, das war aber dann mehr schon Break¬
core. Wichtig war uns immer — je abstrakter die Musik ist
—, ein starkes Maß an Physis auf die Bühne zu transpor¬
tieren, weil das einfach Spaß macht. Alles auch mit ei¬
ner Selbstironie, einer Absurdität, einer Lächerlichkeit. Es
ist so, dass wir sehr viel aus dem Hardrock und anderer
Testosteron-schwangerer Musik zitieren und das perver¬
tieren. Das bietet sich ja förmlich an. RAMMSTEIN wa¬
ren auf einer Show von uns, weil ihnen erzählt wurde,
das sei diese Band, die halbnackt herumläuft, diese lee¬
ren Posen inszeniert und das immer so ins Peinliche kip¬
pen lässt. Das Konzert hat ihnen sehr gut gefallen, nur
sie meinten, sie sind ausgerichtet auf Stadien und Are¬
nen, klare Bilder, klare Formen, und wir schafften zu¬
viel Konfusion.
Wie entstand das mit den Körper-Performances bei
FUCKHEAD?
Der Körper ist ja bei jeder Musik immer im Spiel, das
physische Element war vor allem im Punk sehr interes¬
sant, der Heavy Metal hat das halt auf eine Art sehr sti¬
lisiert, da gibt es so klassische Posen, die finde ich sehr
witzig, besonders wenn sie so linkisch vorgetragen wer¬
den. Punk war einfach etwas sehr Vitales, was mich irr¬
sinnig beeindruckt hat. Dadurch war der Körper immer
da, und was lag näher, als es durch alles Mögliche aus¬
zubauen. Aber halt nicht so schematisierend, ich brau¬
che nicht die vielen Tattoos - die hab ich einfach, weil es
mir gefällt —, damit ich in einem bestimmten Club auf-
treten kann. Wir haben immer versucht, das zu brechen,
nicht nur das Publikum zu ärgern, sondern einfach, weil
es uns dann auch mehr Spaß macht. Es geht nicht dar¬
um, irgendwas abzuarbeiten, eine Band soll keine The-'
rapieanstalt sein.
Eure Performances haben aber auch einen krassen
Wandel durchlaufen, die waren früher sehr viel ex¬
tremer.
Jetzt ist es auf jeden Fall ironischer, es geht nicht so sehr
darum, um seiner selbst Willen an die Grenzen zu ge¬
hen. Erbrechen ist ja noch nicht einmal an die Grenzen
gehen, das kann sehr befreiend sein. Solche Dinge ha¬
ben natürlich eine Rolle gespielt, um den eigenen All¬
tag von den Zwängen zu verabschieden, gemeinsam mit
dem Publikum. Jetzt sehen wir das eher als sehr extra¬
vagante Revue. Der Revue-Kontext gefällt mir deswe¬
gen, weil er auch was mit Variete zu tun hat, das war im¬
mer so eine Schattenzone, wo auch Dinge gezeigt wur¬
den, die nicht unbedingt dem Common Sense entspre¬
chen, etwa Schwertschlucker oder Stripper. Das Ganze
hat auch immer eine Dramaturgie, dieser Schmutz, die
Federn, die Blumen, das sind Anleihen, denn Punk hat
immer was mit Dreck zu tun gehabt. Später wurde uns
immer angedichtet, das sei alles eine Reminiszenz an den
Wiener Aktionismus, aber das war es nicht wirklich. In
meinem Kopf schon, weil mein Vater Kunstsammler ist,
und ich damals sehr früh diese völlig verbotenen Bilder
sehen konnte. Interessiert haben mich aber in erster Li¬
nie die Farben, und wie sie den Körper verändern, das
war es, aber nicht das Blut, das Essentielle, wie es Her¬
mann Nitsch berechtigterweise inszeniert. Uns hat eher
die Verwandlung, der Übergang, das Amörphe interes¬
siert, dass man als Testosteronmännchen ständig chan¬
giert zwischen großen Posen und Peinlichkeiten.
In dem Interview auf der DVD heißt es, ihr versteht
euch mehr als Kunstprojekt als als Band ...
Das haben wir ganz bewusst so inszeniert. Da ist die BBC
extra nach Wien geflogen, um Positionen der Musik des
20. Jahrhunderts zu dokumentieren, und was lag näher,
als dieses Sujet zu inszenieren. Mit dem Schauspieler, der
ein prominenter Schauspieler mit Down-Syndrom ist,
und der verblüffend dem Josef geähnelt hat. Das war in
einer öffentlichen Bedürfnisanstalt, die schon geschlos¬
sen war, weil später dort ein sehr teurer House-Club er¬
öffnet wurde. Geholfen hat uns bei der Inszenierung die-
OX-FANZINE 106
FUCKHEAD/EÄRTH CRISIS
ses Unfugs der jetzige Arbeitgeber von Michael Stroh¬
mann von der Theaterkompanie Toxic Dreams, die ma¬
chen so Off-Theater und bauen so kleine Szenarien, wie
eben das mit uns. Und die von der BBC waren sehr er¬
freut und haben sich auch überhaupt nicht irritieren las¬
sen, für die war völlig klar, dass das so sein muss.
Wie geht ihr damit um, wenn ihr der rechten Szene
zugeordnet oder als „schwule Schläger“ abgestempelt
werdet?
Am Anfang war das regelrecht kränkend. Wir kommen
alle aus einem sehr linken Milieu, ich hab selber in der
Faschismusforschung gearbeitet, und wenn man solche
Vorwürfe hört, obwohl wir klar antinazistisch waren,
das ist ärgerlich. Man begegnet dem Ganzen am besten
mit Humor und mit Ironie. Ich sehe das auch nicht ne¬
gativ, weil man das auch als Hinweise auffassen muss,
denn offenbar sind manche Dinge nicht ganz so kohä¬
rent oder schaffen Irritationen, die da sein sollen und er¬
wünscht sind, aber wenn Leute Dinge so in die falsche
Kehle bekommen, dann muss man darüber durchaus
nachdenken. Schlägertypen sind wir mitnichten, wenn¬
gleich wir alle unsere sportlichen Aktivitäten betreiben.
Auffallend ist eigentlich, dass der Frauenanteil bei un¬
seren Konzerten immer sehr hoch war, das ist ein sehr
gutes Zeichen. Irritationen sind erwünscht, die Integrität
des Publikums, auch geistig, sollte immer gewährleistet
bleiben, das ist auch ein Grund, warum ich diese harten
Performances draußen lasse, wie das Hängen an Haken
und dergleichen. Weil Leute das mitunter doch sehr un¬
vorbereitet sahen und es ihnen nicht gut tat, zum Schluss
auch mir nicht. Diese Dinge bleiben einfach weg, oder
werden in exklusiven Rahmen für die Leute stattfinden,
die so was sehen wollen. Es ist immer wichtig, dass die¬
se ganzen kulturellen Akte eine Art der Kommunikation
sind, das funktioniert auch nur, wenn das Publikum die
Energie gibt. Und die Hängereien funktionieren ja auch
nur, wenn das Publikum mit anhebt — es kam an einen
Punkt, wo wir eher Leute anzogen, die sehen wollten,
wie weit es geht...
Das war mit Stahlseilen durch die Brust?
Genau - und irgendwann reißt einem der Kopf ab ... dann
wird es einfach negativ, auch wenn man es nur mit die¬
sem „immer weiter, immer härter“ transportiert. „Lau¬
ter, schneller, härter!“, das war als Schlachtruf im Nie¬
tenpunk in den 80ern völlig okay für mich, aber später
war es nur noch ein Fluch, es immer noch weiter zu trei¬
ben. Man stumpft auch wahnsinnig schnell ab, und ohne
Angst hat man auch keine Schmerzen. Und es lässt ei¬
nen auch die Gelassenheit vermissen, die man braucht,
um mitunter sehr sonderbarer Kritik zu begegnen. Aber
wenn man so etwas macht, muss man damit rechnen.
Es ist ja auch bezeichnend, dass Industrial, obwohl er
immer viel linksradikaler war, sehr häufig als nazis¬
tisch gesehen wird. Du hast Hardcore dagegen in ei¬
nem älteren Interview als unglaublich kleinbürgerlich
bezeichnet.
Dass Industrial so kompromittiert ist, hängt mit ein paar
Gallionsfiguren zusammen, und der Rest ist der Neo¬
folk, der oft mit Industrial gleichgesetzt wird. Wer vie¬
le Schweinereien verursacht hat, braucht sich nicht wun¬
dern. Aber die Säulenheiligen dieser Szene betreiben ja eh
ihre eigenen Demontage, etwa dieses „Brown Book“ von
dem DEATH IN JUNE-Sänger, das ist eine solche Blöd¬
heit, dass die ganze Szene irritiert war. Die sollte man all¬
gemein nicht so ernst nehmen. Dass natürlich solche Din¬
ge unterwandert werden von rechtsradikalen Bewegun¬
gen, die durchaus straff organisiert sind, geht auch nicht.
Davon müssen wir uns natürlich abgrenzen. Wir haben
immer wieder Angebote für Auftritte aus der Industrials¬
zene, und wir haben uns da schon unfreiwillig fürchter¬
lich daneben benommen, weil wir zwei Uniformträger,
die sind mit Waffen-SS-Kordeln backstage erschienen,
gleich rausgeschmissen haben. Das war dann für den Ver¬
anstalter sehr peinlich, das waren nämlich die Star-DJs -
das geht bei uns aber nicht.
Eure Texte waren lange auf Englisch, jetzt sind sie auf
Deutsch.
Wir haben da nicht drüber nachgedacht. Als wir zum ers¬
ten Mal einen deutschen Text verwendet haben, wurde
uns in der Village Voice unterstellt, das seien Hitler-Re¬
den. Wir meinten irgendwie, die Absurdität des Bühnen¬
verhaltens mit dieser doch sehr kantigen deutschen Spra¬
che noch übersteigern zu können. Vielleicht auch, um für
ein Maß an Klarheit zu sorgen in dem Gesprochenem,
weil wir ja doch sehr viel agieren.
Ich fand, dass bei den deutschen Texten die Wider¬
sprüche deutlicher werden, wenn solche Gott- oder
Allmachtsphantasien mit Husten vorgetragen werden.
Das freut mich, dass das so durchkommt, denn das war
im Englischen nicht der Fall, und das hat uns nervös ge¬
macht. Die Rezeption war dann immer nur die, wir sei¬
en eine Industrial-Metalband, irgendwo zwischen GOD-
FLESH und MARILYN MANSON, das war irgendwie be¬
dauerlich.
Die Texte auf deinem Soloalbum sind aber alle auf Eng¬
lisch.
Klar, weil das Pop ist. Der größte gemeinsame Nenner
ist in dem Fall Englisch. Das ist wirklich eine Liebhaber¬
platte von meinen Kollegen. Die Idee war, so was wie ein
iPod-Shuffle mit starken sentimentalistischen Einschlä¬
gen zu fabrizieren. Das wurde eigentlich alles immer hin
und her geschickt, und jeder hat an einer anderen Stelle
weitergebastelt. Was ich deswegen erwähne, weil es mir
um ein sehr hohes Maß an Demokratie geht, bei allem,
wo ich mitarbeite, ich bin Teamworker. Auch wenn man
mich immer vorstellt als Bruckmayr, ich werde nicht
müde zu betonen, das ist ein Pseudonym für ein Team,
ich stehe vorn, als das Frontmännchen, aber im Hinter¬
grund agieren immer Menschen, gleichberechtigt, phne
die könnte ich das nicht machen. So soll das auch blei¬
ben. Sie könnten das wahrscheinlich ohne mich machen,
aber ich könnte es ohne sie nicht machen. Ich bin in den
80er Jahren sozialisiert, David Bowie war in den 70ern
schon prägend, dann New Wave, das war alles sehr span¬
nend - es gibt auch heute viel Spannendes, also ich ver¬
stehe das Gejammer vieler Leute nicht, alles wäre so öde.
Nur haben sich halt die linearen Karrieren erledigt, wie:
„Ich suche mir das £ute Leben, mache eine gute Platte,
das schöne Video und die schöne Releaseparty, und dann
gehe ich auf die schöne Tournee und dann habe ich ein
schönes Bankkonto.“ Das ist vorbei, weil die User viel zu
autonom und zu kreativ geworden sind und sich das eh
von woandersher beschaffen.
Wie sieht die Zukunft für FUCKHEAD aus? Was ma¬
chen deine anderen Projekte als Schauspieler?
Das Stück am Burgtheater, für das ich einen Vertrag habe,
hat gerade Pause. Ich bin teilweise Hilfsarbeiter und an¬
sonsten arbeite ich in der Multimediabranche. Und ich
habe mitunter sehr hoch dotierte Aufträge im E-Musik¬
bereich, denn wo immer sie für bestimmte Komposi¬
tionen der Klassik extreme Stimmen suchen, holt man
mich. Das ist dann immer sehr stressig, weil ich näm¬
lich keine Noten lesen kann, und ich hab auch ein sehr
schlechtes Timing. Ich bin zwar immer unter dem Exis¬
tenzminimum, aber ich komme herum, ich komme ins
Ausland, ich mache, was ich mag, das Establishment kann
mich weitestgehend am Arsch lecken, was auch sehr an¬
genehm ist. So wird es hoffentlich weiter bleiben. Die
nächsten Monate werde ich in Brasilien verbringen und
dort auch auftreten. Ich bin zusammen mit dem zweiten
Sänger auch schon in Russland aufgetreten, das war so
eine Art Akustikshow und wurde dann auch schon eher
Slapstick, aber Hauptsache, es ist spaßig.
Chris Wilpert fuckhead.at
ZURÜCK ZU DEN WURZELN
EARTH CRISIS
EARTH CRISIS waren Mitte der 1990er Jahre nicht nur eine der vehemen¬
testen Vertreter des Veganismus und der Straight Edge-Bewegung, son¬
dern auch musikalisch auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Mit ihrem Album
„Gomorrah’s Season Ends“ bereiteten sie den Weg für einen Musikstil, der
heute allgemein als Metalcore bezeichnet wird, und waren zusammen mit IN-
TEGRITY ein maßgeblicher Einfluss für unzählige Metalcore-Bands der letz¬
ten Jahre.
Nach ihrer Auflösung im Jahr 2000 wurde es zunächst
recht still um die Band, bevor ein Teil der ehemaligen
EARTH CRISIS-Mitglieder FREYA gründete. FREYA ka¬
men EARTH CRISIS zwar musikalisch gesehen recht
nahe, gingen aber insgesamt noch ein wenig härter
zu Werke. Gegen Ende des letzten Jahres kursierten
auf einmal wilde Gerüchte im Internet, eine mögliche
EARTH CRISIS-Reunion betreffend. Und tatsächlich
war es dann im Januar dieses Jahres soweit und EARTH
CRISIS spielten ihre erste Show nach sieben Jahren am
27. Januar in Baltimore. Genug Gründe also, einer der
wichtigsten Hardcore-Bands der 90er Jahre noch mal
auf den Zahn zu fühlen, und so mailte ich Gitarrist
Scott Crouse meine Fragen.
Zuerst die Frage, die einfach gestellt werden muss: Was
ist der Grund für die EARTH CRISIS-Reunion?
Viele Leute scheinen die Reunion sehr skeptisch zü sehen.
Der Hauptgrund ist schlicht, dass wir alle die Band sehr
lieben. Sie ist ein Hauptbestandteil unseres Lebens und
welche andere Straight Edge-Band kann schon nach sie¬
ben Jahren zurückkommen und XXX-Konzerte spielen,
ohne dabei nicht innerlich voll von Scheiße zu sein?
Was denkst du über die heutige Hardcore-Szene, spe¬
ziell Metalcore, ein Sound, der ja ohne szeneprägen¬
de Bands wie EARTH CRISIS und INTEGRITY heute so
nicht denkbar wäre?
Danke, dass du es so siehst. Ich denke, es gibt eine Men¬
ge guter Bands da draußen, aber gleichzeitig haben viele
Hardcore-Bands ihre Originalität verloren. Ich wünsche
mir eine Szene, die zurückkehrt zu den Tagen, als noch
SUPERTOUCH zusammen mit AGNOSTIC FRONT und
YOUTH OF TODAY gemeinsam auf einem Konzert spiel¬
ten. All diese verschiede¬
nen Musikstile vereint an
einem Abend.
Ich denke, dass viele Kids,
die heute erst anfangen
Hardcore zu hören, kaum etwas über die Wurzeln
und die Geschichte dieser Musik wissen. EARTH CRI¬
SIS waren immer bekannt dafür, radikal für die vega-
ne Lebensweise einzutreten und die damit verbunde¬
nen „Regeln“ energisch zu repräsentieren. Ist das also
eure Mission? Die ursprünglichen Werte, nicht nur
den Veganismus, auch alle anderen Ideale von Hard¬
core, den Kids von heute wieder näher zu bringen? Ich
meine, wenn man sich auf den Konzerten heute mal
umsieht, ist alles zu einem großem Walk-Off verkom¬
men. Es geht nur noch um den Style.
Ja, da stimme ich dir völlig zu. Die Hardcore-Szene hat
in den letzten Jahren viel an Integrität eingebüßt und in¬
sofern stimmt es schon, dass wir unsere Werte den Kids
wieder vermitteln wollen. Ich meine, was macht diese
Szene denn sonst so anders, wenn nicht die Musik? Die¬
ses Gefühl, die Musik nach dem Konzert quasi mit nach
Hause nehmen zu können?
Es ist gut zehn Jahre her, dass ihr mit EARTH CRISIS
auf dem Höhepunkt eurer Karriere standet. Was war
in der Zwischenzeit ?
Wir entschieden uns damals, EARTH CRISIS aufzulösen,
weil einzelne Mitglieder sich mehr auf ihre persönlichen
Angelegenheiten konzentrieren wollten. Wir lebten und
atmeten EARTH CRISIS zehn Jahre lang, und während
dieser Zeit haben wir unsere Familien total vernachläs¬
sigt. Das sind also hauptsächlich die Dinge, die wir in der
Zeit gemacht haben, als wir weg waren: wir haben unse¬
re Privatleben wieder geordnet.
Am 27. Januar habt ihr eure Reunion-Show in Balti¬
more gespielt. Wie war das?
Es war unglaublich, so viele Fans vor der Bühne zu se¬
hen, und ehrlich gesagt, haben wir uns absolut großartig
dabei gefühlt. Das Konzert war innerhalb einer Woche
schon im Vorfeld ausverkauft und zu sehen, dass Fans aus
Europa, Japan, Australien, Südamerika und aus den gan¬
zen USA gekommen waren, hat uns verdeutlicht, wel¬
chen großen Einfluss EARTH CRISIS in der Hardcore-Sze¬
ne immer noch haben. Es war schön zu sehen, dass man
uns nach all der Zeit noch nicht vergessen hatte.
Im Sommer werdet ihr auf dem deutschen With Full
Force Festival spielen und auch auf dem Hellfest in
Frankreich. Freut ihr euch auf die Konzerte?
Oh ja, wir sind schon jetzt total aufgeregt und freuen uns
sehr, wieder in Europa zu spielen. Wir spielen neun Kon¬
zerte in Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland und
in England. Schaut mal auf unserer MySpace-Seite nach,
da stehen alle Konzertdaten.
Plant ihr ein neues EARTH CRISIS-Album, um es dann
auf der Tour vorzustellen, oder gibt es live zunächst
nur altes Material zu hören?
Dieses Mal werden wir nur alte Songs spielen. Wir haben
über ein neues Album gesprochen, aber noch keine kon¬
kreten Pläne diesbezüglich. Wir nehmen immer eine Stu¬
fe nach der anderen.
Tobias Ernst myspace.com/xecx
OX-FANZINE 107
THE OTHER
DEUTSCHLANDS GRUSELPUNKS AUF US-HORROR-TOUR
Keiner hat wirklich damit gerechnet, dass wir es wirklich schaffen, in den USA zu touren. Amerikaner ver¬
sprechen ja bekanntlich viel und halten die Hälfte. Doch es sollte anders kommen. Nach tatkräftiger Un¬
terstützung von den REZUREX aus Los Angeles und unserer deutschen Tourmanagerin Dolores (D-Tour
Booking), hatten THE OTHER wirklich im Dezember Flüge gebucht und einen Acht-Date-Trip durch drei
Staaten in 14 Tagen geplant.
Der Trip beginnt: Migore Drake war ziemlich nervös am
Morgen des 9. Januar 2007, denn der neue Bassist von
THE OTHER durfte nach einem einzige Warm-up-Gig in
Deutschland sofort mit seinen neuen Weggefährten über
den Atlantik fliegen. Um sieben Uhr morgens ging es
zum Flughafen Düsseldorf, wo man von den Freundin¬
nen Abschied nahm und dem Personal versicherte, kei¬
ne Bomben im Gepäck zu haben. Apropos Gepäck: Gi¬
tarren und Schlagzeugteile durften wir auf Grund feh¬
lender und teurer Work-Visa nicht mitbringen, das Mer-
chandise wurde in den USA gedruckt oder vorher ver¬
schickt. Im Flugzeug auf dem Weg zum Zwischenstopp
Atlanta fiel natürlich prompt unser Video-Screen aus, war
wir zum Anlass nahmen, uns das teure Bier im Flieger als
Entschuldigung für die technische Panne umsonst geben
zu lassen. Dementsprechend fröhlich kam die komplette
Horror-Truppe in Atlanta an, wo die vier Bandmitglieder
und Roadie Markus klar stellten, natürlich nur am Strand
liegen zu wollen und keine sexuell abartigen Praktiken
mit amerikanischen Staatsbürgerinnen zu planen. Im At¬
lanta wartete bereits Schwester Usher, die dort seitJahren
lebt, um uns die acht Stunden Wartezeit bis zum Weiter¬
flug mit einer Sightseeing-Tour in Downtown angeneh¬
mer zu machen. Weiter ging es nach L.A., wo bereits Ste¬
phen Grey (FRANKENSTEIN, 45 GRAVE, CHRISTIAN
DEATH), REZUREX-Roadie Ben und unsere Bandmama
Dolores warteten. Und ab ging es mit der deutschen Rei¬
segruppe nach Hollywood in Daniel de Leons (REZUREX,
THE DEEP EYNDE) Ein-Zimmer-Appartement, wo schon
ein paar kalte Corona-Fläschchen warteten.
11. Januar, der Tag des ersten Gigs war gekommen. Vor
uns lag eine fünfstündige Fahrt durch die Wüste nach Las
Vegas. Klar, dass wir Zwischenstopps einlegten, unter an¬
derem in einem Vans-Outlet mitten in der Wüste, danach
- wie es sich für eine Horrorpunk-Band gehört - in der
Geisterstadt Calico, wo wir wie richtige Touristen durch
die Minen schlurften und uns die überragende Cowboy-
Show ansahen. Angekommen in Las Vegas sollten wir
schnell merken, was es heißt, in den USA zu touren. Der
Bunkhouse Saloon war genau das, was der Name sagte:
Eine Country-Bar, die 24 Stunden geöffnet hatte. Auf die
Ansage „Hey, we’re the band“ kam die Antwort „The Pro¬
moter is not here today, but there’s the stage“. Die wieder¬
um befand sich in einer Ecke unter einem ausgestopften
Hirschkopf und eingerahmt von Fotos aller Country-Grö-
ßen. Wir hätten direkt „Rawhide“ anstimmen sollen, so
fühlten wir uns. Schnell ging es zu einem Meet & Greet
im „Cash 4 Chaos“-Plattenladen, wo wir uns mit zahl¬
reichen CDs und Horror-Shirts und -Figuren eindeckten.
Ein paar Autogramme schrieben wir auch. Für die Besit¬
zer und einen weiblichen Fan, der gekommen war. Wir
waren wirkliche Stars in Las Vegas!
Wieder am Club warteten bereits unsere guten Freunde
von BLITZKID und es gab ein großes Hallo. Danach ging
es zu einer Bekannten zum Schminken und danach wie¬
der zurück zum Club und auf die Bühne. 15 Zuschauer,
zwei betrunkene Cowboys und ein Trucker an der Bar
machten die erste Show zu einem perfekten Warm-up für
den Rest der Tour. Geschlafen wurde bei Bandroadie Zack
und seiner Mutter, wo man sich wiederum den Fußbo¬
den teilte und möglichst nicht in der Nähe von BLITZ-
KID-Gitarrist T.B. schlief, der lauter sägte als eine Motor¬
säge. Zudem war das Haus von Katzen bevölkert, so dass
alle am nächsten Tag mit Haaren im Mund aufwachten.
Frühstück, Sightseeing auf dem Las Vegas Strip und da¬
nach ein kurzer Abstecher ins Casino New York, New
York. Weiter ging’s in unserem Van nach Corona ins be¬
stimmt 15 Grad wärmere Kalifornien. Der Show-Abend
wurde uns bereits als Highlight angekündigt, und so kam
es auch. Eine All-Ages-Show mit über 300 Kids, ein toller
Laden mit großer Bühne und Backstage, endlich frei Es¬
sen und Bier, Riesenstimmung und vielen Freunden. So
trafen wir auf THE DAMNED-Basser Stu, auf J-Sin Trioxin
von MISTER MONSTER, auf viele MySpace-Freunde, un¬
seren Kumpel Schröder aus Vancouver, auf Pamela, unse¬
re Bookerin aus Prag, und endlich auf den Rest von RE¬
ZUREX, mit denen wir ja bereits in Deutschland tour¬
ten. Wie immer waren die Jungs — und teilweise die an¬
deren Bands wie STELLAR CORPSES - Stunden zu spät.
Das scheint bei Amerikanern so üblich zu sein. Unser Gig
war dennoch ein voller Erfolg, mit Circle Pit und Fans,
die unsere Songs auf der Bühne mit ins Mikro grölten. Bei
BLITZKID war die Stimmung etwas behäbiger, bei RE¬
ZUREX — den Local Heroes — steppte der Bär.
Am nächsten Tag merkten wir dann, warum Amerika¬
ner grundsätzlich zu spät sind. Jedes Ziel in der Stadt ist
ca. „10 Minuten entfernt“, auch wenn man in der Rea¬
lität eine Stunde braucht. Jedenfalls waren wir fast ver¬
hungert, als wir endlich das Restaurant „in der Nähe“ er¬
reichten. „Something is always“, unser perfekt übersetz¬
tes „Irgendwas ist immer“, wurde zum Tour-Motto, denn
irgendwas war wirklich immer!
Abends ging es dann zum Key Club auf dem Sunset Strip,
wo das „Living Dead Fest“ mit THE OTHER, BLITZKID,
REZUREX, MORE THAN NEVER, ORDER OF THE FLY
(später nur noch „Order of Fries“ genannt) und STELLAR
CORPSES stattfinden sollte. Wie in den USA üblich, gab
es keinen Soundcheck, und arrogantes Personal, dafür Es¬
sen, Trinken, einen großen Backstageraum und wieder
Besuch von Freunden, unter anderem Slim Jim Phantom
von den STRAY CATS, Johnny Coffin, THE DEEP EYNDE,
Calavera, Fetisch-Model Emily Marilyn und vielen wei¬
teren. Auch unser Fan „Black Rose“ war da und lieh Sar¬
ge seine Schecter-Gitarre für den Rest der Tour. Spätes¬
tens als THE OTHER spielten, war der Laden mit gut 500
Fiends erfreulicherweise rappelvoll und wir wurden fein
abgefeiert. Zwar nicht mit dem jugendlichen Enthusias¬
mus wie in Corona, aber immerhin mit etwas Pogo, viel
Applaus, fantastischen Merch-Sales und zig Autogram¬
men und Fotos. Sogar der Veranstalter attestierte uns
seine Begeisterung, so etwas hätte er bei unbekannten
Bands noch nie erlebt. All das trotz unfähigen Mixern.
Festzuhalten bleibt noch: Nirgendwo waren die Konzert¬
zuschauer so gestylet wie in Hollywood. Jeder war an
diesem Abend Rockstar.
Am 14. Januar führte uns unser Trip ganz in den Süden,
nach San Diego. Wieder einmal hatten wir vorher mit
amerikanischer Unpünktlichkeit zu kämpfen, allerdings
hatte man so Zeit für einen Trip zum größten Halloween-
Store in der L.A. Area, mit seinen Tausenden von Mas¬
ken, Outfits und Figuren. Ach, hätten wir doch vorher
im Lotto gewonnen. In Orange Country trafen wir dann
auf Troy (REZUREX, NEKROMANTIX), der uns trotz des
Zeitdrucks erstmal seine Autosammlung in Garage und
Garten zeigte (inklusive einem Sarg-Auto), bevor es wie¬
der auf den Highway ging. Und es kam noch besser: Ob¬
wohl wir drei Stunden zu spät waren, war der Club noch
nicht offen und kein Promoter zu sehen. Sogar die An¬
gestellten warteten vor der Tür. Dazu lag das Brick by
Brick weit außerhalb der Stadt, so dass an einem Sonn¬
tagabend eh mit leerer Halle zu rechnen war. Irgend¬
wann ging aber alles seinen Gang und dank der Support-
Band - LOS KRANEOS aus Mexiko - war der Abend so¬
gar doch kein Fehlschlag, denn die 16-jährigen Psycho-
billies brachten alle ihre Freunde mit über die Grenze, die
vorzüglich mitfeierten und teilweise pro Person über 60
Dollar an unserem Merch-Stand ließen. Insgesamt dürf¬
ten knapp 100 Leute vor Ort gewesen sein. Während wir *
uns fertig machten, schlief Troy mit laufendem Fön in
der Hand im winzigen Backstageraum, während Dani¬
el versuchte seinen Iro zu richten und Jeff Roffredo (RE¬
ZUREX, TIGER ARMY) mit Drummer Jacob einen Witz
nach dem anderen riss. Die Show war ordentlich, das Pu¬
blikum dankbar und wie immer durfte man Autogram¬
me schreiben und für Fotos posieren. Wir waren schlie߬
lich die Exoten der Tour.
Der 16. Januar stand ganz im Zeichen der Autofahrt. Wie¬
der ging es durch die Wüste, die mittlerweile keinem
mehr wirklich Begeisterung entlocken konnte, in Rich¬
tung Phoenix. Das Jughead’s lag mal wieder am Arsch der
Welt und war zudem eine „21+“-Bar. Außerdem spielten
die CRÜXSHADOWS in der Stadt, wo natürlich alle Goth-
Kids hinpilgerten. Immerhin war der Club ein wasch¬
echter Punk-Laden mit exzellenter Jukebox. Leider al¬
lerdings ohne Backstage, ohne Bühnenbeleuchtung und
ohne Schlafmöglichkeiten. Das erste Problem war schnell
gelöst: THE OTHER spielten erstmals ohne Make-up. So
brauchten wir statt anderthalb Stunden nur circa 10 Mi¬
nuten, um uns fertig zu machen. Sehr angenehm, zur Ab¬
wechslung. Die Bühnenbeleuchtung wurde von der Sup¬
port-Band THE LIMIT CLUB gestellt und ein Motel war
wohl auch in der Nähe. Für uns ging es als dritte Band
auf die Bühne und immerhin hatten sich etwa 20 Leute
nebst Freunden von CALABRESE und ZOMBEAST einge-
fünden. Die Leute machten ganz ordentlich mit, wir hat¬
ten großen Spaß und es gab ein Bier nach dem anderen
vom begeisterten Thekenpersonal. Auch BLITZKID rock¬
ten das Haus, ernteten aber von einem Typen, der an der
Bar hockte, böse Kommentare, als sie die Amerikaflag¬
ge abrissen, die hinter der Bühne hing. In einem Punk-
Club wohlgemerkt. Nach mehr Alkoholika und Merch-
Verkäufen von weit über 200 Dollar, ging es dann mit
BLITZKID und der zweiten Vorband BACK TO ZERO in
besagtes Motel, was sich als echtes „Motel Hell“ entpupp¬
te. Blutbefleckte Matratzen, Gestank, offene Stromleitun¬
gen, Handabdrücke und Dreck auf den Wänden ... Das
alles zum Superpreis von 50 Dollar pro Zimmer. Dan¬
ke, Phoenix!
OX-FANZINE 108
Der nächste Tag wartete mit einer langen Fahrt in das In¬
dianerreservat der Navajos auf. Dort stehen wohl viele
Kids auf Horrorpunk, denn schon einige Bands des Gen¬
res fanden ihren Weg dorthin. Durch Wüste und Berge
krochen wir die Highways entlang, immer im Gefolge
von BLITZKID, die uns ein Walkie-Talkie geliehen hatten,
so dass wir zwischen den Vans Dummheiten austauschen
konnten. Allerdings staunten wir nicht schlecht, als wir,
ganz „Kinder des Zorns“-mäßig, plötzlich einen Prediger
aus unserem Funkgerät sprechen hörten und zwei Vans
überholten, die mit Tafeln der Zehn Gebote und Bildern
von abgetriebenen Föten behängen waren. An einem
Meteoritenkrater vorbei näherten wir uns der Abfahrt
zu einem winzigen Highway, der in das Reservat führ¬
te. Die Sonne ging langsam unter, die Handys hörten auf
zu funktionieren, die Landschaft wurde karger und ers¬
te wilde Hunde liefen am Highway entlang. Die Horro¬
ratmosphäre wurde durch das Radioprogramm verstärkt:
Der einzige Sender, der zu empfangen war, spielte nur In¬
dianermusik, mit Trommeln und Gesängen.
Nach 80 Meilen durch die Einöde erreichten wir viel zu
spät Chinle, um zu erfahren, dass der Direktor der ört¬
lichen Highschool, in der der Gig eigentlich stattfinden
sollte, das Konzert abgesagt hat. Der Oberindianer hatte
wohl Angst vor den deutschen Grusel-Rockern. Stattdes-
sen fand das Konzert im Chapter-House statt, also dem
Haus des Stammesrats. Das Bild, das uns dort erwarte¬
te, war für europäische Augen wirklich ungewöhnlich.
Ein Haus, mitten im Schnee, davor über hundert Punk-
Kids, die alle indianischer Abstammung waren. Im Haus
selbst war keine Bühne aufgebaut, stattdessen große Ge¬
mälde von Häuptlingen an jeder Wand. Gespielt wur¬
de mit normalem Raumlicht, das bei unserem Gig aber
plötzlich ausging. Wie auf Kommando stürzten sich die
Kids aufeinander und pogten, was das Zeug hielt. Eine
halbe Stunde später war der Spuk für THE OTHER wieder
vorbei, weil die Zeit eingehalten werden musste. Punkt
22 Uhr musste der Laden komplett leer sein. Vorher je¬
doch spielten BLITZKID - und coverten netterweise un¬
ser „Hyde inside“, was wir aus Zeitgründen nicht spielten
konnten - und wir machten Fotos mit wirklich jedem der
Anwesenden und schrieben uns die Finger wund. Beim
Ausladen trabten dann noch zwei Wildpferde an uns vor¬
bei durch das Dorf. Im Anschluss ging es bei gefühlten
15 Grad unter Null ins Best Western Motel, wo wir bis
drei Uhr morgens mit den Veranstaltern tranken. Besser
gesagt: Wir widmeten uns höflich unseren zwei bis drei
Bier, während sich Anthony und Co. total abschossen. Al¬
kohol ist im Indianerreservat nämlich illegal, und wenn
es mal Bier gibt, dann wird so viel getrunken wie mög¬
lich. Natürlich musste auch die Tatsache gefeiert werden,
dass THE OTHER die erste deutsche Band war, die je im
Navajo-Reservat gespielt hat. Also hoch die Tassen und
fleißig Fotos gemacht!
Am 19. Januar ging es für REZUREX, die wieder dazu
stießen, und THE OTHER nach Santa Cruz. Wieder ein¬
mal waren die REZUREX zwei Stunden zu spät, weil jedes
Bandmitglied einzeln mit einem 15-Personen-Van einge¬
sammelt werden musste. Auch die typische amerikani¬
sche Leichtfertigkeit („Schlagzeug nehmen wir nicht mit,
wird schon eins da sein“) nahm uns oft ziemlich mit.
Aber immerhin durften wir das erste Mal mit REZUREX
im Original-Line-up spielen, denn sowohl Jeff war wie¬
der dabei als auch Drummer James Menza, der mittler¬
weile genau wie Jeff bei TIGER ARMY trommelt. Gera¬
de die beiden entpuppten sich als echte Komiker und so
war die Fahrt immerhin ein ziemlicher Spaß. Nach ei¬
nem Zwischenstop im Hotel, wo wir uns schminkten,
ging es für THE OTHER sofort, ohne Soundecheck, auf
die Bühne. Eine stattliche Fan-Schar von bestimmt 250
Fiends hatte sich bereits angesammelt und freute sich auf
die „German Punks“. Wieder wurde viel mitgesungen,
besonders „Beware of ghouls“ und „In the dead of night“
und es gab viel Lob im Anschluss. Sogar ein paar Deut¬
sche waren gekommen. REZUREX mischten das Publi¬
kum danach richtig auf und es gab viel Bewegung und
auch eine kleine Keilerei.
Der letzte Tour-Tag begann mit feinem Sightseeing. Die
STELLAR CORPSES wollten uns ihre Heimatstadt Santa
Cruz zeigen, wo einer der ältesten Vergnügungsparks der
USA noch immer steht. Horror-Fans kennen den Park si¬
cher aus „Lost Boys“ und natürlich mussten wir das obli¬
gatorische Foto auf der Eisenbahnbrücke machen, an der
die Jungs um Kiefer Sutherland im Film kopfüber bau¬
melten. Außerdem ließen wir es uns nicht nehmen, eine
Runde mit der Achterbahn zu drehen, die hierzulande
längst vom TÜV geschlossen worden wäre. Schließlich
wollte die ganze Truppe noch auf die Oldschool-Geister¬
bahn, die wirklich ein paar Erschrecker und einige La¬
cher zu bieten hatte.
Nach einem ausgiebigen Frühstück ging es über San Fran¬
cisco - mit Fotopausen an der Golden Gate Bridge - in
die Staatshauptstadt Sacramento. Der Club, Willemina’s
Bar, lag im alten Teil der Stadt und war richtig geil. Keine
Bühne, aber sonst alles klasse. Großer Backstagebereich,
super Essen, etwas Trinken und schließlich ziemlich vol¬
les Haus. Größtenteils Psychobilly-Publikum war aufge¬
schlagen und teilweise mit fetten Hotrods vorgefahren,
aber auch THE OTHER konnten die Leute überzeugen
und der Gig hat richtig gerockt. Die Pausen zwischen den
Bands wurden allerdings von einer etwas molligen und
ziemlich betrunkenen Burlesque-Tänzerin überbrückt,
die zwar nett, aber doch ziemlich unansehnlich war.
Wieder waren allerdings Freunde vor Ort, unter anderem
unser Kumpel Jonny Cancer, der extra aus Texas eingeflo¬
gen war. Nach dem Gig ging die Party im Hotel bis sechs
Uhr morgens und speziell Jeff, James und meine Wenig¬
keit frönten ausgiebig dem Alkohol und den Zigaretten.
Das Ende der Tour war da. Erneut fuhren wir 12 Stun¬
den durch die Wüste nach Hollywood und konnten un¬
seren letzten Tag kaum genießen. Eigentlich waren wir
als Darsteller im neuen Video von THE 69 EYES einge¬
laden, aber auch das schafften wir zeitlich nicht mehr.
Nach dem Kofferpacken ging es dennoch auf einen letz¬
ten Trip ins Tiny’s auf ein Treffen und mehrere Biere mit
Steve und Bart von FRANKENSTEIN. Da das Taxi zum
Flughafen um halb drei Vorfahren sollte, war an Schlaf
eh nicht zu denken ...
So endete ein echtes Abenteuer, das trotz aller Unken¬
rufe im Vorfeld nur positive Erinnerungen hinterlassen
hat. Das Feedback auf THE OTHER in den USA war gro߬
artig und durch Merch-Verkäufe und Gagen haben sich
alle Kosten vor Ort und ein Teil der Flugtickets refinan¬
ziert, und das bei acht Shows. Wir haben viele Freunde
getroffen, viel gesehen, viel erlebt und noch mehr ge¬
lacht. Schon jetzt ist der nächste Trip geplant, diesmal an
die US-Ostküste.
Rod Usher theother.de
OX-FANZINE 109
M. O.T. O/K-KLÄNGSTUDIO
MEISTER DES BANALEN
M.O.T.O.
M.O.T.O., MOTO oder ausgeschrieben MASTERS OF THE OBVIOUS existieren sein nunmehr 26 Jahren
und sind seit all den Jahren unbestreitbar das Soloprojekt des einzig festen Bandmitgliedes, Sänger und
Gitarrist Paul Caporino, der die Band von Chicago aus am Laufen hält. Eine Ego-Angelegenheit, wie er
zugibt. Ich lehne mich jetzt einmal so weit aus dem Fenster, ihn mit dem nimmermüden Billy Childisch zu
vergleichen - mit den Unterschieden, dass Paul aka M.O.T.O. noch unbekannter ist und nicht gaaanz so
viele Songs auf dem Buckel hat wie der andere Meister. Dafür ist Paul bei der Erhaltung seiner Band we¬
sentlich konstanter. Musikalisch beweist auch er eine große Affinität zu trashigem Pop-Punk, wobei die
Garage meistens genauso nahe liegt wie der New Wave und der Sixities-Beat.
Mein erstes M.O.T.O.-Album war die 1990er CD „This
Corpse Is A Warning“, die ich vor ein paar Jahren von
einem Freund zum Geburtstag bekam, der sie mir mit
den Worten überreichte: „Wie, du kennst die nicht? Das
wundert mich, die sind der Hammer!“ Ich muss dazu sa¬
gen, dass dieser Freund - eher der Freund eines Freun¬
des, meines damaligen Schlagzeugers - im Orchester ir¬
gendein Saiten- oder Blasinstrument spielte, Spex-Leser
war und eher seichten Indie hörte. Zumindest dachte ich
das. Entsprechend groß war meine Verwunderung also,
als ich die CD auflegte und sie in kürzester Zeit eine mei¬
ner Lieblings-CDs wurde und über die Jahre auch blieb.
Allein für den Satz „I hold my guitar just like a penis“ in
„Sonic torture“ liebe ich Paul Caporino! Nie wieder habe
ich eine CD besessen, die wirklich alle meine Mitbewoh¬
ner, wenn sie in der Küche lief, toll fanden. Von „Klingt
wie eine Kreuzung aus RAMONES und BEACH BOYS“ bis
„Besser als die BEATLES“ war da alles dabei. Ich werde
diesem Freund wohl ewig dankbar sein. Leider wohnt er
in München und ich treffe ihn viel zu selten.
Auch der Herausgeber dieses Fanzines musste in seinem Review zu der Compilation-CD „Single File“, die die Singles
aus der Zeit zwischen 1988 und 1993 vereint, in Ox #60 gestehen: „Da denkt man, man kenne so ziemlich alles in sei¬
nem musikalischen Universum, und dann stellt man fest, dass eine Band wie M.O.T.O. aka MASTERS OF THE OBVIOUS
zwar schon seit 1981 existiert und unzählige Singles veröffentlicht hat (...), man aber bislang keine einzige davon be¬
saß. Seltsam!" Seltsam ist es in der Tat, dass M.O.T.O so sträflich unbekannt sind. Liegt es vielleicht daran, dass sie erst
dreimal in Europa auf Tour waren? 2002, 2004, 2007. Wie bereits 2004 waren auch dieses Jahr in Berlin nur 30 bis 50
Menschen anwesend, um die Meister des Pop-Punk zu feiern. Pauls Eingeständnis dazu klingt sehr prosaisch: „Wir ge¬
ben uns nicht genug Mühe. Ich bin einfach sehr faul. Aber es wird besser, wir versuchen es.“
Ein weiterer Grund, warum M.O.T.O hierzulande so un¬
bekannt sind, könnte sein, dass bis 1999 fast alle Veröf¬
fentlichungen, mit Ausnahme von „This Corpse ..." und
der „Bolt“-LP (ein 1996-Rerelease eines Tapes von 1986)
und den besagten Singles, auf Kassette erschienen sind.
Kassetten, die Paul in Eigenregie zu Hause aufnahm und
von dort aus vertrieb. Kassetten, die Paul nicht etwas aus
Abneigung oder gar Verachtung gegenüber Vinyl oder -
was ja verständlich wäre - CDs aufnahm, sondern, weil
ihn nach eigener Aussage kein Label haben wollte, und
weil er aus der „Kassetten-Generation“ stammt. Kasset¬
ten, die oftmals nur von Paul alleine bespielt sind und
mit einem Vierspurgerät aufgenommen, freilich mit Be¬
gleitung seines Drumcomputers, den er nicht etwa des¬
halb Dr. Mac nennt, weil er über die Jahre eine innige Be¬
ziehung zu diesem Gerät entwickelt hätte, sondern aus
dem banalen Grund, weil die Maschine halt so heißt.
Kassetten, die in Ermangelung dieses Mediums mittler¬
weile und glücklicherweise nach und nach auf Vinyl rere-
leaset werden, so zum Beispiel das erste Tape von 1985,
„Turn Your Head And Cough“, das auf der diesjährigen
M.O.T.O.-Tour in einer limitierten Auflage von 300 er¬
hältlich war, und das Paul bereits in seiner Anfangszeit
in seiner ganzen Größe präsentiert: Songs, die einfacher
und magischer nicht sein könnten. „Songs müssen ein¬
fach sein, sie müssen einfach zu spielen sein. Komplizier¬
te Songs sind meistens nicht gut.“ Die RAMONES-Idee
halt. Und dass die RAMONES neben den KINKS zu den
großen Idolen Pauls gehören, ist unschwer zu erkennen.
THE SOUND OF HAMBURG PUNKROCK
K-KLANGSTUDIO
Wenn eine Punkrock-Band in Hamburg sich anschickt, eine Plattenaufnah¬
me zu machen, kann man inzwischen fast davon ausgehen, dass sie zu die¬
sem Zweck im K-Klangstudio von Ritchy Fondermann landet. Ob jung oder
alt, wer seine Songs in gutem Sound aufgenommen haben will, kehrt früher
oder später in diesem Keller auf St. Pauli ein. Das Geheimnis des Erfolgs mag
darin liegen, dass der Hausherr selber seit vielen Jahren in diversen Bands
aktiv ist. So war er jahrelang Kopf der inzwischen verblichenen ANTIKÖRPER
und startet nun mit den VARANES und BUNCH OF RAGS durch. Wie es hin¬
ter den Kulissen der Musikbranche zugeht, weiß Ritchy gut genug, denn als
ehemaliger A&R bei der Polydor hat er viel Sein und noch mehr Schein erle¬
ben dürfen. Da er seit einiger Zeit aber nun das K-Klangstudio hauptberuflich
betreibt, schien es mir an der Zeit, den freundlichen Herrn und sein Schaffen
mal etwas genauer vorzustellen.
Bitte zuerst ein paar Worte zu deinem Werdegang.
Ich bin 1973 in Essen zur Welt gekommen. Mit 12 Jahren
bin ich nach einigen Umzügen in Kirchnüchel, Schles¬
wig-Holstein gelandet. Dort wurde ich bald mit dem
Punk-Virus infiziert. 1987 wurde die erste Band gegrün¬
det und auch der Grundstein gelegt für meinen Plan, ein
Tonstudio zu betreiben. Ein Musiklehrer lieh mir hierfür
das nötige Equipment. 1993 bin ich nach Hamburg gezo¬
gen, um dort mehr aus meinem Hobby zu machen. Jobs
bei der Post und im Krankendienst boten mir genügend
Zeit dazu. Dann kam ein Abstecher in die Welt des Musik-
business, zunächst als Promoter, später dann als „Hilfs-
A&R“ bei der Polydor. Mein angefangenes Studium brach
ich danach aus Geldmangel ab und arbeitete zunächst als
Kurierfahrer. Das Tonstudio baute ich mir nebenbei auf
und begann mit den ersten Produktionen. Inzwischen
betreibe ich mein Studio hauptberuflich.
Und welche Musik wird dort produziert?
Mein Musikgeschmack ist sehr breit gefächert. Es braucht
aber Gitarren und rauhe Sounds, um mich glücklich
zu machen. Grundsätzlich bedeutet das für meine Ar¬
beit, dass es einer Band bedarf, die von sich aus schon
gut klingt, um sie möglichst naturgetreu aufzunehmen.
Wobei ein Studio keine Bühne ist und Zusätzliches sowie
Schummeln - wenn es unaufdringlich und ehrlich ist -
durchaus erlaubt sind.
Bei der Polydor hast du das Musikbusiness ja zuerst von
der rein kommerziellen Seite kennen gelernt. Welchen
Einfluss hat diese Erfahrung möglicherweise auf deine
jetzige Studioarbeit?
Das war eine interessan¬
te Zeit. Ohne die Polydor
hätte es ANTIKÖRPER in
der Form nicht gegeben,
denn dann hätten wir gar
nicht genug Geld verdient,
um das alles zu finanzieren. Aber auf meine Studioarbeit
hat das keinen Einfluss. Ich arbeite ja in erster Linie mit
Bands und nicht mit Labels zusammen. Aber natürlich
weiß ich auch, was man für eine Radioproduktion be¬
achten sollte.
Du sagst, Musik, die du magst, braucht Gitarren und ei¬
nen rauhen Sound. Würdest du denn auch gänzlich an¬
deres Terrain betreten, wenn zum Beispiel eine Hip-
Hop-Band an dich herantreten würde?
Ja, weil ich grundsätzlich alles mache, was mir Spaß be¬
reitet. Außerdem lerne ich gerne dazu und wenn ich et¬
was für mich Neues mache, dann biete ich das auch so an.
Manchmal dauert so etwas dann länger, aber das geht na¬
türlich nicht zu Lasten der Musiker. Ich habe auch schon
Schlager produziert, und meine erste Ska-Band war auch
nicht ohne. Interessant wird es immer, wenn man ver¬
sucht, an „originale“ Sounds wie bei altem Blues, Coun-
try oder Swing ranzukommen. So gesehen würde ich
auch HipHop machen, wenn ich Platz zum Experimen¬
tieren bekäme.
Die Arbeit eines Rick Rubin scheint dich sehr zu be¬
eindrucken. Könntest du dir vorstellen, einmal eine
so minimalistisch, zurückgenommene Produktion zu
machen, wie er es mit Johnny Cash tat?
Auf jeden Fall. Was ich an Rick Rubin mag, ist die Nähe
zum Künstler, die er manchmal transportieren kann. Ich
mag das, wenn man glaubt, neben dem Sänger zu stehen,
und alles zu hören ist, was sie eben machen. Mit meinen
eigenen Bands versuche ich immer, minimal zu arbeiten.
Da kommt drauf, was da ist, und nicht mehr. Aber eben
alles mit guten Sounds.
Wie wichtig ist generell das persönliche Verhältnis
zwischen dir und Band/Interpret für die Arbeit im
Studio?
Absolut wichtig. Wenn die Chemie nicht stimmt, wird
auch aus der Produktion nichts. Wenn mir die Menschen
nicht gefallen, habe ich keine Lust und dann knie ich
mich auch nicht rein. Wenn mir die Musiker gefallen,
dann arbeite ich auch gerne so lange und zum Teil um¬
sonst, bis eine Produktion wirklich fertig ist und allen
gefällt. Nichts ist schlimmer, als wenn man als Musiker
nach einem halben Jahr nicht mehr mit seiner Platte zu¬
frieden ist. Nur so kommen die Leute auch wieder. Und
wenn sie nett sind, dürfen sie das auch. Ich habe nämlich
auch schon sehr lukrative Angebote abgelehnt, weil ich
mit den Leuten nicht zurechtkam.
Nenn doch mal ein paar Bands, mit denen du bereits
gearbeitet hast.
OX-FANZINE 110
M.O.T.O./K-KLANGSTUDIO/CHAOSTAGE - DER FILM
KALKULIERTES CHAOS
CHAOSTAGE - DER FILM
„Als Chaostage werden bestimmte Treffen von Punks in verschiedenen Städten bezeichnet, an denen
zum Teil auch Autonome und andere linke bzw. linksradikale Gruppen sowie Hooligans, Skinheads, ju¬
gendliche Migranten und allgemein interessierte Jugendliche und Erwachsene teilgenommen haben. Die
ersten Chaostage fanden 1983 in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover statt, die sich ur¬
sprünglich gegen eine geplante Punker-Datei der Polizei richteten. Bei den seitdem mehr oder weniger
regelmäßig stattfinden Chaostagen kam es dabei - besonders bei den Chaostagen 1995 - immer wie¬
der zu heftigen Ausschreitungen und Straßenschlachten mit der Polizei.“ So die Definition von Wikipedia.
Und in Kürze wird da auch noch stehen: „Ein Film von Tarek Helayel, basierend auf dem Buch von Moses
Arndt“. Und deshalb befragte ich den Herrn Filmemacher zu seinem Vorhaben.
Die Songs sind nicht nur simpel gestrickt, sie sind auch
witzig und behandeln wichtige Themen, zum Beispiel
Sex. „Sex ist ein großes Thema im Leben. Ich wurde
katholisch erzogen. Der Katholizismus ist sehr repres¬
siv. Wenn du den Leuten etwas verbietest, wollen sie es
nur noch mehr.“ Banale Aussagen über banale Tatsachen.
Und könnte der eine oder die andere M.O.T.O. womög¬
lich bösartiger Weise unterstellen, sie seien unpolitisch
und sexistisch, kann man darauf wie JeNny Kracht - die
mir dankenswerter Weise bei den Fragen half, nachdem
Paul bei dem angedachten Interview in Köln leider keine
Stimme mehr hatte - nur sagen, „dass die Songs einfach
totalen Spaß machen.“ Klar drehen sich Songtitel und
Texte wie „Crystalize my penis“, „I like fucking, baby“
und „I just had sex and I’m walking down the Street, oh
the chicks can teil.“ nur um das Eine, aber schließlich ist
Sex ja auch ein großes Thema im Leben. Und dass Paul
viele seiner Songs auf dem Klo schreibt, ist in der Tat nur
ein Gerücht: „Ich hatte vielleicht die Ideen für ein oder
zwei Songs auf dem Klo.“
Nachdem Paul zusammen mit der Schlagzeugerin Beck
Dudley M.O.T.O. in den Jahren 1988 bis 1993 als Duo
betrieb, hat die Band in den letzten Jahren zu einer er¬
staunlichen Konstanz gefunden: Bassist Dennis Spaag ist
nun schon seit dreizehn Jahren in der Band und damit
neben Paul das längste M.O.T.O.-Mitglied ever. Alleine
die Nennung der ehemaligen M.O.T.O.-Mitglieder wür¬
de diese Artikel sprengen, wenn es für den hohen Ver¬
schleiß auch keinen besonderen Grund gibt, wie Paul
meint. „Es hat lange gedauert, aber mittlerweile versu¬
chen wir Platten zu machen, wie alle anderen auch.“ Und
mit Criminal IQ hat die Band auch ein in Chicago ansäs¬
siges Label gefunden, das die letzten beiden Studioalben
„Kill M.O.T.O.!“(2002) und „Raw Power“(2005) veröf¬
fentlicht hat und auf dem auch das neue Album, das im
November aufgenommen wird, erscheinen soll. Nicht zu
vergessen die Singles, von denen Paul beinahe zwei jähr¬
lich raushaut, so dass es bereits an der Zeit für eine neue
„Single File“-CD wäre. Von wegen „lazy person“! Und
dann folgt hoffentlich 2008 wieder eine Tour durch Eu¬
ropa, und wer da nicht da ist, dem oder der klau ich alle
seine oder ihre RAMONES-Platten!
Chris Wilpert motorock.com
Insgesamt waren es bislang über fünfzig Bands, unter an¬
derem ANTIKÖRPER, ASTA KASK, GOTTKAISER, HEI¬
MATGLÜCK, JESUS SKINS, LEISTUNGSGRUPPE MAU-
LICH, MOTORMUSCHI, MR. BURNS, PROJEKT KOTE¬
LETT, RAMONEZ 77, RANDYS RIPCORD, RANTAN-
PLAN, RUBBERSLIME, SKATOONS, SMALL TOWN RIOT,
SQUARE THE CIRCLE, SS ULTRABRUTAL, THE CRIMES,
THE VARANES und viele, viele mehr.
Noch mal ein paar Fakten: Was kann eine Band, die
bei dir aufnehmen will, für technische Möglichkeiten
vor finden? Und wie sieht es mit Bands von außerhalb
Hamburgs aus?
Mein Equipment hier aufzulisten, ergäbe keinen Sinn,
das kann man sich im Internet angucken. Grundsätzlich
kann man sagen, dass ich jeder Aufnahmesituation ge¬
recht werden kann. Ich lege, wie schon gesagt, viel Wert
auf authentische und warme Sounds. Das bedeutet, ich
habe sehr viel Röhrenequipment, über 30 verschiedene
Mikrofone und eine Top-Abhöre. Aufnehmen kann man
analog oder digital, je nach dem, wie man das gerne hät¬
te. Im Endeffekt kann man nicht sagen, das eine ist bes¬
ser oder schlechter. Es entscheidet der persönliche Ge¬
schmack, die Erfahrung - digital ist viel einfacher - und
der Geldbeutel. Bands von außerhalb kommen auch häu¬
fig und haben die Möglichkeit, bei mir zu übernachten
oder in eine Art Hotel zu gehen. Ich habe da ganz gute
Kurse und außerdem bin ich ja nicht so teuer, so dass da
häufig noch was übrig bleibt.
In deinem eigenen musikalischen Werdegang ist si¬
cherlich ANTIKÖRPER die bekannteste Band gewesen.
Erzähl doch mal ein wenig über die Zeit und warum es
dann zum Aus kam?
Auf das Wesentliche beschränkt, kann man sagen, wir
haben alles gemacht, was wir machen wollten, Platten¬
vertrag, eine Tour und viel mehr. Schließlich sind es 3,75
Platten, diverse Touren - zwei nach Russland - und viel,
viel mehr geworden. Dann war die Luft raus, es fing an,
sich zu wiederholen und wir brauchten eine Pause. Peter
und ich telefonieren aber einmal im Monat und drücken
uns gegenseitiges Beileid aus, so dass es sehr wahrschein¬
lich ist, dass bald mal wieder was kommt. Aber wie und
wann ist noch unklar.
Wie sehen deine derzeitigen Aktivitäten aus?
Zurzeit habe ich mit zwei Bands alle Hände voll zu tun.
THE VARANES spielen englischsprachigen Punkrock
mit viel Melodie, und BUNCH OF RAGS ist der Versuch,
Johnny Cash und Elvis so zu spielen, wie das früher ge¬
macht wurde - mit wenig Schlagzeug, akustischer und
elektrischer Gitarre.
Abel Gebhardt k-klangstudio.de
Tarek, stell dich doch bitte mal vor.
Mein Name ist Tarek Mohammed Mahmud Kalim Helay¬
el. Ich zähle 25 zarte Lenze und bin der Regisseur des in
Kürze auf Deutschland zurollenden Blockbusters „Chaos¬
tage“. Außerdem betreibe ich in Saarbrücken ein exklu¬
sives Piercingstudio namens AK47, und habe die „Sabo¬
takt Boxparty“, den einzig wahren Fight Club erfunden.
Mein Motto: Fünf Minuten vor der Zeit ist des Soldaten
Pünktlichkeit!
Die Story in ein paar wenigen Sätzen, bitte.
„Chaostage“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Ro¬
mans von ZAP-Chef Moses Arndt. Wir drehen einen Epi¬
sodenfilm. Verschiedene, scheinbar unzusammenhän¬
gende Einzelgeschichten verketten sich im Laufe der
Story zu einem Ganzen und führen am Ende zur Kata¬
strophe, zu den Chaostagen eben. Es geht nicht spezi¬
ell um die Chaostage von Hannover, sondern um etwas,
wie es jederzeit und allerorts wieder geschehen könnte.
Deutschland - an einem ganz normalen Wochenende im
Sommer ...
Wie kommt man auf die Idee, so einen Film zu dre¬
hen?
Also mich wundert es eher, dass vorher noch niemand
auf die Idee gekommen ist, so einen Film zu drehen.
Zum einen ist „Chaostage“ ein geflügeltes Wort, das hat
längst die „Szene“ oder eben diese kleine Nischenwelt
voller Minizirkel verlassen. Chaostage bei Ikea, Chaosta¬
ge beim Sommerschlussverkauf, Chaostage bei „Deutsch¬
land sucht den Superstar“. Wir sind junge Teufelsbraten
mit mächtig Dynamit im Rektum, und wollen endlich
mal wieder eine Bombe platzen lassen. Eine Szene, die
von bierseligen Rentnern und minderjährigen Phlegma¬
tikern dominiert wird, ist doch einfach nur stinklang¬
weilig. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.
Wie und wo hast du das Handwerk gelernt, wer außer
dir wird noch für die wohl doch nicht ganz vermeid¬
bare Mindestprofessionalität sorgen?
Ich habe weder eine Kunsthochschule besucht, noch mir
bei Amazon ein schlaues Buch über Regie bestellt. Al¬
les, was ich kann, ist autodidaktisch erlernt, und ich bin
überzeugt, den richtigen Weg gewählt zu haben. Natür¬
lich ist so ein Film ein gigantischer Arbeitsaufwand und
es muss schon eine mächtige Maschinerie in Gang gesetzt
werden - aber mit dem nötigen Eifer und Begeisterungs¬
fähigkeit klappt das schon. Natürlich habe ich jede Menge
professionelle Hilfe. Kameraleute, Tontechniker, Maske,
Licht - da braucht es Profis, das ist nicht von der Hand zu
weisen. Welch ein Glück für uns, dass so viele Punks sich
in ihrem späteren Leben in kreative Berufe verabschiedet
haben und uns jetzt für kleines Geld und mit der richti¬
gen Attitüde zur Seite stehen. Die Besetzung kann sich
auch sehen lassen: Martin Semmelrogge, Claude Oliver
Rudolph und Jana Pallaske sind nur ein paar ausgesuchte
Namen unserer Superstars.
Was bedeuten dir die „Chaostage?
Die Chaostage sind ein ganz besonderes Ereignis. Und da
geht’s nicht mal unbedingt um die Randale. Die Unbe¬
rechenbarkeit der Masse, ihre Dynamik und die immer
wieder erstaunliche Erkenntnis, dass Punks einfach kei¬
ne homogene Masse sind, ist einfach fabelhaft. Die richti¬
gen Zutaten wie Sommer, Musik, Suff, ein Schweizer Ta¬
schenmesser und eine Brise Wahnwitz sind tausendmal
geiler als jedes noch so große Festival in der Ostzone.
Wie ist dein Verhältnis zu Moses? Hast du ihn erst über
das Buch kennen gelernt oder seid ihr alte Kumpels?
Ich kenne Moses ungefähr seit ich 14 bin. Jahrelang war
er für mich Mentor und hat mich für alle möglichen Din¬
ge eingespannt. Inzwischen sehe ich seine Person etwas
differenzierter. Natürlich ist er ein genialer Typ und kann
unheimlich wirken durch seine prophetische Art. Aller¬
dings ist er auch ein geldgeiler Irrer, der jeglichen Bezug
zur Realität verloren hat. Ich denke, auf die Dauer kann
man in seiner Gegenwart nur in Schwierigkeiten geraten,
und es ist alles in allem klüger, sich von seinen oft auch
nicht ungefährlichen Umtrieben fernzuhalten.
Wie wird die ganze Sache denn finanziert? Ihr werdet
ja sogar durch die Filmförderung des Saarlands geför- '
dert...
Man nehme: Eine Idee, einen PC, einen Löffel Übermut,
einen Tag Zeit und eine Bankverbindung - Ruckzuck ist
die Rakete startbereit.
Welche Bands und „Prominente“ werden sich beteili¬
gen? Und wie viele Statisten sind im Einsatz?
An Bands und Punk-Persönlichkeiten konnten wir wirk¬
lich das gesamte schlechte Gewissen versammeln. Dirk
von SLIME, TOXOPLASMA, Erich Zander, Karl Nagel,
Mikro von ABTSÜRZENDE BRIEFTAUBEN, Wolfgang
Wendland, um nur einige zu nennen, haben uns bereits
Rede und Antwort gestanden. Denn die Episoden im Film
werde immer von Interviews eben dieser Punk-Geburts¬
helfer unterbrochen. Teils mit selbst erlebten Storys, teils
mit Bezug auf die Geschehnisse im Film. Reale Personen
belegen also fiktive Ereignisse und machen die Legen¬
de perfekt. Mit den Statisten halten wir es wie die Bibel.
12.000 mal 12.000 wollen wir sein!
Wie sieht der Zeitplan aus?
Am 01.06. fällt die erste Klappe für den Kerndreh. Ge¬
dreht wird im Raum Saarbrücken. Es gibt noch reichlich
Möglichkeiten als Statist mitzuwirken. Hier ein paar Da¬
ten:
09.06. TOXOPLASMA im AJZ Homburg/Saar. Die Band
spielt sich selbst und ihr könnt als Statisten dabei sein.
16.06. Raum Saabrücken Skinhead-Konzert. Ihr wollt ein
Nazi-Statist sein: Meldet euch auf unserer Homepage an
oder schreibt eine E-Mail.
15.07. Saarbrücken „Chaostage“-Abschlussdreh. Jeder
kann kommen und einen Sonntag lang Autos zerstören,
Flaschen werfen und Bier trinken — alles ganz legal. Die
genauen Treffpunkte gibt es auf unserer Website.
Kommt der Film ins Kino oder wird der gleich auf DVD
veröffentlicht?
Wir rechnen fest damit das Teil ins Kino zu bringen. Jede
drittklassige Punkband macht ja jetzt ihre DVD, aber Kino
hat ein ganz anderes Niveau. Wir sind am Ball, und wer¬
den in diesem Jahr die Chaostage nicht nur zurück auf
die Straße bringen, sondern auch endlich auf die großen
Leinwände.
Joachim Hiller chaostage-film.de
OX-FANZINE 111
ANR20 Skannibal Schmitt C[
“Ska a la machete”. Dje Franzosen ha¬
ben keinen Respekt vor musikalischen
Schranken oder Stil Definitionen. Ihr
Motto: Ernergie, Verrücktheit, Anarchie,
Spaß. Ihre Mittel: Ska, Hardcore, Punk,
Hip-Hop, Afro-Beat. Ihre Politik: Tanzen.
ANR14 SKAPUNKUNITED CD
4 Bands aus 4 Ländern mit einer Vor¬
liebe: Ska-Punk, Ska-Punk, Ska-Punk.
Je zwei Songs von DISTEMPER (RUS),
JAN feat. UDSSR (A), SKANNIBAL
SCHMITT (F) und MAD MONKS (D).
Erstauflage kommt im schicken Digipac.
5 kapu nkuni t e t>
&FStemper\.*..
skanni&al sChmitt,
jan feat. u&ssrw
ma«> monKs
SKA-PUNK MOSCOW
20.07. D-Kassel - K19
22.07. D-Schopfheim - Holzrock Open
23.07. D-Stuttgart - tba
24.07. D-Darmstadt - Oettinger Villa
25.07. D-Bamberg - Morph Club
26.07. D-Cottbus - Muggefug
27.07. D-Behnkenhagen - Force Attack
28.07. D-Braunschweig - B58
29.07. D-Hamburg - Hafenklang
30.07. D-Köln - Sonic Ballroom
31.07. D-München - Feierwerk
01.08. A-Innsbruck - PMK
02.08. A-Wien - tba
03.08. A-Nitzing - Heidenspass Festival
04.08. A-Millstatt - Bergwerk
06.08. D-Gelnhausen - Lorbass
10.08. D-Eberswalde - Exil
ANR21 DISTEMPER/TARAKANY
Weitere Konzerte in Planung SPLIT-CD/LP coming soon
www.anr-music.org | info@anr-muaic.org
JiJTT«
TaleU Faa-ELorde* | TrooilsLn."
ANR17 Distemper - Podu... LP/CD
Die russischen MIGHTY MIGTHY
BOSSTONES mit 100%ig partytauglich¬
em Ska-Punk. 12 neue mitreissende
und energiegeladene Ska-Punk
Smasher mit russ. Gesang und Charme
aus dem Herzen Moskaus. Pflichtkauf!
ANR18 Moskovskaya - Zeit CD
Nach vier Jahren endlich ein neues
Album. Mit “Zeit” startet moskovSKAya
eine neu.e Offensive in Sachen
Deutscher Ska-Musik. Ihr defintiv bestes
Album. Uptempo Ska zum Abtanzen.
Party garantiert!
SCHMITT
ANGST IST DER NEUE STANDARD
THE SETUP
Dries Olemans wird einigen Lesern noch als Sänger der Reflections-Band CIRCLE in Erinnerung geblie¬
ben sein. Inzwischen hat seine neue Gruppe THE SETUP bereits ihr zweites Album „Minister Of Death“
veröffentlicht und ihr moderner Hardcore überzeugte von Anfang an, so dass die Belgier von GSR un¬
ter Vertrag genommen wurden und auch eine Tour mit BORN FROM PAIN absolvieren konnten. Dass es
bei THE SETUP aber um weit mehr als nur Musik geht, bewies der charismatische Frontmann im folgen¬
den Dialog.
Dries, du hast früher bei CIRCLE, die bei Reflections
unter Vertrag waren, gespielt. Inwiefern unterschei¬
den sich denn die Arbeitsprozesse der Bands und wel¬
che Ähnlichkeiten gibt es?
THE SETUP und CIRCLE sind wirklich grundverschieden,
sowohl was die Musik betrifft als auch von der Arbeits¬
weise her. Bei THE SETUP hat jedes Mitglied ganz kla¬
re Vorstellungen davon, wie die Band klingen soll, wie
wir als Gruppe auftreten, wie wir uns entwickeln sollten
und welche Entscheidungen für positive Entwicklungs¬
prozesse getroffen werden müssen. Es ist hauptsächlich
Andries, der dort die Songs schreibt, dann fügt Serch sei¬
ne Rhythmen hinzu und ich ergänze das dann mit den
Gesangsstrukturen und den Texten. CIRCLE war in die¬
ser Hinsicht eine schwierige Band, da die fünf beteiligten
Menschen unterschiedliche Vorstellungen von der Ar¬
beitsweise und der Musik hatten. Nichtsdestotrotz konn¬
te ich bei CIRCLE wichtige Erfahrungen sammeln und die
Band war auch kreativ, darin liegen dann wohl auch die
Gemeinsamkeiten.
„Shifting values“ handelt von gesellschaftlichen Ver¬
änderungen - welchen?
Dieser Song enthält eine Zeile, die wichtig für das Ge¬
samtverständnis des Textes und eigentlich des gesam¬
ten Albums ist: „Angst ist der neue Standard“. Wenn man
sich die heutige Gesellschaft betrachtet und analysiert,
wie die Politik und die Medien arbeiten, wird man fest¬
stellen, dass immer wieder das besonders betont wird,
was uns, unsere Kultur oder unsere Gesellschaft bedroht.
Dabei wird der Gewalt und dem Verbrechen viel Auf¬
merksamkeit gewidmet, ohne zu erklären, aus welchem
Grund dies geschieht. Man fürchtet das Fremde, und die¬
se Furcht wird uns täglich eingeimpft. Das halte ich für
extrem gefährlich. In den falschen Händen kann Angst
eine Waffe sein, ein gefährliches Werkzeug. Sie macht
uns gefühllos, ignorant und zu Mitläufern. Es ist natür¬
lich auch seltsam, da wir, und da schließe ich mich kei¬
neswegs aus, noch nie bessere Möglichkeiten hatten, uns
selbst auszudrücken, oder zur Wissens- und Informati¬
onsbeschaffung. Aus irgendeinem Grund können wir
aber mit diesen Dingen nicht umgehen, sondern fühlen
eine wachsende Angst und Verzweiflung. Das Resultat ist
dann, dass wir uns mit dem zufrieden geben, was wir
wissen, oder uns an Instanzen oder Menschen wenden,
die für jedes komplexe Problem einfache Antworten ha¬
ben. Durch diese Konformität verlieren wir unsere Auf¬
geschlossenheit, unsere Fähigkeit, kritisch zu sein, unse¬
re Kreativität und den Willen persönliche Entwicklungen
durchzustehen. Das ist eine Mentalität, die uns lähmt, so¬
wohl im Bereich persönlicher Beziehungen als auch im
gesellschaftlichen Umgang.
Würdest du auch sagen, dass der ideologische Unterbau
der Hardcore-Bewegung langsam wegbricht und durch
einen Amüsierbetrieb ohne Aussage ersetzt wird?
Insgesamt scheinen mir die Leute inzwischen weniger
Interesse an Politik zu haben, auch soziale und morali¬
sche Debatten stehen nicht allzu hoch im Kurs. Ich den¬
ke, wir sind alle etwas oberflächlicher, zynischer und
auch nihilistischer geworden. Diese Tendenzen zeichnen
sich leider auch in der Hardcore-Szene ab. Ich möchte
aber gleich klarstellen, dass wir eigentlich keine politi¬
sche Band sind, wir stellen uns nicht auf ein Podest und
predigen zu den bereits Konvertierten. Wir haben keine
absolute Wahrheit zu bieten. THE SETUP und die Hard¬
core-Szene sind für uns ein Weg, uns auszudrücken und
unsere Beobachtungen im Leben mit anderen zu teilen.
Unser erstes Album bot noch mehr persönliche Themen
und war eher introspektiv, diesmal aber wollten wir un¬
sere Meinung zur Lage der Welt abgeben. Die Zeiten sind
intensiv und hektisch, manchmal vielleicht sogar ver¬
zweifelt, und da halte ich es für die Pflicht jedes Einzel¬
nen, seine Meinung zu äußern und den Gefahren ins Ge¬
sicht zu sehen, denn sie können manchmal auch Chan¬
cen sein. Man hat keine Entschuldigung mehr, wenn man
heute schweigt, bei den Dingen, die in unserer Gesell¬
schaft und auf der gesamten Welt vor sich gehen.
Wieso hat euer Drummer Benjamin die Band verlas¬
sen, und hat Serch den Stil der Gruppe beeinflusst?
Benja hat einen sehr anspruchsvollen Job und er liebt
seine Arbeit von ganzem Herzen. Irgendwann hat er er¬
kannt, dass es nicht möglich ist, die Band mit derselben
Leidenschaft zu betreiben. Wir hatten aber viel Glück,
dass Serch seinen Platz sofort wieder ausfüllen konnte. Er
ist seit langem ein guter Freund von uns und er ist frü¬
her auch schon öfters eingesprungen, wenn Benja wegen
des Jobs mal keine Zeit hatte. Ich bin mir sicher, dass sein
Einstieg einen wichtigen Einfluss auf unseren Stil hatte.
Du würdest also sagen, dass ein neuer Musiker durch
seine Persönlichkeit eine Band auch auf nichtmusika¬
lischer Ebene verändert?
Aber klar. Bei einer Band geht es nicht nur darum, im
Proberaum rumzuhängen, Songfragmente zusammenzu¬
fügen, zu den Gigs zu fahren und dort zu spielen. Wenn
man eine Band so betreibt, wie wir dies tun, dann steckt
man viel Energie und Kraft in die Gruppe. Die Gedan¬
ken und Gefühle der Mitglieder spielen da eine wichtige
Rolle. Manchmal ist es ja so, dass man über gewisse Pha¬
sen mehr Zeit mit den anderen Mitgliedern verbringt als
mit seiner Freundin, da muss man schon Gemeinsam¬
keiten finden, sowohl musikalischer Natur als auch per¬
sönlicher Art.
Es existiert auch eine amerikanische Band namens
THE SETUP, haben Leute schon versehentlich Alben
oder Shirts von der „falschen“ Band bei euch bestellt?
Nicht dass ich wüsste. Ich hoffe, der anderen Band geht es
auch so. Der Name ist nicht so exklusiv, das stimmt. Mit¬
te der Neunziger gab es auch mal eine Band namens SE¬
TUP und auch eine schottische Rockband heißt so. Deren
Manager wollte sogar, dass wir uns umbenennen. Was
die amerikanische Band betrifft, muss ich sagen, dass die
extrem entspannt sind, was unsere Namensgleichheit an¬
geht. Sie haben uns sogar angeboten mal eine Split-CD zu
machen, kein Witz.
Ich persönlich hasse ja große Shows, wenn fünf oder
mehr Gruppen auftreten, der strikte Zeitplan, der In¬
formations-Overflow ... Sprecht ihr auch unter diesem
Gesichtspunkt durch, welche Shows ihr spielt, oder
kommuniziert ihr wenig mit den Bookern?
Bis zu einem gewissen Maß stimme ich dir da zu, die
Shows mit weniger Bands sind für gewöhnlich besser, da
die Zuschauer und die Bands ein Maximum an Aufmerk¬
samkeit und Energie aufbringen können. Ich stumpfe im¬
mer etwas ab, wenn ich sechs Bands nacheinander gese¬
hen habe. Meist passiert mir das, wenn die Gruppen alle
aus dem gleichen Genre stammen. Konzerte mit wenigen
Gruppen sind für gewöhnlich intensiver. Als Band lehnen
wir selten Angebote ab, eigentlich nur, wenn wir an dem
Tag schon für einen anderen Gig gebucht sind. Wir sind
der Überzeugung, dass wir uns vor jedem Publikum be¬
weisen müssen und jeder Zuschauer auch ein Recht hat,
uns zu sehen und sich eine Meinung über unsere Band
zu bilden. Es mag klischeehaft klingen, aber meiner Mei¬
nung nach erreicht man schon etwas, wenn man nur eine
Person erreicht, das ist die Mühe eigentlich wert.
Ihr seid mit BORN FROM PAIN und FIRST BLOOD auf
Tour gewesen. Wächst die Hardcore-Szene, oder ent¬
wickelt sie sich zu etwas völlig Neuem?
Also bei uns in Belgien wächst die Szene, man könnte
sogar von einem Boom sprechen. Die Shows ziehen viel
mehr Kids und es werden zahlreiche neue Bands gegrün¬
det, alles läuft echt gut. Die angesprochene Tour war ein
großer Erfolg. BORN FROM PAIN zieht ein sehr unter¬
schiedliches Publikum an, was ich jetzt nicht negativ fin¬
de, denn oft sind diese Zuschauer aufmerksamer, offe¬
ner und weniger gelangweilt. Ob es jetzt eine neue Sze¬
ne ist, kann ich schwer sagen. Natürlich befinden wir uns
in einer neuen Ära und mir ist klar, dass sich die heuti¬
gen Kids ziemlich von den Jugendlichen vor zehn Jahren
unterscheiden. Das ist aber verständlich, da sich so vie¬
les verändert hat. Man hat das Internet, MySpace, Mu¬
sik kann heruntergeladen werden, vieles ist anders. Es
gibt aber mit Sicherheit viele Kids, die ähnlich begeistert
sind wie ich, als ich vor fünfzehn Jahren oder so meine
erste Hardcore-Show besuchte. Dieses Gefühl verändert
sich nicht: die Energie, die Wut, der Kick nach dem Kon¬
zert, wenn die Band die Bühne richtig bearbeitet hat. Ich
bin mir sicher, dass diese Jugendlichen immer noch ge¬
nau die Dinge wollen, wie schon vor zehn Jahren: Mos-
hing, Singalongs, Shows an jedem Wochenende, eine
Band gründen, ein Zine herausgeben. Das wird immer
gleich bleiben.
Viele Musiker aus der Hardcore-Szene arbeiten in so¬
zialen Berufen, haben die Fans einen ähnlichen Hin¬
tergrund?
Meiner Meinung nach kann man den „Hardcore-Fan“
schwer in eine Schublade stecken. Obwohl es eine ge¬
wissen Cliquenmentalität und manchmal auch ein elitä¬
res Verhalten gibt, existiert immer noch viel Freiheit und
es ist auch nicht so schwer, ein Teil der Szene zu wer¬
den. Man muss nur die Liebe für Hardcore/Punk emp¬
finden und sich engagieren. Wenn ich mich so umsehe,
dann sehe ich viele Mittelklasse-Kids, aber auch Arbeiter¬
kinder, linke, liberale oder sogar konservative Fans, da ist
es schwer, den „Hardcore-Fan“ zu definieren. Wir haben
alle unsere eigene Definition von Hardcore und am Ende
sollte man dem anderen die Freiheit und Akzeptanz zu¬
gestehen, die man selbst von der Szene erwartet. So kann
aber natürlich jeder beanspruchen, Teil dieser Szene zu
sein, und obwohl ich nicht mit allen einig bin, ist es eben
genau diese Meinungsfreiheit und Akzeptanz, die ich an
der Hardcore-Szene schätze. Deshalb lege ich auch immer
ein gutes Wort für die Szene ein und verteidige sie, denn
so schlecht ist sie nicht.
Thomas Eberhardt thesetupkills.com
OX-FANZINE 113
NO REISSBRETT
PUNK IN DER DDR
„Punk war unberechenbar in einem Land, wo der ganze Lebenslauf vom Rei߬
brett kam“, umschreibt Henryk Gericke das Leben als Punk in der DDR. Ge-
ricke, unterdessen frei schaffender Autor, nennt sich heute nicht mehr Punk,
aber wie viele spätere kreativ Schaffenden sagt er, sei er vom Punk „nach¬
haltig geprägt“ worden. Das erinnert ein bisschen an Wessi-Punks. Hört man
sich heute in Westdeutschland unter Künstlern, Autoren, Journalisten und
Schauspielern um, so haben viele in ihrer Biografie irgendwo Stachelhaare
und die Losung „No Future“ schlummern. Ost gleich West also?
Hendrik Frankes Aussage könnte dafür stehen: „Die Reaktionen aus dem Staat und der Bevölkerung
waren teilweise recht hart. Prügel wurde auf offener Straße angedroht, Dauer-Ärger in der Schule
[...], die Chefs in der Ausbildung und die FDJ-Kreisleitung machten auch mit bei der Punker-Inqui¬
sition, die Arbeitslager-Sprüche ..." Im Hintergrundariikel schreibe ich: „Kleinbürger in Ost- und
Westdeutschland hatten hier die Wiedervereinigung zeitweise wohl schon an der Vorurteilsfront
vollzogen.“ Die ersten Wessi-Punks dürften es wissen: sie wurden Anfang der 1980er Jahre verprü¬
gelt oder bespuckt, hatten ständig Ärger mit der Polizei, gerade in Kleinstädten und auf Dörfern mied
man einzeln oder in Kleinstgruppen Volksfeste, denn es konnte böse enden, falls Kleinbürger mal
wieder jemanden zeigen wollten, was der Volkszorn ist. Gerne bekam man als Punk auch zu hören,,
man gehöre ins KZ oder Arbeitslager - sowie: „Geh doch nach drüben!“
„Drüben“, damit war die „Deutsche Demokratische Republik" (DDR) gemeint, wohin die Westspie¬
ßer gerne ihre Problemkinder entsorgen wollten. Die DDR war eine Mischung aus Sozialismus und
Diktatur, ein Resultat des Zweiten Weltkrieges. Nachdem Nazideutschland seinen Krieg verloren hat¬
te, gab es vier Besatzungszonen: Großbritannien, Frankreich und die USA hatten im Westen „Zonen“,
aus denen später die Bundesrepublik entstand. Die von der Roten Armee besetzte SBZ („Sowjetische
Besatzungszone“) wurde zur DDR, auch „Ostzone“ genannt. Deutschland war geteilt, der Rüstungs¬
wettlauf und Kalte Krieg drohte mehrmals „heiß“ zu werden. Regiert wurde die DDR von der „Sozi¬
alistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED), ein Zwangszusammenschluss der SPD-Mitglieder in
der SBZ mit der damaligen „Kommunistischen Partei Deutschlands“ (KPD).
Der Begriff „Demokratische Republik" täuschte: die SED war allein herrschend, ihre Parteisekretä¬
re wurden als Regierungschefs mit Wahlergebnissen von um die 98 Prozent ins Amt gewählt oder
bestätigt. Bürger des sich antifaschistisch nennenden „Arbeiter- und Bauernstaates“ waren häufig
(Pflicht-)Mitglieder verschiedener, quasi-uniformierter Massenorganisationen, etwa der in „Blau¬
hemden“ auftretenden „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ). Nichtmitgliedschaft in SED oder deren
Organisationen bedeutete nahezu immer Einschnitte im Bildungs- und Berufsleben hinnehmen zu
müssen. Den Dienst an der Waffe in der „Nationalen Volksarmee“ (NVA) konnte man nur unter gro¬
ßen Schwierigkeiten verweigern, musste aber dann „Bausoldat“ werden. Es gab eine Planwirtschaft
- auf ein Auto musste man oft Jahre warten, ehe es ausgeliefert wurde. Wegen einer in fast allen Le¬
bensmittel- und Güterbereichen herrschenden Mangelwirtschaft kam es in den 1960er Jahren zu ers¬
ten Massenfluchten, weswegen um Berlin eine Mauer und zum Westen hin der „Todesstreifen“ er¬
richtet wurden. „Republikflucht“ konnte dazu führen, auf der Flucht erschossen zu werden. Über¬
lebte man und wurde aufgegriffen, wurde man inhaftiert. Familienangehörige wurden drangsaliert.
Über alles w'aehten Volkspolizei und Stasi. 1989 fiel die Mauer dann infolge von nicht mehr zu un¬
terdrückenden Massenprotesten.
Ossi-Punk gleich Wessi-Punk? Noch mal Henryk Gericke: „Auf jeden Fall war ein Punk-Outfit in
der DDR eigentlich ein klarer Fall von Republikflucht, da man das FDJ-Blauhemd und überhaupt die
hilflose und ältliche DDR-Jugendmode verhöhnte.“ Während der kapitalistische Westen bald lern¬
te, mit Punk zu leben, daraus eine Mode machte und alles wirtschaftlich vermarkten wollte, blie¬
ben die Ossi-Punks die Schmuddelkinder ihres Systems. Punkplatten konnte man nur in liberale¬
ren „Bruderstaaten" kaufen: „Erste Punkplatten [...] waren [...] BUZZCOCKS [und] SEX PISTOLS [...].
Beide habe ich mir von Bekannten aus Ungarn einschmuggeln lassen und 100 beziehungsweise 120
Ostmark pro Platte bezahlt. Bei einem Verdienst von 800 Mark war das schon ein stattlicher Preis“,
sagt Arnim Bohla, heute Labelmacher. West-Radio war da oft der einzige Weg, Punk-Musik zu hö¬
ren, zu tapen und weiter zu kopieren. „Meistens war es so, dass DDR-weit alle das gleiche Tape hat¬
ten, auch mit den gleichen Aussetzern und Aufnahmefehlern. Es gab halt für unsere Punkkassetten
wirklich in den meisten Fällen nur eine Quelle!“, sagt Hendrik Franke. „Und dabei kostete eine Leer¬
kassette zwischen 22 und 30 Mark“, ergänzt Andreas Kohl, der heute ein Label betreibt. Und wäh¬
rend Wessi-Punks ihre Mode zwischen Springerstiefel, Lederjacken und Tonnen von Nieten längst
kaufen konnten, bastelten die Ossi-Punks: „Da wir nicht in eine Punk-Boutique gehen konnten, ha¬
ben wir ziemlich viel selbst gebastelt und eigene Ideen entwickelt“, sagt Jörg Löffler, damals wie heu¬
te Musiker bei KALTFRONT. Und Noch-immer-Punk Steffen Schölzel erklärt: „Meine erste Lederja¬
cke war aus Kofferleder.“
„Festnahmen, Verhaftungen und Verordnungen (Auflagen) waren an der Tagesordnung. Zu Feier¬
lichkeiten der DDR musste ich mich innerhalb der Wohnung oder außerhalb Berlins aufhalten. Bei
Zuwiderhandlungen sofortige Festnahme. Regelmäßige Vorladungen auf Reviere der Polizei waren
die Regel und Hausdurchsuchungen waren auch nichts Ungewöhnliches mehr“, umschreibt Mike
Göde, lange Musiker in DDR-Punkbands, was Punks von einem sich demokratisch und antifaschis¬
tisch darstellenden Staat zu erwarten hatten. Punks wurden teilweise verurteilt und in Knästen in¬
haftiert. jener Aspekt kommt in den zahlreichen Interviews mit ehemaligen Protagonisten der DDR-
Punkszene(n) etwas zu kurz. Shanghai, einst Sänger von VITAMIN-A, heute ANTI-X, saß seiner¬
zeit wegen der Texte seiner Band gemeinsam mit einem Freund im Knast - beide wurden für den
Schwerpunkt nicht befragt. Ein ebenso nicht behandelter Aspekt sind Zitate aus Stasi-Akten von
Punks. Nettes war dort auf jeden Fall selten über sie zu lesen - oft erinnerten die Einträge nicht nur
an Nazijargon, sie waren es. Abgesehen von diesen beiden Auslassungen, hoffen wir dennoch, mit
den Interviews zu skizzieren, wie es denn so war, mit grellen Klamotten und bunten Haaren unter
Arbeitern und Bauern.
Michael Klarmann
Bitte stell dich kurz vor: Wann und wo geboren, was
mach(t)en die Eltern, wie ist dein Lebenslauf?
Jörg Löffler: Geboren 1964 in Dresden, Mutter Friseurin, Vater
Werkzeugmacher. Schulabschluss 10. Klasse, Lehre als Werkzeug¬
macher, Arbeit als Mechaniker in einem kleinen Privatbetrieb.
Musiker früher unter anderem bei PARANOIA, KALTFRONT,
heute BIG BAD SHAKIN’ und KALTFRONT.
Arnim Bohla: 23.12.1962 geboren. Eltern hatten so genannte
normale Berufe: Lehrer und Verkäuferin. Aufgewachsen auf dem
Land und kaum Möglichkeiten oder Notwendigkeiten gesehen,
aus diesem Leben auszubrechen. Schule mit Pionierorganisation,
dann FDJ mit Funktionen innerhalb der Organisation, Abitur, Ar¬
mee und Job. Wie damals üblich, sehr zeitig geheiratet und zwei
Kinder. Frühzeitig, durch den Vater, Großvater politisch erzogen
worden. Großvater hat sich zum Beispiel, um dem Kriegsdienst zu
entgehen, selbst verwundet.
Carsten Hiller: Geboren 07.06.1970 in Bad Saarow, Wohnort heu¬
te: Fürstenwalde. Familienstand: ledig, eine Tochter. 1976-1986
Ausbildung zum Möbeltischler, PGH „Neuer Weg“ Erkner. Be¬
rufstätigkeit: 1988-1989 Möbelmonteur, VEB Innenprojekt Hal¬
le, 1989-1990 Angestellter der Stadt Fürstenwalde, Club im Park,
Zivildienst, Angestellter - als ABM - Stadt Fürstenwalde, Club im
Park, 1993 Angestellter, Club im Park, seit 1994 Pädagogischer
Mitarbeiter im Offenen Jugendbereich - Club im Park - des För¬
dervereins für Jugend- und Kulturarbeit e.V. Seit 2000 Leiter der
Einrichtung Club im Park berufsbegleitend. 2000-2003 Ausbil¬
dung zum staatlich anerkannten Erzieher im Oberstufenzentrum
I in Frankfurt/Oder. Von 2004 bis 2006 Mitarbeiter im Bereich
Ambulante Hilfen/Hilfen zur Erziehung und parallel seit 2005
Mitarbeiter im Soziokulturellen Zentrum OFFI Bad Freienwalde,
verantwortlich für Kultur. Vater: Fachdirektor bei der HOG, Mut¬
ter: Personalabteilung in einer Sparkasse, Schwester: Laborantin,
7 Jahre älter.
Andreas Kohl: Geboren am 8. September 1972 in Dessau, heu¬
te Sachsen-Anhalt. Meine Eltern arbeiten beziehungsweise arbei¬
teten beide in technischen Berufen, meine Mutter in der Verwal¬
tung einer Spedition und später im Arbeitsgericht und mein Va¬
ter als Verfahrenstechniker in der chemischen Industrie. Mein
Lebenslauf war der eines ziemlich durchschnittlichen DDR-Ju-
gendlichen, also Kindergarten, allgemeinbildende Polytechni¬
sche Oberschule, erweiterte Oberschule mit Abitur. Und dann
Studium der Kommunikationswissenschaften, Politikwissen¬
schaft und Wirtschaftspolitik. Das Ganze immer sehr stark ge¬
prägt von einer kritischen Einstellung gegenüber Herrschafts¬
strukturen, was mir sicherlich durch mein Elternhaus mitgege¬
ben wurde, das zwar eher christlich, aber eben gerade deshalb
skeptisch gegenüber dem sozialistisch-totalitärem System han¬
delte und agierte.
Henryk Gericke: 1964 geboren in Ost-Berlin, heute Autor. Vater
war Dramaturg bei der DEFA, Mutter im DEFA-Außenhandel.
Mike Göde: Geboren in Berlin-Köpenick am 20.08.1966. Mein
Vater war Kohlenträger und Boxer. Meine Mutter war und ist Se¬
kretärin. Lebenslauf: 10 Klassen abgeschlossen, erlernter Be¬
ruf, heute selbständiger Gerüstbauer, seit über 25 Jahren Musi¬
ker in der Punkrock- und Hardcore-Szene. Die Bands: 1980-1982
BANDSALAT - Punkrock, 1983-1985 BETONROMANTIK - Punk¬
rock, 1985-1990 REASORS EXZESZ - Punkrock/Hardcore, aus de¬
nen entwickelte sich PUNISHABLE ACT.
Mike Wendt: Geboren am 02.09.1968 in Eisenberg. Meine Eltern
arbeiteten, wie so ziemlich alle Leute bei uns in Hermsdorf, im
VEB Keramische Werke Hermsdorf. Meine Mutter arbeitete als
Chemielaborantin und ist jetzt in Rente, und mein Vater, der lei¬
der vor drei Jahren starb, arbeitete als Schweißer. Mein Lebens¬
lauf liest sich wie viele in der DDR. Bis zu meiner Schuleinfüh¬
rung 1975 ging ich in den Kindergarten und besuchte bis 1985 die
Polytechnische Oberschule „Werner Seelenbinder“ in Hermsdorf.
1985-1987 machte ich eine Ausbildung als Kellner bei der Mitro¬
pa und arbeitete im Anschluss bis 1992 als Kellner und am Hotel¬
empfang im Autobahnhotel Hermsdorfer Kreuz. Ab 1986 machte
ich die ersten musikalischen Versuche und 1987 gründete ich mit
ein paar Freunden die UGLY HURONS. Hier hatte ich den Part als
Sänger und wir erspielten uns zumindest im südlichen Teil der
Republik einen gewissen Bekanntheitsgrad. Ab 1989 organisierte
ich mit Peter Winkler, dem Sänger von U.A.N., in Hermsdorf die
ersten offiziellen Konzerte. 1992 begann ich mit einigen Leuten,
da es im Ort nichts mehr gab und nach der Wende alles abgewi¬
ckelt wurde, in Hermsdorf unser JUZ aufzubauen, machte in der
Abendschule einen Abschluss als Sozialarbeiter und arbeite bis
heute im Jugendhaus Hermsdorf, wo ich immer noch circa zwei
Konzerte pro Monat organisiere. Ich lebe seit 13 Jahren mit mei¬
ner Freundin zusammen und wir haben eine 4-jährige Tochter.
Volly Tanner: Schriftsteller, Journalist, Radiomoderator, DJ &
Punk-Exzessist. 1970 fiel ich aus allen Wolken und in die grauen¬
de Wattigkeit der DDR, in der ich das ganz normale Los zog, Schu¬
le, Lehre als Facharbeiter für Anlagentechnik mit Abi und so wei¬
ter. Dann hüpfte der dicke Kohlkopf in unser aller Leben und ver¬
schiedene Studien brachten mich durch verschiedne Bildungsan¬
stalten. Häuser wurden besetzt, komische Jobs vergeigt und Zei¬
tungen gegründet, so genannte Litfanzines: „vergammelte Schrif¬
ten & ejAculAtA“. Der Social Beat schlug um mich herum ein
und mich ans Kreuz - das Connewitzer Kreuz in Leipzig -, spä¬
ter schrieb ich dann auffällig boshafte Bücher, in Lyrik und Pro¬
sa, unter anderem das Buch über die Band DIE ART oder „Berlin
muss brennen!“ oder „Bastardparadies", tourte wie ein Verrück¬
ter und bekam den Cabinet-Kleinkunstpreis 2004 für mein Schaf¬
fen im Bereich der verbalen Tiefschlägerei. Musikalisch war zwi¬
schen 1986 und 1989 die kleine Krachherstellungskompanie EIN¬
ZELHAFT mein highmatlicher Hafen. Wir waren laut, wir waren
schlecht - aber wir wussten, wie rum Gitarren zu halten sind -
und damit waren wir vielen von heute schon mal voraus. Meine
Mutter war volksbildend unterwegs und mein Vater war ein Füh¬
rer - einer für Lokomotiven -, aber auch sonst eher einer auf der
rechten Seite, einen Bruder habe ich auch noch, der ist ein be¬
waffnetes Organ, so mit Dienstpistole und jagt Hühnerdiebe in
irgendeinem Kaff bei Bautzen. Meinen ersten Schrei gegen die
Welt ballerte ich dem Hallenser Irrwitz entgegen und nun hat
mein Anker sich in Leipzig festgezurrt, genauer in Leipzig Linde-
nau, dort wo es kracht und stinkt und die ganze Nacht BumBum-
TekkenMüll aus den deutschlandfarbenfahnengeschmückten Ke¬
menaten dringt.
Hendrik Franke: Mein Lebenslauf in der DDR ist relativ normal
für einen kleinen Zonenjungen: Kindergarten, zehn Klassen Po¬
lytechnische Oberschule, das allerdings, ohne in solchen Organi¬
sationen wie FDJ, Freie Deutsche Jugend, oder DSF, Deutsch-Sow¬
jetische Freundschaft zu sein, was letztendlich nicht einfach war
und mich das Abi kostete, FDJ war halt Voraussetzung. Ich hätte
das noch wieder gut machen können, indem ich in die Partei, die
SED, eingetreten wäre, aber irgendwie wollte ich auch das nicht
... Nach der Schule begann ich eine Lehre als Schriftsetzer, mach¬
te die zu Ende, weil Mutti es so wollte, kündigte danach sofort,
jobbte ein bisschen ungelernt in einem Pflegeheim und machte
viel Urlaub, schließlich braucht man ja auch Zeit für Konzis und
so weiter Um die NVA kam ich glücklicherweise drum herum, ir¬
gendwie wollten die mich nicht so richtig, ich hatte aber auch bei
meiner Musterung den Dienst mit der Waffe verweigert, mehr
war bei uns nicht drin, jedenfalls kamen die dann erst nach der
Wende auf mich zu und somit war der Zivildienst kein Problem.
Steffen Schölzel: Am 04.04.1968 in Sömmerda, Thüringen gebo¬
ren und dort bis vor einem Jahr gelebt. Mein Vater ist Bauingeni¬
eur und meine Mutter war bei der Deutschen Bank angestellt.
OX-FANZINE 114
PUNK IN DER DDR
Wie, wann und durch wen kamst du mit Pop/Rock¬
musik in Kontakt, und wie dann mit Punk? Welche
Bands/Platten waren das?
Jörg Löffler: Popmusik, in den frühen 70er Jahren durch Radio
und Fernsehen. Mit Freunden und Klassenkameraden hat man
sich dann ausgetauscht. Aber was die meisten so gehört haben,
hat mir nicht gefallen. Irgendwie bin ich dann Ende der 70er auf
Punk gekommen. Obwohl ich anfangs noch nicht den Überblick
hatte, wusste ich, das ist mein Ding. Platten hatte ich da keine.
Aber auf englischsprachigen Radiosendern, die wir auf Mittelwel¬
le schlecht empfangen konnten, lief manchmal was, CLASH, UN-
DERTONES, THE JAM, XTC. Auf Radio Luxemburg wurde mal
„My way“ von Sid Vicious gespielt. Alle haben sich über diese
Blasphemie aufgeregt. Kurz zuvor war Elvis gestorben. „My way“
war seine letzte Single und geisterte noch lange durch die Charts.
Ich fand es cool, dass jemand diese Schnulze zerlegt.
Arnim Bohla: Mit 10 immer wieder fasziniert vom Rock der
60er und ab 1973 vom aufkommenden Glamrock. Das Radio war
die einzige Möglichkeit, diese Musik zu hören, was mein Bru¬
der und ich auch ausgiebig taten. Dabei, entgegen den Bestrebun¬
gen des Vaters, auch - oder besser: fast nur - die Sender aus dem
Westen gehört. Zu den ersten Bands gehörten dann im Rockbe¬
reich URI AH HEEP, BLACK SABBATH, TEN YEARS AFTER und
VELVET UNDERGROUND. Letztere deuteten schon an, dass der
Mainstream nicht das sein wird, was mich ewig begleitet. Neben
Glambands wie SLADE, T. REX, Bowie kamen auch einige Teenie-
bands bei mir recht gut an, wie zum Beispiel RUBETTES, MUD
oder HELLO. Da an Platten nicht zu denken war, wurden als Quel¬
le, diese Musik aufzunehmen, das Radio genutzt und Sendungen
wie „Rock Over RIAS“ entdeckt, die nächtelang „geile“ Musik
spielten. Da gab es dann auch vereinzelt Musikblöcke mit Bands,
die eher in die Richtung VELVET UNDERGROUND zeigten. Das
erste Mal, als ich dann MC 5 mit „Kick out the jams“ hörte, oder
MUSIC MACHINE, die STOOGES mit Live-Aufnahmen, die eher
einem Kampf als einer Show glichen, war alles andere verges¬
sen. Und irgendwann gab es dann mal im Sender DT64 einen Bei¬
trag über die neuen verabscheuungswürdigen Bands aus England.
Was Walter Ulbricht in den 60ern mit seinem „Yeah, Yeah, Yeah“
gegen die aufkommenden Beatbands wetterte, übernahmen jetzt
die so genannten Jugendsender in Sachen Punk. Das war das erste
Mal, dass ich den Begriff „Punk“ hörte. Da die Songs nicht ausge¬
spielt wurden, war der Reiz umso größer, sich diese Titel irgend¬
wie zu besorgen. Der Sound von „Blitzkrieg bop“ und „Rocka-
way beach“ ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Und dann end¬
lich auch im RIAS eine Nacht lang Punkrock. Mittlerweile war ich
über 15 und ich erinnere mich noch heute genau an jeden Song,
der im ersten Block gespielt wurde: „Borstal breakout“ von SH AM
69, „White riot“ von CLASH und „Anti social“ von SKREWDRI-
VER. Danach folgte das geniale „Im sure we’re gonna make it“
von IVY GREEN und der Virus Punkrock hatte mich endgültig in¬
fiziert. Die erste Punkplatte, die ich dann später mein Eigen nen¬
nen konnte, war die „Singles Going Steady“ von den BUZZCOCKS
und „die“ SEX PISTOLS-Platte. Beide habe ich mir von Bekannten
aus Ungarn einschmuggeln lassen und 100 beziehungsweise 120
Ostmark pro Platte bezahlt. Bei einem Verdienst von 800 Mark
war das schon ein stattlicher Preis. Später kamen dann auch un¬
garische Punk- und New Wave-Platten dazu. Ostdeutsche Platten
gab es nur 1983 von KEKS und PANKOW. KEKS coverten in ihren
Konzerten einige Punksongs, unter anderem auch „My way“ von
Frank Sinatra/Sid Vicious. Mitte der 80er kam dann auch DT64
mit der Sendung „Parocktikum“, welche von Lutz Schramm mo¬
deriert wurde. Dort gab es dann neben einer Menge Indie auch
Diverses zum Thema Punk. Vor allem spielte er auch Ost-Bands,
die mit Tapeveröffentlichungen ihre Botschaft unters Volk brach¬
ten. 1983 während meiner Armeezeit hatte ich noch ein Schlüs¬
selerlebnis in Halle an der Saale: Während einer von der Armee
organisierten Party traf ich vor der Lokalität einen recht bunt an¬
zuschauenden Zeitgenossen. Gestylte Haare, Nietenjacke und so
weiter. Lag natürlich nah, einen solchen Typen mal anzuspre¬
chen, denn so typisch war es für die DDR ja nicht, dass hier Punks
ständig auf der Straße zu sehen waren. War ein nettes Gespräch
und ich hab an dem Tag auch erfahren, dass es neben KEKS auch
noch Punkbands im Untergrund gibt. Der Typ erzählte mir von
seiner Band mit dem Namen MÜLLSTATION.
Carsten Hiller: Meine erste Lieblingsband war mit 10 Jahren AC/
DC, ältere Jungs, mit denen ich meist spielte, brachten mich auf
diese Band. Die hörte ich bis ich 13 Jahre war mehr oder weni¬
ger regelmäßig bei Freunden, da ich weder einen Kassettenrecor¬
der noch einen Plattenspieler hatte und meine Schwester mir ih¬
ren nur selten und ungern zur Verfügung stellte, um dann die
bei Amiga erschienene „Highway To Hell“ von AC/DC zu hö¬
ren. Mit 13 Jahren habe ich mein komplettes Jugendweihegeld in
einen Kassettenrecorder mit Radio und zwei Magnetbandkasset¬
ten investiert. Zu dieser Zeit gab es auch die ersten Discobesuche,
bei denen ich Soul und Funk für mich entdeckte. Mit 14 Jahren
wurde ich, durch Freunde beeinflusst, zu einem großen DEPE-
CHE MODE-Fan. Mit 15 Jahren sah ich dann zum ersten Mal den
Film „Beat Street“ von Harry Belafonte und war fortan dem Hip¬
Hop sehr zugetan. Mit 16 Jahren hörte ich begeistert Sade, Hip¬
Hop, DEPECHE MODE und wieder verstärkt AC/DC. Da ich keine
Westbeziehungen hatte, besorgte ich mir diese Musik über Freun¬
de oder nahm sie bei DT64 auf. Auf der Berufsschule in einem In¬
ternat in Seelow traf ich dann in meiner Klasse auf einen Jungen,
Andre M. aus Frankfurt/Oder, der ein absoluter Musikfreak war,
Gitarre spielte und auf meinem Zimmer war. Dieser Andre brach¬
te Woche für Woche Tapes mit .neuer Musik mit, die wir nachts
auf einem alten Kassettenrecorder immer und immer wieder hör¬
ten und dabei auch stets Bier tranken - was cool war, aber nicht
immer schmeckte. Auf diesen Tapes war zuerst vor allem Mu¬
sik von U2, THE STRANGLERS, THE CLASH, P.I.L., den SEX PIS¬
TOLS, THE CURE, und den TOTEN HOSEN zu hören, später ha¬
ben wir überwiegend DEAD KENNEDYS, DIE ALLIIERTEN, CA¬
NALTERROR und erste Aufnahmen von lokalen Bands wie zum
Beispiel DOWN AT HEEL oder PAPIERKRIEG gehört. Mir gefielen
zuerst eigentlich nur U2, später immer mehr die TOTEN HOSEN
- da ich ihre Texte verstand und diese meinem Lebensgefühl da¬
mals ziemlich genau entsprachen.
Andreas Kohl: Diese Verantwortung trägt zweifellos mein Va¬
ter, dessen Begeisterung für den Rock’n’Roll und Rockabilly der
50er Jahre die wohl prägendste Erfahrung für mich war. Die Prä¬
senz von Musik in meinem Elternhaus ging weit über das übliche
Maß hinaus. Gene Vincent, Eddie Cochran, Alvin Stardust, John¬
ny Burnette waren allgegenwärtig und es verging keine Minute,
in der das alte Tesla-Tonbandgerät mal nicht dudelte. Unsere Plat¬
tensammlung war überschaubar. Die Tonbänder, die sich auf der
Schrankwand meiner Eltern stapelten, hingegen nicht. Da wurde
keine Gelegenheit ausgelassen, im Radio mitzuschneiden, ja, so¬
gar an den Fernseher wurde angestöpselt, wenn N3 in der Reihe
„Fernsehmuseum“ alte Folgen von „Oh Boy“ oder „Let’s Rock“
wiederholte. Der Schritt zum Punk war ein langsamer, fließen¬
der. Vielleicht habe ich ihn bis heute nicht vollständig beschrit¬
ten. Mein Punk-Verständnis ist sicher ein nicht ganz so Plakati¬
ves wie das von vielen anderen. Ich habe erst sehr viel später be¬
merkt, dass ich bereits in jungen Jahren offenbar mehr Punk war,
als ich mir damals selbst eingestanden hätte. Ich hab mich viel¬
mehr als Hippie gesehen, der sich auf kirchlichen Veranstaltun¬
gen herumtrieb, auf denen hin und wieder auch Bands spielten.
Die ersten wirklichen Punkplatten, die ich besaß, waren ein paar
Tapes der RAMONES, PETER & THE TEST TUBE BABIES, CLASH,
U.K. SUBS, CHELSEA, so das Übliche eben. Obwohl ich auch da¬
mals immer schon fasziniert war, wenn bestimmte Klischees ge¬
brochen wurden - Klischees, die ich ja noch nicht mal richtig
kannte -, wie das zum Beispiel Ian Dury oder Adam Ant gemacht
haben. So etwas hat mich fasziniert, so ein, sagen wir mal, Pro-
to-Wave-Zynismus.
Henryk Gericke: Ich kam nicht durch Bands oder Platten zu
Punk. Punkplatten gab es in der DDR nicht, ihre Einfuhr war ver¬
boten. Ich kam zum Punk durch einen Artikel in einer DDR-Zei-
tung. Dort stand was von Londoner Jugendlichen, die sich Punks
nennen, auf den Konzerten gegenseitig umbringen und die Lei¬
chen in die Kanalisation werfen. Das fand ich verstörend genug,
um mich mit 14 für Punk zu interessieren. Mein erster Song, den
ich für Punkrock hielt, war „Rock’n’roll damnation“ von AC/DC,
mein erster Song, der Punk war, „Hong Kong Garden“ von den
BANSHEES.
Mike Göde: Pop/Rockmusik war im Radio regelmäßig zu hören.
Bis zu meinem 13. Lebensjahr hörte ich, was angesagt war, AC/
DC, T. REX und so weiter. Zu Punk kam ich durch meinen älteren
Bruder Rene, der stand eines Tages vor mir im Punk-Outfit und
in der Hand eine Kassette mit der ersten Platte der SEX PISTOLS,
„Never Mind The Bollocks“. Später folgten dann alle angesagten
Punkbands wie CLASH, DAMNED, STRANGLERS ...
Mike Wendt: Bei uns zu Hause liefen eigentlich immer „Westra¬
dio“ und „Westfernsehen“, und das Erste mit Musik, an das ich
mich erinnern kann, ist eine von meinen Eltern aufgenomme¬
ne Kassette, die ich zu meinem 7. Geburtstag bekam, da ich mir
„englische Musik“ gewünscht habe. Ich hab keine Ahnung mehr,
was da drauf war, aber ich fand’s super. Zum selben Geburtstag
bekam ich von meinem Patenonkel aus Hamburg meine erste
Schallplatte. Er kaufte mir im Intershop eine Scheibe von den LES
HUMPHREY SINGERS. Toll! Anfang der 80er hab ich mich dann
für den ganzen NDW-Kram begeistert. Das war aber zum großen
Teil das ganze Zeug, was im Radio lief, da meine musikalischen
Quellen aus RIAS und Bayern bestanden und immer fleißig mitge¬
schnitten wurde. Dann fand ich irgendwie DEPECHE MODE klas-
se und irgendwann kamen dann im Fernsehen bei „Formel Eins“
DIE ÄRZTE und DIE TOTEN HOSEN und noch andere Bands, die
eben nicht am Freitag in der Radio-Hitparade bei Bayern 3 auf¬
tauchten.
Volly Tanner: Ganz am Anfang war das Wort - Leonard Cohen,
die gelbbraune Platte, die es in den Bibliotheken gab, und ich hab
die mir dann dort weggefunden, befreit aus der Hand Unwürdi¬
ger sozusagen. Punk kam 1984, ich war jämmerliche, verkorkste
14 Jahre alt und niemand mochte mich, manchmal wurde ich rot,
wenn Mädchen mit mir redeten. Da fand ich eines Tages auf ei¬
nem Flohmarkt eine Platte der SEX PISTOLS, also das ganz traditi¬
onelle Ding, damit hatte der Virus ein neues Opfer gefunden und
ich nahm ihn bereitwillig in mich auf. Zu dunklen DDR-Zeiten
gab es immer mal Tapes zum Kopieren - SCHLEIM-KEIM und so -
und im Radio machte Lutz Schramm meine Ohren sauber. Eigent¬
lich war für mich Punk jedoch eher weniger Musik, mehr Einstel¬
lung: Ich war Punk - ich war gegen euch!
Hendrik Franke: Zur Musik kam ich 1981/82 über die NDW
und dann auch ganz schnell zu so Semi-Punk-Sachen wie Nina
Hagen, SIGUE SIGUE SPUTNIK, EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN,
TON STEINE SCHERBEN ... Freunde spielten bei der Ausbildung
des Musikgeschmacks natürlich auch ein riesige Rolle, irgend¬
wie schleppte jeder irgendwas an und die Radiosendungen wa¬
ren auch viel besser damals, da wurde auch mal mit ein biss¬
chen Mut gehandelt und nicht nur die Mainstream-Scheiße ge-
dudelt. Starthilfe gaben damals der NDR, die John Peel Session
und aus der Heimat der Jugendsender DT64. Da gab es zum Bei¬
spiel die Sendung „Die ganze Platte“, wo jede Woche eine Seite
einer LP komplett gespielt wurde, die zweite Seite gab es nächste
Woche, die Tracklist konnte man sich zuschicken lassen. Gema?
Gema kacken! Gema ist Wessi-Mist, da brauchten wir uns wohl
nicht drum zu kümmern. Jedenfalls liefen da auch so Platten wie
die RAMONES, CLASH und so weiter. Geile Sache! Unvergessen
natürlich die Sendung „Parocktikum“, die sich ausschließlich der
Punk- und Underground-Mucke widmete. Diese Sendung war
definitiv wichtiger als Sex! Dann kam noch dazu, dass L.E. eine
Großstadt ist und zu einer Szenehochburg in Sachen Punk und
Underground wurde. Im Gegensatz zur ersten Punkwelle, welche
fast ausschließlich in Berlin existierte.
Steffen Schölzel: Mein erster Kontakt mit Rockmusik war die
Gruppe QUEEN, mein Cousin war großer Fan und hat mir Kas¬
setten davon überspielt. Später folgten dann: THE SWEET, SLADE,
LED ZEPPELIN und DEEP PURPLE. Alles, was man halt irgendwie
bekommen konnte. Irgendwann hörte ich im Radio bei HR3 die
SEX PISTOLS, gefolgt von IDEAL. Das hat mich so umgehauen, da
wollte ich gar nichts anderes mehr hören. Schwer beeindruckt
und beeinflusst haben mich vor allem THE RAMONES, THE MIS-
FITS, COCKNEY REJECTS, THE EXPLOITED, D.R.I., MOTÖR-
HEAD, AC/DC, aber auch die frühen TOTEN HOSEN, HANS-A-
PLAST, SISTERS OF MERCY, THE CURE oder solche Sachen wie
PALAIS SCHAUMBURG. Hauptsache, es war schnell, hart oder
schräg - am besten alles zusammen ... Verboten war ja eh fast al¬
les, bis auf die PUDHYS und KARAT. Habe am Anfang auch nur
englischen Punk gehört, deutsch war mir zu blöde. Auf jeden Fall
war es die Art, wie diese Musik gespielt wurde. Das hob sich auch
von dem ganzen Metal-Kram ab, den die anderen gehört haben.
Punks gab es nicht in Sömmerda. Den ersten Iro sah ich erst Jahre
später in Erfurt, so Anfang der 80er.
Was hat dich an Punk interessiert, was machte den
Reiz aus?
Jörg Löffler: Ich fühlte mich als Außenseiter und da war Punk die
optimale Musik. Wenn ich zu Feten mit meinen Kassetten gekom¬
men bin, haben die meisten anderen die Flucht ergriffen. Es blie¬
ben nur die wirklich „Harten“ ... Viele dachten, es wäre nur eine
Provokation. Das war es teilweise. Aber mir hat diese Musik wirk¬
lich gefallen: schnell, einfach, direkt und negativ. So was gab es
vorher nicht - Bands wie SONICS oder STOOGES waren uns da¬
mals völlig unbekannt.
Arnim Bohla: In erster Linie die Aggressivität, die in den Songs
förmlich zu spüren war. Natürlich spielte auch eine Rolle, andere
Musik zu hören als die „Masse“.
Andreas Kohl: Nun ja, was macht den Reiz von Punk für einen
13/14-Jährigen aus ...? Die Punks, mit denen ich in meiner Hei¬
matstadt konfrontiert wurde, erfüllten alle Klischees nahezu per¬
fekt: abgerissene Kleidung, bunte Haare und viel, viel Alkohol.
Mich hat das am Anfang eher abgestoßen, aber natürlich trotzdem
fasziniert. Ich war der Meinung, um wirklich etwas bewegen zu
können, sollte man Konfrontationen dort suchen, wo aus ihnen
etwas inhaltlich Wertvolles entstehen kann. Passanten anpöbeln,
in einem Land, in dem es keine kapitalistische, sondern allenfalls
eine idealistische Kritik an der grauen Masse geben konnte, war
mir einfach zu wenig. Heute sehe ich das freilich anders. Viel¬
leicht hatte es auch damit zu tun, dass ich eben kein Arbeiterkind
war, sondern aus einer Intelligenzler-Familie kam und schon von
der sozialen Herkunft nicht richtig dazugehören konnte.
Henryk Gericke: Punk war unberechenbar in einem Land, wo
der ganze Lebenslauf vom Reißbrett kam.
Mike Göde: Es war anders. Es war frischer, aggressiver und pro¬
vokanter.
Mike Wendt: Das war eigentlich nicht nur Punk, sondern einfach
Musik, die anders war. Der Reiz lag zum Beispiel darin, Leuten
in Schule und Lehre, die damit überhaupt nichts anfangen konn¬
ten, zu erklären, dass sie absolut keine Ahnung von Musik hätten.
Denn wir waren die, die SEX PISTOLS, DEAD KENNEDYS, HANS¬
A-PLAST und EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN hörten. Dann kam
noch dazu, dass die Bands unheimlich cool aussahen. Wir wollten
eben nicht sein wie die Mehrheit der Jugendlichen.
Volly Tanner: Punk war Revolte, ein Aufstand gegen die Pop¬
perwirklichkeit, gegen dogmatische, faschistische Schummel-
kuscheligkeit. Punk war meine Rettung vorm Versinken in einer
Welt, der alle angehören. Punk war meine Chance, Individualität
Aufklärung des harfen Kerns der Heavv-Mp+ai —•p avic , i M c«**
.ÄSr SS“.
OX-FANZENE 115
PUNK IN DER DDR
zu leben. Punk war das, was meine Eltern nicht verstanden und
wogegen sie nichts tun konnten. Punk war in mir, ein Stachel, der
mich zwang zu schreien, um mich zu treten und mit Gegenstän¬
den zu werfen. Punk war mein Manifest - und Punk ist dies alles
immer noch für mich!
Hendrik Franke: Was damals den Reiz am Punk ausmachte, weiß
ich eigentlich gar nicht so genau. Die Freunde waren halt irgend¬
wie auch da, die Mucke war geil, die Punks waren einfach die
Netteren, und vor allem die Schöneren, Menschen mit was in der
Birne. Das Bewusstsein, Protest und Politik, all das kam später,
da ist man mit 13, 14 einfach noch zu klein, das kam so mit 16
oder 17 Jahren.
Steffen Schölzel: Punk war für mich am Anfang einfach nur die
schnellste, aggressivste und genialste Musik, die ich bis dahin ge¬
hört hatte.
Wie hast du damals Punk definiert?
Jörg Löffler: Ich habe das nicht definiert, die Probleme hatten die
anderen. Da wurden ständig solche Fragen gestellt: Was bedeutet
die Sicherheitsnadel? Was bedeutet dieser Spruch? Was bedeuten
die Nieten? Wir haben darauf nur blöde Antworten gegeben. Es
hatte keine Bedeutung. Es ging um die Ästhetik.
Arnim Bohla: Anders sein. Das Thema, die legen sich dort drü¬
ben im Westen mit dem System an, spielte eine große Rolle. Aus
meiner Sicht gab es dazu in der DDR keine Veranlassung. Ich emp¬
fand, bis auf wenige Sachen, den Osten immer als das bessere Ge¬
sellschaftsmodell.
Carsten Hiller: Ich definierte Punk damals als links, gerecht, düs¬
ter, aufregend, aggressiv, verrucht, kraftvoll, spektakulär und ge¬
heimnisvoll.
Andreas Kohl: Was Punk damals war, war mir zu offensichtlich,
deshalb hab ich mich selbst nicht als Punk gesehen. Erst viel später
hab ich verstanden, um was es wirklich ging, und dass eben das
Plakative erst die Möglichkeit geschaffen hat, bestimmte Dinge zu
diskutieren. So als ob der saufende Punk auf der Straße quasi die
Tür aufgemacht hat. Das war so im Herbst 1988. Und ab da hab
ich mich auch als Punk gesehen, wenn ich auch nicht so aussah.
Sicherlich hatte das auch was damit zu tun, dass ich mich schon
damals auf Konzerten herumtrieb, die eben weniger dieses Punk-
Klischee bedienten, sondern so einen avantgardistischen Ansatz
hatten, organisiert zum Beispiel durch FREUNDE DER ITALIENI¬
SCHEN OPER oder AG GEIGE.
Henryk Gericke: Ich habe Punk damals gar nicht definiert. Das
war ja der Reiz daran, dass das noch fließend und nicht festge¬
legt war. Punk bedeutete ja, sich neu zu erfinden, also Definiti¬
onen abzulegen.
Mike Göde: Anfangs wollte ich mich von der breiten Masse ab¬
heben, aber über vieles war ich mir gar nicht im Klaren. Es war
cool, rebellisch zu sein.
Mike Wendt: Bei uns in der Kleinstadt gab es die Definition
„Punk“ nicht wirklich, zumindest am Anfang. Wir wurden eine
ganze Zeit lang im Ort einfach „die Bunten“ genannt.
Volly Tanner: Punk gab mir die Möglichkeit, nicht dazugehö¬
ren zu müssen. Man war ja sowieso schon Aussatz! Damals dachte
ich, im politischen Bereich wäre Punk eine positive Art von An¬
archie - auch ich habe später erfahren müssen, dass Punk leider
ein Lifestyle ist. Punk war D.I.Y. - meine ersten Texte, grauenhafte
Stümpereien. Es ging gegen Staat und Faschisten, gegen meine El¬
tern und die Nachbarn, gegen die MZ-fahrenden Ficker aus mei¬
ner Berufsschulklasse, die all die Mädchen abbekamen und gegen
diese Weichbirnen, die ihre Beine breit machten, damit sie mitt¬
wochs ab 19 Uhr in der Großräschner Disko Tatkraft ihre Wodka-
Cola ausgegeben bekamen. Das kotzte mich an und deshalb gab es
Punk in meinem Leben. Punk war damals eindeutig „dagegen“ zu
sein, da gab es kaum positive Assoziationen.
Wie wichtig oder überhaupt möglich war die optische
Komponente von Punk - Frisur, Haarfarbe, Kleidung?
Wie sah die aus?
Jörg Löffler: Da wir nicht in eine Punk-Boutique gehen konnten,
haben wir ziemlich viel selbst gebastelt und eigene Ideen entwi¬
ckelt. Wir haben uns an dem orientiert, was wir auf Bildern in
Zeitschriften gesehen haben. In Dresden lebten wir ja so ziemlich
hinterm Mond. Dass es noch mehr Punks in der DDR gibt, haben
wir anfangs gar nicht gewusst. Da entwickelte sich so eine Art Bi¬
otop. Nachdem wir Ende 1982 Kontakte zu anderen DDR-Punks
geknüpft hatten, haben wir uns viel von denen abgeschaut und da
begann die Uniformierung.
Arnim Bohla: Bis auf ein paar „Verkleidungen“, so möchte ich das
mal in meinem Fall nennen, bin ich äußerlich immer recht „nor¬
mal“ durch das Leben gewandelt. Denn das erste Mal mit einer Si¬
cherheitsnadel im Ohr in der Schule erzeugte ohnehin nur Kopf¬
schütteln und Unverständnis.
Carsten Hiller: Obwohl ich den Zugang zur Erweiterten Ober¬
schule - EOS - hatte, entschied ich mich, auch auf Druck meines
Vaters für eine Ausbildung zum Tischler, und während der theo¬
retischen Ausbildung war ich im Internat der Berufsschule in See-
low unter gebracht. Zu dieser Zeit hatte ich mir eine totale Verwei¬
gerungshaltung zugelegt, mir die Haare wachsen lassen und war
outfitmäßig wohl eher Richtung „Hippie“ oder - wie wir diese
Leute damals nannten - „Penner“ unterwegs. Irgendwann kam
mein Zimmergenosse Andre mit Boots aus dem DDR-Jagdbedarfs-
laden in Frankfurt/Oder an und ließ sich die Haare ähnlich Sid
Vicious schneiden. Ich fand dieses Outfit zuerst total hässlich, vor
allem die groben Schuhe, konnte mich aber bald diesem aggres¬
siven und wilden Look nicht mehr entziehen und besorgte mir
ebenfalls „Jägerboots“, ging zum Friseur und ließ mir die Haare
kurz schneiden, um sie mir anschließend mit Seife auf Punk zu
trimmen Für mich war die optische Komponente des Punk enorm
wichtig, da sie sowohl meinem Geschmack als auch meinem Le¬
bensgefühl entsprach: Provozieren, Auffallen, Gerechtigkeit ein¬
fordern, irgendwie militant und die Zugehörigkeit zu einer extre¬
men Subkultur signalisierend.
Andreas Kohl: In meiner ursprünglichen Definition von Punk
war die optische Komponente klar festgelegt: Iro, Lederjacke mit
allerlei Schmierereien drauf, vorzugsweise MÜLLSTATION- und
DAILY TERROR-Schriftzug, Domestos-Jeans oder andere zerris¬
sene Hosen. Ich war das ganze Gegenteil davon und wechselte
outfitmäßig zwischen Rockabilly-Look mit ordentlich geschmier¬
ter Tolle und brutalstem Ostblueser- und Hippie-Image hin und
her. Hirschbeutel, eingeschmuggelter Bundeswehrparka, Tram¬
per und Batikhose inklusive. Das ist bis heute meine Definition
von Punk geblieben: Ich kann rumlaufen, als käme ich gerade
vom JEFFERSON AIRPLANE-Konzert, kann aber trotzdem MINOR
THREAT hören.
Henryk Gericke: Die Optik war enorm wichtig. Zunächst als Ex¬
periment mit allen möglichen und unmöglichen Accessoires, spä¬
ter dann leider in Form der Uniformierung von Punk durch Le¬
derjacke, Nato-Hose und Springerstiefel. Auf jeden Fall war ein
Punk-Outfit in der DDR eigentlich ein klarer Fall von Republik¬
flucht, da man das FDJ-Blauhemd und überhaupt die hilflose und
ältliche DDR-Jugendmode verhöhnte.
Mike Göde: Alles, was man sich besorgen konnte, wie Motorr¬
adlederjacken, Militärstiefel, alte Sackos und Mäntel, wurde lei¬
denschaftlich getragen im Zusammenhang mit Sicherheitsnadeln,
Ketten, Nieten und selbstgemachten Badges. Die Haare waren ge¬
färbt und hochgestellt, auch ein Iro schmückte meinen Kopf in
schimmerndem Weiß.
*
Mike Wendt: Da ich ja Kellner lernte, hatte sich das Thema Fri¬
sur für mich mehr oder weniger erledigt. Die Haare hatte ich ei¬
gentlich immer schwarz gefärbt. Das ging auch auf der Arbeit
durch. Ganz am Anfang hatte ich die Seiten kurz und oben drauf
so eine Art Dauerwelle, was im Nachhinein völlig Scheiße aus¬
sah. Etwas später hab ich mir die Haare etwas wachsen lassen
und im Job einfach glatt nach hinten gekämmt, nach Feierabend
Haarspray oder Seife rein und alles quer durcheinander. Klamot¬
tentechnisch haben wir so ziemlich alles selbst so hergerichtet,
wie wir es brauchten oder konnten. Wir waren auf alle Fälle sehr
kreativ. Da es in der DDR selbst bei der Armee keine richtigen
Schnürboots gab, griffen wir auf Wanderschuhe zurück. Die wa¬
ren günstig und erfüllten ihren Zweck.
Volly Tanner: Die war nicht wirklich so wichtig, in meinem Um¬
feld waren auch Skins, die Popmusik hörten, und Grufties, die
THE CURE hörten. Mein Umfeld war schon immer sehr durch¬
mischt, da mich die Geschichten der anderen Leute immer sehr
interessierten. Damals verkehrte ich in einer Kneipe, den Drei
Linden in Großräschen, da waren hauptsächlich alte Süffel und
Kriminelle zugegen und die erzählten von ihrem fantastischen
Leben. Das hat mich eigentlich immer mehr gefesselt als irgend¬
welche Dresscodes.
Hendrik Franke: Optisch sich zum Punk zu bekennen, war spä¬
ter denn auch auf alle Fälle sehr wichtig für uns. War vielleicht
nicht so einfach wie im Westen, aber auch nicht so schwierig,
wie man vielleicht denkt. Schließlich gab es auch bei uns Militär
und die dazugehörigen Klamotten. Aber es war natürlich strengs¬
tens verboten, so was als Zivilist und Punk zu tragen, und man
durfte sich auf gar keinen Fall damit erwischen lassen. Ich hat¬
te von irgendwoher Sowjet-Militärstiefel, die mir viel zu klein
waren und die ich deshalb so gut wie nie trug. Besser waren da
schon die DDR-Schweißer-Stiefel mit Stahlkappe und allem Drum
und Dran. Klamotten wurden bemalt, zerrissen und wieder ge¬
flickt oder in Übergröße getragen und so weiter Auch Haare fär¬
ben ging gut, es gab da nämlich so ein Anti-Pilz-Mittel, welches
Mama aus dem Krankenhaus mitbrachte und das prima lila oder
grüne Haare machte. Okay, nicht nur Haare, sondern auch Bade¬
wannen und Handtücher, aber egal, gesund war’s bestimmt. Ich
hatte jedenfalls keinen Pilz auf dem Kopf...
Wie waren die Reaktionen deiner Umwelt darauf - Fa¬
milie, Freunde, Lehrer, Chef, Kollegen ...?
Juni 1953. In der DDR wiederholt sich - wie zu Zeiten des „Roten Terrors“ unter dem Diktator Josef
Stalin in Russland - eine bekannte Wirrung im Aufbau einer „Diktatur des Proletariats“. Fabrikarbei¬
ter müssen höhere „Arbeitsnormen“ erfüllen und wenden dagegen Protestformen an, die kommu¬
nistische Splittergruppen heute noch von der „lohnabhängigen Bevölkerung“ im „(Klassen)Kampf
gegen das Kapital“ einfordern: Generalstreik, Straßenproteste, teils gewaltsame Besetzungen von Be¬
hörden und blutige Straßenschlachten mit der Polizei. Am 17. Juni 1953 lassen die russischen Trup¬
pen im „Arbeiter- und Bauernstaat“ ihre Panzer ausrücken. Menschen der Arbeiterklasse, die für ein
besseres Leben kämpfen wollen - also genau dafür, wofür der Kommunismus stehen will -, werden
unterdrückt. Es kommt infolge der Unruhen innerhalb weniger Tage zu 55 bis 70 Toten. Am Ende soll
es bis zu 13.000 Festnahmen auf dem gesamten Gebiet der DDR gegeben haben.
Jene Vorgehensweise ist bekannt oder soll sich wiederholen: Seit Anbeginn der Oktober-Revolution
1917 kämpften die Kommunisten nicht nur gegen Adel, Kirchen und Zarentum, sondern auch gegen
die Arbeiterklasse und (ehemalige) Mitstreiter im Kampf gegen das Kapital. Arbeiteraufstände oder
parteiunabhängige Gewerkschaftsbewegungen werden in der Sowjetunion, Polen, Ungarn, Bulgari-
PUNK IN DER DDR: DIE HINTERGRÜNDE
DAS GUT
GEMEINTE BOSE
Der Kommunismus wollte eine gerechte Welt für Arbeiter und Bauern schaf¬
fen. Die Unterdrückten sollten besser leben, nicht mehr von Adel, Kapital und
Industrie ausgebeutet werden. Doch rasch wurden in den „Diktatur(en) des
Proletariats“ (auch) jene Menschen, die man zu befreien vorgab, wieder unter¬
drückt, verfolgt und ermordet. Hippies und Punks mussten denn auch Klas¬
senfeinde sein - und Naziglatzen konnten 1987 ein Konzert von ELEMENT OF
CRIME in der Zionskirche sprengen.
en oder der Tschechoslowakei niedergeschlagen. Menschen werden in den oft unmenschlichen La¬
gern des Gulag-Systems interniert, wo sie mittels Zwangsarbeit zu wahren Sozialisten umerzogen
werden sollen - viele kommen dabei um. In China lässt das Regime noch am 4. Juni 1989 eine De¬
mokratiebewegung - seit Monaten aufbegehrende Studierende und Arbeiter - blutig niederschlagen.
Panzer und Militärkonvois rollen durch Pekings Straßen, man lässt auf Demonstranten schießen und
in einer Nacht- und Nebelaktion überrollen Panzer ein Protestkamp auf dem „Platz des himmlischen
Friedens“. Die Zahl der Todesopfer wird in Peking auf bis zu 1.000 geschätzt, man spricht von zehn¬
tausenden Verletzten und Inhaftierten infolge der Militäraktionen im ganzen Land. Die Hardcore-Le-
gende CAPITOL PUNISHMENT hat für das Album „Bulwarks Against Oppression“ ein Foto aus jenen
Tagen als Cover genutzt. Es zeigt einen Mann, der mit Einkaufstüten in der Hand einen Kampfpan¬
zer stoppen will. Von den TV-Bildern jener Tage ist bekannt: der Panzer hat mehrfach angezogen und
den Mann immer wieder mit seiner Stahlschnauze „geschubst“. CAPITOL PUNISHMENT verkneifen
sich im gleichnamigen Song indes allzu CDU-nahe Zeilen, wie sie OHL in „DDR“, „Warschauer Pakt“,
„Ostblock“ und „Roter Terror“ mochten.
Rund acht Jahre nach dem Massaker in China sorgte ein Buch für Aufsehen. „Das Schwarzbuch des
Kommunismus“ löste eine heftige Debatte aus und wagte sich an eine vorläufige Bilanz über den „real
existierenden Sozialismus“ beziehungsweise Kommunismus und dessen rund 80-jährige Geschich¬
te. Weltweit, summieren die Autoren, seien wohl über 90 Millionen Menschen Opfer des Kommu¬
nismus geworden in all seinen asiatischen, osteuropäischen, afrikanischen und südamerikanischen
OX-FANZINE 116
PUNK IN DER DDR
Jörg Löffler: Da sich die Entwicklung bei mir nicht von einen Tag
auf den anderen, sondern allmählich vollzog, waren die Reaktio¬
nen nicht so krass. Als ich dann extremer aussah, reichten sie von
Entsetzen über Aggressivität bis Belustigung. Schön fand das kei¬
ner. Mein Vater hat mal eine Lederjacke von mir zerschnitten.
Arnim Bohla: Die Mehrheit konnte mit dem Thema nichts an¬
fangen. Später war auch die Tatsache von Bedeutung, dass meine
Freundin und jetzige Frau mit vielen Bands etwas anfangen konn¬
te. Das erleichtert einiges, wie zum Beispiel gemeinsame Konzert¬
besuche und so weiter.
Carsten Hiller: Die Reaktionen meiner Familie war anfangs ge¬
schockt bis traurig, später akzeptierten meine Eltern das und hat¬
ten viel Freude an mir und meinen Freunden. Meine Freunde
wurden ja ebenfalls Punks beziehungsweise sympathisierten da¬
mit, den Lehrern schien es egal zu sein beziehungsweise sie gin¬
gen recht souverän damit um - wir hatten eh mehr Spaß an char¬
manten, intelligenten Provokationen in der Berufsschule. Meine
Kollegen und mein Chef machten sich darüber eher lustig, waren
vereinzelt aber auch interessiert. Zwischenzeitlich hatte ich mir
mal betrunken einen Iro schneiden lassen, den ich aber schnell
wieder ablegte, da mein Vater bei meinem Anblick anfing zu wei¬
nen. Später ließ ich mir aber wieder einen Iro schneiden — da hat¬
te sich mein Vater an das Ganze gewöhnt.
Andreas Kohl: Mit Lehrern hatte ich immer kleine Probleme,
wenn auch nicht ernsthaft. Oder zumindest habe ich das nicht
ernst genommen. Das hatte vielleicht auch damit zu tun, dass ich
schon damals eine ziemlich gefestigte Weitsicht hatte und star¬
ke familiäre Rückendeckung. Einige meiner Freunde hatten es da
schwerer, was sie wiederum auch härter und extremer gemacht
hat. Da ich outfitmäßig eher unauffällig war, hatte ich verhält¬
nismäßig wenig Probleme, wenn es dann um Inhalte ging und
ich meiner Agitationslust freien Lauf ließ, wechselten sich die Re¬
aktionen zwischen fassungslosem Kopfschütteln und beinhartem
Kontra ab. Das hat mir in der Schule schon einige Probleme be¬
reitet, die dann immer darin gipfelten, dass meine Eltern beim
Direktor antanzen mussten und ihnen nahe gelegt wurde, ihren
Sohn zu mäßigen. Das haben sie dann immer an mich weiterge¬
reicht, so in der Art: Wenn du die Klappe aufreißen willst, mach
es, aber sieh zu, dass es irgendeinen Sinn hat, damit du dir später
nicht selbst Vorwürfe machst, du hättest dir Chancen für nichts
und wieder nichts verbaut.
Henryk Gericke: Ich habe es mal so formuliert: „Punk war noch
nicht Mode, ich erfuhr aber trotzdem, was es bedeutet, Mode zu
sein.“ Das heißt, in der Schule wurde ich bestenfalls verlacht, an¬
sonsten gab es aber eher auf die Fresse. Mein Vater, zu dem ich ein
gutes Verhältnis hatte und habe, war begeistert und grüßte mich
auf der Straße nicht mehr. In der Lehre wurde man an Arbeitsplät¬
ze verbannt, die am trostlosesten waren, was aber den Vorteil hat¬
te, dass man seine Ruhe hatte. Am tollsten war es auf der Straße:
War man allein unterwegs, war man eigentlich vogelfrei.
Mike Göde: Meine Mutter war bei mir dagegen, da mein älte¬
rer Bruder schon entartete. Sie hatte keine Chance. Freunde such¬
te man sich bei Gleichgesinnten und auf den Rest war was ge¬
schissen. Mit Lehrern hatte ich im Großen und Ganzen keine Pro¬
bleme, eigenartigerweise. Was mein Berufsleben betrifft, war ich
bei meinen Kollegen körperlich in der Verfassung, mich zu be¬
haupten. Extremen Ärger hatte ich mit allen Vorgesetzten.
Mike Wendt: Ich hatte eigentlich kaum Stress wegen meines Auf¬
tretens. In der Familie sowieso nicht, da mein Bruder in die glei¬
che Kerbe schlug und unsere Eltern der ganzen Sache ganz locker
gegenüberstanden. Ich bin von Natur aus ein sehr lustiger Mensch
und lache gern. Ich denke, damit bin ich gut gefahren und so hat
mich aus meinem Umfeld auch keiner dumm angemacht.
Volly Tanner: Mein Vater hat mich mal am Iro geschnappt und
mit dem Kopf gegen die Wand gehauen, dazu hat er lauthals und
mit rot angelaufenem Hals intoniert: „Das mache ich jetzt so lan¬
ge, bis du eine ordentliche Frisur hast.“ Völlig absurd, natürlich.
Der Chef meines Lehrlings Wohnheims sagte hingegen mal, als
mein Iro besonders gut in Richtung Sonne stach: „Irokesenhaar¬
schnitt ist in Ordnung, aber wenn du mit Glatze kommst, fliegste
hier raus!“ — Das war 1988!
Hendrik Franke: Die Reaktionen aus dem Staat und der Bevölke¬
rung waren teilweise recht hart. Dazu kamen noch die staatstreu¬
en Medien mit ihren Kampagnen, von wegen Punks gab es nicht
in der DDR und die, die nicht wegzureden waren, waren sowie¬
so vom Westen gesteuert, waren drogenabhängig und schmutzig
und klauten, was nicht niet- und nagelfest war. Eine Episode ist
noch die Abschlussprüfung in der Schule. Damals gab es das Ge¬
setz in der DDR, dass man die Prüfung nur in FDJ-Uniform ab¬
Hast du dich, wie konkret oder abstrakt auch immer,
unterdrückt gefühlt? Welche Sanktionen hast du er¬
fahren?
Jörg Löffler: Ich wurde in diese Verhältnisse hinein geboren. Ich
kannte nichts anderes. Vieles, was ich heute als Unterdrückung
empfinden würde, war damals normal. Es gehörte zur Überle¬
bensstrategie, sich mit den Umständen zu arrangieren und sich
kleine Nischen zu suchen. Bei einem großen Teil der Menschen,
vor allem älteren, führte das zu Resignation und Lethargie. Man
machte es sich in seiner Neubauwohnung gemütlich, oder in sei¬
ner Gartenlaube, flüchtete sich in eine Art Galgenhumor oder „re¬
bellierte“ im stillen Kämmerlein. Westpakete waren eine Art Er¬
satzbefriedigung. Natürlich fand ich es absurd, dass einem vorge¬
schrieben wurde, was man zu denken und zu fühlen hatte, dass
es diese Zwänge und Verbote gab, dass man nicht reisen konn¬
te, wohin man wollte. Aber ich hatte nie die Absicht, den Staat
zu stürzen.
Arnim Bohla: Ich hab meine Einstellung immer kundgetan. Da¬
bei hatte ich sowohl im Lager derer, die die DDR verteufelten, als
auch bei denen, die den Sozialismus als das Nonplusultra ansa¬
hen, meine „Gegner“ gefunden. Unterdrückt habe ich mich in
der DDR nie gefühlt. Erst als die Perestroika und Glasnost zu uns
kamen, habe ich verstärkt über eine offenere Gesellschaft nachge¬
dacht. Unterdrückung verband ich nur mit einem Erlebnis: Ende
1988 habe ich die Band HERBST IN PEKING live erlebt und in
der Woche darauf innerhalb meines Jobs erfahren, dass die Band
Auftrittsverbot für unseren Kreis bekommen hat. Für mich, der
dem Konzert beiwohnen durfte, blieb die Frage, warum? Aber
das war schon unmittelbar, bevor die ersten Montagsdemonst¬
rationen begannen.
Carsten Hiller: Ich habe mich zu keiner Zeit unterdrückt gefühlt,
da ich, obwohl Aussehen und Verhalten immer extremer wur¬
den, die Sanktionsmöglichkeiten der DDR nur selten zu spüren
bekam. Und wenn, dann hatte ich sie mir auch redlich verdient
beziehungsweise konnte sie mit Humor nehmen. Dieser Eindruck
Zielstellung; -Zersetzung dieser, Gruppe
- Suche, Auswahl, Überprüfung und Gewinnung
eines Mitgliedes diesen (%uppe auf der Grund¬
lage der R 1/79
legen durfte. Nun war ich aber nicht drin in diesem Verein. Mir
wurde dann angeboten, man könnte mir leihweise ein FDJ-Hemd
zur Verfügung stellen, was ich dankend ablehnte, da ich mich ja
nicht mit fremden Federn „schmücken“ wollte. So war das aber
auch gar nicht von denen gemeint, natürlich müsse ich auch in
den Verein eintreten. Andererseits „könnte man aber auch mit
Abschluss 8. Klasse was werden in unserem Arbeiter- und Bau-
ernstaat ...“. Ich trat dann in die FDJ ein, für ganze zwei Mona¬
te, machte meine Prüfung, entehrte unmittelbar danach vor dem
Leipziger Hauptbahnhof mit Freunden die leihweise zur Verfü¬
gung gestellten staatlichen Klamotten und war letztendlich glück¬
lich, auch wenn sie mich irgendwie ja doch gekriegt hatten.
Steffen Schölzel: Meine Eltern haben das akzeptiert, aber begeis¬
tert waren sie nicht gerade. Für die Lehrer war das eine absolu¬
te Provokation, da standen dann schon mal in der Pause zwei net¬
te Herren von der Stasi im Klassenraum und baten zum Einzel¬
gespräch. Von der Polizei wurde man ständig kontrolliert. Wenn
man nicht aufgepasst hat und alleine war, hat man in der Disko
auch ganz schnell eins aufs Maul bekommen.
ist sicher meiner Jugend und Naivität, dem Rückhalt durch meine
Familie und des gesamten positiven sozialen Umfeldes zu verdan¬
ken. Ich will damit Erfahrungen anderer weder in Frage stellen,
noch die DDR übern Klee loben. Bei mir war es aber so.
Andreas Kohl: Ja, unterdrückt habe ich mich gefühlt. Ich wuss¬
te, dass ich bestimmte Dinge nie würde erreichen können, weil
ich mich eben nicht mit dem System arrangieren würde. Auf der
anderen Seite hab ich das aber auch irgendwie als Chance begrif¬
fen, denn ab einem bestimmten Punkt hat eben auch keiner mehr
von mir erwartet, dass ich das tue. Zum Beispiel hat mich in der
10. Klasse keiner gefragt, ob ich in die Partei eintreten will. Wäh¬
rend meine Klassenkameraden also die Tiraden des Parteisekre¬
tärs über sich ergehen lassen mussten, der ihnen in schillernden
Farben ausmalte, welche Vorteile es bringt, wenn man sich die
abgehackten Hände ans Revers heftet, durfte ich gehen und bin
zum Baden an den Baggersee gefahren. Ein wenig heftiger wur¬
de es dann, als ich den Wehrdienst total verweigern wollte, was
ja in der DDR unter Strafe stand. Da haben sie mich dann durch
die Mangel gedreht und wie ich später erfahren habe, bin ich so-
Auswüchsen. „Der Kommunismus [...] hat im Namen von Gerechtigkeit und Freiheit Milliarden von
Menschen betrogen, denn seine Taten waren stets das pure Gegenteil. [...] Was ist das also für ein
wunderbares System, das nirgendwo etwas anderes als seine Perversion in die Tat umgesetzt hat?“,
fragt sich der Philosoph und „konservative Medienintellektuelle“ (Freitag) Jean-Francois Revel 1997
in der französischen Zeitung Le Point. In einer Interview- und Artikelserie merkt in Le Monde zur
gleichen Zeit Roger Martinelli von der durchaus Kommunismus-kritischen „Neugründungs-Genera-
tion“ der französischen, Kommunistischen Partei PCF an: „Der Kommunismus ist Henker und Op¬
fer zugleich. Es hat kommunistische Stalingegner gegeben“, die Opfer der „terroristischen Gewalts¬
pirale“ geworden seien.
Was Martinelli meint, bilanziert das „Schwarzbuch“: Kern aller kommunistischen Regimes war ein
Netz aus Geheimdiensten und Unterdrückung. Die Bevölkerung wurde überwacht. Diejenigen, die
gestern noch gegen „das Kapital“ kämpften, mit der Umsetzung des Kommunismus durch Partei,
Militär und Geheimdienste aber unzufrieden waren und dagegen rebellierten - Arbeiter, Bauern,
Gewerkschafter, Anarchisten, Sozialdemokraten, ehemals antifaschistische Partisanen, Juden, Kom¬
munisten, Trotzkisten, sogar Parteifunktionäre -, wurden plötzlich selbst unterdrückt, deportiert,
verhaftet, durch Haftbedingungen, Folter, Waffengewalt oder Hungersnöte ermordet. Wie aber soll¬
ten solche Regimes umgehen mit Menschen, die sich per se außerhalb einer Gesellschaft platzier¬
ten? Punks etwa. Deren anarchisches Treiben war den „sozialistischen“ Staaten ein Dorn im Auge.
Auffallend dabei indes: während die DDR sich als antifaschistischer Staat begriff, wurden Punks in
ihren Stasi-Akten auch mit Begriffen belegt, die schon die Nationalsozialisten nutzten (die „Volks¬
schädlinge“ seien „negativ dekadent“). Zugleich wurden Punks selbst als Nazis diffamiert, denn
schon Sid Vicious hatte ein T-Shirt mit einem Hakenkreuz auf der Brust getragen ... Kleinbürger in
Ost- und Westdeutschland hatten hier die Wiedervereinigung zeitweise wohl schon an der Vorur¬
teilsfront vollzogen.
1983 erschien bei dem Berliner.Kultlabel Aggressive Rockproduktionen die Split-LP „DDR von un¬
ten“. Die Punkband SAUKERLE - dahinter versteckten sich SCHLEIM-KEIM - sangen vom „Spion im
Cafe“ und kritisierten die Überwachung und Stasi-Durchsetzung der DDR-Gesellschaft. Wie sehr die
Stasi-Agenten und „Informellen Mitarbeiter“ selbst in der Alternativszene präsent waren, zeigte sich
jedoch schon anhand dieser Platte. Der Kopf der zweiten Band, ZWITSCHERMASCHINE, wurde nach
dem Mauerfall als Spitzel enttarnt. Sascha Anderson war nicht nur kreativ in der alternativen Szene
des Prenzlauer Bergs gewesen, sondern hatte dieselbe auch für die Stasi beobachtet. 1987 erschien
bei X-Mist Records die LP „Made In GDR“ der Leipziger Punkband L’ATTENTAT. Die Aufnahmen wa¬
ren mittels Musikkassette über die Grenzen geschmuggelt worden. Obschon damals in Westdeutsch¬
land längst Hardcore angesagt war und der eher rumpelige Deutschpunk der Leipziger unzeitgemäß
wirkte, sorgte die Platte für Aufsehen. Später stellte sich heraus, dass Gitarrist und Sänger Imad in der
Leipziger Punks-Szene auch als Stasispitzel aktiv gewesen war.
Punk war nicht die erste Alternativ- oder Oppositionsbewegungen in der DDR, die die Härte des
Staates zu spüren bekam. In den 1970er und 1980er Jahren war etwa die Oppositionsbewegung -
eine Mischung aus Hippies, Künstler, Studierenden- und Friedensbewegung - in Jena sehr stark. In
seinem Buch „Vision und Wirklichkeit“ beschreibt Udo Scheer den Kampf und die Unterdrückung
jener Gruppe, deren Ziel eine „basisdemokratische Erneuerung des Sozialismus von innen heraus"
war. Quasi-Dissidenten wie Lutz' Rathenow und Jürgen Fuchs wollten den Sozialismus reformieren,
nicht stürzen. Unter den Studierenden kam es zu Exmatrikulationen, Dauerobservationen, Künst¬
lern wurden Auftrittsverbote erteilt, es kam zu Ausbürgerungen und Inhaftierungen, ein Mitglied
kam unter ungeklärten Umständen in der U-Haft um. Roland Jahn stellt als Ex-Mitglied jenes Kreises
in Scheers Buch fest: „Im Endeffekt wirst du ja nicht als Staatsfeind geboren, sondern du wirst zum
Staatsfeind erzogen. Diese [DDR] hat die Staatsfeinde herangezüchtet.“
Die Stasi - korrekter Name: Ministerium für Staatssicherheit (MfS) - verstand sich selbst als „Schild
und Schwert der Partei“, also der allein regierenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands
(SED). Zum 25-jährigen Bestehen der Stasi sagte deren Chef Erich Mielke 1975, Aufgabe des MfS sei
es „feindliche Kräfte im Innern aufzuspüren und unschädlich zu machen.“ 1989, als die DDR kurz
vor ihrem Ende und dem Mauerfall stand, schätzte man, dass auf 1.000 DDR-Bürger zirka 5,5 Stasi¬
mitarbeiter kamen - das waren auf die Bevölkerung umgerechnet zweieinhalbmal so viele Geheim¬
dienstler wie in der Sowjetunion.
Am 17. Oktober 1987 tritt die Westberliner Band ELEMENT OF CRIME in der Ostberliner Zionskir¬
che auf. Das Konzert ist illegal organisiert. Als Support spielt die DDR-Punkband DIE FIRMA. Um 22
Uhr stürmt eine Gruppe von etwa 30 Nazi-Skinheads die Veranstaltung, grölt „Heil Hitler“ und „Ju¬
den raus aus deutschen Kirchen“. Die Nazis prügeln, teils mit Stangen und Flaschen bewaffnet, auf
Teile der zwischen 400 bis 1.000 Besucher ein und verletzen einige Menschen schwer. Erst als sich
Punks entgegenstellen, ziehen sich die aus Ostberlin stammenden Naziskins zurück. Im Umfeld der
Kirche gehen die wilden Schlägereien noch weiter. Zwar beobachten Volkspolizei und Stasi den An¬
griff, doch sie schreiten nicht ein.
Trotz des immensen Überwachungsapparates hatte die Stasi das seit Anfang der 1980er Jahre auftre¬
tende Problem der Nazis und rechtsextremer Hooligans in der DDR vertuscht. Im selbst ernannten,
antifaschistischen Teil Deutschlands durfte es hinter der Mauer, jenem „antifaschistischen Schutz-
wall“, derlei nicht geben. DDR-Presse und Gerichtsbarkeit nannten die Angreifer auf die Zionskirche
später denn auch lieber „Rowdys“ oder die Tat „Rowdytum“ - während die eher linke Punkszene
dem MfS immer schon ein Dorn im Auge gewesen war und blieb. Monate nach dem Angriff ging die
Stasi denn auch gegen Punks, Oppositions- und Umweltgruppen in der Zionskirche vor.
Michael Klarmann
OX-FANZINE 117
PUNK IN DER DDR
gar von der Schule geflogen. Nur haben sie vergessen, mir das am
Schuljahresende 1988/89 mitzuteilen und im Herbst 1989 bin ich
dann natürlich wieder hin und dann kam die Wende. Ich bin also
das, was man einen Wende-Gewinner nennt.
Henryk Gericke: Unterdrückt habe ich mich nicht erst als Punk
gefühlt. Das Gefühl wurde lediglich verstärkt. Das war nicht abs¬
trakt, das Stadtzentrum war tabu, eigentlich alle so genannten Ju¬
gendclubs waren es. Viele aus der Punk-Szene wurden mit 18 Jah¬
ren gleich in die NVA-Kasernen abkommandiert, viele gingen in
den Knast, manche noch minderjährig. Sich einen Anwalt zu neh¬
men, war möglich, aber eine Farce. Du konntest dich als Ost-Punk
einfach nicht frei bewegen und hast hinter der Mauer auch noch
wie hinter Gittern gelebt.
Mike Göde: Umso mehr Druck auf mich ausgeübt wurde, umso
erster und intensiver wurde die Sache für mich. Sanktionen: Aus¬
schluss aus jeder Form gesellschaftlichen Lebens. 1988 Kün¬
digung der Arbeitsstelle ohne Begründung und ab dem Tag im
Jahr keine Neueinstellung. Ich war arbeitslos, was im Sozialis¬
mus nicht existierte.
Mike Wendt: Ob ich mich damals unterdrückt gefühlt habe, kann
ich heute mit Abstand nicht mehr genau sagen. Der Mensch er¬
innert sich immer nur an die guten Zeiten im Leben. Heute kann
ich nur darüber lachen, was sich die „Genossen“ haben einfallen
lassen. So mussten wir alle vor dem 1. Mai oder 7. Oktober zur
Volkspolizei und unterschreiben, den Ort beziehungsweise den
Kreis nicht zu verlassen. Ziel war, dass wir nicht in der Öffent¬
lichkeit in einem größeren Ort in Erscheinung treten sollten. Was
einen ständig begleitete, waren die Personalausweiskontrollen. Je
größer der Ort war, umso mehr Polizei und umso mehr wurde
man kontrolliert. In Berlin hat’s mich mal in der Silvesternacht
weit über zehnmal erwischt, und wenn die Ordnungshüter Lan¬
geweile hatten, musste man erst mal mit zum Revier.
Volly Tanner: Unterdrückt fühlte ich mich nur von meinem Va¬
ter - aber das hatte nichts mit meiner Punk-Sache zu tun. In Groß-
räschen gab es zwar Lehrer, die mich irgendwie runterdrückten,
aber das war Kindergarten. In diesem Lebensabschnitt ist man ja
sowieso der Meinung, dass die ganze Welt gegen einen ist. Sank¬
tionen gab es nicht, ich kam in alle Kneipen rein, in die ich rein
wollte.
Steffen Schölzel: Ich konnte meine Lieblingsbands nicht live se¬
hen und auch ihre Platten nicht kaufen. Aber wir haben ja ge¬
wusst, dass Punk Ärger bedeutet. Und ein Wochenende ohne Bul¬
lenkontrolle war eigentlich auch nur der halbe Spaß. Wir wollten
uns ja ganz bewusst von allen anderen abheben.
Wie sah das Verhältnis zur Staatsmacht aus? Was für
Erlebnisse hattest du?
Jörg Löffler: Solange sie einen in Ruhe gelassen haben, haben wir
uns über die Staatsorgane nur lustig gemacht. Außer Ausweis¬
kontrollen passierte anfangs in Dresden nicht viel. Als wir in an¬
dere Städte reisten, und im Laufe der Zeit auch in Dresden, wur¬
den wir mit der Willkür von Polizei und Transportpolizei kon¬
frontiert. Wir wurden kriminalisiert, wurden „Vernehmungen“
zugeführt. Es kam zu Verhaftungen. Zwar ahnten wir, dass uns
die Stasi auf dem Kieker hat, aber dass die uns schon seit unseren
ersten zaghaften Anfängen überwachte, erfuhren wir erst später.
Carsten Hiller: Mein Verhältnis zur Staatsmacht war nicht ge¬
prägt vom Hass auf Polizisten oder auf die Stasi - ich kannte ja
keinen. Ich habe die Staatsmacht eh nicht besonders ernst genom¬
men, habe mich lustigt über sie gemacht - und hatte Glück!
Andreas Kohl: Das war relativ entspannt. Sicher, als im Herbst
1989 alles hoch kochte, hat man die Jungs auch schon mal aus
der Nähe kennen gelernt, aber wirklich harte Repressalien hat es
nicht gegeben. Wir waren zwar in einer Stadt mit 100.000 Ein¬
wohnern, aber da war doch alles sehr familiär und nicht zu ver¬
gleichen mit dem, was etwa in Berlin oder Leipzig abging.
Henryk Gericke: Wenn man mit Freundei} im Zug zu einem der
wenigen illegalen Punk-Konzerte zum Beispiel von Berlin nach
Leipzig oder umgekehrt fuhr, war es eigentlich die Regel, dass
man auf irgendeinem Provjnzbahnhof rausgefischt wurde, im
schlimmsten Fall auf die Mütze kriegte und, nach stundenlanger
Warterei in Eiseskälte, die Heimreise antreten durfte. Vorzugs¬
weise in Zügen mit lauter Armisten auf Fronturlaub, die eine kon¬
krete Bedrohung darstellten. Punk und Staat in der DDR, das war
eine Konfrontation zwischen Subkultur und Diktatur, das war
Heidenspaß und bitterer Ernst zugleich.
Mike Göde: Ich habe dieses System gehasst und das machte mich
verdammt stark. Festnahmen, Verhaftungen und Verordnungen/
Auflagen waren an der Tagesordnung. Zu Feierlichkeiten der DDR
musste ich mich innerhalb der Wohnung oder außerhalb Berlins
aufhalten. Bei Zuwiderhandlung sofortige Festnahme. Regelmä¬
ßige Vorladungen auf Reviere der Polizei waren die Regel und
Hausdurchsuchungen waren auch nichts Ungewöhnliches mehr.
Aus meiner Musik und meinen Texten probierte man mir ständig
einen Strick zu drehen.
Mike Wendt: Wer nicht ganz bescheuert war, wusste, was los
ist im Land. Die Frage hieß also, wie weit gehe ich und wie weit
lege ich mich mit dem Staat an. Die Mehrzahl von uns hat eine
gewisse Grenze eingehalten, andere sind in den Knast gegangen
wegen „Arbeitsbummelei“ oder anderem Kram und dann in den
Westen rüber. Andere haben einfach die Ausreise beantragt. Dass
man ständig überwacht wurde, war klar. Und mit welchem sinn¬
losen Aufwand manchmal mehrere Beamte wegen eines kleinen
Reisenden beschäftigt sind, sieht man an folgender Geschichte:
Ich war mit dem Zug auf dem Weg nach Römhild. Römhild liegt
im tiefsten Thüringer Wald Richtung Grenze. Zwischen Jena und
Weimar die erste Ausweiskontrolle im Zug. Nachdem ich mein
Reiseziel preisgegeben hatte, begann die Maschinerie zu laufen.
Mein Ausweis wurde eingezogen und ich stand bis zum Bahn¬
hof in Meinigen unter ständiger Bewachung. In Meinigen wurde
ich von drei Beamten in Empfang genommen und drei, vier Stun¬
den zum Verhör festgehalten. Es bestand ja „Fluchtgefahr“. Tota¬
ler Aufwand und Schikane, aber völlig sinnlos.
Hendrik Franke: Unser Verhältnis zur Staatsmacht, das muss ich
wahrscheinlich gar nicht weiter ausführen, war wie überall. Bul¬
lenschikanen, willkürliche Verhaftungen, weil man Punk war,
Stasi-Anwerbeversuche, um die Szene auszuhorchen und und und
... Zwei, drei Freunde habe ich in der Zeit verloren, weil sie den
Druck nicht mehr ausgehalten haben und den Selbstmord vorzo¬
gen. Scheiß Staat! Noch heftiger aber traf es wohl Bands. Promi¬
nentestes Beispiel aus Leipzig ist die Band L’ATTENTAT. Auftritts¬
verbot, ständige Verhaftungen, Ausbürgerung in den Westen und
so weiter. Später schaffte es der ausgebürgerte Teil mal irgend¬
wie, in die Zone einzureisen und in Leipzig ein Konzert als DER
SCHWARZE KANAL zu geben. Das war ein Highlight und fand na¬
türlich in einer Kirche statt.
Steffen Schölzel: Über mich gibt es eine Stasi-Akte, in der sechs
Spitzel über mein Leben berichten. Wir waren eine sehr große
Bedrohung für die DDR und den Sozialismus. In Berlin haben
uns die Bullen an die Wand gestellt und uns die Klamotten ab¬
genommen. In Sömmerda haben sie alle Leute grundlos auf einer
Privatparty verhaftet und einem Punk aus Nordhausen das Joch¬
bein gebrochen. Ich wurde eine Zeit lang fast jeden Tag von ein
und demselben Bullen kontrolliert, obwohl er mich genau kann¬
te. Manche Kneipen durfte man nicht betreten und aus anderen
wurde man als Punk gleich wieder rausgeschmissen. Wildfremde
Leute haben auf offener Straße Dresche angeboten.
Wie war das mit Freiräumen, etwa in Kirchen? Und
wie siehst du das Verhältnis zwischen eigentlich anti¬
religiösem Punk und der Kirche?
Jörg Löffler: Das Verhältnis Punk und Kirche hatte keinen religi¬
ösen Hintergrund. Zumindest seitens der Punks. Vereinzelt setz¬
ten sich Mitarbeiter der Kirche für oppositionelle Randgruppen
ein und ermöglichten beispielsweise Auftritte von Punkbands in
kirchlichen Räumen. In Dresden gab es in der Zeit, als ich in der
Szene war, keine Punk-Kirche-Beziehungen. Mit der Band ROTZ¬
JUNGEN habe ich zwar in den Räumen einer Jungen Gemeinde
geprobt, aber nur weil der Pfarrerssohn in meine Klasse ging. Erst
in den späten 80ern gab es das Cafe PEP in Prohlis und den „Ar¬
beitskreis Punk“ im Umfeld der Martin-Luther-Kirche. Dort fand
1989 auch ein Punk-Konzert statt.
Arnim Bohla: Ich hatte keine Kontakte zu religiösen Einrichtun¬
gen. Dies würde meinem Verständnis von „frei sein“ auch zuwi¬
derlaufen. Denn was will oder wollte die Kirche mit der Unter¬
stützung der Punks in der ehemaligen DDR erreichen? Aus mei¬
ner Sicht wollten sie damit nur auf Stimmenfang gehen. Sich einer
solchen Institution zu bedienen, ist nicht der Weg. Um kein Miss¬
verständnis aufkommen zu lassen, ich habe nichts gegen gläubige
Menschen. Da muss jeder seinen eigenen Weg finden.
Carsten Hiller: Meiner Wahrnehmung nach war die Kirche ein
Ort, an dem sich Punks aufhalten, austoben und künstlerisch und
politisch ausleben konnten. Die Kirche bot Schutzräume, Probe¬
räume und Raum für Veranstaltungen. Ich glaube, haha, dass die
Kirche in diesem Zusammenhang einen der wenigen hellen Mo¬
mente in ihrer Geschichte hatte und dem eigentlichen Gedanken
des Christentums so nah war wie nie zuvor. Ich denke, dass das
Verhältnis zwischen Punk und Kirche in der DDR den Umständen
geschuldet war - wie auch immer man dies bewerten möchte.
Prinzipiell finde ich, dass jeder „Punk“ zwar ein Recht auf seinen
Glauben hat, aber Punk sollte verdammt noch mal auch immer
wieder auf die Gefahren von Religionen hinweisen. Eine Zusam¬
menarbeit mit der Kirche sollte nur punktuell stattfinden.
Andreas Kohl: Ohne diese kirchlichen Freiräume wäre ich heute
nicht da, wo ich bin. Die Kirche, und in meinem Fall ganz beson¬
ders die Katholische Kirche, hat uns damals ermöglicht, uns aus
dem ganzen ideologisch belasteten Sumpf des Alltags auszuklin¬
ken und andere Lebensentwürfe und Gesellschaften zu diskutie¬
ren und auszuprobieren. Unabhängig, ob und welchen Glauben
man hatte, traf man sich dort, letztlich auch, um Musik zu hö¬
ren, zu spielen oder einfach Partys zu feiern, bei denen man nicht
darauf achten musste, einen bestimmten Prozentsatz DDR-Rock
zu spielen. Inwieweit die Kirche damit ihre hegemonial definier¬
ten Missionsbestrebungen verfolgt hat, kann ich nicht mal heute
bewerten. Fakt ist, dass wir in der Kirche die Toleranz erfahren
haben, die es im Alltag nicht gab, und deshalb war es schon mal
ein Gewinn. Ich habe in den letzten Jahren oft erlebt, dass gera¬
de diese Verbindung bei Gesprächspartnern aus dem Westen Be¬
fremden ausgelöst hat, und - was viel schlimmer ist - man als
Ostler das gar nicht vermitteln kann, was Kirche damals bedeu¬
tet hat. Wenn du in einem totalitären System aufwächst, mit dem
du dich nicht arrangieren willst, entsteht ein ungeheuerer psy¬
chologischer Druck, den du vielleicht gar nicht so wahrnimmst,
weil du mit ihm aufwächst und er sich stufenlos verstärkt, je äl¬
ter du wirst. Trotzdem brauchst du ein Ventil für diesen Druck.
Irgendwo muss er hin. Und als Jugendlicher in der DDR hast du
dir dann eben so ein Ventil gesucht und nach jeder Chance gegrif¬
fen wie ein Ertrinkender nach einem Halm. Und die Kirchen wa¬
ren da, aus welchen Gründen auch immer. Die Katholische Kir¬
che hat den Staat DDR nie anerkannt, was also bedeutete, beim
Betreten von Kirchengelände verließ man das Hoheitsgebiet der
DDR. Und da diese Institution ja auch eine beträchtliche interna¬
tionale Macht darstellte, beließ es die DDR dabei, den Laden mehr
oder weniger offensichtlich zu unterwandern, aber keine offene
Konfrontation zu suchen. Was das bedeutete, kann man jeman¬
dem, der nicht dabei war, absolut nicht vermitteln - es war die
pure und reine Freiheit in einer Welt voller Kontrolle, Repressa¬
lien und Totalitarismen. Meine ersten MINOR THREAT-, CIRCLE
JERKS-, MINUTEMEN- und POISON IDEA-Tapes hab ich in und
durch diese kirchlichen Freiräume bekommen.
Henryk Gericke: Einige der evangelischen Kirchen stellten eine
Art exterritoriales Gebiet für die Punks dar. Das wurde ihnen ei¬
gentlich selten gedankt. Andererseits waren sie mit der Klientel,
die sie sich da in die heiligen Hallen geholt hatten, auch heillos
überfordert. Am Anfang stand da sicher auch der Missionsgedan¬
ke, als das nicht funktionierte und Punkbands nicht das Wort Got¬
tes predigten, sondern reinen Zynismus, war’s aus mit der Gna¬
de Gottes. Viele Kirchen schlossen ihre Pforten, abgesehen von
wenigen Ausnahmen. Man sollte aber dennoch nicht undankbar
sein. Viele Konzerte hätte es ohne Kirchenasyl nicht gegeben.
Mike Göde: Es war der einzige Raum, wo wir uns frei bewe-*
gen konnten, weil die Staatsmacht der DDR - offiziell - keinen
Zutritt hatte auf Kirchengelände. Mit den Jugenddiakonen klär¬
ten wir im Vorfeld, dass sie uns mit jeder Form von Glaubensbe¬
kehrung verschonen sollen. Ich kann nur sagen,, wir fühlten uns
dort sehr wohl und sicher. Die Evangelische Kirche in der DDR
trug enorm dazu bei, dass sich die Punk-Szene gut organisierte
und ständig wuchs.
Mike Wendt: Die Jungen Gemeinden in den Kirchen waren ei¬
gentlich, außerhalb des privaten Bereiches, der einzige Platz, wo
Konzerte oder Treffen von Punks stattfanden. Diese wurden über¬
wacht, aber man blieb vom Staat meist unbehelligt. Drinnen zu¬
mindest, denn davor kam es dann schon hin und wieder zu Un¬
stimmigkeiten mit den Ordnungskräften. Da ich und alle anderen
auch nicht religiös erzogen waren, machte ich mir darüber keine
Gedanken. Die Kirche gab uns Platz und dabei blieb es. Ich den¬
ke, im Westen stehen sich Kirche und Staat nahe, was sie zu einem
gemeinsamen Feind macht. Im Osten war die Kirche dem Staat
ein Dorn im Auge, was Punk und Kirche näher zusammenbrach¬
te. Obwohl es von unserer Seite ein reines Zweckbündnis war.
Hendrik Franke: Sonderbarerweise war die Kirche der Freiraum,
den man brauchte. Dort konnte man sich mit anderen Punks tref¬
fen, dort fanden die Konzerte statt - bis auf ein paar wenige selb¬
storganisierte Open-Airs oder Wohnzimmer-Konzerte -, da war
Punk! Ja, klar, auch sie war Stasi-unterlaufen, aber wo w r ar das
nicht der Fall? Dabei identifizierte man sich nicht mit der Bibel
und so weiter, sondern eher mit den Leuten. Die Pastoren wa¬
ren echt nette Menschen, die Verständnis für uns hatten. Das war
wichtig! Die Clubs kamen dann erst deutlich später dazu, so um
J987 herum. Da gab es dann in Leipzig den Eiskeller, jetzt Conne
Island, den Anker, die Villa, den Grafikkeller, die MB, vieles so
Studentenclubs. Ach ja, und natürlich die Völle, das „Clubhaus der
Völkerfreundschaft“, unsere Stammkneipe.
Wie war das Verhältnis von Punks zu anderen
Jugend(sub)kulturen?
Jörg Löffler: Zum größten Teil habe ich mich von anderen abge¬
grenzt. Hin und wieder hatte ich mit Langhaarigen beziehungs¬
weise Künstlern und Profimusikern zu tun, wenn es um Musik-
Logistik ging. Die Punk-Szene hatte damals kein eigenes Netz¬
werk. Man war auf andere angewiesen.
Carsten Hiller: Das Verhältnis von Punks zu anderen Subkultu¬
ren war überwiegend schwer beschädigt. Die meisten Auseinan-
1. Herkunft und Entstehung des Ausgangsmaterial3 und Darlegung
des operativen Sachverhaltes
Durch den IM »Karl-Otto» - Reg.-Nr. IX 2105/65 der KD Sömmerda
sowie durch den IMB "Peter Leitner" - Heg.-Er. IX 2115/84 der
KD Erfurt wurde inoffiziell herausgearbeitet, daß negative
Personen aus Sömmerda einen sogenannten
"Schieimkeim-Fan-Club"
gründen wollen.
OX-FANZINE 118
PUNK IN DER DDR
dersetzungen hatten wir mit Nazi-Skinheads, mit meist rechtslas¬
tigen Metal-Fans und mit irgendwelchen aufgeblasenen Schönlin¬
gen und Wichtigtuern, die man heute wahrscheinlich als Yuppies
bezeichnen würde. Kontakte gab es zur alternativen und Künst¬
lerszene, zu den Hippies, Bluesern oder Pennern und ein wenig
zur Gruftie- und Gothic-Szene.
Andreas Kohl: Es gab bei den Kleinstadt Verhältnissen keine Gren¬
zen. Man hat sich auch eher weniger organisiert. Sicher, es gab
Unterschiede in den Stilen und im Habitus, die aber mehr ober¬
flächlich waren als ideologisch. Wenn man am Wochenende weg¬
ging, gab es Popper, Waver, Punks, Metaller, Blueser, aber alle tra¬
fen sich in derselben Disco, die in der Regel der Saal einer Knei¬
pe war. Warum? Weil das meist die einzige Disco im Umkreis
war. Natürlich gab es auch schon mal Schlägereien, vorwiegend
zwischen Punks und Metallern, aber im Großen und Ganzen hat
einen allein die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Subkultur
schon zusammengeschweißt, weil man ja wusste, man ist anders
als die anderen. Das ist,auch das Interessante gewesen, dass es eine
gewisse Achtung der anderen gab, wenn beispielsweise HipHop-
per oder Breakdancer eine Einlage gaben, bevor die Metal-Runde
losging. Dann saß man da und dachte, Mensch, die sind ja eigent¬
lich wie ich, die versuchen auch irgendwie einen Ausweg aus der
Scheiße zu finden, nur machen die es anders.
Henryk Gericke: Angespannt. Eigentlich gab es nur die Hippie¬
fraktion, bei der es 30 Jahre lang keine Entwicklung gegeben hat¬
te und die über Jahre und wenigstens drei Generationen hinweg
denselben Scheiß hörte und im selben Ornat herumlief. Die wa¬
ren genauso uniformiert wie später die Punks. Die Hippies fühl¬
ten sich in ihren Reflexen, Peace etc., massiv gestört. Am Ende
waren sie von den Punks ebenso genervt wie die, von denen sie
selbst ständig beargwöhnt und verfolgt wurden, nämlich den so
genannten Staatsorganen. Das war zwar eine unausgesproche¬
ne Allianz, die aber in der gemeinsamen Ablehnung von Punk
durchaus bestand. Die Skins wiederum wurden von der Stasi lan¬
ge zur vermeintlichen Befriedung der Punk-Szene benutzt. Kam
es zu Auseinandersetzungen, wurden meistens die Punks „zu¬
geführt“, die Skins ließ man laufen. Sie waren in ihrem marti¬
alischen Äußeren dem Militärstaat DDR näher als die libertären
Punks.
Mike Göde: Sehr schlecht im Großen und Ganzen. Es gab ständig
gewalttätige Auseinandersetzungen. Außer die Bullen überrasch¬
ten uns, dann war für alle klar, wer der Feind ist.
Mike Wendt: Hier gilt ganz klar, zumindest bei uns in der Pro¬
vinz, man hat sich zusammengetan. Ob Punk, Metal, Skinhead
oder andere, man hat sich getroffen und zusammen gefeiert. So
sind wir zum Beispiel immer mit den Metallern aus Gera unter¬
wegs gewesen und auch zu Konzerten von Metal-Bands gefahren.
Hauptsache, es war was los. Geändert hat sich das erst Ende der
80er Jahre, als bei den Skins ein starker Rechtsruck zu verzeich¬
nen war und es dann auch zu Auseinandersetzungen kam.
Hendrik Franke: Egal, ob das nun HC-Punk, Deutschpunk,
Wave/Indie, Underground oder ein Metal-Konzert war, irgend¬
wie waren immer alle Subkulturen da, man kannte sich und kam
bestens miteinander klar. Okay, bis auf die Nazi-Glatzen natür¬
lich! Mit Poppern wollten wir auch nix zu tun haben, aber das
war ja auch keine Subkultur.
Waren Punks in der DDR politisch? Wenn ja, wie? Im
Westen war (und ist) Punk ja letztlich immer irgend¬
wie links.
Jörg Löffler: Ich habe mich als unpolitisch gesehen. „Links“ oder
„Rechts“ waren für mich abstrakte Begriffe. Ich wollte definitiv
nicht links sein, denn links war ja die SED. Politik hatte den Beige¬
schmack „Staatspolitik“. Unbewusst war ich schon politisch.
Arnim Bohla: Punk ist immer politisch, so auch in der ehemali¬
gen DDR. Diskussionen zum politischen System, zu dem, was uns
störte beziehungsweise belastete, gehörten immer dazu. Für mich
ist Punk auch generell eine linke Kultur/Subkultur. Das, was da
aus einigen Bands und Fans wie zum Beispiel SKREWDRIVER ge¬
worden ist, hat mit dem Ursprung nichts zu tun. Auch Oi!-Punk,
der unpolitisch oder gar rechtslastig ist, hat mit Punk in mei¬
nem Verständnis nichts zu tun. Auch wenn Punk für mich Tole¬
ranz, Offenheit bedeutet, muss in diese Richtung eine klare Ab¬
sage erfolgen.
Carsten Hiller: Alle Punks, die ich damals traf, waren irgendwie
politisch. Und die „Punks“, die später Naziskins wurden, waren
eben rechtsextrem und rassistisch, wie wir leider manchmal erst
spät bemerkten. Das politische Engagement der Einzelnen bestand
bei den jungen Punks, wie ich einer war, eher im Zeigen einer
politischen Überzeugung auf Jacken und durch das Outfit an sich,
aus der Hilfeleistung bei Auseinandersetzungen und spontanem
Provozieren der Staatsmacht. Ältere Punks hatten meist schon ein
Leben begonnen, das fernab der sozialistischen Realität stattfand.
Dazu gehörte das Besetzen von Wohnungen, die heruntergekom¬
men waren, das Produzieren von illegalen Flugblättern oder von
Kassetten mit Punk- oder Alternativ-Bands, das Organisieren von
Konzerten, Lesungen oder anderen künstlerischen Ereignissen
sowie von Reisen zu anderen Punks in der DDR. Außerdem hat¬
ten einige Ausreiseanträge gestellt. Insgesamt würde ich schät¬
zen, dass zu meiner Zeit, also etwa ab 1987/88, Punk fast immer
ein Bekenntnis zum Antifaschismus, Humanismus und für Tole¬
ranz war. Ob das nun links war oder ist, muss wohl jeder für sich
selbst beantworten. Eine Ablehnung des DDR-Systems, wie es sich
damals darstellte, war aber ebenfalls bei fast allen Punks, .die ich
kannte, fest verankert.
Andreas Kohl: Natürlich war Punk in der DDR politisch. Das ging
ja gar nicht anders. Die DDR-Gesellschaft war in einem absoluten
Höchstmaß politisiert und ideologisiert, viel, viel mehr als die
Bundesrepublik. Das ist auch das, was zu vermitteln heute schwer
fällt. Der Alltag war durchdrungen von Politik, wenn auch abso¬
lut einseitig und, ja, fast schon mythologisiert. Trotzdem muss¬
te eine irgendwie geartete Auflehnung sofort als politische Äu¬
ßerung wahrgenommen werden und zwar von jedem, den Ak¬
teuren wie auch den Außenstehenden. Und dessen war man sich
bewusst. Wenn du dir heute eine Sicherheitsnadel ins Ohr haust,
wirst du morgen beim Schuldirektor vorstellig werden müssen
und er wird dir das als konterrevolutionäre Umtriebe auslegen.
Das mag albern klingen, aber so war’s. Das war ja auch die einzig
wirkliche Waffe, die sie gegen dich hatten ... dein politisches Be¬
wusstsein in Frage zu stellen, weil das allein deine Zugehörigkeit
zur Gesellschaft als vollwertiges Mitglied definiert hat. Oder um
es kürzer zu formulieren; wer nicht in jeder Hinsicht konform
ist, der ist gegen das System und das System hat das Recht, ihn
zu vernichten. Eine politische Richtung im klassischen Sinn lässt
sich da eher weniger ausmachen, da das System ja von einem kru¬
den konservativen Sozialismuskonstrukt durchdrungen war, hat¬
te es Punk schwer, eine einheitliche politische Linie zu deklarie¬
ren, obwohl er es ja im eigentlichen Sinne nirgendwo je dazu ge¬
bracht hat. Selbst im Westen ist Punk auch leider nie mehr gewe¬
sen als eben „irgendwie“ links. Und das vor allem als Gegenent¬
wurf zum konservativen Politikverständnis des Alltags, also eben
sogar mehr „irgendwie“ dagegen als „irgendwie“ links. Im Osten
war er eben auch „irgendwie“ dagegen.
Henryk Gericke: Die Politisierung und Radikalisierung setzte mit
der beginnenden Verfolgung ein. Am Anfang brachen die Punks
jeden Dialog mit der Macht einfach ab und scherten sich einen
Dreck um Werte und Normen des DDR-Systems. Erst mit der Aus¬
differenzierung der Szene in Subszenen, ab 1983 vielleicht, gab es
auch Punks, die sich zum Beispiel in Kirchen- und Bürgerrecht¬
lerkreisen engagierten. Ob bewusst politisch oder nicht, letztlich
war Punk zu sein in der DDR immer ein Politikum.
Mike Wendt: Von unserem Denken und Handeln her waren wir
auf alle Fälle links. Unser Problem war nur der Staat, der war of¬
fiziell auch links. Wir vertraten linke Ansichten und waren in
einem sozialistischen Staat Konterrevolutionäre. Richtig poli¬
tisch wurde ich erst 1989 und fuhr regelmäßig nach Leipzig. Mit
Freunden haben wir Ende Oktober 89 in Hermsdorf auch die ers¬
te Demo organisiert.
Volly Tanner: Punk war politisch, weil Leben politisch war.
Punk war eindeutiges Statement, man stellte sich auf die Seite des
schwierigeren Weges, sagte sozusagen: Euren Weg will ich nicht
mitgehen! Schon allein dadurch war das politisch - heute ist ja
Punk meist Pop, und Pop ist nun mal kein Aufruhr.
Hendrik Franke: Punk in der Zone war automatisch politisch.
Man musste sich einfach mit Politik auseinander setzen, um als
Punk zu überleben. Punk war natürlich auch Saufen, Spaß und
Musik, aber ich gehe so weit, zu sagen, dass Punk bei uns in ers¬
ter Linie Politik war - merkt man auch an vielen Texten von al¬
ten DDR-Bands. Später gab es ja dann auch das Punk-Nazi-Phäno-
men. Eine sehr polarisierende Zeit! Irgendwie verschwammen für
eine kurze Zeit ein wenig die Szenen. Punks wechselten ins Nazi-
Lager, Faschos wurden Punks, das alles war ein Austesten, das al¬
les hing zusammen mit Freunden und wo die standen, es war ein
reges Hin und Her. Jedenfalls kam man zu einem Punkt, an dem
man Leute aus beiden Lagern kannte, das war schon komisch,
rettete einem aber manchmal den Arsch! Hielt auch nicht lange
an, die Zeit, dann waren die Lager gefunden und man ging dazu
über, sich die Fresse zu polieren. Die Szenen wurden ernster und
die Fronten verhärteten sich. Ich persönlich fand die Nazistruk¬
turen schon immer nur unansehnlich und sehr dumm. Und ich
musste auch keine Test-Ausflüge ins rechte Lager unternehmen,
um zu wissen, dass Scheiße braun ist und stinkt!
Wie sah der Austausch in Sachen Punk aus? Hattest
du oder deine Clique Kontakte in den Westen, in an¬
dere Städte der DDR, in die „Bruderstaaten“?
Jörg Löffler: Ich hatte Kontakte nach Leipzig, Weimar, Karl-Marx-
Stadt, Berlin, nach Westdeutschland und eine Zeit lang nach Un¬
garn. Innerhalb der DDR hat man sich besucht oder bei Veranstal¬
tungen getroffen. Mit Westdeutschen und Ungarn haben wir uns
in Dresden, Berlin, Budapest oder in Tschechien getroffen. Au¬
ßerdem hatte ich Briefkontakt zu Punks in vielen Ländern.
Arnim Bohla: Nein! Erst später, nach 1990, habe ich Kontakte
nach West-Deutschland, Kolumbien, England, Norwegen und in
die Türkei geknüpft.
EIN FILM ÜBER PUNK IN DER DDR
MICHAEL BOEHLKE
TOO MUCH FUTURE/OSTPUNK
Die Idee zu „too much future“, einem Dokumentarfilm über Punk in der DDR, ergab sich zwangsläufig.
Zum einen waren wir Teil der DDR-Punk-Szene, zum anderen gab es bis dahin nichts Filmisches, was
diese/unsere Geschichte auch nur annähernd authentisch erzählt hätte.
Die eingängigen Werke zum Thema blieben uns nicht verborgen
und hinterließen ihre Wirkung. So fanden wir in der Punk-Szene
New Yorks ähnliche Verwirrungen und gebrochene Biografien,
wie sie auch die subkulturelle Szene Ost-Berlins Ende der siebzi¬
ger Jahre zu bieten hatte.
Aber in allen Filmen und Büchern zum Thema Punk in Ameri¬
ka und England, wie auch Westdeutschlands, bleibt die Geschich¬
te von Punk in Ostdeutschland unbeleuchtet und somit Subkultur.
Diesen Mangel nahmen wir persönlich. Auf die allgemein deut¬
sche Unwissenheit zum Thema Punk in der DDR wollten wir rea¬
gieren. Daraus resultierte nun ein Tatendrang, dessen Ursache ei¬
ner nicht geringen Verzweiflung über dieses scheinbare Desinte¬
resse entsprang. Neben anderen Veröffentlichungen, gab es 2005
in Berlin eine umfangreiche Ausstellung und nun den Film „too
much future/ostPUNK!“.
Punk im Osten war so vielfältig wie Punk im Westen. Die Anfän¬
ge waren ein Experiment und spannend. Einige Geschichten, die
während unserer Recherchen zu Tage traten, waren unfassbar. Sie
gaben uns Grund, tiefer nachzuforschen, und dieses unterbelich¬
tete Kapitel ostdeutscher Geschichte ins Licht der Öffentlichkeit
zu bringen. Punk im Osten war das Kind einer Mangelgesellschaft
und lehnte sich auf gegen eine „Diktatur der Vereinheitlichung“.
Er war Ausdruck jugendlichen Leicht- und Frohsinns, unterstützt
durch den Mut zum Dilettantismus. Es existierte kein kultureller
Gegenentwurf, sondern ein lustvolles Dagegensein. Aber der so¬
zialistische Staat kannte keinen Spaß und drangsalierte und ver¬
folgte die Punks, sperrte sie erst aus und dann nicht selten ein.
Die Punk-Geschichte der DDR ist deshalb einmalig, weil der Staat
und sein verlängerter Arm, das Ministerium für Staatssicherheit,
unverhältnismäßig und massiv gegen diesen Ausbruchsversuch
vorgingen. Daraus resultieren die unterschiedlichsten Biografi¬
en, sie sind voller dramatischer Wendungen und es gibt in ih¬
nen die unglaublichsten Vorfälle. Auf der Suche nach geeigneten
Protagonisten für unseren Film, haben wir im Vorfeld mit vie¬
len Ex- und Noch-Punks gesprochen. Auf einige wenige mussten
wir uns schließlich konzentrieren. Maximal vier sollten es wer¬
den, und diese sollten exemplarisch für die Szene und dennoch
für sich selbst stehen.
Am Ende haben wir zwei Frauen und vier Männer interviewt,
weniger an geballter Aussagekraft zu zeigen war uns nicht mög¬
lich. Gelebt haben sie in Berlin, Leipzig und Dresden. Sie erzählen
die unterschiedlichsten Lebensentwürfe und zeigen Lebensläufe
mit Brüchen, aber allen gemeinsam ist der Schnittpunkt Punk.
Sie mussten sich mit der Freiheitsberaubung durch den Staat DDR
auseinandersetzen. Diese erfuhren einige von ihnen nicht erst im
Knast, sondern jeder von ihnen erfuhr sie durch die Mauer. Ge¬
meinsam ist ihnen, dass sie den Mut hatten, ihre Wut öffentlich
zu machen. Sie hatten nicht vor, das System schleichend zu unter¬
wandern. Einige drückten sich in der Malerei aus oder gründeten
Punkbands, andere wiederum realisierten Super-8-Filme. Nicht
weniger interessant, und im Film zu sehen, ist, wo die Protago¬
nisten des Films heute stehen. Mit ihren Lebensentwürfen, Beru¬
fen, mit ihren politischen Meinungen und ihrem Punk.
„too much future/ostPUNK!" ist der Versuch, dieses komple¬
xe Thema in 90 Minuten Film zu beleuchten. Dabei geht es uns
nicht um Bildung, sondern dem Thema entsprechend um Vitali¬
tät und Unterhaltung. Der glückliche Umstand mit Neue Visionen
einen engagierten Verleih gefunden zu haben, sorgt dafür, dass
der Film im Spätsommer 2007 in den deutschen Kinos startet und
endlich diesen Teil deutscher Subkultur erfahrbar macht,
michael „pankow“ boehlke & Carsten Fiebeler
myspace.com/toomuchfuture
OX-FANZINE 119
PUNK IN DER DDR
Carsten Hiller: Meine Kontakte zu anderen Punks beschränkten
sich auf Fürstenwalde und Umgebung, Berlin, Frankfurt/Oder
und Potsdam. Freunde von mir hatten noch losen Kontakt nach
Dresden. Zu Punks aus dem Ausland hatten wir keinen Kontakt.
Andreas Kohl: Nein. Wir sind zwar immer fleißig nach Tschechi¬
en gefahren und haben uns dort eine gute Zeit gemacht und na¬
türlich auch Gleichgesinnte getroffen, aber das war nie mehr als
eine lose Bekanntschaft, deren maximaler Effekt mal die Zusen¬
dung einer tschechischen Lizenzplatte war.
Henryk Ger icke: Ich selbst hatte nur sporadisch Kontakt nach
West-Berlin. Ich weiß aber, dass Mark E. Smith mit einer Frau aus
der Szene bekannt war und sie auch in Ostberlin besuchte. Jello
Biafra war von den Punks in der DDR beeindruckt. In Interviews
ließ er immer mal die Ost-Punks grüßen. Kontakt gab es vor allem
nach Polen zu DEZERTER, aber auch nach Ungarn, wo die Punk¬
bands ungleich professioneller, aber äußerlich weniger Punk wa¬
ren. Das hatte vor allem mit den lebensgefährlichen Auseinander¬
setzungen mit Zigeunern zu tun, die die Punks hassten und ziem¬
lich rabiat waren. Ich habe die panische Angst der ungarischen
Punks vor Begegnungen mit Zigeunern 1983 selbst erlebt.
Mike Göde: Kontakte in andere Städte der DDR und „Bruderstaa¬
ten“ waren sehr stark. Besonders aus dem Raum Sachsen hatten
wir viele befreundete Bands und Punks. Anfang der 80er entstan¬
den auch enge Kontakte nach Westberlin. Leute aus dem Block¬
schock schickten regelmäßig Bands zu uns rüber, die bei uns in
der Kirche spielten. Unter anderem THE REST, UPRIGHT CITI-
ZENS, VKJ, DISASTER AREA.
Mike Wendt: Ohne Austausch wäre gar nichts gegangen. Das fing
schon bei der Musik an. Da gab es so eine Art Tauschbörse quer
durch die DDR. So wurde per Brief ausgetauscht, wer was hat und
wer was sucht. Das wurde dann auf Kassette kopiert und machte
die Runde. Weiter haben wir so jeder Band aus dem Westen ge¬
schrieben, wenn wir an Adressen kamen, um Musik zu bekom¬
men. Der Aktionsraum unserer Clique lag eigentlich zwischen
Jena, Eisenberg, Gera und Zeitz. Hier gab es regelmäßige Tref¬
fen oder Partys, bei denen dann auch die lokalen Bands wie SPER¬
MA COMBO aus Jena, Die DEUTSCHEN KINDER aus Eisenberg
oder eben U.A.N. und UGLY HURONS aus Hermsdorf spielten.
Solche Partys wurden per Mundpropaganda quer durchs Land be¬
kannt gemacht, so dass Leute aus der ganzen Republik anreisten.
Die besten Partys gab es immer in Eisenberg bei den DEUTSCHEN
KINDERN. Sie verfügten über eine riesige Garage als Proberaum,
die mit Bar und kleiner Bühne ausgestattet war.
von einer beschissenen Gruppe befreit, in die nächste beschis¬
sene Gruppe hinein. Deshalb hab ich mich meist aus solchen Zu¬
sammenhängen herausgehalten. Ich wollte schreiben und Krach
machen. Und Ich sein, das geht aber nur, wenn ich nicht zulasse,
dass dauernd andere meinen Weg bestimmen. Also ein selbstbe¬
stimmtes Leben - und Punk gab mir die Möglichkeit dazu.
Hendrik Franke: Hatte in der DDR ein Mensch ein neues Tape
oder LP, meistens von Oma aus dem Westen geschmuggelt, dann
wurde die hundertfach kopiert und weitergegeben, bis die Qua¬
lität so was von räudig war, dass man kaum noch was drauf hör¬
te. Meistens war es so, dass DDR-weit alle das gleiche Tape hatten,
auch mit den gleichen Aussetzern und Aufnahmefehlern. Aber es
gab auch die andere Richtung. DDR-Bands ließen ihre Musik in
den Westen schmuggeln und dort erschienen dann plötzlich LPs
davon. L’ATTENTAT: „Made In GDR“ auf X-Mist oder die Split-
LP von SCHLEIM-KEIM als SAUKERLE mit ZWITSCHERMASCHI¬
NE: „DDR von unten“ auf AGR - mittlerweile alles schwer ge¬
suchte Platten. Ein paar Bands produzierten zu Hause aufwändigst
mit alten DDR-Kassettenrecordern eigene Tapes und verklopp¬
ten die dann auf Konzerten in Kirchen. Gab es zum Beispiel von
SPERMACOMBO, DIE FANATISCHEN FRISÖRE, MÜLLSTATION,
SCHLEIM-KEIM oder KALTFRONT. Der Ostblock spielte auch eine
gewaltige Rolle. Punkbands gab es in jedem Ostblockland eini¬
ge, in Sachen Veröffentlichung hatten uns allerdings Länder wie
die damalige Tschechoslowakei, Polen oder Ungarn einiges vor¬
aus. Somit fuhr man halt nach Prag, Budapest und kaufte ordent¬
lich ein.
Volly Tanner: In den Westen gab es kaum Kontakte, mehr in
Richtung Cottbus, Halle, Berlin - wie gesagt, ich wollte nicht
Wie wichtig war Musik aus dem Westen, wie groß war
die Rolle von eigenen Bands?
PUNK WAR MEHR ALS EIN LIFESTYLE
THOMAS BRUSSIG
Der Name Thomas Brussig war mir bis vor einem Jahr gänzlich unbekannt, bis ich über eine Freundin auf
sein Schauspiel „Heimsuchung“ (Verlag Volk und Welt, 2000) gestoßen bin. Das Stück spielt nach der
Wende und handelt von drei Ex-Punks, die nach dem Versuch, sich an einem ehemals engen Freund für
seine Spitzeltätigkeit für die Stasi zu rächen, in einer Kirche in Hessen vor der Polizei Zuflucht suchen.
Das sehr unterhaltsame Stück brachte mich auf die Idee, mal nachzufragen, wie man darauf kommt, so
etwas zu schreiben. Thomas Brussig (Jahrgang 1965) ist vor allem durch seine Drehbücher für „Sonnen¬
allee“ und „NVA“ bekannt geworden. Doch auch seine Romane wie „Helden wie wir“ (1995), „Am kürze¬
ren Ende der Sonnenallee“ (1999) oder „Wie es leuchtet“ (2004) erfreuen sich großer Beliebtheit. Wenn
ihr dieses Heft in Händen haltet, wird sein Reportageroman „Die Berliner Orgie“, das seinen nachdenkli¬
chen Streifzug durch das Berliner Rotlichtmilieu beschreibt, in den Läden stehen. Mein Interesse im fol¬
genden Interview galt allerdings Thomas’ Bezug zu Punk und wie er ihn während seiner Jugend in Ost-
Berlin erlebt hat. Nach einigen vergeblichen Anläufen erwischte ich ihn am Telefon und wurde das erste
Mal in meinem Leben gefragt, ob ich aus Sachsen käme. Mein Dialekt klänge so. Was sagt man dazu?
Nicht genug, dass man sich als Schwabe in Freiburg permanent hämische Kommentare anhören muss.
Nein, die Freiburger verpassen einem auch noch einen sächsischen Akzent...
Thomas, wie kommt man darauf, ein Stück zu schreiben, das
von drei Ex-DDR-Punks handelt, die in einer Kirche in Hessen
Zuflucht vor der Polizei suchen?
Die Handlung geht zurück auf ein Filmprojekt mit meinem ehe¬
maligen Schulkameraden Bernd-Michael Lade, für das ich das
Drehbuch verfasst habe. Der Film heißt „Rache“ und hat eine
ganz ähnliche Handlung wie „Heimsuchung“. Lade ist Schauspie¬
ler und spielt heute zum Beispiel im Dresdner „Tatort“ den Kom¬
missar Kain. Wir haben uns auf der Filmhochschule wieder ge¬
troffen, wo ich damals Dramaturgie studiert habe und er Regie.
Lade war zu DDR-Zeiten Punkrocker. Er spielte in der Band CA-
DAVRE EXQUISE und brachte es 1989 mal auf Platz zwei der DDR-
Hitparade.
Warst du auch Punk?
Nee. Aber in der zweiten Hälfte der 80er war ich oft auf Punk-
Konzerten. Das war eine unglaublich interessante Szene. Vom Sel-
ber-Punksein haben mich aber die Konsequenzen abgeschreckt.
Ich war zwar wütend und war gegen das System, aber Punk stand
für die Totalverweigerung. Ich bin eher ein konsensbedürftiger
Mensch, leider, und ein Zuhause mit fließend Warmwasser ist mir
wichtig, haha. Mir hat bei Punk das ungeschützte Rausschreien
dieser Wut imponiert, die ich ja auch in mir gespürt habe. Das hat
mir unheimlich imponiert. Bands wie HERBST IN PEKING, ICH-
FUNKTION, SANDOW, HARDPOP, DIE FIRMA, FEELING B, DIE
ANDEREN oder DIVISION höre ich bis heute. Wobei die nicht im
engeren Sinne Punkbands waren. Die wurden etwas hilflos als
„die anderen Bands“ bezeichnet. Die konnten mehr als die be¬
rühmten drei Akkorde und machten nicht nur diesen typischen,
monomanischen Punk-Sound. HERBST IN PEKING spielten bei¬
spielsweise mit einer Mandoline. Das waren alles Bands, die we¬
nig hatten und viel wollten. Darin lag die Schnittmenge mit dem
Punk. Die „anderen Bands" fanden sich dann aber in völlig ver¬
schiedene Sounds und Spielweisen wieder. Ich glaube, die meis¬
ten Bands hatten auch keine Vorbilder, sondern waren auf der Su¬
che. Es begann irgendwie mit Punk, strebte dann aber weg, zu et¬
was Eigenem.
Wie hat die Kirche in der DDR, die ja auch ein eher gespann¬
tes Verhältnis zum SED-Regime hatte, die Punks gesehen? Hat¬
ten die Pfarrer Verständnis dafür, wenn sich Jugendliche gegen
den Staat aufgelehnt haben?
Die Punks waren eine „erniedrigte“ Gruppe und damit ein Fall
für die Kirche. Es gab Pfarrer, die damit konnten, und andere, die
damit gar nichts zu tun haben wollten. Punk war zunächst apo¬
litisch. Die haben ja nur gesagt: „Mit diesem Land können wir
nichts anfangen.“ Das ist aber in einem System, das jeden haben
will, hintenrum wieder eine extrem politische Haltung.
Was hat die Staatsobrigkeit zu den Bunthaarigen in Lederjacke
gesagt? Wurde das überhaupt öffentlich thematisiert?
Kaum. Vielleicht auch, weil da was war, was die Obrigkeit über¬
haupt nicht kapiert hat. Die Reaktion der Staatsobrigkeit auf die
Punks war sehr von der Situation vor Ort und von der Einstel¬
lung der Polizisten vor Ort bestimmt. Dann wiederum gab es aber
Radiosendungen, in denen Punk gespielt wurde. Ich würde da
durchaus von einem Desinteresse des Staates sprechen, von einer
Unlust, sich systematisch nun auch noch um diese Problemgrup¬
pe zu kümmern. Das werden Punks natürlich anders sehen. Als
Punk warst du in gewisser Weise vogelfrei. Du konntest nicht da¬
mit rechnen, dass sich irgendjemand für dich einsetzt, wenn du
als Punk Dresche kriegst.
Ich habe neulich eine Dokumentation gesehen, in der es um
einen Überfall von Nazi-Skinheads auf die Zionskirche in Ost-
Berlin während eines Punk-Konzerts 1987 ging. Fanden Kon¬
zerte in Kirchen häufiger statt oder war das eine Ausnahme?
Punkbands haben oft in den Kirchen gespielt. Ich musste aber
nicht in die Kirche gehen, um die Bands zu sehen. Es gab zwar
Auftrittsverbote, zum Beispiel für HERBST IN PEKING, aber die
DDR-Staatsführung hat in den 80ern schon angefangen zu schwä¬
chein, weshalb sich die Verbote in Grenzen hielten. Die konn¬
Jörg Löffler: Musik aus dem Westen war sehr wichtig. DDR-Punk
fand ich größtenteils sehr mies, was sicher auch an den techni¬
schen Möglichkeiten lag. Ich wollte nie klingen wie die anderen
DDR-Punkbands.
Arnim Bohla: Die ersten Jahre waren ausschließlich von engli¬
schen und amerikanischen Bands geprägt. Ab 1983 wurde auch
der eine oder andere deutsche Song im Radio gespielt. 1985, wäh¬
rend einer Reise nach Bulgarien, hörte ich das erste Mal die TO¬
TEN HOSEN und verfolgte die Band dann auch konsequent wei¬
ter.
Carsten Hiller: Musik aus dem Westen war mein Einstieg in das
Thema Punk und bestimmte meine Hörgewohnheiten etwa bis
Ende 1988. Ab 1989 kamen die ostdeutschen, so genannten „an¬
deren Bands“ gleichberechtigt dazu. Dies hatte wesentlich da¬
mit zu tun, dass in Fürstenwalde der Club im Park von einem
„alternativen“ Clubleiter namens Frank G. übernommen wurde
und wir ab diesem Zeitpunkt in unserer Provinzstadt einen La¬
den hatten, der DDR-weit bekannt wurde für seinen Konzerte und
Kunstveranstaltungen. Bei diesen Veranstaltungen und Konzerten
konnten wir so ziemlich die gesamte „Elite“ der DDR-Alternativ-
bewegung live erleben.
Andreas Kohl: Die Qualität einheimischer Bands habe ich erst
sehr spät schätzen gelernt. Ich hatte immer eine tiefe Skepsis vor
Musik made in GDR, die oft hundsmiserabel war, weil eben auch
die Probensituation schlecht war. Und wenn sie professionell ge¬
spielt war, hatte sie den Touch von Anbiederung, weil man Musik
eben nur dann vernünftig betreiben konnte, wenn man staatliche
Vorgaben erfüllte und sich einstufen ließ. So eine Einstufung be¬
inhaltete dann auch eine andauernde Kontrolle. Das hieß also im
Umkehrschluss: eine Band, die ganz offiziell irgendwo auftritt
beziehungsweise auftreten darf, hat in irgendeiner Form mit dem
System einen Deal gemacht und dann war sie eben für mich nicht
mehr ehrlich. Dass das sehr kurz gedacht war, hab ich dann Ende
der 80er langsam begriffen, als ich die so genannten „neuen“
oder „anderen“ Bands wie SKEPTIKER, SANDOW oder FREUN¬
DE DER ITALIENISCHEN OPER kennen gelernt habe und feststel¬
len konnte, wie intelligent subversiv die waren. Und zwar so, dass
die Obrigkeit gar nicht mitbekommen hat, wie subtil sie Botschaf¬
ten beispielsweise verstecken konnten. Und außerdem waren wir
mittlerweile an einem Punkt angekommen, wo die Staatsmacht
sich beim Künstler anbiedern musste, um den Kontakt zur Jugend
nicht gänzlich zu verlieren. Dann bekam das eine ganz neue Wer¬
tigkeit und mit der Wende hab ich dann im Nachhinein mitbe¬
kommen, dass da doch eine ganze Menge passiert war.
Henryk Gericke: Interessanterweise war zunächst gar nicht so
sehr die Musik aus dem Westen Deutschlands oder Berlins Wich¬
ten da selbst mit der Stasi-Unterwanderung der Musikerszene ein¬
fach nicht mehr jeden Brand löschen. Dieses Konzert 1987 in der
Zionskirche, bei dem übrigens ELEMENT OF CRIME, also eine
Westberliner Band spielte, war ein einschneidendes Ereignis, ein
unglaublicher Skandal: Nazis in der DDR! Ich habe damals direkt
neben der Zionskirche gewohnt und war auch als Zuschauer beim
Prozess gegen die beteiligten Skinheads, aus reinem Privatinteres¬
se. Der Verhandlungsraum war rappelvoll.
Wogegen richtete sich die Wut der Punks im Osten? Würdest
du sagen, dass es Unterschiede zu den Punks in der BRD gab?
Punk war letztlich ein Westimport. Die Slogans waren dieselben.
Ganz anders waren die politischen Umstände. Die Punks im Osten
zeigten einem Staat, der für sich beanspruchte, für alle*da zu sein,
die kalte Schulter. Das brachte Probleme. Ein richtiger Punk kam
überhaupt nicht ins Ausland, nicht mal mehr in den Ostblock. Ich
glaube, dass Punk im Westen doch eher ein Lifestyle war, denn
dem Staat Bundesrepublik ist es doch völlig egal, ob jemand Punk
ist oder nicht. Und natürlich haben sich die Ost-Punks auch nicht
gegen Konsumterror auflehnen können, wenn es nichts zu kaufen
gab. Es war eine Auflehnung gegen die permanente Kontrolle, ge¬
gen das ungefragt Eingetaktetwerden, gegen den roten Einheits¬
brei und gegen den schier übermächtigen Konsens, der den gan¬
zen Laden namens DDR lange zusammenhielt.
„Heimsuchung“ ist derzeit - wenn überhaupt - nur gebraucht
zu bekommen. Wird es eine Neuauflage geben?
Wohl eher nicht. Wer will schon Theaterstücke lesen? Allerdings
habe ich das auch in Deutschland für Aufführungen vorerst ge¬
sperrt, weil das Stück zunächst in diese Ost-West-Problematik-
Schublade geschoben wurde. Die ganzen Rätsel, die in dem Stück
stecken, sind da völlig untergegangen. Ich muss einfach auf den
Tag warten, an dem nicht gleich ein Ost-West-Tendenzstück ge¬
wittert wird, wenn auf der Bühne mal drei Ostler in einer Kirche
im Westen Zuflucht suchen.
Hannes Baral thomasbrussig.de
OX-FANZINE 120
PUNK IN DER DDR
tig, sondern Bands wie die SEX PISTOLS oder STRANGLERS, von
den CLASH oder U.K. SUBS ganz zu schweigen. Ich glaube, erst
mit der Gründung eigener Bands wuchs das Interesse an deutsch¬
sprachigem Punk, nicht aber unbedingt an Deutschpunk. Also
eher an den NEUBAUTEN, ABWÄRTS, MALARIA, DER MODER¬
NE MANN und so weiter, und nicht so sehr an der Prollpunk-Va-
riante. Wobei das in anderen Regionen auch genau umgekehrt ge¬
wesen sein kann. Die Konzerte eigener Bands wie PLANLOS oder
WUTANFALL waren immens wichtig für das eigene Selbstver¬
ständnis und fürs Selbstbewusstsein. Man fühlte sich nicht mehr
gejagt, sondern als Herr der Lage. Außerdem waren diese Kon¬
zerte auch immer riskant. Oft drang man gar nicht bis zur Kirche
oder dem entsprechenden Atelier durch, denn die Bullen fingen
einen nicht selten vorher ab. Dann verbrachte man die Nacht auf
einem toten Revier, statt dort, wo die Kumpels hüpften. Das war
bitter. Andererseits war es auch immer durch ein aggressives Ele¬
ment im Umgang miteinander gefährlich.
Mike Göde: Musik aus dem Westen spielte nicht so vordergrün¬
dig eine Rolle, jede Band, die es verstand, guten Punk zu machen
mit extremen Texten, wurde abgefeiert. Natürlich bleiben Samp¬
ler wie „Soundtrack zum Untergang“ und noch viele andere Sa¬
chen unvergessen.
Mike Wendt: Ganz klar, Musik aus dem Westen war wichtig. Ne¬
ben den frühen Punkrock-Klassikern, spielten vor allem Bands
wie SLIME, RAZZIA, DAILY TERROR oder BOSKOPS eine Rolle.
ÄRZTE und TOTEN HOSEN wurden gern gehört und ich persön¬
lich fand viele Sachen vom Weser-Label wie MIMMI’S, SUUR-
BIERS und GOLDENE ZITRONEN toll. Das hat dann auch unse¬
re Band beeinflusst. Die Bands bei uns waren aber auch extrem
wichtig. Zum einen setzten sie sich ja vor allem auf textlicher Ebe¬
ne mit den Dingen auseinander, die uns beschäftigten, und zum
anderen waren das die Bands, die wir live erleben konnten. Die
eigenen Bands waren das „wahre Leben“, die West-Bands waren
die „unerreichbaren Stars“.
Volly Tanner: Musik war nicht so wichtig, Hauptsache, es war
laut und schräg - dann war das in Ordnung. Der Westen war ein¬
fach kein Thema. Ich hörte die Bands die mir gefielen, SKEPTI¬
KER, ART und SK und was so gerade herum wuselte. Aber eigent¬
lich ging es mir immer mehr um mein eigenes Ding: EINZEL¬
HAFT, der Name war wirklich Programm — im Nachhinein gese¬
hen! Bands waren für mich auch keine Kommunikationspunkte,
das waren doch auch keine anderen Leute, als die, die sich jeden
Tag in den Drei Linden besoffen.
Hendrik Franke: Ich glaube auch, dass der größte Unterschied
zwischen Ost- und West-Punk und zwischen Ost- und West-
Punks war, dass man im Westen rausschreien konnte, was einem
nicht gefiel, im Osten ging das nicht ohne Auftrittsverbot und
Knast, hier musste man verpacken, man musste zwischen den
Zeilen lesen können. Auch das macht für mich den Ost-Punk et¬
was reizvoller. Außerdem lief das ganze Punksein im Osten doch
etwas anders ab. Diffiziler, weniger uniformiert, weil es einfach
an der szenetypischen Punk-Uniform, Nieten, Lederjacken, But¬
tons und so weiter, haperte. Und die Szene war meiner Meinung
nach politischer und ernster, es gab weniger Sauf-Punks bei uns.
Konntest ja auch nicht an der Ecke stehen und saufen, ohne gleich
in den Bau zu wandern ... Das heißt aber nicht, dass ich alles aus
dem Westen Scheiße fand, ich hatte Unmengen von „Feindes-
Punk“-Tapes und fand die auch geil, kannte auch Leute aus Han¬
nover und Hamburg. Nur aus dem Herzen sprachen mir der Zoni-
Punk und die Zoni-Combos.
Steffen Schölzel: Meine Oma hat mir meine erste SEX PISTOLS-
Platte aus dem goldenen Westen mitgebracht. Ansonsten brach¬
te immer mal jemand Kassettenaufnahmen mit. In Ungarn gab
es offiziell Punkplatten und T-Shirts für viel Geld zu kaufen. Dort
sind auch Platten erschienen. So hatte zum Beispiel fast jeder Ost-
Puhk den „Backstagepass-Sampler“ und die EXPLOITED-LP „Live
On Stage“ made in Ungarn. Die meiste Musik haben wir aus dem
„Westradio“ aufgenommen. Der Westen war auf jeden Fall der
musikalische Maßstab. Es wurden eigentlich alle Trends nachge¬
ahmt. Die eigenen „großen Bands“ des Ost-Rock haben wir ver¬
achtet. Ich kann den Mist bis heute nicht hören.
Welche Bands gab es in eurer Gegend, wie hat man
sich ausgetauscht, wie von Konzerten, Partys etc. er¬
fahren?
Jörg Löffler: Bis 1985 waren mir in Dresden PARANOIA, SUIZID
und Kurzeitprojekte wie LETZTE DIAGNOSE bekannt. Wie wir
uns ausgetauscht haben ...? Wir haben uns fast jeden Tag gesehen.
Etwa ab 1986 lockerte sich die Situation etwas auf. Es entstanden
recht viele mehr oder weniger punkähnliche Bands.
Arnim Bohla: Keine Bands! Wenig Konzerte, lag sicher auch dar¬
an, dass ich seit 1982 verheiratet war und zwei Kinder zu versor¬
gen hatte. Punk-Konzerte waren dabei nicht so hilfreich. Aber ei¬
niges wurde auch mitgenommen, zum Beispiel Attila, die NEW¬
TON NEUROTICS und einige Ost-Bands: DIE VISION, FEELING
B, DIE ANDEREN ...
Carsten Hiller: Parallel dazu kamen auch meine alten Schulfreun¬
de in den Jahren 1986/87 mit Punk und New Wave in Berüh¬
rung, was darin gipfelte, dass sich einer einen Iro schneiden ließ,
viel Musik von NICK CAVE AND THE BAD SEEDS, PHILIP BOA
AND THE VOODOOCLUB sowie SLIME und HANS-A-PLAST mit¬
brachte und nur noch vereinzelt zur Lehre ging. Als Folge dieser
Entwicklungen kam es in der Freizeit zu einem regen Musikaus¬
tausch und Reiseverkehr zwischen Fürstenwalde und Frankfurt/
Oder, bei der sich beide Seiten kennen lernten und befruchte¬
ten. Durch diesen regen Austausch lernte ich alternative Künst¬
ler und Punks aus Frankfurt kennen sowie die Lust an Live-Musik
— in Frankfurt/Oder fanden damals öfter kleinere Konzerte von
„alternativen“ Bands statt. Dann wurde durch den Club im Park
plötzlich unsere Stadt, Fürstenwalde, zu einem begehrten Reise¬
ziel für allerlei alternative Leute und Punks aus Berlin, Frankfurt/
Oder, Potsdam, Straußberg und anderen Gegenden des damaligen
Bezirkes Frankfurt/Oder und unsere Stellung innerhalb der Sze¬
ne wurde sehr viel bedeutender. Jetzt fuhren die Leute zu uns und
wir nicht mehr woanders hin! Fast jede Woche gab es nun auf¬
regendes in Form von Konzerten, Lesungen, Ausstellungen und
vieles mehr. Meine Freunde und ich traten sofort in den Club¬
rat ein, bestimmten den Alltag stark mit und hatten nun endlich
einen Raum, in dem wir das Sagen hatten und nicht irgendwel¬
che FDJ-Funktionäre, alte Systemkunstfreunde oder Kraftsportler
und Schläger mit rechten Einstellungen. Dies machte uns immer
selbstbewusster, wir wurden mehr und befreiten uns aus der Op¬
ferrolle. Jetzt bestimmten wir, wer in den Laden kam, machten
den Einlass und hauten Störenfrieden und Nazis aufs Maul oder
stellten sie bloß. Höhepunkt war 1989 sicher ein vom Club im
Park organisiertes Open Air mit den damals angesagtesten Bands
unserer Szene, DIE ANDEREN, DIE ART und DIE SKEPTIKER auf
der Fürstenwalder Freilichtbühne, zu dem mehr als 800 „bun¬
te“ Leute kamen. Durch die Vielfalt der im Club durchgeführten
Veranstaltungen wurde das Haus aber nie zu einem reinen Punk-
Treffpunkt, sonder eher zu einem Zentrum für all jene Kunst und
Musik, die die DDR kritisch hinterfragte und vom System wohl
so nicht gewollt war.
Andreas Kohl: Das, was ich in unserer Gegend mitbekommen
habe, waren ein paar drittklassige Schülerbands, leider nicht
mehr. Vielleicht war da was, aber dann ist es an mir vorbei ge¬
gangen. In Leipzig gab es einige coole Bands, die ich aber erst spä¬
ter entdeckt habe.
Henryk Gericke: Ich bin von 79 bis ’84 unterwegs gewesen. Da
gab es in Berlin die legendären PLANLOS, aber auch NAMEN¬
LOS, die ein trauriges Exempel für die „Zersetzungsstrategien“
der Staatssicherheit waren. Es gab aber auch UNERWÜNSCHT,
SKUNKS, SENDESCHLUSS, mit denen ich meist unterwegs war,
ROSA BETON, BANDSALAT, ROSA EXTRA und andere mehr. Ich
selbst war Sänger einer Band namens THE LEISTUNGSLEICHEN.
Von Konzerten und Partys erfuhr man sozusagen durch die „Stil¬
le Post“, wobei man mitunter bei einer Adresse landete, wo nie¬
mand etwas von einer Party wusste. Der „Kult“-Urpark im Plän-
terwald war so was wie die Terminbörse der Punks, das war die
Central Station des DDR-Punk quer durch alle Provinzen.
Mike Göde: In Ost-Berlin gab es sehr viele Bands: unter anderem
PLANLOS, NAMENLOS, ROSA BETON. Konzerte waren meist län¬
ger geplant, genau wie Partys, weil Telefon in unseren Kreisen
nicht vorhanden war. Vieles machten wir schon damals über Fly¬
er und Mundpropaganda.
Volly Tanner: Na ja, in Großräschen waren wir die Einzigen.
Dann gab es noch eine Band, die DURAN DURAN nachspielten,
in deren Raum wir probten, und dann ging es natürlich zu den
einschlägigen Konzerten - aber Musik war halt nicht wirklich
das, was Punk für mich ausmachte.
Hendrik Franke: Ein Abenteuer war es, von Partys oder Konzer¬
ten zu erfahren. Die fanden irgendwo in der Republik statt, Open
Air an der Ostsee, in einer kleinen Wohnung in Dresden, in ei¬
nem besetzten Haus in Chemnitz, Berlin, Leipzig ... egal, man
war da.
Steffen Schölzel: Im Nachbarort gab es SCHLEIM-KEIM, welche
wir Jungs von BRECHREIZ 08/15 regelmäßig im Proberaum be¬
sucht haben. Dort haben wir dann das eine oder andere Bier zu¬
sammen vernichtet und nicht selten auch zusammen Musik ge¬
macht. Heute sind Klaus und ich der Überrest aus dem Osten von
SCHLEIM-KEIM und BRECHREIZ 08/15 und spielen jetzt gemein¬
sam in der Band KOLLEKTIVER BRECHREIZ. Von Konzerten er¬
fuhr man nur über Mund-zu-Mund-Propaganda. Das hat natür¬
lich nicht immer geklappt. Einmal sollten wir einen Auftritt ge¬
meinsam mit SCHLEIM-KEIM haben, aber als wir ankamen, war
das Konzert schon vorbei, man hatte uns den falschen Tag mitge¬
teilt. Man musste ständig vor der Stasi Haken schlagen. In mei¬
nem Zimmer fanden regelmäßig Bandproben statt, bei denen
manchmal bis zu 20 Personen anwesend waren. Meist endete
das in wüsten Besäufnissen. Wir nannten das „Umtrunk mit Mu¬
sik“. 1988 hatten wir - BRECHREIZ 08/15 - unser einziges gro¬
ßes Konzert. Es fand in einem Dorf statt, wo es keinen „Dorfbul¬
len“ gab, und war als Abifete getarnt und offiziell bei der Polizei
angemeldet. Es waren über 100 Leute dort und wir mussten unser
Programm mehrfach spielen, weil wir nicht genug Lieder hatten.
Zum Schluss fanden einige Pogotänzer eine DDR- und eine Ar¬
beiterfahne und tanzten damit den Kommunistenpogo. Wir wur¬
den nicht erwischt.
Gab es Fanzines oder (Kassetten-)Labels?
Jörg Löffler: In Dresden nicht. Zumindest in den frühen 80ern.
Ab 1986 war inoffiziell einiges mehr möglich.
Arnim Bohla: Kassetten gab es ab circa 1987, die man bei den
Bands oder über das DT64-„Parocktikum“ bestellen konnte. Mei¬
nes Wissens nach gab es keine Fanzines.
Carsten Hiller: Fanzines oder Labels kannte ich nicht. In Frank¬
furt/Oder hatten aber die Leute um die Band PAPIERKRIEG eine
illegale, kleine Druckerei und die Möglichkeit, Kassetten in sehr
guter Qualität zu vervielfältigen. Im Zusammenspiel von hartem
Punkrock - unter anderem ein SLIME-Coversong -, einem gu¬
ten Kassettencover sowie einem erstklassigen Button wurden PA¬
PIERKRIEG in der lokalen Szene so etwas wie Helden, auch weil
alle Musiker zeitweise einen Iro hatten. Gespielt haben sie meines
Wissens aber nicht besonders oft.
Andreas Kohl: Nein, Fanzines gab es keine. Wie auch? Es gab ja
keine Kopierer, und Druckereien standen unter staatlicher Kon¬
trolle. Kassetten-Labels gab es in dieser Form auch nicht, obwohl
wir eine geradezu blühende Mixtape-Kultur hatten. Ich weiß
nicht, wie viele Mixtapes ich für Kumpels und Freunde gemacht
habe, meistens ganz aufwendig gestaltet mit Covers aus Zeitungs¬
collagen oder komplett selbst gemalt. Und dabei kostete eine Leer¬
kassette zwischen 22 und 30 Mark, je nach Qualität. Da sind gan¬
ze Taschengeldersparnisse draufgegangen.
Henryk Gericke: Fanzines und Labels gab es erst in der zweiten
Hälfte der 80er. Zu nennen wäre der Friedrichshainer Moaning
Star, wobei da nicht nur Punks mitmischten und es auch weni¬
ger um Musik ging als um politische Umtriebe. Die Labels ent¬
standen eher im Umfeld der Experimental- und Avantgarde-Sze¬
ne, die sich aber wiederum auch aus der Punk-Szene rekrutierte.
Das waren die Leute, die zu intelligent waren, um Punk zu blei¬
ben oder Skin zu werden, denn Skin im Osten zu sein, bedeute¬
te Fascho zu sein. Eine Kenntnis oder auch nur Ahnung vom Spi¬
rit of 69 gab es nicht.
Mike Wendt: Fanzines gab es meines Wissens nicht. Kann sein,
dass irgendwo mal was probiert wurde, aber da klemmte die Sa¬
che schon beim Vervielfältigen. Es gab kaum Kopierer oder ähn¬
liches. Labels gab es auch keine, außer unserer Amiga war da
nichts. Einige Bands wie KG REST brachten über Umwege eine
Platte im Westen raus. Die Bands nahmen meist unter abenteuerli¬
chen Bedingungen Kassetten auf, die dann untereinander kopiert
oder auf Konzerten verkauft wurden.
Volly Tanner: Klar gab es das - für mich zu dieser Zeit zwar nicht
greifbar, aber im Nachhinein, da lernte ich recht viele Macher
kennen, steht alles im Buch „Dunkle Rebellen - Die letzten ih¬
rer Art“, Edition 42.
Hendrik Franke: Flyer gab es gar nicht, Fanzines kaum Ganz
wichtig in diesem Kontext war „Reaktion Leipzig“. Unter diesem
Namen wurden in und um L.E. Konzerte und Festivals organi¬
siert und auch so eine Art Fanzine - meist zu den Veranstaltun¬
gen - herausgegeben. War eine der wichtigsten Institutionen in
Sachen Ost-Punk!
Wie hast du die Wende erlebt?
Arnim Bohla: Als eine sehr spannende Zeit. Veränderungen und
bis zu einem gewissen Zeitpunkt auch die Hoffnung, dass ein Teil
aus „unserer/meiner“ Welt mit in diese neue Zeit genommen
wird. War wohl leider nicht der Fall.
Carsten Hiller: Die Wende habe ich nicht als Befreiung erlebt,
dafür ging es mir einfach zu gut. Als ich die Nachricht von der
a) Die OPK-Pe.rson plant den Zusammenschluß Fleichsesirm+pn
sonen zur Verfolgung gesetzwidriger Ziel! ®era I 213 Stcl
zen* In polit* Hinsicht schätze ich ihn als polit* .n,
und er besitzt dis typische Punk-Einstellung:
000142
»Hüll Bock»
»Ho future» —-
d% h« keine Lust auf gar nichta« keine Zukunft» ___
OX-FANZINE 121
PUNK IN DER DDR
Maueröffnung erhielt, war ich irgendwie nicht überrascht, es
schien mir auf Grund der Entwicklungen der Monate davor nur
die logische Konsequenz. Es dauerte dann auch ein paar Tage län¬
ger als bei anderen, bis ich mich ins „westliche Ausland“ nach
Berlin-Kreuzberg wagte. Ich hatte weder Angst, dass die Grenzen
wieder geschlossen werden, noch das Gefühl irgendwas zu ver¬
passen. Nach und nach fand ich die Wende aber immer besser, da
es eine überaus aufregende Zeit war und diese mir Möglichkeiten
bot, an die vorher nicht zu denken gewesen wäre.
Andreas Kohl: Auf der Straße, in einem riesigen Demonstran¬
tenzug, so wie Tausende andere DDR-Bürger auch. Nichts wirk¬
lich Spektakuläres. Vom Begrüßungsgeld hab ich mir „Heavier
Than Thou“ von SAINT VITUS gekauft, erstens, weil ich das Tape
schon hatte, und das zweitens die einzige SST-Platte war, die ich
im WOM in Berlin am 11. November 1989 finden konnte. Eine
Initialzündung.
Henryk Gericke: Ich bin bereits um 23 Uhr über die Bornhol-
mer Brücke gegangen. Ich sah, wie die Leute die Grenzer küss¬
ten und sich quasi bedankten. Ich konnte nicht fassen, was ich
erlebte, und war trotzdem fern von aller Euphorie, ganz im Ge¬
gensatz zu allen, die mich umgaben. Das war ein seltsames Ge¬
fühl. Ich erinnere mich noch, wie ich auf der Bornholmer Brü¬
cke in Gedanken immer nur zwei Worte auf die DDR-Funktionäre
gemünzt wiederholte: „Diese Verbrecher, diese Verbrecher, die¬
se Verbrecher
Mike Wendt: Nachdem ich mit Freunden in Leipzig zu den De¬
mos war, bin ich irgendwie dann doch regelrecht überrumpelt
gewesen von der Wende. Ab November hatte sich dann auch der
Ton verschärft in Leipzig, denn wir riefen nicht „Deutschland ei¬
nig Vaterland“ und mussten sogar rennen, um nicht vom Mob
verprügelt zu werden. Wir wollten die DDR verändern und nicht
das ganze Land abschaffen. Im Nachhinein gesehen ging es wohl
nicht anders.
Hendrik Franke: Mit der Wende kam auch das Drogenproblem.
Ja, ich weiß, auch vorher gab es in der Zone Drogen - und keine
schlechten! -, aber der Missbrauch startete nach der Wende. Nicht
wenige Leute blieben auf der Strecke, landeten in der Psychiatrie
oder haben sich gleich komplett vom Globus geschossen. Es gab
aber auch positive Aspekte. Bands konnten sich bessere Instru¬
mente beschaffen, es gab plötzlich die Möglichkeit, Tonträger zu
produzieren, es gab Rückkehrer - L’ATTENTAT spielten in L.E. -
und man konnte die unterschiedlichsten Medien nutzen. Hausbe¬
setzungen wurden politisch. Vorher war eigentlich alles scheiße¬
gal, man zog halt in ein leer stehendes Haus oder eine leer stehen¬
de Wohnung und keine Socke interessierte sich dafür. Es gab so¬
gar so was wie ein Joint Venture auf Hausbesetzungsart. Händler
aus dem Westen suchten Räume für ihre Waren und fragten in be¬
setzten Häusern an. War halt billiger. Dafür rückten sie dann mit
Möbeln, Teppichen und so einem Kram rüber, was uns natürlich
sehr gelegen kam. Jetzt war’s anders. Der Staat schickte die Staats¬
macht, westliche Investoren wollten Häuser, ehemalige Eigentü¬
mer schickten ihre Schlägertrupps - meist aus dem rechten Spek¬
trum rekrutiert - und so weiter. Mit der Ruhe war es vorbei!
Steffen Schölzel: Zur Zeit der Wende war Punk nicht mehr an¬
gesagt, weil die Leute andere Sorgen hatten. Das Begrüßungsgeld
musste abgeholt werden. Ich selbst war sehr überrascht und bin
auch nicht gleich in den Westen gefahren, hatte niemals damit
gerechnet. Ich bin auch kein Freund von demonstrierenden Men¬
schenmassen, die wie die Hammel in der Herde durch die Gegend
laufen. Bei vielen von denen sah man noch den Fleck am Sakko,
wo vorher noch das Parteiabzeichen war.
Was hat die Wende für dich als Punk bedeutet? Hast
du dadurch den Kontakt zur Punk-Szene verloren
oder hat er sich intensiviert?
Jörg Löffler: Als Teil der Dresdner Punk-Szene hatte ich mich
schon vor der Wende nicht mehr gesehen. Kontakte zur westdeut¬
schen und internationalen Punk-Szene haben sich für mich inten¬
siviert. In den 90er Jahren habe ich in Dresden Konzerte auch mit
Punk- und HC-Bands aus den alten Bundesländern und aus dem
Ausland organisiert.
Arnim Bohla: Erst mal waren andere Sachen wichtiger. Einen
Job suchen und so weiter. Ich habe ab und zu eine Platte der al¬
ten Helden gekauft, wie zum Beispiel alles von CLASH, SH AM
69, Patti Smith. Aber ansonsten lief nichts. Ab 1994 ist das wie¬
der intensiver geworden. Konzertbesuche, später ein eigenes La¬
bel und so weiter
Carsten Hiller: Als Punk hatte die Wende für mich erst mal zur
Folge, dass ich mir vom Begrüßungsgeld meine „Traumschuhe“
kaufen konnte. Ein Paar Doc Martens im „Yello Gelb “-Laden in
Kreuzberg. Die Affinität zu Doc Martens-Schuhen hält übrigens
bis heute an. In den ersten Monaten nach der Wende wurde mein
Kontakt zur Punk-Szene immer inniger. Zum einen durch die
neuen Freiheiten, die uns Locations und Orte besuchen ließen, an
die früher nicht zu denken gewesen wäre, und zum anderen da¬
durch, dass ich mit drei Freunden eine Punkband gründete und
mit dieser recht schnell, zumindest in der lokalen Punk-Szene,
erfolgreich war. Wir nannten uns UNITED ATTENTÄTER - spä¬
ter passte der Name sogar richtig gut, denn in unserer Band spiel¬
ten ein Metaller, zwei Punks und ich als SHARP -, wir produzier¬
ten schon nach drei Monaten ein Demo und spielten viele Kon¬
zerte. Teilweise reisten uns Punks, Antifas, linke Metal-Fans und
SHARPs oder Oi!-Skinheads sogar nach. Als wir unseren Stil Rich¬
tung Metal veränderten, ging der intensive Kontakt zur Punk-Sze-
ne als Mitglied dieser verloren. Als Mitarbeiter und später auch
Leiter des Club im Park habe ich aber bis heute noch gute Kontak¬
te zur lokalen Punk- und Oi!-Szene. Auch meine Tätigkeit als So¬
zialarbeiter und „Kulturmanager“ sowie mein heutiges musikali¬
sches Wirken lassen immer wieder Berührungspunkte zur Punk-
Szene erscheinen. Nicht zuletzt treffe ich dabei auch immer wie¬
der alte Bekannte und ehemalige Mitstreiter.
Andreas Kohl: Nun, ich war, wie gesagt, nie so richtig Mitglied
der Punk-Szene, würde aber schon sagen, dass sich der Kontakt
intensiviert hat. Vor allem nach der Wende sind für mich so vie¬
le Türen aufgegangen. Ich hab Fanzines gemacht, auch über Gara-
ge-Punk, Konzerte veranstaltet. Ich meine, ich wäre heute wahr¬
scheinlich Physiklehrer, ohne Scheiß, wenn die Wende nicht ge¬
kommen wäre. Stattdessen hab ich ein Plattenlabel und das deut¬
sche Punk-Fanzine Nr. 1 stellt mir Fragen zur DDR-Punk-Szene.
Da kann man schon von Intensivierung sprechen, oder?
Mike Göde: Die Wende sah ich mit sehr gemischten Gefühlen. Ei¬
nerseits war ich froh, dass all meine Freunde und der große Teil
Menschen frei waren, andererseits kotzte es mich an zu wissen,
dass alle Spitzel und Ja-Sager jetzt die Fahne in eine andere Rich¬
tung halten konnten, ohne sich für ihre Taten zu verantworten.
Den Kontakt zur Punk-Szene verlor ich nicht. Ich machte genug
neue Bekanntschaften mit der Westberliner Szene und genoss es,
mit meinen alten Freunden, die ich wieder sehen konnte, mich
frei zu bewegen.
Mike Wendt: Eigentlich war das Wendejahr das coolste, was es
gab. Wir schwebten irgendwie im gesetzlosen Raum. Vom Staats¬
apparat fühlte sich keiner mehr zuständig oder traute sich nichts
zu machen. Wir organisierten Konzerte mit Bands aus Ost und
West. Ich konnte mit der eigenen Band auch endlich machen, was
ich wollte, und öffentlich spielen. Ich lernte Leute wie Höhnie
und Horst Bartel aus Hannover und Ralf Rexin aus Berlin kennen
und ich traf all die, mit denen ich/wir nur im Briefkontakt stan¬
den. Was sich veränderte, waren die Leute, mit denen man zu¬
sammen war, alte Bekannte gingen in den Westen und neue ka¬
men hinzu.
Steffen Schölzel: Zuerst habe ich den Kontakt zum Punk fast ver¬
loren, es gab ja auf einmal keine Punks mehr. Nachdem der erste
Schock verdaut war, ging es dann aber richtig los. Ich fing neu an
und gründete die Band KOLLEKTIVER BLUTSTURZ. Nun konnten
wir sagen, was wir wollten, aber es hat niemanden mehr interes¬
siert. Mit einem Iro konntest du zu diesem Zeitpunkt keinen mehr
schocken. Was mich seitdem an den Punks stört, ist der Konsum
von Drogen. Das finde ich echt scheiße. Meiner Meinung nach hat
das nichts mit Punk zu tun. Jetzt habe ich dank Internet Kontakt
zu Punks auf der ganzen Welt.
Worin siehst du die Unterschiede zwischen Punks in
der DDR und denen in der BRD?
Jörg Löffler: Die DDR-Punks hatten grundsätzlich andere gesell¬
schaftliche Rahmenbedingungen. Daraus entwickelte sich notge¬
drungen eine eigene Variante. Aber trotzdem haben sie sich viel
von West-Punks abgeschaut. Punk kam aus England. Daran ha¬
ben sich die BRD-Punks orientiert und daran wieder die DDR-
Punks. Ob es schwerer war, in der DDR Punk zu sein, kann ich
nur vermuten.
Carsten Hiller: Unterschiede zwischen Punks in der DDR und
Punks in der BRD konnte ich kaum ausmachen. Vielleicht wa¬
ren einige „West-Punks“ zum Teil schon so kaputt, dass ich die
Kraft des Punk bei ihnen nicht mehr feststellen konnte und eini¬
ge Punks aus der BRD schienen mir bürgerliche „Aussteiger auf
Zeit“ zu sein, die Punk nur irgendwie cool fanden und eigentlich
darauf warteten, in Papis Firma gutes Geld verdienen zu können
- das waren aber die Ausnahmen. Außerdem glaube ich, dass vie¬
le Punks in der DDR Punk nicht als geschlossene Subkultur mit
Dresscode betrachteten, sondern sich eher als alternative Lebens¬
künstler verstanden. Lebenskünstler, die sich, neben der sozialis¬
tischen Realität, eine eigene, möglichst bunte und vielfältige Welt
schaffen wollten und zum Teil auch schafften.
Andreas Kohl: Das ist eine schwierige Frage, weil ich die BRD-
Punks der damaligen Zeit ja nie kennen gelernt habe. Ich denke
aber, dass die Unterschiede nicht so groß gewesen sind. Die Art
der Äußerung wird sich geähnelt haben, ebenso wie der Antrieb,
das Exhibitionistische im Stil, das Ausbrechen und Zerstören von
konservativen Strukturen, die Ideale, wenn es denn welche gege¬
ben hat - das wird sich geähnelt haben. Unterschiedlich waren
sicher die ideologischen Unterfütterungen des Ganzen. Während
Punk in der BRD zu allererst eine Kapitalismuskritik war, die sich
gegen das Establishment und die damit verbundene Profitmaxi¬
mierung auf Kosten der Individualität gewendet hat, war es im
Osten wohl eher eine ideologische Kritik mit dem Ziel, Individu¬
alität erst mal zu erreichen und nicht nur zu verteidigen. Im Os¬
ten ging es klar gegen totalitäre Strukturen und damit war Punk
in der DDR vielleicht politisch offensichtlicher, weil die Zustände
das so erzwungen haben. Das soll aber nicht heißen, dass Punk in
der BRD weniger politisch war, vielleicht aber subversiver.
Henryk Gericke: Punk in der DDR war, anders als Punk im Wes¬
ten, kein Ausdruck des Protests gegen Perspektivlosigkeit und so- *
ziales Elend. Das Problem war eher, dass man sich wie zwangs¬
ernährt fühlte durch festgeschriebene Perspektiven, durch ei¬
nen Lebenslauf, der Abweichungen, und seien sie noch so gering,
nicht vorsah. Mit 16 hattest du deine „Planstelle“ weg und wur¬
dest nach der kaum zu verhindernden NVA-Zeit bis zur Rente in
die Mühlen des „sozialistischen Wettbewerbs“ entlassen. Deshalb
haben wir unsere Ost-Punk-Ausstellung 2005 in Berlin auch „Too
Much Future“ genannt, da „No Future“ in einem Staat, der sich
auf einer Utopie, also auf eine ideale Zukunft gründete, eher einer
Verlockung glich. Punk in der DDR war kein Protest gegen eine
satte Konsumgesellschaft, es war der Protest gegen eine Mangel¬
gesellschaft. Dieser Mangel war nicht nur materieller Natur, weil
es hinten und vorne an den so genannten Konsumgütern fehl¬
te. Dieser Mangel bestand vor allem in einer fundamentalen Un¬
terversorgung an elementarsten Freiheiten. Sich diese Freiheiten
zu nehmen, war in der DDR eigentlich undenkbar und bis dahin
in dieser Radikalität einmalig. Den Mangel an Pressefreiheit oder
zum Beispiel Reisefreiheit konnte das nicht wettmachen. Aber
man war zumindest in Grenzen frei.
Mike Göde: Der Punk in der DDR hatte mehr den Charakter ei¬
nes Staatsfeindes, weil der Staat auch mit aller Macht verhindern
wollte, dass es Subkulturen gibt. Es sollte keine Aussteiger geben.
In der BRD hatte ich das Empfinden, Punk ist mehr etwas Gesell¬
schaftliches, Ausbruch aus dem Konsumzwang, aus dem spie߬
bürgerlichen Leben und aus dem genormten deutschen Dasein.
Natürlich hatte auch die westdeutsche Szene eine politische Hal¬
tung.
Mike Wendt: Hier kann ich nur für mich sprechen. Es kommt ja
immer auf die Sichtweise und den Standpunkt an. Ich denke, man
kann da nicht zwischen DDR und BRD unterscheiden, eher zwi¬
schen Stadt und Provinz. Als ich „Dorfpunks“ von Rocko Schamo-
ni las, hab ich gedacht, das war ja fast wie bei uns damals. Ich fand
im Westen das Klischee „Punk“ ausgeprägter. Das heißt, du bist
erst wer, wenn du diese Klamotten trägst oder ein gewisses Be¬
nehmen an den Tag legst. War im Osten irgendwie nicht so.
Musstest du nach der Wende von Spitzeln in deiner
Umgebung erfahren? Wie bist du damit umgegan¬
gen?
Jörg Löffler: Nicht in meiner unmittelbaren Umgebung, nicht aus
der Punk-Szene. Ich habe von Leuten aus Leipzig, Berlin und Karl-
Marx-Stadt gehört, bin aber bisher keinem von ihnen begegnet.
Es gab in Dresden Spitzel in subkulturellen Künstlerkreisen, die
übersichtsbogen zur operativen Personenkonl^olle—--
000175
»Fan»
Lfd.
Nr.
Name, Vorname
PKZ 1
Karteikarten erhalten
Datum/Unterschrift
1.
4 17314
0 8. Aprifm
2.
4 17318 j
Sy srp i98 i
3.
1. Gründe für dos Einleiten
Es besteht der Verdacht des Zusammenschlusses•zur Verfolgung
gesetzwidriger Ziele nach § 218 StGB. Die Person^unterhält
umfangreiche Verbindungen zur Punk-Hock-Grup^e^Sljhleimkein».
Zielstellung der OPK
- umfangreich*
- inwieweit li
- Aufklärung d<
Sömmerda, mi
hg der Person W.
Trafbestände gern. §218 StGB vor
harten Kerns der Heavy-Metal-Fans in
dem Ziel der Zerschlagung und Zersetzung
DANK AN STEFFEN SCHÖLZEL, DER UNS SEINE STASI-AKTE IN KOPIE ZUR VERFÜGUNG GESTELLT HAT.
AUSSCHNITTE DIESER AKTE SIND ÜBER DIE SEITEN DIESES ARTIKELS VERTEILT.
OX-FANZINE 122
PUNK IN DER DDR
teilweise auch die Punk-Szene tangiert haben. Bei einigen wuss¬
te oder ahnte man es schon vorher. Also war ich nicht sehr ge¬
schockt.
Arnim Bohla: Erfahren schon, war mir aber egal! Ich hatte weder
Repressalien noch irgendwelche anderen Probleme deswegen.
Dass der Staat oder besser jeder Staat seine „Informanten“ hat, ist
doch wohl klar. Und ich sehe keinen großen Unterschied zu dem,
was im Westen zum Beispiel mit der Punk-Datei lief.
Carsten Hiller: Ich habe nach der Wende erfahren, dass der Lei¬
ter des Club im Park, Frank G., dem ich und die lokale Punk-, Al¬
ternativ- und Kunstszene soviel zu verdanken haben, von der Stasi
beauftragt war, den Club in der oben beschriebene Art und Wei¬
se zu betreiben. Ob die Stasi sich das Ganze so vorgestellt hat, sei
mal dahingestellt, und auch die Gründe für Franks Stasi-Tätig¬
keit sollen hier nicht erläutert werden. Fakt ist aber, dass er eini¬
gen Menschen übel mitgespielt hat, Freunde betrogen und belo¬
gen hat. Mir ist durch ihn allerdings nichts Nachteiliges passiert.
Mein Verhältnis zu ihm, wurde nach seinem „Geständnis“ distan¬
zierter und heute sieht man sich vielleicht alle zwei Jahre mal, re¬
det über alte Zeiten und belässt es dabei.
Andreas Kohl: Ich wusste schon zu DDR-Zeiten, wer Spitzel war.
Irgendwie hatte ich das Glück, von Typen umgeben zu sein, die
einfach zu dumm waren, so was unbemerkt zu machen. Die ha¬
ben sich einfach doof angestellt und man hat es gemerkt. Von
daher gab es zumindest für mich kein böses Erwachen und ich
musste mich zum Glück nie damit auseinandersetzen, wie ich da¬
mit umzugehen habe. Auch wenn ich mir darüber Gedanken ge¬
macht habe, ich wüsste nicht, wie ich reagiert hätte. Die, von de¬
nen ich es wusste, taten mir eher leid. Wohl aber auch deshalb,
weil ich glücklicherweise nie miterleben musste, wie jemandem
ernsthaft Schaden zugefügt wurde.
Henryk Gericke: Ja. Wobei das andere Freunde noch viel stärker
betraf und mich nicht so sehr, was meine Zeit in der Punk-Sze¬
ne, sondern eher meine Zeit in der Literatur-Underground-Sze-
ne vom Prenzlauer Berg betraf. Wie soll man damit umgehen?
Am Anfang habe ich noch versucht, den Dialog mit den Spitzeln
zu pflegen, wenn ich sie sah. Irgendwann war klar, dass es keine
echte Reflexion, kein wirkliches Eingeständnis des Verrats geben
würde. Alles hatte irgendwie immer seine Gründe. War es nicht
die verkorkste Kindheit, dann war es die Psyche, war es nicht die
Psyche, dann war es die Intention, die eigenen Freunde vor der
Stasi zu schützen oder ähnlicher Schwachsinn. Heute spreche ich,
wenn ich einen von ihnen sehe, und höre nicht mehr zu. Ich will
sie nicht mehr verstehen.
Mike Göde: Beim Erhalt meiner Stasiakte lagen die Tatsachen ja
auf dem Tisch, aber ich nehme es keinem übel. Da auch nicht je¬
der mental in der Lage war, dem Druck standzuhalten. Einige aus
Angst resultierende Sachen sollte man Leuten verzeihen. Nur zu
denjenigen, die von vornherein als Informanten arbeiteten, brach
ich den Kontakt rigoros ab.
Mike Wendt: Ich hab von einigen Leuten erfahren, dass sie für die
Stasi gespitzelt haben, wo ich es nie gedacht hätte. Nach der Wen¬
de, Anfang der 90er, war man der Sache gegenüber noch anders
eingestellt als jetzt. Früher war man wütend auf die Leute, heu¬
te ist mir das mehr oder weniger egal. Ich selbst habe aber erst
Anfang 2007 meinen Antrag auf Akteneinsicht gestellt. Ich finde,
man muss auch unterscheiden, ob die Leute freiwillig oder unter
Zwang für die Stasi gearbeitet haben.
Volly Tanner: Ja, ich erfuhr von Spitzeln - aber da ich mich ja nie
wirklich so fest an Menschen band, war das nicht so wild -, für
mich war das meist nachvollziehbar, ich hatte sowieso keine hohe
Meinung von den Menschen.
Hendrik Franke: Wer die Spitzel von damals waren, habe ich nie
erfahren. Hätte mich aber auf alle Fälle schwer interessiert. Hät¬
te für die Leute keinerlei Konsequenzen gehabt, waren halt alles
Freunde, ich hätte es nur gern gewusst. Leider wurde mir mitge¬
teilt, dass angeblich keinerlei Stasiakten über mich existieren sol¬
len. Dafür hat meine Mutter alleine eine fette Akte, wo es zu ei¬
nem nicht kleinen Teil um mich und meine Freunde geht. Da tun
sich mir doch Zweifel auf ... Es wird aber wohl auch gemunkelt,
dass sich die BRD für einige Akten aus den Stasi-Archiven inte¬
ressierte ...
Steffen Schölzel: Ja ich habe meine Stasiakte angefordert und be¬
kommen. Die Namen der Spitzel haben mich nicht überrascht,
da hatten wir eine Art sechsten Sinn für entwickelt. Mein Schul¬
direktor hat zum Beispiel über mich geschrieben: „Schölzel be¬
hängt sich mit klirrenden Ketten und hat keine Freunde.“ Selten
so gelacht.
Wie sieht heute dein Verhältnis zur SED-Nachfolge-
partei PDS/Die Linke aus?
Jörg Löffler: Die PDS ist zumindest kein explizites Feindbild für
mich.
Arnim Bohla: Ist ja wohl die einzige linke Partei oder? Ich bin
zwar nicht mit allen Aussagen, die da so fallen, einverstanden,
aber das muss auch nicht sein. Wäre das der Fall, könnte ich auch
Mitglied werden. Insgesamt bin ich ein glühender Verfechter da¬
von, von seinem Wahlrecht Gebrauch zu machen und da fällt mir
im politischen Spektrum der heutigen Parteien leider keine weite¬
re ein, wo ich mit gutem Gewissen mein Kreuz machen kann.
Carsten Hiller: Mein Verhältnis zur PDS/Die Linke ist geprägt
durch'die Erlebnisse nach der Wende. Oft war sie die einzige Par¬
tei, die antifaschistische und alternative Aktionen, Projekte und
ähnliches vor Ort ernsthaft unterstützt hat und ich kenne viele
Aktivisten aus ihren Reihen - vom Punk über höhere, junge Funk¬
tionäre bis zum erfahrenen Historiker und Professor. Ich sehe
aber durchaus noch genügend alte Starrköpfe, deren Einfluss aber
immer marginaler zu werden scheint. Vor allem aber sehe ich
eine zum Teil erschreckende Anbiederung an so genannte „sozi¬
aldemokratische“ Positionen. Diese neoliberale Scheiße ist einer
linken Partei nicht würdig und suggeriert vielen Menschen, dass
es eine Alternative zum bestehenden System nicht gibt. Dies halte
ich aus vielerlei Gründen für sehr gefährlich.
Andreas Kohl: Ich habe kein Verhältnis zu dieser Partei. Im bes¬
ten Fall halte ich sie für Utopisten, die sich verzweifelt dagegen
wehren, die Erfahrungen aus der Geschichte anzuerkennen. Im
schlimmsten Fall halte ich sie für gefährliche Rattenfänger, die
mit oberflächlichen Wünschen der Menschen in diesem Land
spielen und plakativ vereinfachend agieren. Je nachdem, wo und
wie wir im Wahlkampf stehen, tendiere ich mehr oder weniger
zur einen oder anderen Seite.
Henryk Gericke: In der Partei gibt es sicher integere Leute. Aber
für mich ist der Verein kontaminiert. Gerade durch die jüngsten
Exzesse von Stasi-Offizieren, die auf Veranstaltungen die Leute
verhöhnen, die sie früher schon mit Dreck beworfen haben. Ich
würde diesen Verein nicht wählen, mache mir aber auch nicht die
Perspektive von Westpolitikern zu Eigen, die die PDS für genau¬
so gefährlich halten wie die NPD. Die wissen nicht, wovon sie re¬
den, aber das hat ja Struktur.
Mike Göde: Es gab weder früher, noch gibt es heute eine Partei,
der ich meinen Glauben und meine Zustimmung schenken kann.
Eine sozialistische Partei halte ich generell für das Beste, was es
geben könnte. Die Frage ist nur die Form der Umsetzung.
Volly Tanner: Ich kenne Leute in dieser Partei, das sind ange¬
nehme Menschen, und ich kenne Arschlöcher unter ihnen. Mei¬
ne persönliche Bindung an Menschen macht sich nicht am Par¬
nicht gewählt, was am Rande eines Straftatbestandes lag. Heute
wähle ich, weil es so schön sinnlos ist.
Mike Wendt: Links von der Mitte. Ich lasse mich aber nicht von
jemandem vor irgendeinen politischen Karren spannen. Bei uns
im Ort arbeite ich als Parteiloser in der SPD-Fraktion im Stadtrat
mit. Hier sieht man noch, was dabei rauskommt, wenn man was
macht, und ich kann meine Entscheidungen selbst treffen.
Volly Tanner: Positiver Anarchist, Humanist, freidenkender,
selbstständiger, undogmatischer Mensch, zornig, wütend, jedoch
nicht hasserfüllt. Oft verletzt, doch nicht verletzend. Ich versu¬
che, die Kreise einzelner Individuen nicht zu behindern, wenn
diese nicht in meine Räder greifen. Hedonistisch und freundlich.
Hendrik Franke: Auf alle Fälle stehe ich politisch sehr links. Ich
lese - jetzt freiwillig! — die Junge Welt als Tageszeitung. Jetzt kann
man sie wieder lesen. Sie ist für mich die einzig wirkliche und
kompromisslos radikal linke Tageszeitung, die es in Deutschland
gibt. Mit Großdeutschland habe ich nach wie vor nix am Hut, von
mir aus kann’s verrecken, wenn wir dadurch leben können. Auch
nach wie vor kommt für mich keine Parteizugehörigkeit infrage.
Steffen Schölzel: Die Partei, für die ich auf die Straße gehen wür¬
de, muss erst noch gegründet werden.
Siehst du dich heute noch als Punk?
Jörg Löffler: Ich höre Punk, gehe auf Punk-Konzerte und spiele in
einer Punkband, aber ich ordne mich nicht in irgendeine Grup¬
pierung ein. Punk beschäftigt mich auch weiterhin. Ich recher¬
chiere für das Ausstellungsprojekt „Too Much Future. Punk in der
DDR - eine Ausstellung in Dresden“, das Mitte August 2007 eröff¬
net wird. Natürlich auch mit Konzerten im Rahmenprogramm.
Arnim Bohla: Natürlich, innerhalb meiner Definition schon. Au¬
ßerdem habe ich auch versucht, meine Kinder weltoffen, poli¬
tisch offen, tolerant zu erziehen. Und es scheint mir gelungen zu
sein. Mit meinen Söhnen haben wir zum Beispiel 1997 mit East
Side Records begonnen, unbekannten deutschen Punkbands ein
Medium zu bieten und ihre Musik zu veröffentlichen. Mittlerwei¬
le führt mein Sohn Daniel das Ganze mit mir gemeinsam weiter
und wir veröffentlichen die Attila/BARNSTORMER-Scheiben auf
Vinyl und kümmern uns um die norwegische Band TRASHCAN
DARLINGS. Also kann Punk auch jenseits der 40 noch Spaß ma¬
chen. Aktiv bleibt man dabei allemal. Mein Pensum an Konzert¬
besuchen steigt dabei zurzeit auch wieder an.
Carsten Hiller: Punk bedeutete und bedeutet für mich die Frei¬
heit zu lieben, möglichst vorurteilsfrei, offen und tolerant zu
Steffen Schölzel wurde aufgefordert, diese Jacke nicht mehr zu
tragen, oder die Symbole abzutrennen, kam dieser Anv/eisung aber
erst nach mehrmaligen Vorhaltungen nach.
Außerhalb der Schulzeit wurde er in Lederkleidung mit Metallnieten,
und Ketten gesehen. Er hat offensichtlich keinen Ereund unter
seinen Mitschülern.
teibuch fest. Von mir wird jeder respektiert, der an einer huma¬
nen Vision und gegen die Machthabenden arbeitet, da ist es völlig
egal, wer die Macht hat - wer Macht hat, ist prinzipiell der Feind,
da er auf seinem Wege nach oben Leichen in seinen Keller stopfen
musste - und das nicht zuwenig
Steffen Schölzel: Gysi finde ich intelligent, aber der Rest der al¬
ten Bonzenzombies erfüllt mich mit Grausen. Unbelehrbare Voll¬
idioten.
Wo siehst du dich heute im politischen Spektrum?
Jörg Löffler: Nirgends, ich finde alles Scheiße. Ich bin Individu¬
alist.
Arnim Bohla: Sicherlich immer noch recht weit links. Habe erst
kürzlich im Radio einen Song von Mitch Ryder gehört, dessen
Schlussworte mir förmlich aus der Seele gesprochen haben. In
diesem Weihnachtslied hieß es sarkastisch: Ich danke dem Weih¬
nachtsmann für Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe, Gewaltverbrechen,
Regierungs- und Wirtschaftskorruption, ein Rechtssystem, das
Recht spricht für Geld, eine hohe Selbstmordrate, Hoffnungslo¬
sigkeit, Krieg, Schönheitswahn, Anbetung des Geldes und so wei¬
ter. Das alles kannte ich bis 1990 nur aus dem Fernsehen.
Carsten Hiller: Mich selber würde ich als linken Humanisten be¬
zeichnen, für den das Hier und Heute nicht das Ende sein kann
und der als chronischer Optimist daran glaubt, etwas verändern
zu können.
Andreas Kohl: „Irgendwie“ links. Wie sehr ich diese Antwort
hasse. Aber so ist es. Ich bin immer noch dabei, mir unter Be¬
achtung der herrschenden Strukturen und gesellschaftlichen Zu¬
stände mit all ihren Verflechtungen, Gesetzmäßigkeiten und sich
gegenseitig beeinflussenden Bedingungen ein in sich schlüssi¬
ges politisches Selbstbild zu bauen. Und immer, wenn ich den¬
ke, jetzt hab ich es, stürzt es wieder ein, weil die politische Kraft,
zu der ich mich dann hingezogen fühle, etwas tut, was ich ent¬
weder nicht erwartet habe, nicht verstehe oder für schlicht und
einfach falsch halte.
Henryk Gericke: Ich halte mich für linksliberal bis wertkonser¬
vativ, ohne konservativ zu wählen. Ich habe einfach begriffen,
dass zum Beispiel die Grünen für mich auch keine Lobby darstel¬
len. Ich stehe etwa ihrer Ausländerpolitik, die ich nur kulturro¬
mantisch nennen kann, äußerst gespalten gegenüber. Trotzdem
wähle ich sie aus Mangel an Alternativen. Ich habe in der DDR
*
sein, Neues zu wagen, sich zu wehren und zu kämpfen, sich mög¬
lichst wenig zu verstellen, nicht geldgeil zu sein und natürlich das
Leben trotz aller Scheiße so gut es geht zu genießen. Wenn das
auch „wirklich“ Punk ist - dann bin ich immer noch einer!
Andreas Kohl: Ich würde gerne mit Ja antworten, weil ich prin¬
zipiell noch zu dem stehe und auch das lebe, was Punk für mich
bedeutet - strikte Individualität und kritisches Bewusstsein. Dann
denke ich aber manchmal wieder, herrje, ich hab eine Firma, eine
Familie, wohne im Grünen und romantisiere eine Art revolutio¬
näres Selbstverständnis, was ich gar nicht mehr ausleben kann,
weil ich entweder in Strukturen gefangen bin oder mich mit ih¬
nen arrangiert habe, die mir gar nicht mehr erlauben, das zu sein,
dessen ich da in einer „Alter Sack“-Mentalität nachhänge. Meine
RAMONES- und MINOR THREAT-Platten höre ich immer noch.
Henryk Gericke: Ich sehe mich heute nicht mehr als Punk, aber
als von Punk nachhaltig geprägt. Das betrifft vor allem meinen
allgemeinen Skeptizismus, der, solange er nicht in Bitternis um¬
schlägt, auch eine Kraft ist. Und auf Kraft und Energie kam es
beim Punk an.
Mike Göde: Im Herzen noch immer hundert Prozent. Äußerlich
nicht mehr, aber ich glaube, das spielt auch keine große Rolle.
Wichtig ist die Lebenseinstellung, die sich daraus entwickelte.
Mike Wendt: Mein Bruder sagt immer, unsere Oma war voll
Punk. Sie war meist lustig, fand immer okay, was wir gemacht ha¬
ben, und hatte immer den passenden Spruch parat. Wenn das so
ist, bin ich noch Punk! Wenn jemand eine andere Definition hat,
mir egal. Musikalisch auf alle Fälle!
Volly Tanner: Ja, und das ist auch gut so!
Hendrik Franke: Ach ja, natürlich bin ich immer noch Punk,
werde ich auch immer sein. Ich bin der Meinung, wenn man sich
für Punk entschieden hat, hat man seinen Lebensweg gewählt.
Steffen Schölzel: Klar bin ich noch ein Punk, was denn sonst...?
Joachim Hiller, Michael Klarmann
Im nächsten Ox gibt es als Ergänzung zu diesem „Punk
In der DDR“-Artikel ein Interview mit Sascha Anderson
und Cornelia Schleime. Beide waren in der Band ZWIT¬
SCHERMASCHINE aktiv, Anderson außerdem treibende
Kraft hinter der Veröffentlichung der ersten DDR-Punk-
Platte „DDR von unten/eN De“.
OX-FANZINE 123
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PEACOCKS, DICEMEN,
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THE RIPMEN, THE CREEPSHOW,
THEE EXIT WOUNDS, CENOBITES,
THREE BAD JACKS, THEE FLANDERS...
THE RIPMEN
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OX-FANZINE 125
T* 17HPH 1 II DS WTTT
Jr Jb 1 Km Jtt JriiiM 1v/und hardcore (teil 8)
VON KLAUS N. FRICK
Was zuvor passierte:
Der Januar 1987 ist verdammt kalt. Vor allem in den Dörfern zwischen Schwarzwald und Schwäbischer
Alb, in einer Region also, die man sich spießiger kaum vorstellen kann. Ausgerechnet dort wohnt der¬
zeit Peter Meißner, den - fast - alle nur Peter Pank nennen. Sehr „punkig“ ist das alles nicht, aber in dem
Dorf hat er eigentlich seine Ruhe, und die ist ihm derzeit sehr viel Wert. Wobei er sich redlich Mühe gibt,
die eigene Ruhe zu stören ...
Zurück aus Südfrankreich und gleich in die Straßen¬
punk-Szene von Stuttgart: Einen größeren Gegensatz
hatte ich mir im Winter 1986/87 nun wirklich nicht
vorstellen können. Es war scheißkalt, ich fror den gan¬
zen Tag, und zu allem Überfluss hatte ich keinen rich¬
tigen Draht mehr zu den alten Kumpels herstellen kön¬
nen. In Avignon hatte ich schlechte Erinnerungen zu¬
rückgelassen, und es kam mir tatsächlich vor, als sei mir
das Herz gebrochen worden.
Wann immer ich mir die letzten Stunden in Südfrank¬
reich in Erinnerung rief, sah ich den toten Pico auf dem
Bett liegen, in genau dem Zimmer, in dem ich Wochen
verbracht hatte, in meiner „Heimat“ in Südfrankreich,
und mich schüttelte ein Grauen, das mir selbst galt. Wie
tief war ich abgesackt, wie krank war ich gewesen? Ich
erinnerte mich an den Gestank in dem Zimmer, an die
buchstäblich dicke Luft, und selbstverständlich kam mir
das Bild der Leiche zu meinen Füßen vor Augen. Wahr¬
scheinlich konnte ich von Glück reden, dass ich das gan¬
ze selbst überlebt hatte. Mich schüttelte bereits der Ge¬
danke daran.
„Was ist?“ Jörg betrachtete mich forschend. „Ist dir
schlecht?“
„Ich denk’ nur an die Zeit in Stuttgart zurück.“
„Kann ich mir vorstellen. Ich hab’ dich ja buchstäblich
aus der Gosse gezogen.“
Ich nickte. Die Bilder tauchten in meiner Erinnerung
auf, als seien sie Fotos, die schon einige Jahre alt sind
und die man mit einer Mischung aus Entsetzen und
Freude betrachtet. Meine Bilder waren wellig und an¬
gerissen, denn ich wusste nicht mehr so genau, was ich
in diesen Tagen von morgens bis abends im Detail getan
hatte. Der Anfang des Jahres 1987 war alles andere als
eine gute Zeit gewesen.
Mit blutunterlaufenen Augen starrte mich Rotze an. Gel¬
ber Schleim lief ihm aus der Nase und über die ver-
schürften Lippen. „Und du hast wirklich nichts zum
Drücken?“ Seine Stimme klang dünn, und sie passte zu
seiner ausgemergelten Gestalt, die trotz Nietenlederja¬
cke nichts von einem selbstbewussten Punkrocker hat¬
te, sondern eher etwas von einer Zerrfigur aus einem
Spiegelkabinett des letzten Jahrhunderts.
„Hab’ ich nicht, weißt du doch." Mir selbst ging es
nicht gut, und mit einem Rest von Hirn wusste ich, dass
ich ziemlich beschissen aussah; ich hoffte aber, dass ich
noch einen weiten Weg bis zu dem Anblick hatte, den
Rotze bot. Meinen Pullover hatte ich bis zum Hals hoch¬
gezogen, die Lederjacke wärmte nur unzureichend, und
ich fror ununterbrochen, zitterte an allen Gliedern und
klapperte mit den Zähnen.
„Jaja.“ Er verzog das Gesicht. „Und zu kiffen hast du
auch nichts, denk’ ich.“
„Haben wir gerade alle nicht“, erinnerte ich ihn.
Das Leben war hart in diesen Tagen nach dem Jahres¬
wechsel 1986/87. Die Temperaturen in Stuttgart hatten
sich auf einem niedrigen Niveau eingependelt, und wer
auf der Straße lebte, versuchte der widerlichen Kälte
mit Drogen und Alkohol etwas entgegenzusetzen. Aber
seit einigen Tagen war der letzte Rest an Haschisch und
Marihuana spurlos weggeraucht, von härteren Drogen
ganz zu schweigen.
Ich schaute Rotze an. Als ich ihn vor einigen Tagen zum
ersten Mal wiedergesehen hatte, hätte ich ihn kaum er¬
kannt. Seit dem September war er noch schmächtiger
geworden, und er schien zu beabsichtigen, sich mit al¬
len nur erdenklichen Drogen ins Jenseits zu ballern. Mir
war zwar schleierhaft, woher er beispielsweise Heroin
besorgte, aber er schaffte es und pumpte sich in unre¬
gelmäßigen Abständen die Spritze in die Armbeuge.
„Scheiße, siehst du kaputt aus“, murmelte ich. Der Atem
stand in weißen Wolken vor meinem Gesicht und stieg
an der grauen Wand, an der ich lehnte, langsam in die
Höhe.
„Was hast du gesagt?“ Rotze stand immer noch vor mir,
und er würde nicht so schnell verschwinden.
„Ach nichts.“ Ich winkte ab. „Nichts, was irgendwie
wichtig wär’.“
Seit gut zweieinhalb Stunden trieben wir uns jetzt auf
der Königsstraße herum, der Einkaufspassage in Stutt¬
gart, gelegentlich auch in den Seitenstraßen oder in der
Klettpassage, den unterirdischen Gängen, welche die
Straße mit dem Hauptbahnhof vertrieben. Wir schnorr¬
ten Passanten um Kleingeld an, versuchten uns selbst
warmzuhalten, und wichen den Ordnungskräften der
Kaufhäuser und der Einkaufspassage aus, wenn das nö¬
tig wurde.
Rotze ging einige Meter zur Seite. Er lehnte sich gegen
die Wand und rutschte langsam in die Hocke. In die¬
ser kauernden Stellung blieb er sitzen, den Rücken ge¬
krümmt und den Kopf nach vorne hängend, als wolle er
mit der Nase die Kniescheibe treffen. Der rote Iro hing
ihm seitlich über die Ohren, die kahlrasierten Stellen
wuchsen seit einigen Tagen wieder nach, und unterhalb
des Kinns zogen sich Spuren von Eiter den Hals hinab.
Ich schüttelte den Kopf. So wollte ich nicht enden, nicht
mit einem Gesicht und Händen voller Schleppscheiße
auf der Straße herumlungern. Aber ich sah an Gestalten
wie Rotze oder dem einige Jahre älteren Nougat, wohin
dieser spezielle Lebensstil führte. Nachdenklich kramte
ich mit meiner Hand in der Tasche meiner zerschlisse¬
nen Jeans, die für die Jahreszeit viel zu dünn war. Einige
Markstücke hatte ich noch, teilweise an diesem Tag zu¬
sammengeschnorrt, teilweise noch von den letzten Ta¬
gen zurückgelegt.
Mein Magen meldete mit einem deutlichen Grummeln,
dass es an der Zeit war, wenigstens etwas feste Nah¬
rung zu mir zu nehmen. Ich hatte seit dem Aufstehen
erst zwei Flaschen Bier getrunken, von dem Korn eini¬
ger Punks hielt ich mich fern; das wollte ich mir nicht
antun. Ich stieß mich von der Wand ab. Ohne mich um
Rotze zu kümmern, verließ ich den Hofeingang und be¬
wegte mich auf die offene Straße hinaus.
Im Sommer empfand ich Stuttgarts Innenstadt schon als
komplett deprimierend. Sah man vom Schlosspark ab
und dessen zahlreichen Möglichkeiten, sich unter Bü¬
schen und Bäumen oder auf grünen Wiesen aufzuhal¬
ten, wurde das Zentrum der schwäbischen Metropo¬
le von Beton und Asphalt beherrscht. Als Ausbund ar¬
chitektonischer Grausamkeit hatte ich schon immer die
Königsstraße empfunden, aber die breite Fußgängerzo¬
ne zwischen Hauptbahnhof und Schlossplatz war nun
mal die beste Möglichkeit - vielleicht sogar die einzige!
-, Passanten um ein bisschen Kleingeld anzubetteln.
Erst als ich auf der Straße stand, wo im Sommer Stüh¬
le zum Kaffeegenuss einluden, wurde mir klar, dass ich
nicht einmal wusste, was ich vorhatte. Scheiße, dachte
ich, das geht so nicht weiter. Mir fiel in einem kurzen
Gedankengang ein, dass ich mir ähnliches in Südfrank¬
reich überlegt hatte.
Rechts von mir erhob sich die Betonfassade der „Ler¬
che”, des größten Schallplattengeschäftes der Stadt. Ich
schaute an der Mauer hoch, betrachtete den Werbe¬
spruch, der behauptete, Süddeutschlands wichtigster
Plattenladen zu sein, und schüttelte den Kopf. Hier hat¬
te ich meine erste DEAD KENNEDYS-Platte gekauft, hier
gab es in den frühen 80er Jahren auf einmal ganz viele
schräge Platten der auslaufenden Neuen Deutschen Wel¬
le für billiges Geld zu kaufen.
Und nichts davon hab’ ich jetzt, machte ich mir klar. Die
Platten standen hoffentlich im Keller meiner Eltern, wo
ich sie vor über eineinhalb Jahren deponiert hatte, und
vielleicht kam ich irgendwann wieder ran. Im Augen¬
blick hatte ich nicht das geringste Interesse, meinen Er¬
zeugern über den*Weg oder in die Arme zu laufen. Sie
würden mich in meinem jetzigen Zustand wahrschein¬
lich nicht einmal erkennen: Mein Pullover und meine
Jeans waren zerschlissen und schmuddelig, die Lederja¬
cke schmucklos und ohne irgendwelche Nieten oder Be¬
schriftungen, die kurzen Haare standen schmutzig ab.
Langsam bog ich um eine Straßenecke, die von der Kö¬
nigsstraße weg und in Richtung Rotebühlstraße führ¬
te. Die Gegend galt als ein Entwicklungsgebiet; schon
jetzt standen hier viele Bürogebäude, aber es hieß, man
wolle in diesem Bereich der Innenstadt in den nächs¬
ten Jahren neue Glaspaläste eröffnen. Die Stadtverwal¬
tung plante darüber hinaus ein gigantisches Projekt,
das angeblich bis ins 21. Jahrhundert reichen sollte. Mir
war das relativ gleichgültig, aber man bekam das Gere¬
de schon mit, wenn man sich einfach nur in der Stadt
bewegte.
Ohne weiter darüber nachzudenken, bog ich in die Ab¬
zweigung ein, die zum beliebten Imbiss „Zum Zum“
führte. Dort hatte sich eine Gruppe von Punks mit ihren
Hunden breitgemacht. Sie lagen auf Decken, die wahr¬
scheinlich aus dem Rotkreuzlager stammten, und stier¬
ten vor sich in. Einer von ihnen, ein bärtiger Mann, des¬
sen schmutzigen Haare noch Reste roter Farbe zeigten,
hielt eine Schnapsflasche in der Hand, aus der er in kräf¬
tigen Zügen trank. Er winkte mir, als ich vorüberging,
sagte aber nichts; die anderen reagierten nicht einmal.
Ich winkte zurück und machte, dass ich weiterkam. Am
„Zum Zum“ ging ich vorbei, dann hielt ich mich links
und folgte der nächsten Straße. Autos fuhren in vier
Spuren an mir vorüber, gelegentlich eilten Passanten
über die vom eisigen Wind gepeitschten Straße, aber
niemand beachtete mich. Es war Januar, es war kalt, und
die Leute hatten besseres zu tun, als sich um einen hei-^
matlosen Punk zu kümmern. Und ich hatte nicht die
geringste Lust, einen Menschen anzusprechen, um her¬
auszufinden, ob dieser mir unter bestimmten Umstän¬
den ein wenig Kleingeld geben könnte.
Zwar fühlte ich mich antrieblos, gelangweilt und ge¬
schwächt, aber ich ging trotzdem weiter, als hätte ich
einen Menschen hinter mir, der mir einen Tritt nach
dem anderen versetzte. Vom Vorabend hatte ich noch
einen Kater, und die zwei Flaschen Bier auf nüchter¬
nen Magen hatten mir nicht gut getan. Ich wechselte die
Straßenseite zuerst in die eine, dann in die andere Rich¬
tung und erkannte erst nach einiger Zeit, dass ich weit
oberhalb des Schlossplatzes war, in eine der vielen Sei¬
tenstraßen, deren Namen ich mir nie merken konnte.
Hier irgendwo war anfangs der 80er Jahre die „Alte
Mausefalle“ gewesen, hier hatte ich irgendwann 1981
die FUCKING GUTE BÜRGER BAND gesehen, und hier
... Ich schüttelte den Kopf. Das war Vergangenheit, und
was jetzt zählte, war die Realität des Jahres 1987. Auch
wenn ich mit dieser Realität in diesen Augenblicken
überhaupt nicht klarkam.
Und irgendwann stand ich in einer Straße und blick¬
te auf eine Imbissbude, die schräg auf der anderen Seite
lag. Sie hatte mich angezogen, als sei sie ein Magnet und
ich nur ein Stück Metall, das ihr auf unsichtbaren Bah¬
nen folgte. Kopfschüttelnd über mein eigenes Verhalten
betrachtete ich die Bude, schräg hinter einigen Autos
stehend. Der Imbiss, der sich laut Türschild selbst „Re¬
staurant“ titulierte, hatte bereits geöffnet. Er bot - wie
ich durch die erleuchteten Fenster sehen konnte - viel¬
leicht vier oder fünf Tischen Platz und zeichnete sich
vor allem durch eine Theke aus, hinter der zwei Män¬
ner arbeiteten.
Ich erinnerte mich gut an den Imbiss, auch wenn ich
die Szenen dort gerne verdrängt hätte. Hier hatte ich
im Dezember mein Päckchen abgegeben, die seltsame
Ware, die ich aus Südfrankreich mitgebracht hatte, ohne
je genau zu erfahren, was darin gewesen war: Drogen
wahrscheinlich, aber ich wollte es nicht genau wissen.
„Eigentlich schulden die mir noch einen Gefallen“,
überlegte ich halblaut. Sollte ich einfach hinüber ge-
OX-FANZINE 126
PETER PANK
hen und die Burschen anbetteln? Ich hatte ihnen ein
Geschäft besorgt, und jetzt hatte ich Hunger - also war
das meiner Ansicht nach Grund genug, auf der ande¬
ren Straßenseite nachzufragen. „Eine kleine Pizza müss¬
te doch drin sein“, murmelte ich weiter.
Ich schaute zu, wie zwei dickliche Männer mit Schnauz¬
bärten, die ihre massigen Körper in zu enge Anzüge ge¬
presst hatten, das Restaurant betraten. Sie wirkten auf
den ersten Blick unsympathisch, und ich hätte mit ih¬
nen nicht gern den Abend verbracht. Sie gingen direkt
auf die Theke zu und unterhielten sich mit den Män¬
nern dahinter. Das Gespräch, von dem ich kein Wort
verstand, wurden gestenreich ausgetragen, und es sah
aus, als schrien sich beide Gruppen an.
„Ich glaub’, das ist doch keine so gute Idee“, murmelte
ich. Würde ich jetzt in das Restaurant gehen und jeman¬
den in ein Gespräch verwickeln, hätte garantiert nie¬
mand Zeit für mich. Und während ich mich umdrehte,
um eine andere Bude zu suchen, fiel mir erst auf, wie
lächerlich mein ganzer Plan eigentlich war: Niemand
würde sich um mich kümmern, niemand würde mir et¬
was geben, und viel eher würde mir irgend jemand auf
die Fresse schlagen. Was für ein Quatsch, was für eine
alberne Idee! Ich schüttelte den Kopf, ging los und ...
... und stand direkt vor Rotze. Schwankend versperr¬
te er mir den Gehweg, ein dürrer junger Mann, dessen
Lederjacke offen stand und dem die Kälte anscheinend
weniger ausmachte als mir. „Was machst du hier?“,
fragte er, eine Spur herausfordernder, als es angebracht
gewesen wäre.
„Was machst denn du hier?“, gab ich zurück.
„Ich bin dir gefolgt.“ Ein Grinsen zog über sein Gesicht,
das wahrscheinlich spöttisch sein sollte. Zwischen dem
Schorf unter dem Kinn und dem Rotz an der Nase sah
es ziemlich verunglückt aus. „Ich dachte mir, wenn der
Peter Pank irgendwohin geht, wo’s was zu futtern oder
zu saufen gibt, geh’ ich mit und hol’ mir auch was.“
„Du spinnst. Ich bin nur spazieren gelaufen. Und hier
gibt’s nichts zu fressen.“ Ich wollte an ihm Vorbeige¬
hen.
Seine Stimme stoppte mich. „Und die kleine Wirtschaft
da vorne, dieses ... dieses Restaurant, also dieser Imbiss,
was ist mit dem? Sind das Kumpels von dir?“
„Depp! Natürlich nicht! Wie kommst du darauf?“
„Du hast halt so geguckt, als wolltest du rüber, und
dann hast du dich nicht getraut, weil die zwei Typen
rein sind. Und da hab’ ich zwei und zwei zusammenge¬
zählt.“ Rotze spuckte aus, ein gelber Klumpen glibber-
te auf den Asphalt.
„Ich wusste gar nicht, dass du rechnen kannst.“ Ohne
mich weiter um ihn zu kümmern, ging ich in Rich¬
tung Königsstraße.
An einer Bäckerei, keine zweihundert Meter weiter,
hielt ich an. Zwar rümpften die Verkäuferin und die
zwei Kundinnen in dem Laden die Nase, aber sie war¬
fen mich nicht hinaus. Ich kaufte ein trockenes Bröt¬
chen und eine Butterbrezel - etwas Luxus musste sein —
und verließ den Laden. In einem Hauseingang, der mich
vor dem Wind und der Kälte schützten, ließ ich mich
nieder. Die noch warmen Backwaren schmeckten köst¬
lich, mit zitternden Fingern aß ich zuerst das Brötchen
und dann die Brezel. Ich hatte das Gefühl, ein wenig auf
Touren zu kommen.
Der kleine Ausflug hatte mich zumindest halbwegs zur
Besinnung gebracht. Ich konnte nicht zurück, ich wollte
es auch nicht, weder zu meinen Eltern noch in die Sze¬
ne, der ich aus Südfrankreich entkommen war. Was die
Alternative sein konnte, wusste ich ebensowenig. Aber
ich musste mich nicht umdrehen, um zu sehen, wo und
wie ich garantiert nicht enden wollte. Rotze gehörte zu
den Leuten, die irgendwann mal „No Future!“ zu wört¬
lich nehmen würden.
Der Weg zurück zur Königsstraße kam mir diesmal kür¬
zer vor. Vielleicht lag es daran, dass ich jetzt feste Nah¬
rung im Bauch hatte, vielleicht hatte das Wetter auf¬
geklart. Die Uhr am Schlossplatz zeigte an, dass schon
nach zwei Uhr mittags war, die hellste Zeit des Tages im
Januar. Bald würde es dämmern, dann kam die Dunkel¬
heit, dann musste ich wieder in das dreckige Loch, in
dem ich zur Zeit immer unterkam. Fürchterliche Aus¬
sichten, dachte ich und entschloss mich, noch einmal
zu schnorren.
Ich stellte mich dem erstbesten Passanten in den Weg,
er sah aus wie ein Geschäftsmann auf dem Weg zum
nächsten Termin. „Haben Sie ein paar Groschen für
mich?“, fragte ich so höflich wie möglich.
Er beachtete mich nicht und ging weiter, den Blick
durch die strengen Brillengläser gerade aus gerichtet.
Hätte ich mir ja denken können, dachte ich. „Schönen
Tag noch!“ rief ich ihm hinterher.
Bei Frauen hatte ich meist mehr Erfolg. „Entschuldi¬
gen Sie bitte“, sprach ich eine vielleicht dreißigjährige
Durchschnittserscheinung an, „können Sie mir aushel¬
fen?“
„Geh zum Sozialamt!“, schnauzte sie mich an. „Ich hab’
selbst nichts.“
„Ist ja schon gut.“ Ich trat einen Schritt zurück. „Ich
wollt’ Sie nicht beleidigen.“
Von rechts ertönte eine tiefe Stimme. „Wenn du mich
anschnorrst, scheuere ich dir eine. Und zwar kräftig.“
Ein Bulle oder sonst ein Stresser, das war das erste, was
mir durch den Kopf schoss. Erschrocken wandte ich
mich um. Der bärtige Kerl vor mir war mehrere Zen¬
timeter größer als ich und gut doppelt so breit. Lange
Haare fielen ihm bis auf die Schultern, auf dem Kopf
trug er eine Wollmütze. Er kam mir entfernt bekannt
vor, aber ich kapierte nicht sofort woher.
„Bist ganz schön runtergekommen, Peter Pank“, mein¬
te er trocken.
Jetzt endlich erkannte ich ihn. „Jörg! Jörg Schadler!“
Fast wäre ich ihm um den Hals gefallen. „Was treibt
dich nach Stuttgart?“
„Einkäufen“, brummte er. „Muss ja auch mal sein. Ir¬
gendwas fehlt auf dem Dorf immer.“
Ich kannte Jörg vom Jugendzentrum her. Er hatte zeit¬
weise in einem Dorf gewohnt, direkt bei der Kleinstadt
im Schwarzwald, aus der ich stammte. Weil er einen al¬
ten Bauwagen als Behausung hatte, der mitten im Wald
stand, hatten wir ihn immer nur den „Waldmenschen“
genannt: ein freundlicher, ein gemütlicher, ein manch¬
mal seltsamer Typ, der gelegentlich bei Veranstaltungen
zu viel Schnaps soff und dann zum Ausrasten neigte. Im
Frühjahr war er fortgezogen, und seither hatte ich ihn
nicht mehr gesehen.
„Hast dich ja gar nicht verändert“, sagte ich und grins¬
te, „du siehst aus wie immer.“
„Die Haare sind ein wenig länger.“ Er lachte kollernd.
„Aber du siehst scheiße aus, wenn ich das mal sagen
darf.“ Er wies in eine unbestimmte Richtung. „Hängst
du etwa mit diesem stinkenden Punker-Gesocks hier
rum?“
Ende der achten Folge
Peter Pank, mit bürgerlichem Namen eigentlich Peter
Meißner, blickt in die Vergangenheit zurück; das sind
in diesem Fall einfach mal drei Wochen. Anfangs des
Jahres 1987 scheint Stuttgart kein schönes und auch
kein gutes Pflaster gewesen zu sein. Was das mit sei¬
ner aktuellen Situation zu tun hat? Das erfahrt ihr in
der nächsten Ox-Ausgabe - wenn es wieder heißt; PE¬
TER PANK - UND: HARDCORE!
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BISHOPS - Same LP/CD
BLACK LfPS - Wildmen in action DVD
BLACK TIE REVUE - Code für» CD
FEELERS - 2007 European tour 7
THE GAOLERS - Get off my track 7
IAN AND THE AZTECS - Dont ha-ha 7
JÄY REATARD - In the dark 7
JAY REATARD / BOSTON CHINKS - Split 7
KING KHAN & HIS SHRINES - What is? LP/CD
LYRES - Dont give it up now 7
MAGNETIX - Same LP/CD
MARK & THE SPIES - Same LP/CD
MARK SULTAN - Sultanic versps LP/CD
MONKS - Demo tapes 1965 LP/CD
NIKKl CORVETTE & ST1NGRAYS - Rebeitious love CD
PETER BERRY & SHAKE SET - For goodness LP/CD
SHIMMYS - Drive you wild! CD
SPEEDIES ■ Speedy delivery LP/CD
STAGGERS - Live 7
STATUES - New people make u$ nervous LP/CD
TUFF BANANAS - Dance to rockn roll 7
UGLY BEATS - Take a stand with LP/CD
UGLY THINGS - Issue 25 mag
V/A - Flattery Vol. 3 tribute to Radio Birdman CD
V/A - Here comes trouble Vol l
V/A * Lets bocgaioc Vol.4 LP/CO
V/A - Twistin rumble Voi.1-4 LP
- Wild Sazanami beat Vol 4 CD . . . .
WEEDS - Aka The Loliipop Shoppe LP/CD
OX-FÄNZINE 127
SPONGE-PIX
an hour and a half away from Berlin in Dessau. Okay, why not?
Leaving directly from work that evening, I made the trip and was
very happy as I made it to the Beat Club to even make the first
band’s last 5 songs. GO AHE AD, Dessau/Berlin locals opened
and played some hot energetic straight up hardcore, I like their
new shit! Frontman Stitty was bouncing and stomping around so
much, I heard that he took a painfully unplanned stagedive before
I got there, got up, and continued without missing a beat. This
band has a future! Continuing with the North American influ-
enced hardcore, next band up was Aschaffenburg’s best straight-
edge export SO FAR AWAY. Their shouter Felal appears to be
somewhat small, but he’s bigger than life when it comes to thras-
hing a stage and screaming in your face. Hard to believe this band
has only been together since 2005, their stage presence and attitu-
de say otherwise. Kick-ass young musicians, watchout MAROON!
Berlin’s MAKE IT COUNT continued the onslaught, and the ni-
cely filled Beat Club crowd was really into the show as it was star-
ting to get hot in the place. It’s obvious that MAKE IT COUNT just
finished a big tour with TERROR and other huge bands, because
you get that type of seif confidence in your shows and know how
to work the crowd, and that they did. Positive energy, no bullshit,
and just as they say about themselves, „No scene police!“ Cool.
Great set, good moshing, and an awesome sound.
The next band for me was probably the highlight of my night, be¬
cause you know I lean more towards the punk hardcore sound,
and this band fuckin blew me away! The VICTIMS I don’t know
why I’ve never seen this band before, and I wasn’t really expec-
ting much, but after the first song I just stood in awe and watched
this three piecer from Stockholm bust everyone’s nuts. A lot of
the crowd which were pretty much into the other straight-edge
bands had a hard time trying to figure this band out, but if you
don’t dig this band, then your dead. This is the example of Ro¬
ger Miret’s quote „Never trust a hardcore kid who has not liste-
ned to punk!“ This band is so hardcore, yet so punk. My tip: Go
see VICTIMS!! We’ll, as the last band and headliners AN OTHER
BREATH made their way to the stage, I was already toying with
the idea of leaving about half way through their show since I had
a long drive back to Berlin. What before maybe appeared to be
some College preppy types from New York, when ANOTHER BRE¬
ATH hit the first note, I knew I was totally wrong and that this was
what the crowd came for, and for good reasoning. They fuckin
shred! From tempo zero to 100, this band explodes. Finest in your
face hardcore, tight as shit, and a frontman named Ted, who could
politely ask you a favor, thank you, and then go ballistic two se-
conds later, grabbing faces from the crowd and shoving the mike
to their mouth for sing alongs. Finally the first big mosh pits of the
night in this little club. Killer! I’m a fan! Needless to say, I remai-
ned the entire show, and was so awake and amped, I could have
probably drove to Australia that night, or actually it was already
morning. A great show put on in a hot little club, the Beat Club in
Dessau. Check it out!
Next issue I’ll be back to my old form with way too many shows
to talk about in such a short column, including With Full Force
XIV. C-ya there.
I’m outta here!
Yer Sponge
YO DUDES, WASSUP?
Well shit, I almost didn’t
have enough to talk about
this time, due to unfor-
seen health deterioration
process, personal survi-
val commitments, and fo-
reign interogational move¬
ment activity! (I was sick,
had to work, and did some
travelling, okü) But, at the
end of my dry spell I was
able to get my butt back out there and get a few really kil-
ler shows under my beit.
After one of those long work shifts, I popped into Wild at Heart
for a cold beer and what was supposed to be a Glam band that
night. Expecting to see a lot of make-up and hairsprayed vixens,
it actually turned out to be a somewhat normal rock-sleaze band
from Hollywood ELEGANTLY WASTED, who just played
kick-butt music with maybe the glam influence of T-REX to MOT-
LEY CRÜE, but more punky and down to earth. Formed in Holly¬
wood, but in reality, guitarrist and Singer Lenny J., and guitarrist
Queen D. are both from Sweden, met in the USA, and the match
made in heaven was perfect. They gave their all to the somewhat
small crowd that night. I missed the opener DEATH VALENTI¬
NE, but heard they were kinda interestingly weird, somewhere
between electric influenced Dark Goth and Doom Metal. Hmmm,
have go check em out next time.
A week later it was of to Kato in Kreuzberg for one of the all time
best beer drinking skate bands GANG GREEN! Last time I saw
them was 1999, 1987, and 1986. Yup, 25 years and still going
strong. Uhh, kinda. The night before they played in Prague with
my bros’ GWAR, and partied with them. Idiots! Partying with
GWAR is a death sentence that I’ve personally many times just ba-
rely survived. After jamming with GANG GREEN out front, and
sucking down a few original USA Budweiser beers, we went back¬
stage to do a few group photos. Well, original founder, frontman,
and all around party animal Chris Doherty lasted about ten pho¬
tos before he started blowing chunks, much to the delight of the
other band members Wally, Matty, and Mike Earls who was fil-
ling in for Rockin’ Bob. I won’t show you those pictures! Short-
ly thereafter, they took the stage and proceeded to give an almost
two hour set of every GANG GREEN hit you could wish for from a
setlist that was a meter long. Lots of sing alongs, special requests,
and drum, bass, and guitar solos from a band that still rocks har-
der than they party, and that says a lot! Düring the second enco-
re, a few local fans were up on the stage and were allowed to do
the vocals on a couple GG songs, and the packed Kato house was
happy. Awesome show from one of the most influential hard-edge
punkbands fr*im the git-go. They’re coming back this year. Go see
em! ganggreenboston.com
After a long break on concert going due to the earlier described
reasons, I got a tip for a show „Always X-Forever-X Night“, about
OX-FÄNZINE 128
A LIFE ON STAGE
W _ _ _ _
CARBURETORS
02.04.07 Köln, Stereo Wonderland
Da geht man montagabends naiv und nichts ahnend auf einen Gig
ins Stereo Wonderland und erlebt das verrückteste Konzerterleb¬
nis seines kurzen Lebens! Zwar waren an diesem Abend um halb
zehn nur 20 bis 30 Nasen in der recht kleinen Kneipe, doch das
war kein Grund für die CARBURETORS, fünf Rocker aus Norwegen,
nicht tüchtig Gas zu geben. Ohne lästige Vorband ging es direkt mit
„Rock and roll forever“ vom großartigen Album „Loud Enough To
Raise The Dead“ los. Und der Song war nicht nur Opener, sondern
auch Motto des Abends. Die fünf, allesamt im schmalzigsten Grea-
ser-Look, mit Pomade im Haar, gehüllt in schwarze Lederjacken, sa¬
hen zwar aus wie JohnTravolta, klangen aber eher wie AC/DC, ROSE
TATTOO, MOTÖRHEAD und TURBONEGRO auf Speed. Sänger Ed¬
die Guz und seine Mannen waren gut aufgelegt und nahmen die
ganze Situation des reservierten und spärlichen Publikums mit Hu¬
mor und versprühten gute Laune und coole Sprüche. Stian Krough
entpuppte sich als super Leadgitarrist, der Heavy Metal-Frickeleien
genauso beherrscht wie Rock and Roll-Licks ä la Chuck Berry. Der
größte Blickfang war aber Zweitgitarrist Kai Kidd, der breitbeinig
mit seiner Klampfe über die Theke stiefelte, durch den ganzen Laden
lief oder sich zwischen den Liedern gerne einmal neben zwei Girls
auf die Couch gepflanzt und geflirtet hat. Auch der Handvoll Leu¬
te, die den Gig lieber durch das Fenster bestaunt haben (weil 4 Euro
Eintritt zu teuer wären ... Ignoranten!), bot er etwas fürs Auge, in¬
dem er sich auf die Fensterbank stellte und weiter auf seine Strom¬
gitarre eindrosch. Kultiger geht’s nimmer! Wider Erwarten wuchs
der Crew vom Wonderland kein Hörnchen, man zeigte sich in Fei¬
erlaune, spendierte der Band eine Runde Jägermeister, welche wie¬
derum Publikum und Mitarbeiter mit Whiskey abfüllte. „Wenn ihr
noch eine Zugabe wollt, dann flüstert einfach ,Yes!“‘, forderte uns
Guz auf. Gerne doch! Diese endete damit, dass zwei 16-Jährige, ein
anderer Mann und ich auf die Bühne befohlen wurden und „God-
damn, it’s good to be right“ ins Mikro schrien. Zwar gab es keinen
Mofafahrer im Publikum, der Burnouts auf die Fliesen hinlegt, wie
mir der Tourbegleiter Andre vom Gig am Vorabend berichtete, aber
trotzdem war es ein total bekloppter Gig, der mir vor allem wegen
der Wohnzimmeratmosphäre und des verrückten Haufens aus Oslo
noch lange im Gedächtnis bleiben wird! Arndt Aldenhoven
TRANS AM, LOVE OF DIAGRAMS
UND ÜBERFLÜSSIGER DEUTSCHER SCHMOCK
14.03.07 Berlin, „Intro Intim“ im Maria am Ufer
„Intro Intim“ wartet mit einer komischen Zusammenstellung auf,
aber um TRANS AM zu sehen, nehme ich das auf mich. Die ers¬
te Band, LOVE OF DIAGRAMS aus Australien, ist recht gut, sie hät¬
ten auf jeden Fall das Potenzial, die Lücke, die SLEATER-KINNEY in
der Indie-Welt hinterlassen haben, zu schließen, wenn dafür auch
eindeutig noch ein wenig Abwechslung fehlt. Die sirrende, echo-
lastige Gitarre erinnert sehr an INTERPOL und der Gesang gefällt
mir ausgesprochen gut, ich bin auf jeden Fall gespannt auf die
von Bob Weston produzierte Platte. Danach wird es erst Mal rich¬
tig schlimm, was halten TRANS AM wohl von dieser Veranstaltung?
KARPATENHUND klingen wie eine Schülerband und machen Mu¬
sik, die ihren Eltern bestimmt gefällt, jetzt brauchen die wenigs¬
tens kein Radio mehr zu hören, sondern können die Weichspülmu¬
sik ihrer Kinder auflegen. Was soll das? Ich würde gerne MIA oder
WIR SIND HELDEN die Schuld an so was geben, aber verglichen mit
dem, was KARPATENHUND abliefern, sind die großartig. Falls der
Bandname der gleichnamigen „Drei ???“-Folge entlehnt ist, wäre
das endlich mal ein Beweis, was für ein reaktionärer Schmock auf
deren Mist wächst, aber ich will hier keine Verschwörungstheori¬
en spinnen ... POLARKREIS 18 sind enttäuschend und langweilig,
der ebenso langweilige Großteil des Publikums ist wohl wegen ih¬
nen da und bleibt zum Glück nicht bis TRANS AM. Als in der Um¬
baupause noch einmal POLARKREIS 18 aus der Konserve gespielt
wird, merke ich, dass sie auf Platte viel besser sind', obwohl sie live
nichts großartig anders machen, aber irgendwie zündet es da nicht
so recht. Sie sehen auch einfach zu sehr aus wie Bubis von der Mu¬
sikschule, und über den Bandnamen könnte ich mich sowieso stun¬
denlang aufregen! Dann, endlich, irgendwann nach zwölf, begin¬
nen TRANS AM, wirken zu zwei Dritteln zwar unsäglich schlecht ge¬
launt - kein Wunder, bei den Vörbands - zu einem Drittel dafür ge¬
radezu überschwänglich. Die Show ist fantastisch, nach einigen ty¬
pischen Chicago-Noiserock-Krachern, die die ganze gewaltige Ener¬
gie und Spielfreude dieser Band vermitteln, spielen sie größtenteils
Synthie-Nummern, die einmal mehr ihre große Affinität zu KRAFT¬
WERK beweisen, aber in der Version von TRANS AM werden daraus
unbeschreiblich originelle Disco-Wave-Rock-wasauchimmer-Num-
mern, die einfach nur Spaß machen. Leider ist der Auftritt letztend¬
lich zu kurz, und weniger (also die zweite und dritte Band einfach
wegzulassen!) wäre für mich eindeutig mehr gewesen!
Der Anti-Chris
BEATALLICA, DOKTOR ROCK
03.05.07 Köln, Prime Club
METALLICA sind mittlerweile ziemlich doof und die BEATLES sind
tot, zumindest teilweise. Deswegen gibt es nur einen Ausweg und
dieser heißt BEATALLICA. Die vier Amis stellen die perfekte Sym¬
biose dar aus oben genannten Bands, aus Pop und Metal und Me¬
lodie und Härte. Das Beeindruckende ist, wie Jaymz Lennfield, Grg
Hammettson, Kliff McBurtney und Ringo Larz es schaffen, in ih¬
ren Songs die eigentlich gegensätzliche Musik zu verschmelzen und
dabei Markenzeichen, Riffs und Hooklines beider Bands in Ein¬
klang zu bringen. Das Resultat sind höchst unterhaltsame, manch¬
mal recht punkige Songs wie „Blackened the USSR“, „The thing that
should not let it be“, „Leper Madonna“.and justice for all my
loving“ oder „Sgt. Hetfield’s Motorbreath pub band“, bei denen die
Titel ebenso wie die Pseudonyme wohl für sich sprechen. Dazu gibt
es exklusiv vier neue Lieder vom Album, das Ende Juni erscheinen
wird. Eins davon ist an METALLICAs Instrumental „The call of Ktu-
lu“ angelehnt. Der obligatorische Hammett-Gitarrensolo-Spot wird
ebenso wie das Basssolo „Anesthesia (Pulling teeth)“ von Cliff Bur¬
ton (RIP) aufs Korn genommen. Das aber mit Respekt und viel Lie¬
be zum Detail. Die Band zeigt sich spielfreudig, scherzt herum und
spielt willig vier Zugaben für die vielleicht fünfzig Nasen, die heute
Abend anwesend sind. Diese danken es den vier in „Sgt. Pepper“-ar¬
tige Roben gehüllten Musikern mit regem Headbangen und Tanzen,
ganz im Sinne der Twist & MoshTour.
Als Vorband gab es mit DOKTOR ROCK ein Gitarre-Schlagzeug-Duo
aus Hamburg, das schön rockigen Garage-Rock spielt, der mich ein
wenig an die EAGLES OF DEATH METAL erinnert. Die zwei Ham¬
burger, verhüllt in Kittel, Mundschutz und Haube, schaffen es er¬
staunlich gut, in knapp ,2 5 Minuten extrem viele Songs zu packen.
Das spärliche Publikum will aber anscheinend nur BEATALLICA se¬
hen, weswegen nicht mehr als Höflichkeitsapplaus zu erwarten war.
Schade eigentlich. Arndt Aldenhoven
CURSIVE, ZAK MC KRAKEN
& THE EGOSHOOTERS
10.03.07 Magdeburg, Projekt 7
CURSIVE, ÖLAFUR ARNALDS
11.03.07 Berlin, Lido
CURSIVE auf Deutschlandtour soll man ja nicht verpassen und die
Gelegenheit war günstig sie im direkten Vergleich mit sich selbst in
Magdeburg und Berlin zu erleben. Das P7 in Magdeburg war mit
knapp 200 Leuten proper gefüllt und als Support waren die Lokal¬
helden von ZAK MC KRAKEN & THE EGOSHOOTERS am Start. Es
sollte eigentlich deren Record-Release-Party werden, aber die Plat¬
te kam anscheinend nicht rechtzeitig aus dem Presswerk und so war
bei den Jungs wohl Frustsaufen angesagt. Anders ist die indiskutab¬
le Leistung auf der Bühne wohl nicht zu erklären. Selten habe ich
in letzter Zeit Musiker mit schlechterer Laune gesehen. Was nützt
es einer Band schließlich, wenn sie aus fünf tollen Musikern be¬
steht, aber keine geschlossene Mannschaftsleistung auf die Bühne
bringt. Ja ja, die Musik heißt hier Emo, aber muss Emotion immer
selbstverliebt und traurig sein? Ein Sänger, der losgelöst von sei¬
ner Band in permanenter Kopfstimme schwebt, und Bandkollegen,
die sich nur noch den Rücken zudrehen. Nee, Jungs, das könnt ihr
doch wohl besser.
Dann CURSIVE, die auf dieser Tour mit neuem Schlagzeuger unter-
THE DAMNED *THE BOYS
DIE LOKALMATADORE * POISONIDEA
DIE WALTER ELF * VOLXSTURM
THE ADVERTS PLAYED BY TV SMITH 8 THE BORED TEENAGERS
LOS FASTIDIOS*EL BOSSO 8 DIE PING PONGS
THE BOONARAAASÜ! * ALPHA BOY SCHOOL
REZUREX* FRANTIC FLINTSTONES * SÜZY 8 LOS QUAHRO
ZOMBIE GHOST TRAIN* THE BRIGGS* THE GRIT* IIP TO VEGAS
STAGE BOTTLES * DEAN DIRG* EASTSIDE BOYS»SHEME-TROUBLE
SUPERNICHTS - 0UTL4W - THE CRIMSON GHOSTS
SPERRZONE★ THE
THE SHOEMAKERS * THE EGYPT1AN GAY LOVERS
STRONGBOW* AGENT KRÜGER * DIE HABERZETTLS
Fesüvallickel: VI 30,-Euio inkl. Camping 8 Parken i- w,
OToMiE41=ä?l!illioia3
EASTPAK
II
OX-FANZINE 129
LIFE ON STAGE
ZSK, NOT NOW NOT EVER, KLEINSTADTHELDEN
23.03.07 Lübeck, Rider’s Cafe
ZSK lösen sich auf. Unglaublich, aber wahr. Da muss man doch was
machen. Richtig, und zwar sich ins Auto setzen und zu einem der
Gigs ihrer Abschiedstour fahren. Die Wahl fiel auf Lübeck und das
Rider’s Cafe, das ein netter Club mit Galerie für das ältere Publi¬
kum ist und an diesem Abend mit circa 300 Menschen fast aus¬
verkauft gewesen sein dürfte. Den Start machten die KLEINSTADT¬
HELDEN aus Osterholz-Scharmbeck bei Bremen. Die nennen ihre
Musik Emo-Punk, haben aber mit Punk so wirklich gar nichts zu
tun. Es gab eher moderne, melodische deutsche Rockmusik zu hö¬
ren, die eine gewisse Radiokompatibilität nicht verbergen kann und
will. Aber trotzdem konnte man sich dem Charme der vier jugend¬
lichen Nachwuchsmusiker nicht wirklich entziehen und es kam so¬
gar richtig gute Stimmung im Saal auf Gut gemacht, Jungs. Von de¬
nen wird man wohl in Zukunft noch einiges hören.
Danach Ring frei zur Mosh-Sportstunde mit NOT NOW NOT EVER.
Hier wurde bester Hochleistungssport und eine sehr gute Perfor¬
mance im Synchronspringen und Seitwärtsmoshen geboten. Nur
leider geht Spontaneität halt anders und Adidas- und Nike-Uni-
formklamotten haben bei Punk wohl auch nichts verloren. Die
Musik war moshender Vollindiefresse-Hardcore, der beim Volk so¬
gar erstaunlich gut ankam. Im Ohr blieb allerdings nur der „Rodeo
clown“ von LIFETIME, und das sagt wohl alles.
Die ZSK-Schlachtrufe wurden immer lauter und entluden sich erst
in frenetischem Jubel, als Joshi und Co. nach kurzer Umbaupause
die Bühne stürmten. Meine Herren, was für ein Empfang und das
von einem Publikum, dessen Altersdurchschnitt wohl eher unter 20
Jahren lag. Erstaunlich, aber da hat die Tour mit den TOTEN HO¬
SEN wohl Einiges dazu beigetragen. Der jüngste Stagediver war tat¬
sächlich ganze 11 Jahre alt und bekam von der Band auf der Bühne
ein Shirt überreicht. ZSK waren jedenfalls in grandioser Form und
haben sichtlich jede Minute ihres vorletzten Konzertes ever genos¬
sen. So sieht wahre Spielfreude aus und mit einem Entertainer wie
Hochsprungweltmeister Joshi kann ja auch nichts anbrennen. Ich
glaube, sie haben auch so ziemlich alle Songs gespielt, die sie so
spielen können, und sich und den Fans eine fantastische Reise durch
die letzten zehn Jahre bereitet. ZSK lösen sich auf. Ob sie diese Ent¬
scheidung mittlerweile bereut haben? Christoph Lampert
wegs sind, deshalb nur vierzehn Stücke spielen konnten. Aber die
hatten es in sich. In bester Spiellaune genossen Tim Kasher & Co.
sichtlich den direkten Kontakt zum Publikum im P7 und rockten,
was das Zeug hielt. Zu Beginn gab’s gleich „Dorothy at forty“ und
dann folgten alle Kracher der aktuellen LP plus einige wenige alte
Hits. Nach einer knappen Stunde war dann Schluss und CURSIVE
konnten offensichtlich wirklich keine weiteren Songs spielen.
Im Berliner Lido waren tags darauf zwar mindestens 100 Leute
mehr anwesend, aber die konnten die tolle Stimmung in Magde¬
burg nicht toppen. Vorprogramm war hier Olafur Arnalds aus Is¬
land, der sich mit seinem begleitenden Streichquartett der sehr ru¬
higen, sehr langsamen klassischen Komposition verschrieben hat.
Das Publikum verfolgte die Darbietung durchgehend am Boden sit¬
zend, aber mit großem Applaus und erzwang sogar eine Zugabe.
Man sollte den Booker im Lido für diese Zusammenstellung eigent¬
lich steinigen, aber interessanterweise ist Ölafur „Öli“ Arnalds in
seinem zweiten Leben als Schlagzeuger der isländischen Hardcore-
Combo FIGHTING SHIT tätig und diese Verknüpfung macht die Sa¬
che interessant. Checkt beide MySpace-Seiten und ihr wisst, was ich
meine. Unglaublich, der Bursche. CURSIVE starteten dann etwas re¬
servierter als am Vortag, waren aber gut genug, um das Publikum
schnell auf ihre Seite zu ziehen. Es ist schon klasse, welche Energie
die fünf Herren aus ihrer Musik ziehen und dann auf der Bühne ver¬
strömen. So sehen gelebte Emotionen aus. Da würden die Hemden
ordentlich durchgeschwitzt, auch ohne immer das Gaspedal durch¬
treten zu müssen. Einfach bester purer Rock aus dem Hause Sadd-
le Creek. Die Songlist zwar komplett umgestellt, aber natürlich die¬
selben vierzehn Songs im Programm. Schade, aber nicht zu ändern.
„Dorothy“ diesmal als Rausschmeißer und am Ende ein verdienter
Sieg nach Punkten für Magdeburg. Christoph Lampert
EIN HAMBURGER IN MÜNCHEN
Beruflich hat es mich im April für eine Woche von Hamburg nach
München verschlagen. Alleine in sterilen Business-Hotels die Aben¬
de verbringen, war noch nie mein Ding, also stürzte ich mich mun¬
ter ins Münchner Nachtleben, was sich ja doch in vielen Momenten
vom Hamburger unterscheidet. Aber lustig war es allemal...
10.04.07 SUPERSUCKERS, JETSAIDREADY,
Kultfabrik Metropolis
Eddie Spaghetti und seine Mannen diesmal mit vollem Rockpro¬
gramm, Akustik-Country-Geschichten blieben zu Hause. Der Sup¬
port JETSAIDREADY lieferte ein solides, wenn auch etwas hausba¬
ckenes Rock-Set ab. Allerdings stieß das devote Auftreten des Sängers
(„Danke, dass wir hier spielen dürfen“) an diesem Abend eher ne¬
gativ auf. Die SUPERSUCKERS machten es danach besser („We are
the greatest rock’n’roll band in the world“). Understatement, geh
kacken. Ein perfektes Konzert der Band mit dem Highlight „Born
with a tale“ zum krönenden Abschluss. So treten wahre Könner auf.
Das Münchner Publikum zuerst noch reserviert, taute im Laufe der
Show auch immer mehr auf und wollte die Band am Ende gar nicht
mehr gehen lassen. Am Merchandise-Stand durfte Eddie Spaghetti
dann auch reichlich Autogramme schreiben. Ein negativer Nachge¬
schmack blieb trotzdem.
11.04.07 Bayern München - AC Mailand, Allianz Arena
An diesem Abend ging es zum Fußball. Champions-League-Vier-
telfinale zwischen Bayern München und AC Mailand. Auf dem Weg
zum Stadion gab es nicht ein Bier irgendwo zu kaufen. Auch trank
niemand der Zuschauer mal ein Bier, nirgendwo lag Leergut her¬
um, stattdessen überall berittene Polizei. Sportplatzspaß sieht anders
aus als das, was man beim Besuch der Allianz Arena erlebt. Drinnen
dann dasselbe Bild. Nur alkoholfreies Bier, das man nur mit vorher
zu erstehenden Geldkarten kaufen kann. Zur Strafe verloren die Bay¬
ern 0:2 und schieden somit aus dem Wettbewerb aus. Die Mailän¬
der Ultras im Block über uns freute es und so ließen sie auch mäch¬
tig die Sau raus.
13.04.07 LOS BANDITOS, BRAINEATERS, Monofaktur
Mit dem wirklich guten neuem Album „Beat Odyssee“ im Gepäck
bereisten die LOS BANDITOS die Republik und machten auch in
München Halt. Die Monofaktur lockte neben dem musikalischen
Programm auch mit Sonderpreisen für Jägermeister das Publikum.
Das war nicht in Massen, aber doch ausreichend erschienen. Die ers¬
te Band des Abends hatte ich leider verpasst, beim Eintreffen standen
bereits die französischen BRAINEATERS auf der Bühne. Der Sänger
zog sich bis auf die Unterhose aus und legte eine coole Iggy Pop¬
mäßige Bühnenshow hin. Die Band spielte dazu kernigen Garagen¬
punk der gut in Ohr und Bein ging. Danach zeigten die LOS BAN¬
DITOS, warum sie zur Speerspitze der deutschen Instrumentalsze¬
ne zählen. Äußerst versiert und abwechslungsreich bedienten sich
die vier bei Surf-, Beat-, Rock- und Soundtrack-Elementen und ver¬
mengten diese zu ihrem ganz eigenen Sound. Das war großes Thea¬
ter, auch wenn die Zuschauer an diesem Abend doch äußerst reser¬
viert blieben — trotz des billigen Jägermeisters.
15.04.07 NEVADA TAN, Backstage
Morgens beim Frühstück im Hotel lernte ich zwei Jungs kennen, die
zur Band NEVADA TAN gehörten. Sie erzählten mir, dass sie abends
im Backstage auftreten und mich gerne auf die Gästeliste setzen
würden. Später im Büro las in der Young BamS einen Artikel über
die Band, in dem diese als die „neuen TOKIO HOTEL“ angeprie¬
sen wurden. So ein Teenie-Konzert könnte ja ein großer Spaß wer¬
den, dachte ich mir und fuhr pünktlich um halb acht zum Backsta¬
ge. Dort war ich zuerst sehr enttäuscht, dass außer der befürchteten
Münchner Szene-Journaille insgesamt doch recht wenig Publikum
anwesend war. Doch die rund 200 Kids machten mächtig Alarm.
Vom ersten Stück an wurde gekreischt, was das Zeug hält. Und die
Band selber? Der DJ an den Turntables trug das ganze Konzert über
eine schicke Hasskappe, der Rest sah aus, wie man sich eine Boy¬
group so vorstellt. Die Musik? Deutschrock mit HipHop. So was von
harmlos, dass man auch mit viel Wohlwollen noch nicht mal von
nett sprechen kann. Später spielten in der Nachbarhalle des Backsta¬
ge noch NAPALM DEAJH. Schade, dass die Tickets dafür nicht auch
noch galten. Da hätten die Kids echt was lernen können.
Abel Gebhardt
MAXIMO PARK, PANDA
10.04.07 Berlin, Lido
... und wir wollten vorher noch Wetten abschließen, ob und — wenn
ja, wie viele - kreischende Teenager wohl bei MAXIMO PARK vor
der Bühne stehen würden. Nur soviel vorweg: es waren ihrer nicht
wenige. Doch vorher langweilten noch die Berliner Lokalmatado-
re von PANDA. Eine total nervende Berliner Göre am Mikrofon, die
mit ihrem kreischenden Piepsgesang eine ernste Gefahr für mei¬
ne Plomben darstellte, und drei Jungs um sie herum, die sich lei¬
der nicht wesentlich von der Stelle bewegten. Zugegeben, der Ber¬
liner Akzent konnte einen schon manches Mal zum Grinsen brin¬
gen, und auch der Drummer wusste zu überzeugen, aber unterm
Strich war die mannschaftliche Gesamtleistung eher durchschnitt¬
lich. Dann Licht aus und in den ersten Reihen des voll besetzten Ber¬
liner Lidos brach die kollektive Massenhysterie aus. Ich persönlich
habe ja noch nie ein Konzert mit 95 Prozent Mädchenquote direkt
vor der Bühne gesehen, aber so ähnlich muss es wohl auch bei je¬
der Boygroup zugehen.
Umso überraschender dann der Gig von MAXIMO PARK. In bes¬
ter Spiellaune rotzten die Briten einen Hit nach dem anderen raus
und präsentierten sich in großer Form. Ich bin kein Fan ihrer Al¬
ben und kann den Hype nicht wirklich verstehen, aber live war das
schon große Klasse. Sänger Paul Smith gönnte sich keine Sekunde
Pause und sprang wie ein aufgezogener Brummkreisel von einer
Bühnenseite zur anderen. Ich denke, der hat seinen Bowler an der
Frisur festgeklebt, denn anders kann das Teil bei diesen Energieaus¬
brüchen auf dem Kopf eigentlich nicht halten. Keyboarder und Gi¬
tarrist taten ihr Bestes, um da mitzuhalten - und einzig die Rhyth¬
mussektion blieb ein wenig zurückhaltender. Wären nur die vergos¬
senen Schweißmengen der Maßstab, dann hätte dies auch eine gro߬
artige Punkshow sein können. Es gab dann auch alle Songs der bei¬
den Alben zu hören und nach 90 Minuten Feuerwerk war der Spaß
zu Ende. MAXIMO PARK live? Gerne wieder und wenn schon Pop¬
musik, dann bitte so energisch vorgetragen wie hier.
Christoph Lampert
M.O.T.O., SCIENTISTS
19.04.07 Freiburg, Walfisch
„Two, four, six, eight“, kommen die ersten Worte, aus dem Mikro
von Paul Caporino. Und los geht’s mit Garagen-Punkrock’n’Roll-Di-
amanten aus 26 Jahren MASTER OFTHE OBVIOUS. Das erste Stück
„2, 4, 6, 8“ von der neuesten Platte „Raw Power“ macht den An¬
fang, gefolgt von Titeln wie „Chocking on your own vomit“, „I hate
my fucking job“, und der neuen genialen P.trash-Single „Climbing
up the Eiffel Tower“. Ungeschliffen, poppig, punkig und mit viel
Spaß geht es bei „We are the rats“ und „I’m not giving up un-
til you mind“ richtig gut ab. Paul wird noch eine ganze Weile sei¬
ne Songs mit „One, two and go now“ ansagen, bevor es irgend¬
wann zu viel wird.
Nach kurzer Umbaupause geht es ohne viel Klimbim weiter. Mit
dem ersten Ton von „Swampland“ sind THE SCIENTISTS in klassi¬
scher Besetzung - Leanne Cowie ersetzt seit 1993 Brett Rixon an
/JOACHIMS KLEINE KONZERTKOLUMNE
29.03.07, GANG GREEN Bochum, Zwischenfall: Bei der letzten Tour vor Jahren war es echt leer,
diesmal der Zfall so voll wie in den Neunzigern, das Publikum entweder ganz alt oder ganz jung. Die
Bostoner in Höchstform, fein!
30.03.07, Sunny Bastards-Festival, Mülheim/Ruhr, Jetleck: Es spielten auf: EMSCHERKUR-
VE77, 4 PROMILLE, BOWER BOYS, URBAN REJECTS, DOWN THE DRAIN und WIENS NO.l Das Publi¬
kum: Punks und Skins united, Oi! Oi! Oi! Lustig: Der schwule Saunaclub im Kellergeschoss des Clubs.
31.03.07, MDC, Düsseldorf, AK: Die perfekte Band für einen entspannten Abend in Düsseldorf bes¬
ter „Location“ für Konzerte. Billiges Bier ohne Ende, viele alte Bekannte, Lehrer treffen ihre Schüler, und
Dave Dictor und Co. heizen das AK auf, bis das Wasser von der Decke tropft.
03.04.07 SHINS, Köln, LMH: Furchtbare Vorband, Name vergessen. Dann die mächtigen SHINS, und
die waren himmlisch gut, der'Saal sowohl bei den alten wie den neuen Songs ergriffen.
12.04.07 ASTA KASK, Köln, Sonic Ballroom: Die Schweden hatte ich in den letzten Jahren im¬
mer verpasst, jetzt bliesen sie Usclü und mich völlig weg, so druckvoll und mitreißend spielten sie ihre
Hits.
19.04.07 THE CHURCH, Krefeld, Fabrik: Die Australier stoßen auf ein Publikum, das sie auch
vor 20 Jahren schon gesehen hat. Gut sind die straighteren, etwas zäh die psychedelischen Songs. Trotz¬
dem: Schön!
20./21.04.07 Roadburn-Festival, NL-Tilburg, 013: Die Redaktion im kuschligen Mini-Bunga¬
low im Freizeitpark, Alkohol schon am Nachmittag - Tilburg, war kommen! Im besten Rock-Club der
Welt (kein Scherz!) ein perfekt organisiertes Festival für Leute, die gerne schwarz tragen. Highlights:
ON TRIAL, BLUE CHEER, BIG BUSINESS und die mächtigen MELVINS in unfassbarem Dolby Surround-
Sound. Am Samstag dann HIDDEN HAND, RED SPAROWES, PELICAN und die absolute Krönung: NEU-
ROSIS. Unfassbare Dynamik, Musik wie einen Sturmflut, hinter der Band Projektionen im Kinoformat
- wir sind hingerissen. Fazit: Bestes Festival ever, Killer-Club, kein nerviger Pöbel. Nächstes Jahr kom¬
men wir wieder!
24.04.07 PERE UBU, Essen, Zeche Carl: Keine Vorband, Anfang verpasst, aber nicht „Sonic re-
ducer“.Yeah! David Thomas zweifelt an seinem Verstand, als er plötzlich zwei Flachmänner in der Hand
hält. Einer aus dem Publikum gesteht-schließlich.
28.04.07 Fiendforce-Festival, Solingen, Cobra: Es ist heiß, die Schminke verläuft, doch ansons
ten passt alles bei der Sitzung des Karnevals Vereins Ghoultown. DEEP EYNDE, SHADOW REICHENSTEIN
und Co. spielen auf, ca. 666 Besucher.
05.05.07 NOMEANSNO, Mülheim/Ruhr, AZ: Alte Männer groß in Form. „The river“ reißt mich
mit. Nicht schön: der halbnackte RobWright bei der Zugabe.
10.05.07 SHOCKS, Düsseldorf, AK: Musikalisch eine exzellente Band, nur leider auch genauso
gute Shoegazer. Stimmung!
11.05.07 BOONARAAAS!!!, Düsseldorf, Pretty Vacant: Schon bei den KIDNAPPERS wird die
Sauna eröffnet, bei den Damen dann schmilzt man nicht nur vor Charme dahin ...
18.05.07 SUBHUMANS (UK), Düsseldorf, HdJ: Nietenkaiser galore vor dem HdJ, das „Bier“ ist
warm und eklig, aber,Dick Lucas und seine SUBHUMANS können alles. Traumhaft gut!
19.05.07 NO SHAME, Düsseldorf, AK: FUNERAL MARCH sind eine respektable Vorband, doch die
Finnen blasen sie imd das Publikum einfach an die Wand. Killerband!
Joachim Hiller
OX-FANZINE 130
LIFE ON STAGE
STEAKKNIFE, TEAM TYSON
14.04.07 Berlin, Schokoladen
STEAKKNIFE nach langer Zeit mal wieder aufTour, da setzt man sich
doch wohl ins Auto und fährt ein paar Meilen mehr durchs Land,
um dem Spektakel beizuwohnen. Ausgewählt wurde der sympathi¬
sche Schokoladen in Berlin, der dann - auch wie erwartet - fast aus
allen Nähten zu platzen drohte. Den Auftakt machten TEAM TYSON
aus Berlin und die machten ihren Job mehr als nur gut. Eine halbe
Stunde lang gab es Highspeed-Punk VRoll vom Feinsten zu hören,
so dass ein Support für STEAKKNIFE überhaupt nicht besser gewählt
werden konnte. Das Publikum forderte Zugabe und das Quartett gab
dann auch noch „Bloodstains“ zum Besten. Als die Band uns hin¬
terher erzählte, dass dies ihr erster Auftritt gewesen war, wollte uns
glatt die Kinnlade runterklappen. Aufpassen, da kommt sicher noch
was Großes auf uns zu.
Das letzte Lebenszeichen von STEAKKNIFE liegt schon einige Jahre
zurück, und dann legen uns die Herren um Sänger Lee Hollis mit
„Parallel Universe OfThe Dead“ ein solches Granatenalhum vor. Die
Erwartungen waren also hoch geschraubt, aber da braucht man sich
bei STEAKKNIFE keine Sorgen zu machen. Ab dem zweiten Song
setzte sich vor der Minibühne im Schokoladen eine kollektive Mas-
scntanzwoge in Bewegung, bei der Band und Publikum sichtlich
Spaß miteinander hatten. Die alten Herren spielten ein buntes Best-
Of aller vier Alben und der tobende Mob trieb sie zu immer neuen
Höchstleistungen an. Bassist Hell-G war dann schließlich auch nicht
mehr zu halten und ließ sich bei „It s my life“ - zur Verwunderung
seiner Mitstreiter - quer durch den Raum tragen. Lee war in toller
Form und wie immer einer der großen Entertainer auf den Brettern,
die den Punk bedeuten. Nur auch er musste der harten Gangart Tri¬
but zollen und so war dann nach 25 Hits und fünf Zugaben endgül¬
tig Feierabend. Auch wenn das Volk die Band nicht von der Bühne
lassen wollte, gab es keine weiteren Songs, und jetzt heißt es warten,
bis die nächste Tour STEAKKNIFE wieder in die Hauptstadt führt.
Christoph Lampert
den Drums -TonyThewlis, Boris Sujdovic, Kim Salmon im Walfisch
angekommen. Die Salmon sehe Lebensmaxime, alles einfach zu hal¬
ten, wird auch live eingehalten. Wenig Worte, wenig Drumherum,
einfach nur die Songs krachen lassen. Nörgler würden nörgeln, dass
das wortkarge souveräne Umsetzen der Songs mit gelangweilter Ab¬
zocke seitens der Band gleichzusetzen sei. Das ist bei Salmon und
Co. kompletter Bullshit, denn der Sound, in den späten 70ern ge¬
schaffen, hat in den 90ern und bis heute so viele Bands von MUD¬
HONEY und NIRVANA bis zu den DRONES inspiriert, dass die Da¬
seinsberechtigung der SCIENTISTS mindestens damit erfüllt ist. Mit
dem Band-Überhit „Swampland“ anzufangen, zeugt von Selbstbe¬
wusstsein, auf eine lange Liste an genialen Songs zurückgreifen zu
können. Lieder wie „Revhead“, „Blood red river“ und „The spin“
auf Platte zu hören, ist schon geil genug, aber zu sehen, wie sie
handwerklich gemacht werden, über trifft alles. Die Songs entste¬
hen aus dem immer selben Stoff und sind in ihren Ausartungen von
sehr langsam („Backwards man“) bis noisig („We had love“, „Clear
spot“), dazwischen bluesigere und rockigere Variationen, immer
anders. Den Sound, der Kurt Cobain genauso begeistert und inspi¬
riert hat wie Thurston Moore und Jon Spencer, in seine Einzelhei¬
ten zu zerlegen, hilft nicht beim Versuch einer Beschreibung. Einfa¬
che heftige Drums und Ein-Akkord-Bassläufe als Rhythmusgrundla¬
ge, Zwei-Akkord-Gitarrenwände drüber und fertig.
Bei genauem Hinhören ist es dann komplexer als es sich auf Papier
liest, zumal Kim Salmons Gesang markant und mitreißend ist. Wie
es sich für einen Basser gehört, bollert Boris Sujdovic in der Büh¬
nenecke, als ob ihn das alles nur am Rande was angehen würde und
er nix dafür kann. Drummerin Leanne Cowie bearbeitet die gro¬
ße Tom und die Bassdrum mit kurzen trockenen Schlägen schein¬
bar mühelos wie ein Uhrwerk und sorgt für den unnachahmlichen
Rhythmus. Mit einem Haarschnitt, der in den 60ern bei soliden Bür¬
gern den Beat-Horror ausgelöst hätte, heute auf jeder Beamtenstube
zu sehen ist, und dazu passendem roten Hemd entlockt Tony Thew-
lis seiner Gitarre nie enden wollende Verzerrungen. Neben Kleinig¬
keiten, wie die Feedback-Völldröhnung in „Backwards man“ mit
Hilfe eines gläsernen Wasserkruges an den Gitarrensaiten zu erzeu¬
gen, sorgt er mit Kim Salmon kongenial für die mehrschichtigen Gi¬
tarrenlagen. Und Kim Salmon himself? Ja, wie hat man sich so Leu¬
te vorzustellen, die seit 30 Jahren in verschiedenen Bands prägend
Musik gemacht haben? Unauffällig, schmächtig, ruhig, sorgfältig
geschnittene kurze Locken und Bärtchen, anthrazitfarbenes Hemd,
graue Hose und eine Seele voller Songs, die er auf der Bühne voll
ausschüttet. So ruhig er abseits der Bühne erzählt und sich bewegt,
so heftig entlädt er sich beim Singen der Songs. Neue Songs gibt es
keine zu bestaunen, aber der Backkatalog reicht ja erstmal. „This is
my happy hour“, nimmt man Salmon insgesamt zwar nicht ganz ab,
aber Spaß gemacht hat es trotz reduzierter Dezibel nicht nur vor der
Bühne und mit den beiden Zugaben „Murderess in a purple dress“
und „If it is the last thing I do“ geht’s zufrieden nach Hause. Nach
dem Comeback 2006 auf dem ATP-Festival und der daraus entstan¬
denen Live-CD „Sedition“ der Beweis, dass THE SCIENTISTS zurück
sind. Fragt sich nur, für wie lange. Matilda Gould
VOODOO GLOW SKULLS, DAWSON’S CRACK,
GROWN AT HOME
23.04.07 Mönchengladbach, Projekt 42
Ein schöner Abend für Ska-Freunde. Im gewölbeartigen Projekt 42
in der Mönchengladbacher Partymeile spielten als Erstes die sechs
blutjungen Londoner GROWN AT HOME, allesamt in schwarze Di-
ckies-Montur gehüllt, Skapunk zwischen MAD CADDIES und RX
BANDITS. Der Trompeter und der Saxophonist glänzten durch gute
Soli und der Sänger kam charismatisch und agil rüber. Nur der Gi¬
tarrist hatte einen schlechten Tag erwischt, technische Schwierigkei¬
ten und gerissene Saite blieben ihm nicht erspart. Der Sound war in
dieser komischen Gruft leider auch nicht wirklich bombig, da vor
allem das Schlagzeug penetrant nachhallte.
Danach enterte eine Band die Bühne, die an Witz und Schönheit
nicht zu übertreffen war: DAWSON’S CRACK. Die sieben Jungs aus
der Nähe Kölns hatten mächtig Hummeln im Hintern, sprangen
und rockten sich durch ihr Set, das größtenteils aus Songs ihres De¬
bütalbums „Martial Farts“ (Großartiger Titel, warum ist da vorher
niemand darauf gekommen?) bestand. Vor allem der dicke Gitarrist
gab mächtig Gas und der nicht minder dünne Sänger J-Cock (ja, ja
...) zeigte sich humorvoll und lachte die einheimischen Fans da¬
für aus, dass sie sich sogar den fünfzigsten Gig seiner Gruppe ansa¬
hen. Dabei war die Mischung aus LESS THAN JAKE, MAD CADDIES
und BLINK 182-Spaßpunk sehr unterhaltsam. Am Ende spendierte
Mr. Cock dem Publikum, das an diesem Abend leider etwas spärlich
angereist war, noch eine Runde Ekelporno-DVDs. Höchstens hun¬
dert Mann ließen sich an diesen warmen Frühsommerabend mit be¬
scheuerter Ska-Musik zulüllen.
Für die sympathischen Chaoten VOODOO GLOW SKULLS, die man
vor dem Konzert gemütlich vorm Club beim Skaten antraf, stellte
das keine Demotivation dar. Die Band um Sänger Frank „Kartoffel¬
kopf ‘ Casillas und seine zwei Brüder ließ sich nichts anmerken. Mit
Wrestlermaske und „Human pinata“ eröffneten die sechs gleich mit
Vollgas das anderthalbstündige Set. Und siehe da: Das anfangs zu¬
rückhaltende Publikum zeigte nun richtigen Enthusiasmus. Die feh¬
lende Trompete fiel nicht sonderlich ins Gewicht. Hits der Marke
„Delinquent song“, „Bulletproof’ oder „Baile de los locos“ fehlten
nicht und machten klar, dass man auch noch nach mehr als 15 Jah¬
ren Bandgeschichte das Maß in Sachen ultrabrutalem Skacore dar¬
stellt. Zudem gab es CDs für 10 und T-Shirts für 12 Euro, was ein
mehr als fairer Preis ist. So muss das sein! Arndt Aldenhoven
TRENCHER, SCOTCH EGG
04.04.07 Wien, Fluc
Ein Verrückter, der mit einem Gameboy musiziert und eine HC-
Band, die mit Synthie anstatt des üblichen Gitarrenbreis anrückt:
Zwei gute Gründe aus England, sich die Nacht um die Ohren zu
schlagen. Kurz nach Mitternacht serviert SCOTCH EGG einem
Gameboy entlockte, piepsig-fiepsige Melodien über ultraschnel¬
le, hammerharte Beats. Dazu verzerrteste Vöcals, nette Breaks so¬
wie arhythmischer, vertrackter Krach von der Festplatte. Ein beein¬
druckender Anblick, wie dieser kleine Mann das Noise-Inferno per
Taschenspielkonsole steuert & ordentlich abrockt. Danach das Trio
TRENCHER mit kurzen, schnelle Songs derThreeOneG-Schule: Mu¬
sik, die herausfordert, polarisiert und - nomen est omen - Gräben
zieht. Tiefe, derb verzerrte Bassklänge wühlen in der Magengegend
herum, während der Mann am Casio diesem kleinen Gerät Klänge
entlockt, die sich durch alle Gehirnwindungen fräsen und jede Sy¬
napse einzeln zum Glühen bringen. Mit einem wunderbaren Ver¬
ständnis für Struktur verpacken sie die Songs in ein herrliches, ge¬
schickt vertracktes Chaos. Des Öfteren fühlte ich mich an PG99 er¬
innert; ich glaube die hätten so geklungen, wenn sie mit Synthesi¬
zer anstatt Gitarren gespielt hätten. Sehr gut gemacht, das Ganze!
Hardcore, Grindcore, surreal organisiertes Chaos, Post-Irgendwas:
Eine Verhöhnung nicht nur der existierenden Rockmusiklandschaft,
sondern auch unserer banalen Welt. Eine Grenzerfahrung.
Konstantin Hanke
MONSTERS, MAD MULLAHS
09.03.07 Köln, Tsunami Club
Erstaunlich früh wache ich auf am nächsten Morgen, was vor allem
daran liegt, wie ich mich fühle. Nicht das in großzügigen Schlucken
genossene Bier ist schuld, welches ich dank meines Kollegen Cars¬
ten sogar noch über meine finanzielle Grenze hinaus weiter trinken
durfte. Auch nicht die ungefähr vier normalen Zigaretten ohne ir¬
gendwelche Stimulanzien darin, die ich, obwohl Nichtraucher, in¬
haliert hatte. Kein Kater, alles im grünen Bereich! Nur leider fühle
ich mich wie der wichtigste Teilnehmer einer üblen Acht-gegen-ei-
nen-Keilerei. Derjenige, den die anderen brauchten, um ordentlich
auf ihre Kosten zu kommen. Ist es denn wirklich notwendig, sich als
alter Mann, der stramm auf die 40 zu rennt, bei einer Band wie THE
MONSTERS Zweidrittel des Konzertes durch die ersten dmi Reihen
schubsen zu lassen? Dass ich nicht umgefallen bin, lag daran, dass in
dem Gewühle und Exessivpogostakkatoslam kein Zentimeter Platz
gewesen wäre, um hinzufliegen. Wer fallt, wird nicht mehr auftau¬
chen, soviel war mir klar.
Ja! Ja, es ist notwendig, denn die Schweizer Band um den Beat-Man
entfacht im restlos ausverkauften Tsunami Club einen ebensolchen.
Alle geben sich vollkommener Ekstase hin, egal, ob auf oder vor der
Bühne. Der Schweiß tropft von der viel zu niedrigen Decke und die
armen Roadies haben alle nur erdenkliche Mühe, die beiden Stand¬
boxen in ihrer Position zu halten. Mag' sein, dass s 'm Mob liegt,
der permanent dagegen knallt, mag aber genauso gut sein, dass die¬
ses Inferno, welches aus den Boxen donnert, dafür verantwortlich
ist. Das Gesamtwerk der Veröffentlichungen auf Voodoo Records
kann ja schon für sich beanspruchen, zu dem Besten unserer Zeit
zu gehören. Doch als ob das nicht genug wäre, hat schon im letzten
Jahr auf meiner persönlichen Liste der besten Konzerte eine Band
dieses Labels den Sieg einfahren können. Im Mai diesen Jahres wird
es nun eng für ZENO TORNADO & THE BONEY GOOGLE BROT¬
HERS, ihren Platz zu behaupten, die Latte wurde vom Boss an die¬
sem denkwürdigen Abend bereits sehr hoch gehängt.
Wer aufmerksam die Überschrift gelesen hat, dem ist aufgefallen,
dass im Vorprogramm noch die Kölner MAD MULLAHS auf den
Brettern standen. Da die Räumlichkeiten des Tsnumai Clubs keine
Sicht auf die Bühne zulassen, sofern man nicht in vorderster Reihe
mitkämpft, musste man mindestens 2,10 sein, um vom Geschehen
etwas mitzubekommen. Zumindest dann, wenn man sich noch im
hinteren Teil des Ladens dem Gespräch und dem Bier widmen woll¬
te. Ich bin leider nur 1,80. Erstaunlich allerdings, dass der wagemu¬
tige Sänger das komplette MONSTERS-Konzert hindurch bei jenen
dort herrschenden Temperaturen die Perücke aufgelassen hat. Meine
Hochachtung. Claus Wittwer
KSM40, ABLÄRM,,GUILLOTINE, KLEBEBAND
31.03.07 Köln, Bauwagenplatz „Wem gehört die Welt“
Ferienanfang, ab nach Köln. Unterwegs bin ich mit Hermann und
Max von KLEBEBAND. Wir fahren mit dem Zug nach Köln, und
kaum sind wir gegen sechs Uhr abends angekommen, fange ich
auch schon an, endlos Bier in mich reinzuschütten. Zwischendurch
gehen wir in die Innenstadt, um uns schöne Asi-Unterhemden zu
kaufen, die wir noch schnell anziehen, bevor KLEBEBAND anfangen,
damit durch diese klar erkennbar ist, dass ich als Roadie zur Band
gehöre. Als es dann losgeht, trifft mich fast der Schlag. Ich wuss¬
te ja, dass Hermann mit seinen sechzehn Jahren besser Schlagzeug
spielt als ich Holzhacker, aber als die zweiköpfige Band anfängt, ihr
HC-Black Metal-Gemisch durchzuknüppeln gibt es wohl keinen im
Raum, der nicht ungläubig über das Wahnsinnstempo des singen¬
den Schlagzeugers staunt, der dabei noch brüllt und grunzt wie ein
zwei Meter großer Fleischermeister. Ich brülle auch fleißig mit, ob¬
wohl ich die Texte nicht kenne. Aber außer Max’ geschrieenen Pas¬
sagen versteht man ja sowieso nix. Übrigens fallt es vom Sound her
gar nicht auf, dass die zwei keinen Bassisten haben.
Höllenkrach, nach einer halben Stunde ist schon wieder alles vorbei,
und von GUILLOTINE kriege ich gar nichts mit, weil ich einfach viel
zu besoffen bin. Ich habe mir aber sagen lassen, die seien zwar ganz
gut gewesen, nur hätten sie zu viele politische Ansagen gemacht,
deren Aussage eigentlich für eine Punkband überflüssig, weil selbst¬
verständlich sein sollten. Als ich irgendwann aus dem Koma erwa¬
che, spielen gerade ABLÄRM und KSM40 immer abwechselnd ein
paar Lieder, und trotz dicken Nebels zwischen der Bühne und mei¬
nem Bewusstsein, befinde ich, dass der Schrei-Hardcore-Trash bei¬
der Bands schon gut abgeht. Den Leuten scheint es auch zu gefal¬
len und ein paar Mal wird sogar gepogt, was bekanntermaßen bei
solchen eher unbekannten Bands leider oft nicht der Fall ist. Später
werden Max und ich noch in ein Gespräch mit einem etwas dogma¬
tischen Veganer verwickelt, der uns nach unseren Pro-Fleisch-Aus¬
führungen ein entrüstetes „Es geht einfach um Respekt vor Leben!“
an den Kopf wirft und empört wegstampft. Der hätte uns wohl ger¬
ne verhauen, aber was soll er denn machen mit seinen Tofu-Ärm¬
chen? Insgesamt und überhaupt war es ein richtig geiles Konzert
mit allem, was dazu gehört! Tobias Weber
DYSE, MEN KILLING MEN
29.03.07 Wien, EKH
Zunächst spielen in düster-ästhetischer Kelleratmosphäre die Öster¬
reicher MEN KILLING MEN, die als Trio soliden Schrei-HC bieten.
Schöne Instrumentalpassagen und immer wieder mal nette Rhyth¬
musspielereien sorgen für etwas Abwechslung in einem sonst eher
bekannten, uninspirierten Klangraum. Der Sound ist auch scheiße,
deswegen wirkt es an einigen Stellen recht unausgegoren. Insge¬
samt aber okay. Bei DYSE passt dann irgendwie alles: Songs. Sound,
Show - alles vom Feinsten. Die zwei sympathischen Thüringer er¬
zeugen nur mit Schlagzeug und Gitarre einen unglaublich dichten,
druckvollen Sound. Hier und da lugen SHELLAC um die Ecke und
in brachialeren Momenten fühle ich mich an FLUID erinnert, aber
im Ganzen sind DYSE doch sehr eigen. Ihr Equipment haben sie so
platziert, dass sie sich direkt gegenüberstehen und diese sichtbar
gemachte Interaktion ist dann auch in ihrem Spiel deutlich zu mer¬
ken, es passt einfach alles: jeder Ton, jeder Schlag, jedes Fill, jedes zu¬
sätzlich erzeugte, scheinbar zufällige Geräusch hat seinen Platz und
seine Daseinsberechtigung. Der Drummer, der sich körperlich to¬
tal verausgabt, avanciert mit seinem extrovertiertem Spiel und Auf¬
treten eindeutig zum Frontmann der Combo. Interessant auch, dass
dem gesamten Konzert Talkshow-Gelaber unterlegt ist, was beson¬
ders in Pausen innerhalb der Songs und in ruhigeren Passagen äu¬
ßerst wirkungsvoll zur Geltung kommt. Tolles Konzept, tolle Band.
Konstantin Hanke
SMACKDOWN, TATORT TOILET, KSM40
01.05.07 Gießen, AK44
Besuch aus dem Porzer Ghetto! Da muss man sich sehen lassen. Da
dieses Konzert gewissermaßen ein Gegenbesuch von KSM40 war
(unser Besuch in Köln ist auch hier im Ox nachzulesen), war ich
wieder mit Max und Hermann unterwegs. Natürlich wieder im Asi-
Unterhemd. Es fing an mit TATORT TOILET, die mit ihren Hornbril¬
len und Sixtl .s-Frisuren wie die typischen Studenten von heute äus-
sahen und .‘igentlich genauso klangen wie die HIVES. Da wir die¬
ses nicht allzu erotisch fanden, gingen wir lieber nuchmal um die
Ecke ins Sowieso ?m Bierchen trinken. Dadurch verpassten wir lei¬
der das ers*e d von KSM40, lauschten dem Rest des Auftrittes
aber mit Vei zückung. Wenig überflüssige Ansagen, viel musikalisch
auf die Fresse. So muss das sein. Die drei Jungs haben live echt Ener¬
gie. Schöner „Posicore“ mit anständigen Texten. Zum Schluss wur¬
de sogar nur für uns drei eine Zugabe nachgelegt, da wir die Ein¬
zigen waren, die eine solche verlangten. Am Merchandising-Stand
verkaufte lustigerweise der Veganer, dessen Bekanntschaft wir schon
in Köln gemacht hatten. Der erwies sich aber als gar nicht so übel,
weshalb es mir schon wieder ein bisschen Leid tut, was ich über ihn
OX-FANZINE 131
BEffifa
THE FESTIVÄIIPVH VOL/I
FOB MOB®]
•TICK®$i
%3 + TEE BUSINESS + TOWER BLOCKS + STAGE BOTTLES + TEE VOICE + GERM ATTACKS + BLAGGERS + SOIFASS
( A 3 \\\ n T(vighi s
13.09. Franfurt a. M. Batschkapp (Gennany) 1 Saarbrücken Garage (Germansj&Jq.t
21.09. Dresden Reithalle (Germany) ! 22.09. Berlm 4 SO 36 // Popcorn Jhowease (GmnajhyMj
25.Ö9. Wien Arena (Austria) JÄ0O9. München Backsj^gg^jsennany) | 30.09 Ha?
05.10. Jena - Fhaus (Germany) j 06 Jo. EsÄ - Fpn Box AinjuieTGermany) | 07.10. Schwei
INIOS: WWW. H,K LI .ONE A RTHTO U {*. 1 WVVW.MYSFAC^pÖM/HELLONEARl H 1 OUR
wmm
17.06. Biddinghuizen - Heids 01 Rock (NU
19.06. Zürich - Hallenstation (CH) - KORN
23.06. Mannheim - Feuerwache Mannheim
2S.06. Wergei-Komma (A)
27.06 Prague-Bock Cafe (CZE)
29.06. Rot^schiora - With Full Force
30.06. Münster-Vamstreiin Festival
02.08. Frankturt a. M. - Nachtleben
03.08. Wacken - Wacken Open Air
04.08. Leisnig - Sucks n Summer
11.-12.08. Bad Berka - Party San Open Air
16.08. Dinkeibühl - Summer Breeze
26.08. München - Free and Easy
STIUJNGQM
30.06. Roitzschjora - With FuO Force
13.07. Rotterdam - Waterfront
14.07. Herk - De - Stad - Rock Herk
v 24.06. Herne - Pressure Fest
26.06. München - Backstage- MAR00N
29.06. Roitzschjora - With Full Force
22.07. Halbinsel Pouch - Back To Future Festival
26.07. Trondheim - Storasfestivalen (NOR)
03.08. Lindesberg - Augustibuller Festival (SWE)
10.08. Heilbronn - Stereo Total
15.06. Sittard - FeniK
18.06. Hamburg - Hafenklang
19.06. Marburg-KFZ
20.06. Bielefeld - Movie
21.06. Hannover - Musikzentrum
22.06. Weinheim - Cafe Central
26.06. Lindau - Club Vauderville
27.06. Augsburg - Kantine- SW0RN ENEMY
02.07. Berchtesgaden - Kuckucksnest
12.07. Köln-MTC-ZERO MENTALITY
04.08.Leisnig-Sucks n Summer
17.08. Freiburg-Cräsh
25.08. Varsselder - Huntenpop
26.08. Rotterdam - Baroeg Open Air
23.06. Herne - Pressure Festival
30.06. Roitzschjora - With Full Force
02.07. Hohenems - Event Center (AUS) - KORN
03.07. Lindau - Club Vauderville - TERROR
06.07. Saarweliingen - Rock Well Festival
07.07. Bonn-Rheinkultur
12.07. München - Backstage
14.07. Nürnberg-Z-Bau
31.08.Hamei-loch n’Roll
09.09. Münster - Skater Palace
14.09. Berlin-SO 36
MORE BANDS 0N TOUR:
FOR AU TOURDATES AND ALI RANDS WE HAVE G0 T0 WWW.MAD-T0URR00KING.DE AND CHECK THE TOURDATES SECTION!
// MAD TOl’RBOofrNG PRESENTS' - ■~<T’ A\
C C 5 HELL ON EARTH TOUR O )
■CT
FEATÜRIN&
+ ALL BANDS OF 2005
+ ALL BANDS OF 2006 **
+ TONS OF BONUS MATERIALS
+INTERVIEWS
+ MANY MORE
TICEETStBBBSKLES STARTS IN J.ULY«07,
TfESßETSic fl’-" r? f "
• jjlSiSR ijEBLY.UE
WWW. GOBETE X«BEGOR l>S. COM
RELEASE DATE
JIJLY 07
MAD T0URB00KING PR0U0LY PRESENTS
30.06. Münster - Vainstream Festival
01.07. Roitzschjora - With Full Force
02.07. Frankfurt a. M. - Nachtleben
31.08. Lichtenfels - Rock My Ass Festival
01.09. Hameln - lech N’ Roll Festival
21.09. Berlin-S036
25.09. Dresden -t. b.a.
12.10. Osnabrück - N8 // Rock n’ Roll Hell Festival
12.08. Berlin-Cassiopeia
15.08. München - Backtage
15.06. Trier - Summer Blast Fest
16.06. Arnheim - The Stage (NL)
21.06. Hannover - Musikzentrum - WALLS 0F JERICHO
24.06. Herne - Pressure Fesstlual
25.06. Freiburg-Atlantik
26.06. Schweinfurt - Alter Stadtbahnhof
27.06. Augsburg - Kantine- WALLS 0F JERICHO
30.06. Roitzschjora - With Full Force
0 Df lt §\\ Poison Iclea /flAD BIVVV.
WALLS,.
JERICHO
HTTP://WWW.MAD-T0URB00KING.DE
LIFE ON STAGE
CULT OF LUNA
17.04.07 Marburg, KFZ
Es ist bis dahin ein eigentlich echt lauer Frühlingsabend am 17.
April, als CULT OF LUNA im Marburger KFZ auf die noch finste¬
re Bühne schleichen. Einer nach dem anderen marschiert zu sei¬
nem Instrument - ohne Zeit zu verlieren, ohne sich umzuschauen.
Wer bis dato noch gezweifelt hat, dass die Jungs aus Umeä/Schwe-
den eine verflucht geradlinige Show spielen, soll nun eines Besseren
belehrt werden. Kein Wort zum Gruß, kein Blick für das Publikum.
Das wäre auch nicht angebracht, würde nur die gespannte Erwar¬
tung durchbrechen, mit der das Publikum, seit die Vorband THE AC¬
TRESS die Bühne verlassen hat, dem Main Act entgegenfiebert. Alles
ist verdammt nordisch unterkühlt, der laue Frühlingsabend draußen
scheint vergessen. Als das leise Rauschen und Klimpern des Intros
beginnt, ist kaum ein Laut im Publikum zu vernehmen. Niemand
traut sich zu sprechen, nahezu andächtig wartet man. Das Intro ist
kürzer als gedacht, höchstens drei Minuten sphärischer Klänge las¬
sen die Schweden dem High-End-Kracher „Finland“ vom neuen Al¬
bum „Somewhere Along The Highway“ vorausgehen. Der schlägt
schnell ein. Von Beginn an haben die Jungs das Publikum in der Tasche. Drei Gitarren - Erik Olofsson, Fredrik Kihlberg und Sänger Johannes
Persson - tragen Schicht für Schicht auf den Elektronikgrund von Anders Teglund, der im Hintergrund die Knöpfe dreht, auf und variieren
zwischen mahlstromartigen Stampfern und gefühlvollem Gefrickel. Die Band schwebt zwischen Minimalismus und ausuferndem Spiel. Wäh¬
rend Fredrik Kihlberg sich nur durch eine wohlmeinende Laune der Schwerkraft auf den Beinen hält, mal hierhin, mal dorthin schwankt, auf
die Knie sinkt, um nach minutenlanger Kauerstellung blitzschnell wieder nach oben zu federn, steht Bassist Andreas Johansson fast stoisch in
der Mitte der Bühne - bearbeitet mit einer Brutalität den Bass, die auch seine Fingerkuppen nicht unbeeindruckt lässt.
Am Ende der Show ist sein Instrument blutverschmiert, die Bühne vor seinen Füßen voll roter Tropfen. Sänger Persson seinerseits legt mit sei¬
nen Shouts immer wieder den Finger in die Wunde. Teils verschmilzt die Stimme mit dem Elektrogefüge im Hintergrund, teils sticht sie her¬
vor wie ein Axtschlag. Als ob er den Mond anbellt — vielleicht deswegen CULT OF LUNA? Obwohl nur zu sechst, statt wie gewohnt zu acht
- Sänger Klas Rydberg hat aus familiären Gründen nicht die Reise nach Deutschland angetreten. Percussionist Thomas Hedlund beschränkt
sich mittlerweile auf die Studioarbeit - hämmern sich die Schweden mit Magnus Lindberg an den Drums ins Gedächtnis jedes Zuhörers. Das
ist Ohrenkino von höchster Qualität, eine psychedelische Reise. Viele stehen zum Schluss mit geschlossenen Augen im Saal. Nach andert-
halbstündiger Show im mal roten, mal blauen Gegenlicht, das kaum einmal die Gesichtszüge eines der Akteure preisgibt, ist das Spektakel zu
Ende. Mit einem letzten Fiepen, einem letzten Riff bäumt sich der Sound auf, um langsam zu verebben. Die Instrumente bleiben liegen, wo
eben noch die Musiker standen. So still sie auf die Bühne geschlichen sind, so still sind sie verschwunden und lassen ihre Zuhörer mit einem
unverhohlen überwältigten Gesichtstausdruck stehen. An diesem Abend ist wohl jeder mit einem Lächeln auf dem Gesicht nach Hause ge¬
fahren. Jonas Mueller-Töwe
geschrieben habe. THE SMACKDOWN haben wir uns dann gespart
- war doch Schule am nächsten Tag und eigentlich wollten wir so¬
wieso nur KSM40 sehen. Tobias Weber
MAD CADDIES, WATERDOWN, JUPITER JONES,
THIS IS A STANDOFF
25.04.07 Münster, Skaters Palace
Juchuu, die MAD CADDIES sind wieder aufTour und spielen nach
etlichen Jahren mal wieder im Skaters Palace in Münster und or¬
dentlich Verstärkung haben sie diesmal auch mitgebracht! So geht es
um 20 Uhr los mit THIS IS A STANDOFF aus Calgary, die netten, aber
nicht besonders spektakulären, kalifornisch angehauchten Punkrock
präsentieren. Weiter geht es mit JUPITER JONES, die durch den mar¬
kigen Gesang und die deutschen Texte an Hamburger-Schule-Bands
wie ... BUT ALIVE oder auch KETTCAR erinnern.
Danach betreten die Lokalhelden WATERDOWN die Bühne, die dem
Namen ihres neuen Albums, „All Riot“ alle Ehre machen. Als Gast¬
sänger für einen Song gesellt sich Ingo von den DONOTS zu WA¬
TERDOWN auf die Bühne und es wird mit drei Sängern noch mal
richtig Remmidemmi gemacht, bevor die MAD CADDIES dran sind.
Als Selbige die Bühne betreten, brechen dann im Publikum kom¬
plett alle Dämme und die Caddies liefern, wie gewohnt, den Sound¬
track für eine großartige Party. Mit dabei sind natürlich alle Hits wie
„Monkeys“, „Drinking for 11“ und „Silence“, die die Menschen
im Skaters Palace in eine tanzende, singende und springende Mas¬
se verwandeln. Aber auch Songs des brandneuen Albums „Keep It
Going" werden vorgestellt und Ohrwürmer wie „Backyard“ und
„State of mind“ schlängeln sich angenehm relaxt in die Gehörgän¬
ge ein und vermitteln sofort ein groovend-fluffiges Sommer-Sonne-
Strand-Gefühl, bevor das Tempo mit schnelleren Skapunk-Stücken
wieder anzieht. Stagediver geben sich während der ganzen Show
auf der Bühne die Klinke in die Hand und alle sind vollkommen au¬
ßer Rand und Band.
Nachdem die Band die Bühne verlassen hat, wird dann auch vehe¬
ment „Zugabe!“ gefordert, und natürlich lassen sich die Caddies,
die wie immer eine unglaubliche Spielfreude an den Tag legen, nicht
lange bitten. So kann die Party dann mit eigenen und gecoverten
Songs (wie zum Beispiel „S.O.S.“ von ABBA) weitergehen. Als dann
nach fünf(!) Stunden, um ein Uhr, endgültig Schluss ist, verlässt
man das Skaters Palace durchgerockt, -geschwitzt und glücklich und
freut sich, diese großartige Band mal wieder live gesehen zu ha¬
ben. Nadine Maas
FU MANCHU, MONTREAL
04.05.07 Bochum, Zwischenfall (Visions-Party)
Ging ja schon gut los, der Abend ... An der Tür des eher kleinen
Clubs uniformierte Vollprofi-Security-Kanten, die einen auf Ober¬
macker gemacht haben, aber nicht mal wussten, ob es eine Garde¬
robe gibt - die es natürlich nicht gab, aber Jacke ins Auto bringen
gestaltete sich ebenfalls kompliziert, denn besagte Türsteher woll¬
ten, warum auch immer, zunächst keinen Stempel zum erneuten
Betreten des Zwischenfalls rausrücken, und dabei waren sie auch
noch äußerst rabiat und unfreundlich. Arschgeigen. Als wir schlie߬
lich um kurz nach neun Uhr (und damit für normale Konzertver¬
hältnisse noch reichlich früh) endlich im Laden waren, hatten zwei
der vier Bands (VALIENT THORR und noch wer) schon gespielt.
Warum lässt man in einem Club, der um null Uhr Schicht machen
muss, vier Bands spielen? . *
Nach dem Stress dann erstmal ein Bier abgreifen, das — oh Schreck!
- drei Euro kostete. Ohne Pfand! Nach einer elendigen Umbaupau¬
se (trotz des engen Zeitplans musste erstmal das eigene Schlagzeug
aufgebaut werden) fingen dann MONTREAL an, die ich ja eigentlich
echt gut leiden mag, aber hier war das einfach nur scheiße — denn
wegen des immer enger werdenden Zeitplans war keine Zeit für
lange Ansagen, der Sound war total auf Doom eingestellt, und die
Popmusik der Hamburger kommt mit extrem reingedrehten Bässen
und völlig dumpf gemischt einfach nur mies. Und als MONTREAL
dann auch noch für ihre zwei Handvoll angereister Teenies began¬
nen, Zugaben zu spielen, schlug die Stimmung bei den vornehmlich
anwesenden langhaarigen Rockern verständlicherweise langsam in
Aggressivität um - denn als nach erneuter Umbaupause die Haupt¬
band des Abends schließlich anfangen konnte, war es schon deutlich
nach elfUhr. So blieb FU MANCHU nichts anderes übrig, als ein lei¬
der sehr kurzes Set sehr schnell runterzuprügeln und sich am Ende
auch noch mit einem entnervt stressenden Tontechniker rumzupla¬
gen, der um Punkt zwölf anscheinend kurz davor war, einfach den
Saft abzudrehen. Also keine Zugabe der Band, wegen der wohl der
Großteil der Leute in den rappelvoll ausverkauften Laden gekom¬
men war. Ist doch Vollmist, so was. Jan EckhofF
LES CAMELEONS, PEARLINGER
30.04.07 Hagen, Pelmke
Fast imunterbrochen seit nun über zehn Jahren ist die Pelmke mein
Ziel des Vorabends zum ersten Mai und selbiger fürs Ausnüchtern
verplant. Ein Plan, mit dem ich bislang noch nie schlecht gefah¬
ren bin, und so war es auch in diesem Jahr. Zwar habe ich für Emo-
core-Gekreische nicht viel übrig, doch vor PEARLINGER muss ich
den Hut ziehen. Ich hab es fast die ganze Zeit im Raum ausgehal¬
ten und sogar ab und an gegen meinen Willen mit dem Kopf nicken
müssen. Die Cargo-Shorts und Vans tragenden Studenten im Raum
haben dementsprechend also richtig abgefeiert, was die mir zuvor
unbekannten Hagener darboten. Richtig in den Mai getanzt wurde
dann aber mit LES CAMELEONS, und dass die Franzosen sich mit
ihrem Ska-gewürzten melodischen Punkrock vom Geheimtip mit¬
tlerweile zu einem angesagten Namen gemausert haben, das bewies
der trotz zig Konkurrenzveranstaltungen im nächsten Umland aus
allen Nähten berstende Saal. Ich hoffe, die Feuerwehr hat an diesem
Abend nicht die Besucher gezählt ...Vom ersten bis zum letzten Lied
tanzende Menschen, entspannt fröhliche Stimmung, trotz des völlig
überfüllten Clubs, kein Stress und im Anschluss noch Disco mit ver¬
nünftiger Musik - sollen doch andere Steineschmeißen gehen oder
für die 20-Stunden-Woche demonstrieren; ich weiß, wo ich nächs¬
tes Jahr an diesem Tag sein werde. Jan EckhofF
BREAK THE CHAINS FESTIVAL
23.03.07 Moers, Volksschule
Die Volksschule in Moers ist eins der letzten wirklichen Hardcore-
und Punk-Refugien an unserem schönen Niederrhein. Offensicht¬
lich hat sich die Stadt Moers dazu entschlossen, jenes Obdach mit
einer riesigen Altenresidenz zu umzingeln - was schon den ein oder
anderen Alt-Punker aus meinem näheren Bekanntenkreis hat hellhö¬
rig werden lassen. Als ich gegen 19.30 Uhr an besagter Stellte ein¬
traf, war im Schlamm vor der Volksschule kein Millimeterchen Park¬
platz mehr frei. Dieser befand sich fest in holländischer Hand. Kein
Wunder - aus unserem sympathischen Nachbarland hatten sich
gleich drei Musikgruppen angekündigt. Nicht umsonst gelten die
Niederländer heimlich als die treuesten Fans auf diesem Kontinent.
Das Festival war für 17.30 Uhr angesetzt. Ganze zehn Bands sollten
sich an diesen Abend ein Hardcore-Stelldichein liefern. CHAKRA
und die Herren von NO ONE GETS OUT ALIVE, die sich eigent¬
lich bereits im Vorfeld aufgelöst hatten, verpasste ich glorreich. Die
Straight Edger von Ml LES TO GO waren schon mächtig zugange
und präsentierten einen gut gebrüllten Youth Crew, metallisch, hef¬
tig, voll auf die Zwölf. Der Mensch hinterm Mischpult hatte wohl
eine starke Affinität zum gut ausgesteuerten Bass, denn dieser Schall
rüttelte heftig an meinem Magen, der sich daraufhin symptoma¬
tisch äquivalent zu einer Achterbahnfahrt verhielt. Ohne Ohrenstöp¬
sel wäre ich wahrscheinlich heute taub.
Die Nächsten auf der Liste waren die Wegberger ITALIAN STAL¬
LION, die sich hierzulande mit ihren thrashigen Hardcore-Punk
den Arsch abtouren und zu Recht eine beachtliche Fanbase vorwei¬
sen können. Die guten alten DIRTY ROTTEN IMBECILES kamen mir
dabei in den Sinn, immer wieder schön, so etwas zu hören. AYS,
ebenfalls ausWegberg, pumpten ihre metallischen Youth Crew-Sal¬
ven unmittelbar auf das Publikum, das diese auch kurzerhand in ei¬
nem tobenden Moshpit absorbierte. HOODS UP waren extra aus
Hamburg angereist, um ihre fetten Gitarrenwände mit riesigem Ge¬
töse publikumswirksam niederzuknüppeln. Geradezu fürstlich be-
OX-FANZINE 133
LIFE ON STAGE
reiteten sie den Weg für NEW MORALITY aus Arnheim. Druck¬
voller Hardcore mit Metaleinschlag ließ ihre Triple-Split-7 “-Release-
Show wie eine Bombe einschlagen. STRIKE FIRST, ebenfalls aus
Arnheim, prallten mit fein säuberlich geknüppelten NY-Hardcore
auf die schon schwächelnden Kids und hinterließen einen leichten
MADBALL-Nachgeschmack.
Der Break des Festivals kam ohne Zweifel durch RESTLESS
YOUTH aus Nimwegen beziehungsweise Tilburg, die diesen gan¬
zen Youth Crew, New- und Oldschool-Kapellen schon fast altba¬
cken mit ihrem 7Os Rock-Anleihen-Hardcore den Stinkefinger zeig¬
ten. Den krönenden Abschluss bildeten JUSTICE aus Belgien, und
nach meinem Empfinden hätten mich die Jungs mit ihrem melo¬
dischen, bretternden Hardcore noch ein wenig länger beschallen
können. Denn auch wenn ich dem Punk näher stehe als dem Metal
- diese Mischung hat auf jeden Fall überzeugt. Ein feierlicher Ab¬
schluss für einen knüppelharten Abend. JeNnY Kracht
NOMEANSNO, POTTY UMBRELLA
05.05.07 Mülheim, AZ
Manchmal rücken Bands erst ins Rampenlicht, wenn sie mit be¬
kannteren Bands auf Tour gehen. Die Aufgabe eines Scheinwerfers
haben sicher auch NOMEANSNO übernommen, die schon durch
Touren mit REMOVAL aus Kanada, RIFU aus Norwegen und den
großartigen Jazzcore-Giganten ZU aus Italien jene Bands in den Spot
der geneigten NMN-Anhängerschaft gezerrt haben. POTTY UM¬
BRELLA aus Polen schickten sich diesmal an, mit den Hockey-Punk-
Opas einige Gigs durch Polen, Deutschland und die Niederlande ab-
zureißen. Das gute Wetter an diesem Abend veranlasste die Alt-Pun-
ker-Fraktion des Ruhrgebiets, sich geschlossen auf den Bänken vor
dem AZ Mülheim breit zu machen.
Leider verpassten sie dabei eben jene POTTY UMBRELLA, die nicht
umsonst in Polen kein unbeschriebenes Blatt mehr sind. Eine Musik¬
mischung, die mal wieder das Schubladendenken außer Kraft setzt,
sich perfekt in die großartige Liste instrumentaler Support-Kapel¬
len der Hardcore-Kanadier einreiht. Psychedelischer 70s Rock, ge¬
paart mit Avantgarde-Punk und Noise. SONIC YOUTH, THE WHO,
JESUS LIZARD und Jimmy Hendrix spielen auf zur Jam Session. Hö¬
renswert! Rob.Tom und John kamen nach Mülheim, um die Jugend
zu belästigen - nur leider waren davon vielleicht eine Hand voll in
der bis auf den letzten Platz besetzten Halle. Das Durchschnittsalter
liegt bei den Konzerten der Punk-Großväter meist jenseits der drei¬
ßig. Ohne Schnickschnack traten die drei auf die Bühne, „I’m an
asshole“ ertönte, und siehe da, die Menge tobte. Auch „’til I die“,
„In her eyes“ und „So low“ von ihrer neuen Release „All Roads
Lead To Ausfahrt“ überzeugte augenscheinlich mächtig. „The river“
durfte, Punk sei Dank, nicht fehlen und stimmte auf „Mondo ni-
hilissimo 2000“ ein, welches ebenfalls auf der neuen CD zu lie¬
gen kam. Insgesamt könnte man meinen, dass die HANSON BROT¬
HERS und NOMEANSNO mit diesem Album ein Gemeinschaftspro¬
jekt des basslastigen Hardcore-Punk par exzellence initiiert haben.
„All Roads ...“ ist ein druckvoller Nachfolger der NMN-Setlist „The
People’s Choice“, eine von den Fans selbst ausgewählten Hit-Com¬
pilation. „Angel and devil“, wieder ein Klassiker und daraufhin „I
see the mansion in the sky“, ebenfalls auf der neuen Scheibe zu fin¬
den. Ein netter Break ist immer wieder das instrumentale „The night
nothing became everything“, von der „0+2=1“ und auch der olle
„Tower“ ist immer wieder ein Tänzchen wert.
Der Schweiß tropfte schon von der Decke, als die Herren „Two lips,
two lungs and one tongue“ schmetterten und mit „Slugs are bur-
ning“ zum vermeintlich letzten Lied anstimmten. Das sollte aber
nicht alles gewesen sein. Barbusig und unter tosendem Applaus
stürmte Rob mit seinen Mitstreitern nach wenigen Minuten erneut
auf die Bühne. Zwei Zugaben mit vier Songs, darunter auch „Big
dick“ und „The fall“, folgten. Dann ließen die schweißnassen Grei¬
se unter frenetischem Beifall von der Bühne ab. Wären die Nachbarn
vom AZ nicht so schallempfindlich, würden die Herren wohl heu¬
te noch dort rocken.
Ohne schlechtes Gewissen kann ich sagen, dies war eins der besten
Konzerte, die die Jungs je abgeliefert haben - wenn man mal von
der Barbusigkeit absieht. Davon könnt ihr euch gerne selbst über¬
zeugen, denn pogocam.de hat es komplett mit drei Kameras aufge¬
zeichnet. NOMEANSNO sind auch im Juni für einige Konzerte und
Festivals hier in der Ecke unterwegs. JeNnY Kracht
DYING FETUS, SKINLESS, CATTLE DECAPITATION
05.05.07 Essen, Turock
Aufgrund des mehr als vorzüglichen Wetters verpasste man erstmal
bei ein, zwei Bierchen im hauseigenen Biergarten sämdiche Vor¬
bands im ausverkauften Turock, nur um später festzustellen, dass die
Innentemperatur im Laden wohl durch die Support Acts kondens-
mäßig drastisch angestiegen ist. Auftakt machten für meine Beglei¬
tung und mich CATTLE DECAPITATION, die hiermit mm auf dem
alten Kontinent debütierten. Recht kurzweilig, üve auf jeden Fall
besser als auf Konserve, auch wenn .ich nach paar Liedern doch eher
wieder die frische Luft vorgezogen habe. Danach ging es aber wie
gewohnt wieder partytauglich ab bei SKINLESS. Die Band ist ein¬
fach eine Bank, ohne Zweifel, sei es jetzt musikalisch oder enter¬
tainmentmäßig. Auf eine Wall Of Death folgte ein Tsunami Of Death
und zum Schluss gab es noch ein Zombiewalk Of Death. Bei all
dem Getümmel vor und auf der Bühne wurde sogar von einem völ¬
lig überforderten Security-Mitarbeiter der Sänger versehentlich von
der Bühne geschmissen. Ganz großes Kino! Zum Abschluss luden
DYING FETUS noch einmal zum Abgehen ein. Ehrlich gesagt, haben
die Herren doch im Laufe der Jahre und wahrscheinlich aufgrund
ständiger Line-up-Wechsel ein wenig ihren Reiz verloren. Wie auch
immer zockte man sich straight durch die Discografie, wobei klar
zu sehen war, dass die alten Kracher besser vom Publikum ange¬
nommen wurden als die neueren Songs der letzten beiden Alben.
Dennoch: Hammerbilling und ein netter Abend mit vielen alten Be¬
kannten! Uwe Kubassa
M.O.T.O., M.I.A.
24.04.07 Köln, Sonic Ballroom
Ich habe bis jetzt nie verstehen können, warum Typen Schnauzbär¬
te tragen. Frieren Männer an der Oberlippe eher als Frauen? MUSIC
INTELLIGENCE AGENCY, kurz gesagt M.I.A. aus dem schönen Le¬
verkusen scheinen richtige Fans dieser Oberlippen-Fiffies zu sein.
Zudem scheinen sie auch schon mal dann und wann TURBONE-
GRO oder THE WHO gehört zu haben. Eigentlich eine nette, schrä¬
ge Combo, die mit ihrem Garage-Pop-Punk-Synthie-Style und dem
singenden Schlagzeuger schon Eindruck auf mich gemacht hat.
Eine der coolsten, ältesten und immer noch unbekanntesten Bands
sind M.O.T.O. aus Chicago. Über jeden Zweifel erhaben, schlagen sie
mit ihrem Drei-Akkorde-Punkrock die RAMONES um Längen - ihre
Songs sind fabelhaft einfach gestrickt, trashiger habe ich Pop-Punk
selten erlebt. Leider hatte Sänger Paul Caporino eine böse Erkältung
erwischt und er krächzte durch die Gegend, als ich ihn im Biergar-
ten des Ballrooms antraf. Ein Interview? Daran war am allerwenigs¬
ten zu denken. Aber trotz Heiserkeit rockte Paul den ehrwürdigen
Sonic Ballroom ordentlich, obwohl ihm das ein oder andere Mal
die Stimme leicht wegsackte. Natürlich bedurften Songs wie „I hate
my fucking job“ keiner Erklärung, das Publikum grölte lauthals mit.
Paul war da auch direkt in seinem Element, obwohl er sich als Ange¬
stellter in einem Plattenladen doch am wenigsten beschweren kann.
„Dance, dance, dance, dance, dance to the radio“ oder „The chicks
can teil“ taten ihr Übriges, um den Tanzsaal endgültig zum Toben zu
bringen. 2008 ist wieder eine Tour plant. Ich habe Gerüchte gehört,
die besagen, dass jeder, der MASTER OFTHE OBVIOUS noch nicht
mindestens ein Mal live gesehen hat, dumm beziehungsweise im¬
potent wird und zusätzlich alle RAMONES-Platten abgenommen be¬
kommt. JeNnY Kracht
/DER NORDWESTDEUTSCHE PUNKMÄRÄTHON
Mir fällt auf, dass ich die letzen Live-Kolumnen immer mit verpass¬
ten Konzerten eingeleitet habe. Nun ja, Traditionen soll man nicht
brechen und deshalb gestehe ich, dass mir diesmal unter anderem
die grandiosen GOLDEN HELMETS in Meppen, die MONS¬
TERS in Münster und auch M.O.T.O. durch die Lappen gegangen
sind. Nicht mal über die BLITZKRIEG BOYS kann ich skandalö¬
se Tourgeschichten erzählen, Asche auf mein Haupt ...
Trotz alledem lagen natürlich noch ein paar Shows an und los ging’s
am 03. März mit einem echten Dejä-vu-Erlebnis, denn Henning
Basler und PULL A STAR TRIP sind vor fast einem Jahr schon
mal in gleicher Konstellation im Meppener J@m-Center aufgetre¬
ten. Eigentlich waren GENJI als Support geplant, aber das war eine
Affäre, bei der mal wieder ein pikanter Einblick in gegenwärtiges
Tourbusiness gewährt wurde. „Pay to play“ heißt heutzutage näm¬
lich das Zauberwort und bei GENJI herrschte wohl dummerweise
grad Ebbe im Portemonnaie. Über solche Praktiken denke jeder, was
er will, very Punkrock ist das aber sicher nicht ... Da Henning Bas¬
ler mittlerweile ohnehin fest bei PAST involviert ist, absolvierte er
an diesem Samstag erneut eine okaye Ein-Mann-Indiepop-Opener-
show, wobei ich mich diesmal nicht ganz so dafür erwärmen konn¬
te wie noch vor einem Jahr. PAST ließen danach mit ihrem Akustik -
(Scr)Emo (den „Die hören sich an wie dieses Lied von DASHBOARD
CONFESSIONAL“-Vergleich verkneif ich mir mal) nichts anbrennen
und so manch einer wunderte sich, dass Bart tatsächlich leise(!)
schreien kann. Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht ... In der Zugabe
wurde es dann richtig gemütlich, als Bart und Steffen auf Barho¬
ckern direkt im Publikum spielten. Und wisst ihr, wofür ich meine
Freundin Kerstin liebe? Wenn sie mir in solchen Momenten ins Ohr
flüstert: „Solltest du mal in einer Band spielen und so eine Aktion
bringen, mach ich sofort mit dir Schluss!“
Direkt eine Woche später, am 10.03. musste sie sich im Gleis 22
schon wieder aufregen, was aber diesmal weniger an meinen Plä¬
nen lag, einer Barhockerklampfencombo beizutreten, sondern eher
aus ihrem Logopädenberufsstand resultierte. Wir durften nämlich
Babette von den VAGEENAS dabei zuhören, wie die sich in be¬
trächtlich schiefer Tonlage beträchtlich heiser sang, und so was kön¬
nen Logopäden und -innen gar nicht gut haben. Ansonsten waren
die VAGEENAS für eine halbe Stunde ganz amüsant, auch wenn ich
die Band mit ihrem eher hausbackenem Oldschool-7 7 er-Punkrock
nicht zwingend öfters sehen muss. Den Vogel schossen danach aber
die EPOXIES ab, die ich an diesem Abend zum ersten Mal sah. Was
soll ich sagen? Eine erstklassige Ami-Entertainment-Band vor dem
Herrn, mit Nebel, Lasergitarren und einer Schaumschneemaschine,
deren Auswurf verdächtig nach Revell-Modellbaukleber roch. Wäh¬
rend alle Jungs sich in Roxy Epoxy verliebten, war ich damit be¬
schäftigt, nicht zuviel von dem Kunstschnee zu schlucken und auf¬
zupassen, dass mir keiner der Gitarristen ein Auge auslasert. Zur to¬
talen Verwirrung trugen auch die beeindruckenden Gesichtsentglei¬
sungen des Synthesizer-Mannes bei, den ich nebenbei schwer im
Verdacht habe, den ZODIAC KILLERS ihre Sonnenbrillen gestoh¬
len zu haben. Musikalisch war natürlich alles perfekt, da der wa-
vige Punkrock der EPOXIES live noch eine Ecke knackiger als auf
Konserve rüberkommt. In der Zugabe gab es noch ein WIPERS-Co-
ver und das ist wohl eine der besten Arten, einen grandiosen Abend
ausklingen zu lassen!
Danach folgte bei mir konzerttechnisch etwas Leerlauf, so dass es
erst am Freitag, den 20. April weiterging. Dann allerdings gleich mit
einem echten Zuckerstück von Combo: den wunderbaren MON-
TESAS in der Münsteraner Luna Bar. Die Montesitas hatten die
Jungs auch im Gepäck, also war eine tolle Sixties-Beat-Rock’n’Roll-
Show vorprogrammiert. Auch das Publikum hatte alles zu bieten:
vom Indiehörer über Rockabillys bis zu Punkrockern waren alle
Schichten und Altersklassen vertreten. Die MONTESAS schaffen ir¬
gendwie einen Konsens, auf den sich alle einigen können, und mir
wäre es vollkommen unverständlich, wenn überhaupt jemand eine
so tolle Band schlecht finden könnte. Die neue Besetzung ist übri¬
gens auch prima, der Orgelmann freute sich wie ein Honigkuchen¬
pferd und der Bassist klampfte sein Instrument auch diverse Male
auf dem Rücken. Eine coole Bühnenshow mit perfekter musikali¬
scher Umsetzung war es also und wer nicht da war, stinkt! Komisch
ist übrigens, dass ich zum Beispiel nach DEAN DIRG-Shows im¬
mer den Drang habe, mir einen schmierigen Proll-Schnauzbart an¬
zuzüchten, während ich nach MONTESAS-Konzerten am liebsten
immer dieses geile Errol-Flynn-Bärtchen stehen lassen möchte. Mal
abwarten, wie ich das noch kombinieren kann ...
Am nächsten Tag war ich mal wieder in „Support your local scene“-
Angelegenheiten unterwegs, da vom Meppener Jugendzentrum ein
alljährliches Indoor-Festival veranstaltet wurde, das acht lokalen
Bands auf großer Bühne eine Auftrittsmöglichkeit bietet. Letztes Jahr
hab ich in Bezug auf uninspirierte Bands noch ziemlich vom Leder
gezogen, was mir sogar diverse Hass-Mails von ALARMING JESUS
einbrachte (schönen Gruß an dieser Stelle, ich hab mich köstlich
amüsiert), aber diesmal sei vorweggenommen, dass ich unter al¬
len Bands, die ich gesehen hab, trotz verschiedenster Stilistiken kei¬
nen Ausfall ausmachen konnte. Organisation, Werbung, Sound und
Bühne waren bestens, das große Manko war allerdings die mangeln¬
de Publikumsresonanz. Und das ist eine Entwicklung, die mir in
letzter Zeit nicht nur im Emsland permanent negativ auffallt. Selbst
in so genannten „alternativen Jugendszenen“ scheint eine Flatra¬
teparty, oder alleine Saufen im Partykeller angesagter zu sein, als
raus zu gehen und gute Musik zu entdecken. An diesem Abend wa¬
ren folglich für einen günstigen Preis von 5,- Euro für acht Bands
leider nur circa 280 Leute da, was in einem für 1.000 bis 2,000
Leute ausgelegten Saal sowohl für Bands als auch Publikum mehr
als schade ist. Allerdings animieren solche eher negativen Vorzei¬
chen ja auch oft dazu, wirklich das Allerbeste aus einem an sich ver¬
korksten Abend zu machen und so war es (zumindest bei mir) zum
Glück auch an diesem Samstag! An Bands waren HIGH 5 (myspace.
com/high5music), NOISE CONCEPTION (thenoiseconcepti-
on.com), HASHMARK (myspace.com/hashmarkonline), NEXT
EXIT OUT, BACK TO BASEMENT (backtobasement.com) und
8 ON THE RUN (8ontherun.de) vertreten, die ihren Job auch al¬
lesamt gut machten. Der wilde Abend begann dann aber so rich¬
tig nach meinen persönlichen Favoriten Syd Berliner feat. BIG
TENNIS (myspace.com/bigtennis), mit deren Trommler Johannes
ich mich nachher dermaßen gut verstand, dass wir uns gemeinsam
vollkommen aus der Umlaufbahn schossen. An sich nichts Schlim¬
mes, aber das führte dazu, dass ich bei der letzen Band des Abends
- die absolut unglaublichen 80er-Jahre-Spandex-Posermetalcombo
SYZZY ROXX (syzzy-roxx.de) - mitsingend in der ersten Rei¬
he stand. Dabei schwöre ich: ich kenne kein einziges Lied von de¬
nen! Danach verlässt mich zum Glück mein Erinnerungsvermögen,
aber Johannes hat den Abend noch ziemlich treffend resümiert: „Ich
kann bestätigen: wir haben auf jeden Fall mitgesungen. Und ich
glaube, das war noch das Harmloseste. Ich erinnere mich noch dar¬
an, dass wir mit Wunderkerzen in der Hand über die Bühne getanzt
sind. Zum Glück gab’s auf der Veranstaltung nicht allzu viele Zeugen.
Zu Hause hab ich dann noch gepflegt in unseren Garten gekotzt...”
So weit ging’s bei mir zum Glück nicht, aber am nächsten Tag hatte
ich den Kater des Jahres und Kerstin schüttelte nur noch den Kopf.
True Metal will never die!
Am Freitag de 27.04. setzten dann THE CREETINS einen schö¬
nen Konzert-Schlusspunkt im Lingener JZ Kotten. Um eventuel¬
le Hardrock-Exzesse zu umgehen, übernahm ich diesmal lieber
höchstpersönlich das Volant meines Rüsselsheimer Sportwagens,
und bei bestem Frühsommerwetter überstand unsere kleine Auto¬
besatzung sogar zwei zwar amüsante, aber auch etwas anstrengende
Vorbands (Refrainzitat: „Bier, Bier, Bier - unser Lebens'elexier ...“).
Die CREETINS reisten danach direkt von einem am selben Tag absol¬
vierten Gig mit den BEATSTEAKS an und legten wirklich eine super
Show auf die Bretter. Ich kannte die Band, ehrlich gesagt, bisher nur
von Samplerbeiträgen, aber die CREETINS zogen hier ein routinier¬
tes Feuerwerk an spielfreudigem Singalong-Punkrock ab, dass es ein
echtes Vergnügen war. Ein prima Auftritt, bei dem allerdings ein 15-
jähriger Jungpunk der heimliche Hauptdarsteller war, der immer
wieder durch Bühnenausflüge und Fallen von derselbigen nervend
auffiel, so dass er wegen Störung des Hausfriedens zu unser aller
Amüsement nach dem Konzert noch den grün-weißen Ordnungs-
kräften übergeben wurde.
Eine Woche später sollten dann noch ALEXISONFIRE nach Lin-
gen kommen, aber die zogen es vor gleich mal, ihre komplette Tour
zu canceln, wobei die Gründe zwischen „Tourbus ist hegen geblie¬
ben“ und „Family Tragedies“ pendelten. Alle Emokids vor Ort ha¬
ben geweint, mir war das Ganze aber ziemlich egal, denn ich zieh
jetzt erstmal los, kauf mir eine Akustikgitarre, einen Barhocker, eine
Spandexhose und arbeite dabei an meinem Errol-Flynn-Bärtchen
und der Resozialisierung Lingener Jungpunks.
In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal!
Bernd Fischer (berndfü ox-fanzine.de)
OX-FANZINE 134
LIFESTYLE
Zum Glück verhält es sich mit den derzeit gastierenden
Bands nicht wie bei den aktuellen Veröffentlichungen des
laufenden Jahres, von denen sich die Zahl begeisternder
Tonträger bisher in einem absolut überschaubaren Maß
hält.
Das Frühjahr war spontan, wie ein Besuch im Esslinger Komma
mit zwei Bands, von denen eine nur alleine war: MONSIEUR
MO RIO, sprich ein einzelner Mensch an seiner Farfisa-Or-
gel, der sich als Alleinunterhalter voll und ganz selbstverwirk¬
licht hatte. Platte würde ich mir trotzdem keine von ihm kaufen,
weil meine musikalische Welt anders aussieht. Wie auch immer!
MAKE BELIEVE, Ex-dies-und-das, JOAN OF ARC, Herrn Al-
bini als Produzent genannt und noch mehr Referenzen im Vor¬
feld angeführt (als ob das etwas ändern würde), von denen keine
Einzige auch nur halbwegs zutraf. Vertrackter, schwieriger Kas-
tenfrickelhardcore, der ansatzweise schön melodisch war, mich
aber dennoch nicht so richtig berührte, weil ... keine Ahnung.
Ich steh ja auch nicht auf Ausdruckstanz und nicht auf Studen¬
tenmusik, nach der man das ganze Erlebnis nachher ausdiskutie¬
ren muss. Wichtig war hier eigentlich nur, dass ich es noch recht¬
zeitig vor Einsetzen des Schneesturms nach Hause geschafft habe.
Schöne Sache übrigens, das „Bitte nicht im Konzertsaal rauchen!
Danke!!! “-Schild. Wäre allerdings noch schöner, wenn sich auch
noch jemand daran halten würde. Streichen wir den Abend ein¬
fach aus der Kategorie erinnerungswürdiger Konzerte, der Anlass
war ja sowieso ein anderer.
Trotz eines konzertgünstigen Montagabends, einer vollen Hütte
im allseits geschätzten Heilbronner Stereo Total, qualifiziertem,
stresserprobtem Thekenpersonal, das den Andrang zu jeder Zeit
im Griff hatte und als Eröffnungsact MR. BUBBLE BEE, die an
selbiger Stelle schon mal standen. Dafür hatte ich eine wirklich
sehenswerte Dokumentation über die Winterwälder der Taiga ab¬
gebrochen, wo in manchen Regionen der Sommer gerade mal ei¬
nen Monat dauert? Die weiße Pracht mit Getier wie dem Viel¬
fraß und Elchen wäre mir jedenfalls lieber gewesen, als die nicht
so sehr prickelnden Animationsansagen, halbwegs bejubelte Co¬
verversionen - 2x RAMONES, lx GANG GREEN (Sakrileg) plus
ein paar weitere, die ich auf der vergeblichen Suche nach einem
Flipper oder Geldspielautomaten nur von weitem hören konnte.
Schwammdrüberblues und weiter geht’s, denn immerhin war es
nicht überlang. Bei GANG GREEN waren die Erwartungen so
niedrig angesetzt, dass man damit gerade mal den Fußboden hät¬
te beleuchten können, eine Enttäuschung war damit nahezu aus¬
geschlossen, selbst bei einer Band, die seit 10 Jahren keine neue
und seit 20 Jahren keine richtig gute Platte mehr veröffentlich
hat. Das einzige verbliebene Originalmitglied Chris Doherty (41,
sieht aber aus wie 55) hatte jedenfalls schon vor Beginn des Sets
eine ziemliche Schlagseite, die er trotz schweißtreibender Büh¬
nenshow mit leichten Sehstörungen aufrecht hielt.
Immerhin haben wir daraus etwas gelernt: Wenn man mit jahre¬
langem Alkoholmissbrauch schon nicht besonders alt wird, dann
kann man wenigstens so aussehen. Alle Befürchtungen wurden in
einem überlangen Set mit mehreren Zugaben in Bier und Schweiß
ertränkt. Die wenigen müden Rocker wurden immer wieder
durch frühe Prügelklassiker aufgelockert, und selbst wenn es bis
zu den zweiten Zugaben dauerte, um „Terrorize“ und „Sold out“
zu hören, war es jede zweite Minute wert. Einer Band, die so weit
über ihr Relevanzverfallsdatum hinaus ist und auch mit Leihgi¬
tarrist noch so rockt, kann man auch ein paar Durchhänger gut
und gerne verzeihen, selbst dann, wenn sich die Gesamtbotschaft
auf „Bier, Ficken, Oi!“ reduzieren lässt. Na gut, wir streichen das
„Oi! “, weil sie wirklich gebrettert haben.
Unglaublich war an diesem Abend nur die minder attraktive Tor¬
te, die direkt vor der Bühne ihrem männlichen Begleiter überle¬
benswichtige Botschaften ins Ohr brüllen musste, obwohl er of¬
fensichtlich weder etwas verstand noch etwas hören wollte. Blei¬
ben nur die offenen Fragen: Warum sind es so gut wie immer un¬
attraktive Menschen, die ihre Raffel nicht halten können? Wieso
ist der Frauenanteil unter den Labertaschen überdurchschnittlich
(liegt es an der „Schnitte“?) Weshalb haben die meisten der Ner¬
vensägen so markerschütternde Gieskannenstimmen, die selbst
eine zwei Lagen tiefergestimmte Doomgitarrenwand nicht über¬
tönen kann? Wie viel Geschwafel ertragen manche Leute, nur für
einen billigen Fick? Wieso gehen sie nicht vor die Tür, und war¬
um, um alles in dieser Welt, zahlen sie Eintritt, wenn sie die Band
auf der Bühne nicht die Bohne interessiert?
Tja, warum zahlen andere Vollidioten Geld für eine Karte und
verpassen dann das Konzert? Vielleicht, weil sie die aufgedruck¬
ten Angaben entweder nicht ernst nehmen „Einlass 19:00 Uhr,
Beginn 20:00 Uhr“, oder eben doch „with Special Guest“. „Be¬
amtenhorrorpunk mit Unterschlagung bei Kindervorstellung“, so
könnte man den Auftritt von BALZAC in der Röhre zu Stuttgart
zusammenfassen, wenn man bösartig wäre (bin ich, weil mir ir¬
gendwer 16,30 Euro schuldet). Einen Konzertbeginn um 20:00
Manchmal (ganz selten!) wer¬
de ich gefragt, warum und
wieso mein Bild der Mensch¬
heit im Besonderen und auch
im ganz Allgemeinen nicht
zum Besten bestellt ist und
warum mich die Rituale be¬
stimmter jüngerer Altersgrup¬
pen nicht die Bohne interes¬
sieren. Vielleicht erhellt die
kleine Begebenheit aus einem
Buchladen von gestern Vor¬
mittag die eine oder ande¬
re dunkle Ecke. Tochter (ca.
20 Jahre, Hüftgold, trotzdem
bauchfrei, geschmackloses mit
Perlen besetztes T-Shirt, zu enge Hose, Einheits-Taubenschiss-
Strähnchen-Frisur, ausgelatschte flache Treter) mit ihrer Mutter
(aufgeschwemmt, teuer, aber geschmacklos eingekleidet, ca. vier
Friseurtermine im Monat) sind auf der Suche nach einem Buch
für ein Kind. Tochter: „Räuber Hotzenplotz ... von wem ist denn
das?“ (Es steht unübersehbar rechts oben in der Ecke des Buches).
Mutter: „Das ist aber kein Märchen, oder?" Tochter: „Nee, das ist
doch aus dieser Fernsehserie!“
In meiner Welt als Jugendlicher gab es noch Hörspiele, und jeder
kannte die Geschichten von Otfried Preußler (Die kleine Hexe,
Krabat, Das kleine Gespenst) oder wenigstens H.G. Francis (ca.
fünfzig Prozent aller Europa-Klassiker), Bücher waren nicht ver¬
boten, und wer eine einigermaßen korrekte Grammatik auf¬
weisen konnte, der wurde auch nicht als Superstreber durch die
Wohnanlage gejagt. Auf meinem eigenen Planeten hätten solche
Leute wie Frau Doof und ihre überernährte Tochter (mit ohne Ju¬
gend, aber SMS-Daumen) keine eigenen Kreditkarten und wür¬
den maximal als angelernte Sanitärfachkräfte in öffentlichen Ein-
Uhr kann ich in Stuttgart nicht wirklich ernst nehmen, und selbst
wenn, dann war da immer noch eine Vorband angekündigt, die
meinetwegen pünktlich beginnen darf, dann sollte es um kurz
nach 21:00 Uhr aber immer noch für die Hauptgruppe reichen.
Eine glatte Fehlkalkulation, denn es gab weder einen Special
Guest noch die übliche Verzögerung, die entsteht, wenn der La¬
den nicht gefüllt ist. BALZAC begannen um kurz nach 20:00 Uhr,
spielten eine knappe Stunde, das war’s. So kam ich exakt zwei Mi¬
nuten nach der letzten Zugabe um Viertel nach Neun in einen auf¬
geräumten Veranstaltungsort, der mit 50 bis 60 Leuten spärlich
unterbelegt war, obwohl sicherlich mehr Tickets verkauft worden
sind. Da nach mir auch noch Leute eintrudelten und lange Gesich¬
ter zogen, bleibt der Trost, nicht alleine wie ein Depp dagestan¬
den zu haben. Allerdings ist mir so etwas in über 25 Jahren noch
nicht passiert! Wer auch immer solche Zeiten ansetzt, hält wahr¬
scheinlich jeden Tag ein Mittagsschläfchen und veranstaltet sonst
hauptberuflich Kindergeburtstage. Unfassbar!
Für Erwachsene dagegen gab es nur einen Tag später eine Veran¬
staltung ohne Ringelpietz und Anfassen, nämlich PORN, BIG
BUSINESS und die MELVINS. Voll war’s, bis auf einzelne
Ausnahmen volljährig und verdammt laut!!! Wie immer ange¬
nehmes Ambiente in der Schorndorfer Manufaktur mit einem ei¬
nigermaßen akzeptierten Nichtrauchergesuch, bei dem man an¬
schließend nur halb soviel stank wie sonst. Sehr schön, wenn man
mal nicht zu den Gesichtsältesten gehört und feststellt, dass da
auch Leute abgehen, die ein paar Sommer mehr auf dem Buckel
haben als man selbst. PORN als ernst zu nehmende Vorgruppe zu
bezeichnen fällt schwer, musikalisch war es ein pures Traktat,
das zu nicht mehr und nicht weniger geeignet war, die Anwesen¬
den zumindest auf die Lautstärke einzustellen. Drei Leute, dar¬
unter ein kostümierter Dale Crover (als - natürlich - dicker El¬
vis) spielen langsamen Sludge-Rock mit vielen unmotivierten Im¬
provisationen und sogar ein bis zwei richtige Stücke. Musikalisch
und äußerlich entsprach die Band in etwa der Band von Cheech
& Chong, inklusive Stirnband und Hinweis auf den Mann mit
dem ganzen Shit im Gepäck. BIG BUSINESS sind Restmusiker von
KARP und den MURDER CITY DEVILS, die sich für Plattenaufnah¬
men um Gastmusiker bereichern, live um Herrn Crover (schon
wieder) an der Gitarre. Kaum ein Unterschied zur Duo-Version
nur mit Bass und Schlagzeug. Noise der gehobenen Art, nur un¬
weit entfernt von den MELVINS, die sich für ihre letzte Platte kon¬
sequenterweise die beiden BIG BUSINESS-Musiker einverleibten.
Der Übergang des BIG BUSINESS-Sets zum Gig der MELVINS war
dann auch nahtlos. Herr Crover setzte sich an das zweite Schlag¬
zeug, King Buzzo kam mit seiner Gitarre und dann wurde eben
noch lauter und heftiger gelärmt. Zwei Schlagzeuger sind eine fei¬
ne Sache, und wenn sie derart präzise und virtuos spielen wie
hier, sogar ein richtiges Monster. Eine ganz andere Klasse als der
richtungen hinter einem Porzellanteller ihr Dasein fristen oder
Spucknäpfe leeren. Für den Teil der in diesem Kulturkreis aufge¬
wachsenen Jugendlichen habe ich ein unfehlbares System entwi¬
ckelt, nach dem sich eindeutig trennen lässt, mit welchen Men¬
schen ich in näheren Gesprächskontakt (also mehr als fünf Sät¬
ze) treten will und solchen, die für meine Altersstufe als zu „ju¬
gendlich-debil“ klassifiziert werden können. Die anfänglich fünf
Fragen sind nach jahrelanger Erprobung auf zwei zusammenge¬
schrumpft, die so unfehlbar sind wie die Tatsache, dass man hin¬
ter dem letzten Deppen immer noch einen weiteren findet.
1. „Palimpalim ...?“ Bei wem es hier nicht klingelt, der darf mei¬
netwegen aus einem anderen Land stammen, oder gerne dort¬
hin ziehen.
2. „Nenn mir nur zwei Filme mit Louis de Funes.“ Wenn dich un¬
gläubige große Augen anstaf>en, dann weißt du, dass du entweder
alt bist oder aber gerade vor jemandem stehst, für den das Visum
zur kulturellen Grenze deiner Generation nicht ausgestellt wur¬
de. Nein, ich will nicht mit jemandem reden, der einen glatzköp¬
figen alten Franzosen nicht kennt und der mit einem der wenigen
Höhepunkte des deutschen Nonsens-Humors nicht mal eine Tür¬
klingel verbindet. Trotzdem gibt es nach wie vor Idealisten, die
weiterhin Einkaufsläden (Wann hat jemand von euch den letz¬
ten Einzelhandelsladen dieser Art betreten?) betreiben, statt Su¬
permarktdiscounter für Kinder, in denen die kleinen Päckchen
auf Paletten feilgeboten werden und wo man an der Kasse mit der
Kreditkarte bezahlen kann (wäre übrigens eine prima Idee für
eine neue Monopoly-Ausgabe: EC-Karten-Monopoly). Und es gibt
immer noch Buchverlage, die Otfried Preußler-Bücher verlegen,
die von Kindern gelesen werden, die sich heimlich die 27. Wie¬
derholung von „Louis und die außerirdischen Kohlköpfe“ oder
„Das Beste aus Nonstop Nonsens“ auf einem verwarnen Sparten¬
kanal ansehen. In diese Jugend setze ich all meine Hoffnung, der
Rest kann mir gestohlen bleiben!
letzte MELVINS-Gig vor ein paar Jahren, keiner der alten Klassiker
dabei, aber dafür war das hier von einem anderen Planeten. Laut,
hart und einsam, denn neben dieser Band gibt es keinen Anwärter
auf den Kronprinzentitel. Lang war’s, klasse war’s und komplett
arschlochfrei, wie eigentlich immer in Schorndorf.
Wie viel ein paar Kilometer Luftlinie ausmachen können, sowie
die Tatsache, dass manche Bands sich ihr Publikum nicht zu hun¬
dert Prozent aussuchen können, zeigten TITO & TARANTU-
LA, die in der Reichenbacher Halle spielen sollten. Es lässt sich
wohl nicht vermeiden, dass hier die Typen auftauchen, die auf
DVD-Börsen stets mit Rücksäcken herumlaufen und genau dem
Klischee entsprechen, das mein Nachbar mit dem Wort „Baller¬
mann“ verbindet. Normalerweise stört mich das nicht, wenn ge¬
rade mal 0,5 Prozent des Publikums so ausfällt, solange das am
anderen Ende des Konzertsaales stattfindet. Wenn sich Freund „Da
passen noch drei Bier zwischen Milz und Lunge“ genau dort mit
seinen nicht minder begabten Nachwuchsidioten versammelt,
wo ich stehe, und sowohl meine Begleitung als auch mich in bier¬
seliger Zutraulichkeit vollseiert, dann ist der Abend eher adrena- *
lingeladen und nicht wirklich entspannt.
Als Vorband trat die verstoßene kleine Schwester von Mike Ness in
ultralighte Fußstapfen ihre großen Bruders. Benedicte Braen-
den klang nicht nur wie Herr Ness auf Country-Solopfaden, son¬
dern bewegte sich auch so, nur viel preiswerter und eben kom¬
plett kalorienarm. Wie Frau Gwen Stefani, bei der man an der
Zahnspange gespart und den blonden Rest mit einer Garderobe
ausgestattet hat, die gerade mal 10 Dollar inklusive High Heels ge¬
kostet haben dürfte. Komischerweise trotzdem sehr ansprechend,
weil musikalisch sehr verspielt, und irgendwie hatte sie was, die
Frau mit ihren halbwüchsigen Jungs. TITO & TARANTULA waren
weit besser als in Hannover vor circa zehn Jahren, lauter, hefti¬
ger Schweinerock, für den ich NASHVILLE PUSSY ohne nachzu¬
denken gerne stehen lasse, mit der aktuellen Betty Page-Doublette
am Bass gleich mehrfach. Grandios verschwitztes langes Set, dem
nicht einmal die mehrfachen Ausfälle der Basstechnik geschadet
haben. Bis auf die halbwüchsige Idiotenbande um uns herum, ein
angenehm gemischtes Publikum sämtlicher Altersklassen, super¬
gute Stimmung, alle Hits, volles Haus und am Ende kaum offe¬
ne Wünsche. Würde ich mir jederzeit wieder ansehen, denn live
ist diese Band (bis auf den durchgeknallten Gitarristen und Tito
frisch besetzt) ein echter Hin- * § . - >
gucker. cu! bobtorture.de
kaiie stille buntere bilder ...
DER KÜCHENTIPP:
Für schizophrene Gäste genügt ein Gedeck, selbst wenn manche
für zwei essen!
OX-FANZINE 135
TERMINE
the scarlet letter ofro(
DROPKICK MURPHYS-HATEBREED
AS I LAY DYING • HEAVEN SHALL BURN
THE BONES • LESS THAN JAKE
CONVERGE *UNEARTH *AGAINSTME!
CHIMAIRA • SMOKE BLOW • PARKWAY DRIVE
BROILERS • BORN FROM PAIN • MISERY SPEAKS
30.JUNI 2007 • MÜNSTER
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DEADLINE:
+ THECRINDOUS
enberghalle/Herne
Fear aFury Festival
MILLENCOLIN
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L + DIE KASSIERER + LOKALMATADORE
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Termine 2007
15. Juli
T
9. September
£V
28. Oktober
Y
P
23. Dezember
Georg-Elser-Hallen
Rosenheimerstrasse 143
Eintritt mit 18er Raum 5 €
OX-FANZINE 136
Älle Tourdaten unter www.livegigs.de
TERMINE
108
03.07. Hannover, Bei Chez
Heinz | 04.07. Karlsruhe, Ju-
bez | OS.07. Wolfsburg, Ju¬
gendhaus Ost | 06.07. Leis-
nig, AJZ | 07.07. Cottbus,
Muggefuge.V. | 16.07. Mün¬
chen, Feierwerk e.V.
ABUELA COCA
08.06. Dornstadt, Woodstock
Open Air | 09.06. CH-Ba-
sel, Archeo Festival | 10.06.
CH-Thun, Cafe Bar Mok¬
ka | 11.06. Freiburg, Jazz¬
haus | 12.06. Marburg,
Trauma | 13.06. Wermels¬
kirchen, AJZ Bahndamm |
15.06. Stuttgart, Landespa¬
villon | 16.06. Halle / Saa¬
le, Objekt 5 | 18.06. Hanno¬
ver, Bei Chez Heinz | 19.06.
Bielefeld. KAMP | 20.06.
Hamburg, Hafenklang (exil)
| 21.06. Berlin, Zion City
Stage | 22.06. Mannheim,
DASTHING | 23.06. Hagen,
KuZ Pelmke | 27.06. Frank¬
furt / Main, Nachtleben |
30.06. Annaberg-Buchholz,
Alte Brauerei Annaberg e.V |
04.07. Erfurt, SZ Engelsburg
e.V. | 06.07. A-Wien, Are¬
na | 07.07. A-Aflenz, Green
Valley Festival | 10.07. Er¬
langen, E-Werk | 11.07. Bre¬
men. FLUT-Festival | 12.07.
Flensburg, Vobcbad | 14.07.
Hamburg. Elbinselfestival |
17.07. Köln, Sonic Ballroom
| 19.07. Kassel, Barracuda
Bar | 20.07. Lindau, Club
Vaudeville | 23.07. Reutlin¬
gen. Cafe Nepomuk | 24.07.
CH-Luzem, Blue Balls Festi¬
val | 26.07. München, Feier¬
werk e.V. | 27.07. Konstanz,
KuLa | 28.07. CH-Appenzell,
Postplatz Open Air 2006
AGAINST ME!
28.06. Hamburg. Molotow |
OS.07. Köln, Underground j
07.07. Berlin, Magnet Club
ALPHA BOY SCHOOL
1 S.06. Witten, Haus Wit¬
ten-Atrium | 16.06. Werne,
Open Air | 28.06. Bochum,
Wageni | 07.07. Duisburg,
Parkfest | 20.07. Köln, Ac¬
cess All Area | 21.07.'Glau¬
bitz. Back to Future Open Air
| 11.08. Haltern a.S., Open
Air | 2S.08. Waltrop, Parkfest
| 31.08. Lichtenfels, Rock
myass | 07.09. Dissen, Open
Air | 07.12. Duisburg, Hun¬
dertmeister
ABWÄRTS
22.08. Braunschweig, Rol¬
ling Stone im Jolly Joker |
23.08. Köln, Prime Club |
24.08. Haltern, Old Daddy j
25.08. Stuttgart, Schocken j
26.08. Fulda, Kreuz | 28.08.
Frankfurt / Main, Nachtle¬
ben | 29.08. Bremen, Römer
| 30.08. Hamburg, Grünspan
| 31.08. Berlin, SO 36
ANDTHEWINNERIS
09.06. Chemnitz, Südbahn¬
hof | 20.07. Calbe/Milbe,
entgleist festival | 01.09.
Haynsburg, Rock auf der
Burg
ANTENNAS
09.06. Gelsenkirchen, Lokal
ohne Namen | 11.06. Ham¬
burg, Grüner Jäger St. Pauli
| 14.06. Remseck, Haus der
Jugend | IS.06. CH-Schaff-
hausen, Rastafari Open Air
| 16.06. CH-Luzem, B-Si-
des Festival
ARCTIC MONKEYS
28.06. Hamburg, Stadtpark
Freilichtbühne | 09.07. Ber¬
lin, Columbiahalle | 10.07.
Dresden, Alter Schlachthof
BANE
24.08. Leipzig, Conne Island
| 25.08. Münster, Skaters
Palace | 09.09. CH-Luzem,
Sedel | 10.09.Trier, Exhaus |
11.09. Gießen, MGB | 12.09.
Hannover, Bei Chez Heinz |
13.09. Bremen, Wehrschloss
| 14.09. Bochum, Matrix |
16.09. Rosswein, Jugend¬
haus | 19.09. A-Wien, Are¬
na | 23.09. München, Fei¬
erwerk e.V
BANKRUPT
15.06. Löbau, Klinik Club
| 16.06. Lübbenau, Kultur¬
hof e.V | 03.08. A-Pulkau,
Open air im Park | 04.08. A-
Jennersdorf, Rock Your Sox
Off II | 18.08. Fort Gorgast,
OBOA Festival | 01.09. Tor¬
gau, Punx Picnic Festival
BARCODE
29.06. Löbnitz, With Full
Force Festival | 01.07. Leip¬
zig, With Full Force | 03.08.
Großröhrsdorf, Bike'n'Roll
- Festival | 04.08. Leisnig,
Sucks ,n‘ Summer Festival
BEAST OF BOURBON
06.07. Hannover, Cafe Glock-
see | 07.07. Dortmund,
FZW | 11.07. Ulm, Eden |
13.07. München, Muffathal-
le | 27.07. Köln, Yard Club |
29.07. Berlin, Columbia Club
| 31.07. Hamburg, Knust
BEATSTEAKS
06.07. Dresden, Elbufer |
07.07. Berlin, Wuhlheide j
04.08. Bremen, Open Air
am Pier
BELLRAYS
26.06. Wiesbaden, Schlacht¬
hof | 27.06. Hamburg, Mo¬
lotow | 28.06. Köln. MTC
BENUTS
30.06. Icking, Abi Party |
04.07. München, Tollwood
Festival | 21.07. Pösing, Pö-
singer Open Air | 21.07. Ro¬
senheim, Hitzefrei | 28.07.
Kaufbeuren, Make my day
Festival | 29.07. Erding,
Sinnflut Festival | 03.08.
Schierling, Labertal-Festival
| 03.08. Nennslingen, Play-
ground Open Air | 04.08.
Kösching, Mexico Open Air
BLACK DAHLIA
MURDER
02.08. Frankfurt / Main,
Nachdeben | 03.08. Wacken,
Wacken Open Air | 04.08.
Leisnig, Sucks ,n‘ Summer
Festival | 11.08. Bad Berka,
Party San Open Air | 16.08.
Dinkelsbühl, Summerbrezze
Festival | 26.08. München,
Free and Easy Festival “Red-
field Labelnight”
BLONDE REDHEAD
23.06. Heidelberg, Karlstor¬
bahnhof | 24.06. München,
Feierwerk e.V | 25.06. Ber¬
lin, Postbahnhof | 28.06.
Köln, Gebäude 9
BOOZED
09.06. Stemwede, Burning
Sofa Festival | 15.06. Ham¬
burg, Molotow | 14.07. Lan¬
genau, Open Air | 27.07. Be¬
elen, Krach Am Bach Festi¬
val | 28.07. Heeke, Pampa¬
rock Festival | 25.08. Schütt¬
dorf, Komlex Open Air |
08.09. Sarstedt, Open Air j
15.09. Bad Essen, Schwimm¬
bad Open Air | 26.10. Pün¬
derich, Band Invasion
BORIS
23.06. Dortmund, FZW |
04.07. Stuttgart, Schocken j
05.07. Hamburg, Molotow
BORN FROM PAIN
08.06. Röblingen am See,
Salt Lake Rocks Festival |
09.06. Kassel, Barracuda Bar
| 30.06. Münster, Vainstream
j 06.07. Aschaffenburg, Co-
los Saal | 07.07. Medewitz,
Open Air | 28.07. Weißen¬
fels, Schlossfestival | 14.08.
Mönichkirchen, Rocky
Mountains Festival | 18.08.
Villmar, Teils Beils Festival |
07.09. Gräfenhainichen, OFT
BOTANICA
07.06. München, Backsta¬
ge Club | 08.06. CH-Lu-
zern, Konzerthaus | 09.06.
CH-St.Gallen, Grabenhal¬
le | 10.06. CH-Winterthur,
Salzhaus | 11.06. Reudin¬
gen, Cafe Nepomuk | 13.06.
Neu-Ulm, Salon Hansen |
14.06. Soest, Sonic Club j
15.06. Krefeld, Blauer En¬
gel | 19.06. Düsseldorf, Pret-
ty Vacant Club | 20.06. Jena,
Rosenkeller | 21.06. Hal¬
le / Saale, Objekt 5 | 22.06.
Würzburg, U&D Festival |
27.06. Reichenau, Bütezettel
| 29.06. Lärz, Fusion Festival
BRIGGS
20.07. Hannover, Bei Chez
Heinz | 22.07. Leipzig,
Back To The Future Festival
| 25.07. Düsseldorf, AK47 |
26.07. Bielefeld,AJZ | 27.07.
Aulendorf, irReal | 28.07.
Homberg, Burgbergfesti¬
val | 29.07. München, Fei¬
erwerk e.V | 30.07. Hanno¬
ver, Bei Chez Heinz | 31.07.
Hamburg, Hafenklang (exil)
| 01.08. Kiel, Pumpe |
07.08. Köln, Sonic Ballroom
| 08.08. Freiburg, Walfisch |
11.08. Berlin, Wild At Heart
BRIGHT EYES
18.06. München, Elser Hal¬
le | 19.06. Wiesbaden,
Schlachthof | 20.06. Es¬
sen, Weststadthalle | 23.06.
Scheessei, Hurricane Festival
| 24.06. Neuhausen Ob Eck,
Southside Festival
BURY YOUR DEAD
22.06. Schloß-Holte. Ser-
engeti Festival | 24.06.
Herne, Pressure Festival |
26.06. Saarbrücken, Garage
| 27.06. Rosmarkt, Colos-
Saal | 28.06. Bochum, Ma¬
trix | 01.07. Löbnitz, With
Full Force Festival | 10.08.
Dresden, Alter Schlachthof |
14.08. München, Muffathal-
le | 15.08. München. Muf-
fathalle
CALI BAN
18.06. Augsburg, Kanti¬
ne / Musikkantine | 29.06.
Twistringen, Reload | 30.06.
Roitzschjora, With Full Force
Festival | 18.08. Dinkelsbühl,
Summerbrezze Festival
CASUALTIES
26.07. Bielefeld, AJZ | 27.07.
Rostock, Force Attack Fes¬
tival | 28.07. Berlin, KATO
Schickt eure Konzertdaten per eMail an termine@ox-fanzine.de oder erfasst sie selbst un¬
ter www.livegigs.de
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rer Website.
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die Veranstalter. Wir können keinerlei Garantie für die Richtigkeit der Angaben geben, da wir
sie genauso übernehmen, wie sie uns von den örtlichen Veranstaltern und den Konzerta¬
genturen übermittelt werden. Auch Auskünfte zu den Veranstaltungsorten können wir euch
leider nicht geben.
| 30.07. München, Feierwerk e.V. | 31.07.
Schweinfurt, Alter Stadtbahnhof | 13.08. Saar¬
brücken, Kleiner Club Garage | 16.08. Ham¬
burg, Hafenklang (exil) | 17.08.Torgau, Endless
Summer Festival | 18.08. Lindau, Club Vaude¬
ville | 20.08. CH-Basel, Sommercasino | 21.08.
Bochum, Matrix
CALEXICO
07.07. Bonn, Rheinkultur | 11.07. Darm¬
stadt, Centralstation | 12.07. Karlsruhe, Zelti-
val | 13.07. A-St. Pölten, Nuke Festival | 16.07.
Kassel, Kulturzelt | 17.07. Erlangen, E-Werk |
18.07. Jena, Kulturarena | 24.07. CH-Luzern,
Blue Balls Festival | 25.07. Dachau, Rathaus¬
platz | 26.07. Frankfurt / Oder, Inseltheater
Ziegenwerder
CHUNG
08.06. Marburg, Cafe Trauma | 09.06. Hanno¬
ver, Cafe Glocksee | 14.06. Hamburg, Hafen¬
klang (exil) | 15.06. Berlin, Diamond Lounge
| 21.06. Köln, Blue Shell | 22.06. Frankfurt /
Main, Cafe ExZess | 23.06. Chemnitz, Atomino
CLAUS GRABKE
08.06. Ulm, Cat Cafe | 06.07. Lingen, abi-
festival | 07.07. Rathenow, Havelaut Festival
| 14.07. Bad Salzdetfurth, Teichrock - Festi¬
val | 21.07. Talge, Talge Open Air | 07.09. Ber¬
lin, TWH
CLICK CLICK DECKER
21.07. Wadern, Rock am Bach -Festival | 24.07.
A-Pirkdorfer See, Lake 07 | 28.07. Grossefehn,
Omas Teich Festival | 11.08. Oberhausen, Ol¬
gas Rock
COLDWORKER
15.06. Marburg, KFZ | 16.06. Trier, Summer
Blast Fest | 17.06. Wermelskirchen, AJZ Bahn¬
damm | 19.06. München, Feierwerk e.V. |
20.06. Schweinfurt, Alter Stadtbahnhof | 21.06.
CH-Erstfeld,Transilvania | 28.07. Obersinn, Ei¬
senwahn Festival
CONVERGE
15.06. Wiesbaden, Schlachthof | 16.06. Trier,
Summer Blast Fest | 17.06. Chemnitz, AJZ Tal¬
schock | 19.06. Berlin, KATO | 22.06. Herne,
Pressure Festival | 30.06. Münster, Halle Müns¬
terland | 14.07. Nürnberg, Z-Bau | 16.07. A-
Wien, Arena | 18.07. München, Feierwerk e.V.
| 19.07. CH-Lausanne, Le Romandie
COR
08.06. Rostock, Trafo Werft3Eck | 09.06. Gei-
thain, Open Air | 22.06. Magdeburg, Sackfab¬
rik | 23.06. Gelsenkirchen, Amphitheater Gel¬
senkirchen | 07.07. Langenchursdorf, OpenAir
| 13.07. Ludwigslust, Burning Summer Open
Air | 14.07. Bergen auf Rügen, Rügen Rockt OA
| 28.07. Behnkenhagen, Force Attack Festival |
18.08. München, Rock for Hearts OA | 25.08.
Braunschweig, Rock for Heart OA | 31.08. We¬
sel, ORR OA | 01.09. Stavenhagen, Arsch Cho-
lio Open Air | 07.09. Berlin, Resist to Exist OA
| 07.09. Wilhehnsaue/Oderbruch, Punk Uff’m
Dorf OA | 08.09. Gräfenhainchen, OFT OA |
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r*s o *
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*/* “ i s .
C 5 § §
0^22
CONVERGE // RISE AND FALL // ANIMOSITY
PARKWAY DRIVE II INTERNAL AFFAIRS
DOWN TO NOTHING // MISERY INDEX
DEW SCENTED // COLDWORKER
BRING ME THE HORIZON II JOB FOR A COWBOY
1 LESSTHANJAKE + SUPPORT
WK BÜN8ESWK? M KARTENHAUSJBE »NB ßCKFTGNUNt OE
I im i ii ..
I “ EARTH CRISIS // SWORN ENEMY
♦ LOCAL SUPPORT
mm
SICK OF IT ALL
CONVERGE RISE AND FALL • ANIMOSTIY • NINTEEN REASONS
WK Ü 8 ER T 1 CKFT ONLINE 0 £ II CMVENTIM OE II ALIEN UNSEREN SHOPS II ALLE TER 8 AX SHOPS
CHECK IMS HnPifWWW MYSPACE.COM/lJVEINAOIVE Z|AU
HTTPJ/WWWMYSPACE.COM/NEVERSAVDIE SW
mm STRIKE ANYWHERE + SUPPORT
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CASUALT IES + SUPPORT
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07 in
U,1U - HFT.T.ONF.A
HELL ON EARTH TOUR 2007
WALLS OF JERICHO // BORN FROM PAIN //
FEAR MY THOUGHTS + MORE BANDS
OX-FANZINE 137
TERMINE
05.10. Bremen, Schlacht¬
hof | 06.10. Schwerin, Dok¬
tor K. | 22.12. Kiel, Pumpe
| 29.12. Oberhausen, Turbi¬
nenhalle | 20.01. Frankfurt /
Main, Batschkapp
CRUSHING CASPARS
08.06. Großenhain, Open
Air | 09.06. Schwedt, Open
Air | 15.06. Guben, No Bud¬
get Open Air | 16.06. Brahls-
dorf, Rock Gegen Rechts |
22.06. Stavenhagen, Open Air
| 06.07. Aschaffenburg, Co-
los Saal | 07.07. Medewitz,
Open Air | 03.08. Gro߬
röhrsdorf, Bike'n'Roll - Fes¬
tival | 12.08. Immenhausen,
AKKU | 07.09. Gräfenhaini-
chen, OFT | 08.09. Stavenha¬
gen, Tankhaus
D.H.
15.06. Hannover, Bei Chez
Heinz | 16.06. Itzehoe, Haus
der Jugend | 05.07. Leip¬
zig, Nato | 06.07. Gera, Un¬
tergrund | 29.09. Tübingen,
Epplehaus | 12.10. Bischofs¬
werda, East-Club
DECEMBERISTS
23.09. Köln, Live Music Hall
| 24.09. Frankfurt / Main,
Batschkapp | 25.09. Karlsru¬
he, Substage Rockrampe e.V
| 28.09. München, Muffa-
thalle | 29.09. Berlin, Post¬
bahnhof | 30.09. Hamburg,
Große Freiheit 36
DINOSAUR JR
29.06. München, Olympi¬
ahalle | 30.06. Berlin, Post¬
bahnhof | 01.07. Hamburg,
AOL Arena
DISCIPLINE
08.06. Gerach, Laimbachtal¬
halle | 09.06. Freiburg, Crash
Musikkeller
DO OR DIE
11.08. Olbernhau, Welcome
Goodbye Summer | 12.08.
Immenhausen, AKKU |
17.08. Berlin, Udo | 18.08.
Moers, Aretta
DOWN TO NOTHING
15.06. Trier, Summer Blast
Fest | 16.06. Bielefeld. AJZ
| 17.06. Chemnitz, Never
Say Die Festival | 19.06. A-
Dornbirn, Cafe Schlacht¬
haus | 20.06. Schweinfurt,
Alter Stadtbahnhof | 23.06.
Roßwein, JH | 24.06. Her¬
ne, Pressure Festival | 28.06.
Berlin, KATO | 29.06. Arpke,
Jugendtreff
DR. WOGGLE
& THE RADIO
09.06. Heidelberg. Halle 02
| 17.06. Kirchheim, Stadt¬
fest | 30.06. Weinheim,
Open Mind Air06 | 15.07.
Trief. Ex-Haus | 20.07. CH-
Brugg, Free for Peace-Festival
| 27.07. Mannheim, Bands
On Board
DRONES
18.06. Hamburg, Markthalle
| 19.06. Cottbus, Gladhouse
| 20.06. Jena, Rosenkeller |
21.06. Stuttgart, Die Röhre j
22.06. CH-Zürich, Mascotte
| 23.06. CH-Altdorf, Eventfa¬
brik | 03.08. Rees / Haldem,
Haldern Pop Festival
DUESENJAEGER
06.07. Göttingen, T-Kel-
ler | 07.07. Leipzig. Zor-
ro | 17.08. Stemwede, 31.
umsonst&draußen Festival |
08.09. Hannover, Kur Kon¬
zerte Festival | 06.10. Osna¬
brück, Ostbunker
DYSE
22.06. Schleusingen, Schul¬
club | 29.06. Lärz, Fusion
Festival | 06.07. Erfurt, Sto¬
ned From the Underground
Festival
EARTH CRISIS
24.06. Herne, Pressure Festi¬
val | 25.06. Bremen, Wehr¬
schloss | 26.06. München,
Backstage | 27.06. Schwein¬
furt, Alter Stadtbahnhof |
30.06. Roitzschjora, With
Full Force Festival
EDITORS
12.06. Berlin, Postbahnhof |
13.06. Köln, Kulturkirche j
22.06. Scheeßel, Hurricane
Festival | 24.06. Neuhausen
Ob Eck, Southside Festival,
FEAR MY THOUGHTS
16.06. Trier, Summer Blast
Fest | 30.06. Twistringen,
Reload | 01.07. Roitzschjo¬
ra, With Full Force Festival
| 16.08. Dinkelsbühl, Sum-
merbrezze Festival | 08.09.
Remchingen, Slamdance Ma-
nia Festival
FELIX CULPA
15.06. Sögel, Alter Bahnhof
| 04.08. Löningen, Freibad
| 07.09. Essen, Cafe Nova |
I 5.09. Wolfsburg, Schlacht¬
haus | 28.09. Rügen, E-Werk
| 29.09. Rügen, E-Werk
FILMS
23.06. Neuhausen Ob Eck,
Southside Festival | 24.06.
Scheeßel, Hurricane Fes¬
tival | 27.07. Berlin, Ber¬
lin Festival | 28.07. Grosse¬
fehn, Omas Teich Festival |
10.08. Rothenburg, Tauber¬
tal Festival | 11.08. Eschwe-
ge. Open Flair
FIRE IN THE ATTIC
22.06. Radevormwald,
Schoofs Out Party 2007 |
07.07. Bonn, Rheinkullur |
14.07. Geretsried, Sonnenrot
Festival | 28.07. Bausendorf-
Olkenbach, Riezer Stübchen
| 03.08. Trebur, Trebur Open
Air | 05.08. A-Bleiburg, Lake
07 Festival | 18.08. Fuchstal,
Open Air Fuchstal | 24.08.
Elend, Rocken am Brocken
Festival | 25.08. Cuxhaven,
Deichbrand Festival | 30.08.
Hamburg, Hafenklang (exil)
FLESH
10.06. A-Wien, Chelsea |
11.06. A-Innsbruck, Week-
ender Club | 12.06. Mün¬
chen, Feierwerk e.Y | 13.06.
Stuttgart, Schocken | 14.06.
Nürnberg, K4 | 15.06. Köln,
Gebäude 9 | 16.06. Ludwigs¬
hafen, Das Haus | 17.06.
Wiesbaden, Wiesbaden |
18.06. Berhn, Magnet Club |
19.06. Hamburg, Molotow |
20.06. Münster, Gleis 22
GENEPOOL
08.06. Heilbronn, Stereo To¬
tal | 09.06. Neuensee, Rock
im Wald | 21.07. Hade-
marschen, RRock Festival |
11.08. Oberhausen, Olgas
Rock | 17.08. Stemwede, JFK
Festival | 02.10. Köln, Under¬
ground | 04.10. Hamburg,
Hafeaklang (exil) | 05.10.
Hannover, Bei Chez Heinz
| 06.10. Chemnitz, Bunker
| 07.10. Berlin, White Trash
| 11.10. Dortmund. FZW |
13.10. München, Backsta¬
ge Club | 14.10. Wiesbaden,
Schlachthof
GIRLSCHOOL
20.07. Lübeck, Treibsand |
21.07. Jüterborg, Altes Lager
GOGOL BORDELLO
24.06. A-Wien, Donauinsel¬
fest | 03.07. Karlsruhe, Zel-
tival | 29.07. CH-Paleo, Pa-
leo Festival | 11.08. CH-Zo-
fingen, Heitere Open Air |
12.08. Rothenburg, Taubertal
Festival | 17.08.CH-Gampel,
Open Air
GOLDENEN ZITRONEN
12.07. Esslingen, Komma |
13.07. München, Kammer¬
spiele | 14.07. Augsburg,
Brecht Convention Festival
HARA-KEE-REES
08.06. Berlin, Bassy-Cow-
boy-Club | 11.06. Hamburg,
Molotow | 12.06. Kassel,
A.R.M. | 13.06. Nürnberg,
Muz Club | 14.06. Stuttgart,
Keller Klub | 16.06. Köln,
Sonic Ballroom
HASS
07.09. CH-Zürich, Dynamo
| 22.09. München, Feier¬
werk e.V. | 28.09. Essen, Ze¬
che Carl e.V. | 05.10. Ham¬
burg, Uebel&Gefahrlich |
19.10. Chemnitz, AJZ Tal¬
schock | 20.10. Berlin, SO
36 | 29.12. Oberhausen,Tur¬
binenhalle
HATEBREED
19.06. CH-Zürich, Hallen¬
stadion | 23.06. Mannheim,
Feuerwache | 25.06. A-Wör-
gl, Komma | 29.06. Roitz¬
schjora, With Full Force Fes¬
tival | 30.06. Münster, Vain-
stream
HATESPHERE
13.06. Hannover, MUZ
NORD | 14.06. Berlin. K 17
| 15.06. Trier, The Ultima-
te Summer Blast Festival |
17.06. Köln, Underground
| 18.06. Osnabrück, Bastard
Club | 19.06. Darmstadt,
Steinbruch | 20.06. Mün¬
chen, Metropolis | 21.06.
CH-Erstfeld, Transilvania |
22.06. A-Salzburg, Summer
Nights Festival | 23.06. A-
Millstadt, Bergwerk | 24.06.
A-Wien, Arena | 07.07. Os¬
terode, Rock Harz. Open Air
| 19.07. Kreuth, Earthshaker
Fest | 18.08. Ubstadt-Weiher,
Motoball-Arena | 19.08. Es¬
sen, Essen Original | 01.09.
Hameln, Joch'n'Roll Fest |
10.11. Essen, Ru Fest
HAUSVABOT
10.06. Albersdorf, Punk am
Ring | 27.07. Behnkenha-
gen, Force Attack Festival |
01.09. Hameln, Regenbogen
| 21.09. Chemnitz, AJZ Tal -
schock | 22.09. Magdeburg,
Sackfabrik | 23.09. Dres¬
den, Chemiefabrik | 24.09.
Rostock, Toxis Weißes Kreuz
| 25.09. Hamburg, Hafen¬
klang (exil) | 26.09. Wer¬
melskirchen, AJZ Bahndamm
| 27.09. Göttingen, JuzI |
28.09. Hameln, Sumpfblu¬
me | 30.09. Augsburg, Kan¬
tine / Musikkantine | 02.10.
Weiden, 5 Inch Club |
04.10. Nürnberg, Kunstver¬
ein | 05.10. Arnstadt, Lok-
schuppen
HEAVEN SHALL BURN
23.06. München, Backslage
| 27.07. Dieburg, Traffic Jam
Open Air | 04.08. Wacken,
Wacken Open Air
HELL ON EARTH
TOUR 2007
mit: WALLS OF JERICHO.
BORN FROM PAIN. FEAR MY
THOUGHTS I 13.09. Frank¬
furt / Main, Batschkapp |
14.09. Saarbrücken, Garage
| 20.09. Hannover, Musik-
Zentrum | 21.09. Dresden,
Reithalle | 22.09. Berlin, SO
36 | 05.10. Jena, F-Haus |
06.10. Essen, Funbox Amalie
| 07.10. Schweinfurt, Alter
Stadtbahnhof | 12.10. Fürs¬
tenfeld, Jugendzentrum Co-
yoba | 13.10. Donauwörth,
JuZE | 31.10. Freising, Lin¬
denkeller | 01.11. CH-Lu-
zem, Sedel | 02.11. A-Luste-
nau, Factory | 03.11.CH-Us-
ter, Rock City
HOLD STEADY
23.06. Neuhausen Ob Eck,
Southside Festival | 24.06.
Scheeßel, Hurricane Festival
IGNITE
17.08. Torgau, Endless Sum¬
mer Festival | 18.08. Ub-
stadt-Weiher, Weiher Hilft
Festival | 25.08. Horb am
Neckar, Minirock Festival |
31.08. Bamberg, Rock My
Ass Festival | 01.09. Herne,
Fear 8t Fury Festival
ISIS
12.06. Köln, Bürgerhaus
Stollwerck | 13.06. Berlin,
Postbahnhof | 24.06. Schee¬
ßel, Hurricane Festival
JASON ANDERSON
16.06. Berlin, Trompe¬
te | 21.06. A-Wien, Arena |
22.06. München, Kafe Kult j
23.06. Esslingen, Komma
JAY REATARD
09.06. Speyer, FLÄMING
STAR | 11.06. Konstanz,
Contrast | 12.06. Frankfurt
/ Main, Dreikönigskeller |
24.06. Hamburg, Beat Club
JOB FOR A COWBOY
12.06. Münster, Triptychon
| 13.06. Gießen, MUK |
14.06. München, Feierwerk
e.V | 15.06. Wiesbaden.
Schlachthof | 16.06. Trier,
Summer Blast Fest | 17.06.
Chemnitz, AJZ Talschock |
19.06. Berhn, SO 36 | 20.06.
Schweinfurt, Alter Stadtbalm¬
hof | 22.06. Herne, Pressu¬
re Festival
KAFKAS
16.06. Wadern, Jugendclub
| 23.06. Stavenhagen, Elek¬
trisch Verstärkt-Open Air |
29.06. Amberg, Juz Klärwerk
| 06.07. Koblenz, HOT |
19.10. Tübingen, Epplehaus
| 20.10. Ulm, Beteigeuze
KARAMELO SANTO
29.06. Oettingen, Karibische
Naechte | 30.06. Stuttgart,
Festival der Kulturen | 02.07.
Freiburg, Zelt-Musik-Festival
| 03.07. Jena, JG - Stadtmitte
| 06.07. A-Aflenz, Green Val¬
ley Festival | 09.07. Reutlin¬
gen, Cafe Nepomuk | 10.07.
Erlangen, E-Werk | 12.07.
Kiel, Pumpe | 17.07. Mün¬
chen, Feierwerk e.V | 19.07.
Regensburg, Alte Mälzerei |
21.07. Berlin,YAAM | 03.08.
Bad Windsheim, Weinturm
Open Air | 06.08. Düssel¬
dorf, ZAKK | 07.08. Hanno¬
ver, MusikZentrum
KATE MOSH
09.06. Heilbronn. MOBI-
LATclub | 27.07. A-St. Veit,
Buschrock | 04.08. Trebur,
Trebur Open Air | 11.08.
Storkow, Mamallapuram Fes¬
tival | 27.09. Dortmund,
FZW | 28.09. Münster, Amp
| 29.09. Bremen, Römer |
03.10. Hamburg, Grüner Jä¬
ger St. Pauli | 04.10. Ilme¬
nau, BD Club | 05.10. Karls¬
ruhe, Jubez | 06.10. Nürn¬
berg, Club Stereo
LAMBCHOP
07.07. Bonn, Rheinkul¬
tur | 09.07. Hamburg,
Uebel&Gefahrlich | 10.07.
Aschaffenburg, Colos Saal |
12.07. CH-Montreux, Jazz
Festival | 13.07. A-Feldkirch,
Poolbar Festival | 14.07. A-
St. Pölten, Nuke Festival |
16.07. Karlsruhe, Zeltival j
17.07. Erlangen, E-Werk
LESS THAN JAKE
21.06. Leipzig, Parkbühne
| 25.06. Schweinfurt, Alter
Stadtbahnhof | 26.06. Ber¬
lin, KATO | 29.06. Monta¬
baur, mach 1 Festival | 30.06.
Münster, Vainstream
LOCUST
22.08. Hamburg. Hafen¬
klang (exil) | 24.08. Han¬
nover, Cafe Glocksee |
26.08. Leipzig, Conne Island
| 27.08. Marburg, KFZ |
28.08. Stuttgart, Schocken j
29.08. Wiesbaden, Schlacht¬
hof | 30.08. Nürnberg, K4 |
31.08. München, Kranhalle j
09.09. Saarbrücken, Roxy
LOGH
28.06. Kassel, Documenta |
30.06. Bremen, Römer
MAD MONKS
16.06. Stapelfeld,
Umsonst&Draussen | 23.06.
Stavenhagen, Elektrisch Ver¬
stärkt-Open Air | 14.07.
Neuenkirchen, Neuenkirche-
ner Open Air | 21.07. Nor¬
denham, Fonsstock-Festival
| 28.07. Grossefehn, Omas
Teich Festival | 04.08. Bre¬
men, Open Air am Pier |
10.08. Wiefelstede, Night
Festival | 11.08. Tarmstedt,
Rock Den Lukas | 11.08. Ba¬
kum, Staatsforsten Open Air
MADBALL
04.08. Leisnig, Suck$ ,n‘
Summer Festival | 05.08.
Marburg. KFZ | 07.08. Bo¬
chum, Matrix | 17.08. Frei¬
burg, Crash Musikkeller
MISERY INDEX
15.06. Marburg, KFZ | 16.06.
Trier, Summer Blast Fest |
17.06. Wermelskirchen, AJZ
Bahndamm | 18.06. Hanno¬
ver, Indiego | 19.06. Mün¬
chen, Feierwerk e.V. | 20.06.
Schweinfurt, Alter Stadtbahn¬
hof | 21.06. CH-Erstfeld,
Transilvania | 28.07. Ober¬
sinn, Eisenwahn Festival
MIT
15.06. Mannheim, Feuer¬
wache | 16.06. Bayreuth,
Uni Festival | 07.07. Lin-
gen, abi-festival | 21.07.
Rüsselsheim, PhonoPop Fes¬
tival | 26.07. Kassel. A.R.M.
| 27.07. Berhn, Berhn Festi¬
val | 28.07. Dortmund, Jui-
cy Beats Festival
MONTREAL
09.06. München, Backstage
| 21.06. Dortmund, FZW |
22.06. Stukenbrock, Serenge-
ti Festival | 23.06. Gelsenkir¬
chen, Amphitheater Gelsen¬
kirchen | 07.07. Verl, Rock
den Sand | 13.07. Harsefeld,
Gymnasium | 14.07. Teten¬
büll, Theatrium | 21.07. Im¬
menstadt, Rock am Insel¬
see | 27.07. Herzogenau¬
rach, School's Out Festival |
05.08. Trebur, Trebur Open
Air | 08.09. Helmbrechts,
Warwood Festival
MUFF POTTER
09.06. CH-Zürich, Zürich
Festival | 16.06. Oberhau¬
sen, Rock Airea | 10.07. A-
Pirkdorfer See, Lake 07 |
20.07. Weigendorf, Weigen-
dorf Open-Air | 21.07. Pa¬
derborn, Open Horizon Fes¬
tival | 28.07. Bad Karlsha¬
fen, Sonic Bang Festival |
10.08. Eschwege, Open Flair
| 11.08. Rothenburg o.d.
Tauber, Taubertal Festival |
18.08. Rotenhain, Open Air
| 25.08. Lüdinghausen, Area
4 Festival | 01.09. Elmshorn,
Krückau Festival | 13.09. Er¬
furt, Engelsburg | 14.09. lan¬
gen, Rock am Pferdemarkt |
15.09. Hamburg, Knust |
16.09. Berhn, Lido | 17.09.
Dresden, Groove Station |
19.09. Köln, Underground
| 20.09. Bielefeld, KAMP |
21.09. Dortmund, FZW j
22.09. Saarbrücken, Roxy |
23.09. Buchloe, JUZ | 25.09.
Gießen, MUK | 26.09. Erlan¬
gen, E-Werk | 27.09.A-Graz,
PPC | 28.09. A-Lustenau, Ca-
rini Saal | 29.09. A-Steyr,
Röda | 30.09. A-Wien. Are¬
na | 02.10. Konstanz, KuLa
| 03.10. CH-Luzern, Schüür
| 05.10. Karlsruhe, Substa¬
ge Rockrampe e.V | 06.10.
Chemnitz, Talschock
MURPHY’S LAW
12.08. Berhn, Cassiopeia |
15.08. München, Backstage
NAKED LUNCH
29.06. Passau, Passauer
Kunstnacht | 02.08. Rees-
Haldern, Haldern Festival |
03.08. Freising, Prima leben
und Stereo Festival
NARZISS
09.06. Iserlohn, Stay Wild |
31.08. Hameln, Joch'n'Roll
Fest | 29.09. Merzig, Rock
Auf Dem Berg
NEAERA
16.06. Trier, Summer Blast
Fest | 23.06. Wolfsburg, Hal¬
lenbad | 24.06. A-Wien, Do-
nauinselfest | 29.06. Roitz¬
schjora, With Full Force Festi¬
val | 02.08. Wacken, Wacken
Open Air | 18.08. Ubstadt-
Weiher, Weiher Hilft Festival
| 31.08.A-Kärnten, RockThe
Lake Festival | 08.09. Rü¬
dersdorf, Gruenen Kehle 1
NEBULA
03.07. Köln, Underground
| 05.07. Berlin, Knaack |
06.07. Sondershausen, Last
Resort Festival | 15.07.
München, Backstage Club |
17.07. A-Millstadt, Bergwerk
| 18.07. A-Wien, Escape
NEVER SAY DIE! HEAT
SEEKER FESTIVALS
mit: CONVERGE, PARKWAY
DRIVE, BRING ME THE HO¬
RIZON, RISE AND FALL, ANI-
MOSITY | 17.06. Chemnitz,
AJZ Talschock | 19.06. Ber¬
hn, SO 36 | 20.06. Schwein¬
furt, Alter Stadtbahnhof
NINE POUND HAMMER
29.06. Münster, Gleis 22 |
01.07. Berlin, Wild At Heart
| 02.07. Halden, Dr Feel-
good | 04.07. Hamburg,
Molotow | 05.07. Nürnberg,
K4 | 06.07. München, Mo¬
nofaktur | 07.07. Tübingen,
Epplehaus
ORANGE GOBLIN
08.09. Cammer, Gutspark -
South Of Mainstream Festival
| 09.09. Hamburg, Molotow
| 10.09. Jena, Rosenkeller |
14.09. Köln, Underground
PALE
28.06. Münster, Skaters Palace
| 29.06. Würselen, Burg Wil¬
helmstein | 06.07. Lingen,
abi-festival | 07.07. Bonn,
Rheinkultur
PARKWAY DRIVE
16.06.Trier, Festival | 17.06.
Chemnitz, AJZ Talschock |
19.06. Berlin, SO 36 | 20.06.
Schweinfurt, Alter Stadtbahn¬
hof | 23.06. Herne, Pressu¬
re Festival | 30.06. Münster,
Vainstream
PASCOW
26.05. Duisburg, Asta Keller
Uni Duisburg | 08.06. Sieg¬
burg, SJZ | 09.06. Braun¬
schweig, Nexus | 23.06. Gel¬
senkirchen, Amphitheater
Gelsenkirchen | 21.07. Wa¬
dern, Rock am Bach - Fes¬
tival | 28.07. Behnkenha-
gen, Force Attack Festival |
08.09. Hannover, Kur Kon¬
zerte Festival
PAUL WELLER
18.09. Köln, Tanzbrunnen |
19.09. Hamburg, Musikhal¬
le Hamburg | 20.09. Berlin,
Schiller Theater
PLACE OF SKULLS
23.09. Osnabrück, Bastard
Club | 25.09. Köln, MTC
| 28.09. CH-Luzem, Sedel
| 30.09. A-Wien, Escape |
03.10. Leipzig, UT Conne¬
witz | 05.10. Spremberg,
Erebos | 07.10. Berhn, Roa-
drunners Paradise
POISON IDEA
20.07. Kinsau, Rote Zora Fes¬
tival | 21.07. München, Back¬
stage | 22.07. Pouch, Back To
Future Festival | 10.08. Heil¬
bronn, Stereo Total
PORCUPINE TREE
22.06. Köln, E-Werk | 23.06.
Neuhausen Ob Eck, Southsi¬
de Festival | 24.06. Scheeßel.
Hurricane Festival | 30.06.
Offenbach, Capitol | OS.07.
Berhn, Columbia Club |
08.07. Leipzig, Parkbühne
POTHEAD
16.06. Hohenlobbese, Pot¬
stock | 13.07. Öttersdorf,
Open Air Festival | 21.07.
Bersenbrück-Talge, Talge
Openair | 01.09. Freden-
beck, Rock am See | 08.09.
Hindenberg, Glück Auf
Open Air | 21.09. Rostock,
M.A.U. Club | 29.09. Dort¬
mund, FZW
PURGEN
21.09. Chemnitz, AJZ Tal¬
schock | 22.09. Magdeburg,
Sackfabrik | 23.09. Dres¬
den, Chemiefabrik | 24.09.
Rostock, Toxis Weißes Kreuz
| 25.09. Hamburg, Hafen¬
klang (exil) | 26.09. Wer¬
melskirchen, AJZ Bahndamm
| 27.09. Göttingen, JuzI |
28.09. Hameln, Sumpfblu¬
me | 30.09. Augsburg, Kan¬
tine / Musikkantine | 02.10.
Weiden, 5 Inch Club |
04.10. Nürnberg, Kunstver¬
ein | 05.10. Arnstadt, Lok-
schuppen
QUEENS OF THE
STONE AGE
22.06. Scheeßel, Hurricane
Festival | 23.06. Neuhausen
Ob Eck, Southside Festival |
28.06. Köln, E-Werk | 04.07.
Berlin, Columbiahalle
REJECTED YOUTH
14.07. Sulzbach, Black Cats
Open Air | 04.08. Potsdam,
Archiv | 15.09. Langenzenn,
Open Air | 21.09. Neuen¬
kirchen, Juz | 22.09. Brühl,
JuZe | 23.09. Moers. Süd¬
ring | 10.11. Ravensburg, Ju¬
gendhaus Ravensburg
SHARK SOUP
07.07. Erlangen, E-Werk |
14.07. Sulzbach-Rosenberg,
Black Cats Open Air
SHE-MALE TROUBLE
20.07. Glaubitz, Back To The
Future Open Air | 24.08.
Horb am Neckar, Minirock
Festival | 25.08. Meidelstet-
ten, Kick- und Musikfest
SICHELZECKEN
22.06. Brühl, JuZe | 23.06.
Aachen, AZ j 13.07. Müns¬
ter, Bosporus | 14.07. Her¬
zebrock, Muck | 28.07. Aa¬
chen, Mühle | 14.09. Bar¬
singhausen, Falkenkeller
| 15.09. Warendorf. Dub¬
lin Road
SICK OF IT ALL
23.06. Herne, Pressure Fes¬
tival | 30.06. Roitzschjo¬
ra, With Full Force Festival
| 02.07. A-Hohenems/Vor-
arlberg, Tennis Event Center
| 03.07. Lindau, Club Vaude¬
ville | 06.07. Saarwellingen,
Rock Weh Festival | 07.07.
Bonn, Rheinkultur | 14.07.
Nürnberg, Z-Bau | 31.08.
Hameln, Joch'n'Roll Fest |
01.09. CH-Granichen, Open
Air Festival | 14.09. Ber¬
lin, SO 36
SMOKE BLOW
29.06. Roitzschjora, With
Full Force Festival | 30.06.
Gelsenkirchen, Amphitheater
Gelsenkirchen | 07.07. Geis¬
lingen, Helfenstein-Festival
| 28.07. Backnang, Jugend¬
zentrum Backnang | 04.08.
Großröhrsdorf, Bike'n'Roll
- Festival
SONDASCHULE
21.06. Dortmund, FZW |
06.07. Geislingen, Helfen¬
stein-Festival | 07.07. Dahl¬
hausen, Tittemania Festival
| 21.07. Cloppenburg, Sta¬
pelfelder Open Air | 04.08.
Oberhausen, Pogo United
Festival | 1 1.08. Neuwurs-
schnitz, Waldbad Open Air |
12.08. Lichtenfels, Rock am
See Festival | 17.08. Elz,Teils
Beils Festival
SONIC YOUTH
16.06. Wiesbaden, Schlacht¬
hof | 21.06. München, Toll¬
wood Festival | 26.06. Köln,
E-Werk | 27.06. Berlin, Co¬
lumbiahalle
STRIKE ANYWHERE
20.06. Hamburg, LOGO |
22.06. Chemnitz, Talschock
| 06.07. Geislingen, Helfen¬
stein-Festival | 08.07. A-Vi-
enna, Arena | 16.07. Mün¬
chen, Backstage | 17.07.
Schweinfurt, Alter Stadt¬
bahnhof
STRUNG OUT
01.07. Roitzschjora, With
Full Force Festival
SWORN ENEMY
15.06. Trier, Summer Blast
Fest | 21.06. Hannover, Mu¬
sikZentrum | 24.06. Her¬
ne, Pressure Festival | 25.06.
Freiburg, Atlantik | 26.06.
Schweinfurt, Alter Stadtbahn¬
hof | 27.06. Augsburg, Kan¬
tine / Musikkantine | 30.06.
Roitzschjora, With Full Force
Festival | 05.07. A-Wörgl,
Komma | 06.07. A-St. Pölten,
FreiRaum
TEN EAST
10.06. Hamburg, Hafenklang
(exil) | 12.06. Osnabrück,
Bastard Club | 13.06. Köln,
Underground | 14.06. Jena,
Rosenkeller | 16.06. Aachen,
Musikbunker
THERMALS
08.07. Flensburg, Volxbad
| 09.07. Dortmund, FZW |
10.07. Bremen, Lagerhaus
| 13.07. Gräfenhainchen,
MELT! Festival | 21.07. Rüs¬
selsheim, Phono Pop Festival
TURBO AC‘S
19.07. Dortmund, FZW |
21.07. Wadern, Rock am
Bach - Festival | 22.07. Frei¬
burg, Walfisch | 26.07. Ber¬
lin, Wild At Heart | 27.07.
Johannesberg, Mühlbergfes¬
tival | 28.07. Lindau, Um¬
sonst und Draußen | 29.07.
Buchloe, JZ Buchloe | 30.07.
Hannover, Bei Chez Heinz |
01.08. Kiel, Pumpe | 07.08.
Koblenz, Circus Maximus
UNEARTHLY TRANCE
08.09. Spremberg, Erebos |
13.09. Rostock, JAZ | 14.09.
Leipzig, Zorro
VAGEENAS
09.06. München, Glocken¬
bachwerkstatt | 16.06. Wies¬
baden, Kulturpalast Wies¬
baden | 18.06. Köln, Sonic
Ballroom | 28.07. Rostock,
Force Attack Festival
WALLS OF JERICHO
15.06. Sittard, Fenix | 16.06.
Trier, The Ultimate Summer
Blast Festival | 19.06. Mar¬
burg, KFZ | 20.06. Biele¬
feld, Movie | 21.06. Hanno¬
ver, MusikZentrum | 22.06.
Weinheim, Cafe Central |
24.06. Herne, Pressure Festi¬
val | 27.06. Augsburg, Kan¬
tine / Musikkantine | 30.06.
Roitzschjora, With Full Force
Festival j 02.07. Berchtesga¬
den, Kuckucksnest | 03.07.
A-Oberwart, OHO j 04.07.
Augsburg, Kantine / Musik¬
kantine | 07.07. Saarwellin¬
gen, Rock Well Festival
WATERDOWN
07.07. Geislingen, Helfen¬
stein-Festival | 28.07. Lin¬
dau, Umsonst & Draußen
Festival | 01.09. Lüden¬
scheid, Midsummer Open Air
| 29.09. Menningen, Rock
auf dem Berg | 06.10. Oet¬
tingen, JUZ | 26.10. Schne¬
verdingen, FZB
YOU SAY PARTY!
WE SAY DIE!
02.07. Köln, Gebäude 9 |
03.07. Hamburg, Molotow |
04.07. Berlin. Lido
ZERO MENTALITY
15.06. Trier, The Ultima¬
te Summer Blast Festival |
23.06. München, Backsta¬
ge | 24.06. Backnang, Stras-
senfest | 29.06. Würzburg,
AKW! | 03.07. CH-Zürich,
Dynamo | 06.07. Bochum,
Matrix | 12.07. Köln. MTC |
31.08. Hameln, Joch'n'Roll
Fest | 03.11. Mönchenglad-
bach, Aqua
ZAUNPFAHL '
16.06. Neukirch, 01904 |
22.06. Stavenhagen, Elek¬
trisch Verstärkt-Open Air |
06.07. Medewitz, Open Air
| 07.07. Langennaundorfi JC
Open-Air | 29.07. Behnken-
hagen, Force Attack Festival
| 31.08. Barby, Spirit-from-
the-street Open Air | 01.09.
Hameln, Joch'n'Roll Fest |
07.09. Berlin, Resist to Exist
OA | 08.09. Wilhelmsaue/
Oderbruch, Punk UfFm Dorf
OA | 14.09. Auterwitz, Rock
i.d. Scheune | 06.10. Kolmar,
Gasthof
VORSCHAU OX #23
SUBHUMANS, JULIEN TEMPLE, STÄRVING
MISSILE RECORDS, AGAINST ME, BAD RELIGION,
MUNICIPÄL WASTE, ALICJA TROUT, JAY REATARD,
D.O.Ä., INFERNO, TOWERBLOCKS, TURBOSTAAT,
TITZ, BORN FROM PAIN
Ox # 73 erscheint am 2. August 2007.
Rezensionsmaterial muss bis zum
30. Juni eingetroffen sein.
News und Termine brauchen wir
bis spätestens 15. Juli
OX-FANZINE 138
Pestpocken
GOMMANDANTES
FAHNENFLUCHT
Palmara
Skanibals
HAUSVABOT
hoskovskAva UälkymnS
Ein Bier
ein Euro!
www.forceattack.de
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DESTROY ALL MONSTERS
Grow Live Monsters DVD
(MVD)
„Grow Live Monster“ ist eine
Auswahl aus No-Budget Super
8-Film-Fantasien, die zwischen
1971 und 1976 gedreht
wurde.
Die Filme drehen sich um
DESTROY ALL MONSTERS
und wie viel Lärm sie in
Kellerräumen und live machen
konnten. Psychedelic trifft
Noise trifft Kunst.
BITUME
Gut Im Trend CD/LP
(Rookie)
Das vierte Album der vier Nord¬
lichter, produziert von Archi
Alert (u.a. TERRORGRUPPE,
MOVEMENT, CREETINS).
Intelligenter Punkrock mit dem
Gespür für die richtige Melodie.
Hier eine Verbeugung an die
frühen Jahre der TOTEN
HOSEN, dort eine Inspiration
durch SOCIAL DISTORTION.
Hier FEHLFARBEN in der
Stimme, dort BUT ALIVE in den
Texten.
DRAGONS
Here Are The Roses CD
(Ohm)
David Francolino (LEVITATION)
erschafft auf „Here Are The
Roses“ zusammen mit
Elektronik-Abenteurer Anthony
Tombling Jnr. eine Unterwelt
voller geisterhafter Vokale und
unvergleichlichen Melodien. Als
hätten die EDITORS einen elek¬
trischen Schlag bekommen und
DEPECHE MODE die letzte
Nacht auf einem Nagelbett ver¬
bracht. Willkommen im Jahr
der DRAGONS.
HANDSOME FÜRS
Plague Park CD/LP
(Sub Pop)
Das neue Projekt von Dan
Broeckner, dem Sänger von
WOLF PARADE!
»Da können sich LOW warm
anziehen, wenn sie hören, was
ihre Labelmates HANDSOME
FÜRS auf ihrem Debütalbum
„Plague Park“ angerichtet
haben. (...) Nur mit Gitarren,
Drum Machine und Beatbox
codieren sie die Melancholie
um in mal zornige, mal hym-
nisch-krachende feedbackge¬
tränkte Musik (...)«
- Musikexpress
ABWÄRTS
ROM-
n
ABWÄRTS
Rom CD/LP
(Cargo Records)
Das neue Abwärts Album - ab
dem 08.06. überall erhältlich.
Hört „Lucky Fucky“ von
ABWÄRTS auf der Ox-CD in '
dieser Ausgabe!
»Der deutliche musikalische
Aufwärtstrend der legendären
Punkband setzt sich mit dem
von Rodrigo Gonzales (DIE
ÄRZTE) produzierten neuen
Album fort.« - Musikexpress
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JETSOVERHEAD ^
Bridges CD
(Sweet Nothing)
Nominiert für die kanadischen
Juno Awards in der Kategorie
„Best New Group“, beweisen
JETS OVERHEAD, dass experi¬
mentelle Rockmusik großartige
Songs hervorbringen kann.
Chillige Gitarrengrooves,
erhebende Songs, hypnotischer
Trancerock der Erinnerungen an
THE VELVET UNDERGROUND,
MYBLOODY VALENTINE,
SPIRITUALIZED und THE
MAMAS AND THE PAPAS weckt.
THE MOANERS
Blackwing Yalobusha CD
(Yep Roc)
„Blackwing Yalobusha“ ist
weniger Komposition und mehr
Beschwörung, nach den Worten
von Gitarristin/Sängerin Melissa
Swingle (Ex-TRAILER BRIDE)
dazu gedacht, „ein wenig Glück,
ein wenig Traurigkeit und ein
bisschen Grusel zu fühlen,
solange man fühlt und leiden¬
schaftlich fühlt.“ Ein Genie¬
streich des Garageblues-Duos
Laura King und Melissa Swingle.
PISSED JEANS
Hope For Men CD/LP
(Sub Pop)
»DIE Sub Pop Neuentdeckung!
Vorhang auf für PISSED JEANS
aus Allentown, PA! „Yeah, seit
Jahren wirklich keine so kaputte
Band mehr gehört, die sich auf
einer Platte derart fertig durch
die Stücke hackt. Herrlich, da
fühlt man sich gleich besser,
denn DIE sind richtig fertig und
angefressen! Wem FLIPPER ein
wenig zu drogenfrei und harm¬
los waren, der sollte hier sein
Glück finden!« - Ox-Fanzine
»Das neue Jennifer Gentle Opus
bietet wieder eine „Achterbahn¬
fahrt der Seinszustände wie sie
etwa im großartigen Endzeit-
Roman ,Fear And Loathing In
Las Vegas’ geschildert wird.«
- gaesteliste.de
»Die verrücktesten Italiener, die
nicht in die Politik gegangen
sind. Noch nicht.«
- plattentests.de
PSYCHIC TV
Hell Is Invisible...
Heaven Is Here CD
(Sweet Nothing)
Die erste Aufnahme des multi¬
kulturellen Grenzgängers
Genesis P-Orridge (THROBBING
GRISTLE) mit seinen reinkar-
nierten PSYCHIC TV alias PTV3!
Handverlesene Gäste sind Nick
Zinner (YEAH YEAH YEAHS),
Gibby Haynes (BUTTHOLE
SURFERS) und der renommier¬
te Autor Douglas Rushkoff. Eine
chronologische Reise durch den
Tod in Richtung Wiederaufer¬
stehung zur spirituellen Erleuch¬
tung.
JENNIFER GENTLE
The Midnight Room CD
(Sub Pop)
Psychedelica meets Punk goes
Noise.
Im Vertrieb von
GERMANY
»ww.cargo-records.de
AvimKinnun i un i i aj i ihiai i mwawc iwiw-iwp wiiiw.io kikhix/ iiiii i cviai im ai iwi cjac iwncn cicn\imM 7 / ff □MI7MWJ-
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Here Are The Roses CD
(Ohm)
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voller geisterhafter Vokale und
unvergleichlichen Melodien. Als
hätten die EDITORS einen elek¬
trischen Schlag bekommen und
DEPECHE MODE die letzte
Nacht auf einem Nagelbett ver¬
bracht. Willkommen im Jahr
der DRAGONS.
HANDSOME FÜRS
Plague Park CD/LP
(Sub Pop)
Das neue Projekt von Dan
Broeckner, dem Sänger von
WOLF PARADE!
»Da können sich LOW warm
anziehen, wenn sie hören, was
ihre Labelmates HANDSOME
FÜRS auf ihrem Debütalbum
„Plague Park“ angerichtet
haben. (...) Nur mit Gitarren,
Drum Machine und Beatbox
codieren sie die Melancholie
um in mal zornige, mal hym-
nisch-krachende feedbackge¬
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- Musikexpress
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PISSED JEANS
Hope For Men CD/LP
(Sub Pop)
»DIE Sub Pop Neuentdeckung!
Vorhang auf für PISSED JEANS
aus Allentown, PA! „Yeah, seit
Jahren wirklich keine so kaputte
Band mehr gehört, die sich auf
einer Platte derart fertig durch
die Stücke hackt. Herrlich, da
fühlt man sich gleich besser,
denn DIE sind richtig fertig und
angefressen! Wem FLIPPER ein
wenig zu drogenfrei und harm¬
los waren, der sollte hier sein
Glück finden!« - Ox-Fanzine
PSYCHIC TV
Hell Is Invisible...
Heaven Is Here CD
(Sweet Nothing)
Die erste Aufnahme des multi¬
kulturellen Grenzgängers
Genesis P-Orridge (THROBBING
GRISTLE) mit seinen reinkar-
nierten PSYCHIC TV alias PTV3!
Handverlesene Gäste sind Nick
Zinner (YEAH YEAH YEAHS),
Gibby Haynes (BUTTHOLE
SURFERS) und der renommier¬
te Autor Douglas Rushkoff. Eine
chronologische Reise durch den
Tod in Richtung Wiederaufer¬
stehung zur spirituellen Erleuch¬
tung.
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Im Vertrieb von
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